SWR Aktuell Im Gespräch
In Ulm läuft an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie gerade eine Studie dazu. Was passiert, wenn Jugendliche und junge Erwachsene eine Auszeit von Social Media nehmen? Das untersuchen dort Wissenschaftler unter der Leitung des Klinikdirektors Jörg Fegert. Heute wurde ein Zwischen-Ergebnis vorgestellt. Darüber spricht er mit SWR Aktuell-Moderator Christian Hauck. WENIGER STRESS, BESSERER SCHLAF "Wir haben die Leute nach ihrem subjektiven Wohlbefinden gefragt und das hat sich signifikant verbessert," erzählt Fegert. Der wahrgenommene Stress habe deutlich abgenommen. "In der Gruppe, die nur eine Stunde am Tag Social Media nutzen durfte, nahmen auch Schlafprobleme ab. Ungefähr 40 Prozent hatten eigentlich Symptome, die auf eine behandlungsbedürftige Depression hinwiesen. Nach dem einen Monat waren das nur noch 20 Prozent." Ein Drittel habe Angstsymptome gehabt. Auch die hätten sich um die Hälfte reduziert. Das sei vielversprechend, denn es gebe eine große Nachfrage nach Therapien und lange Wartelisten. Die Teilnehmenden hätten ihre tägliche Social Media-Zeit sogar freiwillig auf 40 Minuten reduziert. VOR DER STUDIE WAREN DIE TEILNEHMER TÄGLICH LÄNGERE ZEIT ONLINE Deutlich über vier Stunden haben die Teilnehmer im Alter von 16 bis 29 Jahren vor der Studie Social Media genutzt. "Wir wollen dort ansetzen, wo es schon riskantes Verhalten gibt, weil wir wissen, dass die psychische Belastung mit der Dauer der Nutzung ansteigt." Mit 150 Teilnehmern haben die Forscher die Studie begonnen, 19 haben abgebrochen. SOCIAL MEDIA-FASTEN WIRKT NACHHALTIG "In einer anderen Gruppe konnten die Teilnehmenden selbst bestimmen, wie sehr sie ihre Online-Zeit reduzieren. Die sind dann auf etwas mehr als eine Stunde am Tag runter," erklärt Fegert. Die Ergebnisse der Nachuntersuchung dieser Gruppe seien sehr interessant. Im Anschluss an das Fasten steige die Nutzung von sozialen Medien natürlich wieder an. "Aber sie sind jetzt bei etwas über zwei Stunden. Das bedeutet, dieser Reset des Konsumlevels bringt auch längerfristig eine Veränderung in der Nutzung." ES GIBT KEINE ALLGEMEINGÜLTIGE EMPFEHLUNG "Es gibt keine Normwerte. Ich denke, man muss schauen, was das individuell mit den einzelnen Personen macht." Es hänge einiges davon ab, ob sich der Einzelne zum Beispiel im automatischen Downscrollen verliere oder ob er gezielt Sachen fürs Studium recherchiere. Social Media sei für viele junge Menschen unter anderem eine wichtige Informationsquelle. "Ich würde das nicht pauschalisieren. Es geht darum, dass man ein bewusster Nutzer wird und nicht Opfer von Mechanismen, die einen austricksen und süchtig machen." Es sei auch eine zentrale Empfehlung an die EU gewesen, diese Mechanismen zu reduzieren und die Anbieter stärker in die Pflicht zu nehmen. DAS GESAMTE UMFELD IST WICHTIG Es fange früh bei Eltern und Schule mit einer vernünftigen Medienerziehung an. "Das Vorbild der Eltern ist sehr wichtig, wir Erwachsene hängen ja genauso an den Geräten. Und bei Jugendlichen haben Gleichaltrige eine große Bedeutung." Sich gegenseitig zu ermutigen und einander ein Vorbild zu sein, helfe jungen Menschen enorm. "Ich bin komplett gegen totale Medienverbote für Jugendliche. Die werden ohnehin umgangen, das haben wir in Australien gesehen. Es geht um eine mündige Nutzung und einen eigenen Blick darauf, was einem guttut."
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