Ein tragisches Buch: „Warum ich geschworen habe, für mein Land zu kämpfen“
David Matei hat ein Buch geschrieben. Es ist ein tragisches Buch geworden. Nicht, weil es den Titel „Deutschland ist es wert: Warum ich geschworen habe, für mein Land zu kämpfen“ trägt, sondern weil es Zeile für Zeile zeigt, was passiert, wenn ein Autor seine Grundhaltung auf Ignoranz und Unwissen stützt. Während im Hintergrund ein hochkomplexer geopolitischer Konflikt zwischen der NATO und Russland abläuft, lässt sich das schwierige Thema Landesverteidigung nicht mit einem Buch erfassen, das alles ausklammert, was nicht ins Weltbild passt. Unfreiwillig wird das Buch zum Abbild einer 160 Seiten umfassenden Gegenwartsdiagnose. Borniertheit und intellektuelle Laxheit fluten den Debattenraum, Überzeugungen verdrängen fundierte Argumente. Die Tragik des Buches ist zugleich eine Tragik dieser Zeit. Eine Rezension von Marcus Klöckner.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Tragödie und Komödie liegen im Leben bisweilen eng zusammen. Dem Buch von Matei wünscht man, dass sich in ihm neben der Tragik, die es ausmacht, auch die Komödie widerspiegelt. Das wünscht man dem Buch deshalb, weil es geradezu schmerzhaft ist, Seite für Seite mitansehen zu müssen, wie ein junger Mann, der zu einem wichtigen Thema eine feste Überzeugung hat, mit jedem Denkansatz an der Mauer seiner eigenen Weltsicht hängen bleibt – ohne es zu merken. Er sieht weder die Mauer, die sein Denken umgibt, noch erahnt er, dass es „Mauerbauer“ gibt. Er wirkt wie eine Figur aus einem Videospiel, die sich im Rahmen ihrer einprogrammierten, vorgegebenen Muster bewegt, aber nicht begreift, dass es da draußen, außerhalb dieser künstlich geschaffenen Computerwelt, noch eine andere Welt gibt, die aus geschäftlichen Interessen, Programmierern und Spielern besteht.
Die Tragik entsteht, weil da einer ist, der sich im Grunde genommen „nur“ seines Verstandes bedienen müsste; der bereit sein müsste, die Perspektive zu wechseln und über den Tellerrand seiner Überzeugungen hinauszuschauen. Doch es passiert nicht – nicht bei seinem Auftritt in der Sendung „Hart aber Fair” [https://www.instagram.com/reel/DHV2_nRR7yZ/?hl=de] (die komplette Sendung gibt es nicht mehr online), nicht in seinen Videos auf YouTube [https://www.youtube.com/@sicherheitspolitik], nicht auf Seite 1 seines Buches und auch nicht auf Seite 160, mit der das Buch abschließt.
Kurz vor Ende des Buches schreibt Matei, noch von den Beobachtungen einer Ukraine-Reise geprägt: „Ich brauche keine Argumente mehr“, denn er habe gesehen, was es bedeute, wenn ein Land angegriffen werde. Seine Position an dieser Stelle: ein Sinnbild für das ganze Buch.
Wer zum Krieg eine fundierte Position vertreten will, muss sich alle Seiten anhören – und am besten beide Seiten der Front besuchen [https://www.nachdenkseiten.de/?p=108252]. Von einem Besuch in den russisch eroberten Gebieten, von dem inneren Krieg mit rund 14.000 Toten in der Ukraine vor der russischen Invasion, von dem Schrecken der bei lebendigem Leibe verbrannten Bürger im Gewerkschaftshaus in Odessa [https://www.nachdenkseiten.de/?p=130268] hat das Buch nichts zu erzählen.
Tragisch ist Mateis Buch gewiss nicht deshalb, weil er die Auffassung vertritt, dass es doch wichtig und ehrenhaft sei, die Alten, die Schwachen, also alle die, die bei einem Krieg nicht kämpfen können, zu verteidigen. Im Gegenteil, diese Auffassung verdient Respekt – so, wie man jedem Soldaten Respekt entgegenbringen darf, der bereit ist, das eigene Leben zum Schutz und zum Wohl des Landes und seiner Mitmenschen riskieren zu wollen. Darauf baut Matei. Dafür wirbt er. Doch mit Mateis Anspruch, darzulegen, warum er geschworen hat, sein Land zu verteidigen, beginnt die Tragik.
Denn auch wenn sich Soldaten mit guten Absichten leicht respektieren lassen: Schwer fällt es, Soldaten zu respektieren, die sich vor den Karren einer machtelitären Politik spannen lassen, die sie weder verstehen noch verstehen wollen. Und da setzt sich die Tragik in Mateis Buch fort.
Matei, der mit über 440.000 Followern als einer der reichweitenstärksten Influencer zum Thema Sicherheitspolitik in Deutschland gilt, legt seine Sicht auf eine Weise dar, die erkennen lässt, dass nichts von dem kritischen Wissen, das die Menschheit aus den Kriege umgebenden Lügen [https://www.dw.com/de/irak-krieg-nach-der-l%C3%BCge-folgte-der-v%C3%B6lkerrechtsbruch/a-64942299], Manipulationen [https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama/archiv/2000/Enthuellungen-eines-Insiders-Scharpings-Propaganda-im-Kosovo-Krieg,erste7422.html] und der Propaganda [https://www.nytimes.com/2022/05/01/world/europe/ghost-kyiv-ukraine-myth.html] in Erfahrung bringen konnte, bei ihm angekommen ist.
Matei hat einen Schlüssel zum Verstehen vor Augen. Er nimmt diesen Schlüssel sogar in seine Hände – und doch begreift er nicht, wie sich das Schloss damit öffnen lässt.
Er zitiert Erich Maria Remarques Anti-Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ und schreibt dann, dass doch heute alles anders sei als damals, dass die Bundeswehr doch dem Leitbild der „Staatsbürger in Uniform“ folge und ein Bundeswehrsoldat „nicht Objekt des Staates“ sei, „sondern Subjekt seiner eigenen moralischen Urteilskraft“.
Gewiss, Papier ist geduldig. Und dem Leser ringt das Buch alles an Geduld ab, was sich aufbringen lässt.
Soldaten, die sich an ihrem Verstand und ihrem Gewissen orientierten, die sich also der Corona-Impfung widersetzt haben und drastisch bestraft wurden, dürften einen anderen Standpunkt vertreten (Gefängnis für Soldaten: Wer bis 13 Uhr nicht geimpft war, galt als Befehlsverweigerer [https://www.berliner-zeitung.de/article/nach-corona-impfpflicht-bei-bundeswehr-ungeimpfter-soldat-tritt-gefaengnis-strafe-an-2237578]) als Matei. Und wir reden hier von Vorkommnissen in Friedenszeiten. Darüber, wie es in Kriegszeiten aussehen wird, sollten keine Illusionen bestehen [https://www.nachdenkseiten.de/?p=129326].
Und so geht es in dem Buch weiter: Matei lässt sich über Freiheit, Demokratie und über Chancengleichheit aus. Glühend benennt er die schönen Seiten seines Landes – allerdings wie einer, der noch nie auf seinem Bildungsweg auch nur ein – im besten demokratischen Sinne – herrschaftskritisches Buch in der Hand gehalten hat. Ein Land und seine Machtverhältnisse zu verstehen mit der Brille intellektueller Provinzialität: ein schwieriges Unterfangen.
Er spricht von Demokratie – aber die aus bald einem Jahrhundert zusammengetragenen Erkenntnisse [https://westendverlag.de/0-1-Das-Imperium-der-Milliardaere/1711] einer kritischen Machtstruktur [https://www.dampfboot-verlag.de/de/autorin/krysmanski-hans-juergen]– und Elitenforschung [https://www.nachdenkseiten.de/?p=46147], in denen oft genug die Unterschiede zwischen einer Demokratie auf dem Papier und der Realität herausgerabreitet wurden [https://westendverlag.de/Die-Machtelite/1486], sind an ihm vorbeigegangen.
Er versteht nicht die Komplexität realer Machtverhältnisse in formal demokratischen Systemen [https://www.telepolis.de/article/Machteliten-Von-der-grossen-Illusion-des-pluralistischen-Liberalismus-3265780.html?seite=all] – so wenig, wie er nicht begriffen hat, dass es in Demokratien neben dem – sagen wir – guten Staat bisweilen auch einen bösen Tiefenstaat geben kann. Er sieht die saubere Hand des Staates – aber nicht seine dreckige.
Vielleicht würde er bei dem „Celler Loch [https://www.ndr.de/geschichte/gdgm/Die-Wahrheit-ueber-Celler-Loch-kommt-ans-Licht,geschichte114.html]“ oder bei den, nennen wir es: „Staatsströmungen“, die das Oktoberfest-Attentat [https://www.telepolis.de/article/Ulrich-Chaussy-ueber-das-Oktoberfest-Attentat-und-die-NSU-Mordserie-3367546.html?seite=all] oder den „Fall Buback [https://www.focus.de/politik/deutschland/buback-bruder-rechnet-mit-deutschland-ab-keine-offene-ermittlung_id_2059842.html]“ umgeben, mit den Schultern zucken. Vielleicht hat er noch nie in seinem Leben als ehemaliger Soldat oder Staatsbürger von „Gladio [https://www.spiegel.de/politik/die-dunkle-seite-des-westens-a-4c36b621-0002-0001-0000-000039997525]“ gehört. Vielleicht reibt er sich bei Hinweisen auf die „Geheimarmeen der NATO [https://www.youtube.com/watch?v=PzWF2791gAM&list=PL6J1OzLHamQ9J3RY1ZIt1fKwL6hgsu__o&index=1]“ verwundert die Augen, so wie er vermutlich nicht so recht weiß, was die Schlüsse sind, die ein kritischer Analyst aus der Iran-Contra-Affäre ziehen sollte.
Dafür sitzt das Feindbild. Die „Bösen“ – das sind die anderen. Matei spricht von den „Putins dieser Welt“, doch er begreift nicht: Tiefenpolitik ist kein Western, worin die Guten die weißen und die Bösen die schwarzen Hüte tragen. In der Politik gehen viele buchstäblich über Leichen – längst nicht nur die mit den Monstermasken.
Während die Brutkastenlüge [https://www.spiegel.de/politik/ausland/kriegspropaganda-eingespannt-wie-2000-strandesel-a-161658.html] vorgetragen wurde, waren die Hüte der „Guten“ so weiß, noch weißer ging es gar nicht. Während im Vietnamkrieg die Zivilbevölkerung Agent Orange ausgesetzt war – mit furchtbaren Konsequenzen bis heute [https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/vietnam-vietnamkrieg-usa-agent-orange-vergiftung-dioxin-spaetfolgen-boeden-waelder-fluesse-alles-ist-vergiftet] –, redeten Präsidenten und Politiker von der „Verteidigung der Demokratie“.
Der Ukraine-Krieg geht in Mateis Buch aus einer Art Akt Putin‘scher Selbstzeugung hervor – so wie vermutlich alle Kriege für ihn von einem bösen Machthaber ausgehen müssen. Die Frage etwa, seit wann die CIA in der Ukraine agiert [https://www.nytimes.com/2024/02/25/world/europe/cia-ukraine-intelligence-russia-war.html], und vor allem auch warum, taucht selbstverständlich nicht auf. Was damals auf dem Maidan passiert ist, wer die Scharfschützen waren [https://www.berliner-zeitung.de/article/nach-corona-impfpflicht-bei-bundeswehr-ungeimpfter-soldat-tritt-gefaengnis-strafe-an-2237578] – irrelevant für die staatstragende Erzählung von dem „Feind“ im Osten. Farbenrevolutionen [https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-zeit-der-farbrevolutionen-beginnt-vor-25-jahren-mit-dem-milosevic-sturz]? Politik des Regimewechsels [https://mondediplo.com/outside-in/us-interference]? Verdeckte Operationen [https://x.com/GUnderground_TV/status/2079960786894761987] zum Sturz von unliebsamen Regierungen? Das „Schachmatt: Strategien einer Revolution [https://www.youtube.com/watch?v=jR1eRtHNqpI]“? Egal. Warum begann Deutschlands Weg in den Kosovo-Krieg [https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama/archiv/2000/Enthuellungen-eines-Insiders-Scharpings-Propaganda-im-Kosovo-Krieg,erste7422.html] mit einer Lüge [https://www.youtube.com/watch?v=9jZecyCuz3E]? Der Scheuklappenblick macht es nicht möglich, dergleichen [https://www.washingtoninstitute.org/policy-analysis/long-sad-history-us-regime-change-promises] sinnverstehend zu erfassen.
Von daher: Kein Wort zu der enormen geostrategischen Bedeutung der Ukraine für die westliche Geo- und Machtpolitik. Warum sich an Brzezińskis „The Grand Chessboard [https://www.blaetter.de/ausgabe/2012/juli/warum-der-westen-russland-braucht]“ erinnern? Warum begreifen wollen, welche geostrategische Scharnierfunktion ein Staat wie die Ukraine im Kampf um Machträume zwischen den USA und Russland hat?
Dennoch: Matei will „informieren“. Er war als Jugendoffizier an Schulen, aber hat er auch etwas über Feindbildproduktion in Deutschland erzählt? Weiß er überhaupt etwas über die Feindbildproduktion [https://www.youtube.com/watch?v=ylUtMxtGoLI] aufseiten der Guten?
Matei erzählt von einem ukrainischen Freund, der in Deutschland Kirchenasyl beantragte, der sich dann entschieden hat, in der ukrainischen Armee zu kämpfen, von russischen Soldaten gefangen genommen und nach traumatischen Erlebnissen wieder freikam. Eine traurige Geschichte. Sie emotionalisiert. Sie hilft aber nicht dabei, die tiefenpolitischen Entstehungszusammenhänge des Krieges zu erfassen. Sie trägt nicht dazu bei, zu verstehen, warum Politiker von einem möglichen Krieg mit Russland sprechen. Im Gegenteil: Emotionalisierte Erzählungen über Opfer und Gräueltaten dienen schnell zur emotionalen Aufstachelung. Die Warheit ist: Krieg ist die Hölle. Auf allen Seiten gibt es Barbarei. Deshalb fluten Vernünftige keine Schlachtfelder mit Waffen, sondern sagen laut und deutlich: Die Waffen nieder! – zu allen Kriegsparteien, auch zu Russland und der Ukraine. Wer Butscha anprangert und über die Verbrechen der Tiger Force [https://www.spiegel.de/jahreschronik/a-331554.html] in der Vergangenheit schweigt, erweckt den Eindruck, nur eine Seite tue Böses. Im besten Fall ist derjenige unwissend, im schlimmsten Fall betreibt er Propaganda.
Die große Tragik des Buches entfaltet sich in Mateis „stärkstem Argument“. Ist Deutschland mit seinen überragenden kulturellen Leistungen, mit seinen netten Menschen (die notorischen Denunzianten seien ausgenommen), mit seinen schönen Landschaften, aber vor allem auch seine Lebensbedingungen, von denen Bürger in anderen Ländern nur träumen können, es nicht wert, verteidigt zu werden?
Mit Vorstellungen dieser Art betritt Matei die Arena der Diskussion. Leider dokumentieren sie die intellektuelle Untererfassung des Problems. Nicht, weil diese Ansichten falsch wären, nein, nein – sondern weil sie am Kern des Problems vorbeigehen.
Wie kann einer in der Diskussion über die „Wehrfähigkeit“ des Landes die guten Lebensbedingungen Deutschlands in den Vordergrund rücken, wenn es um eine eiskalte Geopolitik geht, die dabei ist, einen dritten Weltkrieg zu entfachen?
Deutschland befindet sich in einer Situation, in der der Kanzler in seiner Regierungserklärung davon sprach, Deutschland solle zur „konventionell stärksten Armee Europas werden“ [https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw20-de-regierungserklaerung-merz-1064956?enodia=eyJleHAiOjE3ODQ1NzI1ODYsImNvbnRlbnQiOnRydWUsImF1ZCI6ImF1dGgiLCJIb3N0Ijoid3d3LmJ1bmRlc3RhZy5kZSIsIlNvdXJjZUlQIjoiODYuMTA0LjI0OS4yMjQiLCJDb25maWdJRCI6IjhkYWRjZTEyNWZkMmMzOTMyYjk0M2I1MmU5ZDJjZDY1MDU3NTRlMTYyMjEyYTJjZTFiYjVhZjE1YzBkNGJiZmUifQ==.YG25z6oOV5hxcnaAaOqxLmtcX-N_SM0ARh7qUiiT4PE=]. Die Politik will über eine Billion für die „Verteidigungsfähigkeit“ des Landes ausgeben. Politiker ziehen Deutschland immer tiefer in einen geopolitisch motivierten, hochgefährlichen Stellvertreterkrieg [https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/interview-mit-michel-wyss-es-ist-der-erste-stellevertreter-krieg-zwischen-russland-und-der-nato-in-europa_id_94392173.html] hinein. Der Verteidigungsminister spricht davon, Deutschland solle „kriegstüchtig“ werden. Kriegstüchtig [https://www.nachdenkseiten.de/?p=127039], diesen Begriff gebraucht Matei mehrmals selbst in seinem Buch – mit einer allenfalls sehr leisen Kritik zwischen den Zeilen.
Müsste er, Matei, der doch so sehr auf die Erzählung vom Staatsbürger in Uniform setzt, nicht Sturm laufen in Anbetracht des Unheils, das sich im Land ausbreitet? Müsste er nicht seine Stimme erheben, seine Reichweite nutzen und davon erzählen, wie manipulativ das Wort kriegstüchtig ist, wie es sich aus einem negativ besetzten Ausdruck – „Krieg“ – mit einem positiv besetzten – „tüchtig“ bzw. auch: „Tugend“ – verbindet und so das Furchtbare zu legitimieren versucht? Müsste er nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufzeigen, wie die Nazis diesen Begriff gebraucht haben [https://x.com/matze2001/status/1913817981848572247], um das Volk aufzuhetzen? Müsste er nicht als Offizier der Reserve Pistorius persönlich und öffentlich für die Wiedereinführung dieses Begriffs entgegentreten? Müsste er nicht als mündiger, kluger Bürger in Uniform die Politik an die historische Schuld Deutschlands und an die Millionen von der Wehrmacht getöteten sowjetischen Soldaten erinnern? Müsste er nicht laut aussprechen, dass es niemals mehr dazu kommen darf, dass sich deutsche und russische Soldaten auf den Schlachtfeldern gegenüberstehen?
Wie hat Matei reagiert, als der Außenminister der Bundesrepublik sagte: „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben [https://www.berliner-zeitung.de/article/kuenftiger-aussenminister-wadephul-russland-wird-immer-ein-feind-fuer-uns-bleiben-2320148]“? Mit „Laufen gehen mit dem Außenminister [https://www.youtube.com/watch?v=9ul1gzUk1GY]“? Müsste er, Matei, der auf Seite 35 „Zwangsrekrutierungen“ für die russische Armee in der Ostukraine anprangert und von einer „perversen“ Situation spricht, nicht Sturm laufen bei den furchtbaren [https://x.com/Glenn_Diesen/status/2070918510474121470] Videos, die von Zwangsrekrutierungen [https://x.com/ernst_klaus/status/2069339990769754228] durch die Ukraine zu sehen sind? Warum prangert er nicht mit seinem Zugang zur Politik und mit seiner Reichweite die barbarische „Busifizierung [https://busification.org/]“ an?
Hier hinschauen, da wegschauen? Wo ist der Mut des „Bürgers in Uniform“?
Wer das Buch Mateis aufmerksam liest, bekommt eine Ahnung, wie es um diesen Mut fernab der lauwarmen Worte steht.
Öffnen wir Kapitel 7. Es trägt den Titel: „Dürfen wir unsere Heimat lieben? Die Sache mit dem Patriotismus“. Darin beleuchtet Matei seine eigene Einstellung zur „Heimat“ und merkt an mehreren Stellen etwas kleinlaut an, dass es in Deutschland problematisch sei, so einfach darüber zu sprechen. Er spüre, dass ein Satz wie „Ich liebe Deutschland“ eben „nicht so ganz geschmeidig“ über seine Lippen gehe. Es falle ihm „nicht so leicht“, seine Beziehung zu Deutschland mit Liebe auszudrücken, weil „Pathos und Patriotismus in unserem Land argwöhnisch beäugt“ würden. Bei der Frage der BILD-Zeitung, ob Matei ein Patriot sei, habe er „instinktiv“ gespürt, dass ihm „diese Frage unangenehm war“. In seiner Antwort habe er „geschwurbelt“.
Unfreiwillig dekonstruiert Matei sich selbst – aber auch das erkennt er nicht
Erneut stolpert er über einen Schlüssel – einen Schlüssel zum Öffnen eines Gedankenraums, der davon erzählt, dass es eine, sagen wir: „unsichtbare Macht“ gibt, die Druck ausübt und bestimmt, wo die Grenzen des Sagbaren [https://www.nachdenkseiten.de/?p=109070] liegen. Matei spürt diese Macht, wie er sagt: „instinktiv“, und auf der Verstandesebene hat er erfasst, dass es in Deutschland aus gewissen Gründen problematisch ist, sich zur Vaterlandsliebe freimütig zu bekennen.
Nun lässt sich diesem „unsichtbaren Einfluss“ auf unser Denken ja in diesem Falle – aus bekannten Gründen – durchaus etwas Positives abgewinnen. Nur: Wenn es diese Einflüsse bei den Themen Heimat und Patriotismus gibt, gibt es sie dann vielleicht auch bei anderen Themen (vielleicht beim Thema Russland)? Woher kommt eigentlich diese „Macht“? Wer steht hinter ihr? Wer formt sie? Wie kann sie sich als Barrieren beim Denken und Sprechen in unseren Geist einschleichen?
Würde Matei von dem Schlüssel, den er in seiner Hand hält, Gebrauch machen: Diese Fragen führten ihn an einen Denkstandort, von dem aus ein anderes Buch entstünde als jenes, das er vorgelegt hat. Hat er, der an der Bundeswehrakademie Journalistik, Wirtschaft und evangelische Theologie studiert hat, nichts aus den Bereichen einer kritischen Gesellschaftswissenschaft gelernt?
Eine Frage drängt sich auf: Warum stellt sich Matei nicht ohne dieses „instinktive“ Gefühl an prominenter Stelle vor die Kameras und bekennt: „Ich liebe mein Vaterland!“? Weil er dann womöglich aus der Diskussion ausgeschlossen würde?
Der ausgebildete Gebirgsjäger, der Kämpfer, der bereit sein will, Deutschland in einem Krieg zu verteidigen: Fürchtet er etwa, in einem freien Land, in einer Demokratie, zu sagen, was er denkt? Fürchtet er den Einfluss jener Macht, die sich dann in dem ach so freien Diskussionsraum zeigt, wenn die Grenzen des Sagbaren überschritten werden?
Matei schreibt in dem Buch, was er auch bei „Hart aber Fair“ gesagt hat, nämlich, dass seine Tochter in diesem Land „fast kostenlos“ vom Kindergarten bis zum Studium lernen könne, „und zwar nicht, was sie denken muss, sondern was sie denken will“.
Jeder auch nur halbwegs kritische Soziologe würde an dieser Stelle widersprechen. Hat der Autor jemals darüber nachgedacht, wie beschnitten, wie begrenzt, wie eingeengt das Denken selbst in sogenannten „freien Gesellschaften“ ist? Was unter der „Standortgebundenheit des Denkens“ zu verstehen ist? Oder darüber, wie sich gesellschaftliche Wirklichkeit konstruiert und was diese Konstruktion mit Macht- und Unterdrückungsverhältnissen zu tun hat? Was weiß er über die innere Konstituierung von Staaten und jener Macht, die sich schon vor der Gründung eines Staates formiert und ihre Stempel Institutionen – insbesondere den Bildungseinrichtungen – aufdrückt? Wer so nebenbei anmerkt, dass ein Mensch beim Gang durch die Bildungseinrichtungen doch „frei“ denken kann, hat nicht begriffen, welche unsichtbaren sozialisatorische Einflüsse und welche Machtmechanismen ihn durchdrungen haben und umgeben. Kurzum: Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um ein Plädoyer zum Thema „Freiheit“ zu halten.
Die Tragik, sie ist wieder zu spüren. Matei wirft den Schlüssel weg. Stattdessen zitiert er die „Zukunftsforscherin“ Florence Gaub, die – Achtung, man muss sich diesen Unsinn auf der Zunge zergehen lassen – Zukunft beschreibt „als eine Geschichte, die Gesellschaften über sich selbst erzählen“.
Fürs Protokoll: Es gibt keine Gesellschaft, die die Macht hat, „Geschichten“ über sich zu erzählen. Die vergangene, die gegenwärtige und die zukünftige „Geschichte“ einer Gesellschaft erzählen jene, die mit der offiziellen Macht im Rücken eine machtelitär geprägte Version von Geschichte erzählen.
Dass Matei Gaub zitiert, also jene deutsch-französische Politikwissenschaftlerin, die Forschungsdirektorin des NATO-Verteidigungskollegs in Rom ist und bei „Markus Lanz“ sagte: „Wir dürfen nicht vergessen, auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=82944], die nebenbei auch noch anmerkte, dass Russen einen anderen „Bezug zu Tod haben“, verleiht dem Trauerspiel des Buches einen Klang für sich. Und dieser Klang hallt nach.
Freimütig erzählt Matei, dass er irgendwann eine E-Mail vom Büro des NATO-Generalsekretärs erhalten habe – mit einer Einladung zur 75-Jahr-Feier des Militärbündnisses in Washington. „Natürlich nahm ich die Einladung an“, schreibt er und schildert, dass er in „einem Regierungsflieger der Luftwaffe“ zu dem Treffen fliegen durfte.
Im weiteren Verlauf erfährt der Leser auch, dass „ein transatlantischer Thinktank“ eine „Begegnung zwischen deutschen und amerikanischen politischen Content Creators organisiert“ hat und von Begegnungen mit Akteuren, die „Sicherheitspolitik nicht kommentieren, sondern machen“. Um welche Denkfabrik es sich gehandelt hat, schreibt Matei allerdings nicht.
Matei, das sei erklärend angemerkt, versteht sich selbst als „Content Creator“, also als einer, der Inhalte erstellt und bei TikTok und anderen Online-Kanälen veröffentlicht.
Der Autor wird zu einer tragischen Figur. Mitleid drängt sich auf. Doch ist es angebracht? Matei hat ein Buch veröffentlicht, das in verblendeter ideologischer Komplizenschaft einer Politik zuarbeitet, die ganz Europa in den Abgrund des Krieges zu reißen droht. Matei will die Tragik nicht – aber bringt sie mit seiner Positionierung hervor. Der Autor scheint nicht im Ansatz zu begreifen, warum er sich in einem hochkarätigen sicherheitspolitischen Umfeld überhaupt bewegen darf …
Beim Lesen des Buches werden Erinnerungen an tragische Figuren aus der Literatur wach, die in ihrer Verblendung zum Abbild ideologischer Borniertheit geworden sind, wie etwa das Pferd „Boxer“ aus George Orwells Roman „Animal Farm“. Boxer glaubt blind bis zu seinem Ende an die Doktrin der herrschenden Schweine. Selbst als das Pferd verkauft und zur Schlachtbank gebracht wird, begreift es immer noch nicht, welches übles „Spiel“ die Schweine spielen.
Erinnerungen an Paul Bäumer bahnen sich ihren Weg, den Protagonisten aus „Im Westen nichts Neues“, der zumindest am Anfang im naiven Glauben daran, dass dieser Krieg im Sinne des Vaterlandes sein würde, mit Überzeugung zur Armee rannte.
Die verblendeten Figuren in der Literatur, die die sie umgebenden komplexen, destruktiven Machtstrukturen nicht erkennen und getrieben sind von der Überzeugung, für die gute, die gerechte Sache zu handeln, sind zahlreich.
Ob die Captains in James Jones‘ „Der schmale Grat“; die Soldaten und Mitläufer in Joseph Hellers „Catch 22“ oder im zivilen Bereich Heinrich Manns „Untertan“ usw.: In der Literatur und in Filmen wird der Typus des stolzen, scheinklugen, doch fest an die „gute Sache“ glaubenden Irrläufers, der weder die Instrumentalisierung seiner selbst noch die sich ergebenden zerstörerischen Folgen erkennt, immer wieder thematisiert. Diese Figuren haben keine Ahnung von der großen, sie umgebenden Maschinerie, in die sie als kleines Zahnrädchen eingebaut wurden. Sie erfassen nicht ihre Begrenztheit und was die Erbauer und die Betreiber der Maschinerie im Schilde führen. Ihr naiver Blick ist nicht in der Lage, die Objektivität der äußeren Situation zu begreifen. Sie verstehen nicht die dreckigen Dynamiken in den „Fabrikhallen“, den Weichenstellungen auf dem „Werksgelände“ und den schmierigen Absichten und den eiskalten Profitberechnungen in den Büros der Chefs.
Zahnräder dienen in ihrer Nützlichkeit – und wenn sie ausgenutzt sind, werden sie ersetzt
In Mateis Buch lässt sich eine bemerkenswerte, aber unbeabsichtigte Pointe finden. Zum Schluss taucht sie auf, oder genauer: nicht auf der letzten Seite, sondern ganz hinten auf dem Klappenumschlag. Dort steht oben Mateis Name und es finden sich Angaben zu ihm als Autor. Sein Name steht dort, wie er auch vorne auf dem Titel und auf der Seite des Buches steht. Allerdings: Unter seinen Angaben ist noch ein zweiter Name angeführt: Simon Biallowons. Und die Leser erfahren, Biallowons „ist studierter Philosoph und Absolvent der katholischen Journalistenschule ifp. Er (…) berichtete als Reporter (…) aus vielen Ländern“ und „ist Verfasser mehrerer Bestseller und Geschäftsführer sowie Cheflektor des Verlags Herder“, bei dem dieses Buch erschien. Biallowons [https://www.herder.de/autoren/b/simon-biallowons/] taucht als „Mitwirkender“ bzw. Autor bei Büchern etwa von Anselm Grün, Felix Neureuther oder als Herausgeber eines Buchs von Papst Franziskus auf. Anders gesagt: Das ist jemand, der schreiben kann.
Beim Lesen war es zu erahnen. Nicht, weil das Buch sprachlich und stilistisch sauber geschliffen ist. Schließlich – Gott sei Dank! – gibt es gute Lektoren, die die rauen Ecken und Enden an jedem Manuskript abklopfen. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie Matei seine Geschichte erzählt und seinen Standpunkt darlegt, dass früh beim Lesen die Frage auftauchte: Hat Matei das Buch allein geschrieben? Nicht, dass es ein stilistisches Feuerwerk ist, aber so gut, wie es geschrieben ist, muss ein ehemaliger Bundeswehrsoldat erst einmal schreiben können, denkt man sich. Auch wenn nur Mateis Name auf dem Titel steht: Offensichtlich gab es beim Schreiben Schützenhilfe.
Dies setzt die Tragik noch beim Schlusspunkt fort. Die Beschränktheit des Buches stützt sich damit nicht nur auf die Schultern einer Person. Hat denn nicht einmal der Cheflektor eines traditionsreichen Verlages [https://familienunternehmen.eu/familienunternehmen-herder-simon-biallowons-philipp-lindinger/] erkannt, wie sich dieses Buch in seiner politischen Naivität verfängt?
Die großen Medien sind derweil voll des Lobes, und deutlich wird: Die Tragik des Buches ist zugleich die Tragik dieser Zeit. Unfreiwillig wird das Buch zum Abbild einer 160 Seiten umfassenden Gegenwartsdiagnose. Borniertheit und intellektuelle Laxheit fluten den Debattenraum, Überzeugungen verdrängen fundierte Argumente. Und auf diesem Niveau bewegen sich weite Teile der Mainstreammedien, der bekannten Kulturproduktion. Das gute, kluge, kritische zuvor Gedachte wirkt in weiten Teilen der öffentlichen Diskussion wie ausgelöscht.
Es bedarf keiner Perspektivierung mehr. Warum auch soll die riesengroße Zahl an kriegskritischen Erkenntnissen berücksichtigt werden, wenn „wir“ doch dieses Mal zu „einhundert Prozent“ die „Guten“ sind? Wenn doch dieses Mal tatsächlich Vaterlandsliebe und die Bereitschaft zum „Schutz“ der Heimat angebracht sind, weil der „böse“ Feind jetzt, endlich, ehrlich im Osten auszumachen ist? Weil es doch dieses Mal bei den „Guten“ keine Propaganda gibt und – zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit – die Politik ihre Soldaten aus reinstem Herzen und mit den besten Absichten für alle an die „Ostfront“ schickt? Und der militärisch-industrielle Komplex ohnehin nur eine Wahnvorstellung von Eisenhower war, oder wie?
Mateis Buch, das erwähnt er mehrmals, kann als eine Art Kontrapunkt zum Buch von Ole Nymoen „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde: Gegen die Kriegstüchtigkeit“ [https://www.rowohlt.de/buch/ole-nymoen-warum-ich-niemals-fuer-mein-land-kaempfen-wuerde-9783499017551?srsltid=AfmBOoocNAax6qpAhRJGELAP-qobzxOVacTCIVt7fRM6i6kc4sPulJcP] verstanden werden. Nach der Lektüre beider Bücher lässt sich sagen: Das ist verstiegen, anmaßend. Nymoens Buch überzeugt mit originären Gedanken und der Kraft von Argumenten. Mateis Buch ist davon so weit entfernt, dass Welten dazwischen liegen.
Dem Autor sei gewünscht, dass er an irgendeiner Stelle seines Lebens ein Aha-Erlebnis haben wird; dass er, wie er auf Seite 122 schreibt, einen „kurzen Riss“ in der – oder besser: seiner – „Realität“ erlebt; dass er – irgendwie – begreift: Wenn Politiker von Krieg und Feinden reden, dann sind Propaganda und Manipulation allgegenwärtig; dass die hehre Absicht, seine Familie und seine Freunde zu schützen, gerade nicht durch die Vorstellung von einem Kampf an der Kriegsfront erfüllt werden kann, sondern durch die Bereitschaft, seine Stimme für den Frieden vor dem Krieg einzusetzen.
Was glaubt Matei eigentlich – und dazu müsste er als „Fachmann des Krieges“ eine klare Sicht haben –, was bei einem heißen Krieg zwischen der NATO und Russland passieren würde? Glaubt er wirklich, dass es dann hier noch etwas zu verteidigen geben würde? Vielleicht wird er verstehen, wenn er an „Wintex Cimex [https://www.spiegel.de/politik/wir-europaeer-sollen-uns-opfern-a-884bc9b8-0002-0001-0000-000013495258]“ zurückdenkt.
An die Front zu gehen und zu kämpfen, dafür mag es Mut benötigen. Hunderte Millionen von Soldaten haben diesen Mut in der Geschichte der Menschheit aufgebracht. Das Ergebnis ist bekannt.
Den Mut aber, die eigenen Überzeugungen schonungslos zu hinterfragen (nicht als Lippenbekenntnis, wie auf Seite 10) und seinen eigenen Standpunkt zu ändern, Fehler einzugestehen und umzukehren – den haben nur wenige. Möge er diesen Mut haben.
Lesetipp
David Matei: Deutschland ist es wert: Warum ich geschworen habe für mein Land zu kämpfen [https://www.herder.de/politik-wirtschaft/shop/p4/94964-deutschland-ist-es-wert-klappenbroschur/]. Freiburg im Breisgau 2026, Verlag Herder, Taschenbuch, 160 Seiten, ISBN 978-3451073779, 18 Euro.
Titelbild: [http://vg07.met.vgwort.de/na/9336494c3fd4489ca909d56211e3b7f9]
Kommentarer
0Vær den første til at kommentere
Tilmeld dig nu og bliv en del af NachDenkSeiten – Die kritische Website-fællesskabet!