SWR Kultur lesenswert - Literatur

Künstliche Intelligenz als Spiegel der Gesellschaft

4 min · 7. juni 2026
episode Künstliche Intelligenz als Spiegel der Gesellschaft cover

Beskrivelse

Als Marshall McLuhan Anfang der 1960er Jahre den Begriff des „globalen Dorfs“ geprägt hat, verband er damit den Anbruch eines neuen Zeitalters. Lange vor dem Internet galten dem kanadischen Medientheoretiker bereits Radio und Fernsehen als Agenten eines tiefgreifenden Wandels, der die Welt zu einem großen Live-Ereignis machen würde.  Während das Zeitalter des Buchdrucks eng mit der Vorstellung eines kontinuierlichen Fortschritts verknüpft war, geschah nun alles auf einmal.  In den Kanälen der elektronischen Medien schrumpfte die Welt zu einem einzigen Moment zusammen, in dem nicht nur alles mit allem verbunden schien, sondern auch Vergangenheit und Zukunft miteinander verschmolzen.  DIE DIGITALISIERUNG DER GESELLSCHAFT  Im Anschluss an McLuhans visionäre Ausblicke hat sich der Soziologe Dirk Baecker in seinem Buch „Digitalisierung“ die Frage vorgenommen, was die Digitalisierung der Gesellschaft mit dieser Gesellschaft macht.  Für den Systemtheoretiker handelt es sich nämlich nicht nur um einen Gewinn an Effizienz, sondern um die Konfrontation mit einer „neuen Wirklichkeit“:  „Dieser Wirklichkeit liegen digitale Datenformate zugrunde, doch sie begleitet die gesellschaftliche Wirklichkeit analog, nämlich kontinuierlich, widerständig und auf der dauernden Suche nach Übersetzungen aus analogen in digitale und aus digitalen in analoge Datenformate.“  DAS GEDÄCHTNIS DER GESELLSCHAFT  Mit der Übersetzung von analogen in digitale Formate und umgekehrt gehen nicht allein starke Reibungsverluste einher, sondern auch fundamentale Widerstände.  Die „neue Wirklichkeit“, erzeugt von intelligenten Algorithmen mithilfe riesiger Datenmengen, liegt in einem beständigen Konflikt mit den bisherigen Weisen der Gesellschaft, ihre Wirklichkeit zu konstruieren.  Denn die Daten, mit denen die Algorithmen arbeiten, stammen aus dem Gedächtnis der Gesellschaft. Dort sind die erprobten Lösungen des Problems aufbewahrt, wie sich aus zufälligen Umständen eine stabile Wirklichkeit gewinnen lässt.  Die „neue Wirklichkeit“ hingegen entsteht, indem dieses Gedächtnis immer wieder zufällig neu zusammengesetzt wird:  „Maschinenlernmodelle arbeiten daher nicht nur statistisch im Sinne der Errechnung erwarteter im Verhältnis zur Gesamtmenge möglicher Ereignisse, sondern stochastisch im Sinne der Zähmung des Zufalls mit den Mitteln des Zufalls.“  DIE ENTWICKLUNG DER GESELLSCHAFT  Statistik und Stochastik, die Kunst der Datenerhebung und die Kunst der Zufallsberechnung, gehören schon länger zum Instrumentenkasten der modernen Gesellschaft. Seit der Epoche der Aufklärung dienen sie dazu, gesellschaftliche Entwicklungen zu erfassen und zu steuern, ohne deren Ursachen bis ins Einzelne verstehen zu müssen.  Maschinenlernmodelle machen nach Baecker im Grunde nichts anderes. Sie generieren aus Zufällen reproduzierbare Zustände und setzen diese wiederum neuen Zufällen aus.  Analog zur modernen Gesellschaft bewirken sie so ihre eigene Entwicklung, nur dass ihre Lernergebnisse aus denen der Gesellschaft resultieren und diese zugleich in Frage stellen:   „Aber je mehr man sich den generativen und stochastischen Modellen der Künstlichen Intelligenz nähert, desto deutlicher wird, dass deren Kombinatorik der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, in dem diese Mühe hat, sich wiederzuerkennen.“  Vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass die Künstliche Intelligenz immer auch ein Spiegel der Gesellschaft ist, gelingt es Baecker eindrucksvoll, das Unbehagen an der Digitalisierung zu erkunden und eine soziologische Antwort auf die Frage zu geben, warum die Entwicklung der Gesellschaft bereits heute eng an die Entwicklung Künstlicher Intelligenz gekoppelt ist.

Kommentarer

0

Vær den første til at kommentere

Tilmeld dig nu og bliv en del af SWR Kultur lesenswert - Literatur-fællesskabet!

Kom i gang

1 måned kun 9 kr.

Derefter 99 kr. / måned · Opsig når som helst.

  • Podcasts kun på Podimo
  • 20 lydbogstimer pr. måned
  • Gratis podcasts

Alle episoder

5672 episoder

episode Für die Demokratie in die Schlacht ziehen: Paul Ingendaays „Entscheidung in Spanien“ | Buchkritik cover

Für die Demokratie in die Schlacht ziehen: Paul Ingendaays „Entscheidung in Spanien“ | Buchkritik

Im Sommer 1936 erheben sich in Spanien konservative Generäle gegen die demokratisch gewählte Volksfrontregierung. Auf Bitten von General Francisco Franco schickt Hitler deutsche Flugzeuge. Das faschistische Italien unterstützt den Putsch ebenfalls.   Die drückende militärische Überlegenheit der „Nationalisten“ wird abgemildert durch die bald anrollende sowjetische Militärhilfe für die Republik, aber nicht ausgeglichen. Denn die liberalen Demokratien Frankreich und Großbritannien versagen der Republik die Unterstützung. Vor diesem Hintergrund strömen zigtausende Freiwillige aus über 60 Ländern auf die iberische Halbinsel, um die Republik gegen die Aufständischen zu verteidigen.  Darunter befinden sich zahlreiche Künstler und Schriftsteller. Ihnen widmet sich der Literaturwissenschafter und Schriftsteller Paul Ingendaay in seinem Buch „Entscheidung in Spanien“.  DIESE GESCHICHTE WIRD VON DEN BESIEGTEN GESCHRIEBEN „Die Schwarz-Weiß-Bilder, die [vom spanischen Bürgerkrieg] erzählen, gehören zu den fotografischen Ikonen des 20.Jahrhunderts. Wie kein anderer Konflikt hat [er] unsere Vorstellung von der heroischen Niederlage geprägt“, schreibt Ingendaay. „Und er gehört zu den wenigen Kriegen, deren Geschichte die Verlierer geschrieben haben: als Gegengeschichte zu einem Aufstand rechter Generäle, die das Leid eines ganzen Landes in Kauf nahmen.“  Ausgehend von den Erlebnissen prominenter Freiwilliger entwirft Ingendaay eine Chronik des beinahe drei Jahre andauernden Bürgerkriegs. Von der ersten Welle der Solidarität, über die Schrecken von Guernica bis hin zum erlahmenden internationalen Interesse im Vorfeld des näher rückenden Weltkriegs.  DIE IDEALE TRETEN IN DEN HINTERGRUND  Die Fotografen Gerda Taro und Robert Capa, das Kriegsreporterpaar Ernest Hemingway und Martha Gellhorn, Erika und Klaus Mann, Willy Brandt: Sie alle sind Protagonisten in dieser dichten und überaus lebendigen Darstellung, die sich weniger mit Frontlinien beschäftigt als mit Stimmungen, inneren Widersprüche, zwischenmenschlichen Verwerfungen und unterschiedlichen Graden von Heldenmut und Redlichkeit. Besonders nahe stehen Ingendaay jene Persönlichkeiten, die der Krieg desillusioniert zurücklässt. George Orwell etwa, der in Barcelona einen Bürgerkrieg im Bürgerkrieg miterlebt und Ziel von kommunistischen Angriffen wird. Eine Erfahrung, die maßgeblichen Einfluss auf sein späteres Werk nehmen wird. Oder die Philosophin Simone Weil, die über die Verbrechen auf republikanischer Seite klarsichtig schrieb:   > Die Notwendigkeiten und das Klima des Bürgerkriegs setzen sich über die Ideale hinweg, die man durch das Mittel des Bürgerkriegs verteidigen will. > > > Quelle: Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien BLICK AUF DEN ALLTAG EINES ZERMÜRBENDEN KRIEGS  Ingendaay reproduziert nicht die eingangs erwähnten Schwarz-Weiß-Bilder des Spanischen Bürgerkriegs, sondern erzeugt mit seinem genauen Blick für das Alltägliche neue Bilder, die sich einprägen. Die Szenen aus Gefängnissen, belagerten Städten und verlassenen Landstrichen erzählen eindrücklich davon, was einen langen, unübersichtlichen und zermürbenden Krieg ausmacht.  Ingendaay wirft auch einen frischen und offenen Blick auf die Texte, die seiner Beschreibung zugrunde liegen. Zum Beispiel auf Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“, dem er in Handlung und Figurenzeichnung zwar „lächerliche Züge“ attestiert, dem er aber auch vieles zugutehält. EIN PROLOG FÜR DEN ZWEITEN WELTKRIEG Darunter fällt die Betonung gewisser Details, die auch Ingendaay ein Anliegen sind: „Doch auf andere Weise ist Wem die Stunde schlägt eine Liebeserklärung an das Spanien armer, stoischer und hochherziger Menschen, indem es immer wieder die hanfbesohlten Schuhe erwähnt, die billigste und natürlichste Fußbekleidung, die sich denken lässt.“  „Ihr werdet siegen, aber ihr werdet nicht überzeugen“, lautete ein berühmter Ausspruch des Philosophen Miguel de Unamuno, der sich nach anfänglicher Sympathie von den Putschisten abwendete. In einer Zeit, in der sich die Versuche mehren, die Franco-Diktatur zu rehabilitieren, ist Ingendaays Buch eine wichtige Erinnerung an diesen Prolog zum Zweiten Weltkrieg, eine packend geschriebene Mahnung an die Adresse aller demokratisch Gesinnten.

I går4 min
episode Affen als Herausforderung für die Literatur: Lara Rüters Essay „Affenliebe” cover

Affen als Herausforderung für die Literatur: Lara Rüters Essay „Affenliebe”

Leipzig, ein Primatenforschungszentrum. Aus dem Gewimmel des Zoos klingen Tierstimmen. Eine Forscherin steht vor einem der Gehege, beobachtet die Affen, macht Notizen. Eine Biologin? Nein, eine Dichterin. Ihr Name: Lara Rüter [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-05-09-102.html].  Die Aufzeichnungen in ihrem Notizbuch wirken zunächst wie ein Durcheinander aus Beobachtungen, Tagebucheinträgen und Gedichtfragmenten: Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als Versuche, das Verhalten der Affen möglichst genau zu erfassen.   MENSCHLICHES VERHALTEN Im Leipziger Zoo sind die Affen Individuen: Sie haben Namen, Vorlieben, vielleicht sogar Gefühle. Rüter gelangt schnell zu der Einsicht, dass sie sich von den menschlichen Verhaltensweisen der Tiere nicht distanzieren kann. Sie ertappt sich dabei, einzelne Lieblingsaffen zu haben. Besonders nähert sie sich dem Bonobo Tayo an – entgegen aller wissenschaftlichen Distanz:  „Tayo schlägt seine Zähne wie immer an die Scheibe, als er mich sieht, schließlich presst er seine Lippen kussmündig auf das Glas. Und ich zögere nicht, lege meine sofort darauf, bevor er verschwindet, lege sie auf die verstaubte, dreckige Scheibe, irgendwie direkt auf seine Lippen und auch nicht.”    FORSCHUNG ZWISCHEN NÄHE UND DISTANZ  Spätestens hier verlässt die Autorin die Rolle einer nüchternen Beobachterin. Der Institutsalltag wird zu einem Alltag der Gefühle. Die Affen setzen bei Rüter Erinnerungen und Reflexionen über ihre Vergangenheit in Gang. Dann entwickelt sich der Essay zunehmend zu einer biographischen Selbstbefragung.  > Meine Affen stellen keine Fragen an die Welt, scheinen Bruchstücke als das Ganze anzunehmen. Lieblingsfarbe. Lieblingstier. Als Kind wollte ich vom Kuckucksvater immer nur das wissen. […] Ich glaube, dass ich Halt suchte in diesem Ritual. > > > Quelle: Lara Rüter – Affenliebe Dokumentieren und Dichten: So könnte also das Motto von Rüters Buch lauten. Die Autorin ist eben beides: Forscherin und Dichterin; in „Affenliebe“ erprobt sie die Möglichkeit einer Symbiose dieser beiden Rollen.  Entstanden ist ein Text, der das Verhältnis von Menschen und Affen zum Ausgangspunkt einer Reflexion über die existenziellen Fragen des Menschseins nimmt. Im Hintergrund schwebt dabei immer die Frage: Kann eine Dichterin die Sprache der Tiere sprechen?  INTELLEKTUELLES BERÜHREN Schnell wird deutlich: Da, wo das literarische Verdichten beginnt, werden die Affen als Schreibanlässe instrumentalisiert. Ist das nicht jene Projektion, die Rüter eigentlich vermeiden wollte? Die Autorin reflektiert diesen Widerspruch kaum und macht stattdessen das sogenannte „intellektuelle Berühren“ zum Programm ihres Schreibens:  > Vertraue nie einem Affen. Berühre ihn nie, auch nicht, wenn er dein Freund ist, berühre ihn nur auf der intellektuellen Ebene. > > > Quelle: Lara Rüter – Affenliebe EIN INTERTEXTUELLES SCHREIBPROJEKT  Gelungen ist das Buch vor allem dort, wo es in den Dialog mit anderen Texten tritt. Zahlreiche philosophische Zitate begleiten die freien Assoziationen, eine Liste mit Literaturhinweisen am Ende des Buches dient hier als Einladung zum Weiterlesen.  Ein wichtiger literarischer Bezugspunkt des Essays ist Franz Kafka [https://www.swr.de/kultur/literatur/aexavarticle-swr-39000.html]. In dessen Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ spricht der menschgewordene Protagonist Rotpeter von seiner Vergangenheit als Affe: „Ich kann das damals affenmäßig Gefühlte nur mit Menschenworten nachzeichnen“.  Das Zitat steht dem Buch als Epitaph voran. Was bei Kafka pointiert klingt, mündet bei Rüter in langatmige Suchbewegungen.  Am Ende bleibt „Affenliebe“ ein Experiment: ein Schreibprojekt, das seinem fragmentarischen Charakter aufs höchste verbunden ist. Es folgt konsequent dem Grundsatz: Genaues Beobachten hat keine Stringenz. Stattdessen ist es Aufgabe einer Dichterin, das Gesehene zu verdichten.  Damit zeugt der Essay davon, was Lara Rüter – vor allem als Lyrikerin – gut kann: In aufmerksamer Versenkung ihre Umwelt beobachten.

13. juli 20264 min
episode Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer cover

Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer hat Intellektuelle, Aktivistinnen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist. Manches hat die Realität bereits überholt: Der Krieg gegen den Iran taucht nicht auf. Die Morde durch ICE-Beamte in Minneapolis [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-texte-ueber-minneapolis-100.html] konnte er noch gerade im Vorwort unterbringen. Aber Brinkbäumer liefert kenntnisreiche Analysen, die zum Verständnis der aktuellen Situation beitragen.   „Dieser neue Faschismus ist nicht nur politisch. Er ist technologisch. Trump ist ein Kind des Internets, ein Meister der Algorithmik. Die Sozialen Medien sind sein Medium, nicht trotz, sondern wegen ihrer Verflachung“, beobachtet Brinkbäumer. > In der Welt der Sozialen Medien zählt nicht die Argumentation, sondern der Affekt; und auch nicht Tiefe, sondern Geschwindigkeit. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum FÜHRERKULT 2.0 MIT DER LÜGE ALS WAFFE. Das Neue an diesem Faschismus, so Brinkbäumer, liege in den sozialen Medien, in der digitalen Infrastruktur der Propaganda. Doch diese Einschätzung lädt zum Widerspruch ein: Die Nazis nutzten seinerzeit das Radio, das für damalige Verhältnisse – gedrucktes Papier und Kundgebungen – ebenfalls eine neue Qualität darstellte. Die Technologie wechselt, aber die Mechanismen der Massensuggestion, die Lüge als Waffe, der Führerkult bleiben erschreckend konstant.  > MAGA: ‚Make America Great Again‘ ist eine Bewegung, die eher wenig denkt, sondern vor allem fühlt. Es gibt eine neue Sprache, die kaum mehr beschreibt, sondern befiehlt und gehorcht, attackiert und lügt, triumphiert und leidet.” > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum NOSTALGISCHES ERINNERN Brinkbäumer begreift den Liberalismus per se als Gegenspieler des Faschismus. Viele seiner Gesprächspartner, die fast alle der arrivierten Mittelschicht angehören, sehnen sich nach den alten USA der Vor-Trump-Ära zurück. Das ist verständlich, aber wenig zielführend: Denn Jahrzehnte einer neoliberalen Politik haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert und so die Grundlage für Trumps Aufstieg geschaffen.  > In der MAGA -Welt jedenfalls geht es nicht um tatsächliche Arbeit und Leistung, sondern um das nostalgische Erinnern an weiße Dominanz. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum HERRSCHAFT UND PALANTIR-ÜBERWACHUNG  Kulturkampf eben. Brinkbäumer lässt sich, wie viele andere Trump-Gegner, auf dieses Terrain drängen. Er trägt außerdem Detailwissen zusammen, das nicht landläufig bekannt ist, etwa im Kapitel über Trumps Entourage: Elon Musk mit seiner Promiskuität, seinem Drogenkonsum, seinem rücksichtslosen Umgang mit Menschen, seinem Hang zur Selbstinszenierung, den er mit Trump teilt. Und im Hintergrund: Peter Thiel, Erfinder von Palantir, Mentor des Vizepräsidenten JD Vance und des Multimilliardärs Elon Musk. Thiel mag ein lausiger Redner sein, aber er ist ein effektiver Strippenzieher. Sein Motto: Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar. Stark sind auch die Kapitel zu den Methoden der Demontage demokratischer Institutionen. Hier warnt Brinkbäumer ausdrücklich vor der Überwachungstechnologie des Palantir-Konzerns, die in den USA großflächig zum Einsatz kommt. GROSSE RATLOSIGKEIT  „Das Zusammenspiel der Demokratien ist zwingend notwendig und alternativlos. Die EU und die NATO, all die genannten internationalen Organisationen sollten, nein: Müssen in neuer Entschlossenheit sagen: So, wie wir bisher agiert haben, ist es nicht gut genug, so verlieren wir. Wir brauchen eine neue, radikale Konstruktivität.“ Brinkbäumers Vision einer Alternative bleibt dünn. Auch viele US-Intellektuelle, die er getroffen hat, wirken ziemlich ratlos, wenn es um den Weg aus der Misere geht – und hoffen auf Europa. Sich dem Faschismus zu ergeben, ist für Brinkbäumer jedenfalls keine Option. Sein Buch ist ein diskussionswürdiger Aufruf gegen die Gleichgültigkeit, die er zu Recht als größte Gefahr für die Demokratie betrachtet.

12. juli 20264 min
episode Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet" cover

Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet"

ZWISCHEN CORONA UND KRIEG Spätestens seit ihrer Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ gehört Angelika Klüssendorf zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Ihr neuer Roman „Trost“ spielt zwischen Dezember 2021 und Dezember 2022 – die Zeit der Corona-Pandemie also, aber auch jene Zeit, in der der Überfall Russlands auf die Ukraine stattfand. DEUTSCHLAND IN DER PANDEMIE Angelika Klüssendorf entwirft ein Wimmelbild von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung: Eine ostdeutsch sozialisierte Schriftstellerin und ihr Lebensgefährte, ein westdeutscher Rentner. Dessen siebzehnjährige Tochter, die kurz vor dem Abitur steht und mit den neuen Herausforderungen umzugehen hat, unter anderem mit der Entfremdung von ihrer besten Freundin. Und deren Mutter, die mittlerweile ein Leben ausschließlich in Netflix-Serien führt. SEHNSUCHT NACH NÄHE „Besonders mühsam und bitter war diese Zeit für junge Menschen“, sagt Angelika Klüssendorf. Eine Sehnsucht nach Nähe prägt jedoch alle Figuren in „Trost“; eine Sehnsucht, die auch mit familiären Erfahrungen in früheren Zeiten zu tun hat. Das Hörbuch zu Angelika Klüssendorfs Roman „Trost“ wird am 4. September in ARD Sounds veröffentlicht, gelesen von Corinna Harfouch.

10. juli 20269 min
episode Eine aberwitzige Identitätssuche: Der neue Roman „Popóm“ von Johanna Sebauer cover

Eine aberwitzige Identitätssuche: Der neue Roman „Popóm“ von Johanna Sebauer

EINE LITERARISCHE VERSUCHSANORDNUNG Ein junger Mann namens Hendrik Popom ist unzufrieden. Die Arbeit in einer „Kreativagentur“ macht dem Endzwanziger keine Freude mehr, und mit Freundin Anja läuft es auch nicht rund. Dann geschieht das Unfassbare: Der Ich-Erzähler meint einen Menschen zu treffen, der er selbst sei, nur ein paar Jahre älter. > Vor mir saß, ja es konnte anders nicht sein, ein auf gewisse Weise fortgeschrittenes, an den Lebensjahren gereiftes Ich. > > > Quelle: Johanna Sebauer – Popóm Der literarischen Versuchsanordnung, die Johanna Sebauer [https://www.swr.de/kultur/literatur/johanna-sebauer-das-gurkerl-102.html] in einer gelungenen Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit entwirft, liegt eine offensichtlich unrealistische Prämisse zugrunde. Was den Erzähler, der im Abstand von ein paar Jahren auf das Geschehen zurückblickt, erstaunlicherweise nicht unglaubwürdig erscheinen lässt. Sein Selbstbewusstsein zieht er offenbar aus seinem Vermögen, mögliche Kritik an sich und seiner Geschichte vornewegzunehmen. EIN ÜBERFORDERTER HELD > Es ist so: Man muss mir glauben. Das ist die Voraussetzung für alles, was jetzt kommt, denn Erklärungen werde ich keine bringen können, auch keine Theorien und Beweise schon gar nicht. > > > Quelle: Johanna Sebauer – Popóm „Man muss mir glauben, und das, obwohl ich zur damaligen Zeit – aus ein paar Jahren Entfernung, mit denen ich diese Geschichte nun erzähle, kann ich das sagen – ein unerträglich patscherter, grünschnäbliger Kerl war, der insgesamt wohl einen eher wenig glaubhaften Eindruck machte“, sagt der Ich-Erzähler. Hendrik entwickelt eine äußerst merkwürdige Beziehung zu dem zwar nicht optischen, aber eben wesensmäßigen Doppelgänger, der ständig Dosenpfirsiche kauft und in einem Pfeifenladen arbeitet. „Can I exist in another person?“ befragt der überforderte Held das Internet, aber die Antworten der Künstlichen Intelligenz machen ihn auch nicht schlauer. Das hält Hendrik aber nicht davon ab, ein romantisches Abendessen mit der Freundin kurzerhand zu beenden, um sich mit dem geheimnisvollen Fremden bzw. dem angejahrten Ich zu unterhalten.       UNTERHALTSAME ESKALATION MIT PHILOSOPHISCHEM TIEFGANG > Wer diese Geschichte hört, wird sich fragen, wie es so etwas überhaupt geben kann. Wie ich ihn, wie ich mich überhaupt hatte erkennen können, wie ich denn so sicher hatte sein können, wo er doch, äußerlich zumindest, ein anderer war. > > > Quelle: Johanna Sebauer – Popóm Man könnte meinen, der Roman erschöpfe sich auf der langen Strecke. Aber Johanna Sebauer ist eine Erzählerin, die im entscheidenden Moment nicht nur Nebenstränge zu entwickeln weiß, sie versteht ohnehin sehr viel von einer unterhaltsamen Eskalationsdramaturgie, die an die Theaterstücke von Yasmina Reza [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-05-07-102.html] erinnert. Die Autorin schreibt aberwitzige Dialoge und hat ein gutes Gespür für kuriose Details: So trägt der Doppelgänger zwar den gleichen Nachnamen wie der Erzähler, nur mit einem klitzekleinen Unterschied. „Ich: Du hast mir nie erzählt, warum du einen Akzent im Namen hast. Er: Popom kam mir irgendwann zu nackt vor. Also habe ich ihm etwas angezogen.  Ich: Aber warum nicht Pópom? Popóm klingt wie ein Paukenschlag. Da spielst du den Leuten in die Hände, die sich immer schon über den Klang lustig gemacht haben. Er: Manchmal muss man vielleicht einfach der Paukenschlag sein, der man ist.“ GROTESKE SINNSUCHE EINES JUNGEN MANNES IN DER QUARTERLIFE-CRISIS Natürlich fragt man sich während der Lektüre, ob Popóm und Popom ein und dieselbe Person sind, doch es bleibt vieles in der Schwebe. Die Beziehung der beiden verändert sich auch ständig. Mal wirken sie wie beste Freunde, dann wie Konkurrenten. Die Ähnlichkeit führt jedenfalls nicht zum großen Glück. Dass der Ältere einiges über die Zukunft des Jüngeren zu wissen scheint, macht die Lage nicht einfacher. Die Unklarheiten und Ungewissheiten führen in die hermeneutischen Tiefen dieser Prosa: Auf dem Cover des Romans ist eine geschwungen Pfeife zu sehen, die dem legendären Rauchwerkzeug auf dem Gemälde von Surrealist René Magritte ähnelt, auf dem der berühmte Satz zu lesen: „Ceci n´est pas une pipe.” HUMORISTISCHES MEISTERSTÜCK Der literarische Witz des Romans besteht nun darin, dass Johanna Sebauer dieses vielfach analysierte Paradox literarisch nachformt. Popom ist also nicht Popóm – oder vielleicht doch? Ist alles nur ein Fiebertraum? So lässt sich das Buch auch als Parodie jener beliebten Texte lesen, die in der Rubrik „Autofiktion“ firmieren. Identität, mag sie noch so „authentisch“ daherkommen, erscheint bei Sebauer als literarische Konstruktion und eben nicht als Angebot für biographische oder gar politische Sinnstiftung. Die wahre Superkraft der Literatur, das zeigt Sebauer in Popóm, liegt in der Erfindung. Wobei das Unwahrscheinliche in diesem Fall auf realistische Weise erzählt wird. Das Schöne an diesem Roman ist: Man muss sich mit solchen metatheoretischen Gedanken nicht herumplagen, der Text überzeugt auch als leicht groteske Sinnsuche eines Mannes in der Quarterlife-Crisis. Sebauer bestätigt mit diesem Buch ihre literarische Spezialbegabung: Sie hat mit dem zweiten Roman abermals ein humoristisches Meisterstück mit literaturphilosophischem Tiefgang geschrieben.

10. juli 20265 min