NachDenkSeiten – Die kritische Website
In einer aktuellen Stellungnahme klären kritische Atomwissenschaftler über brandgefährliche Entwicklungen in der Luftwaffe des NATO-Landes Großbritannien auf: Die britische Regierung weite die Einsatzmöglichkeiten sogenannter taktischer Atomwaffen in einer Weise aus, die das strategische Kräfteverhältnis in Europa destabilisieren könnte, so die Wissenschaftler. Von Bernhard Trautvetter. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Die Wissenschaftler verweisen in der Stellungnahme [https://thebulletin.org/2026/07/is-london-shifting-from-nuclear-deterrence-to-war-fighting/] darauf, dass Großbritannien als einzige große Atommacht ‚internationale Nichtverbreitungsinitiativen unterstützte und über drei Jahrzehnte hinweg auf einen Abbau ihrer Atomwaffenarsenale hinarbeitete. Das sei nun definitiv vorbei: > „Stattdessen treibt London nun unter der Schirmherrschaft der NATO-Nuklearstreitkräfte eine neue Welle der nuklearen Proliferation voran.“ Seit nunmehr fünf Jahren habe Großbritannien auf eine Vergrößerung seines Atomwaffenarsenals hingewirkt und die Initiative zur Überarbeitung seiner Nukleardoktrin ergriffen. Es baue seine nuklearen Kapazitäten deutlich auf. Im Einklang mit den USA weite die britische Regierung die Einsatzmöglichkeiten sogenannter taktischer Atomwaffen in einer Weise aus, die das strategische Kräfteverhältnis in Europa destabilisieren könnte, so die Wissenschaftler in ihrem aktuellen Mitteilungsblatt. Passend dazu kündigte Großbritannien kürzlich erst den Erwerb von F-35A-Tarnkappen-Kampfflugzeugen von Lockheed-Martin an. Dies sind Offensiv-Arsenale für den Einsatz von thermonuklearen B61-12-Freifallbomben mit variabler Sprengkraft und Zielfindungstechnik. Auf dem letztjährigen NATO-Gipfel in Den Haag kündigte Großbritannien an, sich an der luftgestützten Nuklearstrategie der NATO zu beteiligen. Das Legitimationsnarrativ für derartige Rüstungsschritte ist seit 2022 immer der Ukrainekrieg. Doch die britische Regierung hatte schon im Jahr 2021 beschlossen, die Obergrenze für die Anzahl der britischen Nuklearsprengköpfe um über 40 Prozent anzuheben. Im Jahr 2010 hatte die britische Regierung noch erklärt, sie werde ihren Sprengkopfbestand – der damals 225 Sprengköpfe umfasste – reduzieren und ihn auf maximal 180 Sprengköpfe begrenzen. Doch 2021 hob sie die Obergrenze plötzlich auf 260 Sprengköpfe an. Diese Entscheidung, die eine Kehrtwende gegenüber dem jahrzehntelang geplanten, schrittweisen Abbau der britischen Atomwaffenbestände darstellt, hat die britische Regierung unauffällig in dem Dokument „Integrated Review of Security, Defence, Development and Foreign Policy“ [https://www.gov.uk/government/publications/global-britain-in-a-competitive-age-the-integrated-review-of-security-defence-development-and-foreign-policy] untergebracht. Gleichzeitig hat das britische Militär ohne deutliche Erklärung in der Öffentlichkeit seine Nukleardoktrin geändert und sich nun „unter bestimmten Umständen ein Recht auf Überprüfung“ des Einsatzes von Atomwaffen gegen nichtnukleare Staaten vorbehalten. Diese dramatische Wende in der Militärstrategie erfolgte ohne eine öffentliche Debatte. Der Einsatz hochpräziser B-61-12-Sprengköpfe mit variierbarer Sprengkraft signalisiert laut Experten die Bereitschaft, Vergeltungs- oder Präventivschläge gegen einen Gegner durchzuführen. Die B-61-12-Arsenale haben in Verbindung mit den F-35A zudem das Potenzial, das geopolitische Gleichgewicht in Europa zu verändern. Sie festigen die Normalisierung von Atomwaffen und stellen die Überlebensfähigkeit nuklearer Führungs- und Kontrollsysteme der Gegner im Falle eines Gegenschlags infrage. Die kritischen Atomwissenschaftler berichten in ihrem aktuellen Statement, seit dem Ende des Kalten Krieges hätten sich die Vereinigten Staaten und damit auch die NATO an die ‚Dominanz in der Eskalation‘ gewöhnt, wie es der Staatssekretär für Verteidigungspolitik, Elbridge Colby, formuliert: Es gehe darum, auf allen Eskalationsstufen die Überlegenheit auf dem Schlachtfeld zu erlangen. Diese Strategie wirkt destabilisierend und schürt weitere Rüstungswettläufe. Die Kombination aus F-35A und B-61-12 verschafft der NATO das Potential, russische Nuklearwaffen sowie deren Kommando- und Kontrollsysteme einem glaubwürdigen Risiko auszusetzen. Theoretisch bieten sie begrenzte Möglichkeiten wie beispielsweise Präventivschläge oder Vergeltungsschläge mit maßgeschneiderter Sprengkraft. Diese technologischen Entwicklungen machen die russischen Nuklearstreitkräfte und Kommandosysteme sowohl anfälliger in Krisenzeiten als auch weniger zuverlässig, wenn es darum geht, die Zweitschlagfähigkeit zu gewährleisten. Dies steigert in Krisen die Gefahr von existenziell katastrophalen Fehlentscheidungen aufgrund des Zeitdrucks und der Risiken. Großbritannien war bislang die einzige große Atommacht, die mit auf U-Booten einsatzbereiten Trident-Raketen auf nur in einziges Abschreckungssystem gesetzt hatte. Die USA haben die Zahl ihrer in Europa stationierten nichtstrategischen Atomwaffen erheblich reduziert und ihre land- und seegestützten taktischen Atomwaffen abgeschafft. Entscheidend ist jedoch, dass sie sich weigerten, irgendetwas an der Nuklearpolitik der NATO zu ändern, zu der auch die Möglichkeit des Ersteinsatzes gehörte [https://www.ipg-journal.de/rubriken/aussen-und-sicherheitspolitik/artikel/no-first-use-5185/]. Russland hat seitdem einen Teil seines Defizits bei den konventionellen Waffen ausgeglichen. Das ‚Centre for Strategic and International Studies‘ stellte im Juni 2024 in seinem Text ‚Is Nato Ready for War [https://www.csis.org/analysis/nato-ready-war]?‘ fest, dass „die kumulierten Fähigkeiten der NATO die Russlands bei weitem übersteigen – selbst wenn man die Vereinigten Staaten außer Acht lässt“. Die kritischen Atomwissenschaftler berichten weiter, dass die US-Nuklearwissenschaftler Keir Lieber und Daryl Press darauf hinweisen, dass konventionell schwächere Staaten (wie beispielsweise Russland) in Europa starken Anreizen ausgesetzt sind, in einem Krieg gegen einen überlegenen Gegner Atomwaffen einzusetzen, insbesondere wenn sie befürchten, dass Verluste auf dem Schlachtfeld eine existenzielle Bedrohung für die nationale Souveränität oder die Stabilität ihres Regimes darstellen. Die erfolgreichen Drohnenangriffe der Ukraine auf das russische Frühwarnsystem für die nukleare Kommando- und auf Kontrollstrukturen betrachten die Atomwissenschaftler als eindrucksvolle Hinweise auf eine begrenzte Fähigkeit Russlands, die territoriale Sicherheit des eigenen Staatsgebiets im Fall von Angriffen sicherzustellen. Zudem haben die USA zwei Militäroperationen gestartet, die darauf abzielen, einen Regimewechsel in Venezuela und im Iran herbeizuführen. Die russische Führung könnte sich angesichts dessen, so die Atomwissenschaftler, in einer Krise mit der NATO einer größeren existenziellen Bedrohung ausgesetzt sehen. Die Warnung vor einem Kontrollverlust ergibt sich aus der Gefahr, dass ein nuklearer Schlagabtausch mit Russland kaum auf die substrategische Ebene beschränkt bleiben könnte. Es gäbe, so die Atomwissenschaftler, keine Garantie dafür, dass es nach dem Auslösen eines Atomkriegs mit taktischen Atomwaffen – oder sogar nach deren Einsatz als Vergeltungsmaßnahme für einen Atomangriff – möglich wäre, eine weitere Eskalation zu verhindern. Titelbild: VectorPlotnikoff / Shutterstock Mehr zum Thema: Drohnen auf Moskau: Je schlechter es für Russland läuft, umso gefährlicher wird es [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152523]
5152 episoder
Kommentarer
0Vær den første til at kommentere
Tilmeld dig nu og bliv en del af NachDenkSeiten – Die kritische Website-fællesskabet!