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Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXXIII – „Es grünt so oliv! – Die Evergreens“

14 min · 16. touko 202614 min
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Kuvaus

Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht es um die wundersame 360-, ähh: 180-Grad-Wende einer einstmals pazifistischen Partei. Von Leo Ensel. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. als junger Mann [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/neue-zeiten-warum-joschka-fischer-und-robert-habeck-jetzt-fuer-deutschland-kaempfen-wuerden-li.10017171] Würden sich die grau gewordenen, zeitengewendeten Ex-Pazifisten nun reihenweise zur Bundeswehr melden oder gleich schnurstracks in die Schützengräben hopsen: Der pensionierte Streetfighting Man und Apo-Opa Joschka Fischer vorneweg, der feinsinnige Philosoph und Kinderbuchautor Robert Habeck sowie der bereits in einer toten Hose steckende Campino hinterdrein, gefolgt von Anton Hofreiter, der sogar bereit wäre, seine modische Frisur zu opfern. – Wäre. Würde. Und wenn meine Oma Räder hätte – hätte! –, dann wäre sie ein Auto! (Schade, dass der beliebte Konjunktiv für die tatsächlich jungen Männer und Frauen nicht gilt. Die sterben nämlich, wenn es so weit ist, im Indikativ.) Bla-Bla-Institutionen [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/abgeordnetenhauswahl-berlin/joschka-fischer-wir-europaeer-sind-den-herausforderungen-nicht-gewachsen-li.10004973] „Diese Bla-Bla-Institutionen – sie machen mich krank. Sie sind ein Zeichen von Schwäche.“ Klagte mit sorgendurchfurchtem Gesicht im November 2025 Ex-Außenminister Joschka Fischer bei einem Vortrag an der Berliner FU. Die Rede war von einer Europäischen Union, die „statt sich militärisch, technologisch und wirtschaftlich für eine neue Weltordnung zu rüsten, in der man sich nicht mehr auf die USA verlassen könne und einem aggressiven Russland gegenüber sehe, sich mit kleinlichen Streitigkeiten und unnötigen Prozessen beschäftige“. Logische Konsequenz des Ex-Kosovo-Kriegers und Ex-Ex-Spontis: „Über nukleare Abschreckung nachdenken, um Europas Sicherheit zu gewährleisten“! (vgl. „Pazifismus-DNA“, „strukturelle Pazifisten“) Bollwerk der Demokratie (gegen den Faschismus im Osten) [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/gruener-militarismus-at-its-best-wenn-ehemalige-pazifisten-auf-offizierspathos-treffen-gruene-wehrhaftigkeit-offiziersrhetorik-bei-der-ehemaligen-friedenspartei-li.10008608] „Wir sind die Partei, die das Bollwerk der Demokratie gegen den Faschismus im Osten ist!“ Donnerte Anfang Dezember 2025, von frenetischem Beifall umbrandet, ein anonymer, „Simon“ [Kampfname?] genannter, junger Bundeswehroffizier im smarten „Make Russia small again“-T-Shirt in die Bundesdelegierten-Konferenz der GRÜNEN. Und damit ja keiner auf die Idee käme, er könne etwa die Bandera-Faschisten in der Westukraine oder das Asow-Bataillon gemeint haben, schob er – sicherheitshalber – im selben Atemzug hinterher: „Gegen den Faschismus im eigenen Land, gegen das faschistoide Regime von Putin!“ (Der jäh aufbrausende Begeisterungsorkan auf der GRÜNEN-Bundesdelegiertenkonferenz wurde nur noch im Februar ’43 übertroffen.) BundeswehrGrün [https://bundeswehrgruen.de/] Es grünt so grün. In der Bundeswehr. Blatt- und Olivgrün als friedlich-synergetischer „Truppenmix“ – im „Verein grüner und grünennaher Bundeswehrangehöriger und ihr nahestehender Personen“ e.V. Für „Staatsbürger*innen in Uniform. Aktive Bürger*innen“. Besonders wichtig: „Dabei fühlen wir uns auch aktiv dem Ziel der Gleichberechtigung der Geschlechter verpflichtet und streben danach, bestehende Nachteile auszugleichen und die Präsenz von Frauen im Bereich der Sicherheitspolitik zu fördern.“ (vgl. „Uniform kennt kein Geschlecht“) Diplomatie [https://www.youtube.com/watch?v=mFRzj7yDizg] Neues Synonym für „Appeasement“, „Einknicken“, „Verrat“. egal, was meine deutschen Wähler denken [https://www.berliner-zeitung.de/news/egal-was-meine-deutschen-waehler-denken-annalena-baerbocks-aeusserung-sorgt-fuer-wirbel-li.262685] Auf Deutsch: „No matter what my German voters think“ [https://www.youtube.com/watch?v=u0G7M8mEOzY]. Konsequenz: „I want to deliver to the people of Ukraine.“ Mit diesen heiligen Worten versprach am 1. September 2022 die wertefreudige (damalige) Außenministerin Annalena Baerbock der Ukraine vollmundig die Nibelungentreue. – Und nicht etwa ihren „German voters“. Die sollen, wie Bundespräsident Steinmeier bereits zwei Monate zuvor postuliert hatte, gefälligst „empfindliche Nachteile in Kauf nehmen“. eigenverantwortlich [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/zwischen-anspruch-und-realitaet-der-parteitag-entlarvt-die-orientierungslosigkeit-der-gruenen-li.10008237] „Die Gewährleistung der Sicherheit könne nicht länger auf die USA abgewälzt werden, sondern müsse eigenverantwortlich erfolgen.“ So der uneigenverantwortlich ausgemusterte Anton Hofreiter von den GRÜNEN. Also: selber zahlen, selber aufrüsten, selber eskalieren und selber – (wieder mal) grandios verlieren! Am besten gleich mit der eigenverantwortlichen „Eurobombe“, ganz im Sinne seines im Trüben fischenden [https://www.spiegel.de/politik/joschka-fischer-fordert-neue-atomwaffen-in-europa-a-d99f081d-b281-43c5-a167-a2c9ef2d1d83] politischen Großvaters! (vgl. „Selbstbehauptung Europas“) erwachsen werden [https://www.tagesspiegel.de/politik/joschka-fischer-uber-die-neue-weltlage-als-junger-mann-wurde-ich-mich-freiwillig-zum-wehrdienst-melden-15191494.html] Muss Europa jetzt. Laut Joschka Fischer. Angesichts von Trump und Putin. – Auf Deutsch: Aufrüsten ohne Ende! (Eurobombe nicht vergessen.) (vgl. „geopolitische Minderjährigkeit“) faschistoides Regime von Putin [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/gruener-militarismus-at-its-best-wenn-ehemalige-pazifisten-auf-offizierspathos-treffen-gruene-wehrhaftigkeit-offiziersrhetorik-bei-der-ehemaligen-friedenspartei-li.10008608] Wer dagegen ist, kann inzwischen auch als GRÜNER der martialischen Rede eines strammen – anonym auftretenden – Offiziers von BundeswehrGrün aus vollem Herzen Standing Ovations zollen. Schließlich geht es ja gegen keinen Geringeren als den „zweiten Hitler“! – Motto: Was wir ‘33 nicht geschafft haben, schaffen wir heute: „Kein Fußbreit dem Faschismus!“ (In Russland.) (vgl. „Bollwerk der Demokratie“) Generation Vietnam [https://www.tagesspiegel.de/politik/joschka-fischer-uber-die-neue-weltlage-als-junger-mann-wurde-ich-mich-freiwillig-zum-wehrdienst-melden-15191494.html] Nicht zu verwechseln mit der „Generation Waschlappen“ – nein, gar nicht zu verwechseln! In der „Generation Vietnam“ verordnete sich am 29. Januar 2026 in einem Interview mit dem Tagesspiegel Ex-68er Joschka Fischer gemeinsam mit seinen ehemaligen Fisherman’s Friends. Und als Mitglied dieser alt-ehrwürdigen Generation weiß er: Auf die Amis ist kein Verlass. Vor den Russen werden die uns nie schützen. Also: Her mit der europäischen Atombombe – aber subito! Hausaufgaben machen [https://www.nordkurier.de/politik/general-wir-brauchen-deutlich-mehr-soldaten-2362890] „Europa muss seine eigenen Hausaufgaben in der Wehrhaftigkeit machen. Wir haben nach 1990 abgerüstet. Wir waren eines der hochgerüstetsten Länder Europas“, klagte nostalgisch der damalige Vizekanzler Robert – „Ein Mensch. Ein Wort.“ – Habeck auf der Konferenz „Europe 2024“ in Berlin. – Tja, das waren noch Zeiten … Damals im (ersten) Kalten Krieg! irgendeine kleine Rolle am Rande [https://www.tagesspiegel.de/politik/joschka-fischer-uber-die-neue-weltlage-als-junger-mann-wurde-ich-mich-freiwillig-zum-wehrdienst-melden-15191494.html] Die kann sich „das große Deutschland“ bezogen auf die Ukraine nicht erlauben! Gibt Joschka Fischer zu bedenken, der auf seinen letzten Metern mit Deutschland offenbar noch Großes vorhat. (Wie lautete nochmal das berühmte Spontimotto? „Wir wollen alles – und das sofort!“) Make Russia small again [https://www.stern.de/politik/ausland/wolodymyr-selenskyj-provoziert-mit-t-shirt---make-russia-small-again--35170550.html] Auf Deutsch: „Decolonize Russia!“ [https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2022/05/russia-putin-colonization-ukraine-chechnya/639428/] – der amerikanische feuchte Traum [https://www.nachdenkseiten.de/?p=128046] schon in den Neunzigerjahren und seit der „russischen Vollinvasion“ in die Ukraine, vorzugsweise als T-Shirt-Slogan, immer wieder gerne aufgewärmt. Trendsetter war im Oktober 2024 Wolodymyr Selenskyj, gefolgt von der tapferen litauischen Leichtathletin Körnelija Düdaitė [https://www.deine-korrespondentin.de/make-russia-small-again/] während der „Functional Sports World Championships“ 2024 in Budapest – sie wurde dafür disqualifiziert, worauf sie sich tief enttäuscht aus der Öffentlichkeit zurückzog –, bis hin zum umjubelten Auftritt jenes „Simon“ [https://x.com/Storch_i/status/1994909103450386574] genannten anonymen Bundeswehroffiziers auf dem legendären Hannoveraner Parteitag der GRÜNEN, Anfang Dezember 2025. – Kleine Erinnerung für die forschen Decolonizer: Die neue russische Nukleardoktrin [https://researchbriefings.files.parliament.uk/documents/CBP-9091/CBP-9091.pdf] vom November 2024 sieht für den Fall einer Bedrohung der territorialen Integrität Russlands nichts weniger als den Ersteinsatz von Atomwaffen vor! Panikwerte [https://www.udo-lindenberg.de/statement-von-udo-zur-rtl-headline-udo-fordert-massive-aufruestung-.63990.htm] „Brauchen wir jetzt doch n‘ starkes Militär? Nicht, um irgendwen anzugreifen, sondern um in der Lage zu sein, im Notfall das zu verteidigen, woran wir glauben: unsere Panikwerte, unsere Freiheit, Weltoffenheit, sensibles und friedliches Miteinander, unser Grundgesetz. Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nölte panisch – ohne Bedrohungsanalyse, aber tüchtig kriegstüchtig – Altrocker Udo Lindenberg. Und stimmte prompt seine beliebteste Hymne an: „Dazu sind Kriege da!“ (vgl. „alternativlos“) queerfeldein marschieren [https://overton-magazin.de/krass-konkret/kampagne-70-gruende-fuer-die-bundeswehr-ein-best-of-der-kriegspropaganda/] Grund 30 von „70 verdammt guten Gründen [https://www.bundeswehrkarriere.de/entdecker/karriere-infos/70-jahre-bundeswehr], die Bundeswehr als Arbeitgeberin neu zu sehen“: „Weil wir auch queerfeldein marschieren.“ Ultimativer Grund also, sich für die „woke & wehrhafte“ Truppe endlich zu outen! – Alles auch barrierefrei und in leichter Sprache – mit Edvard Grieg für den Krieg. (vgl. „WeTime“) relevante Stakeholder [https://jacobin.de/artikel/aufruestung-schuelerkonferenz-frieden-schulstreik-wehrpflicht] „Wenn man so ‘nen Gesetzestext schreibt, kann man den doch eigentlich nur gut schreiben, wenn man auch die relevanten Stakeholder miteinbezieht. Man hat, bevor das im Kabinett beschlossen wurde, kein einziges Mal die Bundesschülerkonferenz angefragt. Das ist nicht in Ordnung, das kann ich nicht nachvollziehen.“ So Quentin Gärtner, Mitglied der Grünen Jugend und bis kurz zuvor Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Mitte Oktober letzten Jahres regierungsfromm im Phoenix-Interview. (Es ging um die Wiedereinführung der Wehrpflicht.) – „Relevante Stakeholder“: kreative Umschreibung für „prospektives Drohnenfutter“! Kreiert von den Betroffenen selbst. Uniform kennt kein Geschlecht [https://www.heute.at/s/uniform-kennt-kein-geschlecht-verantwortung-auch-nicht-120167798] Die passende Werbung für die vielfältige – um nicht zu sagen: „woke & wehrhafte“ – Truppe. ABER: Statt für die Bundeswehr, fürs Bundesheer! (Österreichs.) Kleine Kostprobe [https://kurier.at/cm/uniform-kennt-kein-geschlecht-verantwortung-auch-nicht/403138945] gefällig? „Was lange als unerschütterliche Männerdomäne galt, befindet sich im Wandel. In den Kasernen des Österreichischen Bundesheeres übernehmen heute Frauen Führungsaufgaben, treffen Entscheidungen und prägen den militärischen Alltag. Schritt für Schritt verändert sich damit das Bild einer Institution, die jahrzehntelang von rein männlicher Tradition geprägt war. Frauen sind längst mehr als ein ‚Add-on‘ – sie sind ein sichtbarer Teil einer Armee, die sich öffnet, weiterentwickelt und neue Wege geht. Dort, wo Teamgeist nicht nur ein Schlagwort ist, sondern gelebte Haltung, wird die Uniform zum Fundament für echte Entwicklung, Verantwortung und Chancengleichheit.“ – Kurz: Die Uniform als ultimatives Symbol der Emanzipation! Und, wie es der Zufall so will, kennt nicht nur sie, sondern auch der Tod kein Geschlecht. Wie sang mal jemand? „Soldat:innen sehn sich alle gleich/ lebendig und als Leich!“ – PS: „Am 23. April 2026 lädt das Bundesheer zum Girls’ Day [https://girlsday.bundesheer.at] – und macht erlebbar, was sonst oft nur von außen sichtbar ist.“ (Erlebbar machen, was sonst oft nur von außen sichtbar ist … Endlich!) (vgl. „woke und wehrhaft“, „queerfeldein marschieren“) vollumfassender Kulturwandel [https://www.nachdenkseiten.de/?p=140966] Als bevölkerungsreichstes Bundesland wolle Nordrhein-Westfalen „eine führende Rolle in Sachen Rüstung und Resilienz“ einnehmen. Alliterierte im Oktober 2025 die grüne Landwirtschaftsministerin Mona Neubaur auf dem „Mittelstand Defense Forum“ in der Landeshauptstadt Düsseldorf. Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sei „kein Fremdkörper unserer Wirtschaft“, sondern „Ausdruck unserer neuen Realität“. Die „neue Bedrohungslage“ müsse „akzeptiert werden.“ Logische Konsequenz: „Wir müssen uns auf einen Ernstfall vorbereiten.“ Schließlich sei die gesamte Gesellschaft betroffen. Es handele sich um einen „vollumfassenden Kulturwandel“. – Womit die konvertierte Grüne umgehend ein wohlverdientes Lob der WELT einheimste: „Dass eine Grüne so spricht, zeigt, wie weit sich die Erkenntnis, dass Europa wehrfähig werden muss, im politischen Raum durchgesetzt hat.“ (vgl. „kulturelle Umprogrammierung“, „Mentalitätswechsel“) Titelbild: © Tina Ovalle [https://tinaovalle.com/] (wird fortgesetzt) Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden [https://www.nachdenkseiten.de/?tag=woerterbuch-der-kriegstuechtigkeit] und diese auch einzeln darüber aufrufen. Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. [https://mediashop.at/buecher/woerterbuch-der-kriegstuechtigkeit/] Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

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jakson Lisa Fitz – Dummheit siegt kansikuva

Lisa Fitz – Dummheit siegt

Und die Dummheit. Die bleibt ewig jung. Man könnte fast sagen: Während alles andere irgendwann ein Upgrade bekommt, läuft Dummheit stabil seit Jahrtausenden. Dumme Menschen hat’s immer gegeben. In allen Zeiten, in allen Kulturen, in allen Systemen. Man begegnet ihnen in … der Familie, im Büro, im Fernsehen – und auffallend häufig dort, wo über das Leben anderer entschieden wird: in der Politik. Und am schlimmsten: Dass oiwei de Blädsten bestimmen wollen, wer bläd is … Von Lisa Fitz. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Externer Inhalt Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube übertragen. Inhalt von Youtube zulassen Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen Die nächsten Auftritts-Termine und das aktuelle Programm von Lisa Fitz erfahren Sie stets auf der Website lisa-fitz.de [https://www.lisa-fitz.de].

19. touko 20266 min
jakson Beleidigte Leberwürste kansikuva

Beleidigte Leberwürste

Deutschland hat viele Talente – Weltkriege führen und Singen gehören bekanntlich nicht dazu. Immer wenn deutsche Generäle, Barden oder Hupfdohlen Europa im Sturm erobern wollen, geht dieses Vorhaben trotz jeder Menge Rückenwind durch die publizistische Heimatfront so richtig in die Hose. So auch vorgestern beim ESC in Wien, wo die musikalische Wunderwaffe Sarah Engels vollkommen verdient mit null Punkten des Publikums den Heldinnentod starb. Nun wittern die Revanchisten der BILD eine internationale Verschwörung gegen die deutsche Sangeskunst, spielen beleidigte Leberwurst und wollen am liebsten nie wieder am ESC teilnehmen [https://www.bild.de/unterhaltung/stars-und-leute/esc-bild-vize-tanja-may-naechstes-jahr-schaue-ich-mir-den-contest-nicht-mehr-an-6a094fd6d1570d73067a25d6]. Nun gut. Ich hätte da eine bessere Idee. Eine Glosse von Jens Berger. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. „Germany – Zero Points“. Dieser Satz ist ein nationales Trauma, egal ob er nun in einem Eisenbahnwagen in Compiegne, vor dem zerbombten Berliner Führerbunker oder halt Jahr für Jahr auf der Bühne des Eurovision Song Contest fällt. Europa scheint sich irgendwie gegen uns verschworen zu haben. Und wie weiland Wilhelm Zwo und der österreichische Postkartenmaler mit dem putzigen Bart hadert die deutsche Volksseele in Gestalt der BILD nun einmal mehr mit dem Schicksal. Was erlaube Europa? Dabei war der deutsche Beitrag doch im Felde ungeschlagen und hätte eigentlich den Endsieg verdient. [https://www.nachdenkseiten.de/wp-content/uploads/2026/05/260518_01.png]https://www.nachdenkseiten.de/wp-content/uploads/2026/05/260518_01.png Screenshot BILD, aus urheberrechtlichen Gründen verfremdet Und überhaupt: Undank ist der Welten Lohn! Noch nicht einmal aus der Ukraine haben wir einen einzigen Punkt bekommen! Klar, Pipelinesprengen unter Freunden geht auch nicht; aber zumindest beim ESC hätten diese Ukrainer doch mal zum Telefonhörer greifen können. Wir hätten das auch bezahlt! Ehrenwort! Aber nein. Deutschland: null Punkte. Es ist zum Mäusemelken und absolut nachvollziehbar, dass nun gerade die BILD, die sich schon so sehr auf die Siegesparade mit gewonnener ESC-Trophäe gefreut hat, nun beleidigt ist. Wenn wir keine Punkte von diesen undankbaren europäischen Gesellen bekommen, dann spielen wir künftig auch nicht mehr mit. 93 Prozent der BILD-Leser [https://www.bild.de/unterhaltung/stars-und-leute/esc-2026-mehrheit-der-bild-leser-gegen-erneute-teilnahme-6a09dc43c3a4b30c5691daef] sind nun dafür, dass Deutschland künftig bereits auf den Versuch verzichten soll, Europa musikalisch im Sturm zu erobern. Das ist löblich. In Deutschland hat sich eine musikalische Friedensbewegung gebildet und die BILD ist offenbar ihr Leitorgan. Gitarren zu Pflugscharen. Nie wieder soll ein Lied von Deutschland ausgehen! Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Man darf nie den in der deutschen Seele verankerten Sanges-Revanchismus vergessen. Wehret den Anfängen! Aber wenn wir schon mal beim Thema sind. Könnte man diese pazifistische Grundhaltung, die das musikalische Stalingrad in Wien nun ausgelöst hat, nicht auf wichtigere Kriegsschauplätze ausdehnen? Wir können ja – wie bereits am Rande erwähnt – nicht nur nicht singen, sondern haben auch beim Kriegführen weder Talent noch Fortune und landen nicht beim ESC, sondern auch bei Weltkriegen verlässlich auf einem der letzten Plätze. Liebe BILD, nun müsst Ihr nur noch eins und eins zusammenzählen. Ich möchte wetten, dass auch ein Großteil Eurer Leser gegen eine erneute Weltkriegsteilnahme ist. Was meint Ihr? Wäre die Welt nicht besser dran, wenn wir Deutschen künftig nicht nur das Singen, sondern auch das Töten aufgeben? [https://www.nachdenkseiten.de/wp-content/uploads/2026/05/260518_titel.png]https://www.nachdenkseiten.de/wp-content/uploads/2026/05/260518_titel.png Leider nur ein hypothetischer Screenshot, erstellt mit KI [http://vg07.met.vgwort.de/na/69f5bd71b543446991bcda5ae48010f2]

Eilen4 min
jakson Trump war in China. Und was jetzt? kansikuva

Trump war in China. Und was jetzt?

Welche Bilanz bleibt von Trumps China-Reise? Kurzfristige Deals und ein PR-Erfolg? Oder beginnt nun eine langfristig stabile Beziehung zwischen den beiden wohl wichtigsten Großmächten? Chinas Staatschef Xi Jinping betonte Partnerschaft statt Rivalität. US-Präsident Donald Trump hat Xi Jinping jedenfalls mehrfach als Freund bezeichnet und aggressive Töne vermieden. Außerdem hat ihm offenbar jemand eine ziemlich gute Festrede geschrieben. Von Stephan Ossenkopp. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Der Besuch des amerikanischen Präsidenten Donald Trump mit großen Teilen seines Kabinetts und einer umfangreichen Unternehmerdelegation hat eine Flut von Bildern und Videoclips erzeugt. Die größten chinesischen Tageszeitungen haben große Sonderteile, Fotostrecken und Spezialserien gedruckt. Douyin, das chinesische Tiktok, ist übersät mit Ausschnitten der verschiedenen Begegnungen. Ob der Besuch beim Himmelstempel oder die Selfies beim Abendessen – etwa zwischen dem amerikanischen Industrieboss Elon Musk und dem CEO des chinesischen Tech-Giganten Xiaomi, Lei Jun, der ebenfalls Multimilliardär ist. Besonders bemerkenswert war die Szene, in der der chinesische Präsident seinen amerikanischen Gast in den ansonsten unzugänglichen Regierungsbezirk mitnahm. „Manche dieser Bäume sind 150 bis 200 Jahre alt“, sagte Xi dem erstaunten Trump. „Dieser dort ist sogar 400 Jahre alt.“ Trump erwiderte: „So alt können die Bäume hier werden?“ Xi nickte emphatisch. Das ist chinesische Soft Power: Kontinuität und Wertschätzung. Der Regierungskomplex Zhongnanhai war vor 400 Jahren ursprünglich ein kaiserlicher Erholungspark mit einem zentralen (zhong) und einem südlichen (nan) See (hai). Nach dem Sturz der letzten Dynastie diente dieser Bezirk als Sitz verschiedener Regierungen. Mit der Gründung der Volksrepublik China zog Mao Zedong hier ein und seitdem ist dieser Ort das politische Herz des Landes. Hier haben der Staatspräsident, der Ministerpräsident und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei ihren Amtssitz. Hier finden entscheidende Sitzungen und Versammlungen statt. Die chinesischen Medien werteten es als bedeutend, dass Donald Trump hier mit dem chinesischen Staatspräsidenten in einen ruhigen und informellen Dialog treten konnte. Xi zeigte Trump daraufhin den Himmelstempel, einen symbolischen und zeremoniellen Ort, der in der chinesischen Deutung die Beziehung zwischen Himmel, Herrscher und Staat repräsentiert. Seine Gründung geht auf das frühe 15. Jahrhundert zurück. Von der persönlichen Führung durch Xi war Trump sichtlich beeindruckt: „Ein großartiger Ort, unglaublich. China ist schön.“ „Haben Sie über Taiwan geredet?“ Nach chinesischen Zeitungsberichten soll Xi Jinping anschließend den Besuch von Donald Trump als historisch und richtungsweisend bezeichnet haben. Das Wichtigste, was in nahezu allen Artikeln immer wieder hervorgehoben wurde, war, dass man sich auf ein Rahmenwerk geeinigt habe, eine sogenannte konstruktive strategische Stabilität. Das bedeutet, dass bei allen schwierigen Feldern – vom Handelsstreit über die technologische Rivalität bis hin zur Frage des internationalen Führungsanspruchs – keine weitere Eskalation oder Konfrontation gesucht werden solle, sondern zumindest eine stabile Koexistenz, besser noch eine erneute Annäherung der beiden Großmächte. Dies sei nur durch die persönliche Begegnung zwischen den Staatsspitzen möglich und schaffe so die Basis für ein erneutes Vertrauensverhältnis. Die amerikanische Presse schien dafür wenig Verständnis zu haben und warf immer wieder Streitthemen in die Manege. „Herr Präsident, haben Sie über Taiwan gesprochen?“, rief ein Journalist wiederholt. Das US-Medienpublikum sollte mit kurzatmigen Krisenthemen versorgt werden. Man wollte harte Verhandlungen, Streitgespräche und Vorwürfe erleben. Doch das war offenbar nicht der Sinn des Empfangs des US-Präsidenten in China nach neun Jahren Abwesenheit. Dabei wurde natürlich auch über Taiwan gesprochen. Allerdings gibt es darüber nichts zu verhandeln oder zu debattieren. Für Peking ist seit jeher klar, dass es sich dabei um eine innerchinesische territoriale Angelegenheit handelt, während manch einer im Westen lieber die Ausrufung eines unabhängigen Taiwan sehen würde. Die Sezessionisten in Taipeh haben allerdings eine starke Opposition, die die Aufrüstungsbestrebungen mit amerikanischen Geldern und Waffen so lange wie möglich zu blockieren versucht. Die Chefin der erstarkten Oppositionspartei Kuomintang traf erst kürzlich mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit den chinesischen Staatschef zu einem freundschaftlichen Austausch. Die chinesische Führung beruft sich auf rechtsverbindliche Dokumente, die am Ende des Zweiten Weltkriegs festlegten, dass das von Japan kolonisierte Formosa (Taiwan) an China zurückgegeben werden müsse. Auch wenn es damals noch keine Volksrepublik gab und der Bürgerkrieg erst 1949 entschieden wurde, wurde Peking seit den entsprechenden UN-Resolutionen und den von den USA mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen unterzeichneten sogenannten „3 Communiqués” völkerrechtlich als die alleinige Vertretung Chinas anerkannt. Xi Jinping hat Trump also nicht – wie der Westen behauptet – gedroht, als er beim Empfang in der Großen Halle des Volkes sagte, dass die Taiwan-Frage nur auf eine Weise korrekt behandelt werden könne. „Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist ein Krieg.“ Auf dem Rückflug äußerte sich Trump gegenüber Reportern ausführlicher. Xi wolle „keinen Kampf um Unabhängigkeit sehen, denn das würde eine sehr starke Konfrontation bedeuten. Deshalb habe ich mir seine Argumente angehört“, meinte Trump und fügte hinzu: „Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist ein Krieg, der 9.500 Meilen entfernt ist. Ich denke, das ist das Allerletzte, was wir brauchen.“ Zeitgleich veröffentlichte die extrem liberale, sprich antichinesische Washington Post Aussagen eines amerikanischen Militärexperten. China baue „so viele hochentwickelte Arten von Munition, dass unsere Industriebasis nicht annähernd so viel produzieren kann“, so John Culver. „Die Chinesen haben eine Schiffswerft, die mehr Schiffe baut als all unsere Schiffswerften zusammengenommen. Sie lassen jährlich so viele Schiffe zu Wasser wie die gesamte französische Marine.“ Amerika habe zwar Erfahrungen mit unterlegenen Gegnern und Gruppen von Aufständischen, aber keine mit einem gleichrangigen Kriegsgegner. Wer hier zuerst seine Munition verschossen hat, verliert den Krieg, so Culver. „Ich frage mich, wann die Amerikaner beginnen zu sagen, dass wir uns besser nicht in einen Taiwan-Krieg involvieren sollten.“ Es geht natürlich um die Wirtschaft Die zentrale Frage im Zentrum der Beziehungen zwischen den USA und China ist und bleibt eine wirtschaftliche. Insbesondere: Wie viel mehr Güter soll China von den USA kaufen? Die USA schieben ein gigantisches Handelsdefizit von fast 300 Milliarden US-Dollar gegenüber China vor sich her. Amerika hat dieses Handelsdefizit mit eigentlich allen Regionen der Welt, einschließlich der EU, Mexiko und Kanada. Amerikas Anteil an der globalen Wertschöpfung ist in den letzten 40 Jahren von über 20 Prozent auf unter 15 Prozent gefallen. Die USA tragen also nicht mehr maßgeblich zur Produktion der weltweit gehandelten Güter bei. Chinas Anteil ist im selben Zeitraum von 2 Prozent auf über 20 Prozent angestiegen. China ist das industrielle Kraftzentrum der Welt geworden, und die Schere geht immer weiter auseinander. Die Auswahl an Produkten, die China den Amerikanern abkaufen muss, wird ebenfalls immer kleiner. Bislang waren Flugzeuge und Agrarprodukte meist die erste Wahl. Doch durch Trumps Zollkrieg hat China den Kauf amerikanischer Flugzeuge und Feldfrüchte stark reduziert und seine Bezugsquellen diversifiziert. Deshalb brachte Trump den Boeing-Geschäftsführer Kelly Ortberg mit nach Peking, um mindestens 200 Linienflugzeuge an chinesische Fluglinien zu verkaufen. Es könnten sogar bis zu 750 werden, sagte Trump. Zusätzlich könnten 450 Triebwerke der Firma General Electric exportiert werden. Deren Geschäftsführer war ebenfalls Teil der Delegation. Sean Stein, der Präsident des US-China Business Council, wollte Optimismus versprühen, indem er sagte, Amerika und China seien nicht nur die zwei größten, sondern auch die innovativsten Volkswirtschaften. Doch China ist hier der Magnet. Gerade hatte die chinesische Botschaft in den USA Zahlen veröffentlicht, nach denen mehr als 80.000 amerikanische Unternehmen in China investiert hätten, während nur 7.000 chinesische Firmen in den USA ansässig seien. Die staatliche Agentur für Wirtschaftsförderung in Peking meinte, es gebe ein enormes Potenzial für praktische Kooperationen im Wirtschaftsbereich zwischen Peking und Washington. Amerikanische Unternehmen wie 3M stellen bereits mehr als 50 Prozent ihrer in China verkauften Produkte lokal in China her. Manche US-Unternehmen in China verzeichnen bis zu 30 Prozent Wachstum, deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Unternehmensführer schwärmen von dem großen Markt, dem vollständigen industriellen Ökosystem, der Unterstützung für langfristiges Wachstum, den schnellen Innovationszyklen und den resilienten Lieferketten Chinas. Der Chip-Bann und andere Sanktionen „Werden Sie Ihre Chips an Huawei verkaufen?“, fragte ein Reporter Jensen Huang, den Chef von Nvidia, während eines Ad-hoc-Interviews. Völlig verdutzt drehte sich Huang zu dem Reporter um und sagte: „Was ist denn das für eine seltsame Frage?“ Die Frage war offensichtlich zu heikel. Nvidia darf seine fortschrittlichsten Computerchips, auf denen vor allem KI-Modelle trainiert werden, nicht nach China verkaufen. Die amerikanische Regierung will dadurch Chinas Fortschritt im Bereich der Künstlichen Intelligenz ausbremsen, da es bislang nicht über die Fähigkeit verfügt, diese High-End-Halbleiter selbst herzustellen. Ähnliches galt bis vor kurzem jedoch auch bei KI-Software. Bis das chinesische Start-up-Unternehmen DeepSeek auf der Bildfläche erschien und dem amerikanischen KI-Modell ChatGPT Konkurrenz machte. Vor Kurzem wurde nun öffentlich, dass DeepSeek seine Modelle künftig auf Prozessoren von Huawei trainieren wird. Der Technologiekonzern Huawei war eines der frühen Opfer von Trumps Boykott- und Sanktionspolitik während seiner ersten Amtszeit. Viele hatten den Untergang von Huawei vorausgesagt. Nun steht der Tech-Gigant wieder ganz oben. Die Verkaufszahlen seiner Smartphones in China haben gerade erst die von Apples iPhone überholt. Nun spielt Huawei eine wichtige Rolle dabei, auch von Nvidia-Chips unabhängiger zu werden. Eine abgespeckte Version des Nvidia-Chips wurde in China zwar zum Verkauf angeboten, doch bisher haben die Chinesen keine Käufe getätigt und wenden sich nun heimischen Prozessoren zu. Genau davor hatte Jensen Huang gewarnt. Laut dem Forschungsunternehmen Economist Intelligence Unit werden sich chinesische Unternehmen trotz des Gipfeltreffens zwischen Xi und Trump dem möglichen Kauf von Nvidia-Prozessoren verweigern, denn es gebe jetzt „eine goldene Gelegenheit, eigene Produkte anzubieten, da chinesische Firmen Schritt für Schritt die Lücke zu ihren Rivalen in Übersee schließen“. Im Flieger auf dem Heimweg wurde Trump dazu befragt und sagte: „Sie wollen ihre eigenen Chips entwickeln.“ Im Übrigen entwickeln die Chinesen auch ihren eigenen Linienjet, den C919. Der Präsident des Herstellers Commercial Aircraft Corporation of China, kurz Comac, wurde schon am selben Tisch wie der Boeing-CEO Ortberg gesichtet. China will auf gleicher Flughöhe sein. Zwei Festreden, über die hier niemand berichtete Dann waren da noch die beiden kurzen, aber erstaunlichen Festreden beim Abendbankett. Xi erwähnte den 15. Fünfjahresplan Chinas und die damit angestrebte „Modernisierung des Landes auf allen Gebieten durch eine qualitativ hochwertige Entwicklung“. Er sprach auch über das 250-jährige Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit und wie im 20. Jahrhundert das Eis zwischen den USA und China gebrochen wurde: „Vor 55 Jahren entsandte Präsident Richard Nixon Dr. Henry Kissinger zu einem Besuch nach China, und es kam zur ‚Ping-Pong-Diplomatie‘ zwischen unseren beiden Ländern. Durch die Bemühungen beider Regierungen und Völker wurde die Tür, die über 20 Jahre lang verschlossen geblieben war, geöffnet. Dies stellte einen Meilenstein in den zeitgenössischen internationalen Beziehungen dar. Seitdem haben China und die Vereinigten Staaten durch gegenseitige Offenheit und Zusammenarbeit viele Kapitel der Freundschaft geschrieben.“ So ordnet die chinesische Führung den Besuch Trumps also historisch ein. Trump antwortet auf Xis Rede ebenfalls mit einem Verweis auf die Geschichte: „Die Beziehungen zwischen dem amerikanischen und dem chinesischen Volk reichen bis in die Gründungszeit der Vereinigten Staaten zurück. Der erste amerikanische Konsul in China, Samuel Shaw, kam 1784 mit dem ersten amerikanischen Handelsschiff an, das diese Küsten erreichte.“ Und weiter: „Der Gründervater Benjamin Franklin veröffentlichte die Sprüche des Konfuzius in seiner Kolonialzeitung und die heutige Skulptur, die an diese alte chinesische Ära erinnert, ist voller Stolz in die Fassade des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten eingemeißelt.“ Auf dem Washington-Monument seien zudem die Worte eines chinesischen Beamten zu finden, der General Washington als „Helden der Menschen“ bezeichnet habe. Kurz darauf erhob Trump sein Glas und sprach einen Toast „auf die tiefe und dauerhafte Freundschaft zwischen dem amerikanischen und dem chinesischen Volk“. Irgendjemand hat dem amerikanischen Präsidenten eine erstaunlich harmonische Rede geschrieben. Wird der Konsens halten? Man stelle sich den Kontext vor. Präsident Trump hat über Jahre hinweg nicht nur einen De-facto-Handelskrieg und ein Technologieembargo gegen China geführt. Er hat die „Donroe-Doktrin“ begründet und unter Missachtung jeglichen Völkerrechts eine Intervention gegen einen chinesischen Verbündeten, Venezuela, unternommen. Seit Ende Februar führt Trump einen unprovozierten, brutalen und mit barbarischen Sprüchen gespickten Krieg gegen den Iran, einen Schlüsselverbündeten Chinas und BRICS-Partner. Und trotzdem erteilt ihm Xi Jinping keine Abfuhr, sondern schlägt strategische Stabilität vor. Entweder ist Trumps positive Erwiderung darauf nur eine Showeinlage oder es liegt auch einflussreichen Kreisen in den USA daran, zumindest vorübergehend einen Stillhaltefrieden zu erreichen. Denn die Berichte über verwüstete militärische Basen der USA am Golf, erschöpfte Munitionsvorräte, unzufriedene Kampftruppen und eine riesige weltweite Wirtschaftskrise haben inzwischen sogar den US-Mainstream erreicht. China wiederum folgt seiner zivilisatorischen DNA. Es will Stabilität – für sich und global –, da es seine Zukunftsziele, ein vollständig entwickeltes China bis 2049, sonst auch schwerlich erreichen kann. Die Chinesen sehen sich in einer „Schicksalsgemeinschaft”. Ob Trumps überraschend positive China-Phase von Dauer ist oder ob er in Washington wieder in seinen alten Wahnsinn zurückfällt, wird man ja sehen. Jedenfalls hat Trump seinen „Freund” Xi für den 24. September ins Weiße Haus zum Gegenbesuch eingeladen. Danach werden sie sich sowohl im November beim Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC)-Forum in Shenzhen als auch beim G20-Gipfel im Dezember in Miami wiedersehen. Wird diese Serie von Begegnungen und eine mögliche Konkretisierung des gemeinsamen Konsenses über „strategisch stabile Beziehungen” eine höhere Ebene eröffnen, auf der eine zumindest grundlegend friedliche Koexistenz zwischen den USA und China besteht? Oder wird es nur ein weiteres Waffenpaket für Taiwan, einen erneuten militärischen Angriff auf den Iran, eine Wahlschlappe und das Erstarken der Hardliner in den USA oder einen Zwischenfall im Südchinesischen Meer brauchen, um das Rad wieder in Richtung Konfrontation zu drehen? Der Trump-Xi-Gipfel, der Besuch im Himmelstempel und das anschließende Festbankett haben jedenfalls gezeigt, dass man trotz aller Unterschiede und trotz vorhandenen Ressentiments respektvoll miteinander umgehen kann. Von einer erneuerten und dauerhaften Kooperation zwischen den USA und China können alle nur profitieren. Titelbild: Dilok Klaisataporn

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jakson Mercedes und Kriegstüchtigkeit: Bereit, mitzumachen kansikuva

Mercedes und Kriegstüchtigkeit: Bereit, mitzumachen

Die Wirtschaft steht Gewehr bei Fuß. „Mercedes als Rüstungsfirma?“ und „Rollen bald Panzer mit Mercedes-Stern vom Band“, fragt die Bild-Zeitung. Und vom Mercedes-Chef heißt es: „Wir wären dazu bereit.“ In einem Interview [https://www.bild.de/politik/inland/mercedes-als-ruestungsfirma-wir-waeren-dazu-bereit-sagt-chef-kaellenius-6a0805bcd1570d73067a17f3#fromWall] äußert sich der 56-jährige Ola Källenius zur Beteiligung seines Konzerns im Bereich der Rüstungsindustrie. Herausgekommen ist dabei ein Interview, das zeigt: An der Spitze eines der wichtigsten Unternehmen Deutschlands steht ein Mann, der ideologisch auf Linie ist. Mitmachen – so lautet die Devise. Zwischendrin spricht Källenius davon, dass es sich aber „lohnen“ müsse. Die Politik will das Land „kriegstüchtig“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=127039] machen – und die Wirtschaft macht mit. Gesellschaftliche Verantwortung? Verstand? Wenigstens ein kritisches Wort gegenüber dem Wahnsinnskurs der Aufrüstung? Von wegen. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. „Die Welt ist unberechenbarer geworden“, sagt Källenius im Interview. [https://www.wsj.com/business/autos/mercedes-benz-ceo-says-carmaker-is-willing-to-enter-defense-production-bd40e3c9] Er schiebt hinterher, es sei „völlig klar, dass Europa seine Verteidigungsfähigkeit ausbauen“ müsse. Schließlich sagt er: „Sollten wir dabei eine positive Rolle spielen können, wären wir dazu bereit.“ Das sagt der schwedisch-deutsche Vorstandsvorsitzende der Mercedes Benz Group, ohne auch nur den Hauch von Kritik erkennen zu lassen. Es sind die Worte eines Absolventen der Handelshochschule Stockholm und der Universität St. Gallen. Das sind die Worte eines Managers, der seit den 90er-Jahren Führungsverantwortung inne hat. Darf man von einem Mann mit derartigen Bildungs- und beruflichen Hintergründen erwarten, dass er den Unterschied zwischen „Medienwahrheit“ und der Realität erkennt? Darf die Gesellschaft erwarten, dass so jemand begreift: Wenn Medien und Politik von „Kriegstüchtigkeit“ [https://www.nachdenkseiten.de/?page_id=47542&suche=kriegst%C3%BCchtig] sprechen, sind Propaganda, Manipulation und Lügen nicht weit? Vielleicht wäre die Welt eine bessere, wenn irgendwo an hoher Stelle eines Staates Menschen stünden, die zwischen dem, was in der Zeitung steht, und dem, was ist, unterscheiden könnten. Källenius tritt als Akteur in Erscheinung, der sich im Phrasenhaften verliert. Die Welt sei „unberechenbarer geworden“ – als ob „die Welt“ etwas werden könne. Nicht die Welt ist unberechenbarer geworden – konkret mit Namen benennbare Politiker haben Entscheidungen getroffen, die im negativsten Sinne weitreichend sind. Konkret mit Namen benennbare Politiker und Akteure sprechen davon, dass der Krieg nach Moskau getragen [https://www.dw.com/de/kiesewetter-den-krieg-nach-russland-tragen/a-68215200] werden müsse; dass „Russland für immer ein Feind für uns bleiben“ [https://www.berliner-zeitung.de/article/kuenftiger-aussenminister-wadephul-russland-wird-immer-ein-feind-fuer-uns-bleiben-2320148] werde; dass mit einem Angriff Russlands auf die NATO zu rechnen sei usw. Bei der politisch herbeihalluzinierten Zeitenwende geht es doch nicht um eine Welt, die „unberechenbarer“ geworden ist. Es geht um klar sichtbare politische Entscheidungen. Es geht um einen Stellvertreterkrieg [https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/interview-mit-michel-wyss-es-ist-der-erste-stellevertreter-krieg-zwischen-russland-und-der-nato-in-europa_id_94392173.html] in der Ukraine. Es geht um eine Politik der Aufrüstung. Die angeblich „unberechenbarer“ gewordene Welt ist das Ergebnis einer sehr berechnenden Politik. Doch anstatt sich dieser Politik entgegenzustellen, meint Källenius, es sei „völlig klar“, dass Europa seine „Verteidigungsfähigkeit“ ausbauen müsse. „Klar“? Das ist nicht „klar“. Das ist eine von verblendeter Ideologie nur so strotzende, dafür politisch gerade sehr genehme, gewünschte Position. Klar ist etwas anderes. Mercedes macht mit – so wie auch VW und viele andere Unternehmen. Wo ist die gesellschaftliche Verantwortung? Oder soll es gesellschaftlich verantwortlich sein, Kriegsgerät zu produzieren? In einem taz-Artikel aus dem Jahr 1987 heißt es: > Daimler: Der gute Stern der Nazis. > Eine gestern vorgestellte Untersuchung belegt die Komplizenschaft zwischen Konzern und Faschismus [https://taz.de/Daimler-Der-gute-Stern-der-Nazis/!1867576/] Gewiss: Gestern ist nicht heute. Heute will die Politik Deutschland „nur“ kriegstüchtig [https://x.com/NieMehrKrieg/status/1938499257796808737] machen. Begreift Källenius denn wirklich nicht, was hier vor sich geht? Titelbild: Screenshot “Bild”

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jakson Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (3) kansikuva

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (3)

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150104] unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen berührenden Beiträge! Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an leserbriefe@nachdenkseiten.de [leserbriefe@nachdenkseiten.de] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken. ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403] sowie den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- „Wer weiß, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.“ Sehr geehrte Redaktion der Nachdenkseiten, im Nachlass meiner verstorbenen Mutter (Geburtsjahrgang 1933) fand ich einige kurze handschriftliche Textpassagen mit Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die sie im Oktober 2000 verfasst hatte. Aus Anlass Ihres Aufrufes möchte ich Ihnen drei dieser Erinnerungen, die keinen zusammenhängenden Text bilden, übermitteln. Ich bin mir sehr sicher, dass meine Mutter völlig schockiert wäre, wenn sie erlebt hätte, dass deutsche Politiker heutzutage wieder von „Kriegstüchtigkeit“ faseln. Eine kurze Erläuterung noch zu den Aufzeichnungen: Meine Großeltern führten eine große Dorfgastwirtschaft, die unmittelbar neben dem Bahnhof meines Heimatortes an der Bahnstrecke zwischen Köln und Minden lag. Nach Kriegsbeginn wurde dort ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, in dem Franzosen und später auch Russen untergebracht waren. Ich hoffe, Ihre Aktion findet große Resonanz und kann etwas bewirken. Halten Sie weiter stand gegen diese entsetzliche Kriegstreiberei! Mit freundlichen Grüßen Carola Zechert > „Im Mai 1940 erlebte ich mit Eltern, Geschwistern und Oma die erste Bombennacht. In dieser schrecklichen Nacht hielt sich unsere Familie, meine Oma, meine Eltern und Geschwister schon eine ganze Weile im Keller auf, als plötzlich ein dumpfer Einschlag uns aus der Unterhaltung hochschreckte. Wir stellten uns alle im Kreis auf, die Eltern und Oma umschlangen uns Kinder, und wir klammerten uns an die Eltern und schrien vor Angst. Bald war alles ganz still, und nach einer Weile gab es Entwarnung, und wir konnten nach oben gehen und fragten uns noch: ‚Wo das wohl war?‘ > > Das sollten wir erst morgens erfahren, als meine Großmutter ins Zimmer kam und uns die Hiobsbotschaft von unseren Verwandten brachte: ‚Bei Trudel und Reinhard ist eine Bombe aufs Haus gefallen, sie selbst sind mit den Kindern und der Oma im Keller gewesen und haben überlebt.‘ > > Nachmittags durften wir Kinder mit unserer Mutter auch gucken, was sich in der Nacht ereignet hatte. Ich sehe meine Tante noch vor mir mit einer Wolldecke über den Schultern und ihrem fünf Monate alten Säugling auf dem Arm. Sie stand wohl unter Schock, aber davon wußten wir damals noch nichts, und man erklärte es uns Kindern auch nicht. > > Dann vergesse ich auch nicht, dass die Straßen rings um das total zerstörte Haus voller neugieriger Menschen waren, die sich drängelten, um alles in Augenschein zu nehmen. > > Dass Krieg mehr heißt als nur siegen, wie wir es damals täglich im Radio hörten, bekamen wir im Laufe der Kriegsjahre deutlich zu spüren. > > Mein kleiner Cousin (der fünf Monate alte Säugling) starb einen Monat später an einem Lungenriß, den er in der Bombennacht erlitten hatte. Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis, da ich bisher glaubte, nur alte Menschen müssten sterben und kämen in einen Sarg. Nun sah ich zum ersten Mal einen aufgebahrten Säugling im weißen Sarg liegen. Im selben Monat musste mein Vater in den Krieg.“ > „Anfangs waren wir drei Kinder noch begeistert vom nächtlichen ‚Kellergang‘. Als wir aber ab 1940 zwei Jahre lang Nacht für Nacht geweckt wurden oder selber wach wurden, waren wir oft hundemüde am Morgen, wenn es zur Schule ging, und wir waren wütend auf unsere Feinde, dass sie ausgerechnet immer nachts kamen und uns im Tiefschlaf weckten. > > Die Alarmtöne von Vor- und Vollalarm und danach Entwarnung sollte man auch als Schulkind schon erkennen können. Diese Heultöne erzeugten bei mir später immer Magenkrämpfe, die bis zum Erbrechen führten.“ > „Ein Wachsoldat (des Kriegsgefangenenlagers) musste etwas bei uns erledigen in Begleitung eines jungen Russen, den ich noch auf den Steinstufen sitzen sehe. Für mich war das allerdings ein alter Mann mit seiner ‚Glatze‘ und seinem schmutzigen Stoppelbart. Meine Mutter brachte ihm schnell eine Schale Milch, und er schlürfte sie gierig aus, während der Soldat wegschaute. Meine Mutter meinte zu mir: ‚Wer weiß, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.‘ Denn er war seit Juni 1944 in Russland vermisst, und wir bekamen erst Silvester 1945 das erste Lebenszeichen von ihm.“ ---------------------------------------- “Ja, Reinhard, wir leben.” Ein herzliches Dankeschön an das Team der Nachdenkseiten! Diese Aktion kann helfen, den peu à peu versiegenden Erzählstrom der Alten für die Jüngeren zugänglich zu halten. In der Gegenwart haben sich die Lebensverhältnisse ja stark verändert und selbst engste Familienmitglieder leben oft weit entfernt voneinander. Ich glaube allerdings, dass es wohl eher die “Mittelalterlichen” sind, die auf diesem Weg erreicht werden. Trotzdem – sei´s drum: Hier also mein Text: Meine Großeltern haben bei einem Bombenangriff ihre Wohnung verloren und Zuflucht im Geburtsort der Großmutter gesucht. Aus einem Garten am Rande der Kleinstadt wurden sie von einem Mann gefragt: “Kommt Ihr von Hannover? Ich habe da ´ne Schwägerin mit Mann.” Er hatte sie nicht erkannt! Es geht mir noch immer nahe, wenn ich an die Antwort meiner Großmutter denke: “Ja, Friedrich, uns geht es gut.” Es dauerte im Übrigen fast 10 Jahre, ehe wir (Großeltern und Eltern nach Flucht aus der DDR) mit einer Zuzugsgenehmigung für Hannover und teilweise verlorenem Baukostenzuschuss eine 3-Zimmerwohnung bekommen konnten! Mein Vater erzählte, dass sein Vater (Schreiner von Beruf) – beunruhigt durch Radiomeldungen über Angriffe auf Ida Cäsar 4 – von weither angereist war, um wenn nötig zu helfen. Bei seiner Ankunft in Halberstadt kamen ihm viele, viele Menschen entgegen. Einer von ihnen fragte, wohin er denn wolle, und meinte dann: “Guter Mann, kehren Sie um! Da lebt keiner mehr!” “Wenn das so ist, dann will ich es mit eigenen Augen sehen!”, habe mein Großvater gesagt – und das war gut so. Denn tatsächlich lag im Viertel rings um unser Hinterhaus herum alles in Schutt und Asche. Als erste traf er meine (hannoversche) Großmutter mit mir an der Hand und hörte die erlösende Botschaft: “Ja, Reinhard, wir leben.” Ich habe zwischen Trümmern das Laufen gelernt und bin mit der Gräuelgeschichte von Herrn und Frau Bullermann großgeworden, die in den Kellern der Trümmergrundstücke wohnen und vorwitzige Kinder bei den Beinen packen und in den Keller ziehen, wo es ihnen schlimm ergeht – ein verzweifelter (und bedenklicher), überdies nur bedingt erfolgreicher Versuch von Erwachsenen, dem kindlichen Entdeckerdrang in einem gefährlichen Umfeld Einhalt zu gebieten. Ich selbst (Jahrgang 1944) habe als sieben- oder achtjähriges Schulkind an einer “Steineklopfen”-Aktion meiner Schule teilgenommen. Plötzlich hieß es: “Alle Frauen und Kinder zurück!” Ich hörte, man habe wohl “etwas gefunden” und stellte mir vor, dass es sich wohl um tote Menschen handeln würde. An Blindgänger habe ich damals nicht gedacht – und tatsächlich ging es auch bald wieder weiter. Am Ende durften wir uns ein Stück aus dem im Trümmergrundstück gefundenen Hausrat aussuchen. Ich wählte eine kleine Vase. Aber meine Mutter reagierte ganz anders als erwartet: “Die Vase gehört uns nicht”, sagte sie und bestand darauf, dass ich sie zurückbrachte. ---------------------------------------- Das Thema Krieg war ein ständiges Thema in meiner Familie. Ich bin zwar erst 1957 geboren, kann mich aber noch gut an die ausführliche Erzählung meiner Mutter und Großmutter erinnern. Meine Großmutter war Deutsche und heiratete 1925 einen Niederländer und erhielt durch die Hochzeit die niederländische Staatsangehörigkeit und wanderte in die Niederlande aus und lebte in Rotterdam. Am 14.Mai 1940 bombardierten die Nazis Rotterdam. Das Zentrum wurde völlig zerstört. Vier Familienmitglieder und Freunde starben. Meine Großmutter verstand die Welt nicht mehr. Immer und immer wieder erzählte sie von diesem Tag und was folgte: die Besetzung der Niederlande durch Nazi-Deutschland. Meine Mutter war 1940 acht Jahre alt und war Niederländerin. Meine Mutter und alle ihre fünf Geschwister und mein Großvater sprachen perfekt Deutsch. Aber niemals habe ich einen Hass gegen Deutschland und Deutsche nach 1945 durch die niederländischen Verwandten erlebt. Meine Mutter heiratete 1955 meinen deutschen Vater. Das Thema Krieg war ein ständiges Thema in meiner Familie. Meine Mutter hatte einen großen Wunsch an mich – dass ich nicht zur Bundeswehr gehe. Diesen Wunsch habe ich ihr erfüllt. Ich bin Kriegsdienstverweigerer. Dieter Klaucke ---------------------------------------- Schließlich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert Sehr geehrte Damen und Herren, gerne folge ich Ihrem Aufruf, meine Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg mit anderen zu teilen. Ich bin zwar erst 1954 geboren, aber habe noch heute einige Bilder aus meiner Kindheit im Kopf: Mein Großvater kam erst 1952 aus russischer Gefangenschaft zurück. Er war Gott sei Dank nicht in Sibirien, sondern hat am schwarzen Meer beim Hafenbau mitgewirkt. Nach seinen Worten kein Zuckerschlecken, aber ich habe nie von ihm Klagen über schlechte Behandlung oder Folter gehört. Den Hunger haben sich Wärter und Gefangene brüderlich geteilt. Nach wenigen Wochen im lokalen Krankenhaus zum Aufpäppeln kam er nach Hause. Psychologische Behandlung bzw. Betreuung gab es damals auch noch nicht. Trotzdem habe ich heute mit Abstand das Gefühl, dass diese Zeit nicht spurlos an ihm vorüberging. Einer seiner Leitsätze war klar und deutlich: „Mir sagt keiner mehr etwas“, was natürlich zu einem sehr dominanten Auftreten der Familie und dem Umfeld führte. Auffällig habe ich auch in Erinnerung, dass er Frauen gegenüber sehr dominant auftrat. Für meine Mutter kein leichtes Dasein. Auch kann ich mich sehr gut an die zum Teil schwer verletzten Kriegsheimkehrer erinnern. Da gab es unseren Poststellenhalter und Briefträger mit zwei Holzbeinen. Die Post fuhr er mit seinem Auto aus, der Weg zur Haustür war ganz offensichtlich jedes Mal schmerzhaft. Aber er engagierte sich als Chorleiter im örtlichen Gesangverein. Ich habe von ihm nie ein Wort der Klage gehört. In guter Erinnerung blieben mir auch etliche Landwirte, die mit nur einem Arm oder einem Holzbein „ihren Mann“ bei der Bewirtschaftung ihrer Höfe „standen“. Über die psychischen Schäden wurde in dieser Zeit nicht geredet. Ich bin sicher, dass es viele Menschen gab, die ihr Leben lang von Erinnerungen geplagt wurden. Mein anderer Großvater hat diese Zeit im vollen Programm erlebt, vom Reichsarbeitsdienst bis hin zum Geschützführer im großen Krieg und nur kurzer amerikanischer Gefangenschaft. Er war für mich das Sinnbild eines zufriedenen Menschen. Interessant war für mich als Kind auch, wenn die beiden bei Familienfeiern zusammensaßen. Ja, sie haben sich über ihre Kriegserlebnisse ausgetauscht, aber nicht als Helden, sondern ziemlich nüchtern und besonnen, zuweilen auch kritisch. Mit den Jahren und meinem Erwachsenwerden kam bei mir der Gedanke, dass sie diese Zeit nicht einfach zu den Akten legen konnten. Schließlich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert. Wie gehe ich heute mit dem Thema Krieg und Frieden um? Ich erinnere mich sehr genau an den Tag, als ich zur Bundeswehr „einrückte“ und mein Großvater mich zum Zug fuhr. Ihn hat das sehr mitgenommen. Wahrscheinlich hatte er ganz andere Erinnerungen an seine Einberufung und die kommenden 13 Jahre seines Lebens. Ich habe das erst viel später in Gesprächen mit ihm erkannt. Mein späteres Berufsleben hat mich, ich gestehe es, in die Rüstungsindustrie geführt. Diese 10 Jahre haben mich fachlich, aber auch menschlich sehr geprägt. Ich weiß sehr genau, was der „Oppenheimer-Effekt“ bedeutet. Das Wichtigste aber, ich habe in diesen Jahren gelernt, was Krieg wirklich bedeutet, auch wenn wir bei unserer Tätigkeit ja nur geforscht, entwickelt und Probeschüsse abgefeuert haben. Heute beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Krieg und Frieden und wundere mich, mit welcher Begeisterung man kriegstüchtig werden will. Die lautesten Schreier haben nicht verstanden, was Krieg aus einem Menschen macht. Der Mensch wird einerseits zum puren Verfügungsobjekt, quasi entmenschlicht, und zum anderen lernt er zwangsläufig, aus reinem Überlebenstrieb, dass man „zuerst schießen“ muss. Dazu kommt noch „Befehl und Gehorsam“; alleine dies zeigt, wie unmenschlich Krieg ist, denn ohne diese strenge Disziplin, ohne den Druck der Gewalt würde sich wohl kaum ein Mensch dafür hergeben, auf andere Menschen zu schießen. Das ist für mich menschenverachtend, ja fast schon pervers. Ich hoffe, dass es in naher Zukunft vernünftige Menschen und Politiker gibt, die den aktuellen Kurs ändern wollen und können. Folgt man der Geschichte, stehen die Zeichen aber nicht gut. Ganz offensichtlich gibt es nicht mehr genug Menschen an entsprechender Position, für die Frieden das höchste und wichtigste Gut ist. Volker Obel ---------------------------------------- Noch ein Wort zu den Müttern… Es war zeitiges Frühjahr 1945, ich war 8 Jahre alt, meine Schwester 5, mein Vater als Soldat an der Front in der Sowjetunion und Breslau zur Festung erklärte Großstadt. Wir wohnten in einer Neubausiedlung am Rande der Stadt in der Nähe des Flugplatzes. Die Front kam immer näher, Befehl! Alle Zivilisten sollten die Stadt verlassen. Im April aber nicht mehr möglich, da Breslau durch die Rote Armee eingeschlossen war. Davor weigerten sich viele Mütter mit ihren Kindern. Wo sollten sie so schnell auch hin! Unsere Häuser hatten Keller, die gegen Bomben und Beschuss keinen Schutz boten. Bei Alarm mussten wir einen Bunker aufsuchen. Beim letzten Mal: Das Trommelfeuer grollte, alle Leute waren ganz still und hofften, dass der Bunker standhält. Leider hielt während der Zeit im Bunker unser Haus nicht stand. Es wurde durch eine Granate getroffen und nicht mehr bewohnbar. Wir zogen nun in die Innenstadt in eine fremde Wohnung. Nicht lange währte der neue Wohnsitz. Wieder eine Granate! Sie zerstörte das Treppenhaus und wir hausten einige Zeit im Keller mit Schmutz, Finsternis und Hunger. Während einer Feuerpause zogen wir weiter in der Stadt, um eine neue Unterkunft zu suchen. Wieder eine fremde Wohnung! Hier war endlich Schluss mit Furcht und Finsternis in Kellern. Kapitulation!! Der Krieg war zu Ende, die Rote Armee zog ein. Wir beguckten ängstlich und neugierig die Panzer, die Lkw und die Panjewagen und vor allem die fremden Soldaten. Als wir von ihnen ein Stück Brot bekamen, war die Scheu vor ihnen vorbei. Wir waren glücklich: Endlich frei von Angst zu sein, nicht mehr in Kellern hausen zu müssen und auf der Straße spielen zu können. Die aufregende Zeit war allerdings damit nicht vorbei. Eines Abends kam unsere Mutter vom Enttrümmern und berichtete, dass wir wegziehen müssten, dass Breslau eine polnische Stadt wird. Wir sollten die Ersten sein. Unsere Eltern erzählten später, dass vormals illegale Antifaschisten das organisiert hatten, da sie erfahren hatten, was die Alliierten endgültig in Potsdam beschließen wollten. Im Juli ging es los: Zu Fuß, mit Pferdewagen, mit Verpflegung und dem Schutz der Roten Armee. Das war notwendig, denn am dritten Tag knallte es. Wir verkrochen uns im Straßengraben und unsere Beschützer mussten irgendwelche Banditen abwehren. Wir Kinder fanden das recht abenteuerlich, war aber leider eine lebensgefährliche Situation. Nach fast zwei Wochen kamen wir an unserem Ziel, in Dresden an. Unterkunft in Baracken, die vorher als Unterkunft für Zwangsarbeiter dienten. Unsere Mutter arbeitete dann als Betreuerin in einer Unterkunft für obdachlose und Waisenkinder, in der meine Schwester und ich auch untergebracht waren. Ich ging im September in Dresden/Neustadt zur Schule und alles war vorerst in Ordnung. Aber an ein ruhiges Leben in diesen Umbruchzeiten war nicht zu denken. Unsere Mutter wurde angeworben und überzeugt, Neulehrerin zu werden. Wir mussten also während der Zeit des Lehrgangs für ein Jahr in einem Kinderheim leben. Dort ging es uns gut, aber unsere Mutter fehlte uns sehr. Leider waren Besuche zu dieser Zeit schwierig. Verkehrsmittel waren kaum vorhanden. Nach dieser langen Zeit ohne Mutter endlich eine Wohnung in Freital! Wir waren wieder zusammen. Dann kam auch unser Vater aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Wir waren als Familie wieder komplett, hatten eine Wohnung, Schule, Beruf und Arbeit. Unbedingt und mit großer Dankbarkeit noch ein Wort zu den Müttern mit ihren großen und kleinen Kindern: Sie meisterten selbstlos diese schweren Zeiten. Sie trotzten Tod, Verletzungen, Krankheiten und Hunger! Halfen sich gegenseitig, wenn nötig. Unsere „Zeitenwender“ vergessen oder negieren die Auswirkungen der Vorbereitung eines Krieges, geschweige denn die eines Krieges. Die Demonstrationen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht machen ein wenig Hoffnung im Kampf für eine friedliche Welt, aber es muss noch mehr Widerstand gegen die „Kriegstüchtig“- Maßnahmen geben. Udo Heinzel Titelbild: wikicommons [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%87%D0%B8%D0%BA_%D0%BD%D0%B0_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D1%85_%D0%B2_%D0%B3.%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B5.jpg]

17. touko 202621 min