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Kicken mit Walblick: „Der Weltatlas der Fußball-Stadien“ von John Gillard

4 min · 5. juli 2026
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DIE HEIMAT DER FUSSBALLFANS Ein Stadion ist mehr als nur ein Sportplatz mit ein paar Tribünen drumherum. Zum einen ist das Stadion für Fans und Mannschaften so etwas wie eine Heimat. Nicht ohne Grund greifen Fußballer in diesem Kontext gerne zu militärischen Begriffen wie dem der Bastion.  Zum anderen kann der Spielort konkrete Auswirkungen auf das Spiel selbst haben: Lage, Wind, die Ausrichtung zur Sonne – all das hat Einfluss.  SPIEL IN RICHTUNG STEINWAND Zur Europameisterschaft in Portugal im Jahr 2008 hatte der Stararchitekt Eduardo Souto de Moura in der Stadt Braga ein spektakuläres Stadion mit Tribünen ausschließlich auf den Längsseiten errichtet. Hinter den Toren sitzen keine Fans; lediglich Felsformationen ragen in die Höhe. Nicht wenige Profis zeigen sich deutlich irritiert davon, auf eine Steilwand spielen zu müssen. John Gillard findet im Vorwort seines Bandes pathetische Worte für das Fußballstadion als Sammelbecken von Gefühlen: „Stadien sind voller Erinnerungen und Emotionen. Sie bringen Gemeinschaften zusammen, sind Schauplatz von Rivalitäten und Freundschaften, schaffen magische Momente und herzzerreißende Niederlagen.“  1.000 STADIEN UND IHRE GESCHICHTEN 1.000 Stadien, sortiert nach Kontinenten und dort wiederum gegliedert nach Nationalstaaten, hat Gillard in diesem reichlich bebilderten Buch gesammelt. Und gerade, wer ein Faible für das Abseitige hat, kommt in Gillards Weltatlas auf seine Kosten. Sicher, die großen, imposanten Arenen mit ihrem zum Teil aber auch austauschbaren Erscheinungsbild, dürfen nicht fehlen. Und auch nicht Kultstätten wie die atmosphärisch unfassbare „Bombonera“ (Pralinenschachtel) in Buenos Aires, die Spielstätte der Boca Juniors, dem Club von Diego Maradona.  Dann aber blättert man sich durch Deutschland und stößt zwischen der Veltins-Arena auf Schalke und dem Wildparkstadion in Karlsruhe auf das Schwabenstadion, den Ground des Bayernligisten FC 1920 Gundelfingen, und liest dazu: „Lehnen Sie sich zurück, entspannen Sie sich und genießen Sie Fußball der unteren Liga am Ufer des Gartnersees.“ FLOSKELHAFTE BILDBESCHREIBUNGEN Das ist doch mal eine sehr spezifische Information. A propos Wildparkstadion: Das größte Problem dieses Buchs sind die kurzen Texte neben den Fotos. Die sind entweder schlecht übersetzt oder mutmaßlich gar durch eine KI generiert. Anders kann es nicht sein, so floskelhaft und auch sinnentstellt lesen sie sich zum Teil. Zum Karlsruher Stadion heißt es: „Trotz seines Namens sieht dieses Stadion alles andere als wild aus; sein klares Design ist symmetrisch und funktional. Vielleicht sind es ja die Fans des Karlsruher SC, die die Wildheit in die Spiele bringen.“ Offensichtlich wussten weder der Herausgeber noch der Verlag, was ein Wildpark ist. Beispiele dieser Art finden sich zu Dutzenden. KARLSRUHE, KOH PANYEE UND KURIOSES Da hilft dann nur, die Stadionfotos zu betrachten, und das macht wirklich großen Spaß: Im thailändischen Koh Panyi wird auf einem auf Pontons im Meer schwimmenden Platz gekickt. Wer den Ball ins Wasser schießt, muss ihn auch zurückholen.  Das Estadio Hernando Siles in Boliviens Hauptstadt La Paz ist mit knapp 3.700 Metern das höchstgelegene Stadion der Welt. Der Brasilianer Neymar bezeichnete die Bedingungen dort als „unmenschlich“.  Der grönländische Club Qeqertarsuaq trägt hingegen seine Heimspiele auf einem Kunstrasen mit Aussicht auf Eisberge und Wale aus. RELIKTE ALTER FUSSBALLKULTUR  Ein besonders aufmerksamer Blick lohnt sich auf die Stadien im Fußball-Mutterland England: Beim heutigen Drittligisten Luton Town müssen die Fans quasi durch die Treppenhäuser der benachbarten Wohnsiedlungen, um ins Stadion zu kommen.  So sehr der englische Fußball sich durch den Einstieg von Großinvestoren auch verwandelt hat – im Weltatlas der Fußball-Stadien finden sich noch zahlreiche Relikte der alten Fußballkultur. Und noch eines zeigt dieses Buch: Im Kern bleibt der Fußball ein Spiel für alle. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Sportplatz.

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Tyrannosaurus Rex kommt unter den Hammer

Das Skelett eines Tyrannosaurus Rex wird heute beim Auktionshaus Sotheby's versteigert. Das Exemplar mit dem Spitznamen „Gus“ gilt mit mehr als 60 Prozent Originalknochen als gut erhalten. Aus Sicht von Fossilienpräparator Nils Knötschke sind privat finanzierte Ausgrabungen erforderlich, um solcher Funde noch gewinnen zu können. VERLETZUNGEN ERZÄHLEN VOM LEBEN DER DINOSAURIER Sotheby's hebt besonders die Bissspuren und verheilten Knochenbrüche des Tieres hervor. Für Knötschke sind solche Verletzungen allerdings keine Seltenheit. Viele Dinosaurierfossilien zeigten Spuren eines harten Lebens mit Kämpfen und Jagden, sagt der Präparator in SWR Kultur. Wissenschaftlich interessant seien sie dennoch, weil sie Rückschlüsse auf Verhalten und Lebensweise der Tiere erlaubten. Besonders bemerkenswert sei vor allem der hohe Anteil erhaltener Originalknochen. PRIVATE FINDER ALS WICHTIGE PARTNER DER FORSCHUNG Der Handel mit Dinosaurierskeletten ist unter Forschenden umstritten. Knötschke verweist jedoch darauf, dass viele spektakuläre Funde überhaupt erst durch private Sammler und Ausgrabungsteams geborgen würden. Oft dauerten Ausgrabung und Präparation viele Jahre. Häufig gelangten solche Fossilien später als Leihgaben in Museen und stünden damit auch der Wissenschaft wieder zur Verfügung. Voraussetzung sei eine sorgfältige Dokumentation der Fundstelle und der Präparation.

14. juli 20265 min
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Mehr Schutz für jüdisches Leben nötig – Erster Jahresbericht der Antisemitismus-Meldestellen in Baden-Württemberg

Der Antisemitismus in Deutschland geht unvermindert weiter. Vor allem seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Jahr 2023 werden mehr Vorfälle in Deutschland gemeldet. Seit Anfang 2025 gibt es daher auch für Baden-Württemberg eine eigene Meldestelle der sogenannten RIAS, der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus. Am 13. Juli erscheint ihr erster Jahresbericht. Der Projektleiter Robert Ogman [https://www.swr.de/kultur/gesellschaft/robert-ogman-kulturmanager-und-politikwissenschaftler-gespraech-2024-11-09-100.html] berichtet in SWR Kultur, dass es in Baden-Württemberg alle Formen von Antisemitismus gebe. So würden beispielsweise beim „Othering“ Jüdinnen und Juden negativ behandelt und ausgegrenzt. Es gebe aber auch religiösen oder durch Verschwörungsmythen befeuerten Antisemitismus, die Leugnung des Holocaust, gezielte Beschädigung von Gedenkstätten oder Angriffe gegen Personen. Besonders der auf Israel bezogene Antisemitismus sei seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel rasant gewachsen.

Yesterday7 min
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„Bodensee Étude“ von Florentina Holzinger: Ein Windspiel aus Nackten, eine Glocke und viel Wasser

HELIKOPTER LÄSST GLOCKE IN DEN BODENSEE STÜRZEN Es sind Hunderte, die gekommen sind, um Florentina Holzingers Performance „Étude“ am Bregenzer Seeufer zu sehen. Doch die Performance lässt zunächst auf sich warten. Dann taucht ein Helikopter auf. Am Ende der Bucht holt er eine riesige Glocke von der Seebühne der Bregenzer Festspiele ab, die an einem langen Seil hängt. Der Helikopter lässt die Glocke über dem Bodensee schwingen und ins Wasser stürzen, dicht neben einem Ponton mit einem Kran, an dessen Ausleger Seile ins Wasser hängen.   WILDE GESTEN EINER NACKTEN DIRIGENTIN Leises Trommeln ist zu hören, das lauter wird. Auf dem Ponton dirigiert eine nackte Frau mit wilden Gesten die Perkussionistinnen am Ufer. Plötzlich zieht der Kran an den Seilen einen großen verzierten Metallring aus dem Wasser – wie ein Radleuchter in einer Kirche. Daran hängen sechs nackte weibliche Körper, an den Hüften aufgehängt. PERFORMANCE IN SCHWINDELNDER HÖHE Sie baumeln wie leblos. Doch mit sphärischen Klängen beginnen sie, sich aufzurichten. Minutenlang vollziehen sie eine langsame Choreographie, wie ein menschliches Windspiel, während der Kran sie in schwindelnde Höhe zieht und wieder senkt. Auf einmal hakt ein Seil, ein Begleitboot muss helfen, damit am Seil unter den Tanzenden plötzlich die Glocke wieder aus dem Bodensee auftauchen kann. DIE GLOCKE ALS WIEDERKEHRENDES MOTIV Florentina Holzinger hat sich als nackter menschlicher Klöppel in der Glocke unter Wasser festgemacht. In der Luft am Kran beginnt sie, die Glocke zum Klingen zu bringen. Die alten Legenden vom Bodensee faszinieren die Performerin, wie sie betont, etwa die von im See ruhenden Schiffen oder vom Teufel, der eine Glocke in den See geworfen hat. Und so haben diese Legenden um die Glocken auch Einzug in Holzingers Performance gefunden.   GLOCKENSCHLAG ALS WARNSYMBOL Mit ihrem menschlichen Glockenschlag, der für Schmerz und verrinnende Zeit steht, und den sie als ein Warnsymbol an die Menschheit verstanden haben will, hatte Florentina Holzinger auch die Biennale in Venedig eröffnet. In Bregenz endet die Performance nach 40 Minuten mit einem wilden Wirbel Holzingers auf einem hängenden Metallblech. Und der Applaus zieht sich das ganze Bregenzer Ufer entlang. Viele sind begeistert. STRENGE AUFLAGEN WEGEN TRINKWASSERQUALITÄT Auf Extremes wie Urin oder Blut, das sie in anderen Performances zeigt, muss Florentina Holzinger am Bodensee verzichten. Für den Trinkwasserspeicher gelten strenge Auflagen. So ist von dem, was sie normalerweise anprangert - Ausbeutung menschlicher Körper, Overtourism, Vermüllung der Umwelt, Bedrohung durch den Klimawandel - in dieser Performance nicht viel zu sehen.

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