Gin And Talk
Die Möglichkeit eines Seins Es gibt Beziehungen, die enden, bevor sie richtig begonnen haben – nicht, weil die Gefühle fehlten, sondern weil die Zeit fehlte. Gerade sie hinterlassen mitunter die tiefsten Spuren, weil man nicht nur um das trauert, was war, sondern um alles, was hätte werden können. In „Eine Liebe ohne Sommer", dem Debütroman des langjährigen Lektors Timothy Paul, erlebt die Protagonistin Rosa, Mitte dreißig, genau das: eine kurze, intensive Liebe zu Nikolas, der stirbt, als beide gerade zueinander gefunden haben. Der Roman beginnt, wo andere enden – Rosa räumt mit der Mutter des Toten dessen Wohnung aus – und erzählt auf zwei Zeitebenen vom Kennenlernen und vom Danach. Vom Glück der Begegnung und von der Frage, ob man mit Mitte dreißig die große Liebe bereits gehabt haben kann. Paul verhandelt dabei weit mehr als eine Liebesgeschichte. Er schreibt über eine Gesellschaft, die er mit einem treffenden Wort als „julia-robertisiert" beschreibt: durchdrungen von der Erwartung, das eigene Leben möge einer romantischen Komödie gleichen, während die nächstbessere Option nur einen Wisch über den Bildschirm entfernt ist. Er schreibt über eine Anspruchshaltung, die er für eine der großen Geißeln unserer Zeit hält – „ehrlicherweise haben wir einen Anspruch auf nichts", sagt Paul –, und über das Aushalten als unterschätzte Tugend in Beziehungen: nicht als Erdulden, sondern als Bereitschaft, auch schwierige Phasen gemeinsam zu durchleben, statt beim ersten Fehltritt zum nächsten Profil zu wischen. In seinem Roman gibt es deshalb kein Online-Dating. Rosa und Nikolas begegnen sich analog, in einem Treppenhaus, sie klatschnass vom Regen. Weil Paul glaubt, dass dort die Magie beginnt: im Unerwarteten, im Unbequemen, im Echten. Am Ende ist „Eine Liebe ohne Sommer" ein Buch über das Kennenlernen – nicht nur zweier Menschen, sondern auch seiner selbst. Rosa hält sich für selbstbewusst, doch Pauls Erzählung legt ihre Unsicherheiten frei; sie denkt, ihre Familie sei die neurotischste der Welt, bis sie erkennt, dass gerade diese laute, chaotische Sippe im entscheidenden Moment zusammensteht. Paul, Jahrgang 1970, verbindet das mit einer Lebensweisheit, die so einfach klingt, dass man sie leicht überhört: Wer neugierig bleibe und nicht glaube, im Vollbesitz einer Weisheit zu sein, der bleibe jung. Er selbst wolle sein Lieblingsbuch eine Sekunde vor dem Sterben zu Ende gelesen haben – denn es wäre doch furchtbar, wenn man es schon mit dreißig gefunden hätte. Es sind nicht immer die großen Liebesgeschichten, die ein Leben prägen. Manchmal sind es kurze Momente, zufällige Begegnungen, ein Treppenhaus an einem Regentag. Und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen – auch auf die Gefahr hin, dass es wehtut. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com [https://schwerkraft-der-vernunft.com] Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk [https://instagram.com/ginandtalk] Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com [https://48forward.com]
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