SWR Kultur lesenswert - Literatur
Jahrelang saß Kathrin Fischer auf dem Meditationskissen. Eifrig folgte sie den Anweisungen ihres Zen-Lehrers, auf der Suche nach mehr Gelassenheit in ihrem Leben. Geholfen hat es ihr nicht. Denn wenn etwas ihren polemischen Buchessay „Achtsam geht die Welt zugrunde“ antreibt, dann ist es Wut. Wut über eine immer kaputtere Welt, Wut über eine elitäre Mittelstandsgesellschaft, die glaubt, sie würde mit Atemübungen und einer Schale Yogitee dazu beitragen, die Welt zu retten. GESCHÄFTSTÜCHTIGE KOMPLIZIN DES NEOLIBERALISMUS Und vor allem Wut über das, was Kathrin Fischer [https://www.swr.de/kultur/literatur/die-ideologie-der-achtsamkeit-kathrin-fischer-100.html] die „Ideologie der Achtsamkeit“ nennt: Für die Podcasterin ist die boomende, geschäftstüchtige Meditationsindustrie mit ihren Sinnsprüchen und Dankbarkeitsritualen nichts anderes als eine Komplizin unserer neoliberalistischen Gesellschaft. Wer glaubt, gegen die Fehlentwicklungen und Missstände, die diese Spielart des Kapitalismus gerade hierzulande anrichtet, würde einem eine Achtsamkeitsapp helfen, liege gründlich falsch, so Fischer. > Atemtechniken, Manifestationen und Fünf-Minuten-Meditationen helfen möglicherweise kurzfristig gegen die Angst, in München oder Berlin eine neue Wohnung suchen zu müssen. An der schier ausweglosen Situation ändern sie jedoch nichts. > > > Quelle: Kathrin Fischer - Achtsam geht die Welt zugrunde SÜNDENBOCK FÜR GESELLSCHAFTLICHE MISSSTÄNDE Ganz genau, möchte man einwenden. Achtsamkeitspraktiken können einen, im besten Fall, in schwierigen Momenten ruhiger und gelassener werden lassen – was in unseren Zeiten der Vielfachkrisen ja nicht gerade wenig ist, oder? Aber wer hat behauptet, mit ihnen ließe sich die harte Realität ändern? Und, um Fischers Beispiel aufzugreifen, bezahlbarer Wohnraum herbeimeditieren? In Kathrin Fischers Wutrede werden Achtsamkeitspraktiken zum Sündenbock für praktisch alles, was derzeit falsch läuft: Beispielsweise sollen sie die Isolation befördern, schließlich kümmerten sich Meditierende ja primär um sich selbst. Deshalb förderten sie auch Narzissmus, da sie unsere Abhängigkeit von unseren Mitmenschen leugnen und behaupten, unser Glück liege in uns selbst. Mehr noch: Achtsamkeit verstärke die Spaltung der Gesellschaft, schließlich nutze die neue Mittelklasse einschlägigen Praktiken, um sich von den unteren Schichten abzugrenzen. Was für diese die Flucht in populistische Rechtsparteien ist, sei für jene die Teilnahme am Zen-Retreat: ein kontraproduktives Hilfsmittel, mit einer immer kaputteren Wirklichkeit fertigzuwerden. > Im Grunde verhält sich die achtsame Mittelklasse wie die Milliardäre, die sich mit Bunkern und Marsplänen auf eine apokalyptische Zukunft vorbereiten. […] Sie zieht in den inneren Bunker und nennt das Rettung der Welt. > > > Quelle: Kathrin Fischer - Achtsam geht die Welt zugrunde WUT ALS BESSERE QUELLE FÜR POLITISCHE VERÄNDERUNG? Okay, jetzt atmen wir alle doch erstmal tief durch. Natürlich ist nicht alles falsch, was Kathrin Fischer schreibt. Ihre Kritik am scheinheiligen Einsatz von Achtsamkeitskursen in Unternehmen zum Beispiel. Oder an einer „achtsamen Mittelklasse“, die Solidarität und Diversität predigt, aber ihre Kinder dann doch lieber auf Privatschulen schickt. Oder Fischers Gesellschaftsdiagnose, von den wachsenden Vermögensungleichheiten bis zum Skandal einer kaputtgesparten Infrastruktur. Aber genau hier wird es spannend: Falsch zum Beispiel sei es, so die 59-jährige Autorin, das Warten auf den wieder mal verspäteten Zug für Gelassenheitsübungen zu nutzen – wie es übrigens tatsächlich ein Schlaumeier in der Süddeutschen geraten hat. Besser sei es, die Wut dann zuzulassen, als Quelle für politische Veränderungen. Fragt sich nur, inwiefern der ungehemmte Ärger einer, sagen wir, wartenden Mutter mit quengelndem Kind mehr hilft als eine Runde Boxatmung. Und warum sollen sich Achtsamkeitspraktiken und politisches Engagement ausschließen? Denkt man an jene, die mit Wut und Empörung in der Politik auf Stimmenfang gehen – dann kann man sich bei den anstehenden Wahlen eigentlich gar nicht genug Gelassenheit wünschen.
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