Hinter Freiburgs Fassaden - das erinnerungspolitische Rechercheprojekt
FREIBURG IN DEN 1930ER-JAHREN
Freiburg, zwischen Theater, Universität und Einkaufsstraße, an einem ganz gewöhnlichen, wenn auch heißen Sommertag. Doch vor diesen Alltag schiebt sich ein anderes Bild: Aus dem Kopfhörer klingt die Stimme der Schauspielerin, die einen in die 1930er-Jahre versetzt.
In eine Zeit, als hier noch die Synagoge stand, aber am Theater auch schon die Hakenkreuzflaggen wehten. „Fassade“ heißt das Stück von Regisseurin Caroline Anne Kapp.
KITSCHIGE PROPAGANDA-BADESZENE AUS DER NS-ZEIT IM ZENTRUM
Immer begleitet von den Schauspielern läuft das Publikum durch die Stadt, vom Theater zum nahen Dokumentationszentrum Nationalsozialismus. Das hatten die Nazis als Fremdenverkehrsamt erbaut – und dort das Wandbild anbringen lassen, das zum Dreh- und Angelpunkt dieses Stücks geworden ist.
Teilweise enthüllt, teilweise verdeckt sieht man darauf leicht bekleidete junge Männer und Frauen in einer mythologisch angehauchten Badeszene, im Hintergrund der Feldberg.
Darauf zu sehen: ein Mann mit nacktem Oberkörper, der mit einem Paddel das Boot ans Ufer des Titisees zieht, eine halbnackte Frau lehnt an einem Baum. Sie hat ein Tuch um die Hüften gewickelt. Geradezu paradiesisch erscheint die Harmonie zwischen der Volksgemeinschaft und der Natur.
IN DEN 1980ER-JAHREN VERSTECKT UND VERGESSEN
Was man sieht und erahnen kann, sind mehrere Quadratmeter NS-Propagandakitsch. Künstlerisch eigentlich eher uninteressant. Es ist vor allem die Geschichte der Wandmalerei, die sie für Caroline Anne Kapp so spannend macht.
In den 1980ern sei dieses Bild einfach verdeckt worden. „Dieses Verstecken hinter den Fassaden, keinen Umgang damit finden: Es ist gut, da genau hinzuschauen“, sagt die Regisseurin.
EIN NEUES BILD DES LINKSLIBERALEN FREIBURG
Dabei stößt man fast zwangsläufig auf das faschistische Körper- und Schönheitsideal, das enormen Einfluss hatte – auch im beschaulichen Freiburg. Das wird umso deutlicher, je weiter der Rundgang führt.
Bis man schließlich, fast schon gemütlich, auf Decken im Colombi-Park sitzt. Im Hintergrund hören Jugendliche Musik, ein kleines Kind planscht im Wasser. Der Kontrast zwischen der als linksliberal geltenden Stadt und ihrer Vergangenheit könnte in diesem Moment kaum größer sein.
„FASSADE“ LEGT DIE SPUREN DER NS-VERGANGENHEIT FREI
Denn Freiburg hat auch einen Mediziner wie Erich Lexer hervorgebracht – Erfinder des Faceliftings, überhaupt der plastischen Chirurgie, SS-Führer und Kommentator des NS-Sterilisationsgesetzes.
„Fassade“ legt die Spuren der NS-Vergangenheit frei, Schicht für Schicht, Station für Station. Auch, weil zum Ensemble die „methusalems“ gehören, die Seniorentheatergruppe des Hauses. Das Erinnern und Vergessen der Nachkriegszeit haben sie selbst erlebt. Und so erweitert „Fassade“ das Bild, das man von dieser Stadt hat – so sehr, dass man selber anfangen möchte zu graben.
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