SWR Aktuell Im Gespräch
"Wir sind gerade in einer spannenden Zeit, in der eine vermeintlich bessere und heilere Vergangenheit eine große Faszination ausübt", erklärt Bremer. Die Lebenswelt der Menschen sei aktuell von Kriegen, der Klimakatastrophe, einer Migrationskrise und einer Politik geprägt, die sich nicht auf eine gemeinsame Lösung einigen könne. "Das überfordert, das verdrängt man gerne und sehnt sich dann nach einer vermeintlich besseren Welt der 90er, 80er oder 70er Jahre." Auch der Erfolg von Serien wie Downton Abbey aus dem 18. oder 19. Jahrhundert lasse sich damit erklären. RETRO IST EIN TREND, DER UNS AUFFÄNGT "Die Leute wollen halt nicht immer Krise, empfinden aber eine kognitive Dissonanz, wenn man im Hier und Jetzt auf heile Welt macht und alles ignoriert", sagt Bremer. Die Rama-Familie, die in den 90ern mit zwei Eltern und zwei Kindern lachend am Küchentisch gesessen habe, lasse sich heute nicht mehr verkaufen. "Das funktioniert aber sehr wohl, wenn ich das Ganze in eine Zeit verpflanze, in der alles scheinbar noch in Ordnung und einfacher war. Das übt momentan eine große Faszination auf die Menschen aus." BEWUSSTE FLUCHT VOR DER REALITÄT "Es sind im Prinzip Anleihen und Fossile einer schöneren, einfacheren Zeit. Wir sehen da paradoxerweise gerade bei der jüngeren Generation ein großes Interesse." Die Jugend fühle sich aktuell eher verloren und verzweifelt. Eine Rente ist nicht in Aussicht, eine Wohnung ist schwer zu bekommen, beim Klimawandel werden sie von der älteren Generation im Stich gelassen – Krieg und Krisen überall. "Da erscheinen die vergangenen Jahrzehnte im Rückblick wie ein großes Versprechen - auch wenn man sie gar nicht miterlebt hat." FRÜHER WAR GAR NICHT ALLES BESSER? "Wir schauen immer nur auf das, was auf die Menschen wirkt – was sie empfinden. Denn das ist letztlich ja die Realität, nach der sie ihr Verhalten und ihr Leben gestalten. Die Unlösbarkeit der aktuellen Krisen ist allerdings neu. Jede Krise taucht immer und immer wieder auf: Wenn das Ahrtal überschwemmt wird oder ein Wald abbrennt, ist es der Klimawandel. Wenn es neue Angriffe auf die Ukraine oder den Iran gibt, ist es der Krieg. Es kommt immer alles wieder, kein Problem wird gelöst." IST DIESE REALITÄTSFLUCHT EIN PROBLEM? "Man sagt ja, ein Laster braucht der Mensch", erklärt Bremer. Ihm gehe es nicht darum, andere zu verurteilen. Er wolle vielmehr lernen, Menschen zu verstehen. Alles, was den Menschen helfe und sie glücklich mache, sei aber sinnvoll. "Man muss allerdings aufpassen, dass man als Gesellschaft nicht in einer Art Nachspielzeit existiert." Es sei auch wichtig, eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln. Das könne nicht durch Diddl-Mäuse ersetzt werden. "Ich hab allerdings nichts gegen die Diddl-Maus!"
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Rekisteröidy nyt ja liity SWR Aktuell Im Gespräch-yhteisöön!