NachDenkSeiten – Die kritische Website

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (15)

17 min · 1. juni 2026
episode Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (15) cover

Beskrivelse

„Die Erwachsenen warnten uns Kinder immer wieder vor Tieffliegern. Wir belauschten ab und zu Erwachsenengespräche, die von Tieffliegern handelten, die auf Fußgänger und Radfahrer schossen und manchmal Bomben abwarfen. Trotz der Gefahr durften wir den ganzen Tag überall spielen: im Gaswerk, auf den Straßen, den Wiesen, Feldern, am Elbufer, im Wäldchen. Meine Tante und der Weiterlesen [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151229]

Kommentarer

0

Vær den første til at kommentere

Tilmeld dig nu og bliv en del af NachDenkSeiten – Die kritische Website-fællesskabet!

Kom i gang

1 måned kun 9 kr.

Derefter 99 kr. / måned · Opsig når som helst.

  • Podcasts kun på Podimo
  • 20 lydbogstimer pr. måned
  • Gratis podcasts

Alle episoder

5149 episoder

episode Die Verlängerung der Chatkontrolle durch die EU ist ein Affront gegen die Demokratie cover

Die Verlängerung der Chatkontrolle durch die EU ist ein Affront gegen die Demokratie

Am Donnerstag hat das Europäische Parlament die Verlängerung der „Chatkontrolle 1.0“ „verabschiedet“ [https://www.euronews.com/next/2026/07/10/chat-control-10-passed-the-european-parliament-through-the-back-door]. Dabei handelt es sich um die vorübergehende Aussetzung der „ePrivacy“-Vorschriften der EU (Vorschriften zum Schutz der Vertraulichkeit elektronischer Kommunikation), die es Technologieplattformen ermöglicht, die private Kommunikation der Bürger massenhaft zu durchsuchen – vorgeblich, um Inhalte in Bezug auf sexuellen Missbrauch an Kindern aufzuspüren. „Verabschiedet“ setze ich hier in Anführungszeichen, weil das Wort etwas impliziert, was offensichtlich nicht geschehen ist: dass es eine Mehrheit der Europaabgeordneten gegeben hat, die dafür gestimmt haben. Tatsächlich stimmten 314 Europaabgeordnete gegen den Text, 276 dafür. Und dennoch wurde er verabschiedet. Ein Gastbeitrag von Thomas Fazi, Übersetzung aus dem Englischen von Maike Gosch. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Möglich wurde dies durch einen verfahrenstechnischen Trick, der Brüssel in seiner zynischsten Form zeigte. Das Gesetzgebungsvorhaben wurde im Rahmen eines „Dringlichkeitsverfahrens“ durchgedrückt: Die Präsidentin des Europäischen Parlaments, Roberta Metsola, nahm ein Gesetzgebungsdossier, das die Abgeordneten bereits im März abgelehnt hatten, einseitig wieder auf, und der Rat schickte es praktischerweise genau zu Beginn der Sommerpause zurück, wenn es am schwierigsten ist, eine ausreichende Anwesenheit (der Abgeordneten) zu gewährleisten. Eine zweite Ablehnung hätte keine einfache, sondern eine absolute Mehrheit erfordert: 360 Stimmen. Das Gesetz wurde daher trotz einer Mehrheit von Abgeordneten, die dagegen gestimmt hatten, verabschiedet. Die Verordnung bleibt nun bis April 2028 in Kraft und verschafft Zeit für Verhandlungen über ihren noch ehrgeizigeren Nachfolger, die „Chatkontrolle 2.0“. Wie der deutsche Europaabgeordnete Fabio De Masi nach der Abstimmung feststellte [https://x.com/FabioDeMasi/status/2075333430150050073], ist die „Chatkontrolle“ ein „Gesetzes-Zombie“ – eine Maßnahme, die das Europäische Parlament mehrfach abgelehnt hat, die aber immer wieder wiederbelebt wird, bis das gewünschte Ergebnis erzielt wird. Diese Episode sollte all jenen zu denken geben, die darauf bestehen, dass das Demokratiedefizit der EU durch die Übertragung von mehr Befugnissen an das Europäische Parlament behoben werden könnte. Hier arbeitet die Präsidentin ebendieser Institution mit dem Rat zusammen, um ein Dossier wiederzubeleben, das das Parlament selbst begraben hatte. Wenn das Parlament auf diese Weise arbeitet, würde eine weitere Stärkung seiner Befugnisse dieses Demokratiedefizit nur vertiefen. Sie verliehe einem System lediglich einen stärkeren Anschein demokratischer Legitimität, das im Grunde eine exekutiv-bürokratische Maschinerie bleibt, welches den Willen der Parlamentarier als Hindernisse betrachtet, die es zu umschiffen gilt. Befürworter des Ergebnisses verweisen auf einen vermeintlichen Lichtblick: einen Änderungsantrag [https://brusselssignal.eu/2026/07/european-parliament-approves-mini-chat-control/] der liberalen „Renew“-Fraktion, der Kommunikationen, bei denen eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung „angewendet wird, wurde oder werden wird“ – wie beispielsweise WhatsApp-Nachrichten –, vom Geltungsbereich des Gesetzes ausnimmt. Einige Europaabgeordnete haben dies als Hoffnungsschimmer begrüßt, und es hat wahrscheinlich dazu beigetragen, genügend Stimmen abzuziehen, um eine vollständige Ablehnung zu verhindern. Doch der Änderungsantrag steht in krassem Widerspruch zur gesamten Logik der Massenüberwachung, weshalb allgemein erwartet wird, dass der Rat – wo das Dossier von den Innenministerien geleitet wird, die wenig Interesse an Datenschutz haben – ihn streichen wird, sobald das Paket in den kommenden drei Monaten auf seinem Tisch landet. Mit anderen Worten: Es handelt sich um ein Feigenblatt, das dazu bestimmt ist, später wieder entfernt zu werden. Die wiedergewählte Vorsitzende der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE), Svenja Hahn, bezeichnete [https://www.euronews.com/next/2026/07/10/chat-control-10-passed-the-european-parliament-through-the-back-door] die Abstimmung als „eine Schande“ und warnte, dass sie „die Tür für die Massenüberwachung jeglicher privater Kommunikation öffnet“ und dass „die von den EU-Staaten vorangetriebene Überwachung privater Chats eine Bedrohung für unsere Freiheit und Demokratie darstellt“. Lyudmyla Kozlovska von der Open Dialogue Foundation ordnete dies in ein größeres Muster ein: „Eine weitreichende Befugnis, die mit einem dringlich klingenden Zweck gerechtfertigt und dann stillschweigend normalisiert wird“ – zuerst die Privatsphäre im Finanzbereich, dann die Daten von Reisenden, jetzt Nachrichten. Der eigentliche Kampf, so merkte sie an, werde im September um „Chatkontrolle 2.0“ stattfinden. Und genau das ist der springende Punkt. Bei der „Chatkontrolle“ ging es nie wirklich [https://unherd.com/2025/11/europes-new-war-on-privacy/] um Kinder. Dieses Durchsuchen privater Korrespondenz – etwas, das niemand tolerieren würde, wenn es auf Papierbriefe angewendet würde – trägt kaum dazu bei, tatsächliche Täter zu fassen, die im Darknet operieren, während die Polizei in einer Flut von Fehlalarmen versinkt. Nach Schätzungen [https://www.patrick-breyer.de/en/posts/chat-control/] der Schweizer Bundespolizei sind etwa 80 Prozent der von Maschinen markierten Inhalte nicht einmal illegal. Was damit geschaffen wird, ist eine dauerhafte Infrastruktur für totale Überwachung, die für Funktionsausweitung und Missbrauch geradezu prädestiniert ist – zusätzlich zu einer obligatorischen Altersüberprüfung, die die Online-Anonymität von Whistleblowern, Journalisten und Dissidenten gleichermaßen beenden würde. Der ehemalige Europaabgeordnete Patrick Breyer hat es letztes Jahr am treffendsten formuliert [https://www.patrick-breyer.de/en/chat-control-2-0-through-the-back-door-breyer-warns-the-eu-is-playing-us-for-fools-now-theyre-scanning-our-texts-and-banning-teens/]: „Sie verkaufen uns Sicherheit, liefern aber eine Maschine zur totalen Überwachung.“ Diese Maschine hat nun eine weitere Hürde genommen. Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Englisch im britischen Online-Magazin UnHerd [https://unherd.com/newsroom/eu-chat-control-extension-is-an-insult-to-democracy/]. Titelbild: Shutterstock AI / Shutterstock[https://vg06.met.vgwort.de/na/4d0c3c8d1e574bad9e0a8856b1ad0ee7] Mehr zum Beitrag Chatkontrolle: Der größte Angriff auf unsere Privatsphäre seit der Vorratsdatenspeicherung [https://www.nachdenkseiten.de/?p=139633]

14. juli 20266 min
episode Kai Wegner: Aufstieg und Fall eines Überforderten cover

Kai Wegner: Aufstieg und Fall eines Überforderten

Zum Schluss ging dann alles ziemlich schnell. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) musste am Freitag auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz nach immer neuen Berichten über sein dubioses Agieren während des größten Stromausfalls der Berliner Nachkriegsgeschichte am 3. Januar [https://www.tagesspiegel.de/berlin/rekonstruktion-eines-absturzes-kai-wegners-dramatische-72-stunden-vor-dem-ruckzug-15828930.html] und seinen immer hilfloseren Erklärungs- und Rechtfertigungsversuchen – die sich teilweise hart an der Grenze zur Falschaussage bewegten – seinen sofortigen Rücktritt von der erneuten Spitzenkandidatur für die Abgeordnetenhauswahlen am 20. September und vom CDU-Landesvorsitz verkünden. Als „lame duck“ wird er noch bis zur Wahl eines Nachfolgers als Regierender Bürgermeister amtieren. Von Rainer Balcerowiak. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Aus dem schon länger vernehmlichen Grummeln innerhalb der Berliner CDU war mittlerweile nackte Panik geworden, denn in den letzten Umfragen zur Berliner Wahl rangierte die CDU mit 17 Prozent nur noch auf Platz 4 hinter den Linken, den Grünen und der AfD. Bei den letzten Wahlen im Februar 2023 hatte Wegner für die CDU mit 28,2 Prozent und einem Zuwachs um 10,2 Prozent noch einen triumphalen Wahlsieg errungen, der schließlich zu einer von ihm geführten Koalition mit der deutlich gerupften SPD führte. Wegner war für die CDU der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt. Die rot-rot-grüne Vorgängerregierung unter Franziska Giffey hatte sich mittels öffentlicher Grabenkämpfe erkennbar zerlegt und zudem die Verantwortung für das Berliner Wahlpannendesaster vom September 2021 [https://www.deutschlandfunk.de/berlin-wahl-abgeordnetenhaus-100.html] im Gepäck. Wegner ließ sich gut als Gegenmodell zu den „abgehobenen rot-rot-grünen Versagern“ präsentieren. Sozusagen „einer von uns“, aufgewachsen in Berlin-Spandau, Realschulabschluss, Wehrdienst, Ausbildung zum Versicherungskaufmann, Berufstätigkeit in dieser Branche und später in der mittelständischen Bauwirtschaft. Ein Mann will nach oben Seine politische Ochsentour begann 1989, als er mit 17 Jahren in die CDU und die Junge Union eintrat. Es folgten verschiedene Ämter auf unteren Ebenen, etwa Landesvorsitzender der Berliner Schüler Union und Kreisvorsitzender der Jungen Union. 1995 zog er für die CDU in die Spandauer Bezirksverordnetenversammlung ein, 1999 ins Berliner Abgeordnetenhaus, wo er zum wirtschaftspolitischen Sprecher und stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden avancierte. 2005 wechselte Wegner in den Deutschen Bundestag, wo er unter anderem als Vorsitzender der Landesgruppe Berlin der Unions-Fraktion agierte. Sein Berliner Netzwerk pflegte er emsig weiter: als Kreisvorsitzender der Spandauer CDU und von 2011 bis 2016 als Generalsekretär der CDU Berlin. 2019 wurde Wegner zum Landesvorsitzenden der seinerzeit ziemlich zerrütteten Berliner CDU gewählt. 2021 trat Kai Wegner erfolgreich bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus an und legte daraufhin sein Bundestagsmandat nieder. Er wurde Vorsitzender der CDU-Fraktion. Somit war auch klar, dass er bei der Wiederholungswahl 2023 zum Spitzenkandidaten gekürt würde. Mit seinem Wahlprogramm bediente er die Befindlichkeiten vieler Berliner außerhalb der Hipster-Quartiere: Verkehrsplanung wieder stärker an Autofahrern orientieren, funktionierende Bürgerämter, Sicherheit und Ordnung, hartes Durchgreifen gegen Clan- und andere Kriminalität , bessere Schulen, mehr Kita-Plätze, mehr Wirtschaftsförderung, weniger Bürokratie, forcierter Wohnungsbau. Aber für die „Anderen“ sollte es auch etwas geben: Ausbau des ÖPNV, auch ein paar Fahrradschnellwege, Förderung einer vielfältigen Kulturlandschaft, Diversität, mehr Integrationsangebote für Zuwanderer, weitere Schritte zur Klimaneutralität usw. Zusammengefasst in dem Motto: „Berlin, wähl dich neu. Berlin, wähl CDU“. Dann sollte man mal schauen, was der von der CDU zum „Macher-Messias” überhöhte Kai Wegner eigentlich auf die Reihe bekommen hat – und was nicht. Vorweg: Man kann dem Wegner-Senat bescheinigen, dass er im Vergleich zur „rot-rot-grünen” Vorgängerregierung recht geräuschlos agierte. Also kaum Durchstechereien und Attacken aus dem Hinterhalt. Bei seiner Personalauswahl hatte Wegner allerdings nicht immer ein glückliches Händchen. Mit Manja Schreiner hatte er einer nahezu militanten Autolobbyistin und Fahrradhasserin das Verkehrsressort übergeben. Dass Schreiner nach der Aberkennung ihres Doktortitels von ihrem Amt zurücktrat, dürfte auch bei Wegner für Erleichterung gesorgt haben. Als völlige Fehlbesetzung erwies sich auch Kultursenator Joe Chialo, der eigentlich nur mit substanzlosen Dampfplaudereien auffiel. Nach seinem Rücktritt übernahm Sarah Wedl-Wilson, vormals Rektorin an der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, im Mai 2025 das Amt. Doch auch sie musste ein knappes Jahr später zurücktreten – aufgrund ihrer Verstrickung in eine Fördergeldaffäre, die an beste CDU-Filz-Zeiten erinnert [https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/07/staatsanwaltschaft-ermittlungen-sarah-wedl-wilson.html]. Bürgerämter Top, der Rest Flop Aber zurück zu den großen Plänen. Eindeutig auf Wegners Habenseite ist die erfolgreiche Reorganisation der Bürgerämter, die Wegner auch zur „Chefsache“ erklärt hatte. Die jahrelangen Nervereien mit der Terminvergabe, die etwa für die Ausstellung eines neuen Personalausweises mehrere Wochen oder gar Monate in Anspruch nahmen, sind vorbei. Auch bei der großen Verwaltungsreform, mit der vor allem das dysfunktionale System unklarer bzw. doppelter Zuständigkeiten des Landes Berlins und der Bezirke („Behörden-Ping-Pong“) entwirrt und neu geordnet wird, sind Fortschritte erzielt worden. Immerhin, aber was ist mit dem ganzen „Rest“? Da sieht die Bilanz äußerst mager aus, wobei man fairerweise sagen muss, dass es dabei teilweise um Altlasten aus mehreren Jahrzehnten falscher Politik geht, die nicht mal eben beseitigt werden können. Aber eine entsprechende Planung hätte dieser Senat in der Tat liefern müssen. Das betrifft die gesamte Infrastruktur. Viele Brücken sind so marode, dass sie teilweise oder ganz abgerissen und neu gebaut werden müssen. Darunter mehrere zentrale Verkehrsachsen wie die Westendbrücke, die Ringbahnbrücke am Funkturm, die Rudolf-Wissel-Brücke (gehören alle zur A100), die Mühlendammbrücke und die Elsenbrücke. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Insgesamt müssen bis 2040 rund 180 Brücken grundsaniert oder abgerissen werden. Eine schlüssige Planung dafür hat der Senat nicht vorgelegt, weder die Bauarbeiten noch die Verkehrslenkung betreffend. Auf der anderen Seite wurde der Ausbauabschnitt der A100 nach Treptow fertiggestellt und eröffnet – und sorgt seitdem für ein andauerndes Verkehrschaos in den anliegenden Straßen. Entsprechende Warnungen hat der Senat ignoriert. Der marode Zustand des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) ist längst zum Dauerärgernis geworden. Busse bleiben gerade im Umfeld von Bauarbeiten im Stau stecken, die Sanierungen bei der S- und U-Bahn verlaufen im Schneckentempo, Zugausfälle und drastische Verspätungen sind an der Tagesordnung, und auch hier fehlt ein belastbarer Planungshorizont. Eingedampft bzw. auf Eis gelegt wurden aufgrund der Haushaltslage auch Ausbauprojekte für U-Bahn- und Tramlinien sowie die meisten Fahrradschnellwege. Und wie war das noch mal mit dem im Wahlprogramm beschworenen „Wissenschaftsstandort Berlin“? Den seit Jahren bekannten enormen Sanierungsbedarf bei den Hochschulen hat der Senat sehenden Auges weitgehend ausgesessen. Und auch hier ist die spektakuläre Schließung des baufälligen TU-Hauptgebäudes nur die Spitze des Eisbergs [https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-hauptgebaude-und-bibliothek-noch-ein-weiteres-gebaude-der-tu-berlin-gesperrt-15711191.html]. Der Sanierungsbedarf bei Hochschulgebäuden wird auf bis zu zehn Milliarden Euro beziffert. Der eigentlich für 2027 geplante Umzug der aus allen Nähten platzenden Hochschule für Technik (BHT) in das Terminal A des ehemaligen Flughafens Tegel ist aufgrund von Finanzierungsproblemen auf Ende 2035 verschoben worden. Und auch das dürfte kaum realisierbar sein. An den Schulen sieht es nicht viel besser aus. Der Senat hat weder den Lehrermangel noch den Sanierungsstau in den Griff bekommen. Die Schulabbrecherquote ist in der „Ära Wegner“ berlinweit gestiegen, auf 8,7 Prozent des Jahrgangs 2025. In Wegners Heimatbezirk Spandau sogar auf 12,9 Prozent. Ein Bürgermeister zum Vergessen Versagt hat dieser Senat auch bei der Bekämpfung der Wohnraumversorgungskrise. Im Bestand hat er nicht mal seine ohnehin beschränkten Möglichkeiten zur wenigstens partiellen Eindämmung der Mietpreisexplosion genutzt. Und die eigentlich per Volksentscheid beschlossene Vergesellschaftung der Bestände großer privater Wohnungskonzerne – immerhin 220.000 Wohnungen – hat Wegner stets rigoros abgelehnt. Aber auch die Neubauziele wurden deutlich verfehlt. Die Wohnraumkrise nimmt in der Hauptstadt immer dramatischere Formen an. Die Zahl der offiziell als wohnungslos registrierten Menschen ist auf 56.000 gestiegen und wird laut Senat bis 2030 auf rund 100.000 steigen [https://www.nachdenkseiten.de/?p=137140]. Dazu passt, dass die Armutsquote in Berlin in der „Ära Wegner” auf 18,7 Prozent der Bevölkerung gestiegen ist. Zu den Hinterlassenschaften, die dieser Senat der folgenden Regierung beschert, gehört ein „Sparhaushalt“ für 2027, der massive Kürzungen u.a. in der sozialen Infrastruktur, in der Kultur, beim Klimaschutz und – man glaubt es kaum – bei den ohnehin einsturzgefährdeten Hochschulen vorsieht. Auf der anderen Seite profilierte sich Wegner in den vergangenen Monaten als glühender Streiter für eine Bewerbung um die Ausrichtung Olympischer Spiele in Berlin. Und weil die Stadt so großartig ist, soll auch noch die Weltausstellung EXPO geholt werden. Gründe, an Wegners Eignung für seinen Job als Regierender Bürgermeister erhebliche Zweifel zu hegen, gab und gibt es also genug. Doch das alles hätte seine erneute Kandidatur wohl nicht infrage gestellt. Aber dass sich der Regierende Bürgermeister am Morgen nach dem Stromausfall im Südosten Berlins, der 45.000 Haushalte tagelang von der Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung abschnitt, einen eher entspannten Tag – inklusive Tennismatch mit seiner Lebensgefährtin – gönnte und später diverse Telefonate zur „Krisenkoordination“ erfand – das war für seine Partei dann doch zu viel. Das ist kein Grund zum Jubeln, denn sein designierter Nachfolger Stefan Evers würde in so einer Situation wahrscheinlich nicht Tennis spielen oder irgendwelche Telefonate erfinden. Doch politisch stehen die beiden auf einer Linie. Mal abwarten, wie das die Wähler im September sehen. Titelbild: © Senatskanzlei/Yves Sucksdorff[http://vg04.met.vgwort.de/na/3cc7c30ec6be482ca2d637fa3d74229f]

14. juli 202611 min
episode Berlin: Das letzte Gefecht für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Happy End unwahrscheinlich cover

Berlin: Das letzte Gefecht für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Happy End unwahrscheinlich

Kurz vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause haben die Bundesregierung und der Koalitionsausschuss Nägel mit Köpfen gemacht. Das „Reformpaket“ zur Gesundheitsversorgung, das zu erheblichen Einschränkungen und Mehrbelastungen für über 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherte führen wird, wurde als Gesetz durch den Bundestag und den Bundesrat gebracht. Weitere Beschlüsse betreffen unter anderem massive Verschlechterungen für Pflegebedürftige, den Umbau der Rentenversicherung, massive Einschnitte beim Wohngeld und Liberalisierungen des Arbeitsrechts, etwa die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverhältnissen und die zulässige Tagesarbeitszeit betreffend. Ein Artikel von Rainer Balcerowiak. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Die Zerschredderung sozialer Standards soll also nach der Sommerpause mit hohem Tempo fortgesetzt werden, was angesichts der umfassenden, auch fiskalischen Orientierung auf „Kriegstüchtigkeit“ unumgänglich ist. Schließlich hat sich die Bundesregierung gegenüber der NATO verpflichtet, ab dem Jahr 2029 insgesamt 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Aufrüstung und weitere „verteidigungsrelevante Bereiche“ auszugeben. Das entspräche dann rund 43 Prozent des Bundeshaushalts. Sozusagen im Kleingedruckten hat sich die Koalition auch darauf verständigt, eine vor allem für die Immobilienwirtschaft äußerst lästige Debatte ein für alle Mal zu beenden. Geplant ist ein Gesetz, das die laut Art. 15 des Grundgesetzes prinzipiell mögliche Vergesellschaftung von Grund und Boden [https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_15.html] und dessen Überführung in Gemeineigentum auf Landesebene ausschließen soll. Hintergrund ist ein von der Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ initiierter Volksentscheid zur Enteignung der Bestände von Immobilienkonzernen und Finanzinvestoren ab einer Größe von 3.000 Wohnungen. Bei dem Volksentscheid im September 2021 stimmten 57,6 Prozent der Wähler für diese Forderung. Insgesamt ging es dabei um rund 220.000 Wohnungen. Umgesetzt wurde er vom Berliner Senat allerdings nicht, auch nicht, nachdem eine von der Landesregierung zur Prüfung eingesetzte Expertenkommission im Juni 2023 zu dem Ergebnis kam, dass die angestrebte Vergesellschaftung verfassungsgemäß und umsetzbar wäre. Doch die inzwischen amtierende CDU/SPD-Koalition blieb bei der Linie, das Votum der Berliner einfach auszusitzen. Ermöglicht wurde dies durch einen „Geburtsfehler“ des Volksentscheids. Denn dort stand kein Vergesellschaftungsgesetz zur Abstimmung, das unmittelbar nach dem Plebiszit hätte umgesetzt werden müssen, sondern eine eher unverbindliche Bitte an den Senat, ein derartiges Gesetz zu erarbeiten. Was dieser natürlich nicht tat. Lästige Vergesellschaftungsdebatte soll beendet werden Doch die Kuh war damit nicht vom Eis, und die vor allem in Berlin anhaltende Debatte über die Vergesellschaftung sorgte bei den Immobilienhaien und ihrer traditionell einflussreichen politischen Lobby für andauernde Verunsicherung. Zumal die Kampagne angesichts der anhaltenden Mietpreisexplosion (nicht nur) in der Hauptstadt und der bevorstehenden Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus wieder beträchtlich an Dynamik gewann. Es mehrten sich Vorstöße zum Verbot derartiger Vergesellschaftungen. Die von der CDU bzw. CSU geführten Landesregierungen in Nordrhein-Westfalen und Bayern forderten, der Vergesellschaftung von Wohnungsbeständen einen gesetzlichen Riegel vorzuschieben. „Alleine die einseitig geführten Debatten in einem Bundesland verunsichern Wohnungsfinanzierer bundesweit“, erklärte NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU). Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) beklagte, die Enteignung von Wohnungsunternehmen mute „wie Sozialismus an“ und könne „schlimmste Folgen für fast alle Bundesländer haben“. Auch die bayrischen Grünen unterstützen Söders Vorstoß. Um den Wohnungsmangel zu überwinden, brauche man „die freie Wirtschaft“ und ein „investitionsfreundliches Klima“, erklärte Jürgen Misdol, wohnungspolitischer Sprecher der Fraktion im bayrischen Landtag. Dies ist auch der Tenor einer Entschließung der Bauministerkonferenz vom 11. Juni. Nun war also die Bundesregierung gefragt – und die will liefern. „Um den privaten Wohnungsbau nicht zu gefährden, wird durch Bundesgesetz geregelt, dass die Verstaatlichung privater Mietwohnungsbestände durch Vergesellschaftungsgesetze auf Landesebene nicht mehr möglich ist“, heißt es im Beschluss des Koalitionsausschusses. Der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Lars Klingbeil begründete dies wie folgt: „Ich hatte jetzt vor Kurzem meinen Investoren-Round-Table mit der Bundesbauministerin in Frankfurt, wo allein drei Investoren gesagt haben, dass sie jetzt Zusagen in Berlin zurückziehen und hier nicht in den Wohnungsbau investieren.“ Dies sei „nicht gut für das Ziel, dass bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird“. Was natürlich eine komplett irre Argumentation ist, weil es ja gerade renditeorientierte Investoren – bis hin zu börsennotierten Konzernen – sind, die die Wohnungskrise verschärft haben. Außerdem bezieht sich die Vergesellschaftungsinitiative nicht auf Neubauten, sondern nur auf Bestandswohnungen. Das mit den Investitionen ist also eine andere Baustelle. Zur Schaffung und dauerhaften Sicherung von bezahlbarem Wohnraum bräuchte es ein massives, öffentlich finanziertes Wohnungsbauprogramm. Ziel müsste dabei sein, Wohnraumversorgung als Teil der sozialen Daseinsvorsorge – wie etwa Bildung, Gesundheit, Pflege und Mobilität – zu definieren und Profitinteressen zu entziehen. Vergesellschaftungen im Bestand wären dabei ein wichtiges begleitendes Element zur Überwindung der Wohnraumversorgungskrise. Aber wie könnte das alles bezahlt werden? Eine Frage, über die es sich angesichts unbegrenzter Mittel für Kriegsvorbereitungen nun wirklich nicht zu diskutieren lohnt. Ein Verbotsgesetz, das deutlich an einem Grundgesetzartikel kratzen würde, ist allerdings ein ziemlich dickes Brett, das kaum in ein paar Wochen zu bohren wäre. Und so konzentriert man sich auf ein wichtiges Vorfeldgefecht. Denn der ganze Mieten-/Wohnen-Komplex wird das zentrale Thema des beginnenden Wahlkampfes in Berlin sein. Und der könnte ziemlich spannend werden, denn es ist derzeit vollkommen offen, welche Partei die Nase vorn haben wird. Derzeit liefern sich Linke, Grüne und AfD laut Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Pole-Position. Die SPD ist bereits ziemlich abgeschlagen, und ob sich die CDU nach dem Desaster rund um ihren jetzt als Spitzenkandidat zurückgetretenen Regierenden Bürgermeister Kai Wegner [https://www.berliner-zeitung.de/article/vom-krisenmanager-zum-kommunikationsdesaster-die-chronologie-von-kai-wegners-aussagen-10183031] noch mal erholen kann, ist fraglich. Heftiger Lagerwahlkampf in Berlin In der Vergesellschaftungsfrage sind die Lager deutlich formiert. Dafür haben sich Linke und Grüne ausgesprochen. Auch das BSW, doch das wird aller Voraussicht nach an der 5-Prozent-Hürde scheitern. Alle anderen relevanten Parteien, also CDU, AfD und SPD, sind strikt dagegen. Und dieses Lager hat mächtige Verbündete. Dazu gehören neben der Immobilienwirtschaft alle relevanten Wirtschaftsverbände (IHK, Handwerkskammer, Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI), Banken und vor allem der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU), dessen Mitgliedsunternehmen rund 44 Prozent der Berliner Mietwohnungen bewirtschaften). Zu den BBU-Mitgliedern gehören neben den landeseigenen Wohnungsunternehmen auch die meisten Genossenschaften, aber auch Konzerne wie Vonovia und Covivio und andere private Vermieter, Stiftungen, Banken, Energieunternehmen usw. Dieses Bündnis fährt jetzt ziemlich groß auf und plant in Berlin ab Ende Juli große Anzeigen-, Plakat- und Medienkampagnen gegen Vergesellschaftungen [https://taz.de/Kampagne-gegen-Vergesellschaftung/!6193994/] – mit dreisten Lügen und teilweise absurden Argumenten. Auch der Dachverband der Genossenschaften hat sich stets gegen Vergesellschaftungen ausgesprochen. Was helfen könnte, den auch in linken Kreisen weitverbreiteten Irrglauben zu demontieren, dass Wohnungsgenossenschaften per se irgendwie „gemeinwohlorientiert“ seien. Uns erwartet also ein heftiger, lustiger Lagerwahlkampf in Berlin. Aber was kommt dann? Denkbar sind eigentlich nur zwei Dreier-Koalitionen: Rot-Rot-Grün (3. Auflage, mit verändertem Kräfteverhältnis) oder eine „Kenia-Koalition“ aus CDU, Grünen und SPD (das wäre eine Berliner Premiere). Sowohl Linke als auch Grüne haben – nicht nur in Berlin – hinreichend bewiesen, dass sie im Falle lockender Regierungsbeteiligungen in Bezug auf ihre „Kernforderungen“ im Wahlkampf bei Koalitionsverhandlungen äußerst „flexibel“ agieren. Wohingegen bei der SPD in der Vergesellschaftungsfrage eine gewisse Standfestigkeit zu erwarten ist. Es spricht also alles dafür, dass auch der neue Senat, selbst wenn er dann von der Linken-Kandidatin Elif Eralp angeführt werden sollte, den Volksentscheid nicht umsetzen wird, sondern irgendwie weiter „prüfen“ lässt. Für die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ begänne dann die erneute, langwierige Ochsentour für einen weiteren Volksentscheid, diesmal in Gesetzesform. Der Entwurf liegt bereits vor [https://dwenteignen.de/unser-gesetz]. Bevor es dazu kommen könnte, wird die Bundesregierung mit hoher Wahrscheinlichkeit reingrätschen und die Vergesellschaftung großer privatwirtschaftlicher Wohnungsbestände mit einem Bundesgesetz verbieten. Denn wenn es – Mietenexplosion hin oder her – um wichtige Kapitalverwertungsinteressen geht, verstehen deren Sachwalter in Regierung und Parlament keinen Spaß. Das Ganze kann man auch Klassenkampf nennen. Titelbild: Rolf Kremming/shutterstock.com[https://vg04.met.vgwort.de/na/b7d1613148b8471da6413f2cb6229a7e]

I går10 min
episode Ist Alice Weidel die deutsche Giorgia Meloni? cover

Ist Alice Weidel die deutsche Giorgia Meloni?

Es sieht leider danach aus.Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni schien lange keine Transatlantikerin zu sein. Sie kritisierte die NATO und plädierte für eine eigenständige und souveräne italienische Außenpolitik. Von Oskar Lafontaine. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Als Ministerpräsidentin vertrat sie plötzlich ganz andere Positionen. Zeitweise galt sie als engste Freundin Donald Trumps in Europa. Zwar gab es zwischenzeitlich einige verbale Scharmützel mit dem launischen US-Präsidenten, aber sofort nach ihrem Amtsantritt als Ministerpräsidentin befürwortete sie Waffenlieferungen an Kiew und bekannte sich zur NATO. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass Meloni in Wirklichkeit auch den völkerrechtswidrigen Krieg Donald Trumps und Benjamin Netanjahus gegen den Iran logistisch unterstützte, indem sie dem US-Militär erlaubte, auch von Italien aus zu operieren. Flirt mit Elon Musk Bei Alice Weidel ist das etwas anders. Sie ist eine überzeugte Transatlantikerin und eine Anhängerin Donald Trumps. Ihr Flirt mit Elon Musk kam nicht von ungefähr und zeigt nebenbei eine große Leerstelle in der AfD-Programmatik. Wer für die Demokratie eintritt, muss, wenn er glaubwürdig bleiben will, auch für die Kontrolle wirtschaftlicher Macht eintreten. Dass der Privatmann Elon Musk mit seinem Satellitensystem Starlink eine entscheidende Rolle im Ukraine-Krieg spielt, ist für Alice Weidel offensichtlich kein Problem. Und es war wohl auch kein Zufall, dass die AfD-Vorsitzende als erste deutsche Politikerin das von Donald Trump ausgegebene Ziel, fünf Prozent der Wirtschaftsleistung, also den halben Bundeshaushalt für Waffen und Militär auszugeben, unterstützte. Zur großen Freude der US-Waffenindustrie! Die Bedeutung des AfD-Parteitages von Erfurt liegt darin, dass sich der NATO-Flügel um Alice Weidel gegen Tino Chrupalla und seine Anhänger weitgehend durchgesetzt hat. Zweifellos geholfen hat ihr dabei ein Bündnis mit dem Thüringer Björn Höcke und seinen Leuten. Das ist wohl der Preis, den die AfD für die offensichtliche Unterstützung ihrer Wahlkämpfe durch Donald Trump zahlen muss. Tino Chrupallas Gefolgsleute zogen in entscheidenden Wahlgängen den Kürzeren. Hinter vorgehaltener Hand wird darüber diskutiert, wie lange sich der Handwerksmeister aus Ostdeutschland noch an der Spitze der AfD halten kann. Er plädiert nämlich im Gegensatz zu Weidel für gute Beziehungen nicht nur zu Washington, sondern auch zu Peking und Moskau und nötigte seine Co-Vorsitzende, sich zusammen mit ihm vor der Presse vom völkerrechtswidrigen Krieg der USA gegen den Iran vorsichtig zu distanzieren. Auch angesichts des Völkermords im Gazastreifen hat Chrupalla zum Ärger vieler AfD-Politiker immerhin gefordert, Israel keine Waffen mehr zu liefern. Es fällt immer wieder auf, dass der Beifall der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, wenn Chrupalla eine Rede zur Außenpolitik hält, spärlich ausfällt. Diener Washingtons Vor diesem Hintergrund wundert es auch nicht, wenn sich Alice Weidel immer wieder der überaus NATO-treuen und transatlantischen CDU als Koalitionspartner andient. An dieser Stelle wirkt es erstaunlich, dass viele AfD-Wähler der AfD ihre Doppelzüngigkeit durchgehen lassen. Sie verurteilt die – auch im Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) hochumstrittene – Thüringer Koalition des BSW mit der CDU, kungelt aber in Sachsen-Anhalt hinter den Kulissen mit ebendieser CDU und wirbt intensiv für eine Regierungszusammenarbeit mit der Union auf Bundesebene – ohne Friedrich Merz, versteht sich. Ob aber ein Masken-Spahn oder andere CDU-Politiker von ähnlichem Kaliber Deutschland mit der AfD aus der Krise führen würden, darf bezweifelt werden. Es sieht nach dem Parteitag in Erfurt leider danach aus, als würde sich Alice Weidel Giorgia Meloni zum Vorbild nehmen und die AfD, wie andere Parteien in Europa, ihren Diener vor Washington machen, um ihre Regierungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Oskar Lafontaine ist Finanzminister Deutschlands a. D. und ehemaliger Vorsitzender der SPD. Heute ist er Mitglied des BSW, gegründet von seiner Frau Sahra Wagenknecht. Dieser Beitrag erschien zuerst in der Weltwoche Nr. 28.26 [https://weltwoche.de/story/ist-alice-weidel-die-deutsche-giorgia-meloni/]. Titelbild: Juergen Nowak/shutterstock.com

I går5 min
episode Ulrike Guérot: „Die Ukraine wurde massiv instrumentalisiert und Europa scheitert an seiner eigenen Dummheit“ cover

Ulrike Guérot: „Die Ukraine wurde massiv instrumentalisiert und Europa scheitert an seiner eigenen Dummheit“

„Es macht mich fassungslos, wie wenig wir als vermeintlich aufgeklärte Europäer aus der Geschichte des letzten Jahrhunderts gelernt haben“, sagt Ulrike Guérot [https://www.ulrike-guerot.de/] im Interview mit den NachDenkSeiten. Guérot [https://www.nachdenkseiten.de/?page_id=47542&suche=Gu%C3%A9rot] hat sich die Ergebnisse des gerade zu Ende gegangenen NATO-Gipfels in der Türkei näher angeschaut und stellt fest: Die NATO hat „keine Ideen einer Nachkriegsordnung für die Ukraine, keine Ideen für eine europäische Sicherheitsarchitektur mit Russland, wie Europa sie noch 1990 in der Charta von Paris und mit dem Aufbau der KSZE/OSZE formuliert hat“. Zudem sagt Guérot: „Das NATO-Gipfel-Abschlussdokument spricht de facto nur von Geld.“ Ein Interview von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Frau Guérot, der NATO-Gipfel in der Türkei ist gerade zu Ende gegangen. Was sind die Ergebnisse? Die Ergebnisse sind, nimmt man die Summit Declaration [https://www.nato.int/en/about-us/official-texts-and-resources/official-texts/2026/07/08/the-ankara-summit-declaration] zur Referenz, eher dürftig. Es ist ein sehr kurzes Dokument mit nur sechs Punkten, die allesamt sehr kurzgehalten und sehr ausweichend gefasst sind. Und Punkt sechs ist nur ein lächerlicher Satz über die Vorfreude auf den nächsten Gipfel. NATO-Gipfel-Erklärungen hatten früher auch schon mal 80 konkrete Punkte oder so und haben, teilweise sehr detailliert, eine gemeinsame Analyse von regionalen Konflikten etc. geliefert. Nichts davon kann man in der Erklärung von Ankara finden. Das deutet im Grunde auf größere Spannungen vor allem zwischen den USA und den Europäern hin. Es gibt zum Beispiel mit Blick auf den Krieg in der Ukraine keinen einzigen Satz, der irgendwelche Analysen der Geschehnisse definiert oder gar eine Skizze beinhaltet, was denn europäische oder amerikanische strategische Ziele für die Zeit nach dem Krieg sein könnten, Überlegungen zu Diplomatie oder zu Bedingungen für einen Friedensschluss. Das Dokument ist hier fast als armselig zu bezeichnen. Lediglich im zweiten Absatz wird vage von einer „Bedrohung durch Russland“ gesprochen, dazu allgemein von „Terrorgefahr“. Das ist nicht die Sprache der Bundesrepublik, von Merz, Pistorius oder Kiesewetter, die immer so tun, als stünde „der Russe morgen in Berlin“, sondern eher die lakonische Sprache der USA, denen der Konflikt inzwischen recht egal ist und der ihnen nur zum Vorwand für Rüstungsgeschäfte dient. Zudem wird das krisenhafte Geschehen im Nahen Osten – Gaza, Israel, Libanon, Straße von Hormus – nicht mit einem Wort erwähnt, obgleich die USA, also das wichtigste NATO-Land, dort gerade in einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran verwickelt sind. Dies hat im Übrigen auf der abschließenden Pressekonferenz zu einiger Aufregung geführt, denn die Türkei, auch ein NATO-Land, ist von den kriegerischen Unruhen im Nahen Osten betroffen und verurteilt sowohl die Politik Israels als auch den amerikanischen Angriff auf den Iran. Die Türkei ist auch das einzige Land, das zugleich Mitglied der NATO ist, sich aber auch um eine Mitgliedschaft bei den BRICS-Staaten bewirbt. Wenn ich als Russe diesen Text lesen würde, dächte ich: Die NATO hat keinen Plan. Wahrscheinlich lesen wir das auch in ein paar Tagen bei Dugin auf dem Substack-Blog. Was bedeutet die Positionierung der NATO-Staaten im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine, aber auch auf den Konflikt mit Russland? De facto gibt es keine politische Positionierung. Keine Ideen einer Nachkriegsordnung für die Ukraine, keine Ideen für eine europäische Sicherheitsarchitektur mit Russland, wie Europa sie noch 1990 in der Charta von Paris und mit dem Aufbau der KSZE/OSZE formuliert hat. Es gibt offenbar zwischen den Zeilen nur eine schlichtweg unrealistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, diesen Krieg noch „militärisch“ zu gewinnen, dazu eine große kognitive Dissonanz, die Reden, Äußerungen oder auch Drohungen Russlands mit Blick auf eine weitere militärische Eskalation, ggf. sogar nuklear, nicht ernst zu nehmen. Das Einzige, was es gibt, ist in Paragraph vier die Zusicherung, sowohl im laufenden als auch im nächsten Jahr noch einmal jeweils 70 Milliarden Euro für die Unterstützung der Ukraine zur Verfügung zu stellen. Man setzt also scheinbar, bar jeder strategischen oder politischen Ziele, einfach auf Geld und Abnutzungskrieg. Das NATO-Gipfel-Abschlussdokument spricht de facto nur von Geld, vor allem in Punkt 2 und in Punkt 4. 139 Milliarden sollen in die weitere Entwicklung von Waffensystemen gesteckt werden, wonach laut Paragraph zwei im Wesentlichen Kanada und Europa aufkommen sollen. Weitere 140 Milliarden sollen 2026/2027 in die Unterstützung der Ukraine fließen, womit de facto ein fantasie- und planloser Abnutzungskrieg ohne irgendwelche erkennbaren politischen Ziele befördert werden soll. Wie erklären Sie sich diese Politik? Aus amerikanischer Sicht sind alle Ziele erreicht, die USA können mit diesem Kommuniqué gut leben. Es ist bezeichnend, dass auf der Webseite des Weißen Hauses [https://www.whitehouse.gov/fact-sheets/2026/07/fact-sheet-president-donald-j-trump-secures-historic-defense-investment-from-nato-allies-powering-american-industry/] zum NATO-Gipfel nur eine „Erfolgsliste“ zu sehen ist, welche tollen „Rüstungsdeals“ in Ankara abgeschlossen wurden, für die die Europäer an amerikanische Rüstungsfirmen zahlen. Die sind in der Tat sehr üppig. Damit hat Trump – so heißt das Dokument auch – dafür gesorgt, dass in den USA wieder eine industrielle Basis geschaffen wird, die die USA dingend notwendig haben. Man spricht von „historischen Investitionen“. Kurz: Um den Preis ihrer eigenen Deindustrialisierung, ganz zu schweigen von einer sozialen Verarmung, finanziert Europa jetzt die amerikanische Reindustrialisierung über die Rüstungsindustrie, um einen Krieg zu verlängern, der Europa dauerhaft wirtschaftlich, sozial, gesellschaftlich, kulturell und politisch zerstört. Dümmer kann man eigentlich nicht sein. Die Amerikaner haben Europa professionell von Russland abgeschnitten, sind aber selbst – im Gegensatz zum ideologisch überhitzten Deutschland, das gleichsam ukrainischer ist als die Ukraine – klug genug, die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine nicht zu fordern, weil sie genau wissen, dass sie sich damit Geschäfte mit Russland auf Dauer verderben. Ich würde, wenn ich in Washington säße, sagen: very smart… Die USA gewinnen einfach Zeit für den strategischen Um- und Neubau der Welt, den sie betreiben, zum Beispiel die Stabilisierung ihrer Einflusszone der „Amerikas“ von Grönland bis Argentinien, die Unterstützung der Groß-Israel-Pläne oder das Kräftemessen mit China, während Europa gleichsam in Einfallslosigkeit und Gefolgschaft zugleich untergeht, weil es sich an einen amerikanischen Rockzipfel klammert, der längst nicht mehr schützt. Die Ukraine wurde massiv instrumentalisiert. Europa aber scheitert derzeit an seiner eigenen Dummheit, an seinem Hochmut und an einer veralteten Ideologisierung („der Russe“), allen voran der von Deutschland. Es ist wahrlich eine historische Tragödie, die sich vor unseren Augen abspielt, zumal über den protofaschistischen Bodensatz in der Ukraine hierzulande viel zu wenig diskutiert wird. Gerade die Bundesrepublik sollte sich fragen, welcher Ukraine sie eigentlich hilft. Die deutsche Geschichtsvergessenheit ist himmelschreiend. Ich empfehle wirklich allen die Lektüre von Jochen Hellweg: Ein Krieg wie kein anderer [https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.fischerverlage.de/buch/jochen-hellbeck-ein-krieg-wie-kein-anderer-9783103970500&ved=2ahUKEwi_iobIi8uVAxWxUMMIHd2TNOkQFnoECB8QAQ&usg=AOvVaw37guOIuNi--pRIbSEoO6f9]. Wenn dieses Buch überall gelesen und rezipiert würde, hätten wir hoffentlich eine andere Debatte. Steigt mit dieser Entwicklung die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen NATO und Russland? Schaut man auf diese Erklärung, ist die direkte Konfrontation der NATO mit Russland nicht das Ziel, zumindest nicht für die USA, die, wie ich erklärt habe, mit Rüstungsdeals und Abnutzungskrieg völlig zufrieden sind. Dass die USA eine solche nicht wollen, heißt aber leider nicht, dass einige in Europa – allen voran die Balten, die Polen oder eben auch Deutschland – unvermindert zündeln, die Ukraine instrumentalisieren und Russland provozieren. Tatsächlich kann man fast froh sein, dass die Russen dieser Provokation – bisher zumindest – gekonnt entgehen. Noch ein Wort zur deutschen Positionierung. Das Bundeskabinett hat die Tage seinen Haushalt für das Jahr 2027 beschlossen. Der Aufrüstung fließt viel Geld zu. Und: In einem Tweet [https://x.com/bundeskanzler/status/2074532592515260655] der der Plattform „X“ heißt es von Seiten des Bundeskanzlers aktuell: > „Die Ukraine kann auf uns zählen. Auf dem NATO-Gipfel fordert Deutschland die Verbündeten zu anhaltender Unterstützung auf — 70 Milliarden Euro sowohl 2026 als auch 2027. Ich habe @ZelenskyyUa unsere volle Unterstützung zugesichert. Auch hier die Frage: Worin liegt der Sinn dieser Politik? In einem Bericht des Völkerbundes von 1925 sollte die Frage beantwortet werden, wer – die Briten, die Deutschen, die Franzosen etc. – dafür verantwortlich war, dass der 1. Weltkrieg, der militärisch 1916 eigentlich schon entschieden war (genauso sowie der russisch-ukrainische Krieg seit mindestens 2023 zugunsten von Russland militärisch längst entschieden ist) als Abnutzungskrieg verlängert wurde. Die Antwort des Völkerbundes war: Wegen der Rüstungsindustrie. Sie hatte sich noch nicht genug vollgesaugt mit Rüstungsgeschäften. Wer den Rüstungsbasar auf dem NATO-Gipfel in Ankara verfolgt hat, der dürfte heute wohl zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Wie sagte Karl Kraus 1933 in der Weltbühne: Wenn die Börse Krieg schreit, dann schreibt die Presse Krieg und dann macht die Politik Krieg. Es macht mich fassungslos, wie wenig wir als vermeintlich aufgeklärte Europäer aus der Geschichte des letzten Jahrhunderts gelernt haben! Titelbild: Carmela Negrete Navarro[http://vg07.met.vgwort.de/na/94abbb519b824c1abc00ba21cb359eb3]

I går11 min