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Mercedes und Kriegstüchtigkeit: Bereit, mitzumachen

5 min · 18. maj 20265 min
episode Mercedes und Kriegstüchtigkeit: Bereit, mitzumachen cover

Beskrivelse

Die Wirtschaft steht Gewehr bei Fuß. „Mercedes als Rüstungsfirma?“ und „Rollen bald Panzer mit Mercedes-Stern vom Band“, fragt die Bild-Zeitung. Und vom Mercedes-Chef heißt es: „Wir wären dazu bereit.“ In einem Interview [https://www.bild.de/politik/inland/mercedes-als-ruestungsfirma-wir-waeren-dazu-bereit-sagt-chef-kaellenius-6a0805bcd1570d73067a17f3#fromWall] äußert sich der 56-jährige Ola Källenius zur Beteiligung seines Konzerns im Bereich der Rüstungsindustrie. Herausgekommen ist dabei ein Interview, das zeigt: An der Spitze eines der wichtigsten Unternehmen Deutschlands steht ein Mann, der ideologisch auf Linie ist. Mitmachen – so lautet die Devise. Zwischendrin spricht Källenius davon, dass es sich aber „lohnen“ müsse. Die Politik will das Land „kriegstüchtig“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=127039] machen – und die Wirtschaft macht mit. Gesellschaftliche Verantwortung? Verstand? Wenigstens ein kritisches Wort gegenüber dem Wahnsinnskurs der Aufrüstung? Von wegen. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. „Die Welt ist unberechenbarer geworden“, sagt Källenius im Interview. [https://www.wsj.com/business/autos/mercedes-benz-ceo-says-carmaker-is-willing-to-enter-defense-production-bd40e3c9] Er schiebt hinterher, es sei „völlig klar, dass Europa seine Verteidigungsfähigkeit ausbauen“ müsse. Schließlich sagt er: „Sollten wir dabei eine positive Rolle spielen können, wären wir dazu bereit.“ Das sagt der schwedisch-deutsche Vorstandsvorsitzende der Mercedes Benz Group, ohne auch nur den Hauch von Kritik erkennen zu lassen. Es sind die Worte eines Absolventen der Handelshochschule Stockholm und der Universität St. Gallen. Das sind die Worte eines Managers, der seit den 90er-Jahren Führungsverantwortung inne hat. Darf man von einem Mann mit derartigen Bildungs- und beruflichen Hintergründen erwarten, dass er den Unterschied zwischen „Medienwahrheit“ und der Realität erkennt? Darf die Gesellschaft erwarten, dass so jemand begreift: Wenn Medien und Politik von „Kriegstüchtigkeit“ [https://www.nachdenkseiten.de/?page_id=47542&suche=kriegst%C3%BCchtig] sprechen, sind Propaganda, Manipulation und Lügen nicht weit? Vielleicht wäre die Welt eine bessere, wenn irgendwo an hoher Stelle eines Staates Menschen stünden, die zwischen dem, was in der Zeitung steht, und dem, was ist, unterscheiden könnten. Källenius tritt als Akteur in Erscheinung, der sich im Phrasenhaften verliert. Die Welt sei „unberechenbarer geworden“ – als ob „die Welt“ etwas werden könne. Nicht die Welt ist unberechenbarer geworden – konkret mit Namen benennbare Politiker haben Entscheidungen getroffen, die im negativsten Sinne weitreichend sind. Konkret mit Namen benennbare Politiker und Akteure sprechen davon, dass der Krieg nach Moskau getragen [https://www.dw.com/de/kiesewetter-den-krieg-nach-russland-tragen/a-68215200] werden müsse; dass „Russland für immer ein Feind für uns bleiben“ [https://www.berliner-zeitung.de/article/kuenftiger-aussenminister-wadephul-russland-wird-immer-ein-feind-fuer-uns-bleiben-2320148] werde; dass mit einem Angriff Russlands auf die NATO zu rechnen sei usw. Bei der politisch herbeihalluzinierten Zeitenwende geht es doch nicht um eine Welt, die „unberechenbarer“ geworden ist. Es geht um klar sichtbare politische Entscheidungen. Es geht um einen Stellvertreterkrieg [https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/interview-mit-michel-wyss-es-ist-der-erste-stellevertreter-krieg-zwischen-russland-und-der-nato-in-europa_id_94392173.html] in der Ukraine. Es geht um eine Politik der Aufrüstung. Die angeblich „unberechenbarer“ gewordene Welt ist das Ergebnis einer sehr berechnenden Politik. Doch anstatt sich dieser Politik entgegenzustellen, meint Källenius, es sei „völlig klar“, dass Europa seine „Verteidigungsfähigkeit“ ausbauen müsse. „Klar“? Das ist nicht „klar“. Das ist eine von verblendeter Ideologie nur so strotzende, dafür politisch gerade sehr genehme, gewünschte Position. Klar ist etwas anderes. Mercedes macht mit – so wie auch VW und viele andere Unternehmen. Wo ist die gesellschaftliche Verantwortung? Oder soll es gesellschaftlich verantwortlich sein, Kriegsgerät zu produzieren? In einem taz-Artikel aus dem Jahr 1987 heißt es: > Daimler: Der gute Stern der Nazis. > Eine gestern vorgestellte Untersuchung belegt die Komplizenschaft zwischen Konzern und Faschismus [https://taz.de/Daimler-Der-gute-Stern-der-Nazis/!1867576/] Gewiss: Gestern ist nicht heute. Heute will die Politik Deutschland „nur“ kriegstüchtig [https://x.com/NieMehrKrieg/status/1938499257796808737] machen. Begreift Källenius denn wirklich nicht, was hier vor sich geht? Titelbild: Screenshot “Bild”

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episode Beleidigte Leberwürste cover

Beleidigte Leberwürste

Deutschland hat viele Talente – Weltkriege führen und Singen gehören bekanntlich nicht dazu. Immer wenn deutsche Generäle, Barden oder Hupfdohlen Europa im Sturm erobern wollen, geht dieses Vorhaben trotz jeder Menge Rückenwind durch die publizistische Heimatfront so richtig in die Hose. So auch vorgestern beim ESC in Wien, wo die musikalische Wunderwaffe Sarah Engels vollkommen verdient mit null Punkten des Publikums den Heldinnentod starb. Nun wittern die Revanchisten der BILD eine internationale Verschwörung gegen die deutsche Sangeskunst, spielen beleidigte Leberwurst und wollen am liebsten nie wieder am ESC teilnehmen [https://www.bild.de/unterhaltung/stars-und-leute/esc-bild-vize-tanja-may-naechstes-jahr-schaue-ich-mir-den-contest-nicht-mehr-an-6a094fd6d1570d73067a25d6]. Nun gut. Ich hätte da eine bessere Idee. Eine Glosse von Jens Berger. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. „Germany – Zero Points“. Dieser Satz ist ein nationales Trauma, egal ob er nun in einem Eisenbahnwagen in Compiegne, vor dem zerbombten Berliner Führerbunker oder halt Jahr für Jahr auf der Bühne des Eurovision Song Contest fällt. Europa scheint sich irgendwie gegen uns verschworen zu haben. Und wie weiland Wilhelm Zwo und der österreichische Postkartenmaler mit dem putzigen Bart hadert die deutsche Volksseele in Gestalt der BILD nun einmal mehr mit dem Schicksal. Was erlaube Europa? Dabei war der deutsche Beitrag doch im Felde ungeschlagen und hätte eigentlich den Endsieg verdient. [https://www.nachdenkseiten.de/wp-content/uploads/2026/05/260518_01.png]https://www.nachdenkseiten.de/wp-content/uploads/2026/05/260518_01.png Screenshot BILD, aus urheberrechtlichen Gründen verfremdet Und überhaupt: Undank ist der Welten Lohn! Noch nicht einmal aus der Ukraine haben wir einen einzigen Punkt bekommen! Klar, Pipelinesprengen unter Freunden geht auch nicht; aber zumindest beim ESC hätten diese Ukrainer doch mal zum Telefonhörer greifen können. Wir hätten das auch bezahlt! Ehrenwort! Aber nein. Deutschland: null Punkte. Es ist zum Mäusemelken und absolut nachvollziehbar, dass nun gerade die BILD, die sich schon so sehr auf die Siegesparade mit gewonnener ESC-Trophäe gefreut hat, nun beleidigt ist. Wenn wir keine Punkte von diesen undankbaren europäischen Gesellen bekommen, dann spielen wir künftig auch nicht mehr mit. 93 Prozent der BILD-Leser [https://www.bild.de/unterhaltung/stars-und-leute/esc-2026-mehrheit-der-bild-leser-gegen-erneute-teilnahme-6a09dc43c3a4b30c5691daef] sind nun dafür, dass Deutschland künftig bereits auf den Versuch verzichten soll, Europa musikalisch im Sturm zu erobern. Das ist löblich. In Deutschland hat sich eine musikalische Friedensbewegung gebildet und die BILD ist offenbar ihr Leitorgan. Gitarren zu Pflugscharen. Nie wieder soll ein Lied von Deutschland ausgehen! Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Man darf nie den in der deutschen Seele verankerten Sanges-Revanchismus vergessen. Wehret den Anfängen! Aber wenn wir schon mal beim Thema sind. Könnte man diese pazifistische Grundhaltung, die das musikalische Stalingrad in Wien nun ausgelöst hat, nicht auf wichtigere Kriegsschauplätze ausdehnen? Wir können ja – wie bereits am Rande erwähnt – nicht nur nicht singen, sondern haben auch beim Kriegführen weder Talent noch Fortune und landen nicht beim ESC, sondern auch bei Weltkriegen verlässlich auf einem der letzten Plätze. Liebe BILD, nun müsst Ihr nur noch eins und eins zusammenzählen. Ich möchte wetten, dass auch ein Großteil Eurer Leser gegen eine erneute Weltkriegsteilnahme ist. Was meint Ihr? Wäre die Welt nicht besser dran, wenn wir Deutschen künftig nicht nur das Singen, sondern auch das Töten aufgeben? [https://www.nachdenkseiten.de/wp-content/uploads/2026/05/260518_titel.png]https://www.nachdenkseiten.de/wp-content/uploads/2026/05/260518_titel.png Leider nur ein hypothetischer Screenshot, erstellt mit KI [http://vg07.met.vgwort.de/na/69f5bd71b543446991bcda5ae48010f2]

18. maj 20264 min
episode Trump war in China. Und was jetzt? cover

Trump war in China. Und was jetzt?

Welche Bilanz bleibt von Trumps China-Reise? Kurzfristige Deals und ein PR-Erfolg? Oder beginnt nun eine langfristig stabile Beziehung zwischen den beiden wohl wichtigsten Großmächten? Chinas Staatschef Xi Jinping betonte Partnerschaft statt Rivalität. US-Präsident Donald Trump hat Xi Jinping jedenfalls mehrfach als Freund bezeichnet und aggressive Töne vermieden. Außerdem hat ihm offenbar jemand eine ziemlich gute Festrede geschrieben. Von Stephan Ossenkopp. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Der Besuch des amerikanischen Präsidenten Donald Trump mit großen Teilen seines Kabinetts und einer umfangreichen Unternehmerdelegation hat eine Flut von Bildern und Videoclips erzeugt. Die größten chinesischen Tageszeitungen haben große Sonderteile, Fotostrecken und Spezialserien gedruckt. Douyin, das chinesische Tiktok, ist übersät mit Ausschnitten der verschiedenen Begegnungen. Ob der Besuch beim Himmelstempel oder die Selfies beim Abendessen – etwa zwischen dem amerikanischen Industrieboss Elon Musk und dem CEO des chinesischen Tech-Giganten Xiaomi, Lei Jun, der ebenfalls Multimilliardär ist. Besonders bemerkenswert war die Szene, in der der chinesische Präsident seinen amerikanischen Gast in den ansonsten unzugänglichen Regierungsbezirk mitnahm. „Manche dieser Bäume sind 150 bis 200 Jahre alt“, sagte Xi dem erstaunten Trump. „Dieser dort ist sogar 400 Jahre alt.“ Trump erwiderte: „So alt können die Bäume hier werden?“ Xi nickte emphatisch. Das ist chinesische Soft Power: Kontinuität und Wertschätzung. Der Regierungskomplex Zhongnanhai war vor 400 Jahren ursprünglich ein kaiserlicher Erholungspark mit einem zentralen (zhong) und einem südlichen (nan) See (hai). Nach dem Sturz der letzten Dynastie diente dieser Bezirk als Sitz verschiedener Regierungen. Mit der Gründung der Volksrepublik China zog Mao Zedong hier ein und seitdem ist dieser Ort das politische Herz des Landes. Hier haben der Staatspräsident, der Ministerpräsident und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei ihren Amtssitz. Hier finden entscheidende Sitzungen und Versammlungen statt. Die chinesischen Medien werteten es als bedeutend, dass Donald Trump hier mit dem chinesischen Staatspräsidenten in einen ruhigen und informellen Dialog treten konnte. Xi zeigte Trump daraufhin den Himmelstempel, einen symbolischen und zeremoniellen Ort, der in der chinesischen Deutung die Beziehung zwischen Himmel, Herrscher und Staat repräsentiert. Seine Gründung geht auf das frühe 15. Jahrhundert zurück. Von der persönlichen Führung durch Xi war Trump sichtlich beeindruckt: „Ein großartiger Ort, unglaublich. China ist schön.“ „Haben Sie über Taiwan geredet?“ Nach chinesischen Zeitungsberichten soll Xi Jinping anschließend den Besuch von Donald Trump als historisch und richtungsweisend bezeichnet haben. Das Wichtigste, was in nahezu allen Artikeln immer wieder hervorgehoben wurde, war, dass man sich auf ein Rahmenwerk geeinigt habe, eine sogenannte konstruktive strategische Stabilität. Das bedeutet, dass bei allen schwierigen Feldern – vom Handelsstreit über die technologische Rivalität bis hin zur Frage des internationalen Führungsanspruchs – keine weitere Eskalation oder Konfrontation gesucht werden solle, sondern zumindest eine stabile Koexistenz, besser noch eine erneute Annäherung der beiden Großmächte. Dies sei nur durch die persönliche Begegnung zwischen den Staatsspitzen möglich und schaffe so die Basis für ein erneutes Vertrauensverhältnis. Die amerikanische Presse schien dafür wenig Verständnis zu haben und warf immer wieder Streitthemen in die Manege. „Herr Präsident, haben Sie über Taiwan gesprochen?“, rief ein Journalist wiederholt. Das US-Medienpublikum sollte mit kurzatmigen Krisenthemen versorgt werden. Man wollte harte Verhandlungen, Streitgespräche und Vorwürfe erleben. Doch das war offenbar nicht der Sinn des Empfangs des US-Präsidenten in China nach neun Jahren Abwesenheit. Dabei wurde natürlich auch über Taiwan gesprochen. Allerdings gibt es darüber nichts zu verhandeln oder zu debattieren. Für Peking ist seit jeher klar, dass es sich dabei um eine innerchinesische territoriale Angelegenheit handelt, während manch einer im Westen lieber die Ausrufung eines unabhängigen Taiwan sehen würde. Die Sezessionisten in Taipeh haben allerdings eine starke Opposition, die die Aufrüstungsbestrebungen mit amerikanischen Geldern und Waffen so lange wie möglich zu blockieren versucht. Die Chefin der erstarkten Oppositionspartei Kuomintang traf erst kürzlich mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit den chinesischen Staatschef zu einem freundschaftlichen Austausch. Die chinesische Führung beruft sich auf rechtsverbindliche Dokumente, die am Ende des Zweiten Weltkriegs festlegten, dass das von Japan kolonisierte Formosa (Taiwan) an China zurückgegeben werden müsse. Auch wenn es damals noch keine Volksrepublik gab und der Bürgerkrieg erst 1949 entschieden wurde, wurde Peking seit den entsprechenden UN-Resolutionen und den von den USA mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen unterzeichneten sogenannten „3 Communiqués” völkerrechtlich als die alleinige Vertretung Chinas anerkannt. Xi Jinping hat Trump also nicht – wie der Westen behauptet – gedroht, als er beim Empfang in der Großen Halle des Volkes sagte, dass die Taiwan-Frage nur auf eine Weise korrekt behandelt werden könne. „Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist ein Krieg.“ Auf dem Rückflug äußerte sich Trump gegenüber Reportern ausführlicher. Xi wolle „keinen Kampf um Unabhängigkeit sehen, denn das würde eine sehr starke Konfrontation bedeuten. Deshalb habe ich mir seine Argumente angehört“, meinte Trump und fügte hinzu: „Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist ein Krieg, der 9.500 Meilen entfernt ist. Ich denke, das ist das Allerletzte, was wir brauchen.“ Zeitgleich veröffentlichte die extrem liberale, sprich antichinesische Washington Post Aussagen eines amerikanischen Militärexperten. China baue „so viele hochentwickelte Arten von Munition, dass unsere Industriebasis nicht annähernd so viel produzieren kann“, so John Culver. „Die Chinesen haben eine Schiffswerft, die mehr Schiffe baut als all unsere Schiffswerften zusammengenommen. Sie lassen jährlich so viele Schiffe zu Wasser wie die gesamte französische Marine.“ Amerika habe zwar Erfahrungen mit unterlegenen Gegnern und Gruppen von Aufständischen, aber keine mit einem gleichrangigen Kriegsgegner. Wer hier zuerst seine Munition verschossen hat, verliert den Krieg, so Culver. „Ich frage mich, wann die Amerikaner beginnen zu sagen, dass wir uns besser nicht in einen Taiwan-Krieg involvieren sollten.“ Es geht natürlich um die Wirtschaft Die zentrale Frage im Zentrum der Beziehungen zwischen den USA und China ist und bleibt eine wirtschaftliche. Insbesondere: Wie viel mehr Güter soll China von den USA kaufen? Die USA schieben ein gigantisches Handelsdefizit von fast 300 Milliarden US-Dollar gegenüber China vor sich her. Amerika hat dieses Handelsdefizit mit eigentlich allen Regionen der Welt, einschließlich der EU, Mexiko und Kanada. Amerikas Anteil an der globalen Wertschöpfung ist in den letzten 40 Jahren von über 20 Prozent auf unter 15 Prozent gefallen. Die USA tragen also nicht mehr maßgeblich zur Produktion der weltweit gehandelten Güter bei. Chinas Anteil ist im selben Zeitraum von 2 Prozent auf über 20 Prozent angestiegen. China ist das industrielle Kraftzentrum der Welt geworden, und die Schere geht immer weiter auseinander. Die Auswahl an Produkten, die China den Amerikanern abkaufen muss, wird ebenfalls immer kleiner. Bislang waren Flugzeuge und Agrarprodukte meist die erste Wahl. Doch durch Trumps Zollkrieg hat China den Kauf amerikanischer Flugzeuge und Feldfrüchte stark reduziert und seine Bezugsquellen diversifiziert. Deshalb brachte Trump den Boeing-Geschäftsführer Kelly Ortberg mit nach Peking, um mindestens 200 Linienflugzeuge an chinesische Fluglinien zu verkaufen. Es könnten sogar bis zu 750 werden, sagte Trump. Zusätzlich könnten 450 Triebwerke der Firma General Electric exportiert werden. Deren Geschäftsführer war ebenfalls Teil der Delegation. Sean Stein, der Präsident des US-China Business Council, wollte Optimismus versprühen, indem er sagte, Amerika und China seien nicht nur die zwei größten, sondern auch die innovativsten Volkswirtschaften. Doch China ist hier der Magnet. Gerade hatte die chinesische Botschaft in den USA Zahlen veröffentlicht, nach denen mehr als 80.000 amerikanische Unternehmen in China investiert hätten, während nur 7.000 chinesische Firmen in den USA ansässig seien. Die staatliche Agentur für Wirtschaftsförderung in Peking meinte, es gebe ein enormes Potenzial für praktische Kooperationen im Wirtschaftsbereich zwischen Peking und Washington. Amerikanische Unternehmen wie 3M stellen bereits mehr als 50 Prozent ihrer in China verkauften Produkte lokal in China her. Manche US-Unternehmen in China verzeichnen bis zu 30 Prozent Wachstum, deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Unternehmensführer schwärmen von dem großen Markt, dem vollständigen industriellen Ökosystem, der Unterstützung für langfristiges Wachstum, den schnellen Innovationszyklen und den resilienten Lieferketten Chinas. Der Chip-Bann und andere Sanktionen „Werden Sie Ihre Chips an Huawei verkaufen?“, fragte ein Reporter Jensen Huang, den Chef von Nvidia, während eines Ad-hoc-Interviews. Völlig verdutzt drehte sich Huang zu dem Reporter um und sagte: „Was ist denn das für eine seltsame Frage?“ Die Frage war offensichtlich zu heikel. Nvidia darf seine fortschrittlichsten Computerchips, auf denen vor allem KI-Modelle trainiert werden, nicht nach China verkaufen. Die amerikanische Regierung will dadurch Chinas Fortschritt im Bereich der Künstlichen Intelligenz ausbremsen, da es bislang nicht über die Fähigkeit verfügt, diese High-End-Halbleiter selbst herzustellen. Ähnliches galt bis vor kurzem jedoch auch bei KI-Software. Bis das chinesische Start-up-Unternehmen DeepSeek auf der Bildfläche erschien und dem amerikanischen KI-Modell ChatGPT Konkurrenz machte. Vor Kurzem wurde nun öffentlich, dass DeepSeek seine Modelle künftig auf Prozessoren von Huawei trainieren wird. Der Technologiekonzern Huawei war eines der frühen Opfer von Trumps Boykott- und Sanktionspolitik während seiner ersten Amtszeit. Viele hatten den Untergang von Huawei vorausgesagt. Nun steht der Tech-Gigant wieder ganz oben. Die Verkaufszahlen seiner Smartphones in China haben gerade erst die von Apples iPhone überholt. Nun spielt Huawei eine wichtige Rolle dabei, auch von Nvidia-Chips unabhängiger zu werden. Eine abgespeckte Version des Nvidia-Chips wurde in China zwar zum Verkauf angeboten, doch bisher haben die Chinesen keine Käufe getätigt und wenden sich nun heimischen Prozessoren zu. Genau davor hatte Jensen Huang gewarnt. Laut dem Forschungsunternehmen Economist Intelligence Unit werden sich chinesische Unternehmen trotz des Gipfeltreffens zwischen Xi und Trump dem möglichen Kauf von Nvidia-Prozessoren verweigern, denn es gebe jetzt „eine goldene Gelegenheit, eigene Produkte anzubieten, da chinesische Firmen Schritt für Schritt die Lücke zu ihren Rivalen in Übersee schließen“. Im Flieger auf dem Heimweg wurde Trump dazu befragt und sagte: „Sie wollen ihre eigenen Chips entwickeln.“ Im Übrigen entwickeln die Chinesen auch ihren eigenen Linienjet, den C919. Der Präsident des Herstellers Commercial Aircraft Corporation of China, kurz Comac, wurde schon am selben Tisch wie der Boeing-CEO Ortberg gesichtet. China will auf gleicher Flughöhe sein. Zwei Festreden, über die hier niemand berichtete Dann waren da noch die beiden kurzen, aber erstaunlichen Festreden beim Abendbankett. Xi erwähnte den 15. Fünfjahresplan Chinas und die damit angestrebte „Modernisierung des Landes auf allen Gebieten durch eine qualitativ hochwertige Entwicklung“. Er sprach auch über das 250-jährige Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit und wie im 20. Jahrhundert das Eis zwischen den USA und China gebrochen wurde: „Vor 55 Jahren entsandte Präsident Richard Nixon Dr. Henry Kissinger zu einem Besuch nach China, und es kam zur ‚Ping-Pong-Diplomatie‘ zwischen unseren beiden Ländern. Durch die Bemühungen beider Regierungen und Völker wurde die Tür, die über 20 Jahre lang verschlossen geblieben war, geöffnet. Dies stellte einen Meilenstein in den zeitgenössischen internationalen Beziehungen dar. Seitdem haben China und die Vereinigten Staaten durch gegenseitige Offenheit und Zusammenarbeit viele Kapitel der Freundschaft geschrieben.“ So ordnet die chinesische Führung den Besuch Trumps also historisch ein. Trump antwortet auf Xis Rede ebenfalls mit einem Verweis auf die Geschichte: „Die Beziehungen zwischen dem amerikanischen und dem chinesischen Volk reichen bis in die Gründungszeit der Vereinigten Staaten zurück. Der erste amerikanische Konsul in China, Samuel Shaw, kam 1784 mit dem ersten amerikanischen Handelsschiff an, das diese Küsten erreichte.“ Und weiter: „Der Gründervater Benjamin Franklin veröffentlichte die Sprüche des Konfuzius in seiner Kolonialzeitung und die heutige Skulptur, die an diese alte chinesische Ära erinnert, ist voller Stolz in die Fassade des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten eingemeißelt.“ Auf dem Washington-Monument seien zudem die Worte eines chinesischen Beamten zu finden, der General Washington als „Helden der Menschen“ bezeichnet habe. Kurz darauf erhob Trump sein Glas und sprach einen Toast „auf die tiefe und dauerhafte Freundschaft zwischen dem amerikanischen und dem chinesischen Volk“. Irgendjemand hat dem amerikanischen Präsidenten eine erstaunlich harmonische Rede geschrieben. Wird der Konsens halten? Man stelle sich den Kontext vor. Präsident Trump hat über Jahre hinweg nicht nur einen De-facto-Handelskrieg und ein Technologieembargo gegen China geführt. Er hat die „Donroe-Doktrin“ begründet und unter Missachtung jeglichen Völkerrechts eine Intervention gegen einen chinesischen Verbündeten, Venezuela, unternommen. Seit Ende Februar führt Trump einen unprovozierten, brutalen und mit barbarischen Sprüchen gespickten Krieg gegen den Iran, einen Schlüsselverbündeten Chinas und BRICS-Partner. Und trotzdem erteilt ihm Xi Jinping keine Abfuhr, sondern schlägt strategische Stabilität vor. Entweder ist Trumps positive Erwiderung darauf nur eine Showeinlage oder es liegt auch einflussreichen Kreisen in den USA daran, zumindest vorübergehend einen Stillhaltefrieden zu erreichen. Denn die Berichte über verwüstete militärische Basen der USA am Golf, erschöpfte Munitionsvorräte, unzufriedene Kampftruppen und eine riesige weltweite Wirtschaftskrise haben inzwischen sogar den US-Mainstream erreicht. China wiederum folgt seiner zivilisatorischen DNA. Es will Stabilität – für sich und global –, da es seine Zukunftsziele, ein vollständig entwickeltes China bis 2049, sonst auch schwerlich erreichen kann. Die Chinesen sehen sich in einer „Schicksalsgemeinschaft”. Ob Trumps überraschend positive China-Phase von Dauer ist oder ob er in Washington wieder in seinen alten Wahnsinn zurückfällt, wird man ja sehen. Jedenfalls hat Trump seinen „Freund” Xi für den 24. September ins Weiße Haus zum Gegenbesuch eingeladen. Danach werden sie sich sowohl im November beim Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC)-Forum in Shenzhen als auch beim G20-Gipfel im Dezember in Miami wiedersehen. Wird diese Serie von Begegnungen und eine mögliche Konkretisierung des gemeinsamen Konsenses über „strategisch stabile Beziehungen” eine höhere Ebene eröffnen, auf der eine zumindest grundlegend friedliche Koexistenz zwischen den USA und China besteht? Oder wird es nur ein weiteres Waffenpaket für Taiwan, einen erneuten militärischen Angriff auf den Iran, eine Wahlschlappe und das Erstarken der Hardliner in den USA oder einen Zwischenfall im Südchinesischen Meer brauchen, um das Rad wieder in Richtung Konfrontation zu drehen? Der Trump-Xi-Gipfel, der Besuch im Himmelstempel und das anschließende Festbankett haben jedenfalls gezeigt, dass man trotz aller Unterschiede und trotz vorhandenen Ressentiments respektvoll miteinander umgehen kann. Von einer erneuerten und dauerhaften Kooperation zwischen den USA und China können alle nur profitieren. Titelbild: Dilok Klaisataporn

18. maj 202617 min
episode Mercedes und Kriegstüchtigkeit: Bereit, mitzumachen cover

Mercedes und Kriegstüchtigkeit: Bereit, mitzumachen

Die Wirtschaft steht Gewehr bei Fuß. „Mercedes als Rüstungsfirma?“ und „Rollen bald Panzer mit Mercedes-Stern vom Band“, fragt die Bild-Zeitung. Und vom Mercedes-Chef heißt es: „Wir wären dazu bereit.“ In einem Interview [https://www.bild.de/politik/inland/mercedes-als-ruestungsfirma-wir-waeren-dazu-bereit-sagt-chef-kaellenius-6a0805bcd1570d73067a17f3#fromWall] äußert sich der 56-jährige Ola Källenius zur Beteiligung seines Konzerns im Bereich der Rüstungsindustrie. Herausgekommen ist dabei ein Interview, das zeigt: An der Spitze eines der wichtigsten Unternehmen Deutschlands steht ein Mann, der ideologisch auf Linie ist. Mitmachen – so lautet die Devise. Zwischendrin spricht Källenius davon, dass es sich aber „lohnen“ müsse. Die Politik will das Land „kriegstüchtig“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=127039] machen – und die Wirtschaft macht mit. Gesellschaftliche Verantwortung? Verstand? Wenigstens ein kritisches Wort gegenüber dem Wahnsinnskurs der Aufrüstung? Von wegen. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. „Die Welt ist unberechenbarer geworden“, sagt Källenius im Interview. [https://www.wsj.com/business/autos/mercedes-benz-ceo-says-carmaker-is-willing-to-enter-defense-production-bd40e3c9] Er schiebt hinterher, es sei „völlig klar, dass Europa seine Verteidigungsfähigkeit ausbauen“ müsse. Schließlich sagt er: „Sollten wir dabei eine positive Rolle spielen können, wären wir dazu bereit.“ Das sagt der schwedisch-deutsche Vorstandsvorsitzende der Mercedes Benz Group, ohne auch nur den Hauch von Kritik erkennen zu lassen. Es sind die Worte eines Absolventen der Handelshochschule Stockholm und der Universität St. Gallen. Das sind die Worte eines Managers, der seit den 90er-Jahren Führungsverantwortung inne hat. Darf man von einem Mann mit derartigen Bildungs- und beruflichen Hintergründen erwarten, dass er den Unterschied zwischen „Medienwahrheit“ und der Realität erkennt? Darf die Gesellschaft erwarten, dass so jemand begreift: Wenn Medien und Politik von „Kriegstüchtigkeit“ [https://www.nachdenkseiten.de/?page_id=47542&suche=kriegst%C3%BCchtig] sprechen, sind Propaganda, Manipulation und Lügen nicht weit? Vielleicht wäre die Welt eine bessere, wenn irgendwo an hoher Stelle eines Staates Menschen stünden, die zwischen dem, was in der Zeitung steht, und dem, was ist, unterscheiden könnten. Källenius tritt als Akteur in Erscheinung, der sich im Phrasenhaften verliert. Die Welt sei „unberechenbarer geworden“ – als ob „die Welt“ etwas werden könne. Nicht die Welt ist unberechenbarer geworden – konkret mit Namen benennbare Politiker haben Entscheidungen getroffen, die im negativsten Sinne weitreichend sind. Konkret mit Namen benennbare Politiker und Akteure sprechen davon, dass der Krieg nach Moskau getragen [https://www.dw.com/de/kiesewetter-den-krieg-nach-russland-tragen/a-68215200] werden müsse; dass „Russland für immer ein Feind für uns bleiben“ [https://www.berliner-zeitung.de/article/kuenftiger-aussenminister-wadephul-russland-wird-immer-ein-feind-fuer-uns-bleiben-2320148] werde; dass mit einem Angriff Russlands auf die NATO zu rechnen sei usw. Bei der politisch herbeihalluzinierten Zeitenwende geht es doch nicht um eine Welt, die „unberechenbarer“ geworden ist. Es geht um klar sichtbare politische Entscheidungen. Es geht um einen Stellvertreterkrieg [https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/interview-mit-michel-wyss-es-ist-der-erste-stellevertreter-krieg-zwischen-russland-und-der-nato-in-europa_id_94392173.html] in der Ukraine. Es geht um eine Politik der Aufrüstung. Die angeblich „unberechenbarer“ gewordene Welt ist das Ergebnis einer sehr berechnenden Politik. Doch anstatt sich dieser Politik entgegenzustellen, meint Källenius, es sei „völlig klar“, dass Europa seine „Verteidigungsfähigkeit“ ausbauen müsse. „Klar“? Das ist nicht „klar“. Das ist eine von verblendeter Ideologie nur so strotzende, dafür politisch gerade sehr genehme, gewünschte Position. Klar ist etwas anderes. Mercedes macht mit – so wie auch VW und viele andere Unternehmen. Wo ist die gesellschaftliche Verantwortung? Oder soll es gesellschaftlich verantwortlich sein, Kriegsgerät zu produzieren? In einem taz-Artikel aus dem Jahr 1987 heißt es: > Daimler: Der gute Stern der Nazis. > Eine gestern vorgestellte Untersuchung belegt die Komplizenschaft zwischen Konzern und Faschismus [https://taz.de/Daimler-Der-gute-Stern-der-Nazis/!1867576/] Gewiss: Gestern ist nicht heute. Heute will die Politik Deutschland „nur“ kriegstüchtig [https://x.com/NieMehrKrieg/status/1938499257796808737] machen. Begreift Källenius denn wirklich nicht, was hier vor sich geht? Titelbild: Screenshot “Bild”

18. maj 20265 min
episode Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (3) cover

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (3)

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150104] unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen berührenden Beiträge! Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an leserbriefe@nachdenkseiten.de [leserbriefe@nachdenkseiten.de] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken. ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403] sowie den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- „Wer weiß, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.“ Sehr geehrte Redaktion der Nachdenkseiten, im Nachlass meiner verstorbenen Mutter (Geburtsjahrgang 1933) fand ich einige kurze handschriftliche Textpassagen mit Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die sie im Oktober 2000 verfasst hatte. Aus Anlass Ihres Aufrufes möchte ich Ihnen drei dieser Erinnerungen, die keinen zusammenhängenden Text bilden, übermitteln. Ich bin mir sehr sicher, dass meine Mutter völlig schockiert wäre, wenn sie erlebt hätte, dass deutsche Politiker heutzutage wieder von „Kriegstüchtigkeit“ faseln. Eine kurze Erläuterung noch zu den Aufzeichnungen: Meine Großeltern führten eine große Dorfgastwirtschaft, die unmittelbar neben dem Bahnhof meines Heimatortes an der Bahnstrecke zwischen Köln und Minden lag. Nach Kriegsbeginn wurde dort ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, in dem Franzosen und später auch Russen untergebracht waren. Ich hoffe, Ihre Aktion findet große Resonanz und kann etwas bewirken. Halten Sie weiter stand gegen diese entsetzliche Kriegstreiberei! Mit freundlichen Grüßen Carola Zechert > „Im Mai 1940 erlebte ich mit Eltern, Geschwistern und Oma die erste Bombennacht. In dieser schrecklichen Nacht hielt sich unsere Familie, meine Oma, meine Eltern und Geschwister schon eine ganze Weile im Keller auf, als plötzlich ein dumpfer Einschlag uns aus der Unterhaltung hochschreckte. Wir stellten uns alle im Kreis auf, die Eltern und Oma umschlangen uns Kinder, und wir klammerten uns an die Eltern und schrien vor Angst. Bald war alles ganz still, und nach einer Weile gab es Entwarnung, und wir konnten nach oben gehen und fragten uns noch: ‚Wo das wohl war?‘ > > Das sollten wir erst morgens erfahren, als meine Großmutter ins Zimmer kam und uns die Hiobsbotschaft von unseren Verwandten brachte: ‚Bei Trudel und Reinhard ist eine Bombe aufs Haus gefallen, sie selbst sind mit den Kindern und der Oma im Keller gewesen und haben überlebt.‘ > > Nachmittags durften wir Kinder mit unserer Mutter auch gucken, was sich in der Nacht ereignet hatte. Ich sehe meine Tante noch vor mir mit einer Wolldecke über den Schultern und ihrem fünf Monate alten Säugling auf dem Arm. Sie stand wohl unter Schock, aber davon wußten wir damals noch nichts, und man erklärte es uns Kindern auch nicht. > > Dann vergesse ich auch nicht, dass die Straßen rings um das total zerstörte Haus voller neugieriger Menschen waren, die sich drängelten, um alles in Augenschein zu nehmen. > > Dass Krieg mehr heißt als nur siegen, wie wir es damals täglich im Radio hörten, bekamen wir im Laufe der Kriegsjahre deutlich zu spüren. > > Mein kleiner Cousin (der fünf Monate alte Säugling) starb einen Monat später an einem Lungenriß, den er in der Bombennacht erlitten hatte. Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis, da ich bisher glaubte, nur alte Menschen müssten sterben und kämen in einen Sarg. Nun sah ich zum ersten Mal einen aufgebahrten Säugling im weißen Sarg liegen. Im selben Monat musste mein Vater in den Krieg.“ > „Anfangs waren wir drei Kinder noch begeistert vom nächtlichen ‚Kellergang‘. Als wir aber ab 1940 zwei Jahre lang Nacht für Nacht geweckt wurden oder selber wach wurden, waren wir oft hundemüde am Morgen, wenn es zur Schule ging, und wir waren wütend auf unsere Feinde, dass sie ausgerechnet immer nachts kamen und uns im Tiefschlaf weckten. > > Die Alarmtöne von Vor- und Vollalarm und danach Entwarnung sollte man auch als Schulkind schon erkennen können. Diese Heultöne erzeugten bei mir später immer Magenkrämpfe, die bis zum Erbrechen führten.“ > „Ein Wachsoldat (des Kriegsgefangenenlagers) musste etwas bei uns erledigen in Begleitung eines jungen Russen, den ich noch auf den Steinstufen sitzen sehe. Für mich war das allerdings ein alter Mann mit seiner ‚Glatze‘ und seinem schmutzigen Stoppelbart. Meine Mutter brachte ihm schnell eine Schale Milch, und er schlürfte sie gierig aus, während der Soldat wegschaute. Meine Mutter meinte zu mir: ‚Wer weiß, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.‘ Denn er war seit Juni 1944 in Russland vermisst, und wir bekamen erst Silvester 1945 das erste Lebenszeichen von ihm.“ ---------------------------------------- “Ja, Reinhard, wir leben.” Ein herzliches Dankeschön an das Team der Nachdenkseiten! Diese Aktion kann helfen, den peu à peu versiegenden Erzählstrom der Alten für die Jüngeren zugänglich zu halten. In der Gegenwart haben sich die Lebensverhältnisse ja stark verändert und selbst engste Familienmitglieder leben oft weit entfernt voneinander. Ich glaube allerdings, dass es wohl eher die “Mittelalterlichen” sind, die auf diesem Weg erreicht werden. Trotzdem – sei´s drum: Hier also mein Text: Meine Großeltern haben bei einem Bombenangriff ihre Wohnung verloren und Zuflucht im Geburtsort der Großmutter gesucht. Aus einem Garten am Rande der Kleinstadt wurden sie von einem Mann gefragt: “Kommt Ihr von Hannover? Ich habe da ´ne Schwägerin mit Mann.” Er hatte sie nicht erkannt! Es geht mir noch immer nahe, wenn ich an die Antwort meiner Großmutter denke: “Ja, Friedrich, uns geht es gut.” Es dauerte im Übrigen fast 10 Jahre, ehe wir (Großeltern und Eltern nach Flucht aus der DDR) mit einer Zuzugsgenehmigung für Hannover und teilweise verlorenem Baukostenzuschuss eine 3-Zimmerwohnung bekommen konnten! Mein Vater erzählte, dass sein Vater (Schreiner von Beruf) – beunruhigt durch Radiomeldungen über Angriffe auf Ida Cäsar 4 – von weither angereist war, um wenn nötig zu helfen. Bei seiner Ankunft in Halberstadt kamen ihm viele, viele Menschen entgegen. Einer von ihnen fragte, wohin er denn wolle, und meinte dann: “Guter Mann, kehren Sie um! Da lebt keiner mehr!” “Wenn das so ist, dann will ich es mit eigenen Augen sehen!”, habe mein Großvater gesagt – und das war gut so. Denn tatsächlich lag im Viertel rings um unser Hinterhaus herum alles in Schutt und Asche. Als erste traf er meine (hannoversche) Großmutter mit mir an der Hand und hörte die erlösende Botschaft: “Ja, Reinhard, wir leben.” Ich habe zwischen Trümmern das Laufen gelernt und bin mit der Gräuelgeschichte von Herrn und Frau Bullermann großgeworden, die in den Kellern der Trümmergrundstücke wohnen und vorwitzige Kinder bei den Beinen packen und in den Keller ziehen, wo es ihnen schlimm ergeht – ein verzweifelter (und bedenklicher), überdies nur bedingt erfolgreicher Versuch von Erwachsenen, dem kindlichen Entdeckerdrang in einem gefährlichen Umfeld Einhalt zu gebieten. Ich selbst (Jahrgang 1944) habe als sieben- oder achtjähriges Schulkind an einer “Steineklopfen”-Aktion meiner Schule teilgenommen. Plötzlich hieß es: “Alle Frauen und Kinder zurück!” Ich hörte, man habe wohl “etwas gefunden” und stellte mir vor, dass es sich wohl um tote Menschen handeln würde. An Blindgänger habe ich damals nicht gedacht – und tatsächlich ging es auch bald wieder weiter. Am Ende durften wir uns ein Stück aus dem im Trümmergrundstück gefundenen Hausrat aussuchen. Ich wählte eine kleine Vase. Aber meine Mutter reagierte ganz anders als erwartet: “Die Vase gehört uns nicht”, sagte sie und bestand darauf, dass ich sie zurückbrachte. ---------------------------------------- Das Thema Krieg war ein ständiges Thema in meiner Familie. Ich bin zwar erst 1957 geboren, kann mich aber noch gut an die ausführliche Erzählung meiner Mutter und Großmutter erinnern. Meine Großmutter war Deutsche und heiratete 1925 einen Niederländer und erhielt durch die Hochzeit die niederländische Staatsangehörigkeit und wanderte in die Niederlande aus und lebte in Rotterdam. Am 14.Mai 1940 bombardierten die Nazis Rotterdam. Das Zentrum wurde völlig zerstört. Vier Familienmitglieder und Freunde starben. Meine Großmutter verstand die Welt nicht mehr. Immer und immer wieder erzählte sie von diesem Tag und was folgte: die Besetzung der Niederlande durch Nazi-Deutschland. Meine Mutter war 1940 acht Jahre alt und war Niederländerin. Meine Mutter und alle ihre fünf Geschwister und mein Großvater sprachen perfekt Deutsch. Aber niemals habe ich einen Hass gegen Deutschland und Deutsche nach 1945 durch die niederländischen Verwandten erlebt. Meine Mutter heiratete 1955 meinen deutschen Vater. Das Thema Krieg war ein ständiges Thema in meiner Familie. Meine Mutter hatte einen großen Wunsch an mich – dass ich nicht zur Bundeswehr gehe. Diesen Wunsch habe ich ihr erfüllt. Ich bin Kriegsdienstverweigerer. Dieter Klaucke ---------------------------------------- Schließlich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert Sehr geehrte Damen und Herren, gerne folge ich Ihrem Aufruf, meine Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg mit anderen zu teilen. Ich bin zwar erst 1954 geboren, aber habe noch heute einige Bilder aus meiner Kindheit im Kopf: Mein Großvater kam erst 1952 aus russischer Gefangenschaft zurück. Er war Gott sei Dank nicht in Sibirien, sondern hat am schwarzen Meer beim Hafenbau mitgewirkt. Nach seinen Worten kein Zuckerschlecken, aber ich habe nie von ihm Klagen über schlechte Behandlung oder Folter gehört. Den Hunger haben sich Wärter und Gefangene brüderlich geteilt. Nach wenigen Wochen im lokalen Krankenhaus zum Aufpäppeln kam er nach Hause. Psychologische Behandlung bzw. Betreuung gab es damals auch noch nicht. Trotzdem habe ich heute mit Abstand das Gefühl, dass diese Zeit nicht spurlos an ihm vorüberging. Einer seiner Leitsätze war klar und deutlich: „Mir sagt keiner mehr etwas“, was natürlich zu einem sehr dominanten Auftreten der Familie und dem Umfeld führte. Auffällig habe ich auch in Erinnerung, dass er Frauen gegenüber sehr dominant auftrat. Für meine Mutter kein leichtes Dasein. Auch kann ich mich sehr gut an die zum Teil schwer verletzten Kriegsheimkehrer erinnern. Da gab es unseren Poststellenhalter und Briefträger mit zwei Holzbeinen. Die Post fuhr er mit seinem Auto aus, der Weg zur Haustür war ganz offensichtlich jedes Mal schmerzhaft. Aber er engagierte sich als Chorleiter im örtlichen Gesangverein. Ich habe von ihm nie ein Wort der Klage gehört. In guter Erinnerung blieben mir auch etliche Landwirte, die mit nur einem Arm oder einem Holzbein „ihren Mann“ bei der Bewirtschaftung ihrer Höfe „standen“. Über die psychischen Schäden wurde in dieser Zeit nicht geredet. Ich bin sicher, dass es viele Menschen gab, die ihr Leben lang von Erinnerungen geplagt wurden. Mein anderer Großvater hat diese Zeit im vollen Programm erlebt, vom Reichsarbeitsdienst bis hin zum Geschützführer im großen Krieg und nur kurzer amerikanischer Gefangenschaft. Er war für mich das Sinnbild eines zufriedenen Menschen. Interessant war für mich als Kind auch, wenn die beiden bei Familienfeiern zusammensaßen. Ja, sie haben sich über ihre Kriegserlebnisse ausgetauscht, aber nicht als Helden, sondern ziemlich nüchtern und besonnen, zuweilen auch kritisch. Mit den Jahren und meinem Erwachsenwerden kam bei mir der Gedanke, dass sie diese Zeit nicht einfach zu den Akten legen konnten. Schließlich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert. Wie gehe ich heute mit dem Thema Krieg und Frieden um? Ich erinnere mich sehr genau an den Tag, als ich zur Bundeswehr „einrückte“ und mein Großvater mich zum Zug fuhr. Ihn hat das sehr mitgenommen. Wahrscheinlich hatte er ganz andere Erinnerungen an seine Einberufung und die kommenden 13 Jahre seines Lebens. Ich habe das erst viel später in Gesprächen mit ihm erkannt. Mein späteres Berufsleben hat mich, ich gestehe es, in die Rüstungsindustrie geführt. Diese 10 Jahre haben mich fachlich, aber auch menschlich sehr geprägt. Ich weiß sehr genau, was der „Oppenheimer-Effekt“ bedeutet. Das Wichtigste aber, ich habe in diesen Jahren gelernt, was Krieg wirklich bedeutet, auch wenn wir bei unserer Tätigkeit ja nur geforscht, entwickelt und Probeschüsse abgefeuert haben. Heute beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Krieg und Frieden und wundere mich, mit welcher Begeisterung man kriegstüchtig werden will. Die lautesten Schreier haben nicht verstanden, was Krieg aus einem Menschen macht. Der Mensch wird einerseits zum puren Verfügungsobjekt, quasi entmenschlicht, und zum anderen lernt er zwangsläufig, aus reinem Überlebenstrieb, dass man „zuerst schießen“ muss. Dazu kommt noch „Befehl und Gehorsam“; alleine dies zeigt, wie unmenschlich Krieg ist, denn ohne diese strenge Disziplin, ohne den Druck der Gewalt würde sich wohl kaum ein Mensch dafür hergeben, auf andere Menschen zu schießen. Das ist für mich menschenverachtend, ja fast schon pervers. Ich hoffe, dass es in naher Zukunft vernünftige Menschen und Politiker gibt, die den aktuellen Kurs ändern wollen und können. Folgt man der Geschichte, stehen die Zeichen aber nicht gut. Ganz offensichtlich gibt es nicht mehr genug Menschen an entsprechender Position, für die Frieden das höchste und wichtigste Gut ist. Volker Obel ---------------------------------------- Noch ein Wort zu den Müttern… Es war zeitiges Frühjahr 1945, ich war 8 Jahre alt, meine Schwester 5, mein Vater als Soldat an der Front in der Sowjetunion und Breslau zur Festung erklärte Großstadt. Wir wohnten in einer Neubausiedlung am Rande der Stadt in der Nähe des Flugplatzes. Die Front kam immer näher, Befehl! Alle Zivilisten sollten die Stadt verlassen. Im April aber nicht mehr möglich, da Breslau durch die Rote Armee eingeschlossen war. Davor weigerten sich viele Mütter mit ihren Kindern. Wo sollten sie so schnell auch hin! Unsere Häuser hatten Keller, die gegen Bomben und Beschuss keinen Schutz boten. Bei Alarm mussten wir einen Bunker aufsuchen. Beim letzten Mal: Das Trommelfeuer grollte, alle Leute waren ganz still und hofften, dass der Bunker standhält. Leider hielt während der Zeit im Bunker unser Haus nicht stand. Es wurde durch eine Granate getroffen und nicht mehr bewohnbar. Wir zogen nun in die Innenstadt in eine fremde Wohnung. Nicht lange währte der neue Wohnsitz. Wieder eine Granate! Sie zerstörte das Treppenhaus und wir hausten einige Zeit im Keller mit Schmutz, Finsternis und Hunger. Während einer Feuerpause zogen wir weiter in der Stadt, um eine neue Unterkunft zu suchen. Wieder eine fremde Wohnung! Hier war endlich Schluss mit Furcht und Finsternis in Kellern. Kapitulation!! Der Krieg war zu Ende, die Rote Armee zog ein. Wir beguckten ängstlich und neugierig die Panzer, die Lkw und die Panjewagen und vor allem die fremden Soldaten. Als wir von ihnen ein Stück Brot bekamen, war die Scheu vor ihnen vorbei. Wir waren glücklich: Endlich frei von Angst zu sein, nicht mehr in Kellern hausen zu müssen und auf der Straße spielen zu können. Die aufregende Zeit war allerdings damit nicht vorbei. Eines Abends kam unsere Mutter vom Enttrümmern und berichtete, dass wir wegziehen müssten, dass Breslau eine polnische Stadt wird. Wir sollten die Ersten sein. Unsere Eltern erzählten später, dass vormals illegale Antifaschisten das organisiert hatten, da sie erfahren hatten, was die Alliierten endgültig in Potsdam beschließen wollten. Im Juli ging es los: Zu Fuß, mit Pferdewagen, mit Verpflegung und dem Schutz der Roten Armee. Das war notwendig, denn am dritten Tag knallte es. Wir verkrochen uns im Straßengraben und unsere Beschützer mussten irgendwelche Banditen abwehren. Wir Kinder fanden das recht abenteuerlich, war aber leider eine lebensgefährliche Situation. Nach fast zwei Wochen kamen wir an unserem Ziel, in Dresden an. Unterkunft in Baracken, die vorher als Unterkunft für Zwangsarbeiter dienten. Unsere Mutter arbeitete dann als Betreuerin in einer Unterkunft für obdachlose und Waisenkinder, in der meine Schwester und ich auch untergebracht waren. Ich ging im September in Dresden/Neustadt zur Schule und alles war vorerst in Ordnung. Aber an ein ruhiges Leben in diesen Umbruchzeiten war nicht zu denken. Unsere Mutter wurde angeworben und überzeugt, Neulehrerin zu werden. Wir mussten also während der Zeit des Lehrgangs für ein Jahr in einem Kinderheim leben. Dort ging es uns gut, aber unsere Mutter fehlte uns sehr. Leider waren Besuche zu dieser Zeit schwierig. Verkehrsmittel waren kaum vorhanden. Nach dieser langen Zeit ohne Mutter endlich eine Wohnung in Freital! Wir waren wieder zusammen. Dann kam auch unser Vater aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Wir waren als Familie wieder komplett, hatten eine Wohnung, Schule, Beruf und Arbeit. Unbedingt und mit großer Dankbarkeit noch ein Wort zu den Müttern mit ihren großen und kleinen Kindern: Sie meisterten selbstlos diese schweren Zeiten. Sie trotzten Tod, Verletzungen, Krankheiten und Hunger! Halfen sich gegenseitig, wenn nötig. Unsere „Zeitenwender“ vergessen oder negieren die Auswirkungen der Vorbereitung eines Krieges, geschweige denn die eines Krieges. Die Demonstrationen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht machen ein wenig Hoffnung im Kampf für eine friedliche Welt, aber es muss noch mehr Widerstand gegen die „Kriegstüchtig“- Maßnahmen geben. Udo Heinzel Titelbild: wikicommons [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%87%D0%B8%D0%BA_%D0%BD%D0%B0_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D1%85_%D0%B2_%D0%B3.%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B5.jpg]

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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (2)

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150104] unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen berührenden Beiträge! Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an leserbriefe@nachdenkseiten.de [leserbriefe@nachdenkseiten.de] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken. ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- Eine Rinderleber ist groß Ich, Uwe Klinger, bin 1938 in Berlin-Wedding geboren (Der Rote Wedding), jetzt 88 Jahre alt und habe noch die Erinnerungen an den Endkampf der Sowjetunion. Mein Vater kam ins KZ. Er hatte gegen die Judenverfolgung demonstriert. Wurde aber später – mit anderen Gefangenen – für die deutsche Wehrmacht gebraucht. Er und viele andere Gefangene kamen in das Strafbataillon 999. Meine Mutter und ich haben in der Müllerstraße (Wedding) einen französischen Kriegsgefangenen, der dort Schienenarbeiten für Straßenbahnen machte, entführt. Meine Mutter hatte oft, so wie es möglich war, etwas Brot an der Fahrbahnkante abgelegt. Die Männer … Sie waren alle fast verhungert. Somit beschloss meine Mutter, dem einen Gefangenen zu helfen. Ich nahm einen Tennisball und spielte an der Straßenkante mehrere Tage. Meine Mutter gab dem Aufseher auch etwas zu essen. Eines Tages warf ich den Tennisball zu dem Kriegsgefangenen und als er ihn mir gab, rannten wir beide in den Hausflur. Dort hatte meine Mutter Kleidung abgelegt, er zog sie über und wir liefen zu uns nach Hause. Hier wusch er sich und zog die Kleidung von meinem Vater an. Mutter kam nach und wir machten uns auf den Weg zur S-Bahn Wedding, fuhren bis Ostkreuz und stiegen um und fuhren mit dem Dampfzug nach Strausberg, wo wir am Stienitzsee ein Campinghäuschen hatten. Dort verbrachte er – immer versteckt – ein halbes Jahr. 1943, im August wollte er – aufgepäppelt – zurück nach Frankreich. Kontakt hatten wir nicht. Jahre später erhielten wir ein Paket mit Schokolade. Hier am Stienitzsee habe ich bis Ende 1944 meine Kindheit verbracht. Im Wald lag eine Panzerdivision. Diese Männer fragten meine Mutter, ob sie für die Soldaten was zu essen machen könnte. Sie besorgten es, meinten dann, sie dürften den Wald nicht verlassen, sonst würde man sie von der SS erschießen. Am nächsten Tag warfen sie Handgranaten in den See und holten die betäubten Fische aus dem See und brachten sie zu meiner Mutter, die dann bis in die Nacht hinein Fische gebraten hat für ca. 20 Panzersoldaten. Tage später knallte es im Wald und die Soldaten brachten Hasen und Wildkaninchen und enthäuteten die Tiere und machten sie bratfertig. Tage später tauchte ein Angelboot über dem See auf und der Offizier in Uniform sagte zu meiner Mutter, wir sollten hier weggehen, die Soldaten gehen nach Berlin zur Verteidigung. Mutter soll sich im Dorf (Heinickendorf) melden beim Fleischer auf dem Hof. Hier wird alles, was 4 Beine hat, geschlachtet. Der Soldat, der dort schlachtete, gab uns eine Rinderleber und einen Kuhkopf sowie einen großen Handwagen zum Ziehen mit einer Lenkstange. Wir fuhren zurück mit dem Handwagen und mit Kuhkopf und Leber. Mutter war gerade beim Braten der Leber, da tauchten plötzlich zwei junge Soldaten auf und hatten Hunger. Eine Rinderleber ist groß. Die Soldaten wollten nach Berlin und warfen ihr Gewehr und Patronen ins Gebüsch. Daraufhin sagte meine Mutter, sie sollten sofort das Gewehr und die Patronen wieder an sich nehmen. Wenn sie „Kettenhunden“ (MILITÄRPOLIZEI) begegnen ohne Waffen, werden sie erschossen. Sie zogen dann los mit ihren Waffen und mit dem Rest von der gebratenen Leber. Die Eisenbahn in Strausberg fuhr nicht mehr nach Berlin, so zogen wir den voll beladenen Handwagen mit 5 Frauen und 2 Kindern auf der B1 nach Berlin – mit den Soldaten, Panzern, Flakgeschützen und Transportern mit verwundeten Soldaten. Als es dunkel wurde, tauchten Flugzeuggeräusche auf und alle mussten von der Straße runter. Es wurde von oben geschossen. Mutter warf sich auf mich, um mit ihrem Körper mein Leben zu retten. Wir mussten uns mehrmals unter den Bäumen am Straßenrand verstecken. Im Morgengrauen erreichten wir Berlin und nahmen nur Handgepäck, um weiter den Wedding, die Müllerstraße, zu erreichen. Der Wagen blieb bei einer der Frauen zurück, dort, wo sie wohnte. Wochen später begann die Eroberung Berlins. Der Keller wurde unser Zuhause. Soldaten kamen rein und rannten wieder raus und meinten, dass der Keller ein Sarg sei. Mutter und zwei Frauen standen vor dem Hauseingang und zwei junge Burschen kamen mit je einer Panzerfaust, so sagte es mir meine Mutter. Sie zogen die Jungs in den Hausflur, nahmen ihnen die Panzerfaust ab und versenkten diese in einem Löschbecken auf dem Hof, das im Notfall für das Löschen im Haus angelegt war. Die Jungs bekamen andere Kleidung, die viel zu groß ist. So haben die Frauen sie mit Sicherheitsnadeln passend gemacht. Die Kinder zitterten am ganzen Körper und meine Mutter brachte sie nach Hause, was nicht ganz ungefährlich war. Die SS nahm keine Rücksicht. Wer in Verdacht kam, wurde erschossen. Eine Woche später: Wir schliefen bei Oma in der Erdgeschosswohnung. Ich hörte das Getrampel, es tauchten Pferdewagen auf – 6 Wagen und die Pferde. Einer hielt vor dem Fenster, wo ich hinter der Gardine stand. Es waren Russen, die sich versteckten. Er sah mich und ich sollte das Fenster öffnen und er gab mir ein Glas und zeigte mir „Mama“. Es ist Marmelade. Meine Mutter sprach Russisch und Französisch. Mit diesen Russen feierten wir das Ende des Krieges. Meine Mutter wollte man 2 × erschießen. Sie hatte sich für junge Soldaten eingesetzt. Ich habe zum ersten Mal darüber geschrieben, auch nie groß darüber gesprochen, nicht mal mit den Kindern oder der Frau. Es geht um viele Kinder aus dieser Zeit. Und jetzt will Deutschland kriegstüchtig werden. Uwe Klinger ---------------------------------------- Ein Aquamarinanhänger, an dem die Goldfassung angeschmolzen war Der 16. März 1945 in Würzburg war ein schöner sonniger Tag. Meine Mutter war früh beim Friseur, zog ihren neuen Faltenrock an und schob mich am Mittag im Sportwagen am Main entlang. Am späten Abend gab es Fliegeralarm und meine Mutter ging mit mir in den Keller. Da waren schon andere Hausbewohner, die mich – noch keine 2 Jahre alt – als Kellermäuschen begrüßten. Mein Vater war im Krieg; mein Opa, der älteste im Haus, war als Luftschutzwart eingeteilt. Dann begann das 20-minütige Bombardement und die ganze Stadt brannte im Feuersturm. Als die Menschen den Keller wieder verließen, half mein Opa beim Ausgang an der Kellertreppe. Meine Mutter wollte zusammen mit ihm und mir als Letzte den Keller verlassen. Da stürzte das Haus und der Kellereingang zusammen, begrub Opa unter den Trümmern und meine Mutter und ich waren im Keller gefangen. Draußen brannte alles lichterloh und gegen den Rauch im Keller machte meine Mutter eine Windel im Wasserkübel nass (gedacht für den Löscheinsatz) und hielt sie uns vors Gesicht, damit wir besser atmen konnten. Als wir nach langer Zeit befreit wurden, kamen wir mit Rauchvergiftung in ein Krankenhaus. Wir waren ausgebombt, hatten alles verloren und wurden evakuiert nach Repperndorf bei Kitzingen. Dieser ganze Zusammenbruch war natürlich keine Befreiung, sondern ein viele Jahre dauerndes Aufrappeln aus Nahrungsknappheit und sehr beengten Wohnverhältnissen. Und wie auch die Vertriebenen und Geflüchteten berichten, wurden auch wir misstrauisch beäugt und angefeindet im eigenen Land. Aus dem später ausgegrabenen Notkoffer habe ich von meiner Mutter einen Aquamarinanhänger, an dem die Goldfassung angeschmolzen war. Doris Pauthner ---------------------------------------- Wir waren die Kinder von Überlebenden. Im Februar 1950 geboren, gehöre ich nicht zu den Kindern, die den Krieg erlebt haben. Berichten kann ich nur von dem, was auch bei uns, den nicht unmittelbar Betroffenen, zu unserem Engagement für die Friedensbewegung geführt hat, deren sichtbarstes Zeichen die Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten 1981 gewesen ist und die jetzt nötiger denn je wieder gebraucht wird. In der Straße, in der ich aufwuchs, zeugten mehrere Ruinen von Bombeneinschlägen. Und lange noch war ein bei dem verheerenden Angriff auf den Bremer Westen im August 1944 ausgebombtes älteres Ehepaar bei uns einquartiert. (Bei 173 Angriffen von Royal Air Force und United States Army Air Forces wurden in Bremen 62 % der städtebaulichen Substanz zerstört, wobei rund 4.000 Menschen ums Leben kamen.) Meine Mutter und beide Großmütter erzählten vom Schrecken der Bombennächte, von quälendem Hunger und der Ungewissheit, ob das Haus, in dem man wohnte, den Angriffen entgangen war. Einmal hatte die Großmutter eine Brandbombe bei der Heimkehr aus dem Bunker mit nassen Handtüchern gegriffen und in den Vorgarten geworfen; ein brennendes Nachbarhaus konnte durch Löschen mit der Jauche aus der Senkgrube halbwegs gerettet werden. Dass Bomben auf unsere kleine Vorortstraße geworfen worden waren, hing damit zusammen, dass hinter den Gärten ab 1935 gebaute Kasernen standen, in denen in meiner Kindheit Flüchtlingsfamilien wohnten. Wir waren die Kinder von Überlebenden. Meinem Vater hat ein Beindurchschuss das Leben gerettet, weil er auf Genesungsurlaub war, als von seiner Kompanie nach einem Fronteinsatz niemand zurückkehrte. Er sprach selten vom Krieg, in den er gleich nach dem Arbeitsdienst mit 19 Jahren eingezogen worden war und aus dem er erst 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft völlig abgemagert heimkehrte. Davon weiß ich vor allem durch die Erzählungen seiner und meiner Mutter. Deutlich sichtbar war für uns ein Streifschuss am Kopf, der ihn den oberen Teil der Ohrmuschel – aber nicht das Leben – gekostet hatte. Ob all die jetzt so Kriegsbegeisterten nachfühlen können, was es bedeutet, wenn zwei Menschen, wie meine Eltern, über viele Jahre nicht wissen, ob der, den sie lieben, noch lebt? Oder wie angstvoll Mütter, wie meine Großmutter, um ihre Söhne bangten. Und wie schwer der Start zurück ins Berufsleben für einen 27-jährigen Kriegsteilnehmer in der US-amerikanischen Besatzungszone war? In der Nachbarschaft gab es Witwen, deren Männer nicht zurückgekehrt waren. Und dann gab es noch das Fräulein S. Wahrscheinlich war sie nur wenig älter als mein Vater. Auch sie hatte – als Krankenschwester in einem Lazarett – den Krieg hautnah miterlebt, so erzählte man. Sie war über das, was sie gesehen und erlebt hatte, verrückt geworden, kehrte nur physisch heim, stand immer mal laut schimpfend am Straßenrand, manchmal Unverständliches murmelnd, manchmal erklärte sie kalt und unheimlich: „Hier fahren sie mit dicken Autos und an der Front wird gestorben.“ Allein in ihrem Elternhaus wohnend, fuhr sie oft mit einem kleinen Handwagen, auf dem neben einer Waage etwas Obst oder Gemüse lag, auf den Markt in die Stadt und bot dort, die Fingerknöchel seltsam aneinander reibend, mit bösem Gesicht Verwünschungen ausstoßend, die Dinge an. Ich glaube, dass sich kaum jemand in ihre Nähe traute. Aber man ließ sie gewähren. Sie tat niemandem etwas, ihr war etwas angetan worden, und für mich war sie schon damals ein Sinnbild für das, was ein Krieg in der Seele eines Menschen anrichten kann. Die NachDenkSeiten sind eine wichtige Informationsquelle für mich, für die ich dankbar bin. Mit herzlichen Grüßen Renate Schoof ---------------------------------------- Das hätte damals wohl das eigene Leben gekostet Als Nachkriegsgeborene habe ich keine eigenen Erinnerungen. Es wurde in der Familie auch wenig über den Krieg gesprochen, es war wohl zu schrecklich, diese Erinnerungen aus der Verdrängung herauszuholen. Trotzdem gab es so manche Erzählung, die in die Zeiten des Krieges zurückführten. Meine Familie besaß mütterlicherseits einen großen Bauernhof, genau an dem Punkt, an dem die rote und weiße Saar zusammenflossen. Mein Opa war noch im Krieg, meine Oma wurde mit ihren beiden Töchtern von dort vertrieben. Wir bekamen auch nach dem Krieg nicht die geringste Entschädigung. Meine Oma zog mit den Mädels bei einer Familie in der Nähe von Saarbrücken ein. Die besaßen ein großes Haus und waren grundsätzlich sehr großzügig, hilfsbereit und Gegner von Kriegen. Wie’s der Zufall will (gibt es überhaupt Zufall?), saß ich vor rund 15 Jahren bei einer politischen Veranstaltung der LINKEN – rund 400 Menschen im Saal – einem älteren, sehr freundlichen Mann gegenüber. Wir kamen ins Gespräch, er fragte mich, woher ich komme. Ich sagte Fechingen hier bei Saarbrücken. Er erzählte mir darauf, dass ihn eine Familie in Fechingen während seiner Fahnenflucht von der Front aufgenommen und versteckt hätte. Er nannte mir den Namen, und ich erwiderte, es sei genau die Familie, bei der meine Oma mit Kindern während des Krieges wohnte. Und – es war das Haus, in dem ich 1953 zur Welt kam. Jetzt begann er mit seiner Erzählung. Er war in der Normandie stationiert. Einer seiner Kollegen hatte versucht zu fliehen und sollte erschossen werden. Mein Gegenüber war zum Erschießungskommando eingeteilt. Er sagte mir dann, er habe stundenlang überlegt, ob er fähig sei, einen Menschen einfach so zu töten, ein Mensch, der vor dem Schrecken des Krieges fliehen wollte, selbst nicht mehr töten wolle. In der Nacht habe er sich dann entschieden, selbst zu fliehen. Er erzählte mir vom Marschieren in der Nacht, verstecken tagsüber, und von der unglaublichen Angst davor, erwischt und dann erschossen zu werden. Er habe fast drei Wochen benötigt, um Frankreich zu Fuß zu durchqueren, kam dann in Saarbrücken an und bei unserer Gastfamilie unter. Man bedenke diesen Mut der Familie, jemanden zu verstecken, der fahnenflüchtig war, das hätte damals wohl das eigene Leben gekostet. Er erinnerte sich an meine Oma, und an meine Mutter als kleines Mädel. Wir hatten beide ob dieses Zufallstreffens Tränen in den Augen und besuchten einige Tage später die ehemalige Gastfamilie. Das war ein freudiges Hallo! Trotz aller Kriegshölle gab es auch Menschen, die sich mit viel Mut dem entziehen konnten. Ich selbst besuche oft das Grab von Willy Graf, auf einem Friedhof in meiner Nähe. Willy Graf war in der Weißen Rose. Während die Geschwister Scholl nach wenigen Tagen hingerichtet wurden, wurde Willy Graf neun Monate lang durch die Folterkeller der Gestapo geschleift, um weitere Namen der Teilnehmer zu erhalten. Er verriet niemanden und wurde dann nach neun Monaten als 23-Jähriger hingerichtet. Susanne Bur Titelbild: wikicommons [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%87%D0%B8%D0%BA_%D0%BD%D0%B0_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D1%85_%D0%B2_%D0%B3.%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B5.jpg]

16. maj 202616 min