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Aufwachsen zwischen Atari und Gewalt: Anthony Passerons Roman „Jacky“

6 min · 29. touko 2026
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Kuvaus

Autoren früherer Generationen hätten die Geschichte ihrer Jugend über ihre Lektüren erzählt. Welche Bücher waren in welchem Alter wichtig, was haben sie in ihnen ausgelöst, und so weiter. Anthony Passeron, Jahrgang 1983, macht es anders. Sein zweiter autofiktionaler Roman „Jacky“ folgt den Computerspielen, die seine Kindheit strukturierten und die ihm so etwas wie Halt und ein Zuhause gaben. Die drei Kapitel des Romans heißen nach den jeweils vorherrschenden Geräten der Jahre 1989 bis 1995: Atari, Nintendo und Sega Mega Drive. Die Namen sind Verheißungen. Sie stehen für all die Erfahrungen, die damit möglich waren. > Die Computerspiele boten eine Wirklichkeit, die beruhigender, beständiger und oft verständlicher war als die der Erwachsenen. Sie fügten meinem Leben einen neuen Ort, eine zusätzliche Dimension, ein anderes Verhältnis zu Zeit und Raum hinzu. > > > Quelle: Anthony Passeron - Jacky Passeron spricht über Computerspiele, als handle es sich dabei um Literatur. Auch diese Spiele erzählen Geschichten, entwerfen fantastische Welten und verlangen Fantasie, Geschick und Neugier. Kein Wunder, dass Passeron die Entwickler als Autoren betrachtet, wenn er ihre biografischen Hintergründe in seine Kindheitsgeschichte einbaut, um die Entstehung ihrer Werke nachvollziehbar zu machen. ÖFFNUNG EINER ENGEN WELT Passeron wuchs in einem alpinen Bergdorf im Hinterland von Nizza auf, in einer ländlichen, abgeschiedenen Gegend, deren alte Ordnung unter dem Druck der kapitalistischen Moderne zerbricht.  Zur Öffnung und Veränderung trugen nicht zuletzt auch die Computerspiele bei, deren kalifornische und japanische Weltentwürfe in die südfranzösische Tristesse eindringen. „Seit Generationen kamen wir hier zur Welt. Alle stammten wir aus demselben Unterleib, aus den Eingeweiden dieser engen Täler, die die Berge zerfurchen. Jahrhundertelang waren wir auf uns allein gestellt, von der Welt abgeschnitten.“ > Als die Straßen und die Eisenbahn von der Küste kamen, geriet etwas ins Rutschen. Zum ersten Mal in unserer Geschichte gab es ein Anderswo. Damit ging eine Welt unter, ein Land, das schon bald seine Kinder fortziehen sah. > > > Quelle: Anthony Passeron - Jacky Vom Fortgehen handelte schon Passerons gefeiertes Debüt „Die Schlafenden“. Darin erzählte er vom Bruder seines Vaters, der nach Amsterdam ging, heroinsüchtig wurde und an einer Überdosis starb. Auch in „Jacky“ spielt dieser Onkel eine Rolle, aber er ist nicht der einzige Todesfall in der Familie. Die neue Zeit zerstört die dörflichen Strukturen. Mit den Einkaufszentren an der Küste können die lokalen Geschäfte nicht mithalten. Auch die Metzgerei des Vaters, seit Generationen ein Familienbetrieb, geht unter; der Vater arbeitet in der Fleischfabrik und zerstört mit seiner wachsenden Aggressivität die Familie. VOM VATER VERJAGT „Jacky“ ist der Name, den der Vater sich gab, ohne zu wissen, dass das für Städter ein Synonym für Hinterwäldler ist, die in alten Schrottkarren mit seltsamer Technik herumfahren. Passeron war zwölf Jahre alt, als sein Vater die Familie verließ, um mit einer minderjährigen Geliebten ein neues Leben zu beginnen. Am Ende der Erinnerungen steht der Schock, vom Vater aus dessen neuer Wohnung verjagt zu werden. Am Anfang dagegen die Szene, in der Anthony seinen Atari und sein Skateboard bei einem Trödler entdeckt. Anthonys schweigsamer Zwillingsbruder rafft sich da zu einem seiner seltenen Sätze auf, der sein Schweigen endgültig werden zu lassen droht: > Mit dem rede ich kein Wort mehr. > > > Quelle: Anthony Passeron - Jacky Den Schmerz des Verlassenseins bearbeitet Passeron mit nüchternem, soziologischem Interesse. Das erinnert an Édouard Louis [https://www.swr.de/kultur/literatur/edouard-louis-der-absturz-100.html], einen anderen französischen Autor, der mit seinen äußerst erfolgreichen autofiktionalen Büchern der eigenen Herkunft aus sozial prekären, provinziellen Verhältnissen nachspürt – eine literarische Tradition, die in der Nachfolge von Annie Ernaux [https://www.swr.de/kultur/literatur/annie-ernaux-ich-komme-nicht-aus-der-dunkelheit-raus-100.html] in Frankreich besonders wirkungsmächtig ist. ALTE VORSTELLUNG VON MÄNNLICHKEIT Passeron neigt ebenso wenig wie Louis dazu, die Dorfwelt als Gegenbild zur Moderne zu verklären. Dazu war sie viel zu gewalttätig. Passeron und sein Zwillingsbruder hatten darunter besonders zu leiden, weil sie nicht sportlich und nicht kräftig waren und sich, zum Leidwesen ihres Metzger-Vaters, gegen Angriffe nicht wehren wollten. Der Vater steht für eine alte, brutale Vorstellung von Männlichkeit, in der bloß Stärke zählt, in der man über Gefühle nicht spricht und in der das Wort „Schwuchtel“ die größtmögliche Beleidigung bedeutet. Nichts Schlimmeres für Anthony und seinen Bruder, als das Handballtraining, das darin gipfelt, die Schwächsten in der Kabine zu quälen. Was für eine Befreiung, von dort zu den Computerspielen zurückkehren zu dürfen. Zwar werden dort auch Feinde zerstückelt und verbrannt, doch das bleibt virtuell und hinterlässt keine blauen Flecken. EIN SCHWARZER PLASTIKKASTEN ALS ZUFLUCHT „Meine Eltern gaben es schließlich auf. Wir durften wieder mit unserem Sega Mega Drive alles hinter uns lassen. Nur bei ihm konnten wir dieses Dorf vergessen, diese winzige Gemeinschaft, in der man sich nur durch rohe Gewalt behaupten konnte.“ > Nichts schien dieses Gesetz aufheben zu können. Nichts außer diesem schwarzen Plastikkasten aus Japan. > > > Quelle: Anthony Passeron - Jacky „Jacky“ ist ein stiller, trauriger Roman, in dem der Lärm der Computerspiele den einzigen Trost- und Fluchtraum bildet. Die Idee, die Chronik ihrer technologischen Entwicklung mit biographischen Abschnitten zu verknüpfen, funktioniert deshalb so gut, weil es in diesem Fall tatsächlich zusammengehört und die radikale historische Umwälzung begreiflich macht. „Jacky“ ist eine so schlichte wie kluge und eindrucksvolle Coming-of-Age-Geschichte, die zeigt, wie technische Objekte zu Begleitern und Mitspielern sozialer Umbrüche werden.

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jakson Wie kann man einen Krieg verhindern? Odd Arne Westadts „Der kommende Sturm“ kansikuva

Wie kann man einen Krieg verhindern? Odd Arne Westadts „Der kommende Sturm“

Der Erste Weltkrieg forderte 40 Millionen Tote und prägte das gesamte 20. Jahrhundert. Es war das Versagen der Politik, schreibt der norwegische Historiker Odd Arne Westad in seinem Buch „Der kommende Sturm“, das diese Menschheitskatastrophe auslöste. Die Konkurrenz der damaligen Großmächte Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn zerstörte das fragile Machtgleichgewicht, das im 19. Jahrhundert eine lange Friedensperiode möglich gemacht hatte.  Niedergangsängste bei den einen und Aufstiegsgrößenwahn bei den anderen förderten Ressentiments zwischen den Völkern, führten zu Aufrüstung und einem aggressiven Nationalismus, den die politischen Kasten nicht mehr einhegen konnten oder wollten.   „Wenn es Lehren aus der Geschichte gibt, dann müssen wir sie jetzt beherzigen, damit wir nicht noch einmal in einen Krieg zwischen Großmächten geraten, weil wir der tödlichen Kombination von Hurrapatriotismus, Angst, Fatalismus und schierer Dummheit erliegen, die den ersten großen Krieg des 20. Jahrhunderts verursacht hat.“  KONFLIKTE IN DER MULTIPOLAREN WELT  So wie einst der industrielle und militärische Aufstieg Deutschlands in der Kaiserzeit seine europäischen Nachbarn bedrohte, stellt heute der Aufstiegs Chinas zur Weltmacht die Dominanz der USA infrage.   Die USA wiederum reagieren auf Chinas ökonomische Expansion mit Zöllen und schwächen die Logik der Abschreckung, indem sie die NATO und internationale Institutionen wie die UN infrage stellen. In der entstehenden multipolaren Welt beanspruchen aufsteigende regionale Hegemonialmächte wie Brasilien, die Türkei oder Indien ihr Stück vom Kuchen der globalisierten Wirtschaft.   RESSENTIMENTS UND NATIONALISMUS  Der Verlust von industriellen Arbeitsplätzen in Amerika und Europa – auch bedingt durch einen rasanten technologischen Wandel – ist eine der Folgen und führt zu Ressentiments und Ängsten bei der Bevölkerung sowie dem Entstehen eines populistischen Nationalismus. Für stagnierende Löhne, den Rückbau der Sozialversicherungssysteme und steigende soziale Ungleichheit mache man aber nicht eine verfehlte Politik verantwortlich, schreibt Westad, sondern Migranten und äußere Feinde. Das alles fördere die Kriegsbereitschaft und die militärische Aufrüstung. So wie einst Frankreichs Versuch, Elsass-Lothringen zurückzubekommen, den Ausbruch des 1. Weltkriegs mit bedingte, könnte heute Chinas Anspruch auf Taiwan ein möglicher Kriegsgrund sein. Die USA müssten dann militärisch eingreifen, um ihre Dominanz im asiatisch-pazifischen Raum zu verteidigen. Westad entwickelt in seiner ebenso verständlich geschriebenen wie fundierten historischen Darstellung jedoch einige mögliche Handlungsoptionen, um einen großen Krieg zu verhindern. Entscheidend sei neben guten Kommunikationskanälen zwischen den politischen Führern der Großmächte und der Stärkung multinationaler Institutionen vor allem eine glaubhafte Abschreckung:  > Wenn die deutsche Führung im Juli 1914 überzeugt gewesen wäre, dass Großbritannien gegen Deutschland in den Krieg eintreten würde, wäre es viel weniger wahrscheinlich gewesen, dass sie den Krieg gegen Russland und Frankreich erklärt hätte. > > > Quelle: Odd Arne Westad - Der kommende Sturm „Wenn heute die Führung der KPCh überzeugt ist, dass die Vereinigten Staaten Taiwan bei dessen Verteidigung helfen, ist es weniger wahrscheinlich, dass sie die Insel angreift.“  PLÄDOYER FÜR FRIEDEN DURCH DIPLOMATIE UND ABSCHRECKUNG  Odd Arne Westads Plädoyer für den Frieden läuft nicht auf Appeasement und Pazifismus hinaus, sondern auf die Forderung nach einem klugen politischen Management realer Machtkonflikte. Kompromissbereitschaft, Respekt vor den Interessen der Gegenseite, Deeskalation und der Kampf gegen nationalistische Ressentiments können Kriege verhindern. Westads Skepsis ist allerdings groß, ob dafür die „Weisheit und Kompetenz“ der politischen Führer ausreicht.

Eilen4 min
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Italien mit der Seele suchend: „Olevano“ von Golo Maurer

Vor 1804 hätten sich nur wenige Besucher in das abgelegene Olevano in den Monti Prenestini verirrt, schreibt der Kunsthistoriker Golo Maurer in seiner Studie „Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden“. Doch dann seien die wanderlustigen ‚Tedeschi‘ gekommen, deutsche Künstler:  „Sie waren überwiegend jung, überwiegend nicht rechtgläubig, also Heiden, zogen sich an, wie niemand sich eigentlich anzieht, waren dabei oft kränklich und starben auch manchmal. Abends hockten sie palavernd beisammen, des Tags strömten sie aus.“  > Aber nicht zum Holzsammeln oder sonst was Nützlichem, sondern um auf kleinen Brettchen, an denen sie stundenlang hockten, Papierbögen mit feinen Bleistiftstrichen zu bedecken. > > > Quelle: Golo Maurer - Olevano EINE DEUTSCHE KÜNSTLERKOLONIE ENTSTEHT  Nach dem Pionier Joseph Anton Koch, einem Maler, der Olevano noch als felsiges Hirten-Idyll inszenierte und damit bekannt machte, wandelten bald junge Landschaftsmaler wie Karl Philipp Fohr, Franz Theobald Horny, Heinrich Reinhold oder Julius Schnorr von Carolsfeld auf den wilden Pfaden des Lazio. Hinzu stießen Dichter wie Wilhelm Waiblinger oder Friedrich Rückert, der seine romantische Gesinnung in die Worte „Ich bin der Welt abhandengekommen“ kleidete.   EIN JUNGER HIGH-POTENTIAL AUS DER GOETHESTADT TRITT AUF  Zum Kronzeugen der „heroischen“, romantisch produktiven Jahre Olevanos zwischen 1804 und 1829, macht Maurer den Maler Franz Horny. Der „geborene Romantiker“ besuchte zunächst die Fürstliche Zeichenschule in Goethes Weimar. Seine stimmungsvollen Baum-Motive zeigten ...  „... eine eigentümliche Fähigkeit, im nur organisch Belebten so etwas wie eine seelische Persönlichkeit, einen individuellen Zustand zu entdecken und wiederzugeben, der durchaus menschliche Züge trägt.“ 1816 durfte Horny mit einem Förderer aus dem Umkreis Goethes eine Italienreise antreten. In Rom tauchte der 17-jährige Hoffnungsträger in den Bienenstock des Caffé Greco ein, einen Treffpunkt deutscher Künstler, die, so Maurer, „dem Vaterland wieder auf die Beine helfen“ wollten, das nach Napoleonischer Besatzung und Wiener Kongress darnieder lag.  Die Maler und Dichter trugen ‚altdeutsche Tracht‘, eine Art Mittelalter-Kostümierung, und lange Haare. Golo Maurer nennt sie „reaktionäre Revolutionäre“.  > Man floh vor den politisch-gesellschaftlichen Zuständen der Heimat, also vor Restauration und Unterdrückung. > > > Quelle: Golo Maurer - Olevano „Man floh vor einer Gegenwart, die noch heute als Beginn des wissenschaftlich-technischen Fortschritts gilt und die als seelenlos zu bezeichnen damals Mode wurde: Rationale Betriebsamkeit und bürgerlicher Gewerbegeist, Handel, Börse, Automaten, Manufakturen und Dampfmaschinen – eine aus dem gemütlichen Takt langer Jahrhunderte gekommene Menschheit.“  LANDSCHAFTEN WIE AUS DEN MÄRCHEN DER GEBRÜDER GRIMM  Eingeschüchtert vom „ewigen Rom“ entwickelten die jungen Maler in den Sommerfrischen in Olevano zwischen Steineichen und Felsen eine Landschaftsmalerei von mittelalterlich-märchenhafter Anmutung, die sich von der dominierenden französischen Kunst absetzte und bald als typisch deutsch geschätzt wurde.  Man war, wie Maurer spöttisch sagt, „Landschaftserlebnisweltmeister“.   Unter den ‚Olevanern‘ war auch Franz Horny. Er kam 1817 in die Monti Prenestini, die er als „Zauberland“ empfand. Trotz seiner Tuberkulose aquarellierte und zeichnete er in früher Meisterschaft Landschaften, die aussahen wie aus Grimms Märchen. Er starb 1824, mit nur 25 Jahren, in Olevano.  Golo Maurers Buch ist eine grandiose deutsch-italienische Kunst- und Kulturgeschichte. Fast im Plauderton entreißt Maurer die frühromantischen Pioniere dem Vergessen – und amüsiert, etwa, wenn er den romantikfeindlichen Goethe respektlos „den alten Gockel von Weimar“ nennt.

21. heinä 20264 min
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Gefahren allenthalben – ein Rundblick

GEFAHREN ALLENTHALBEN – EIN RUNDBLICK Wenn T.C. Boyle schwarz sieht, wird es spannend. Die Natur ist aus dem Gleichgewicht und die Menschen sind es auch – diese Beobachtung ist für ihn schon lange ein Thema, das er immer wieder umkreist und mit dem er seinem Publikum Gänsehaut, Horror und manchen Schrecken bereitet.  Exemplarisch steht dafür in seinem neuen Story-Band die Erzählung „Kalter Sommer“. Ein Ehepaar hat in seinem abgelegenen Traumhaus ganz auf Sonnenenergie gesetzt, doch plötzlich scheint aufgrund verschwörerischer Machenschaften keine Sonne mehr und es schneit mitten im Sommer.  HILFLOSIGKEIT UND SCHMERZ  Aus diesem dystopischen Szenario entwickelt sich das, worauf sich Boyle meisterhaft versteht: Eine Schauergeschichte, in der alles, was gerade noch alltäglich war, umschlägt in eine Abfolge von quälenden Schockmomenten.  > Meine Frau lag verletzt auf dem Sofa, mein Wagen stand nutzlos in der Einfahrt, mein Haus hatte keinen Strom, und niemand ging ans Telefon. > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Wie schnell alle Sicherheit von Hilflosigkeit und Schmerz hinweggefegt werden kann, darum geht es in T.C. Boyles neuem Story-Band immer wieder, auch in der Titelerzählung „Das Ende ist nur ein Anfang“. Ein Schriftsteller besucht seinen Verlag in Paris, und der zunächst langweilige Besuch entwickelt sich zu einem kleinen Fest fürs Leben. Doch bald nach seiner Rückkehr bekommt seine geliebte Frau Atemnot. Er hat sie, ohne etwas zu ahnen, mit Corona angesteckt, was sie nicht überlebt. Das ist eine von diesen kaltblütigen Pointen, mit denen Boyle seiner Leserschaft vorführt, wie gemein das blinde Schicksal zuschlagen kann.  MULTIDIMENSIONALE KATASTROPHEN  Mehrere der Kurzgeschichten handeln von den, wie Boyle es ausdrückt, „multidimensionalen Katastrophen, die unter der Oberfläche des Vorstadtlebens lauern“. Zu diesen Gefahren gehören auch jene Soziopathen, die ihre inneren Krisen in brutale Gewalt verwandeln. Eine Musikstudentin, die sich gerade noch in ihrem vom Autor sorgsam ausgemalten Idyll ziviler Kultiviertheit geborgen fühlen konnte, wird zum Opfer eines Amokläufers:  > Ja, er war voller Hass, blindem Hass, und hier war er und da war diese Studentin und stapfte mit ihren Stiefeln durch den Schnee, und spielte es wirklich eine Rolle, ob er vernünftig war, ob er die richtigen Zusammenhänge herstellte? > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Boyle gelingt es nach wie vor perfekt, einen Handlungsraum dramatisch zu beleben. Allerdings bewegt sich das alles im inzwischen doch sehr vertrauten thematischen Kosmos des Autors, dem hier keine neuen Akzente hinzugefügt werden. UMERZIEHUNG IN TRUMP-MANIER  Ausgerechnet die politisch aktuellste Story, die Dystopie mit dem Titel „2036“, bietet mit ihren Trump-Anspielungen nur einige matte satirische Pointen. Da kommen Abweichler in ein Umerziehungslager und müssen die gesammelten Worte des Präsidenten mit der großen Haartolle auswendig lernen. > ‚Versteh mich nicht falsch‘, sagte Lucas, ‚ich liebe den Präsidenten – aber zehn Bände? Mit jeweils fünfhundert Seiten. Ich weiß nicht, ob ich das in meinen Kopf kriege.‘ > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Richtig zündend wirkt diese Übertragung einer Orwell’schen Diktatur auf das Zeitalter Trumps nicht. Trotzdem wird es in diesem Erzählband nie langweilig, aber insgesamt fällt die Bilanz sehr gemischt aus. Schließlich haben diese neuen Storys eine unschlagbare Konkurrenz. Nämlich all die vielen großartigen Kurzgeschichten, die man von T.C. Boyle schon kennt, und keineswegs vergessen hat.

20. heinä 20264 min
jakson „Das Erschreckendste ist, dass es gar keine Monster gibt“ kansikuva

„Das Erschreckendste ist, dass es gar keine Monster gibt“

KEINE MONSTER, SONDERN GEGENWART Der Titel ihres Debütromans führt zunächst in die Irre. „Zeit der Monster“ sei keine Horrorgeschichte, sagt Şeyda Kurt. Die Monster stünden vielmehr für die Krisen unserer Gegenwart: Klimawandel, Vergessen und das Gefühl, dass der Untergang oft realistischer erscheint als eine bessere Zukunft. GESCHICHTE UNTER DER OBERFLÄCHE Der Roman spielt in einem Viertel, das an Köln-Kalk erinnert. Doch Şeyda Kurt verbindet dessen Gegenwart mit weit zurückreichenden historischen und geografischen Bezügen – bis nach Mesopotamien und Kurdistan. Vergangenheit wirke immer in die Gegenwart hinein, sagt sie. Deshalb lasse sich kein Ort erzählen, ohne seine Geschichte mitzudenken. EINE SPRACHE GEGEN DIE SPARSAMKEIT Nach zwei Sachbüchern wollte Şeyda Kurt die Möglichkeiten des Romans ausloten. Sie setzt auf eine sinnliche, üppige Sprache – bewusst gegen das Ideal, Literatur müsse möglichst knapp sein. Die Forderung, „kein Wort zu viel“ zu schreiben, hält sie für Ausdruck einer bürgerlichen Ästhetik, der sie etwas Eigenes entgegensetzen möchte. LITERATUR ALS HEIMAT Am Ende beschreibt Şeyda Kurt Literatur mit einem Gedanken von Novalis [https://www.swr.de/kultur/literatur/novalis-hymnen-an-die-nacht-100.html]: Schreiben bedeute für sie, überall zu Hause sein zu wollen. Deshalb versteht sie „Zeit der Monster“ nicht nur als Roman über Köln-Kalk, sondern als Geschichte über Verlust, Suche und Widerstand, die auch an vielen anderen Orten der Welt spielen könnte.

19. heinä 20269 min