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Rosarote Barbie-Welt? Von wegen! Tarpley Hitt über Barbie-Produzent Mattel

3 min · I går
Billede af episoden Rosarote Barbie-Welt? Von wegen! Tarpley Hitt über Barbie-Produzent Mattel

Beskrivelse

„Barbieland“ prangt in weißen Lettern auf dem knallpinken Cover. Dass es sich hier nicht um ein unverfängliches Kinderbuch handelt, verrät nur der kleingedruckte Zusatz am untersten Rand: „Eine kritische Geschichte der berühmtesten Puppe der Welt“. Das stimmt aber nicht ganz, denn eigentlich geht es um den Hersteller Mattel. AUFMÜPFIGE FANS UND SPIONAGEVORWÜRFE STATT HARMONISCHER BARBIE-WELT  Mit chirurgischer Präzision arbeitet sich die Investigativjournalistin Tarpley Hitt auf 400 Seiten durch die Unternehmensgeschichte. Die Aufarbeitung von Gerichtsprozessen und Marktentwicklungen verkehrt das Bild der heilen Barbie-Welt ins Negative. So entzaubert die Autorin den Erfindungsmythos ebenso wie die Vorstellung einer harmonischen Barbie-Familie. Denn die vielen Skandale und strengen Patentauslegungen sorgen selbst bei der eigenen Fangemeinde für Unmut.   > Nach drei Jahren voller Skandale wurden die Fanclubs bissig. Ein Sammler aus Chicago, Ian Henzel, versuchte, dem Ärger ein Ventil zu geben, baute die Website «PINK ANGER» und rief einen «Pink Out» aus – einen dreißig Tage währenden Barbie-Boykott. > > > Quelle: Tarpley Hitt - Barbieland   Genauso pointiert stellt Hitt die schillernden bis zwielichtigen Persönlichkeiten vor, die am Erfolg der Barbiepuppe beteiligt waren. Top-Manager Seymour Rosenberg zum Beispiel oder Designer Carter Bryant. Er wurde von Mattel nach seiner Kündigung mehrfach wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen verklagt. Ein Streit, der sich in ungeahnte Höhen steigerte.  „Mattels Anwalt nannte Bryant „einen Doppelagenten von höchstem Range“. Die Gehässigkeiten waren so hässlich und grenzten derart an Gewalttätigkeit, dass die Entscheidung des Gerichts, nach einigen Jahren einen Schlichter einzuschalten, nur angemessen schien: Pierre Richard Prosper war ein ehemaliger Sonderbotschafter und auf Kriegsverbrechen spezialisiert.“  UNTERHALTSAMER WIRTSCHAFTSKRIMI MIT EINIGEN LÄNGEN  Solch irrwitzige und zugleich ernste Schlammschlachten, aber auch die mehrfach drohende Pleite und erbitterten Machtkämpfe machen das Buch zum regelrechten Wirtschaftskrimi. Und der ist, trotz juristischer und ökonomischer Details, dank der spielerischen Sprache und vielen anschaulichen Metaphern sehr unterhaltsam.   Stellenweise wird es aber etwas redundant, auch weil viele Fälle ähnlich gelagert sind und trotzdem bis ins kleinste Detail nacherzählt werden. Und hin und wieder verliert sich Hitt in Exkursen, etwa zur Werbepsychologie. Das zieht das Buch in die Länge. Die Energie, die Hitt in diese Recherchen steckt, fehlt am Ende: Nach den ausschweifenden Berichten über die vergangenen Jahrzehnte werden die Ereignisse nach 2016 nur dürftig abgefertigt. Dabei fällt in diesen Zeitraum auch der Kinohit „Barbie“, der den Hype erneut entfachte. Fast scheint es, als sträube sich Hitt, dem Unternehmen seinen langfristigen Erfolg zuzugestehen.  KRITISCHER BLICK AUF DIE UNTERNEHMENSWELT  Im Zentrum stehen eindeutig die kritischen Aspekte. Zum Beispiel die prekären Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern, Streiks und moralisch fragwürdige Finanzmanöver. Etwa die Vorwürfe der ehemaligen Senior Vice President Michelle Greenwald.  „Sie berichtete, [dass] Mattels gigantisches jährliches Wachstum zum Teil auf sogenannte «Push-Programme» zurückzuführen sei. Mattel [stellte] heimlich eine Zahlung an Disney in Höhe von neunzehn Millionen Dollar zurück, was die Gewinne um fünfzehn Prozent nach oben korrigierte.“  Die Reportage macht deutlich, dass auch in der mit Spiel und Spaß assoziierten Spielwarenindustrie brachiale Geschäftsmethoden und Machtkämpfe an der Tagesordnung stehen. Hitts Buch ist also nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit Barbie-Hersteller Mattel. Vielmehr steht die hier nacherzählte Erfolgsgeschichte exemplarisch für eine Unternehmenskultur, die von einer rücksichtslosen Profitgier getrieben ist. Damit ist „Barbieland“ auch eine deutliche Kritik am kapitalistischen System an sich.

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Billede af episoden Rosarote Barbie-Welt? Von wegen! Tarpley Hitt über Barbie-Produzent Mattel

Rosarote Barbie-Welt? Von wegen! Tarpley Hitt über Barbie-Produzent Mattel

„Barbieland“ prangt in weißen Lettern auf dem knallpinken Cover. Dass es sich hier nicht um ein unverfängliches Kinderbuch handelt, verrät nur der kleingedruckte Zusatz am untersten Rand: „Eine kritische Geschichte der berühmtesten Puppe der Welt“. Das stimmt aber nicht ganz, denn eigentlich geht es um den Hersteller Mattel. AUFMÜPFIGE FANS UND SPIONAGEVORWÜRFE STATT HARMONISCHER BARBIE-WELT  Mit chirurgischer Präzision arbeitet sich die Investigativjournalistin Tarpley Hitt auf 400 Seiten durch die Unternehmensgeschichte. Die Aufarbeitung von Gerichtsprozessen und Marktentwicklungen verkehrt das Bild der heilen Barbie-Welt ins Negative. So entzaubert die Autorin den Erfindungsmythos ebenso wie die Vorstellung einer harmonischen Barbie-Familie. Denn die vielen Skandale und strengen Patentauslegungen sorgen selbst bei der eigenen Fangemeinde für Unmut.   > Nach drei Jahren voller Skandale wurden die Fanclubs bissig. Ein Sammler aus Chicago, Ian Henzel, versuchte, dem Ärger ein Ventil zu geben, baute die Website «PINK ANGER» und rief einen «Pink Out» aus – einen dreißig Tage währenden Barbie-Boykott. > > > Quelle: Tarpley Hitt - Barbieland   Genauso pointiert stellt Hitt die schillernden bis zwielichtigen Persönlichkeiten vor, die am Erfolg der Barbiepuppe beteiligt waren. Top-Manager Seymour Rosenberg zum Beispiel oder Designer Carter Bryant. Er wurde von Mattel nach seiner Kündigung mehrfach wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen verklagt. Ein Streit, der sich in ungeahnte Höhen steigerte.  „Mattels Anwalt nannte Bryant „einen Doppelagenten von höchstem Range“. Die Gehässigkeiten waren so hässlich und grenzten derart an Gewalttätigkeit, dass die Entscheidung des Gerichts, nach einigen Jahren einen Schlichter einzuschalten, nur angemessen schien: Pierre Richard Prosper war ein ehemaliger Sonderbotschafter und auf Kriegsverbrechen spezialisiert.“  UNTERHALTSAMER WIRTSCHAFTSKRIMI MIT EINIGEN LÄNGEN  Solch irrwitzige und zugleich ernste Schlammschlachten, aber auch die mehrfach drohende Pleite und erbitterten Machtkämpfe machen das Buch zum regelrechten Wirtschaftskrimi. Und der ist, trotz juristischer und ökonomischer Details, dank der spielerischen Sprache und vielen anschaulichen Metaphern sehr unterhaltsam.   Stellenweise wird es aber etwas redundant, auch weil viele Fälle ähnlich gelagert sind und trotzdem bis ins kleinste Detail nacherzählt werden. Und hin und wieder verliert sich Hitt in Exkursen, etwa zur Werbepsychologie. Das zieht das Buch in die Länge. Die Energie, die Hitt in diese Recherchen steckt, fehlt am Ende: Nach den ausschweifenden Berichten über die vergangenen Jahrzehnte werden die Ereignisse nach 2016 nur dürftig abgefertigt. Dabei fällt in diesen Zeitraum auch der Kinohit „Barbie“, der den Hype erneut entfachte. Fast scheint es, als sträube sich Hitt, dem Unternehmen seinen langfristigen Erfolg zuzugestehen.  KRITISCHER BLICK AUF DIE UNTERNEHMENSWELT  Im Zentrum stehen eindeutig die kritischen Aspekte. Zum Beispiel die prekären Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern, Streiks und moralisch fragwürdige Finanzmanöver. Etwa die Vorwürfe der ehemaligen Senior Vice President Michelle Greenwald.  „Sie berichtete, [dass] Mattels gigantisches jährliches Wachstum zum Teil auf sogenannte «Push-Programme» zurückzuführen sei. Mattel [stellte] heimlich eine Zahlung an Disney in Höhe von neunzehn Millionen Dollar zurück, was die Gewinne um fünfzehn Prozent nach oben korrigierte.“  Die Reportage macht deutlich, dass auch in der mit Spiel und Spaß assoziierten Spielwarenindustrie brachiale Geschäftsmethoden und Machtkämpfe an der Tagesordnung stehen. Hitts Buch ist also nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit Barbie-Hersteller Mattel. Vielmehr steht die hier nacherzählte Erfolgsgeschichte exemplarisch für eine Unternehmenskultur, die von einer rücksichtslosen Profitgier getrieben ist. Damit ist „Barbieland“ auch eine deutliche Kritik am kapitalistischen System an sich.

I går3 min
Billede af episoden Auf der Suche nach dem Weg ins Leben

Auf der Suche nach dem Weg ins Leben

Er hat gewaltiges Pech, dieser zehnjährige Junge namens Skander. Er ist Kind einer Vergewaltigung; seine algerische Mutter Nora sitzt in der Psychiatrie. Lange konnte er in einer französischen Pflegefamilie leben; aber dann stirbt seine Pflegemutter an Krebs, die Familie zerfällt. Skander findet eine neue französische Familie und fühlt sich auf Anhieb wohl; aber seine Mutter Nora will davon nichts wissen. Stattdessen bringt sie ihn zu der Marokkanerin Madame Khadija – und damit in die südöstliche Banlieue von Paris. Der einst aufgeweckte Junge, der aus purer Neugierde auf die Welt stundenlang das dicke Larouche-Lexikon schmökerte – er beginnt, sich rapide zu verändern. In der Freizeit wie in der Schule:  „Innerhalb weniger Trimester war ich zum Überläufer geworden. Die Franzosen gingen mir aus dem Weg, vorgewarnt von ihren Eltern. Schlimmer noch, meine Zeugnisse, nurmehr ein sehr dunkler Schatten von denen früherer Zeiten, charakterisierten mich als verkommen und frech. Und während der letzten Konferenz des Jahres machten die Lehrer mich fertig.“  LEBENSFEINDLICHE UMGEBUNG UND SINNLOSE BANDENKRIEGE  Der Roman begleitet Skander durch seine Jugend hindurch. Von Jahr zu Jahr passt er sich stärker seiner lebensfeindlichen Umgebung in der Hochhaussiedlung an; denn er spürt: Würde er weiterhin den Idealen seines einstigen französischen Umfelds nacheifern, käme er hier hoffnungslos unter die Räder. Die sinnlosen Bandenkriege mit Jugendlichen anderer Viertel übersteht Skander halbwegs ungeschoren. Aber auch wenn er es sich lange nicht eingesteht, leidet er: „Wir waren hier noch bei den Anfängen von Darwin, als der Mensch primitiv war und von seinen aggressiven Trieben geleitet wurde. Für den Moment war ich einfach nur ein Opfer, wurde nicht mehr respektiert als irgendein beknackter Franzose, den man ganz nach Belieben beleidigt und belästigt.“  DROGEN UND GEWALT  Schließlich wird auch Skander kriminell. Er macht mit bei Gewalttaten, verdient bald eine Menge Geld mit Rauschgifthandel. Der junge Psychologe Lombard allerdings, dem Skander eines Tages begegnet ist, nimmt sich den Jungen vor. Lombard redet Klartext:  > Am Anfang habe ich mir gesagt, dass du ein Opfer der Einflüsse bist, aber jetzt bist du der Anführer! Du bist das Symbol unseres Versagens – meines Versagens – Frankreichs Versagens! > > > Quelle: Mokhtar Amoudi – Ein ziemlich anders Leben Von seiner Familie kann Skander nichts erwarten. Seine algerische Verwandtschaft bleibt im Hintergrund. Er trifft nach vielen Jahren seinen leiblichen Vater, aber auch der bleibt ihm fremd. Immerhin, als die beiden auf einem Gang durch Paris an der Gare du Nord vorbeikommen und dort das Gebrüll nordafrikanischer Einwanderer alles andere übertönt, kommt Skander ins Grübeln:  „Wir waren nicht mehr in Frankreich. Das hier ist Algerien, das sind deine Wurzeln!‘, sagte er. Als ich all die üblen Gestalten sah, das Gesicht von Rasierklingen zerschnitten, dieses ganze verstörende Menschsein, da verfluchte ich meine Wurzeln, die schlimmsten, die man haben konnte. Was hätte ich dafür gegeben, woanders geboren zu sein.“  EIN FUNKEN HOFFNUNG  Skander ist beim Rauschgifthandel erwischt worden – er findet allerdings einen Richter, der ihm zutraut, aus dem zerstörerischen kriminellen Milieu herauszufinden. Im Ganzen durchzieht „Ein ziemlich anderes Leben“ bei allen Tiefschlägen und Niederlagen, die Skander einstecken muss, ein steter Funken Hoffnung. Unmittelbar vor der Abschlussprüfung fliegt der Junge von der Schule – aber vielleicht ist das doch noch nicht das letzte Wort. Mokhtar Amoudi hat das Kunststück vollbracht, die Realität in seinem Roman ungeschminkt zu schildern, ohne in Klischees abzugleiten – und er findet einen überzeugenden Schluss. Was Skander erlebt, das ist für Millionen junger eingewanderter Franzosen trauriger Alltag. Ihnen „Ein ziemlich anderes Leben“ zu ermöglichen, wäre ein dringender Auftrag an die Politik – in Frankreich und anderswo.

10. aug. 20264 min
Billede af episoden Urszenen des Kapitalismus

Urszenen des Kapitalismus

Um 1600 war England noch keine Großmacht des Welthandels. Indien dagegen beherbergte ein Fünftel der Weltbevölkerung und produzierte, so die Statistiken, ein Viertel der Güter weltweit, vor allem Edelsteine, Pfeffer, Textilien und Salpeter. Wer solche Handelsware nach Europa importierte, konnte mit jeder Schiffsladung Gewinne von mehreren hundert Prozent machen. Um diese Chancen zu nutzen, gründeten 1599 Kaufleute, Entdecker und Investoren in London die East India Company.   FEUDALER REICHTUM UND KAPITALISTISCHER GESCHÄFTSSINN  Daraus wurde ein Handelsimperium, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Diese erstaunliche Entwicklung beschreibt William Dalrymple in seinem Buch „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600–1874“. In der Einleitung erklärt er: „Ziel dieses Buches ist es nicht, eine vollständige Geschichte der East India Company zu liefern. Vielmehr sucht es eine Antwort auf die Frage, wie es einem einzigen Unternehmen mit Sitz in einem Londoner Bürohaus gelingen konnte, das mächtige Mogulreich als Herrscher über den riesigen Subkontinent abzulösen.“  Entscheidend für diesen beispiellosen Kolonisierungsprozess waren einerseits die riesigen wirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen des indischen Mogulreichs jener Zeit und andererseits der erfinderische kapitalistische Geschäftssinn, mit dem sich das englische Handelsunternehmen diese Bedingungen zunutze machte.     MOGULHERRSCHER UND EIN PAAR KAUFLEUTE  Zunächst aber mussten die Abgesandten der Company klein anfangen und durften die Gunst der ebenso prunksüchtigen wie mächtigen Mogulherrscher nicht verspielen. So beschwerte sich ein verärgerter indischer Würdenträger über einen unfreundlichen Empfang:  > ‚Welche Ehre bleibt uns denn noch‘, fragte er, ‚wenn ein paar Kaufmänner, die noch nicht einmal gelernt haben, sich den Hintern zu waschen, auf den Befehl eines Herrschers reagieren, indem sie seinen Gesandten mit Füßen treten?‘ > > > Quelle: William Dalrymple – Anarchie Im Unterschied zu anderen Werken über die Ostindienkompanie hat sich William Dalrymple, wie er betont, vorwiegend auf teils noch unerschlossene Quellen aus indischen Archiven gestützt. Damit rückt er die Geschehnisse auf dem Subkontinent ganz in den Mittelpunkt.    ANARCHIE UND TUMULT  Diese aber wurden die längste Zeit von chaotischen Konflikten und grausamen Kriegen bestimmt, an denen in wechselnden Bündnissen sowohl die Kolonialmächte England und Frankreich als auch die regionalen Herrscher beteiligt waren. So viele detailreiche, mit plastischen Figurenporträts bereicherte Beschreibungen von Intrigen, Feldzügen und Brandschatzungen bekommt man selten zu lesen. Eine letzte Schlacht wurde 1809 geschlagen.  „So schrecklich die Schlacht von Delhi auch war: Damit endete eine über hundert Jahre dauernde Rivalität. Und es endete das unglückselige Jahrhundert, in dem rivalisierende Armeen um Hindustan Krieg führten und es ausplünderten.“  Trotzdem waren „Anarchie und Tumult“, wie es ein englischer Generalgouverneur nannte, kein Hindernis für das Gedeihen der East India Company. William Dalrymples Geschichte dieser ersten Aktiengesellschaft der Welt ist ein fesselndes Lehrstück in vieler Hinsicht. Zum Beispiel über die Urszenen eines Kapitalismus ohne gesellschaftliche Rücksichten. Und darüber, wie sehr das vermeintlich unblutige Geschäft des Handels mit Gewalt und Krieg verflochten sein kann.

9. aug. 20264 min
Billede af episoden „Man kann ja nicht nur dasitzen und vor sich hin leiden.“

„Man kann ja nicht nur dasitzen und vor sich hin leiden.“

DIE AVENUES SYMBOLISIEREN SIMBABWE Sprung hinein in „Die Avenues“ in Harare! In diesem lebendigen Viertel spielt Farai Mudzingwas Debütroman. Er hat selbst mal in den Avenues gelebt, dem ersten Viertel, wo einst die Kolonialherren ihre Villen errichteten, erzählt er auf SWR Kultur. „Als ich dort lebte“, erinnert sich Mudzingwa, „fiel mir auf, dass die Gegend nicht mehr ganz so ruhig und wohlhabend war. Das hat mein Interesse geweckt: Die Veränderungen, die sich in den Avenues vollzogen, spiegelten die Veränderungen, die zu dieser Zeit im ganzen Land stattfanden.“ OHNE WITZE GEHT ES NICHT So wurde der Roman „Die Avenues“ zweierlei: Zunächst erzählt er die Geschichte des jungen Elektrikers Jedza, der nach Harare kommt und nach seiner verschwundenen Schwester sucht. Zugleich ist er ein Tiefenporträt der jüngeren politischen Geschichte Simbabwes, wozu die Folgen des Kolonialismus, grassierende Korruption und die wirtschaftliche Notlage des Landes gehören. Zur politischen Analyse tragen auch die bissigen Fußnoten bei, die Farai Mudzingwa in den Text streut. „Wir Simbabwer müssen jede Menge Witze reißen über unser Elend“, sagt Mudzingwa, „denn wir können ja nicht einfach nur dasitzen und vor uns hin leiden.“ DIE PFÜTZEN, IN DENEN DIE WASSERGEISTER LEBEN „Die Avenues“ spielen vor allem in der Gegenwart der Jahre 2016-2018. Einige Kapitel gehen aber auch Jahrzehnte zurück. Darin erleben wir Jedza als Kind oder seine Schwester Natsai vor ihrem Verschwinden als Journalistin in Harare. Auch von der Stadtgründung als Kolonialsiedlung im 19. Jahrhundert erzählt Mudzingwa. Weil Harare auf Sumpfland gebaut wurde, entstehen in der Gegenwart des Romans immer wieder rätselhafte Pfützen, in denen die Wassergeister von einst leben. DAS POLYPHONE SPIEL DER MBIRA Farai Mudzingwa hat seinen Roman bewusst vielstimmig angelegt. Vorbild war die Mbira, das simbabwische Daumenklavier. „Wenn man Mbira spielt, verweben sich verschiedene Melodien miteinander. Man kann einer Melodie lauschen, oder man kann einer anderen Melodie lauschen, aber man hört doch alle Melodien gleichzeitig, und sie erzeugen all diese polyphonen Rhythmen. Ich habe also versucht, etwas von dieser Musik ins Storytelling des Romans zu übernehmen.“ „DIE AVENUES“ SIND IN HARARE NICHT ERHÄLTLICH Deswegen ist es auch so unglaublich, dass man „Die Avenues“ in Simbabwe selbst gar nicht kaufen kann. Den Zusammenbruch des Verlagswesens im wirtschaftlich gebeutelten Simbabwe erlebt Farai Mudzingwa als sehr quälend. Deswegen ist die Übersetzung seines Debütromans ins Deutsche eine umso größere Freude. Zumal ihn sein Übersetzer Jan Schönherr während der Arbeit am Buch für ein paar Wochen in Harare besucht hat: „Das war eine schöne Zeit“, sagt Farai Mudzingwa. Von all dem berichtet er exklusiv auf SWR Kultur.

7. aug. 202623 min
Billede af episoden Etiketten sind etwas für Apotheker: Jeet Thayil über „Chelsea Girls“

Etiketten sind etwas für Apotheker: Jeet Thayil über „Chelsea Girls“

„CHELSEA GIRLS HAT MICH NICHT MEHR LOSGELASSEN.“ „Ich habe Eileen Myles Buch „Chelsea Girls“ vor vielen, vielen Jahren gelesen, und es hat mich seither nicht mehr losgelassen“, schwärmt der indische Autor Jeet Thayil. Darin erzählt die amerikanische Autor*in Myles von den 1980er Jahren in New York: von den eigenen lesbischen Beziehungen, den ersten künstlerischen Arbeiten und von der durchaus rauen amerikanischen Kunstszene. Das Buch erschien 1994 und wurde 2020 erstmals ins Deutsche übersetzt. BELLETRISTIK, SACHBUCH ODER MEMOIR? „Das Buch ist bewegend, es zeugt von emotionaler Intelligenz und es ist wunderschön geschrieben,“ äußert Jeet Thayil. „Außerdem ist es ein experimentelles Werk, denn schon vor so langer Zeit wusste Eileen Myles, dass diese Etiketten, die wir der Literatur aufdrücken – Belletristik, Sachbuch, Memoir –, nichts bedeuten. Etiketten sind etwas für Apotheker und ihre Regale. Aber Etiketten sind nichts für Künstler.“ EILEEN MYLES PERFORMT MIT DER ILB HOUSE BAND Jeet Thayil ist Kurator beim internationalen literaturfestival berlin 2026. Da er auch Musiker ist, wird das diesjährige Festival außergewöhnlich musikalisch. Sogar eine ILB House Band wurde gegründet. Bandleader ist der Schlagzeuger Diego Piñera. Mit dieser Band wird auch Eileen Myles während des Festivals performen.

7. aug. 20261 min