Doku-Film zur Nord-Stream-Sprengung: Beweismaterial wird unter Verschluss gehalten
„Wir jagen die Maus, aber übersehen den Elefanten“ – das sagt der Dokumentarfilmer Moritz Enders [https://www.nachdenkseiten.de/?p=108750] im NachDenkSeiten-Interview zur Nord-Stream-Sprengung. Zu dem schwersten Anschlag auf die Energieinfrastruktur in der Geschichte der Bundesrepublik hat Enders eine Dokumentation [https://nordstreamfilm.de/] für das Magazin Hintergrund veröffentlicht, die es in sich hat. Enders und sein Kollege Gunther Merz kommen zu dem Schluss, dass die sogenannte „Andromeda-Spur“ ein Ablenkungsmanöver ist. Enders spricht von Beweismaterial zur Sprengung, das in Schweden unter Verschluss gehalten wird. Der Film „Nordstream – die Sprengung“ [https://nordstreamfilm.de/] hatte gerade Premiere im Kino Babylon in Berlin und ist dort am 7. und 15. Juni nochmal zu sehen [https://babylonberlin.eu/film/10176-nordstream-die-sprengung]. Von Marcus Klöckner.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Marcus Klöckner: Herr Enders, Sie haben mit Ihrem Kollegen Gunther Merz einen Dokumentarfilm zur Nord-Stream-Sprengung gedreht. Vorab: Was haben Ihre Recherchen hervorgebracht? Wer ist verantwortlich?
Moritz Enders: In dem Film geht es nicht nur um die Frage, wer den Anschlag auf die Pipelines vor Ort durchgeführt hat, sondern auch darum, wer davon besonders profitiert. Mit anderen Worten: Welche wirtschaftlichen sowie geo- und machtpolitischen Motive können für die Tat bestanden haben? Spoiler-Warnung: Mein Kollege Gunther Merz und ich sind zu der Auffassung gelangt, dass auf die eine oder andere Weise die USA dahinterstecken und auch die Hauptverantwortlichen sind.
Wie weitreichend war dieser Anschlag für Deutschland – und Europa?
Die Folgen sind verheerend, aber das gesamte Ausmaß des Desasters wird erst in den nächsten Jahren deutlich werden. Es liegt ja auf der Hand, dass die deutsche Industrie ohne den Zugang zu billiger Energie nicht wettbewerbsfähig ist. Der De-Industrialisierungsprozess ist bereits in vollem Gange, er dürfte aber noch weiter an Fahrt aufnehmen. Das ist – natürlich – ein wirtschaftliches Problem, denn es raubt künftigen Generationen Wohlstand und Entfaltungsmöglichkeiten.
Es ist aber auch ein politisches und geopolitisches Problem, denn es zwingt Deutschland und die gesamte EU in eine noch stärkere energiepolitische Abhängigkeit von den USA, welche mit ihrem LNG Russland als Hauptgaslieferanten verdrängt haben. Ironie der Geschichte: Während sich die ehemalige Sowjetunion und später die Russische Föderation immer penibel an die Verträge gehalten haben, steht jetzt zu befürchten, dass die USA ihre neue Position als Druckmittel gegen Deutschland und die EU einsetzen werden. Damit wäre jede Debatte über eine „strategische Autonomie Europas“, wie sie u. a. vom französischen Präsidenten Macron angestoßen worden ist, vom Tisch.
Waren die Gaspreise denn nicht schon vor der Explosion der Pipelines in die Höhe geschnellt?
Das ist richtig. Ein Grund hierfür dürfte sein, dass die EU seit den 2000er-Jahren die Liberalisierung des Gasmarktes vorangetrieben hat. Dabei wurden langfristige Lieferverträge mit stabilen Preisen und hoher Planungssicherheit zunehmend durch Spotmärkte – also tagesaktuelle Marktpreise – ersetzt. Dadurch konnten Finanzinvestoren und Händler von kurzfristigen Preisschwankungen profitieren. Auch der Emissionshandel – Stichwort: CO₂-Zertifikate – und niedrige Füllstände der europäischen Gasspeicher im Sommer 2021 dürften hierfür eine Rolle gespielt haben. Nichtsdestotrotz bleibt der Fakt, dass drei von vier Pipelineröhren gesprengt worden sind und eine Inbetriebnahme der vierten, noch intakten Röhre nicht ernsthaft in Erwägung gezogen wird. Damit beraubt sich die deutsche Politik der Möglichkeit, wirtschaftlich existenzgefährdenden Entwicklungen entgegenzuwirken.
Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund den Umgang der deutschen Politik mit der Nord-Stream-Sprengung?
Der Investigativ-Journalist Dirk Pohlmann bringt es in unserem Film ja auf den Punkt: „Die Deutschen, Schweden und Dänen wissen genug, um zu wissen, dass sie nicht noch mehr wissen wollen.“ Offen gestanden: Das kann ich verstehen. Denn sollte sich die deutsche Politik mit der Frage auseinandersetzen, ob die Seymour-Hersh-These stimmt und die USA hinter den Anschlägen stecken, dann müsste sie auch in Erwägung ziehen, dass ihr vermeintlich wichtigster Verbündeter einen kriegerischen Akt gegen ihr eigenes Land durchgeführt hat. Und – falls ja – müssten wir wohl unser aktuelles Bündnissystem, inklusive NATO, infrage stellen.
Allerdings: Die alte Weltordnung befindet sich im Umbruch, die sogenannte multipolare Weltordnung zeichnet sich ab – und da brauchen Deutschland und die EU diplomatische Vielseitigkeit statt einer einseitigen Bindung an die USA. Der ehemalige US-amerikanische Sicherheitsberater Henry Kissinger soll gesagt haben: „Es ist gefährlich, Amerikas Feind zu sein. Aber Amerikas Freund zu sein, ist verhängnisvoll.“ Man kann von Kissinger halten, was man will – ein brillanter Analytiker war er.
Was hat es mit der Seymour-Hersh-These, die Sie eben erwähnt haben, auf sich?
Die Seymour-Hersh-These besagt, dass die USA die Pipelines gesprengt haben und zwar auf folgende Weise: Während des BALTOPS-Manövers – BALTOPS steht für Baltic Operations – im Juni 2022 brachten speziell ausgebildete Taucher im Auftrag der USA die Sprengsätze an den Pipelines an. Diese wurden dann am 26. September über eine Sonarboje, die akustische Signale aussendet, ferngezündet. Bei der Formulierung seiner Hypothese stützte sich Hersh auf nur eine Quelle, was ihm immer wieder vorgeworfen worden ist. Allerdings wurden die Aussagen dieser Quelle von dem emeritierten Professor der Physik am MIT und ehemaligen Pentagon-Berater Theodore Postol überprüft und als plausibel eingestuft. Doch anstatt diese Spur ernst zu nehmen und sie weiter zu verfolgen, haben sich die deutschen Ermittler auf die sogenannte „Andromeda-These“ fokussiert und halten nach wie vor an ihr fest: Es soll also eine Handvoll Taucher gewesen sein, die von einem Segelboot – der Andromeda – aus in die Tiefe getaucht ist und die mit einem Zeitzünder versehene Bomben an den Pipelines angebracht hat.
Und was halten Sie von dieser Andromeda-These?
Schon bevor wir mit dem Film angefangen haben, hatte ich mich gefragt, wie es möglich sein soll, von einem kleinen Segelboot aus einen derartig groß angelegten Anschlag durchzuführen: Da ging es um den Tauchvorgang selbst, aber auch um Fragen zur Logistik: Wie viel Ausrüstung müssten diese Leute mitgenommen haben, wie schwer müssten die Bomben gewesen sein, wie hätten sie diese zu Wasser gelassen, wie hätte das Segelboot die exakten Stellen finden und seine Position halten können, ohne abzudriften oder hätten sie dafür eine schwere Ankerkette benötigt?
Diese Fragen haben viele argwöhnisch gemacht, aber unser Gesprächspartner Erik Andersson macht uns im Film auf noch zwei weitere Aspekte aufmerksam. Der eine betrifft die Reiseroute der Crew: Sie soll von Rostock aus losgesegelt sein und nicht von einem polnischen Hafen, der viel näher an den Stellen der Explosionen gelegen gewesen wäre. Der zweite bezieht sich auf die Sicherung des Beweismaterials, also die Überreste der Sabotage am Meeresgrund. Denn das wurde geborgen und wird nun in Schweden unter Verschluss gehalten, deutsche Ermittler haben keinen Zugang dazu. Man fragt sich: Sollte diese Andromeda-These tatsächlich stimmen, warum versucht man dann nicht, diese anhand des geborgenen Materials forensisch zu untermauern? Im Film gehen wir detaillierter auf diese Fragen ein.
Sie glauben also, es ist nichts dran an der Andromeda-These?
Dirk Pohlmann und Prof. Ola Tunander, die beide in unserem Film zu Wort kommen, sind der Meinung, es handele sich um eine Cover Story. Und Dirk Pohlmann sagt uns zudem: Die ideale Cover Story ist nicht gelogen, sondern sie stimmt. Die Andromeda-Crew ist also tatsächlich auf der Ostsee herumgesegelt, war an den Tatorten und in verschiedenen Häfen gut sichtbar – vielleicht zu gut sichtbar, wie Ola Tunander anmerkt.
Aber wir jagen die Maus und übersehen den Elefanten im Raum. Wer die Wahrheit sucht, muss wohl tiefer graben – und versuchen, einzelne Ereignisse in einen breiteren geopolitischen Kontext einzubetten. In unserem Film bemühen wir uns darum. Es geht darin also nicht nur um die Frage: Wer war’s? Sondern es geht vor allem auch darum, wer von den Anschlägen am meisten profitiert und wie bestimmte Narrative gesetzt werden, die dann den medialen Diskurs bestimmen.
Ihr Fazit?
Die Sprengung der Pipelines war für Deutschland und die EU – oder sagen wir: für den allergrößten Teil ihrer Bewohner – sicherlich ein schwerer Schlag in die Magengrube. Doch wir sollten den Anschlag nicht isoliert als reine „Wer-hat-es-getan“-Frage betrachten, sondern die ökonomischen, geopolitischen und strategischen Interessen externer Akteure erkennen, die sich dahinter verbergen. Unser Film möchte dazu beitragen, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Moritz Enders ist Dokumentarfilmer, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Geschichte in Rom und Sevilla. Er ist Autor mehrerer Dokumentarfilme, unter anderem für das ZDF und arte. Zu seinen Filmen gehören unter anderem „Schüsse auf dem Petersplatz – Wer wollte den Papst ermorden?“ und „Tod eines Bankers – Der Skandal um die älteste Bank der Welt“ und der Film „Toxic NATO“ wurde von ihm selbst produziert.
Lesetipp
Moritz Enders: Die Prinzessin von Centocelle – Lebe dein Leben selbst, sonst tun es andere für dich [https://buchhandel.de/buch/Die-Prinzessin-von-Centocelle-9783910568990]. Verlag Hintergrund. 274 Seiten. 28 Euro. 16.02.2026.
Titelbild: Screenshot – Hintergrund Nordstream – die Sprengung[http://vg07.met.vgwort.de/na/7b6091f2d8e2483a8b04e5ab532e9d74]
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