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Kriminologie: Auf der Straße oft mehr Sicherheit als in den eigenen vier Wänden | Buchkritik

4 min · 9. juni 2026
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Jeder kennt das Gefühl der Unsicherheit beim Gang durch nächtliche Straßen. Frauen erst recht, weil sie nicht nur Angst um ihre Handtasche, sondern auch vor sexuellen Übergriffen haben. Statistisch betrachtet ist das eigene Zuhause viel gefährlicher als der nächtliche öffentliche Raum, haben die beiden Kriminologinnen Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger festgestellt:  > Die Täter:innen kommen überwiegend aus dem sozialen Nahraum. Das ist wichtig zu wissen, um endlich diesen Mythos vom fremden Täter, der irgendwo im Park im Gebüsch auf sein Opfer lauert, aus der Welt zu schaffen. > > > Quelle: Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger – True Criminology „Tatsächlich gibt es häufig eine Vorbeziehung zwischen Täter:in und Opfer. Bei über der Hälfte der Täter:innen handelt es sich um Bekannte, Freund:innen, (ehemalige) Partner:innen oder Verwandte. Bei ungefähr 20 Prozent handelt es sich um fremde Personen.“  STRASSENKRIMINALITÄT IST GESUNKEN  Überhaupt sei Straßenkriminalität in den letzten zehn Jahren gesunken, heißt es im Buch. Dagegen sei die Zahl der erfassten Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen in den letzten Jahren gestiegen: auf rund 13.000 Fälle im Jahr:  „Die Täter:innen sind fast ausschließlich Männer. Zu 93 Prozent", stellen die Kriminologinnen fest. „Erwachsene ab 60 Jahren treten besonders oft bei exhibitionistischen Handlungen und Erregung öffentlichen Ärgernisses, sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen unter Ausnutzung einer Amtsstellung oder eines Vertrauensverhältnisses und beim Besitz und bei der Verschaffung von Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern (auch »Kinderpornografie« genannt) in Erscheinung.“  NEUE GESETZE UND STRAFTATBESTÄNDE Die Autorinnen haben auch eine Erklärung dafür, dass sexuelle Übergriffe zugenommen haben: Verschiedene Gesetzesänderungen hätten dafür gesorgt, dass die Taten inzwischen häufiger zur Anzeige kommen. So wurde 1997 Vergewaltigung in der Ehe strafbar, und seit 2016 gibt es den Straftatbestand „sexuelle Belästigung“. Diese Beispiele sind nur ein Beleg dafür, dass Gesetzgebung sich wandelt und an gesellschaftliche Entwicklungen anpasst – was sich in der Folge in den Kriminalitätsstatistiken niederschlägt. Viele Fälle waren früher schlicht nicht strafbar. DEUTSCHLAND: EINES DER SICHERSTEN LÄNDER DER WELT   Das Buch greift viele wichtige Fragen auf, die eine Interpretation von Kriminalitätsstatistiken erleichtern:   „Wie wird man kriminell? Wie können wir Kriminalität überhaupt messen? Wie gestaltet sich die mediale Darstellung von Kriminalität? Warum haben diejenigen, deren Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, gering ist, am meisten davor Angst?“  „Ferner widmen wir uns den Ursachen für Kriminalität. Inwiefern spielen Faktoren wie Alter, Herkunft, Geschlecht und Kontostand oder auch Drogensucht eine Rolle? Und dann »zoomen« wir in die Gegenwart der Kriminalität in Deutschland: Wie kriminell ist unsere Gesellschaft?“, fragen die Autorinnen. Das Fazit der Autorinnen: Deutschland ist eines der sichersten Länder der Welt. Allerdings sei im europäischen Vergleich die Furcht vor Kriminalität hier besonders hoch. Wozu nach Ansicht der Autorinnen auch die Medien beitragen. Auch Migration ist ein Thema, wobei die Statistiken auch hier genauerer Beleuchtung bedürfen. Menschen mit Migrationshintergrund würden beispielsweise häufiger angezeigt. „True Criminology“ ist außerdem ein Plädoyer für mehr Kriminalitätsprävention und einen sinnvolleren Umgang mit Strafen. Hohe Strafen hätten sich keinesfalls als abschreckend erwiesen. Das gut lesbare und sorgfältig recherchierte Buch von Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger ist ein Muss, wenn man sich in Politik und Gesellschaft mit Kriminalität befasst. Außerdem räumt es mit vielen Vorurteilen auf. Vor allem aber trägt es dazu bei, einer irrationalen Angst vor Verbrechen entgegenzuwirken.

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Mehr Schutz für jüdisches Leben nötig – Erster Jahresbericht der Antisemitismus-Meldestellen in in Baden-Württemberg

Der Antisemitismus in Deutschland geht unvermindert weiter. Vor allem seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Jahr 2023 werden mehr Vorfälle in Deutschland gemeldet. Seit Anfang 2025 gibt es daher auch für Baden-Württemberg eine eigene Meldestelle der sogenannten RIAS, der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus. Am 13. Juli erscheint ihr erster Jahresbericht. Der Projektleiter Robert Ogman [https://www.swr.de/kultur/gesellschaft/robert-ogman-kulturmanager-und-politikwissenschaftler-gespraech-2024-11-09-100.html] berichtet in SWR Kultur, dass es in Baden-Württemberg alle Formen von Antisemitismus gebe. So würden beispielsweise beim „Othering“ Jüdinnen und Juden negativ behandelt und ausgegrenzt. Es gebe aber auch religiösen oder durch Verschwörungsmythen befeuerten Antisemitismus, die Leugnung des Holocaust, gezielte Beschädigung von Gedenkstätten oder Angriffe gegen Personen. Besonders der auf Israel bezogene Antisemitismus sei seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel rasant gewachsen.

13. juli 20267 min
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„Bodensee Étude“ von Florentina Holzinger: Ein Windspiel aus Nackten, eine Glocke und viel Wasser

HELIKOPTER LÄSST GLOCKE IN DEN BODENSEE STÜRZEN Es sind Hunderte, die gekommen sind, um Florentina Holzingers Performance „Étude“ am Bregenzer Seeufer zu sehen. Doch die Performance lässt zunächst auf sich warten. Dann taucht ein Helikopter auf. Am Ende der Bucht holt er eine riesige Glocke von der Seebühne der Bregenzer Festspiele ab, die an einem langen Seil hängt. Der Helikopter lässt die Glocke über dem Bodensee schwingen und ins Wasser stürzen, dicht neben einem Ponton mit einem Kran, an dessen Ausleger Seile ins Wasser hängen.   WILDE GESTEN EINER NACKTEN DIRIGENTIN Leises Trommeln ist zu hören, das lauter wird. Auf dem Ponton dirigiert eine nackte Frau mit wilden Gesten die Perkussionistinnen am Ufer. Plötzlich zieht der Kran an den Seilen einen großen verzierten Metallring aus dem Wasser – wie ein Radleuchter in einer Kirche. Daran hängen sechs nackte weibliche Körper, an den Hüften aufgehängt. PERFORMANCE IN SCHWINDELNDER HÖHE Sie baumeln wie leblos. Doch mit sphärischen Klängen beginnen sie, sich aufzurichten. Minutenlang vollziehen sie eine langsame Choreographie, wie ein menschliches Windspiel, während der Kran sie in schwindelnde Höhe zieht und wieder senkt. Auf einmal hakt ein Seil, ein Begleitboot muss helfen, damit am Seil unter den Tanzenden plötzlich die Glocke wieder aus dem Bodensee auftauchen kann. DIE GLOCKE ALS WIEDERKEHRENDES MOTIV Florentina Holzinger hat sich als nackter menschlicher Klöppel in der Glocke unter Wasser festgemacht. In der Luft am Kran beginnt sie, die Glocke zum Klingen zu bringen. Die alten Legenden vom Bodensee faszinieren die Performerin, wie sie betont, etwa die von im See ruhenden Schiffen oder vom Teufel, der eine Glocke in den See geworfen hat. Und so haben diese Legenden um die Glocken auch Einzug in Holzingers Performance gefunden.   GLOCKENSCHLAG ALS WARNSYMBOL Mit ihrem menschlichen Glockenschlag, der für Schmerz und verrinnende Zeit steht, und den sie als ein Warnsymbol an die Menschheit verstanden haben will, hatte Florentina Holzinger auch die Biennale in Venedig eröffnet. In Bregenz endet die Performance nach 40 Minuten mit einem wilden Wirbel Holzingers auf einem hängenden Metallblech. Und der Applaus zieht sich das ganze Bregenzer Ufer entlang. Viele sind begeistert. STRENGE AUFLAGEN WEGEN TRINKWASSERQUALITÄT Auf Extremes wie Urin oder Blut, das sie in anderen Performances zeigt, muss Florentina Holzinger am Bodensee verzichten. Für den Trinkwasserspeicher gelten strenge Auflagen. So ist von dem, was sie normalerweise anprangert - Ausbeutung menschlicher Körper, Overtourism, Vermüllung der Umwelt, Bedrohung durch den Klimawandel - in dieser Performance nicht viel zu sehen.

13. juli 20263 min
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Experten empfehlen Social-Media-Verbot für Kinder unter 13 – Pädagogik-Professorin fordert EU-weite Regelungen

Wie können Kinder und Jugendliche auf Social Media besser geschützt werden? Experten haben am 13. Juli EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Empfehlungen für mögliche Maßnahmen überreicht. Darin empfehlen sie, den Zugang zu Social Media für Kinder unter 13 Jahren in allen Mitgliedsländern zu beschränken. Die Nutzung sozialer Medien und anderer digitaler Dienste sollte bis zu dieser Altersgrenze nur unter Aufsicht der Eltern oder in einem pädagogischen Kontext sowie zeitlich begrenzt erfolgen, heißt es in dem in Brüssel vorgestellten Bericht. Pädagogik-Professorin Mandy Schiefner-Rohs von TU Kaiserslautern-Landau sagt dazu in SWR Kultur, dass es eine länderübergreifende Regelung zum Umgang mit Social Media für Jugendliche brauche: „Wir merken, dass wir mit nationalen Alleingängen nicht weiterkommen.“

13. juli 20268 min
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Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer hat Intellektuelle, Aktivistinnen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist. Manches hat die Realität bereits überholt: Der Krieg gegen den Iran taucht nicht auf. Die Morde durch ICE-Beamte in Minneapolis [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-texte-ueber-minneapolis-100.html] konnte er noch gerade im Vorwort unterbringen. Aber Brinkbäumer liefert kenntnisreiche Analysen, die zum Verständnis der aktuellen Situation beitragen.   „Dieser neue Faschismus ist nicht nur politisch. Er ist technologisch. Trump ist ein Kind des Internets, ein Meister der Algorithmik. Die Sozialen Medien sind sein Medium, nicht trotz, sondern wegen ihrer Verflachung“, beobachtet Brinkbäumer. > In der Welt der Sozialen Medien zählt nicht die Argumentation, sondern der Affekt; und auch nicht Tiefe, sondern Geschwindigkeit. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum FÜHRERKULT 2.0 MIT DER LÜGE ALS WAFFE. Das Neue an diesem Faschismus, so Brinkbäumer, liege in den sozialen Medien, in der digitalen Infrastruktur der Propaganda. Doch diese Einschätzung lädt zum Widerspruch ein: Die Nazis nutzten seinerzeit das Radio, das für damalige Verhältnisse – gedrucktes Papier und Kundgebungen – ebenfalls eine neue Qualität darstellte. Die Technologie wechselt, aber die Mechanismen der Massensuggestion, die Lüge als Waffe, der Führerkult bleiben erschreckend konstant.  > MAGA: ‚Make America Great Again‘ ist eine Bewegung, die eher wenig denkt, sondern vor allem fühlt. Es gibt eine neue Sprache, die kaum mehr beschreibt, sondern befiehlt und gehorcht, attackiert und lügt, triumphiert und leidet.” > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum NOSTALGISCHES ERINNERN Brinkbäumer begreift den Liberalismus per se als Gegenspieler des Faschismus. Viele seiner Gesprächspartner, die fast alle der arrivierten Mittelschicht angehören, sehnen sich nach den alten USA der Vor-Trump-Ära zurück. Das ist verständlich, aber wenig zielführend: Denn Jahrzehnte einer neoliberalen Politik haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert und so die Grundlage für Trumps Aufstieg geschaffen.  > In der MAGA -Welt jedenfalls geht es nicht um tatsächliche Arbeit und Leistung, sondern um das nostalgische Erinnern an weiße Dominanz. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum HERRSCHAFT UND PALANTIR-ÜBERWACHUNG  Kulturkampf eben. Brinkbäumer lässt sich, wie viele andere Trump-Gegner, auf dieses Terrain drängen. Er trägt außerdem Detailwissen zusammen, das nicht landläufig bekannt ist, etwa im Kapitel über Trumps Entourage: Elon Musk mit seiner Promiskuität, seinem Drogenkonsum, seinem rücksichtslosen Umgang mit Menschen, seinem Hang zur Selbstinszenierung, den er mit Trump teilt. Und im Hintergrund: Peter Thiel, Erfinder von Palantir, Mentor des Vizepräsidenten JD Vance und des Multimilliardärs Elon Musk. Thiel mag ein lausiger Redner sein, aber er ist ein effektiver Strippenzieher. Sein Motto: Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar. Stark sind auch die Kapitel zu den Methoden der Demontage demokratischer Institutionen. Hier warnt Brinkbäumer ausdrücklich vor der Überwachungstechnologie des Palantir-Konzerns, die in den USA großflächig zum Einsatz kommt. GROSSE RATLOSIGKEIT  „Das Zusammenspiel der Demokratien ist zwingend notwendig und alternativlos. Die EU und die NATO, all die genannten internationalen Organisationen sollten, nein: Müssen in neuer Entschlossenheit sagen: So, wie wir bisher agiert haben, ist es nicht gut genug, so verlieren wir. Wir brauchen eine neue, radikale Konstruktivität.“ Brinkbäumers Vision einer Alternative bleibt dünn. Auch viele US-Intellektuelle, die er getroffen hat, wirken ziemlich ratlos, wenn es um den Weg aus der Misere geht – und hoffen auf Europa. Sich dem Faschismus zu ergeben, ist für Brinkbäumer jedenfalls keine Option. Sein Buch ist ein diskussionswürdiger Aufruf gegen die Gleichgültigkeit, die er zu Recht als größte Gefahr für die Demokratie betrachtet.

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