Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (24)
„Es war ein lauer Abend, der kleine Tisch war zum Abendbrot eingedeckt und wir aßen zu dritt mit meiner Oma. Mein Vater wickelte ein kleines Stück Wurst aus Butterpapier und begann akribisch, den pelzigen Schimmel von den Rändern zu schneiden.“
In dieser 24. und voraussichtlich letzten Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ drucken wir diesmal einen Beitrag unseres Lesers Ingo Kranz ab.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403], den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464], den dritten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150486], den vierten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150605], den fünften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150632], den sechsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150671], den siebenten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150740], den achten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150816], den neunten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150812], den zehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150802], den elften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151038], den zwölften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151098], den dreizehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151156], den vierzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151209], den fünfzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151229], den sechzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151393], den siebzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151418], den achtzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151461], den neunzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151530], den zwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151546], den einundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151551], den zweiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151731] sowie den dreiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151881] der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
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Ein Sommerabend in Mahlsdorf
Sehr geehrte Nachdenkseiten Team,
im Anhang sende ich ihnen eine kurze Anekdote zum Thema “Erinnerungen gegen Krieg”.
In meiner Familie gibt es viele solcher kleinen Momente der Erinnerung.
Durch ihre Initiative bin ich heute um so mehr gehalten sie Kollegen, Freunden und immer wieder im Kreise der Familie zu erzählen.
Diese hier rührt mich regelmäßig zu Tränen da ich sehr lange nicht verstand, was meinen Vater bewegte.
Vielen Dank für ihre Arbeit, sie ist ein sehr wichtiger Beitrag zur Aufklärung.
Mit freundlichen Grüßen
Es ist Sommer und ich sitze mit meinem Vater vor unserem kleinen Gartenhäuschen im Berlin Mahlsdorf.
Das Grundstück, mit dem später errichteten Häuschen, ist der Nachlass eines Onkels, welcher im ersten Weltkrieg sein Bein verlor. Es wurde über fünf Generationen weitergegeben und war Zuflucht und Sicherheit in allen Zeiten.
In den 1920er Jahren wurde von staatlicher Seite Land zum vergünstigten Preis an Kriegsversehrte des ersten Weltkriegs abgegeben, um sich und ihre Familien wegen der ohnehin schwierigen Weltwirtschaftslagen und der schier aussichtlosen Situation mit ihrer Behinderung durchzubringen.
Mein Vater wurden 1935 in Berlin Köpenick geboren und war mit seiner Schwester direkt von den Auswirkungen des zweiten Weltkriegs betroffen.
Es war ein lauer Abend, der kleine Tisch war zum Abendbrot eingedeckt und wir aßen zu dritt mit meiner Oma. Mein Vater wickelte ein kleines Stück Wurst aus Butterpapier und begann akribisch, den pelzigen Schimmel von den Rändern zu schneiden.
Ich, im Alter von 16 Jahren, redete auf meinen Vater ein, diesen Zipfel Wurst doch wegzuwerfen, und hatte so überhaupt kein Verständnis dafür, ein derartig überfälliges Lebensmittel unter der Gefahr sich ernsthaft den Magen zu verderben überhaupt noch zu essen.
Mein Vater erklärte mir sichtlich berührt, dass er es auch heute noch nicht übers Herz bringe, auch nur den kleinsten Rest an Nahrung wegzuwerfen. Hunger gab es bis weit nach dem Krieg in Berlin und das war neben der prekären Lage zu Wohnraum und Brennmaterial im Winter nur eines der zu bewältigenden Probleme. Ich war genervt von der Uneinsichtigkeit meines Vaters und maß der Situation wenig Tiefe bei, bis meine Oma, die bis dahin vollkommen ruhig weiter aß, sich zu Wort meldete.
Sie erzählte von Abenden zum Ende des Krieges, Unterkünften in der Nähe von Flakstellungen, der Enge in den bewohnten Zimmern der Nachkriegsjahre und ganz ruhig davon, wie oft sie abends meinem Vater warmes Wasser zum Trinken gab, um ihn trotz Hunger in den Schlaf zu bekommen.
Heute bin ich 58 Jahre alt. Mein Vater ist vor 5 Jahren gestorben. Meine Generation hat nie leiden müssen. Aber erst jetzt begreife ich die Situation umfassend.
Generationen haben durch Krieg und Zerstörung alles verloren, unendliches Leid erfahren und nie wieder ein normales Leben führen können. Im gleichen Zeitraum haben wenige ihre Vermögen vervielfacht und ohne Skrupel alles getan, was ihren Gewinn immer noch weiter zu steigern.
Eine Parallele zur heutigen Zeit ist unübersehbar.
Feindbilder vergiften die Menschen, ständige Wiederholungen von einseitigen Berichterstattungen schaffen die Bereitschaft, Grenzen der menschlichen Vernunft unbedacht zu überschreiten und all das Wissen zur Unvereinbarkeit von Krieg und einem erfüllten Leben für die Mehrheit der Bevölkerung zu verdrängen.
Nie wieder Krieg! Nie wieder! war das feste Versprechen der betroffenen Generationen und fand im wohl wichtigsten Dokument, der UNO-Charter, seine Niederschrift.
Wann endlich durchbrechen die von Tod und Zerstörung bedrohten Menschen diesen Teufelskreis? Wir sind es unseren Eltern und Großeltern schuldig!
Vielen Dank für ihre aufklärende Arbeit. Wir sollten diese, mit ihrer Hilfe, durch authentische Berichte wiederholen, um das Leid der vorangegangenen Generation im Bewusstsein der Menschen bewahren.
Mit freundlichen Grüßen
Ingo Kranz
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Titelbild: wikicommns – Deutsche Fotothek – Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en]
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