SWR2 Kultur Aktuell

Ken Loach – ein Regisseur der Klassengesellschaft

3 min · 17. juni 2026
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Beskrivelse

EIN TROTZIGER BRITISCHER KLASSENKÄMPFER Ein 15-Jähriger findet einen abgerichteten Falken und in ihm plötzlich den Freund und Partner, den er in seiner Familie und in dem Arbeiterwohnviertel der kleinen, all zu anständigen Leute mit dem engen Horizont nicht finden konnte. „Kes“, Ken Loachs Film von 1969 war sein Durchbruch.   Heute ist er einer der wichtigsten und bekanntesten britischen Regisseure – und seit 60 Jahren aus dem Weltkino nicht mehr wegzudenken: Ken Loach, der trotzige britische Klassenkämpfer und feinsinnige Analytiker der Widersprüche unserer mal mehr, mal weniger sozialen Marktwirtschaft.   DIE ARMEN SIND GUT, DIE REICHEN BÖSE Die Welt von Ken Loach ist einfach kompliziert. Einfach, weil die Armen gut sind, die Reichen böse; weil bei armen Menschen letztlich die Familien immer zusammenhalten und jemand der etwas Falsches tut, es früher oder später bereut. Während die Anderen am Ende nur auf den Profit schauen und ihnen die Ausbeutung von Menschen egal ist: Humanisten gegen Antihumanisten. KEN LOACH MAG DAS MORALISIEREN NICHT Kompliziert ist sie aber auch, denn ganz so schlicht sind diese Filme keineswegs. Ken Loach macht es sich nicht einfach. Es geht nicht um Moral in seinen Filmen. Im Gegenteil mag der überzeugte Trotzkist das Moralisieren überhaupt nicht. Ihm geht es um Analyse, um präzises Schildern der Strukturen und Institutionen, um gesellschaftliche Klassen, um Produktionsverhältnisse.   DIE FAMILIE STEHT IM ZENTRUM Und um die Familie. Sie, die eine Institution, die älter ist als der moderne Kapitalismus, der aber Ausbeutung, Abhängigkeit und Zwangsverhältnisse ebenso vertraut sind, diese Familie steht in den allermeisten Ken Loach-Filmen im Zentrum oder direkt daneben. Manchmal ist die Familie auch eine Ersatzfamilie, etwa die in enger Freundschaft verbundene Gruppe einiger arbeitsloser Trinkkumpanen. Oder der Trupp von Gleisarbeitern, der seit Jahren routiniert direkt in der Gefahrenzone auf der Strecke schuftet – in „The Navigators“, einer stillen Chronik des sozialen Verschleiß' im Zeitalter der Privatisierung.   DOKUMENTARISCHE NÜCHTERNHEIT IN VIELEN FILMEN Loachs Filme zeichnen sich häufig durch dokumentarische Nüchternheit aus, seine Dramen entfalten sich nicht in großen Gesten, sondern in den kleinen Demütigungen des Arbeitsalltags. Loach verzichtet auf Pathos und lässt den Figuren ihre Würde, gerade wenn das System sie zunehmend entrechtet.  Oft hält Ken Loach zu den Jungen, etwa im erwähnten „Kes“. Der Film wurde stilprägend für den sozialen Realismus und – dank seines Humors – auch für erfolgreiche Komödien anderer wie "Billy Elliot". Zweimal gewann Ken Loach die Goldene Palme von Cannes. Nicht unbedingt für seine besten Filme, aber das geht nicht ihm allein so.   EIN VIELFÄLTIGER REGISSEUR Hervorzuheben ist neben der erschreckenden Aktualität auch die ungemeine Vielfalt dieses Regisseurs, der keineswegs der schlichte Anwalt der Unterklassen ist, zu dem er oft abgestempelt wird. Wäre er das, wäre es ja gar nicht schlimm. Aber Ken Loach ist auch ein sensibler Regisseur historischer Momente, etwa in seinem Film „The Wind that shakes the Barley“ über den irischen Aufstand, und vor allem in „Land and Freedom“ über die Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg, zur Zeit seiner Geburt.  „I AM NOT A MAN, I AM CANTONA“ In Zeiten der Fußball-WM muss man darum auch daran erinnern, dass dem Fußballfan Ken Loach sogar das fast Unmögliche gelang: einen schönen und überzeugenden Fußballfilm zu drehen. In seiner Komödie „Looking for Eric“, in der sich ein Postbote mit dem Fußball-Rebellen Eric Cantona identifiziert. Cantona selbst spielte mit, und sagte den legendären Satz: „I am not a man, I am Cantona“.

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episode Schriftdesigner Erik Spiekermann: „Keiner weiß, wer ich bin – aber alle nutzen meine Arbeit“ cover

Schriftdesigner Erik Spiekermann: „Keiner weiß, wer ich bin – aber alle nutzen meine Arbeit“

DER „RUMPELSTILZCHEN-EFFEKT“ DES ERFOLGS Er gilt als einer der einflussreichsten Gestalter von Schrift und Konzerndesign im deutschsprachigen Raum. Gerade wurde Erik Spiekermann mit dem Gutenberg-Preis [https://www.gutenberg-gesellschaft.de/gutenberg-preis] der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft und der Stadt Mainz „als Pionier für prägende und stilbildende Schriften“ ausgezeichnet. Als „Legende“ möchte Erik Spiekermann trotz seines Lebenswerks nicht bezeichnet werden. „Wenn jemand sagt, ich sei Legende, dann bin ich ja eigentlich tot“, sagt der Typograf im Gespräch mit SWR Kultur. Er bevorzuge den „Rumpelstilzchen-Effekt“ seiner langjährigen Tätigkeit: „Keiner weiß, wie ich heiße, wer ich bin, aber alle benutzen meine Arbeit. Das finde ich eigentlich am schönsten daran.“ Was da alles zusammenkommt, ist weit mehr als das Tagewerk eines Rumpelstilzchens. Erik Spiekermann hat unter anderem das Schriftdesign der Deutschen Bahn entworfen, das Corporate Design von Audi und VW, von Bosch und ZDF. Bis 2001 führte er das damals deutschlandweit größte Designbüro mit bis zu 170 Mitarbeitern. GESTALTUNG DER DEUTSCHE TELEFONBÜCHER Das Wichtigste aus seiner Sicht: Ein guter Stil sollte nicht für Augenschmerzen sorgen. Auf Spiekermanns Entwürfe ging seit den 1980er Jahren auch die Gestaltung der deutschen Telefonbücher zurück. Da die „Schreibweise des Namens und die genaue Telefonnummer sehr, sehr, sehr wichtig sind“, sagt der Typograf, „darf man sich nicht zu weit von dem entfernen, was 84 Millionen Deutsche so unter Schrift verstehen.“ Als einer der ersten Designer importierte er elektronische Schriften aus den USA nach Deutschland. Heute dagegen habe er wieder angefangen, analog zu arbeiten. In Berlin hat er eine Buchdruckwerkstatt aufgemacht, wo er Andruckpressen und Schriftsätze aus Holz und Blei sammelt. Erik Spiekermann: „Ich bin wieder da, wo Gutenberg war, allerdings mit Strom und durchaus mit Computern.“ Heute verbinde er das elektronische und das altmodische Handwerk. Im Prinzip ist er nun auch wieder dort, wo er schon als 16-Jähriger war. Damals sei er durch die Stadt gefahren und habe an jeder Straßenecke etwas mitgenommen: „Und hatte dann nach einigen Jahren plötzlich eine Druckerei zusammen.“

24. juni 202613 min
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Mahnmal erinnert an verfolgte Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus

NEUES MAHNMAL IN BERLIN Die Zeugen Jehovas sind heute vor allem als Religionsgemeinschaft bekannt, deren Mitglieder öffentlich missionieren. Weniger bekannt ist ihre Geschichte während der NS-Zeit. Sie gehörten zu den ersten Gruppen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. In Berlin ist nun ein neues Mahnmal für die verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas eingeweiht worden. FRÜHE VERFOLGUNG DURCH DAS NS-REGIME Die Nationalsozialisten betrachteten die Zeugen Jehovas als Gegner des Regimes. Sie verweigerten den Hitlergruß und andere Loyalitätsbekundungen gegenüber dem Staat. Für viele Mitglieder war dies eine religiöse Überzeugung: Verehrung gebühre allein Gott, nicht politischen Führern. Der Historiker Tim Müller erklärt, dass die Gemeinschaft deshalb bereits in den frühen Jahren der NS-Herrschaft ins Visier der Behörden geriet. Viele Angehörige der Gruppe seien vor Gericht gestellt und früh in Konzentrationslager gebracht worden. DER LILA WINKEL ALS KENNZEICHEN In den Konzentrationslagern wurden die Zeugen Jehovas mit einem eigenen Symbol gekennzeichnet: dem sogenannten lila Winkel. Dadurch waren sie als eigene Häftlingsgruppe erkennbar. Besonders auffällig war nach Angaben Müllers ihre Haltung zum Militärdienst. Die pazifistisch geprägte Religionsgemeinschaft verweigerte geschlossen den Kriegsdienst. „Insgesamt wurden fast 300 junge Männer hingerichtet wegen Kriegsdienstverweigerung“, sagt Müller. Damit stellten die Zeugen Jehovas die größte Gruppe von Kriegsdienstverweigerern im Nationalsozialismus. STREITPUNKT ERINNERUNGSKULTUR Das neue Mahnmal soll an die Opfer erinnern. Müller mahnt jedoch zu einer klaren Trennung zwischen historischem Gedenken und aktuellen Interessen der Religionsgemeinschaft. „Es ist ein Denkmal nur für die historischen Opfer“, sagt der Historiker. Der Staat müsse gerade bei religiösen Themen Neutralität wahren. Das Gedenken solle vor allem die Geschichte der Verfolgten sichtbar machen und daran erinnern, wohin Ausgrenzung von Minderheiten führen könne. WARUM DAS GEDENKEN HEUTE WICHTIG BLEIBT Für Müller hat die Erinnerung an die NS-Verbrechen gerade für junge Menschen eine besondere Bedeutung. Sie zeige, wie verletzlich Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sein können. Das Ziel der Gedenkarbeit sei es, zu vermitteln, dass Menschenwürde, Gleichheit und demokratische Grundrechte keine Selbstverständlichkeit seien. „Diese Demokratie der Menschenwürde, das Beste, was wir je hatten, ist zerbrechlich“, sagt Müller. Die Erinnerung an die verfolgten Zeugen Jehovas sei deshalb nicht nur ein Blick in die Vergangenheit. Sie könne auch dazu beitragen, das Bewusstsein für Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten in der Gegenwart zu stärken.

24. juni 20266 min