SWR Kultur lesenswert - Literatur
Der Erste Weltkrieg forderte 40 Millionen Tote und prägte das gesamte 20. Jahrhundert. Es war das Versagen der Politik, schreibt der norwegische Historiker Odd Arne Westad in seinem Buch „Der kommende Sturm“, das diese Menschheitskatastrophe auslöste. Die Konkurrenz der damaligen Großmächte Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn zerstörte das fragile Machtgleichgewicht, das im 19. Jahrhundert eine lange Friedensperiode möglich gemacht hatte. Niedergangsängste bei den einen und Aufstiegsgrößenwahn bei den anderen förderten Ressentiments zwischen den Völkern, führten zu Aufrüstung und einem aggressiven Nationalismus, den die politischen Kasten nicht mehr einhegen konnten oder wollten. „Wenn es Lehren aus der Geschichte gibt, dann müssen wir sie jetzt beherzigen, damit wir nicht noch einmal in einen Krieg zwischen Großmächten geraten, weil wir der tödlichen Kombination von Hurrapatriotismus, Angst, Fatalismus und schierer Dummheit erliegen, die den ersten großen Krieg des 20. Jahrhunderts verursacht hat.“ KONFLIKTE IN DER MULTIPOLAREN WELT So wie einst der industrielle und militärische Aufstieg Deutschlands in der Kaiserzeit seine europäischen Nachbarn bedrohte, stellt heute der Aufstiegs Chinas zur Weltmacht die Dominanz der USA infrage. Die USA wiederum reagieren auf Chinas ökonomische Expansion mit Zöllen und schwächen die Logik der Abschreckung, indem sie die NATO und internationale Institutionen wie die UN infrage stellen. In der entstehenden multipolaren Welt beanspruchen aufsteigende regionale Hegemonialmächte wie Brasilien, die Türkei oder Indien ihr Stück vom Kuchen der globalisierten Wirtschaft. RESSENTIMENTS UND NATIONALISMUS Der Verlust von industriellen Arbeitsplätzen in Amerika und Europa – auch bedingt durch einen rasanten technologischen Wandel – ist eine der Folgen und führt zu Ressentiments und Ängsten bei der Bevölkerung sowie dem Entstehen eines populistischen Nationalismus. Für stagnierende Löhne, den Rückbau der Sozialversicherungssysteme und steigende soziale Ungleichheit mache man aber nicht eine verfehlte Politik verantwortlich, schreibt Westad, sondern Migranten und äußere Feinde. Das alles fördere die Kriegsbereitschaft und die militärische Aufrüstung. So wie einst Frankreichs Versuch, Elsass-Lothringen zurückzubekommen, den Ausbruch des 1. Weltkriegs mit bedingte, könnte heute Chinas Anspruch auf Taiwan ein möglicher Kriegsgrund sein. Die USA müssten dann militärisch eingreifen, um ihre Dominanz im asiatisch-pazifischen Raum zu verteidigen. Westad entwickelt in seiner ebenso verständlich geschriebenen wie fundierten historischen Darstellung jedoch einige mögliche Handlungsoptionen, um einen großen Krieg zu verhindern. Entscheidend sei neben guten Kommunikationskanälen zwischen den politischen Führern der Großmächte und der Stärkung multinationaler Institutionen vor allem eine glaubhafte Abschreckung: > Wenn die deutsche Führung im Juli 1914 überzeugt gewesen wäre, dass Großbritannien gegen Deutschland in den Krieg eintreten würde, wäre es viel weniger wahrscheinlich gewesen, dass sie den Krieg gegen Russland und Frankreich erklärt hätte. > > > Quelle: Odd Arne Westad - Der kommende Sturm „Wenn heute die Führung der KPCh überzeugt ist, dass die Vereinigten Staaten Taiwan bei dessen Verteidigung helfen, ist es weniger wahrscheinlich, dass sie die Insel angreift.“ PLÄDOYER FÜR FRIEDEN DURCH DIPLOMATIE UND ABSCHRECKUNG Odd Arne Westads Plädoyer für den Frieden läuft nicht auf Appeasement und Pazifismus hinaus, sondern auf die Forderung nach einem klugen politischen Management realer Machtkonflikte. Kompromissbereitschaft, Respekt vor den Interessen der Gegenseite, Deeskalation und der Kampf gegen nationalistische Ressentiments können Kriege verhindern. Westads Skepsis ist allerdings groß, ob dafür die „Weisheit und Kompetenz“ der politischen Führer ausreicht.
5682 episoder
Kommentarer
0Vær den første til at kommentere
Tilmeld dig nu og bliv en del af SWR Kultur lesenswert - Literatur-fællesskabet!