SWR Kultur lesenswert - Literatur
Irvine in der schottischen Grafschaft Ayrshire. Eine 30.000-Einwohner-Stadt in der Depression. Es ist der Sommer 1986, der Thatcherismus ist auf seinem Höhepunkt. Die Ministerpräsidentin, die Eiserne Lady, hat die streikenden Bergarbeiter in die Knie gezwungen. Nun sitzen diese Männer zu Hause, trinkend, rauchend, ohne Arbeit und Perspektive. „Halbherzige Väter“ nennt Andrew O’Hagan sie. Und deren Kinder? Sehnen sich an andere Orte, flüchten sich, wie viele der Figuren in „Maifliegen“, in die Musik oder in die Literatur. Den Sound zu dieser Landschaft liefert die schottische Band „The Jesus and Mary Chain“, deren Konzerte, fünfzehn Minuten lang, gespielt mit dem Rücken zum Publikum, legendär sind. FREUNDSCHAFT ALS AUSGANGSPUNKT James, der Ich-Erzähler von „Maifliegen“, ist gerade achtzehn geworden; ein sensibler Junge, voll mit Lektüren, gefördert und ermutigt von seiner Lehrerin. Sein bester Freund Tully ist zwei Jahre älter als der schüchterne James und verschwendet seine Intelligenz als Hilfsarbeiter in einer Fabrik. Tully ist das Zentrum des Romans, der Gravitationspunkt, an dem sich alle Energien bündeln: „Er war der geborene Anführer. Die Art, wie er redete, da sahen Ältere alt aus. Tully war bereit zum Abheben. Er war nicht so sehr der Schmetterling, eher die Luft, die ihn trägt. Und in jenem Sommer war er bereit für ein Abenteuer jenseits der Hecken von Ayrshire.“ AUF NACH MANCHESTER „Maifliegen“ ist in etwa zwei gleich lange Großkapitel aufgeteilt. Teil 1 spielt im Juli 1986. Von der schottischen Westküste aus bricht eine Handvoll junger Männer mit Tully und James an der Spitze auf nach Manchester, der Hauptstadt der Independent-Szene in den 1980er-Jahren. Die Band „The Smiths“ hat soeben ihr Album „The Queen is dead“ veröffentlicht; „New Order“, die Nachfolger der nach dem Suizid von Ian Curtis aufgelösten „Joy Division“, sind auf ihrem künstlerischen Höhepunkt. In Manchester und im legendären Club „Hacienda“ wird der Sound einer Generation produziert. Und im G-Mex, der Konzerthalle im ehemaligen Hauptbahnhof von Manchester, sollen sie alle an einem Abend auftreten. Es ist eine zugedröhnte Wallfahrt, die James, Tully, Limbo, Tibbs und wie sie alle heißen, unternehmen. Aufgeladen mit Wut gegen die Verhältnisse und anarchischem Geist, aber mit wenig Geld in den Taschen, reisen sie nach England. Und wie durch ein Wunder begegnen ihnen vor einem Hotel tatsächlich ihre Heroen: Der „Smiths“-Sänger Morrissey und Gitarrist Johnny Marr, die gerade in einen Rolls Royce steigen: „Und wenn wir längst aus dieser Welt geschwunden sind, wird es noch Sporen der Freude geben, irgendwo im Universum, die an den Moment erinnern, in dem Tully Dawson die Stufen des Britannia-Hotels hinunterstürmte und sich bäuchlings auf die Motorhaube der Luxuskarosse der Smiths warf, das Gesicht, von Verehrung verzerrt, an die Windschutzscheibe gedrückt.“ DUNKLE SOZIALE UNTERTÖNE Johnny Marr hat vor dem Einsteigen noch seine Kippe auf die Straße geworfen, auf die Tully sich stürzt und die er sich sofort selbst in den Mundwinkel schiebt: > ‚Ist doch egal‘, sagte er. ‚Das bisschen Spucke macht mir nichts aus. Der Mann hat ›How Soon Is Now?‹ geschrieben.‘ > > > Quelle: Andrew O'Hagan – Maifliegen So geht es zu im ersten Teil von „Maifliegen“. Ein Jungsbuch mit dunklen sozialen Untertönen. Es geht ums Trinken, um Mädchen, um Musik. Es geht darum, Leute zu provozieren und sich gegenseitig dumme Sprüche an den Kopf zu werfen. Andrew O’Hagan ist extrem stark darin, der Atmosphäre dieser Tage zwischen Desillusion, anarchischem Aufbegehren und der Euphorie vermeintlicher Freiheit nachzuspüren. > Einen Augenblick schwebte ich davon in meine eigene Welt; dieses Gefühl, ganz weit draußen zu sein, wenn man es mit etwas übertreibt, und ich liebte die Übertreibung, ich liebte die Stimmung an diesem Abend, an dem alles erlaubt schien. > > > Quelle: Andrew O'Hagan – Maifliegen JUGENDLICHE ATTITÜDE WIRD EXISTENTIELLE NOTWENDIGKEIT Und ziemlich genau in dem Augenblick, in dem man denkt, man habe nun genug gelesen von diesem etwas nerdigen Trip, bricht O’Hagan ab. Ohne Pointe. Überhaupt sind die wichtigen Dinge in „Maifliegen“ erfreulich unpathetisch erzählt. Der zweite Teil des Romans spielt im Herbst 2017. James, der Erzähler des Romans, ist mittlerweile ein arrivierter Schriftsteller. Er bekommt einen Anruf von seinem Freund Tully, der als Englischlehrer arbeitet: > Ich habe einen Tumor in der Speiseröhre, aber die Leber ist auch schon angegriffen, der Magen und die Lymphknoten, was weiß ich, was das sein soll. Es ist ein totaler … > Ich bin ein lebender Leichnam. Vier Monate geben sie mir, dann ist Sense. > > > Quelle: Andrew O'Hagan – Maifliegen „Maifliegen“ hat in seinem zweiten und durch und durch berührenden Teil einen anderen Tonfall. Zum einen rekonstruiert James anlässlich von Tullys kurzfristig anberaumter Hochzeit die nicht immer erfreulichen Lebensläufe der Teilnehmer der dreißig Jahre zurückliegenden Manchester-Expedition. Zum anderen, und das ist das Entscheidende, wird „Maifliegen“ zu einem sehr dezent erzählten, aber in seinen Überlegungen ausgesprochen klugen Roman über Freundschaft und Selbstbestimmung. Tully trifft eine Entscheidung. Eine Lebenshaltung wandelt sich von jugendlicher Attitüde in existentielle Notwendigkeit. Welche ungewöhnliche Wendung die Geschichte nimmt, soll nicht verraten werden. Nur so viel: O’Hagan lässt seinen Figuren ihre Würde. Bis zum letzten Augenblick. Und das ist tröstlich.
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