NachDenkSeiten – Die kritische Website

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (14)

💜116 min · 31. maj 2026
episode Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (14) cover

Beskrivelse

In dieser 14. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ haben wir einige kürzere Beiträge gesammelt: Kindheitserinnerungen eines kleinen Mädchens, das im Keller des Flughafens Tempelhof auf seine Mutter wartet, Berichte über den Verlust eines guten Freundes, über ein gefährliches Missverständnis mit feindlichen Soldaten, das sich zum Glück aufklären ließ, und über Familien, in denen Weiterlesen [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151209]

Kommentarer

0

Vær den første til at kommentere

Tilmeld dig nu og bliv en del af NachDenkSeiten – Die kritische Website-fællesskabet!

Kom i gang

1 måned kun 9 kr.

Derefter 99 kr. / måned · Opsig når som helst.

  • Podcasts kun på Podimo
  • 20 lydbogstimer pr. måned
  • Gratis podcasts

Alle episoder

5048 episoder

episode Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (23) cover

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (23)

„Die städtische Trümmerlandschaft der 50er-Jahre war für uns Kinder ideal. Ein Abenteuerspielplatz. Auf den Trümmerfeldern konnten Hütten gebaut, Feuer gemacht, Neugierde erweckende Gegenstände gefunden werden. Besonders spannend wurde es dort, wo Neubauten entstanden. Sobald die Bauarbeiter Feierabend hatten, besetzten wir Kinder die Baustelle, erkundeten das noch unfertige Haus, bauten Buden aus dem Baumaterial und spielten im frisch angelieferten Sand.“ In dieser 23. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ drucken wir diesmal einen Essay unseres Lesers Günter Scherzer ab. Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150104] unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge! Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403], den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464], den dritten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150486], den vierten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150605], den fünften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150632], den sechsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150671], den siebenten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150740], den achten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150816], den neunten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150812], den zehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150802], den elften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151038], den zwölften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151098], den dreizehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151156], den vierzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151209], den fünfzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151229], den sechzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151393], den siebzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151418], den achtzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151461], den neunzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151530], den zwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151546], den einundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151551] sowie den zweiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151731] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- Der Großvater wusste Bescheid Ob es zu einem Krieg kommt, wissen wir nicht. Dass es Kräfte gibt, die ihn herbeisehnen, scheint mir offensichtlich. Ich mag mich täuschen, würde Derartiges auch niemandem unterstellen wollen, kann mich jedoch meines gefühlten Eindrucks nicht erwehren. Vielleicht ist dies auch das Erbe meines Kölner Großvaters, der in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts den Zweiten Weltkrieg prognostizierte: Wenn Hitler an die Macht kommt, dann gibt es Krieg, sollen seine Worte gewesen sein. Er stand dem Zentrum nahe, einer katholischen Partei der 20er-/30er-Jahre, Vorläuferin der CDU. Was er, Schuhmacher, Ehemann und Vater von sieben Kindern mit nur siebenjähriger Volksschulbildung erkannte, blieb den Abgeordneten seiner Partei in Berlin offenbar verborgen. Sie waren es, die am 23. März 1933 gemeinsam mit den Liberalen, Konservativen und Nationalsozialisten einstimmig dem Reichskanzler Adolf Hitler für vier Jahre die Vollmacht gaben, unter Ausschaltung des Reichstages zu regieren. Die NS-Diktatur war geboren.[1] Nur die SPD-Fraktion widersetzte sich einstimmig, trotz Bedrohung durch die SA. Die KPD-Fraktion existierte bereits nicht mehr. Ihre Mitglieder waren in provisorischen Konzentrationslagern der SA inhaftiert worden, ins Ausland geflohen oder in den Untergrund abgetaucht. Der NS-Staat war somit nicht das Ergebnis einer Machtergreifung, wie es bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts hinein und teilweise noch heute behauptet wird.[2] Die NS-Diktatur wurde gezeugt durch die Verabschiedung eines Gesetzes, dem sogenannten Ermächtigungsgesetz. Eines der peinlichsten und verhängnisvollsten Vorkommnisse deutscher Geschichte. Was uns dies zeigt, ist, dass politisch informierte Profis mit teilweise hohem Bildungsgrad nicht in der Lage waren, die Zeichen ihrer Zeit zu erkennen.[3] Der Krieg kam, wie vom Großvater vorhergesagt, ein paar Jahre später. Zwei seiner Söhne mussten an die Front, weitere zwei Söhne und er selbst gegen Ende des Krieges zum Volkssturm oder als Luftwaffenhelfer an die Flak. Bomben zerstörten das Dach seines Hauses. Eine seiner Töchter sah ihren Ehemann bis zu ihrem Lebensende nicht wieder. Er galt als vermisst. Keiner wusste, wo er geblieben war oder ob er noch lebte. Meine Großmutter musste sich bei Bombenalarm mit ihren durch eine Gefäßerkrankung bedingt offenen Beinen die Treppe hinab in den Luftschutzkeller quälen. Die beiden Söhne, die an die Front mussten, wurden verwundet, kamen jedoch wieder, einer von ihnen für sein Leben lang gehbehindert. Die Familie überlebte, versteckte ihre Kriegstraumata. Das Dach des Hauses wurde repariert, neue Familien gegründet. Meine Großmutter weinte, wenn sie Kriegsszenen im Fernsehen sah. Mein Vater, Unteroffizier bei der Artillerie, sprach wie sein kriegsversehrter Bruder kaum oder wenn, dann erst Jahre später und sehr spärlich über seine Kriegserlebnisse. Im höheren Alter bat er mich mehr oder weniger wortlos, seine Auszeichnungen in den Müll zu werfen. Möglicherweise gab meine Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, hierzu den letzten Anstoß. Kein Hass bei ihm und seiner Familie auf Russen, Amerikaner, Briten und andere Nationalitäten, denen man als „Feinde“ einmal gegenübergestanden oder mit denen man als Besatzer zu tun hatte. Gehasst wurden vor allem die Bomben. Kälte und Hunger der Nachkriegszeit hatten sich tief ins Gedächtnis eingegraben. Ein Metallsplitter des russischen Geschosses, das meinen Vater getroffen und vom Dienst an der Front befreite, nahm er mit ins Grab. Er steckte in seinem linken Oberarm. Anders als viele Eltern aus dem bürgerlichen Milieu, deren Kinder das ihnen in Art. 4 Abs. 3 GG verbriefte Recht auf Kriegsdienstverweigerung in Anspruch nahmen, hatte er keine Einwände gegen meine Entscheidung. Ohnehin spielten weder Nationalbewusstsein noch die im Kalten Krieg herrschende Ideologie vom Westen als Ort der Freiheit bei ihm und seiner Familie eine Rolle. Fußballweltmeisterschaften ausgenommen. Sie lebten ihr Leben. Das Leben kleiner Leute. Überleben in der unmittelbaren Nachkriegszeit, pragmatisches und gedeihliches Auskommen mit der Nachbarschaft und dem entfernteren sozialen Umfeld waren die Kernelemente ihres gesellschaftlichen Daseins. Staatlichen Behörden stand man eher skeptisch gegenüber. Der eigene Kopf zählte. Eines allerdings gab mir mein Vater bei meiner Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, mit auf den Weg: Pass auf, wenn es so weit ist, dann holen sie dich und du bist dran. Eine Erfahrung aus dem Krieg.[4] Die Familie mütterlicherseits stammte aus einem hinteren Winkel Ostpreußens. Einem Dorf im Memelland, seit 1919 in Folge des Versailler Vertrages zunächst mit ungewisser staatlicher Zukunft französisch besetzt, dann völkerrechtswidrig vom litauischen Staat annektiert und schließlich vom NS-Staat wieder ans Deutsche Reich angegliedert. Von alldem unabhängig verlief ihr Leben weiter wie eh und je, bodenständig und weitestgehend unpolitisch. Getreideanbau, Gemüsegarten, Schweine, Gänse, Hühner bestimmten den Tagesablauf. Hinzu kam die Tätigkeit meines Großvaters im Wald als Forstarbeiter. Der Krieg veränderte alles. Beide Söhne zogen ideologisch infiltriert in den Krieg. Einer überlebte schwer verletzt. Der andere fand sehr früh seinen Tod in Frankreich. Die Großeltern und meine Mutter ließen im Winter 1945 alles hinter sich und machten sich mit ihrem Pferdefuhrwerk auf in Richtung Westen. Ihre Flucht vor der heranrückenden russischen Armee verlief durch meterhohen Schnee, übers zugefrorene Frische Haff und endete schließlich in Norddeutschland. Zumindest für meine Großeltern. Meine Mutter geriet für zwei Jahre in polnische Gefangenschaft. Am Ziel angelangt, wurde meine Großmutter Opfer eines britischen Bombenangriffs. Sie wurde verschüttet, überlebte jedoch. Das Ganze kurz nach Kriegsende. Wahrscheinlicher Grund des Angriffs: ein Hakenkreuz aus Dachziegeln auf dem Dach des Bauernhauses, in dem sie als Geflüchtete Unterschlupf gefunden hatten.[5] Ihr infolge einer Kopfverletzung für sein Leben gekennzeichneter Sohn zog in ihre Nähe, heiratete und baute eine Kleinlandwirtschaft auf. Nebenher verdiente er sein Geld als ungelernter Arbeiter im Kanalbau. Dem Großvater ging es ähnlich. Der ehemals Selbständige musste sich nun als Arbeiter in einer Fleischfabrik verdingen. Die Lebensverhältnisse der Großeltern verbesserten sich im Laufe der Zeit. In einem Gebäude eines ehemaligen Torfabbau-Unternehmens am Küstenkanal erhielten sie zwei Zimmer. Ohne Wasseranschluss und Toilette. Frischwasser gab es draußen am Brunnen, ein Plumpsklo fand sich hinterm Haus. In einem Nebengebäude hatten sie einen kleinen Stall für ihr Schwein. Im Grünstreifen daneben baute der Großvater seinen Tabak an. Zum Heizen musste Torf gestochen werden. Eine mühselige Arbeit für ihn, den bereits an die 60 Jahre alten Mann. Im Herbst dann Arbeit bei der Kartoffelernte. Ein riesiges Feld musste per Hand abgeerntet werde. Als Lohn hierfür erhielt er vom Bauern ein paar Sack voll mit diesen Erdfrüchten. Dies musste bis zur nächsten Ernte reichen. Das Zusammenleben mit anderen Familien in der Flüchtlingsunterkunft war nicht einfach. Normales Sozialverhalten hatte der Krieg zerstört.[6] Als Kind verbrachte ich etwa anderthalb Jahre mit meiner Mutter bei ihnen. In Köln hatten meine Eltern ihr gemietetes Zimmer infolge behaupteten Eigenbedarfs des Vermieters verloren. So zogen meine Mutter und ich zu meinen Großeltern nach Norddeutschland. Ich war damals etwas älter als ein Jahr. Mein Vater fand Unterschlupf in seinem Elternhaus. Er hatte nach einer Umschulung wieder Arbeit in Köln gefunden. Aus dem ehemaligen Chemielaboranten war ein Maurer geworden. Die Wohnverhältnisse in Norddeutschland waren sehr beengt. Wir schliefen zu viert in einem Bett. In zwei nicht zusammenhängenden Zimmern spielte sich unser Alltag ab. Den Umständen entsprechend hatte ich es häufig mit Infektionskrankheiten zu tun. Diese waren teilweise „nicht ohne“ und zwangen mich oft ins Bett. Kein Arzt, keine Medikamente. Positiv in Erinnerung geblieben ist mir, dem inzwischen Zweijährigen, der Aufenthalt auf den Kartoffeläckern, auf denen meine Mutter meinem Großvater bei der Ernte half. Auf dem Boden kniend wurde mit der Hand geerntet. Dies war damals so üblich. Erntemaschinen gab es nicht. Während sie arbeiteten, spielte ich, beerdigte einen beim Erntevorgang erschlagenen Maulwurf, sammelte Kartoffeln ein, trug sie wie die Erwachsenen in einem Korb zu einer Miete, in der sie bis zu ihrem Abtransport mit dem Pferdefuhrwerk gelagert wurden. Immer wieder flogen britische Militärflugzeuge im Tiefflug über die Felder. Ihr unerträglicher Lärm erschrak mich, den Erwachsenen machte er Angst. Anweisung meines Großvaters: Kopf auf den Boden, Ohren zu. Nachkriegsterror einer Siegermacht. Zurück in Köln konnten wir nach einer Übergangszeit bei der Familie meines Vaters – zwei Brüder hatten inzwischen geheiratet und waren nun außer Haus – eine Wohnung in der Kölner Innenstadt beziehen. Die Hälfte der Grundstücke unserer Straße waren Trümmerfelder. Ständig mussten Blindgänger, nicht explodierte britische oder amerikanische Bomben, entschärft werden. Fenster öffnen, die Wohnung verlassen, hallte es häufig aus dem Lautsprecher eines Polizeifahrzeuges. Durchorganisierte Evakuierungen gab es nicht. Heute, mehr als 80 Jahre nach Kriegsende, werden in Köln immer noch mehrmals im Jahr Fliegerbomben gefunden und entschärft. Menschen müssen dann zu Hunderten ihre Wohnung verlassen. Manchmal zu Tausenden. Ganze Stadtteile einschließlich Altenheime und Kliniken müssen hin und wieder evakuiert werden.[7] Der Zweite Weltkrieg ist noch präsent. Ein mir bekannter Ingenieur, der im Bereich der Kampfmittelentsorgung tätig war, teilte mir einmal mit, dass die gesamte Ostsee noch voller Bomben und Granaten sei. Tickende Zeitbomben. Möglicherweise finden sich auch noch auf dem Boden des Frischen Haffs russische Bomben, mit denen seine Eisdecke im Winter 1945 aufgebrochen werden sollte, um die Flüchtlingsströme am Weiterkommen zu hindern. Die städtische Trümmerlandschaft der 50er-Jahre war für uns Kinder ideal. Ein Abenteuerspielplatz. Auf den Trümmerfeldern konnten Hütten gebaut, Feuer gemacht, Neugierde erweckende Gegenstände gefunden werden. Besonders spannend wurde es dort, wo Neubauten entstanden. Sobald die Bauarbeiter Feierabend hatten, besetzten wir Kinder die Baustelle, erkundeten das noch unfertige Haus, bauten Buden aus dem Baumaterial und spielten im frisch angelieferten Sand. Einzäunungen von Baustellen gab es nicht. Es klingelten aber auch immer wieder mal Menschen an der Wohnungstüre, um nach Brot zu fragen. Ehemalige Soldaten, jetzt verelendete Männer auf dem Weg nach ihrem Zuhause oder auf der Suche nach einer neuen Bleibe, weil es ein Zuhause für sie nicht mehr gab. In den Fahrstühlen der Kaufhäuser Männer mit Arm- und Handprothesen. Man hatte sie als Fahrstuhlführer angestellt. Meinem Volksschullehrer fehlten an zwei Fingern seiner linken Hand jeweils die Endgelenke. Ein entfernter Verwandter übte seinen Beruf als Maler und Tapezierer mit nur einem Arm aus. Der kaputte war mit einer Prothese versehen. Er hatte seine Tricks. Blinde und Menschen mit einem Glasauge waren keine Seltenheit. Ebenso die großen, mit bräunlichen Planen bedeckten Rollstühle mit manuellem Antrieb. Die am schlimmsten Kriegsversehrten bekam man, wenn überhaupt, nur selten zu Gesicht. Ähnlich wie heute. In der Berichterstattung zum Krieg in der Ukraine erfährt man nichts von denen, denen eine Gesichtshälfte zertrümmert oder der Unterkiefer weggeschossen wurde. Solche Bilder könnten die Wahrnehmung dessen, was Krieg für den Einzelnen bedeutet, beeinflussen. Wäre ungünstig für diejenigen, die den Krieg als Mittel ihrer Politik befürworten. Ebenso blieben die Ängste von Kriegsteilnehmern im Verborgenen. Enuresis, nächtlicher Angstschweiß, Tremorattacken in Schützengräben oder gepanzerten Fahrzeugen, so etwas gab es nicht, wurde tabuisiert. Heute ist es nicht viel anders. Ein Soldat hat mutig zu sein. Dass Krieg Mord und Totschlag bedeutet, normales Sozialverhalten zerstört, die Psyche destabilisiert, das eigene Leben buchstäblich auf den Kopf stellt, wird gerne unter den Teppich gekehrt.[8] In unseren öffentlich-rechtlichen Medien erfahren wir allenfalls von Einzelfällen, die infolge ihres Kriegseinsatzes im Kosovo oder in Afghanistan ihr psycho-mentales Gleichgewicht verloren haben oder an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Dabei belegen wissenschaftliche Studien, dass derartige Phänomene durchaus zur Normalität von Kriegseinsätzen gehören.[9] Ein Krieg, auch wenn er längst vorbei ist, hinterlässt nicht nur seine Spuren. Er lässt die Zivilbevölkerung auch nicht zur Ruhe kommen. Vor allem dann, wenn er als Option politischen Handelns nicht ausgeschlossen wird. In einer solchen Situation befinden wir uns derzeit. Obwohl ein Krieg mit Russland für unausweichlich gehalten und sein Beginn im Rahmen von Szenarien bereits zeitlich festgelegt wird[10], erfährt die Frage nach der Sicherheit für die Bevölkerung relativ wenig Aufmerksamkeit. Weder die fehlenden Schutzräume noch die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Gesundheitssystems scheinen ein Problem zu sein. Eine breit geführte öffentliche Diskussion diesbezüglich findet jedenfalls nicht statt. Zwar wird das Zusammenwirken von Militär, zivilen Einrichtungen und Blaulichtorganisationen seitens der Bundeswehr bereits geübt[11], ein der Öffentlichkeit zugängliches Konzept zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung im Kriegs- oder Verteidigungsfall liegt jedoch bislang nicht vor.[12] Hingegen liegt ein unter Federführung der Bundeswehr seit 2023 erarbeiteter Strategieplan zur verpflichtenden zivilen Unterstützungsleistung für das Militär im Fall der Landes- und Bündnisverteidigung vor. Dieser am 1. Januar 2025 in Kraft getretene „Operationsplan Deutschland“ unterliegt allerdings der Geheimhaltung. Ein Blick ins GRÜNBUCH ZMZ 4.0 ermöglicht jedoch, einen Eindruck von dem zu erhalten, was uns erwarten könnte.[13] Deutschland wäre im Spannungs- und Bündnisfall Drehscheibe für die NATO-Truppen. Aufmarsch und Rückmarsch verliefen über Flug- und Seehäfen sowie Knotenpunkte des zivilen Straßen- und Schienenverkehrs. Im Bündnisfall käme die Rückführung verletzter Soldaten hinzu. Das im GRÜNBUCH zugrunde gelegte Szenario geht davon aus, dass 2030 infolge russischer Mobilmachung zur Abschreckung ein Aufmarsch von bis zu 100.000 Soldaten inklusive ihres militärischen Geräts in östliche Richtung erfolgen könnte. Im Bündnisfall könnten es bis zu 800.000 Soldaten sein. Ihre technische Unterstützung, Versorgung mit Nahrungsmitteln und die Gewährleistung medizinischer Hilfe bspw. wären durch die Zivilgesellschaft sicherzustellen.[14] Zur medizinischen Versorgung gehört auch die hausärztliche.[15] Nun weiß jeder, dass es mit unserem Gesundheitswesen nicht zum Besten bestellt ist. Je nach Region und Anzahl versorgungsbedürftiger Soldaten dürften daher seine vorhandenen Kapazitäten schnell ausgelastet, wenn nicht gar erschöpft sein. Dies könnte bereits für den Spannungsfall zutreffen, wenn Infektionskrankheiten sich endemisch oder epidemisch verbreiten.[16] Zur medizinischen Versorgung im Kriegsfall lesen wir im IPPNW-Forum 181/2025[17]: > „Die erwarteten Patientenzahlen, die von unserem Gesundheitswesen (im Bündnisfall – G. Sch.) versorgt werden müssten, übersteigen alles, was wir von Katastrophen oder aus Pandemiezeiten kennen. Die Bundeswehr rechnet mit bis zu 1.000 verletzten NATO-Soldat*innen täglich, über Jahre hinweg. Zudem wird eine massive Flüchtlingswelle von verletzten Zivilist*innen erwartet. Dem stehen nur fünf Bundeswehrkrankenhäuser mit 1.800 Betten gegenüber – eine Kapazität, die in zwei Tagen erschöpft wäre. Das zivile Gesundheitssystem müsste einen erheblichen Teil seiner räumlichen und personellen Ressourcen dem Militär zur Verfügung stellen. Groß wäre auch der Bedarf an medizinischer Rehabilitation. ‘Zahlen aus der Ukraine deuten darauf hin, dass aktuell in der Ukraine ca. 100.000 Amputierte behandelt werden müssen.’ Unser Gesundheitswesen wäre restlos überfordert. > > Im Verteidigungsfall wäre die Zahl der Verletzten noch höher. Die Zahl verletzter Zivilist*innen wäre größer und die Versorgung erschwert durch die Zerstörung von Infrastruktur und Krankenhäusern, sowie durch verletztes oder getötetes medizinisches Personal.“ Schlussfolgerungen jenseits der Annahme eines nuklearen Schlagabtauschs. Derartige Szenarien in Verbindung mit den Erfahrungen meiner vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Verwandtschaft und meinem Erleben der Nachkriegszeit einschließlich der noch heute wirksamen Kriegsfolgen reichen aus, um mit Wolfgang Borchert ein unmissverständliches Nein zu sagen.[18] Nein zum Krieg, dessen Vorbereitung oder Inkaufnahme. Einfache Menschen gleich wo, ob in Köln, Warschau oder Moskau, brauchen und wollen keinen Krieg. Auch keine Kriegstüchtigkeit. Sie wollen ihr Leben leben, für und mit anderen. Sie sind aber auch anfällig für das Gift ideologischer Fremdbestimmung. Dies ist unser Dilemma. ---------------------------------------- Anmerkungen [1] Das Zentrum stimmte am 23. März 1933 einstimmig dem von der NSDAP eingebrachten „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ zu. Zuvor hatte es nach vorangegangener geheimer Absprache mit der NSDAP einer verfassungswidrigen Änderung des Abstimmungsverfahrens zugestimmt. Diese sah vor, dass bei der Auszählung der Stimmen nicht mehr die Anzahl der Parlamentsabgeordneten zugrunde gelegt wird. Es sollte nur noch die Anzahl der anwesenden und schriftlich entschuldigten Abgeordneten berücksichtigt werden. Da die Abgeordneten der KPD infolge Verhaftung und Verfolgung nicht mehr im Reichstag anwesend sein konnten, wurde bereits auf diesem Wege die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit für die NSDAP gesichert. ↩ [2] Der in der Geschichtsforschung verwendete Begriff „Machtergreifung“ suggeriert, dass die NSDAP das allein verantwortliche Subjekt für die Umwandlung der Weimarer Republik in eine Diktatur war. Diese begrifflich irreführende Bestimmung entspricht den Verdrängungsmechanismen der bundesrepublikanischen Gesellschaft bis in die 80er-Jahre hinein. Erstaunlicherweise findet er heute immer noch Verwendung. Vgl. das Zitat eines Staatsrechtlers im Infotext „Man stelle sich nur vor, die NSDAP wäre 1932 verboten gewesen.“, Kölnische Rundschau vom 26.05.2025, Seite 3. ↩ [3] Der zu dieser Zeit Vorsitzende des Zentrums, Prälat Ludwig Kaas, war u. a. habilitierter und anerkannter Kirchenrechtler sowie Berater des Apostolischen Nuntius in Deutschland. Er hatte in Theologie und Philosophie promoviert. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/biografie/ludwig-kaas [https://www.dhm.de/lemo/biografie/ludwig-kaas] sowie https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Kaas [https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Kaas] (abgerufen am 17.02.2026) Auch der spätere Bundespräsident Dr.-rer.-pol. Theodor Heuss, in den 20er- und 30er-Jahren Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, später Deutsche Staatspartei, stimmte dem Ermächtigungsgesetz, wenn auch widerwillig, zu. Beruflich war er zunächst journalistisch tätig und übte später eine Lehrtätigkeit an der Deutschen Hochschule für Politik aus, deren Vorstandsmitglied er auch wurde. Er hielt Vorlesungen und führte Seminare zur deutschen Verfassungs- und Parteiengeschichte sowie Gegenwartsfragen durch. 1933 endeten seine dortigen Tätigkeiten. Er verblieb in Deutschland, wurde wieder journalistisch tätig und verfasste Biografien. Vgl. https://www.hdg.de/lemo/biografie/theodor-heuss [https://www.hdg.de/lemo/biografie/theodor-heuss] und https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Heuss [https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Heuss] (abgerufen am 17.02.2026) ↩ [4] Der Historiker Götz Aly verweist darauf, dass 180.000 Feldgerichtsakten der deutschen Militärjustiz noch nicht ausgewertet wurden. Schätzungen gingen von 18.000 bis 35.000 Todesurteilen aus. Er selbst geht von etwa 25.000 exekutierten Fällen aus. Vgl. Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 – 1945, Frankfurt am Main 2025, 6. Aufl., S. 554 ↩ [5] Im Rahmen der Melioration norddeutscher Landflächen wurden in der Zeit 1933 – 1939 auf den neu gewonnenen Anbauflächen vom NS-Staat Bauern angesiedelt. Die Dächer der Bauernhöfe wurden aus Propagandazwecken mit einem Hakenkreuz aus weißen Dachziegeln versehen. ↩ [6] Mein Großvater erzählte einmal, dass ihn männliche Mitbewohner der Flüchtlingsunterkunft in den Küstenkanal stoßen wollten, weil es Meinungsverschiedenheiten in einer Angelegenheit gab. ↩ [7] Das Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln teilt für das Jahr 2024 mit, dass bei 17 Evakuierungen insgesamt mehr als 36.000 Kölner betroffen waren. Im Durchschnitt mussten 2.125 Anwohner evakuiert werden. Vgl. https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presseservice/bomben-bilanz-2024 [https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presseservice/bomben-bilanz-2024] ↩ [8] Erfahrungen aus Kampfgebieten verändern den Menschen. Sobald es ihm nicht mehr gelingt, seine Verdrängungsmechanismen aufrechtzuerhalten, sucht er nach neuen Wegen, sein Leben zu bewältigen. Das enorme Anwachsen der Trappistenklöster in den späten 40er- und 50er-Jahren in den USA belegt dies ebenso wie der enorme Anstieg des Drogenkonsums infolge des Vietnamkrieges. Der Abt von Gethsemani, Kentucky, musste laut Fr. Louis OCSO, mit bürgerlichem Namen Thomas Merton, Armeezelte im Kreuzgang seines Klosters aufstellen lassen, um die große Zahl von Novizen unterzubringen. Eine Folge des Zweiten Welt- und Koreakrieges. Siehe auch https://de.catholicnewsagency.com/article/2334/wie-sich-die-trappisten-nach-dem-zweiten-weltkrieg-im-land-der-mormonen-angesiedelt-haben [https://de.catholicnewsagency.com/article/2334/wie-sich-die-trappisten-nach-dem-zweiten-weltkrieg-im-land-der-mormonen-angesiedelt-haben] und https://www.youtube.com/watch?v=mJkSCh6met4 [https://www.youtube.com/watch?v=mJkSCh6met4] Zweiter Weltkrieg und Vietnamkrieg dürften auch zum Entstehen der Rockermilieus beigetragen haben. ↩ [9] In ihrem Beitrag Psychische Traumatisierung bei Soldaten: Herausforderung für die Bundeswehr, Deutsches Ärzteblatt 9/2012 befassen sich Olaf Schulte-Herbrüggen und Andreas Heinz mit einer Studie, „in der zum ersten Mal Daten der Bundeswehr zu einsatzbedingten Belastungen vorgestellt“ wurden. Nach dieser Studie leiden „bezogen auf 10 000 Soldaten – nach einem durchschnittlich viermonatigen Einsatz 291 Soldaten unter einer PTBS.“ Dies entspricht einer „Prävalenz von 2,9 Prozent posttraumatischer Belastungsstörungen“. Bei anderen Armeen ist diese höher. Vgl. https://www.aerzteblatt.de/archiv/psychische-traumatisierung-bei-soldaten-herausforderung-fuer-die-bundeswehr-8b2d0ae8-f75c-4e92-bb8f-baf94d140ee9 [https://www.aerzteblatt.de/archiv/psychische-traumatisierung-bei-soldaten-herausforderung-fuer-die-bundeswehr-8b2d0ae8-f75c-4e92-bb8f-baf94d140ee9] ↩ [10] Carlo Masala, Politikwissenschaftler und Professor an der Universität der Bundeswehr in München, geht in seinem 2025 erschienenem Buch Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario von einem durch Russland inszenierten geopolitischem Kräftespiel mit dem Westen, genauer der NATO aus und setzt in diesem Zusammenhang das Datum 27. März 2028 fest. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wenn_Russland_gewinnt._Ein_Szenario [https://de.wikipedia.org/wiki/Wenn_Russland_gewinnt._Ein_Szenario] (abgerufen am 14.05.2026) Mit solchen Spekulationen ist er nicht alleine. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Universität Potsdam äußerte sich im April 2025, dass der Sommer 2025 möglicherweise der letzte im Frieden sei. Vgl. https://www.ndr.de/nachrichten/info/Letzter-Sommer-in-Frieden-Tag-1136-mit-Soenke-Neitzel,audio1847488.html [https://www.ndr.de/nachrichten/info/Letzter-Sommer-in-Frieden-Tag-1136-mit-Soenke-Neitzel,audio1847488.html] ↩ [11] Im NATO-Manöver Red Storm Bravo Ende September 2025 wurde infolge einer angenommenen Havarie auf einer Korvette die Bergung, Erstversorgung und der Weitertransport verwundeter Soldaten in medizinische Einrichtungen geübt. Die größte Verteidigungsübung seit Ende des Kalten Krieges. Vgl. https://www.sat1regional.de/bundeswehruebung-red-storm-bravo-szenario-versorgung-von-vielen-verletzten-in-hamburg/ [https://www.sat1regional.de/bundeswehruebung-red-storm-bravo-szenario-versorgung-von-vielen-verletzten-in-hamburg/] (abgerufen am 14.05.2026) und https://www.feuerwehrmagazin.de/nachrichten/news/verteidigungsuebung-red-storm-bravo-in-hamburg-139334 [https://www.feuerwehrmagazin.de/nachrichten/news/verteidigungsuebung-red-storm-bravo-in-hamburg-139334] (abgerufen am 14.05.2026) ↩ [12] Siehe Bundesgesundheitsministerin Nina Warken im Interview mit der WELT AM SONNTAG vom 15. Februar 2026 [www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/wams-15-02-26 [http://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/wams-15-02-26]] ↩ [13] GRÜNBUCH ZMZ 4.0: Zivil-Militärische Zusammenarbeit 4.0 im militärischen Krisenfall. Eine Situationsbeschreibung, Analyse und Handlungsempfehlungen, Hrsg. Sandra Bubendorfer-Licht MdB, Leon Eckert MdB, Dr. André Hahn MdB, Dr. Günter Krings MdB, Ingo Schäfer MdB, Berlin, 2. Auflage, März 2025 ↩ [14] Vgl. ebd., S. 25. Die zugrunde gelegten Zahlen widersprechen sich. Im Szenarium zur Provokation durch Russland 2030 wird von einem Aufmarsch mit 60.000 Mann ausgegangen. Vgl. ebd., S. 27 u. 34. Bei den detaillierten Ausführungen zu Organisation und Unterstützung eines Aufmarschs wird von 80.000 gesprochen. Vgl. ebd., S. 28. Ich lese S. 25 so, dass 100.000 eine Obergrenze darstellt. ↩ [15] Vgl. ebd., S. 34 ↩ [16] Diese Annahme vertreten die Autoren des GRÜNBUCH lediglich für den Kriegsfall. Vgl. ebd., S. 35 ↩ [17] Vgl. Die schleichende Militarisierung der Medizin. Das Gesundheitswesen soll auf die Erfordernisse der Kriegsführung vorbereitet werden. IPPNW-Forum 181/2025 [https://www.ippnw.de/frieden/kriegsursachen/artikel/de/die-schleichende-militarisierung-der.html [https://www.ippnw.de/frieden/kriegsursachen/artikel/de/die-schleichende-militarisierung-der.html]] ↩ [18] Siehe Wolfgang Borchert: Dann gibt es nur eins, 1947 [https://www.nonviolent-resistance.info/files/Borchert/Wolfgang%20Borchert%20(1947)%20-%20Dann%20gibt%20es%20nur%20eins.pdf [https://www.nonviolent-resistance.info/files/Borchert/Wolfgang%20Borchert%20(1947)%20-%20Dann%20gibt%20es%20nur%20eins.pdf]] ↩ ---------------------------------------- Titelbild / Bildbeschreibung: Berlin, Kinder spielen in Trümmern | via Wikimedia Commons [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-2005-0803-519,_Berlin,_Kinder_spielen_in_Tr%C3%BCmmern.jpg]

9. juni 202618 min
episode Kanzler Merz und das Kind mit der Bundeswehrmütze cover

Kanzler Merz und das Kind mit der Bundeswehrmütze

Die Augen des Jungen strahlen und glühen. Mit sichtlicher Freude steht er dem Bundeskanzler gegenüber, während Merz ihm die Hand zum Gruß reicht. Bei dieser Aufnahme handelt es sich allerdings nicht um ein normales Bild. Das Foto, das die Bundesregierung auf Instagram [https://www.instagram.com/p/DZPz6Q4jMWX/?img_index=2] veröffentlicht hat, ist durchtränkt von Propaganda. Um diese Einordnung zu verstehen, muss ein Detail des Bildes angeführt werden. Der Junge trägt eine Mütze der Bundeswehr. Dieses Bild ist nicht das, was es vorgibt zu sein. Es ist nicht harmlos. Das Foto zeigt, wovor sich alle Eltern fürchten sollten: dem Griff des Staates nach ihren Kindern – für das Militär und möglicherweise in letzter Konsequenz für den Krieg. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Wie alt der Junge ist, lässt sich nur schätzen. Vielleicht 11, 12 Jahre alt. Wer er ist, wer seine Eltern sind und warum er eine ihm passende Bundeswehrmütze trägt, bleibt undurchsichtig. Warum gerade ihm an diesem Tag der Bundeswehr in Laage bei Rostock der Bundeskanzler die Hand schüttelt, bleibt unklar. Klar aber ist: Kinder lassen sich schnell begeistern – auch für das Militär. Mit dem kindlichen Blick kann der Kampf mit der Waffe Spaß machen. In Deckung gehen, schießen, angeschossen werden, kämpfen, gewinnen: Krieg, das ist im kindlichen Spiel ein lustiger Zeitvertreib. Wenn die Kinder müde sind oder keine Lust mehr haben, gehen sie nach Hause zum Abendessen. Kinder lassen sich auch für die Bundeswehr begeistern. Große Panzer, mächtige Waffen, coole Soldaten: Ein Kind weiß in der Regel noch nicht, wie Soldaten zum verlängerten Arm einer eiskalten Interessenpolitik werden. Ein Kind begreift noch nicht, dass die ausgestreckte Hand eines Politikers im Krieg nicht da sein wird, um einen schwerverletzten Soldaten vom Schlachtfeld zu ziehen. Ein Kind durchdringt mit seinem Verstand noch nicht, was Krieg wirklich heißt: In Echt zu töten oder getötet zu werden – oder verstümmelt für den Rest des Lebens gezeichnet zu sein. Erwachsene wissen darum – oder sollten zumindest davon wissen. Der Bundeskanzler gehört nicht zu den Unwissenden. Das darf man ihm unterstellen. Trotz seines Wissens schüttelt er dem Jungen die Hand. Eine herzliche Begegnung zwischen einem jungen Staatsbürger und dem Kanzler der Republik: Ist das nicht rührend? Nein, an diesem Bild ist gar nichts „rührend“. Bilder transportieren oft eine versteckte Botschaft. Um die Botschaft des Bildes zu erkennen, braucht es keine große Analyse. Dass ein Kanzler am Tag der Bundeswehr teilnimmt und einem Kind mit Bundeswehrmütze die Hand schüttelt, ist das eine. Das andere ist die Veröffentlichung und Verbreitung dieses Bildes über einen offiziellen Kanal der Bundesregierung. Das heißt nichts anderes, als dass die Regierung versucht, die Kinder des Landes für die Bundeswehr zu begeistern. Merz und seine Regierung vollziehen diesen Schritt zu einer Zeit, wo die politische Losung „Kriegstüchtigkeit“ lautet. Das Foto zeigt in seiner Tiefe, wovor sich alle Eltern fürchten sollten: Es ist der Griff des Staates nach ihren Kindern – für das Militär und in letzter Konsequenz für den Krieg. In der deutschen Geschichte gibt es Bilder und Filmaufnahmen von Hitler, aufgenommen im Garten der Reichskanzlei im Frühjahr 1945. Hitler zeichnet eine Gruppe von Kindersoldaten aus. Zu sehen ist Hitler, wie er die Jungen begrüßt, sie an den Wangen tätschelt oder seine Hand auf ihre Schulter oder den Arm legt. Der wohl bekannteste Junge auf solchen Fotos ist Alfred Czech. Er war damals 12 Jahre alt. Wir alle wissen: Die Zeremonie war Teil der NS-Propaganda. [https://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/260609-mkk.jpg] © Deutsches Historisches Museum, Berlin Generell gilt: Das vorhandene Wissen um die Instrumentalisierung von Kindern samt ihrer Eltern im Sinne einer Kriegspolitik darf und kann nicht ausgeblendet werden. Heute ist – gewiss – nicht gestern. Nazi-Deutschland war eine Diktatur. Die Bundesrepublik ist eine Demokratie. Nazi-Deutschland ging es um das letzte Aufgebot, wozu selbst Kinder herhalten mussten. Heute geht es um einen angeblich als notwendig betrachteten Aufwuchs für die Bundeswehr. Politiker wollen die Bundeswehr im Zuge der politisch herbeihalluzinierten „Zeitenwende“ in der Mitte der Gesellschaft verankern. Doch braucht es für dieses Vorhaben solch ein Bild? Wie tief will diese Politik noch sinken? Wie kann sich einer hinstellen und Kinder (Kinder!) für das Militär begeistern wollen? Wo ist der Verstand, wo das Gewissen? Titelbild: Instagram Bundesregierung / Bundesverteidigungsministerium[http://vg09.met.vgwort.de/na/b663faa2915f4e14a7c36d327a653704]

9. juni 20265 min
episode Sowjetische Denkmäler: schamloser links-grüner Revisionismus in Berlin cover

Sowjetische Denkmäler: schamloser links-grüner Revisionismus in Berlin

Durch Deutschland rollt eine Welle des Geschichtsrevisionismus. Besonders deutlich wird das beim aktuellen Umgang mit den sowjetischen Denkmälern in Berlin. Die vor allem durch die Sowjetunion erkämpfte Befreiung vom Naziterror steht der aktuellen Propaganda für die Ukraine im Weg. Darum sollen diese Befreiung und die zugehörigen Denkmäler „kontextualisiert“ werden, um „Missbrauch zu verhindern“. Das sind andere Worte für den ganz offenen Versuch, Geschichte umzudeuten. Ein Kommentar von Tobias Riegel. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Das aktuellste Beispiel für die geschichtslosen Entwicklungen sind Anträge von SPD und Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin zum offiziellen Umgang mit den dortigen sowjetischen Denkmälern, wie die Welt berichtet [https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6a171df879c1a3c47cfa65ad/weltkriegsgedenken-in-berlin-rot-gruener-plan-gegen-prorussische-geschichtsklitterung.html?cachebuster=true]. Auch die LINKE gegen angebliche „revisionistische Vereinnahmung“ Der Vorschlag der Sozialdemokraten nennt sich „kritische Kontextualisierung“. In einem kürzlich beschlossenen Antrag fordert die Berliner SPD-Fraktion, die am Sowjetischen Ehrenmal im Berliner Treptower Park angebrachten Stalin-Zitate durch Tafeln und digitale Angebote mit Informationen über Stalins Verbrechen zu ergänzen, die anonym beigesetzten sowjetischen Soldaten sollen „würdigend sichtbar“ gemacht werden. Der SPD-Abgeordnete Alexander Freier-Winterwerb fordert zudem eine Prüfung, wie auch der Hitler-Stalin-Pakt in die Gedenkanlage eingebunden werden kann. Die Grünen in Berlin fordern in einem bereits ins Parlament eingebrachten Antrag ein Maßnahmenkonzept zur „wirksamen Unterbindung des Missbrauchs der Ehrenmale für nationalistische, revanchistische oder kriegsverherrlichende Zwecke“. Unterstützung bekommt der revisionistische grüne Vorstoß aus der Berliner Fraktion der LINKEN. „Russland missbraucht seit Jahren die Feierlichkeiten um den Tag der Befreiung für seine Kriegspropaganda“, behauptet deren Vorsitzende Anne Helm laut Welt. „Wir stellen uns jeder Form der revisionistischen Vereinnahmung entgegen.“ Man werde dem Grünen-Antrag zustimmen. Zusätzlich zum skandalösen Inhalt ist es aufreizend, dass die Opportunisten bei den LINKEN den eigenen Revisionismus auch noch als Kampf gegen Revisionismus verkaufen wollen. „… unverzichtbare Voraussetzungen für die Einheit Deutschlands“ Die sowjetischen Denkmäler und Friedhöfe in Berlin genießen eigentlich einen besonderen Schutz, rechtlich abgesichert im Zwei-plus-Vier-Vertrag sowie im deutschen „Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“. Der Berliner Senat schreibt [https://www.berlin.de/sen/uvk/natur-und-gruen/stadtgruen/friedhoefe-und-begraebnisstaetten/sowjetische-ehrenmale/]: > „Die Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland zur Achtung, zum Erhalt und der Unterschutzstellung der Ehrenmale unter deutsche Gesetze als Gegenstand der Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen sowie des Deutsch-Sowjetischen Nachbarschaftsvertrages vom 9. November 1990 waren für die sowjetische Seite unverzichtbare Voraussetzungen für die Einheit Deutschlands.“ „Unverzichtbar“ – da klingt an, was der empörende deutsche Umgang mit den Denkmälern und Friedhöfen auch in Russland auslösen könnte. Unverantwortlicher kann man kaum auf den Resten eines gegenseitigen Verständnisses herumtrampeln. Aber die eigene „Befreiung“ von historischen Fesseln und die Zerstörung von deutsch-russischer Verständigung ist ja in den betreffenden Kreisen kein bedauerlicher Nebeneffekt – es erscheint oft geradezu als Kern der transatlantischen und antirussischen Ideologie. Der Revisionismus trägt einen „links“-grünen Stempel Die Vorstöße in Berlin gegen den Schutz der Denkmäler durch die oben genannten Verträge tragen übrigens einen „links“-grünen Stempel, auch wenn sie inhaltlich alles andere als links sind. Auf diese Begriffsverwirrungen um pseudolinke Tendenzen wird in diesem Artikel [https://www.nachdenkseiten.de/?p=98657] und in diesem Artikel [https://www.nachdenkseiten.de/?p=97262] allgemeiner eingegangen. CDU und AfD sind in der Sache zurückhaltender. Die Berliner AfD-Fraktion hält die angedachte Kontextualisierung der Mahnmale laut Welt für „kontraproduktiv“. Deren Sprecher für Erinnerungspolitik, Martin Trefzer, erklärt: „Eine amtlich verordnete Gegenerzählung würde nur zu neuen geschichtspolitischen Fallstricken führen. Die sowjetischen Ehrenmale schaffen es durch ihren übertriebenen Propaganda-Gestus von ganz allein, die stalinistische Rhetorik zu entlarven.“ Und aus der Berliner CDU-Fraktion heißt es, eine abschließende Befassung mit dem SPD-Vorstoß stehe noch aus. Alexander King vom BSW hat sich in einem Gastbeitrag in der Berliner Zeitung [https://www.berliner-zeitung.de/article/geschichtsrevisionismus-uebergriffige-gruene-wollen-sowjetischeehrenmaeler-neu-interpretieren-10037500] kritisch zu den Plänen in Berlin geäußert. „Die Grünen wollen den Russen das Gedenken entreißen“, schreibt King. Die Junge Welt spricht von einem „antisowjetischen Bildersturm“ [https://www.jungewelt.de/artikel/522309.geschichtspolitik-appetit-auf-mehr.html]. „Ukrainische Erinnerungswoche“ und weitere Angriffe auf die Geschichte Es gibt weitere Beispiele für geschichtsrevisionistische Tendenzen in Berlin aus der jüngsten Vergangenheit: Jedes Jahr wiederholt sich dort das empörende Schauspiel der diffamierten, sabotierten und teils kriminalisierten Erinnerung am Tag der Befreiung in Berlin. Darauf sind wir etwa in diesem Artikel [https://www.nachdenkseiten.de/?p=132615] oder in diesem Artikel [https://www.nachdenkseiten.de/?p=97414] eingegangen. In diesem Jahr war der dort beschriebene, ohnehin schon unwürdige offizielle Umgang etwa mit den sowjetischen Denkmälern in Berlin noch durch eine mit extremistischer antirussischer Ideologie aufgeladene „ukrainische Erinnerungswoche“ ergänzt worden – die radikalen Macher stellen sich auf dieser Webseite [https://vitsche.org/de/ukrainische-erinnerungswoche/] vor, auf die fragwürdigen Inhalte ist etwa die Berliner Zeitung [https://www.berliner-zeitung.de/article/ukraine-9-mai-sowjetischer-siegeskult-erinnerungspolitik-putin-russland-krieg-10035108] eingegangen. Mit welcher giftigen Konsequenz die Berliner Grünen aktuell zusätzlich gegen das „Russische Haus“ in Berlin vorgehen, hat das Neue Deutschland kürzlich in diesem Artikel [https://www.nd-aktuell.de/artikel/1199657.kulturszentrum-in-berlin-gruene-wollen-russisches-haus-in-der-hauptstadt-dichtmachen.html] gut beschrieben. Die Institution ist ein den Goethe-Instituten vergleichbares Kulturzentrum. Gute Nazis, schlechte Nazis Zu alldem kommt noch die massive Heuchelei um die rechtsextremen Tendenzen in der Ukraine bis hinein in die ukrainische Regierung. Den eigenen Phrasen vom „Kampf gegen Rechts“ zum Trotz unterstützen Deutschland und die EU in der Ukraine einen rechtsradikalen Kult [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151085]. Auch machen immer wieder die ganz offenen Nazi-Sympathisanten vom ukrainischen Asow-Regiment [https://www.jungewelt.de/artikel/523797.r%C3%BCstungsunternehmen-neues-zeitalter-der-kriegf%C3%BChrung.html] in Deutschland Werbung. Auch diese Toleranz gegenüber Rechtsradikalen, solange sie nicht in Deutschland agieren, ist eine Form der Geschichtsverfälschung und ein Verrat an den Lehren aus der deutschen Geschichte. Wir leben längst in einer Zeit, in der die Heuchelei nicht mehr verschämt praktiziert wird, sondern in der doppelte Standards aggressiv als die neue Seriosität dargestellt werden sollen. Titelbild: Lars-Goran Heden / Shutterstock Mehr zum Thema: Tag der Geschichtsverfälschung: Am „Tag der Befreiung“ bleibt die Fahne der Befreier verboten [https://www.nachdenkseiten.de/?p=132615] Ukraine huldigt Nazi-Kollaborateur – EU finanziert einen rechtsradikalen Kult [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151085] Empörender Umgang mit dem Tag der Befreiung: „Hier weht nur noch die Ukrainefahne“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=97414] [https://vg04.met.vgwort.de/na/f9e0f34edd8e409f9c5db4efb419c215]

9. juni 20267 min
episode Sobald die Armutszahlen in Deutschland auf den Tisch kommen, sind die Relativierer zur Stelle cover

Sobald die Armutszahlen in Deutschland auf den Tisch kommen, sind die Relativierer zur Stelle

„Wachsende Armut, schrumpfende Sicherheit“ [https://www.der-paritaetische.de/alle-meldungen/paritaetischer-armutsbericht-2026-soziale-spaltung-verschaerft-sich-133-millionen-menschen-leben-in-armut/] – so lautet der Titel des neuen Armutsbericht, veröffentlicht vom Paritätischen Gesamtverband. „Die soziale Spaltung in Deutschland verschärft sich. 13,3 Millionen Menschen leben in Armut [https://www.nachdenkseiten.de/?tag=armut], die Armutsquote steigt auf 16,1 Prozent, lautet der Befund. Der Verband warnt vor einer Gesellschaft, „die sozial weiter auseinanderdriftet“. Der Befund ist so alarmierend wie die Armutsentwicklung, die seit langem zu beobachten ist. Die Gefahren, die sich aus einer hohen Armut und einer noch weiteren Spaltung der Gesellschaft ergeben, sind weitreichend für das Land. Der Regierung scheint das egal. Ukrainepolitik und Aufrüstung stechen die Armutspolitik. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Im Armutsbericht des Paritätischen finden sich viele Zahlen. Da heißt es, mit „einer Armutsquote von 30,3 Prozent bei Alleinlebenden und 28,9 Prozent bei Alleinerziehenden“ sei jeweils rund „jede dritte Person in diesen Lebenslagen betroffen“. Da ist die Rede von „4,6 Millionen Personen“, die in „erheblicher materieller Entbehrung“ lebten, darunter „etwa 1 Million minderjährige Kinder und Jugendliche und 650.000 Altersrentner“. Wir lesen von der Armutsquote bei Alten, die laut Paritätischem bei 19,5 Prozent liege. Jede fünfte Person „ab 65 Jahren“ sei demnach von Armut betroffen. Wie immer wenn von Armut in Deutschland die Rede ist, sind die Relativierer zur Stelle. Dieses Mal ist es Julian Nida-Rümelin, der in der Welt schreibt [https://www.welt.de/debatte/plus69bd5ffd8f57616717159d9b/armutsquote-das-maerchen-von-der-armutsgefaehrdung.html], die Zahl der Armutsgefährdung [https://www.nachdenkseiten.de/?tag=armutsgefaehrdung] sei ein statistischer Taschenspielertrick. Auch er richtet den Blick auf Zahlen und kritisiert, dass zur Berechnung der Armutsquote das Median-Einkommen herangezogen werde – und wie verzerrend dieses Vorgehen sei. Richtig ist: Auch unter der Voraussetzung eines gleichmäßigen Wohlstandswachstums würde bei einem hohen Median-Einkommen immer Bürger als armutsgefährdet gelten, wenn sie weniger als 60 Prozent dieses Einkommens zur Verfügung hätten. Das ist aber eine hypothetische Diskussion. In der Realität liegt das Medianeinkommen in Deutschland nicht, sagen wir, bei einer Million, sondern bei rund 54.000 Euro brutto. Wer davon 60 Prozent verdient, also rund 32.400 Euro brutto, gilt bei Mietkosten, die längst an vielen Orten zusammen die 1.000 Euro übersteigen, zu Recht als armutsgefährdet – ganz zu schweigen von horrenden Nebenkosten und all jenen weiteren Verpflichtungen an Ausgaben, die ein Bürger im Durschnitt eben hat. Würde man nicht das Median-, sondern das Durchschnittseinkommen, das deutlich höher liegt, zugrunde legen, sähe es übrigens noch schlimmer aus. Auf diese Zahlen geht Nida-Rümelin leider nicht ein. Damit kommt letztlich in dem Beitrag genau das zum Vorschein, was Nida-Rümelin dem Paritätischen vorwirft: Verzerrung der Realität. Doch um diese leidige Diskussion der Zahlen soll es an dieser Stelle gar nicht gehen. Während in der Regel sehr gut situierte Akteure sich herausnehmen, Armut zu relativieren, stehen hinter den mit viel Schmiss vorgetragenen Zahlendiskussionen Menschen! Menschen, die entweder faktisch arm sind oder sich im Bereich der Armutsgefährdung bewegen. Die einen haben kaum etwas im Kühlschrank zum Essen und sind auf Nahrungsmittel von der Tafel angewiesen, die anderen stehen bei der nächsten größeren Autoreparatur von 1.000 und mehr Euro vorm finanziellen Kollaps. Das ist ein Stück Realität. Das ewige Relativieren hilft weder den einen noch den anderen. Die Zahlen des Paritätischen verweisen – auch bei allen Gegenrechnungen – auf ein reales Armutsproblem in Deutschland. Davor verschließt allerdings die Regierung ihre Augen. Ukrainepolitik, Aufrüstung und so einiges mehr stechen die Armutspolitik. Geld ist offensichtlich da – nur nicht für eine Armutspolitik, die das Problem der Armut in Deutschland richtig erfasst und bekämpft. Titelbild: Rolf Kremming / shutterstock.com

I går5 min
episode Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (22) cover

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (22)

In dieser 22. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ erfahren wir von dem kalten Winter des Jahres 1946, in dem ein Säugling zur Welt kam, von den lang anhaltenden Folgen der Kriegstraumatisierung eines Vaters und schließlich in einem längeren Beitrag von den Erfahrungen einer Bauernfamilie aus Böhmen während Flucht und Vertreibung sowie von ihrer Ankunft im bayerischen Mittenwald. Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150104] unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge! Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403], den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464], den dritten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150486], den vierten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150605], den fünften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150632], den sechsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150671], den siebenten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150740], den achten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150816], den neunten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150812], den zehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150802], den elften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151038], den zwölften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151098], den dreizehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151156], den vierzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151209], den fünfzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151229], den sechzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151393], den siebzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151418], den achtzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151461], den neunzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151530], den zwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151546], sowie den einundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151551] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- Mir wären beinahe die Finger erfroren; die sind heute noch krumm Liebes Team der NachDenkSeiten! 1946 wurde ich im Februar geboren. Meine Mutter erzählte mir später, daß es so kalt war, mir wären beinahe die Finger erfroren; die sind heute noch krumm. Ich werde wohl drei oder auch schon vier Jahre alt gewesen sein, da nahm man mich mit aufs Kartoffelfeld, zwischen Wittlohe und Stemmen, im Landkreis Verden. Es war nicht, um Kartoffeln (nach der Ernte) nachzulesen, sondern um leere Patronen zu finden, um das Messing zu verkaufen. Ich kann mich auch erinnern, daß mein Onkel regelmäßig mit einem Pferdewagen kam. Er brachte altes Zigarettenpapier und hat es später, sauber und fein aufgestapelt, wieder abgeholt. Er fuhr in der Gegend herum, um das gebrauchte Zigarettenpapier kiloweise zu verteilen und später das gesäuberte Aluminium abzuholen – alles für ein paar Pfennige. Meine Mutter und meine Oma haben das Papier vom Aluminium getrennt. Dazu mußten sie das Zigarettenpapier in Wasser aufweichen, und nach einer Weile konnte das Papier gelöst werden. Der Trick war, das Papier in einem Zug zu lösen, anstatt arbeitsaufwendig in Fetzen. Wasser war kein Problem, vor dem Haus war ein Bach. Das war gleich nach dem Zweiten Weltkrieg; für viele Menschen gab es mehrere Jahre lang kaum Möglichkeiten, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Bei solchen Erinnerungen ist es unverständlich, wie heutige Politiker schon wieder derartig kriegslüstern sind. Haben die kein Gewissen? Vielen Dank für die NachDenkSeiten, Peter Sprunk ---------------------------------------- Oft saß er mehrere Tage in einer Kammer auf dem Dachboden, wo ihn keiner stören durfte Mein zweiter Mann, mit dem ich leider nur viereinhalb Jahre zusammen sein durfte, da er mit 57 Jahren an Krebs verstorben ist, hatte mir von seinem Vater Folgendes erzählt: Er kämpfte während des Zweiten Weltkrieges in Stalingrad. Mein Mann und sein Bruder erlebten ihn als Vater so: Oft saß er mehrere Tage in einer Kammer auf dem Dachboden, wo ihn keiner stören durfte. Nur die Mutter ging zu ihm, um ihm das Essen zu bringen. Wenn der Vater dann wieder runterkam, erschien er ganz normal und man konnte mit ihm sogar hin und wieder lachen. Das ging so lange, bis er dann irgendwann starb. Mein verstorbener Mann war aufgrund einer psychischen Erkrankung Frührentner. Ich habe manchmal den Verdacht, dass er unter den Depressionen seines Vaters genauso litt und er deshalb auch krank und später arbeitsunfähig wurde. Martina R. ---------------------------------------- An den Bäumen der Allee hingen die Leichen der jungen Männer, zumeist noch halber Kinder Meine Großeltern bewirtschafteten ihren großen, blühenden Bauernhof in der Nähe des böhmischen Ortes Plan, tschechisch Planá, gut 20 Kilometer südlich von Marienbad. Das geschah damals noch per Handarbeit und dem Einsatz von Ochsen. Die weiten Getreidefelder wurden von den Männern mit Sensen gemäht, hinter denen die Frauen die Halme auffingen und zu Garben bündelten und diese so gegeneinander aufstellten, dass der Wind sie trocknete. Meine Urgroßeltern lebten, nachdem ihre Tochter, meine Oma, zusammen mit ihrem Mann den Hof übernommen hatte, im Austrag. Der Zweite Weltkrieg warf bereits 1938 seine Schatten voraus, und einige Männer des kleinen Dorfes versteckten sich, um nicht eingezogen zu werden, auch mein Großvater. Bis sich dann herausstellte, dass er aufgrund seines Asthmas ohnehin wehruntauglich war, stand meine Großmutter, die mit dem fünften Kind, meiner späteren Mutter, schwanger war, große Ängste aus. Dass diese Ängste sehr begründet waren, zeigte sich in den Jahren nach Ausbruch des Krieges zunehmend. Meine Oma hat mir Jahrzehnte später mit Tränen in den Augen erzählt, dass an den Bäumen der Allee zum Nachbardorf die Leichen der jungen Männer, zumeist noch halber Kinder, hingen, die sich dem Kriegsdienst hatten entziehen wollen. Meine Mutter wurde mit fünf Jahren eingeschult und hatte täglich zu Fuß den mehrere Kilometer weiten Weg zur nächsten Schule zurückzulegen. An einem Mittag im Herbst 1944 waren die Kinder der Grundschule wieder einmal auf ihrem Heimweg, den sie über die abgeernteten Felder abkürzten, als sie einen Tiefflieger nahen hörten. Sie rannten in den nahe gelegenen Wald – was ihnen das Leben rettete. Denn genau an die Stelle, an der die Kinder gewesen wären, hätten sie ihren Weg übers Feld fortgesetzt, fiel eine Bombe, die einen riesigen Krater hinterließ: der amerikanische Kampfpilot hatte sie auf Grundschulkinder abgeworfen! Die Kinder wurden von dem Einschlag der Bombe auf dem Feld noch im Wald einen Meter in die Luft geschleudert. Von dem Einschlag aufgejagt, rannten die Eltern zu dem Feld – und weinten vor Erleichterung, als ihre Kinder ihnen lebend aus dem Wald entgegenkamen. Die älteste Tochter meiner Großeltern, meine spätere Taufpatin, wurde nach Flensburg und Kiel zur Marine eingezogen, wo sie als Köchin diente. Meine Großeltern waren nie Anhänger der „Heim-ins-Reich”-Ideologie gewesen. Es ging ihnen bei den Tschechen gut. Die schwere Arbeit lohnte sich, denn das mondäne Marienbad riss ihnen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse förmlich aus den Händen. Der tschechische Bürgermeister des Dorfes und mein Opa waren beste Freunde. Aber als Deutschland den Krieg verloren hatte, wurden auch meine Großeltern enteignet und eine angereiste slowakische Familie übernahm den Hof. Meine Großeltern und ihre Kinder mussten ihn weiter bewirtschaften, bekamen jedoch nur halbgare Kartoffeln zu essen, nicht einmal ein Stück Fallobst durften sie nehmen. Die Kinder durften ihre Spielsachen nicht mehr anrühren. Auf solche „Vergehen” drohte die Verschleppung in Straflager. Wenn nicht ein Russe – unter Gefahr für sein eigenes Leben (Deutschen zu helfen, war verboten) – heimlich immer wieder ein bisschen Milch gebracht hätte, wäre der erst zweijährige jüngste Sohn wahrscheinlich verhungert. Derselbe Russe hatte es entschieden abgelehnt, einen benachbarten großen Hof übereignet zu bekommen, und das damit begründet, dass er Deutschen nicht den Hof wegnehmen werde. Er arbeitete auf demselben Hof lieber als Knecht weiter. Ob oder wann er nach Russland heimgekehrt ist, haben wir nie erfahren. Die neuen Eigentümer des Bauernhofes meiner Großeltern waren nicht mit den umfangreichen Arbeiten aufgewachsen, die ein so großer Hof erforderte, und so kam der Hof bald nach der Vertreibung der ursprünglichen Eigentümer schnell herunter. Als ich in den Neunzigerjahren mit einem Freund in die alte Heimat meiner Vorfahren mütterlicherseits fuhr, konnten wir mit unserem VW Golf gar nicht zu der Stelle gelangen, wo das Dorf gestanden hatte. Ein junger Tscheche aus dem einzigen noch stehenden Haus des Nachbardorfes fuhr uns in seinem Wagen dorthin und erzählte uns, was er wusste. Als die neuen Besitzer mit den großen Höfen nichts mehr anzufangen gewusst hatten, hatte man das Dorf bis auf die Mauerstümpfe dem Erdboden gleichgemacht. Mitten in dem jungen Birkenwald war noch ein halb umgekipptes schmiedeeisernes Kreuz zu sehen. Nach meiner Rückkehr sagte mir meine Mutter, das sei das Kreuz auf dem früheren Dorfplatz gewesen, das von zwei großen Kastanienbäumen eingerahmt gewesen sei, unter denen sich das Dorf zum Tanz getroffen hatte. Kastanienbäume hatte ich keine mehr gesehen. Meinem Opa als Ortsbauernführer unterstanden während des Krieges auch die Kriegsgefangenen, die dem Dorf als Arbeitskräfte zugeteilt wurden. Weil er sie wie Familienangehörige behandelte, wurde er von anderer Seite heftig kritisiert und ihm gedroht, er werde schon sehen, wohin er damit käme. Mein Opa, dessen eigener Sohn eingezogen worden war, ließ sich nicht beirren. Er erklärte den ihm unterstellten Gefangenen, dass, wenn sie zu flüchten versuchen würden, sie nicht weit kämen und auch er selbst getötet würde. Die Männer waren klug genug, das einzusehen, und natürlich heilfroh, dass sie in sauberen Federbetten schliefen, am Familientisch aßen und mein Opa sie wie selbstverständlich auch ins Wirtshaus mitnahm. Sie nannten ihn „Vater”. Nach Kriegsende erwartete auch die ehemaligen Ortsbauernführer Schlimmes, viele wurden “auf Raten” erschlagen. Auch mein Opa ging – voller Angst, nicht mehr lebend heimzukommen – zu der Stelle, wo zu erscheinen ihm befohlen worden war. Doch der zuständige Kommissär dort schob ihm nur ein Papier hin mit den Worten: „Gefangene sprechen für dich. Du guter Vater. Du unterschreiben und heimgehen!” Die Gefangenen, die ihm unterstanden hatten, hatten sich für ihn eingesetzt und ihm damit das Leben gerettet. Vor Erleichterung lachend kam er zu Hause an – auch wenn dieses Zuhause ihm schon nicht mehr gehörte. Im Frühling 1946 sagte der tschechische Bürgermeister zu meinem Opa, mit dem er befreundet war, dass er nichts mehr für ihn tun könne und dass er ihm raten müsse, mit seiner Familie seine Heimat mit einem der beiden nächsten Transporte zu verlassen, die noch nach Bayern gingen; alle nachfolgenden Vertriebenentransporte würden in die (kommunistische) „Ostzone” gehen. Dieser befreundete Tscheche hat auch dafür gesorgt, dass die Familie manches mitnehmen konnte. Zuletzt, indem er, als die Familie am Kontrollpunkt (wo auch Körperöffnungen nach geschmuggeltem Eigentum durchsucht wurden) an der Reihe war, zu dem Posten etwas sagte und dieser daraufhin die ganze Familie ohne Kontrolle durchwinkte. Meine Mutter hat mir kurz vor ihrem Tod vor eineinhalb Jahren das erste Mal erzählt, dass nicht viel später ein Schuss zu hören war. Der tschechische Bürgermeister, der beste Freund meines Opas, war wegen seiner Hilfe für Deutsche erschossen worden. Als mein Opa es erfuhr, brach er vor Schmerz und Verzweiflung aufschreiend auf die Knie zusammen. Es blieb nur wenig Zeit zum Weinen, die Vertriebenen mussten weiter. Zu Fuß mussten die Menschen, alte Menschen wie auch kleine Kinder, die rund 30 Kilometer zur Bahnstation in Kuttenplan zurücklegen. Trotz eines schmerzhaften Abszesses am Fuß und ersten Vorzeichen einer Blinddarmentzündung lehnte meine damals siebenjährige Mutter es eisern ab, auf einem der begleitenden Lastwagen mitzufahren – ahnend, dass sie, wie es anderen mitfahrenden Kindern geschah, ihre Familie dann nie wiedersehen würde. In Viehwaggons gepfercht, wurden die Menschen während mehrerer Tage nach Mittenwald in den bayerischen Alpen transportiert. Irgendwo wurden sie mit Insektiziden zur „Entlausung” eingesprüht. In Mittenwald angekommen, lebten sie wochenlang im „Lager Luttensee”. Menschen, deren Tage zuvor von harter Arbeit angefüllt gewesen waren, waren nun zum Nichtstun verdammt und so ihrer Angst davor, was ihnen und ihren Kindern bevorstünde, ohnmächtig ausgesetzt. Aus Verzweiflung haben die Frauen die mitgenommenen Pullover aufgetrennt und neu gestrickt. Sonntags ging die katholische Familie meiner Mutter nach Mittenwald in die Kirche. Mein Opa hatte aufgrund seines Asthmas nicht in den Krieg ziehen müssen. Aber sein 15 oder 16 Jahre alter Sohn, mein Onkel Josef, genannt Bepp, war eingezogen worden. Meine Großeltern konnten nur hoffen, dass er möglichst heil wieder heimkommen würde; und dass er, sollte er in Gefangenschaft geraten, einigermaßen menschlich behandelt werden würde. Die noch in ihrer Heimat eintreffenden offiziellen Nachrichten – das eine Mal, dass er vermisst sei, das andere Mal, dass er gefallen sei, – waren furchtbar für sie. Nach dem Verlust ihrer Heimat sollten sie ihren Jungen gottlob doch lebend wiedersehen. Als die Familie schon in Mittenwald war, erblickte meine Oma eines Sonntags, als sie nach dem Gottesdienst die Kirche verließ, an einer einsamen Kirchenecke im Schatten eine arg abgemagerte Gestalt. Irgendetwas bewog sie, genauer hinzusehen, und als die Gestalt dann aus dem Schatten trat, erkannte sie ihn: „Jesses, Maria … Bepp!” Ihr Sohn, Bepp, hatte nach seiner Freilassung aus der Gefangenschaft – als er nicht in sein Zuhause zurückkehren konnte – ausfindig gemacht, wo seine Familie gelandet war, und hatte sich dorthin durchgeschlagen. Schlimmer als in russischer Gefangenschaft war es dem Jugendlichen in polnischer Gefangenschaft ergangen, wo er unmenschliche Grausamkeit hatte mitansehen müssen. Als er später fähig war, davon zu sprechen, erzählte er unter anderem, dass verhungernden deutschen Gefangenen, die um einen Bissen vom vollen Tisch der polnischen Bewacher gefleht hatten, die Zunge an die Tischkante genagelt worden war. Davon, was ihm selbst über den Hunger hinaus geschehen war, habe ich ihn nie reden gehört. Doch seit seiner Rückkehr aus Krieg und Gefangenschaft hat er, der tief im katholischen Glauben verwurzelt aufgewachsen war, keine Kirche mehr betreten. Noch im späteren Sommer des Jahres 1946 wurden meine Urgroßeltern, Großeltern und ihre Kinder zusammen mit ein paar weiteren Vertriebenen-Familien einem Dorf in Oberbayern zugewiesen. Die Alteingesessenen des Bauerndorfes waren in der Notzeit nach dem verlorenen Krieg über die fremden Habenichtse alles andere als erfreut. Einer der Bauern rief aus, als die Vertriebenen auf Ladeflächen von Heuwägen u. ä. ins Dorf gefahren wurden: „Fahrt sie nur gleich weiter in die Isar!” Ihre Unterkunft im Dorf wechselte mehrmals, vom Saal einer Wirtschaft in den einer anderen, von einem Bauern zu einem anderen; an so etwas wie Privatsphäre war gar nicht erst zu denken. Meine Urgroßeltern und Großeltern und die Kinder arbeiteten auf den Bauernhöfen des Dorfes mit, für nichts als ein Dach über dem Kopf. Die Ernährung wurde über Essensmarken bestritten und über die kleine Ausbeute der Bettelgänge der Kinder im weiteren Umkreis. Ich habe meine Oma manchmal sagen gehört: „Daheim waren wir wer. Hier sind wir Bettler.” Die Familie hatte sich durch ihren Fleiß und ihre Rechtschaffenheit Ansehen in dem bayerischen Dorf erworben. Meine Großeltern waren die ersten Vertriebenen im Dorf, die sich unter großen Mühen und Entbehrungen ein Haus bauten. Aber den Schmerz um den Verlust ihrer Heimat, die Entwurzelung der mit ihrem Hof verwachsenen Bäuerin, hat meine Oma bis zu ihrem Tod nicht verwunden. Als mein Opa, fünfundzwanzig Jahre nach der Vertreibung, starb, war ich noch zu klein, um bewusst wahrnehmen zu können, wie es ihm unter der funktionierenden Oberfläche ging. Das Leben meiner Mutter war von ihrem sechsten Lebensjahr an mehr als zehn Jahre lang geprägt von Hunger, Entwurzelung, Überanstrengung und Todesangst. Wer seine Jugend gehetzt und „außer sich selbst” durchlebt, legt das später nicht einfach ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass man – unbewusst – Entscheidungen trifft, die einen weiterhin nicht zur Ruhe kommen lassen, ist groß. Und wenn man gelernt hat, immer nur Stärke auszustrahlen, glaubt einem kaum ein Arzt, wie schwer psychosomatisch erkrankt man ist. Traumatherapie kannte lange niemand; tief und ganzheitlich wirksame Traumatherapie muss auch heute noch aus eigener Tasche bezahlt werden. Krieg hat viele Opfer: tote und lebende – über viele Jahrzehnte hin. Wo immer Krieg ausgebrochen wird. Wenn ich sehen muss, dass heute wieder Regierungsvertreter unseres Landes auf einen Krieg mit deutscher Beteiligung hinsteuern, frage ich mich verständnislos und zornig: Hatten diese Knechte fremder Interessen – denn im Interesse der deutschen Bevölkerung ist es ja niemals – keine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Onkel, Tanten …, die ihnen von den Schrecken, den Unmenschlichkeiten eines Krieges berichtet haben? Hatten diese etwa sogar vom Krieg profitiert? Oder haben sie kein Gewissen? Wie fremd muss man sich selbst geworden sein, um das Wohl und das Leben anderer Menschen zu opfern für Profit – fremden oder eigenen? Am Ende ihrer Tage werden auch sie nur mitnehmen können, was sie – als Menschen – geworden sind! Das aber werden sie mitnehmen müssen, wie schwer sie daran auch zu tragen haben mögen. Das Leid all der Menschen, deren Leben durch Krieg zerstört wurde, wird dadurch nicht ungeschehen. Darum müssen wir die Erinnerung der Zeitzeugen – der Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt und erlitten haben – wachhalten und teilen. Gegen die Propaganda der Kriegstreiber! Über die menschenverachtende Macht- und Profitgier weniger, wenn auch einflussreicher Nutznießer von Kriegen muss die Wahrheit und muss die Vernunft und Menschlichkeit der Vielen siegen. Wenn wir uns nicht länger spalten lassen, sondern zusammenhalten, wird uns das gelingen – und werden wir den Frieden gewinnen. Mit freundlichen Grüßen, Anonym (Name ist der Redaktion bekannt) ---------------------------------------- Hier können Sie den dreiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151881] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. Titelbild: Sudetendeutsche Stiftung / Expulsion of the Germans from the Sudetenland / Attribution-Share Alike 1.0 Generic [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/1.0/deed.en]

I går18 min