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SWR Kultur lesenswert - Literatur

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episode Männer, ran an die Gefühle! – Ole Liebl ruft mit „Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle“ zu einer Trendwende der Maskulinität auf artwork

Männer, ran an die Gefühle! – Ole Liebl ruft mit „Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle“ zu einer Trendwende der Maskulinität auf

AUCH MÄNNER LEIDEN UNTER DEM PATRIARCHAT Es ist ein dunkler Blick in den Abgrund der „Manosphere“, mit dem Ole Liebl sein Buch eröffnet. Der Verbund antifeministischer Maskulinisten, verbreitet vor allem digital seine Hass-Ideologie, dass die gute alte Männlichkeit mit aller Macht zurückgeholt werden müsse.  In der Manosphere geben Beziehungscoaches Tipps, wie Männer sich Frauen gefügig machen können und reichweitenstarke Podcasts schicken mit Raubtiermetaphern Männer auf die Jagd zu ihrem Männer-Ego, wofür es gestählte Körper, emotionale Kälte und beruflichen Erfolg brauche.   Der weltweite Anstieg der Gewalt an Frauen, analysiert Ole Liebl, liegt in dieser angeblichen Bedrohung der Männlichkeit. Doch auch Männer würden unter diesem Patriarchat leiden, lautet die These. MACHT ZUM PREIS EMOTIONALER VERKÜMMERUNG Patriarchat verspricht Macht, doch zum Preis einer emotionalen Verkümmerung. Nur wenn Männer anerkennen, dass sie fühlende Wesen sind, gibt es einen Weg raus aus der Gewaltfalle:  > Denn auch Männer sind verspielt, süß, bedürftig nach Streicheleinheiten und menschlicher Nahe. Sie können albern sein und lachen, ängstlich sein und anhänglich. Männer können alles sein, was Menschen liebenswert macht.   > > > Quelle: Ole Liebl – Brutal fragile Typen Die Auseinandersetzung mit Gefühlen, mit Lebendigkeit und Nähe würde Männern im Patriarchat ebenso abtrainiert, wie sie Frauen antrainiert wird. AUSWIRKUNGEN AUF DIE LEBENSQUALITÄT Darunter leiden dann alle – Frauen müssen die Gefühlsarbeit in Beziehungen und in der Kindererziehung leisten; Männer bleiben unfähig, Nähe zu Partnerinnen, Freunden und Familie zu entwickeln:   „Viele Frauen beklagen, dass Männer mehr oder weniger das emotionale Vokabular von Kleinstkindern haben. Wer sie fragt, wie es ihnen geht, muss mit einer Auswahl von circa fünf Begriffen auskommen: gut, schlecht, müde, horny, hungrig. Auf dieser Basis lässt sich in der Regel kein sinnvolles Gespräch über Gefühle führen.“ Die männliche Gefühlsarmut, analysiert Liebl, äußert sich in einer geringeren Lebensqualität, einer höheren Suizidrate, einer Intimitätsfurcht, einer panischen Angst vor Schwäche und Verletzlichkeit und der Unfähigkeit mit Stress und emotionalen Problemen umzugehen.  Das alles auf Kosten von Frauen, von denen sich Männer grundsätzlich emotional versorgen lassen.   > Männer fühlen also nicht weniger, sondern überlassen den Umgang mit ihren Gefühlen anderen oder sie schweigen. Dabei beruhen alle emotional intimen Beziehungen zumindest in Teilen darauf, sein Innenleben anderen vertraulich mitzuteilen. > > > Quelle: Ole Liebl – Brutal fragile Typen KULTURELL ERZEUGTE MÄNNLICHKEITSBILDER „Dass dieses Innenleben Ausdruck finden darf, in überschwänglicher Freude und bestürzter Trauer, mit all seinen Zweifeln, Träumen, Ängsten und Hoffnungen. Die emotionale Verkümmerung vieler Männer betrifft deshalb auch auf katastrophale Weise die Männer selbst“, schreibt Liebl.   Mit „Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle“ legt Ole Liebl eine Kulturgeschichte männlicher Prägungen vor. Was feministische Theorie seit Jahrzehnten für kulturell erzeugte Frauenbilder untersucht, nimmt Liebl hier für Männer unter die Lupe. Was bedeutet es für die männliche Gefühlswelt, dass sogenannte Männerfilme Ideale von Unverwundbarkeit, Härte gegen sich selbst und mangelnde emotionale Tiefe propagieren. Wo sind die emotionalen Vorbilder jenseits von spektakulären Männlichkeiten, die mit archaischen Rollenbildern wie Vater, Krieger oder Jäger hantieren. Für Ole Liebl ein Teufelskreis, aus dem Männer selbst rausfinden müssten.  GEFÜHLE LERNEN UND ÜBEN > Was fordern wir von Männern? Sie sollen emotionale Arbeit leisten und zwar sowohl mit dem Kopf, als auch mit dem Herz. Sie sollen emotionale Arbeit für sich selbst leisten, für Frauen und Queers, ebenso für ihre männlichen Mitmenschen. > > > Quelle: Ole Liebl – Brutal fragile Typen „Sie sollen lernen, Gefühle nicht wegzudrücken und Emotionen zu verschieben, sondern insbesondere für ‚unmännliche‘ Gefühle wie Trauer und Ratlosigkeit offen zu sein, sie zuzulassen und auszudrücken“, fordert er. Und weiter: „Sie sollen lernen, Gefühle zu reflektieren und sozial einzuordnen. Das muss immer wieder geübt werden. In Freundschaften, in der Familie, in Partnerschaften.“ Die sehr lesenswerte Kulturanalyse läuft jedoch auf kein richtiges Fazit hinaus – wie die Trendwende für Männer genau eingeläutet werden soll, bleibt unklar. Auch der Aufruf am Ende, Männer sollten geliebt werden, klingt angesichts der realen Gewalt gegen Frauen ziemlich dürftig. Auf jeden Fall ein Buch, das für Männer gedacht ist und von Männern gelesen werden sollte.

Gisteren - 4 min
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Neuer Roman von Lukas Rietzschel – „Sanditz“

IN DER FIKTIVEN OSTDEUTSCHEN STADT SANDITZ Sanditz, eine fiktive kleine Stadt, nahe der polnischen Grenze im Lausitzer Braunkohlerevier. Es ist 2021, Weihnachten, mitten in der Coronapandemie. Maria Wenzel wird Heiligabend mit ihrer Mutter Marion und ihrer Großmutter Erika verbringen, aber ohne ihren Zwillingsbruder Tom. Weil er nicht geimpft ist. > „Hast du mit Tom nochmal reden können?“, fragt Mutter. Sie macht den Fernseher leiser. > „Nicht direkt, nein.“ > „Ich verstehe nicht, warum er sich nicht einfach impfen lassen kann. Wo ist denn das Problem? Will er uns nicht sehen?“ > > > Quelle: Lukas Rietzschel – Sanditz Maria ist zu müde, um dieses Gespräch zu führen. Wenn es das erste dieser Art wäre, vielleicht wäre sie dann motiviert. EIN SCHUTZRAUM FÜR FREIE GEDANKEN Die zweite Zeitebene in Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“ spielt Ende der 1970er Jahre. Sanditz ist ein wichtiger Industriestandort mit Glasfabrik, Nähereien, einem Matratzenwerk und einer Maschinenfabrik. Familie Wenzel ist gläubig, aktiv in der örtlichen christlichen Gemeinde. Die ist ein Schutzraum für Oppositionelle, ein kleiner Freiraum für kritische Gedanken. Heimlich werden auch in der Gemeindebibliothek vom Staat verbotene Bücher kopiert. Die bringt Norbert Wenzel, der als Orgelbauer ins Ausland reisen darf, mit nach Sanditz: „Immer kam er zurück. Er ließ die Fragen bei der Einreise über sich ergehen, das teilweise stundenlange Verhör beim immer gleichen Grenzer (irgendwann duzten sie sich; der Mann hieß Michael, was ihn irrigerweise vermuten ließ, dass er ein Christ war). Die Bücher, die er in einem Einlegeboden versteckte, wurden auch dieses Mal nicht gefunden." VON DER WENDEZEIT BIS ZUM UKRAINEKRIEG Der Roman wechselt zwischen den letzten Jahren der DDR und schließlich der friedlichen Revolution 1989 und unserer Gegenwart bis zum Beginn des Ukrainekriegs. Nach und nach nimmt Lukas Rietzschel die einzelnen Mitglieder der Familie Wenzel und einige Bewohner der Kleinstadt in den Blick und erzählt ihre Geschichten. Sie hadern mit der Vergangenheit und arbeiten sich an der Gegenwart ab, sie entfremden sich und finden wieder zueinander – und natürlich geht es auch um Liebe: Tom wird verlassen, Marias Liebesleben ist ziemlich chaotisch und der Vater der beiden verbarg jahrzehntelang, dass er eigentlich Männer liebt.   EIN PANORAMA DER WENDEZEIT BIS HEUTE So entsteht nach und nach ein Panorama der Wendezeit bis heute. Dabei schreibt Lukas Rietzschel bemerkenswert detailliert. Er lässt sich Zeit für genaue Alltagsbeobachtungen zeichnet Landschaften und Menschen mit viel Präzision, Feingefühl und Respekt: „Jahre später, 2015 war das, befand Erika Wenzel, dass es Menschen gab, die die Sachen dringender brauchten. Vertriebene, wie sie selbst eine war. Frau Seiler rief ihr durchs Fenster hinterher: „Erika, die brauchen deine Anzüge nicht! Hast du mal gesehen, dass die alle teure Handys haben? Das sind keine Flüchtlinge, das ist alles ein riesengroßer Beschiss!“ Aber sie ging weiter und drehte sich nicht um. Ein einziges Argument hatte sie für Frau Seiler übrig: „Christa, das gehört sich so.“ RIETZSCHELS FIGUREN SPRECHEN FÜR SICH Lukas Rietzschels Roman vertritt keine großen Thesen, es gibt keine moralischen Kommentare. Stattdessen lässt er seine Figuren sprechen, lässt sie auseinanderdriften und wieder zusammenfinden. Dabei geht es um große gesellschaftliche Fragen – um Heimat und Zugehörigkeit, und darum, wie sich Konflikte durch Familien und Freundschaften ziehen. Wer „Sanditz“ liest, bekommt Ostdeutschland nicht erklärt, aber sehr genau erzählt. Und merkt dabei schnell: Viele der Konflikte, die hier verhandelt werden, sind längst nicht „nur ostdeutsch“.

Gisteren - 3 min
episode Zwischen Film und Science Fiction. Dietmar Dath erhält den Alfred-Kerr-Preis 2026 artwork

Zwischen Film und Science Fiction. Dietmar Dath erhält den Alfred-Kerr-Preis 2026

Dietmar Dath [https://www.swr.de/swrkultur/programm/die-nacht-des-hoerspiels-hoerspiel-trifft-zukunft-ard-radio-kulturnacht-2025-11-08-100.html] ist Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autor von rund 50 Büchern. Er stammt aus der Nähe von Lörrach und lebt heute in Frankfurt und Freiburg. Nach der Preisverleihung war er bei SWR Kultur zu Gast. Er erzählt, was ihn an Literaturkritik und Zukunftsgeschichten interessiert. Und auch davon, warum er in verschiedenen Genres schreibt und wie es ihm gelingt, so produktiv zu sein.

22 mrt 2026 - 15 min
episode Nahbar, vielfältig und widerständig: Das war die Leipziger Buchmesse 2026 artwork

Nahbar, vielfältig und widerständig: Das war die Leipziger Buchmesse 2026

DEBATTE UM KULTURSTAATSMINISTER WEIMER ÜBERSCHATTET BUCHMESSE Wolfram Weimer [https://www.swr.de/kultur/literatur/ruecktrittsforderungen-wolfram-weimer-leipziger-buchmesse-100.html] hat viele Versuche gemacht, sich rauszureden. Am Schluss bemühte er sogar Jürgen Habermas [https://www.swr.de/kultur/literatur/juergen-habermas-ein-portraet-100.html]. Drei linke Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis auszuschließen, allein auf der Grundlage von Informationen des Verfassungsschutzes, die aber die Betroffenen und die Öffentlichkeit nicht kennen dürfen – mit dieser Entscheidung habe er eine Debatte angestoßen, ganz im Sinne von Jürgen Habermas. Der Kulturstaatsminister lag schon oft weit daneben mit seinen Äußerungen. Weiter als mit dieser kann man aber kaum daneben liegen. Denn in den Werken des Philosophen Jürgen Habermas geht es um den „herrschaftsfreien Diskurs“. Gegen Buchhandlungen mit Geheimdienstinformationen vorzugehen, ist aber alles andere als eine „herrschaftsfreie“ Geste des Staates. Eine größere Herrschaftsgeste kann man sich im Bereich der Kulturförderung und der Kulturpolitik kaum vorstellen. WIDERSTAND UND RÜCKTRITTSFORDERUNGEN Die positive Nachricht der diesjährigen Buchmesse ist: Die Buchbranche hat fast geschlossen Widerstand geleistet gegen diesen Akt des kulturpolitischen Feudalismus. So unterstützt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die drei ausgeschlossenen Buchhandlungen juristisch. Sie wollen klagen, auch dagegen, dass Wolfram Weimer sie ohne Begründung extremistisch genannt hat. Viele, die man in den Messehallen fragt, halten sich mit Rücktrittsforderungen nicht zurück. Und der Hanser-Verlag hat sogar eine Party veranstaltet für ausdrücklich alle Buchhandlungen. Auch für die drei, gegen die Weimer das scharfe Schwert des Verfassungsschutzes schwingt. Party ist ein gutes Stichwort: Die Leipziger Buchmesse ist eine große Party – unterhaltsam, anregend, aber eben auch politisch und widerständig. Durch die Hallen sind zahlreiche Veranstaltungsinseln verteilt: Sie heißen Café Europa, Wortwelten, Horizonte. Dort wird gelesen und diskutiert – Demokratie [https://www.swr.de/kultur/literatur/ist-der-buchhandel-schutzbeduerftig-100.html], KI [https://www.swr.de/kultur/literatur/die-verlagswelt-und-ki-beobachtungen-von-der-leipziger-buchmesse-2026-100.html], globale Krisen [https://www.swr.de/kultur/literatur/autor-dirk-steffens-hoffnungslos-optimistisch-trotz-aller-krisen-wir-sind-nicht-machtlos-und-haben-mehr-loesungen-als-probleme-100.html]. Die Stuhlreihen sind fast immer gut gefüllt. AUF DER BUCHMESSE: DIALOGE AUF AUGENHÖHE Und in der Buchbar können Lesefans an einem langen Holztisch auf Tuchfühlung gehen mit Autorinnen und Autoren. Manche setzen sich strategisch in die Mitte des Tisches, Schriftstellerinnen links und rechts neben sich. Manche Besucherinnen und Besucher sind dort seit Jahren Stammgäste. In die Reporter-Mikrofone verraten sie ihr Credo: Die Autoren kommen zu mir, nicht ich muss zu ihnen kommen! Ein Dialog auf Augenhöhe, ganz anders als der Star-Rummel auf der großen Bühne. Natürlich pilgern die Lesefans auch zu den Stars der Szene. Doch es ist der Mix, den die Leipziger Buchmesse so besonders macht: mal Lesefest, mal großes literarisches Klassentreffen, Leipzig zeigt sich nahbar und vielfältig. Werte, die weit über die Buchmesse hinausreichen, die, man muss es in diesen Zeiten sagen, die Demokratie stärken können. KULTURKAMPF EINES ÜBERFORDERTEN KULTURSTAATSMINISTERS Aber nicht alles ist rosig und glitzernd, wie die Buchcover der zahlreichen New Adult-Bücher [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-new-adult-halle-auf-der-frankfurter-buchmesse-100.html] vermuten lassen: Verlage kämpfen mit gestiegenen Kosten für Papier und Druck. Die Lesekompetenzen von Kindern und Jugendlichen nehmen dramatisch ab. Das sind die Themen, die die Kulturpolitik beschäftigen sollten. Und nicht ein Kulturkampf, den ein offenbar überforderter Kulturstaatsminister unnötigerweise vom Zaun bricht. Bei der Solidaritäts-Party für die Buchhandlungen lautete das Motto übrigens „Buchhandlungen sind der beste Verfassungsschutz“. Ein treffender Satz, den man nach vier Tagen Leipziger Bücher-Party zuspitzen kann: Denn Bücher garantieren Meinungsfreiheit.

22 mrt 2026 - 3 min
episode Die Verlagswelt und KI. Beobachtungen von der Leipziger Buchmesse 2026 artwork

Die Verlagswelt und KI. Beobachtungen von der Leipziger Buchmesse 2026

WIE HALTEN ES DIE BUCHVERLAGE MIT DER KI? Leipzig im März 2026. Buchmesse. Auf vielen Podien wird die Gretchenfrage gestellt, auch auf der Bühne der Unabhängigen Verlage: Wie halten es die Buchverlage mit der KI? Sebastian Guggolz [https://www.swr.de/kultur/literatur/die-buchbranche-im-jahr-2026-100.html], Verleger, Lektor und Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, beobachtet, dass Verlage KI vor allem in der Zielgruppenanalyse und der Werbung nutzen. „Also auf dieser Marketingseite habe ich ganz oft das Gefühl, fast alles, was die KI da bewirkt, kann genauso gut mit ein bisschen Erfahrung, mit ein bisschen sich einmal hinsetzen und sich was überlegen, ganz genauso erfüllt werden“, findet Guggolz. „Allerdings muss ich auch dazu sagen, (…), wenn die KI in diesem Bereich nur eingesetzt wird, dann bin ich schon ganz zufrieden, weil da richtet sie zumindest nicht so viel Schaden an, sagen wir es mal so.“ KI BRINGT NICHT DIE QUALITÄT IM LEKTORAT Auch im Vertrieb, bei der Planung von Auflagenhöhen, in der Verwaltung und Buchhaltung kann KI nützliche Dienste leisten. Aber wie ist es im Lektorat? Also dort, wo wirklich an den literarischen Texten gearbeitet wird? Henrike Doerr berichtet: > „Also ich muss ganz klar sagen, derzeit, Stand jetzt, ist es einfach so, dass KI nicht das leisten kann, von der Qualität her gesehen, was ein menschliches Lektorat leisten kann.“ > > > Quelle: Henrike Doerr Henrike Doerr arbeitet als freiberufliche Lektorin. Sie kennt sich aus mit allen derzeit gängigen KI-Tools für diesen Bereich. „Mir ist aber auch klar, (…) dass meine Kundschaft oft so einen Good-Enough-Ansatz hat. Die wollen nicht unbedingt den Porsche, da reicht auch der Fiat Panda. Und, gut, dann wird mit KI gearbeitet.“ HILFSMITTEL FÜR ÜBERSETZUNGEN > Ich habe sie als gutes Hilfsmittel entdeckt, zum Beispiel bei Übersetzungen. > > > Quelle: Hans-Gerd Koch Hans-Gerd Koch ist Leiter des Karl Rauch Verlags. „Es ist ja immer so eine Frage, was macht man mit Übersetzungen aus Sprachen, die man selbst nicht beherrscht? Wie kann man das kontrollieren? Und ich habe das immer so gemacht, dass ich dann ein Fremdsprachenlektorat extern habe machen lassen“, erzählt Koch. „Und ich gehe jetzt dazu über, das doch auch selbst zu machen. (…) Und ich habe ein Tool entdeckt, was sehr ordentlich Übersetzungen macht. (...) Und es hilft mir dann zu sehen, ob die Übersetzung richtig ist und gut ist. Und ich kann mich ganz dann auf die Qualität der deutschen Übersetzung konzentrieren.“ Stichwort Übersetzung: Im letzten Jahr wurde die Übersetzerin Janine Malz für die Überarbeitung einer KI-Übersetzung angefragt. Für weniger Geld, ohne Urheberrechte. Malz hat dankend abgelehnt und das alles öffentlich gemacht. Hans-Gerd Koch etwa betont, dass er Übersetzungen nur menschlichen Profis anvertraut. Inwiefern die wiederum KI nutzen, ist ein Graubereich. Namhafte Übersetzer:innen betonen jedoch, dass der Einsatz von KI bei literarischen Texten geradezu kontraproduktiv ist. VERBOT VON KI FÜR AUTOREN UND AUTORINNEN Bei Autorinnen und Autoren gibt es in Verträgen inzwischen oft einen Passus, der den Einsatz von KI verbietet. „Genau, also wir haben da tatsächlich auch in den Verträgen was stehen“, bestätigt Rebecca Prager. Sie ist Pressesprecherin des Konzerns Penguin Random House. „Gleichwohl, so wie wir KI als Werkzeug nutzen, dürfen natürlich Autorinnen für Recherchezwecke oder sowas es natürlich nutzen, so wie es ihnen gut tut, wie sie es brauchen“, stellt die Pressesprecherin klar. SELBSTVERÖFFENTLICHUNGEN EN MASSE Aber können Verlage heimlich KI-generierte Manuskripte überhaupt erkennen? In der englischsprachigen Welt sorgt der Roman „Shy Girl“ gerade für Aufregung, der vermutlich zum großen Teil mit KI verfasst wurde. Ohne dass es irgendwem im Verlag Hachette aufgefallen wäre. Hans-Gerd Koch ist wissentlich noch kein zweifelhafter Text untergekommen: „Vielleicht, weil ich darüber auch nicht nachgedacht habe. Wenn einfach mir ein Text so schlicht oder zu blöd war, habe ich es nicht auf KI geschoben, sondern auf die Autorin oder den Autor. (...) Aber insofern kann es sein, dass was dabei war.“ Immer häufiger „was dabei“ ist etwa auf Self-Publishing-Plattformen wie Amazon Kindle Direct Publishing, auf denen Autor:innen eigene Werke ohne Verlag selbst hochladen und verkaufen können. Inzwischen werden dort so viele neue Bücher hochgeladen, dass Amazon ein Upload-Limit pro Account eingeführt hat. In der Masse wird es für Autor:innen immer schwerer, sichtbar zu werden. Und die viel langsameren Verlage haben etwa dann das Nachsehen, wenn zu aktuellen Ereignissen fast in Echtzeit zahllose KI-generierte Titel erscheinen. „ICH GLAUBE, DASS WIR EINE SEHR, SEHR GROSSE KULTURELLE KRÄNKUNG ERLEBEN WERDEN“ Manch ein Autor von Kochbüchern, Reiseführern, Krimis oder Romance-Novels mag sich da fragen, ob es die Arbeit überhaupt noch wert ist. „Ich glaube, dass wir eine sehr, sehr große kulturelle Kränkung erleben werden“, äußert sich Dirk von Gehlen [https://www.swr.de/swrkultur/wissen/dirk-von-gehlen-reden-wir-zu-schlecht-ueber-unser-bildungssystem-100.html]. Der Journalist und Digitalexperte Dirk von Gehlen hat das Forum „Mensch und KI“ auf der Buchmesse kuratiert. „Wie gehe ich damit um, dass die Maschine das kann? Meine erste Prognose ist deshalb, wir werden eine sehr, sehr lange Diskussion über Qualität bekommen. Wir werden sehen, dass Autorinnen und Autoren sagen, ja, ganz so gut wie ich ist aber dieser Text nicht“, glaubt von Gehlen. „Das richtig Spannende beginnt aber in der Phase nach der Kränkung, wenn wir anfangen, die Maschine und die Produkte, die die Maschine schaffen kann, so in unsere Arbeit zu integrieren, dass wir damit vielleicht mehr schaffen.“ RECHTLICHE PROBLEME MIT KI Keine Kränkung, sondern ein ganz handfestes rechtliches Problem sieht Sven Lehmann von Bündnis 90/Die Grünen. Der Vorsitzende des Kulturausschusses des Deutschen Bundestags saß in Leipzig auf einem Panel zum Thema KI. „Als das losging mit KI (…), da sind die Stimmen, die auch vor dem gewarnt haben, was jetzt nämlich passiert, nämlich sozusagen das Unsichtbar-Machen von kreativen Leistungen, dass KIs trainiert werden, ohne dass Urheberinnen und Urheber überhaupt gefragt werden, geschweige denn zustimmen müssen oder bezahlt werden.“ > Also, all das ist aus der Kultur, auch aus der Buchbranche, sehr, sehr stark auch angemahnt und thematisiert worden. (…) Jetzt sehen wir, dass genau das eingetreten ist.“ > > > Quelle: Sven Lehmann Ein robustes Urheberrecht gibt es nicht. Besonders Bestseller laden dazu ein, mittels KI eine Unzahl an Plagiaten herzustellen. Rebecca Prager kennt das Problem: „Da können wir dagegen vorgehen, aber halt auch immer erst, wenn der Fall dann da ist. Und das ist auch natürlich ein wahnsinniger Aufwand für uns als Verlag, das dann im Blick zu behalten.“ „SCHREIBEN IST EINE KULTURPRAXIS“ Verlage und KI – es bleibt komplex. Und die Branche steht in dieser Entwicklung erst am Anfang. In Leipzig schwankt man noch zwischen nüchternem Pragmatismus und drängenden Zukunftssorgen. Da hilft es, sich auf das eigentlich Menschliche beim Büchermachen zu konzentrieren. > Schreiben ist eine Kulturpraxis. > > > Quelle: Henrike Doerr „Müssen wir uns schon fragen, ist das ein Wert an sich, den es zu erhalten gilt oder nicht? Wie möchte ich mich konkret als Mensch dazu verhalten? Das sind alles Fragen, das stellt sich KI gar nicht, weil sich KI überhaupt keine Fragen stellt“, bestimmt Doerr. Und, so drückt es Sebastian Guggolz aus: „Subjektivität kann nicht simuliert werden von der KI. Subjektivität kann nur vom Menschen kommen.“

22 mrt 2026 - 6 min
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