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Plötzlich finden Journalisten und Politiker den Begriff „Stellvertreterkrieg“

Medien und Politik sind die Tage über etwas gestolpert, nämlich: den Begriff Stellvertreterkrieg [https://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/russland-liefert-infos-ueber-us-militaer-an-iran-50132266]. Der Grund: Die Nachricht macht die Runde, dass Russland dem Iran militärische Daten bei seinem Abwehrkampf gegen die USA und Israel zur Verfügung stellt. Die CIA agiert in der Ukraine bereits seit mindestens 2014. Die USA liefern militärisch wichtige Daten aus Wiesbaden. Der Westen hat der Ukraine bisher Gesamthilfen im dreistelligen Milliardenbereich zur Verfügung gestellt. Die NATO-Staaten „unterstützen“ die Ukraine massiv. Allerdings: Wenn es einen Begriff in den deutschen Medien gibt, der im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg geradezu mit Nachdruck nicht Verwendung findet, dann ist es der Begriff „Stellvertreterkrieg“ [https://www.nachdenkseiten.de/?tag=stellvertreterkrieg]. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Der „Iran darf nicht zum Schauplatz von Stellvertreterkriegen werden“ [https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-iran-krieg-106.html] – so sagte es laut Tagesschau Bundeskanzler Merz die Tage in seiner Rede auf der Internationalen Handwerksmesse in München. Die Überschrift eines aktuellen Artikels der Neuen Osnabrücker Zeitung lautet: „Beginnt ein Stellvertreterkrieg? Russland liefert Infos über US-Militär an Iran“ [https://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/russland-liefert-infos-ueber-us-militaer-an-iran-50132266]. Und in einem Beitrag des Deutschlandfunks unter der Dachzeile „Nahost-Konflikt“ – der Begriff „illegaler Angriffskrieg“ taucht nicht auf – ist zu lesen: „Das Regime in Teheran versucht außerdem Israels Sicherheit über ‚Stellvertreter‘ zu untergraben.“ [https://www.deutschlandfunk.de/israel-iran-erzfeinde-nahost-100.html] Das sind drei Beispiele für etwas Bemerkenswertes. Sowohl Journalisten als auch Politikern ist der Begriff „Stellvertreterkrieg“ bekannt. Nicht, dass es daran vom Grundsatz her Zweifel geben könnte – schließlich: Wer Journalist oder Politiker ist, sollte selbstverständlich wissen, was ein Stellvertreterkrieg ist. Allerdings: Wie ist es zu erklären, dass seit Jahren ein Stellvertreterkrieg vor der eigenen Nase stattfindet und Journalisten und Politiker den Krieg nicht als solchen bezeichnen? Könnte es vielleicht nicht doch so sein, dass die überaus gebildeten Damen und Herren aus Politik und Medien den Begriff Stellvertreterkrieg noch nie gehört haben? Auch wenn sich diese Frage aufdrängt: Sie ist absurd! Das Problem liegt an einer anderen Stelle. Sowohl Politik als auch – besonders verwerflich – Medien benennen die Realität nicht so, wie sie ist, sondern so, wie sie zur Propaganda passt. In der Ukraine darf der Krieg auf keinen Fall ein Stellvertreterkrieg vonseiten der USA und der NATO sein. In der Ukraine gibt es einen „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ Russlands. Punkt. Das ist die Position des politischen und medialen Mainstreams. Dabei spielt es keine Rolle, dass die CIA seit mindestens 2014 tiefenpolitisch in der Ukraine agiert [https://overton-magazin.de/top-story/die-cia-war-seit-2014-in-der-ukraine-taetig-und-baute-die-ukrainischen-geheimdienste-auf/]. Es ist auch egal, wie stümperhaft die „Diplomatie“ des Westens im Ukraine-Konflikt aussieht (Warum wohl?). Auch die geradezu gigantischen „Hilfen“ des Westens für die Ukraine, die massive militärische Unterstützung beinhalten inklusive der Lieferung militärischer Daten [https://www.nytimes.com/interactive/2025/03/29/world/europe/us-ukraine-military-war-wiesbaden.html] vom US-Stützpunkt in Wiesbaden [https://www.tagesspiegel.de/internationales/geheimtreffen-im-wiesbaden-ukrainischer-ex-armeechef-bestatigt-gemeinsame-kriegsplanungen-mit-den-usa-13508773.html], aber auch geheime Kommandostrukturen der USA in der Ukraine [https://www.merkur.de/politik/waffen-ausbildung-cia-militaer-nato-usa-ukraine-russland-news-krieg-91664785.html]: Nichts davon und von vielem Weiteren führt in Politik und Medien dazu, den Begriff Stellvertreterkrieg zu gebrauchen. Einmal heißt es der Realität angemessen in einem Beitrag von Focus Online: „Es ist der erste Stellvertreter-Krieg zwischen Russland und der Nato in Europa“ [https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/interview-mit-michel-wyss-es-ist-der-erste-stellevertreter-krieg-zwischen-russland-und-der-nato-in-europa_id_94392173.html] . Ansonsten: Der Begriff scheint in Bezug auf den Ukraine-Krieg regelrecht auf dem Index zu stehen. Das ist beachtlich. Schließlich: Wie weitreichend ist der Ukraine-Krieg gerade auch für Deutschland?! Da trimmen deutsche Politiker das Land auf „Kriegstüchtigkeit“, wollen 1 Billion Euro bereitstellen und es heißt: „Russland wird für immer ein Feind für uns bleiben.“ [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/kuenftiger-aussenminister-wadephul-russland-wird-immer-ein-feind-fuer-uns-bleiben-li.2320148] Wenn es sich beim Krieg in der Ukraine auch um einen Stellvertreterkrieg handelt – und dem ist so –, dann ist es zentral, dass Journalisten und Politiker den Begriff in den Mund nehmen. Denn wenn klar wird, dass der „gute Westen“ die Ukraine als Rammbock gegen Russland nutzt, also selbst mit den Krieg forciert, fällt das Märchen vom bösen Russland, das sich ganz Europa einverleiben will, in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Das politische Großprojekt Kriegstüchtigkeit kann abgeblasen werden und das Geld in sinnvollere Projekte gesteckt werden. Deutlich wird: Wo dringend von einem Stellvertreterkrieg zu sprechen wäre, verhalten sich Journalisten und Politiker so, als käme der Begriff nicht in ihrem Wortschatz vor. Kaum aber bietet Russland dem Iran aufgrund des illegalen Angriffskriegs der USA und Israels Unterstützung an, ziehen „die Guten“ den Begriff Stellvertreterkrieg schneller aus dem Zauberhut als ein Zauberer sein weißes Kaninchen. So zeigt sich einmal mehr: Die vorgebliche Ignoranz und das vermeintliche Unwissen sind taktisch-strategisch motiviert. Alle wissen, was ein Stellvertreterkrieg ist. Alle wissen vom Stellvertreterkrieg in der Ukraine – aber sie dienen lieber der Propaganda als der Wahrheit. Titelbild: noz / tagesschau

10 de mar de 2026 - 5 min
episode Gotteskrieger in der US-Armee: „Trump ist von Jesus gesalbt worden, um in Iran das Signalfeuer zu entzünden“ artwork

Gotteskrieger in der US-Armee: „Trump ist von Jesus gesalbt worden, um in Iran das Signalfeuer zu entzünden“

Im Zusammenhang mit dem Irankrieg häufen sich Berichte über religiösen Extremismus im Weißen Haus und in der US-Armee. Teils wird eine Rhetorik genutzt, die offensiv an christliche Kreuzzüge erinnern soll oder die man in ihrer Härte eher islamistischen Dschihadisten zuschreiben würde. Was soll das? Ist das Ablenkung und billiger Budenzauber? Oder meinen die das etwa ernst? Vielleicht ist es auch der Versuch, den schnöden Motiven für den Irankrieg (Geld, Macht, Geopolitik usw.) noch ein bisschen „Spiritualität“ anzudichten. Ein Kommentar von Tobias Riegel. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Laut Medien häufen sich Berichte über irrationale religiöse Formulierungen in der US-Armee und im Weißen Haus. So berichten Whistleblower von US-Kommandeuren, die etwa die Angriffe der USA und Israels auf Iran als „Teil des heiligen Plans Gottes“ bezeichnen würden. „Trump ist von Jesus gesalbt worden“, wird etwa zitiert, „um in Iran das Signalfeuer zu entzünden und das Armageddon herbeizuführen und seine Rückkehr kenntlich zu machen“. Das ist laut einem Bericht im Spiegel [https://www.spiegel.de/ausland/krieg-gegen-iran-der-kreuzzug-von-donald-trump-a-de3359a2-b6b8-4a72-a252-cedd4ac9207f] kein Einzelfall: Die Watchdog-Gruppe „Military Religious Freedom Foundation“  (MRFF) und der Journalist Jonathan Larsen [https://jonathanlarsen.substack.com/p/us-troops-were-told-iran-war-is-for] hätten erklärt, ihnen lägen mehr als 200 ähnliche Berichte aus rund 50 US-Militäreinrichtungen vor. „Als habe es ein Memo von oben gegeben“, so der Spiegel. Die Berichte betreffen nicht nur die US-Armee – bis in die hohe US-Politik hinein finden sich Aussagen wie diese des republikanischen Senators Lindsey Graham zum Irankrieg. > „Dies ist ein religiöser Krieg. Wir werden den Weg des Nahen Ostens auf tausend Jahre hinaus bestimmen.“ Auch US-Außenminister Marco Rubio berief sich laut Medien auf eine religiöse Dimension. „Lasst es mich euch in simplem Englisch erklären, okay?“, sagte er vergangene Woche vor Journalisten. „Iran wird von Wahnsinnigen regiert, religiös-fanatischen Wahnsinnigen.“ „Möge Gott dem iranischen Volk Sieg und Freiheit gewähren“ Und auch im Oval Office im Weißen Haus versammelten sich kürzlich Evangelikale um US-Präsident Donald Trump und beteten für den Krieg und legten die Hand auf ihn. Bilder des befremdlichen Rituals, das von der TV-Predigerin Paula White (laut Medien Trumps „spirituelle Beraterin“) durchgeführt wurde, finden sich unter diesem Link [https://www.instagram.com/p/DVhvLaSDL3c/?utm_source=ig_embed&img_index=1]. Mitgebetet haben laut Medien Führungsfiguren aus der nationalchristlichen Szene, darunter Ralph Reed, Gründer und Vorsitzender der Faith and Freedom Coalition. Er sagte: > „Ich danke Präsident Trump für seine mutige Entscheidung, das Terroristenregime in Iran zu treffen. Ich bin geehrt, für ihn und unsere Streitkräfte im Weißen Haus zu beten. Möge Gott dem iranischen Volk Sieg und Freiheit gewähren.“ Glenn Diesen hat unter diesem Link [https://x.com/Glenn_Diesen/status/2030163615160955319] ein geradezu gruseliges Video von einer (laut Diesen) „White House’s Senior Faith Advisor“ (Glaubensberaterin im Weißen Haus) veröffentlicht – laut Nutzerkommentaren ist die Aufnahme aber von 2020. Pascal Lottaz fragt in diesem aktuellen Video [https://www.youtube.com/watch?v=hTWH-JS9J9M]: > „Was wäre, wenn der Iran-Krieg in Wirklichkeit kein ‚rational-säkularer‘ Krieg der Neokonservativen zur Projektion amerikanischer Macht ist, sondern ein irrationaler Krieg religiöser Fanatiker, die den Krieg um des Krieges willen wollen, weil er Teil von Gottes göttlichem Plan ist?“ Über die Berichte aus der US-Armee und die offene religiöse Manipulation bis ins Weiße Haus hinein hat auch Telepolis in diesem Artikel [https://www.telepolis.de/article/Iran-Krieg-US-Kommandeure-predigen-Armageddon-und-Jesu-Wiederkehr-11198967.html] berichtet. Theaterdonner oder ernst gemeint? Was soll das alles? Ist das „nur“ Theater und Budenzauber, etwa um dem Irankrieg über die schnöden Motive Geld, Macht, Geopolitik hinaus eine „spirituelle“ Bedeutung anzudichten? Oder meinen die das etwa ernst? Vielleicht ist es auch beides: Hardcore-Christen wie der US-Kriegsminister Pete Hegseth verfolgen mit dem Krieg vielleicht tatsächlich – neben den „harten“ Motiven Geld, Macht, Geopolitik usw. – eine religiöse Mission. Dafür spricht etwa sein befremdlicher Auftritt 2018 in Israel, bei dem er leidenschaftlich von der Erbauung eines neuen Tempels träumt, zu sehen etwa in diesem Video [https://www.youtube.com/watch?v=mhoBXIMgli8]. Außerdem trägt Hegseth laut Medien pseudochristliche Tattoos, etwa den Spruch „Deus vult“ (Gott will es), den Schlachtruf mittelalterlicher Kreuzritter. „Unser amerikanischer Kreuzzug findet nicht mit tatsächlichen Schwertern statt, und unser Kampf ist keiner mit Schusswaffen“, schrieb Hegseth demnach vor sechs Jahren. „Noch nicht.“ Anders sieht es aber beim mutmaßlich weitgehend „ungläubigen“ oder zumindest in religiösen Fragen sprunghaften und verwirrenden [https://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/donald-trump-welche-rolle-religion-und-glaube-fuer-den-47-us-praesidenten-spielen] US-Präsidenten Donald Trump aus. Bei ihm habe ich den starken Eindruck, dass er den extremistischen religiösen Rahmen persönlich eigentlich nicht ganz ernst nimmt. Gleichzeitig denke ich, dass er das geschickt überspielt, um die mobilisierende, ablenkende und einlullende Kraft zu nutzen, die man mit Religion (neben spiritueller Findung) auch entfalten kann. Und wie passt zu alldem, dass eine der ersten militärischen Handlungen der USA im Iran die Tötung des dortigen religiösen Oberhaupts war? In Deutschland ist eine Vermischung aus Politik und Religion zumindest in dieser extremen Form noch nicht vorstellbar. Aber wenn die politische Irrationalität weiter so fortschreitet: Wie lange noch? Titelbild: Dan Scavino auf X [https://x.com/Scavino47/status/2029661050174328878][https://vg08.met.vgwort.de/na/4dca2a60ae734876966b56f06e6f262e]

10 de mar de 2026 - 6 min
episode Angriff auf eine Grundschule im Iran – deutsche Medien blenden aus artwork

Angriff auf eine Grundschule im Iran – deutsche Medien blenden aus

Am 28. Februar wurde eine Grundschule im Iran von Raketen getroffen [https://www.reutersconnect.com/item/the-primary-school-targeted-in-the-attacks-bombed-twice-40-minutes-apart-in-iran/dGFnOnJldXRlcnMuY29tLDIwMjY6bmV3c21sX01UMUFOQURMMDAwWU9PRlVY]. Was haben deutsche Mediennutzer über die getöteten Kinder, die Lehrer, die Schule, die Eltern erfahren? Diese Fragen führen in den Abgrund einer Medienlandschaft, die aus politischer Gefälligkeit ausblendet. Nicht journalistische Maßstäbe sind für die Berichterstattung handlungsleitend, sondern Politik. Da sterben zwischen 165 und 170 Kinder mutmaßlich durch Raketen eines Landes, mit dem Deutschland eng verbunden ist, und die Medien im Land blicken auf die Seite. Gibt es in den Redaktionen noch ein journalistisches Gewissen? Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Raketen haben eine Grundschule in der Stadt Minab im Iran getroffen. Der Angriff erfolgte am 28. Februar um 10:45 Uhr Ortszeit. Das Ergebnis: verheerend. Medien berichten von 165 bis 170 toten und 90 bis 100 verletzten Kindern, hauptsächlich im Alter zwischen 7 und 12 Jahren. Internationale Organisationen wie die UN, die UNESCO und UNICEF verurteilten den Angriff scharf, von einem möglichen Kriegsverbrechen ist die Rede. Unabhängig von der Urheberschaft und den Gründen für den Angriff drängen sich Fragen auf: Wer waren die Kinder? Was haben sie getan, als die Raketen einschlugen? Wer waren ihre Lehrer? Wer ihre Eltern? Wurden die Kinder schon beerdigt? Wann war die Beerdigung? Wie lief die Beerdigung [https://www.blick.ch/ausland/tausende-trauern-massenbeerdigung-nach-luftangriff-auf-maedchenschule-im-iran-id21745563.html] ab? Was hat die Katastrophe vor Ort mit den Menschen, mit der Stadt gemacht? Was sagen die Eltern, die Angehörigen, die Nachbarn? Sind große deutsche Medien vor Ort? Hat der milliardenschwere öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen Journalisten, wenigstens irgendwie, einen Zugang zum Ort des Geschehens? Wo sind Berichte, Reportagen, Features? Auch wenn Journalisten, wie bei allen Katastrophen, bei der Berichterstattung presserechtliche Grenzen im Hinblick auf die Persönlichkeitsrechte und die Würde der Opfer und Hinterbliebenen zu beachten haben: Der Eindruck entsteht, das ganze Drama bestünde nur aus Zahlen und ein paar Buchstaben, geliefert von Nachrichtenagenturen. Ganz anders die Berichterstattung beim Abschuss des Fluges MH-17 über der Ukraine im Jahr 2014. Der Spiegel veröffentlichte auf seinem Cover eine Collage von Bildern der Opfer mit der Überschrift: „Stoppt Putin jetzt!“ [https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2014-31.html] Zu den Kernaufgaben der journalistischen Arbeit gehört es, „sichtbar zu machen“. Da greifen zwei Länder, mit denen Deutschland eng verbunden ist, völkerrechtswidrig ein Land an. Sie überziehen das Land mit Raketen und Bomben. Das Desaster ist vorprogrammiert. Ist es in so einer Situation zu viel von deutschen Medien verlangt, einem alten, hehren Journalistenmotto gerecht zu werden? „Sagen, was ist.“ Ist es etwa aus journalistischer Sicht nicht angebracht, der deutschen Bevölkerung das Geschehen, die furchtbare Tragödie vor Augen zu führen – auch ganz unabhängig davon, wer nun aus welchen Gründen die Raketen abgefeuert hat? Haben die Opfer, die Hinterbliebenen es nicht verdient, durch Medien Gehör zu finden? Sollten ihre Stimmen, ihre Gedanken, ihre Empfindungen – wenn sie das denn wünschen – nicht auf journalistisch verantwortungsvolle Weise aufgegriffen und sichtbar gemacht werden? Was sagen die Opfer und die Hinterbliebenen etwa im Hinblick darauf, dass die Angriffe auf ihr Land doch im Zeichen der „Befreiung“ verstanden werden sollen? Nehmen die Iraner vor Ort die Angriffe hin? Akzeptieren sie die toten Kinder und Lehrer, weil das „nun mal“ der „Preis“ ist, der für die „Freiheit“ des Landes zu zahlen ist? Oder prangern sie den Angriff auf ihr Land an? Spätestens an dieser Stelle wird deutlich: Eine Berichterstattung zum Fall wird sich unweigerlich auf einem politischen Minenfeld bewegen müssen. Was wäre – und davon ist auszugehen –, wenn von den Iranern aus der Stadt Minab keine Freudenarien über die Angriffe Israels und der USA zu hören wären? Wie würden Äußerungen dieser Art zu der gewünschten politischen Erzählung passen, wonach die Angriffe von „den Iranern“ gewünscht seien? Eben! Wenn es etwas gibt, was in Zeiten des Krieges für die Politik ein rotes Tuch ist, dann sind es Medien, die eine saubere journalistische Berichterstattung abliefern. Gewiss: Eine große Hürde im Hinblick auf eine Berichterstattung vor Ort liegt auch im Iran selbst. Akkreditierungen von westlichen Journalisten sind zwar nicht unmöglich, aber schwierig. Und frei und unabhängig vor Ort zu agieren, ist im Hinblick auf das iranische Regime kaum möglich. Allerdings, heißt es nicht: Wo ein Wille, da deutsche Medien? Seit wann lassen sich Journalisten von Restriktionen aufhalten? Soll eine hochprofessionalisierte, top aufgestellte Medienlandschaft nicht in der Lage sein, Kontakte auch über die Regimegrenzen hinweg zu akquirieren und den Betroffen vor Ort eine Stimme zu geben? Nein, das Problem liegt woanders. Es fehlt am Willen zur Berichterstattung. Gibt es in den Redaktionen noch ein journalistisches Gewissen? Titelbild: Mehr News Agency / Wikimedia Commons [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Shajareh_Tayyebeh_school_in_Minab_photos_from_Mehr_(10).jpg]

Ayer - 6 min
episode Russische Medien zum Irankrieg: „US-Flugzeugträger und doch kein Durchbruch“ artwork

Russische Medien zum Irankrieg: „US-Flugzeugträger und doch kein Durchbruch“

Russische Korrespondenten und Kommentatoren sind sich einig: Die USA haben mit ihrer Militäraktion gegen den Iran ihr Ziel bisher nicht erreicht. Und ein Plan der USA im Iran ist nicht sichtbar. Der Iran halte den Angriffen stand. Ein Bericht von Ulrich Heyden aus Moskau. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. In der Politik-Talk-Show 60 Minuten [https://smotrim.ru/video/3088736?utm_source=internal&utm_medium=channel&utm_campaign=tvplist] meinte der Politologe Dmitri Absalow am Freitag, „die amerikanische Stärke funktioniert nicht, trotz zwei Flugzeugträgern“. Die innenpolitischen Folgen könnten für Trump verheerend sein, meint der Kommentator von Ria Novosti, Renat Abdullin, in einem Kommentar unter der Überschrift „Der geplante Misserfolg“ [https://ria.ru/20260306/tramp-2078688248.html]. Die Wähler von Trump könnten bei den Zwischenwahlen aus Enttäuschung Zuhause bleiben. Denn der US-Präsident habe sein Friedensversprechen nicht eingelöst. Und ein Sieg im Iran sei nicht absehbar. Der Kommentator schreibt, bei dem US-Angriff auf den Iran im Juni 2025 sei alles sehr schnell gegangen. Die Schläge aus der Luft wurden nach zwölf Tagen beendet. Im Dezember habe der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den US-Präsidenten dann von der Notwendigkeit eines massiven „Präventivschlags“ gegen den Iran überzeugt. Trump habe zu diesem Zeitpunkt offenbar unter dem Eindruck der Blitzaktion in Venezuela gestanden, wo es US-Spezialkräften gelang, Präsident Maduro zu entführen. „Aber der Nahe Osten ist etwas ganz anderes als Lateinamerika“, schreibt Kommentator Abdullin. Die Monarchien am Persischen Gold hätten genug Probleme mit dem Iran, aber für das derzeitige Chaos sehen diese Monarchien „die USA und Israel in der Verantwortung“. Das Vorgehen der USA wirke planlos. „In Washington distanziert man sich plötzlich von der Beteiligung am Tod von Chamenei. Man schiebt die Schuld auf Israel. Rubio sagt, „der Mord an dem Ajatollah war nicht das Ziel der USA“. Aber diese Distanzierung helfe den USA „schon nicht mehr“, schreibt der Kommentator. Planlosigkeit auf Seiten der USA konstatiert auch der Mitarbeiter des russischen USA-Kanada-Instituts, Wladimir Wasiljew. Offensichtlich hätten sich die USA auf den israelischen Geheimdienst verlassen. „Es ist schwer zu sagen, warum es jetzt nicht wie gewünscht läuft. Es sieht so aus, dass es keinen Plan gibt.“ „Chaos stiften, um China zu schaden“ Der Mitarbeiter des russischen Instituts für Militär und Ökonomie, Sergej Lebedew, kommentierte [https://vz.ru/opinions/2026/3/4/1399303.html], man habe den Eindruck, dass Trump im Iran auf einen „schnellen Sieg mit schönen Bildern“ setze, dass er aber „nicht weiter guckt“. Das Ziel des US-Präsidenten sei offenbar der „Kollaps“ des Iran. Diese Strategie sei neu. Im Irak beispielsweise hätten die USA gewusst, welche Leute sie in der neuen Führung in Bagdad sehen wollten. Der Iran versuche den amerikanischen Angriff zu unterlaufen, indem er die mit den USA verbündeten Staaten am Persischen Golf und die Öl- und Gas-Infrastruktur in der Meerenge von Hormus attackiere. Die Golfstaaten hätten kundgetan, dass der Konflikt so schnell wie möglich beendet werden müsse. Die Angriffe auf die Golfstaaten seien der „Trumpf“ des Iran, da dieser dem Angriff der USA im Land selbst nicht standhalten könne. Das „vernünftige Establishment“ in den USA verstehe – so der Politologe –, dass es unwahrscheinlich ist, dass die iranische Opposition die Macht erringt. Wahrscheinlich sei, dass eine neue Führung im Iran von den Revolutionsgarden gestellt werde. So eine neue Führung im Iran werde wissen, „dass es nicht nur sinnlos, sondern auch gefährlich sei, mit den USA zu verhandeln“. Auf den ersten Blick schadeten sich die USA mit ihrem Vorgehen im Iran selbst. Doch wenn man davon ausgehe, dass das Hauptziel von Trump die Schwächung Chinas ist, sähe es anders aus. „Die Wirtschaft Chinas ist sehr stark mit den Öl- und Gasreserven im Iran verbunden, deshalb wirkt sich ein Chaos im Nahen Osten negativ in erster Linie auf die geoökonomischen Positionen Chinas aus.“ Und das sei „das Wichtigste für die USA“. Russisches Fernsehen streicht iranische Erfolge heraus Der russische Fernsehkanal Rossija 1 berichtet ausführlich über die Folgen des israelisch-amerikanischen Angriffs auf den Iran. Man zeigte die zerstörten Häuser in Teheran und die Tausenden Iraner, die im Zentrum der Stadt beteten und riefen, sie würden ihr Leben geben, um das Vaterland zu verteidigen. Man zeigte eindrucksvolle Bilder von iranischen Drohnenangriffen auf Dubai und andere Golfstaaten. Herausgestellt wurde, dass iranische Drohnen schon in sechs Staaten am Persischen Golf Einrichtungen der USA mit Drohnen angegriffen haben. Betroffen waren Basen und Geheimdienstgebäude der USA in Jordanien, Kuwait, Irak, Bahrein, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. In der Polit-Talk-Show 60 Minuten berichtet ein Korrespondent von Rossija 1 aus Dubai, dass Passagierflugzeuge wegen der Drohnengefahr nur noch mit Mühe landen können. In zehn Tagen würde der Vorrat an Lebensmitteln in Dubai zu Ende gehen, berichtete der Korrespondent. Der Krieg ist reich an irrwitzigen Videos, welche das russische Fernsehen mit großem Vergnügen zeigt. Da sieht man etwa Donald Trump, der mit geschlossenen Augen an seinem Arbeitstisch sitzt, umgeben von Mitarbeitern und einer Art Pastor, der Gott bittet, Trump und den Amerikanern auf ihrem schweren Weg beizustehen. Wie ein Hohn auf die Untertänigkeit wirkte auch ein Video-Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen Trump und Friedrich Merz im Oval Office, den der Fernsehkanal mehrmals sendete. Man sah, wie Trump dem deutschen Kanzler bei einer Debatte um Zölle aufs Bein schlug und sagte, man müsse Deutschland „übel rannehmen“ [https://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Klaps-fuer-Kanzler-Trump-nimmt-Merz-auf-den-Arm-id30427790.html]. Während dieses Körperkontakts lächelte Merz verlegen. Russische Medien hoffen auf US-Demokraten Der Kommentator von Ria Novosti, Renat Abdullin, schreibt, nach einer Umfrage des US-Senders CNN seien 59 Prozent der US-Amerikaner gegen den Krieg im Iran. Die russischen Kommentatoren setzen ihre Hoffnung darauf, dass das Lager der Trump-Unterstützer zerfällt. Kommentator Abdullin schreibt: „Im November finden in den USA Zwischenwahlen für den Kongress statt. Beide Kammern werden von Republikanern kontrolliert. Jetzt kann sich alles ändern.“ Der Amerikanist Pawel Swjatenkow erklärte, Trump sei in Widerspruch geraten zu dem Versprechen, für das er gewählt wurde, nämlich, Konflikte zu beenden. Den Iran zu brechen, sei „schwieriger, wenn nicht unmöglich“, schreibt Kommentator Abdullin. Ein sich hinziehender Konflikt entspreche nicht dem Geist der Konzeption von Trump, „we make Amerika great again“. Das Problem von Trump sei, „dass seine festen Anhänger im November (bei den Zwischenwahlen) einfach Zuhause bleiben“. Die Moderatorin der Polit-Talk-Sendung 60 Minuten, Olga Skabejewa, war begeistert, dass der US-Kanal CNN jetzt Korrespondenten nach Teheran schickt. Sie frohlockte, „CNN arbeitet gegen Trump“. Ein USA-Korrespondent von Ria Novosti bestätigt die Moderatorin: In der Führung der USA gäbe es „Unklarheiten“. Die Demokraten versuchten, diese Lage auszunutzen. Die Demokraten sagten, der Krieg sei „nicht im Interesse der USA“. Putin spricht nochmals sein Beileid aus Der russische Präsident Wladimir Putin führte am Freitag ein Telefongespräch mit dem Präsidenten des Iran, Masud Peseschkian. Wie Ria Novosti berichtete, drückte Putin noch einmal sein tiefes Beileid aus – wegen dem Mord an Ali Chamenei, dessen Familienmitgliedern und führenden Militärs und Politikern sowie wegen der Opfer in der Zivilbevölkerung durch „die militärische israelisch-amerikanische Aggression gegen den Iran“. Wladimir Putin unterstrich, dass die militärischen Handlungen unverzüglich beendet und der Konflikt politisch-diplomatisch gelöst werden müsse. Der russische Präsident erklärte, dass er in ständigem Kontakt mit den Führern der Staaten am Persischen Golf stehe. Der iranische Präsident drückte laut der Meldung von Ria Novosti seine Anerkennung für die Solidarität Russlands mit dem iranischen Volk aus. Der Präsident des Iran habe den russischen Präsidenten über die aktuelle Entwicklung des Konflikts informiert. Putin mit überraschender Erklärung zum Flüssiggas-Export in die EU Am Donnerstag trat Wladimir Putin überraschend mit einer scharfen Erklärung an die Öffentlichkeit. In einem Interview [http://kremlin.ru/events/president/news/79260] mit dem Journalisten Pawel Sarubin, welches in dem Arbeitszimmer des russischen Präsidenten geführt wurde, äußerte sich der Putin zu der aktuellen Lage bezüglich der Lieferungen von russischem Öl und Gas an die Staaten der EU. Russland habe die Länder in der EU immer ohne Störungen mit Energie beliefert. Nun hätten die europäischen Staaten angekündigt, dass sie ab April und dann weiter schrittweise den Import von Flüssiggas aus Russland bis auf Null senken wollten. Für Russland könnte es angesichts dieser Bestrebungen sinnvoll sein, die Lieferungen von Flüssiggas nach Europa „schon jetzt einzustellen“: > „Wenn man alle (Lieferungen) so oder so in einem oder zwei Monaten abbestellt, ist es dann nicht besser, wenn wir jetzt selbst abstellen und dorthin in die Länder gehen, die verlässliche Partner sind, und sich dort festzusetzen?“ Das sei noch „keine Entscheidung“, sondern „ein Gedanke“, erklärte der russische Präsident. Aber der Vorteil für Russland läge auf der Hand. Man könne sich – wenn man nicht mehr in die EU liefere – ganz „auf die neu entstehenden Märkte konzentrieren“, wo gute Gewinne lockten. Die Meerenge von Hormus sei geschlossen, weshalb die Ölpreise steigen. Russland werde erhebliche Einnahmen erzielen können. Es gehe in dieser Frage „nicht um Politik“, sondern „nur um Business“. Angriff auf russischen Gas-Tanker Arctic Metagaz Wladimir Putin kam in dem Interview mit dem Journalisten Sarubin noch auf einen Vorfall zu sprechen, der das russische Geschäft mit Öl und Gas empfindlich trifft. Es ging um den Angriff eines unbemannten ukrainischen Kampfbootes, dass am 3. März den russischen Gastanker Arctic Metagaz gerammt hatte, worauf dieser in Brand geriet. Der russische Gastanker war vor der Küste von Malta angegriffen worden. Es fuhr vom nordrussischen Murmansk und wollte zum Hafen Port Said in Ägypten. Die 30 Besatzungsmitglieder konnten sich rechtzeitig retten. Zwei Besatzungsmitglieder erlitten Verbrennungen. Das Schiff war von den USA und Großbritannien sanktioniert worden, weil es angeblich zur russischen „Schattenflotte“ gehörte. Russische Medien berichteten, die Ukraine habe im Mittelmeer keine Stützpunkte, habe aber vermutlich, unter dem Schutz von NATO-Ländern, von der Küste Libyens aus operiert. Unklar sei, wie das ukrainische Kampfschiff aus dem Schwarzen Meer ins Mittelmeer gekommen sei. Der Zugang werde ja von der Türkei kontrolliert. In russischen Medien äußerten russische Militärexperten, Russland müsse auf die Attacke vor der Küste von Malta mit verstärkten Angriffen auf ukrainische Hafenstädte am Schwarzen Meer antworten, von wo die unbemannten ukrainischen Kampfschiffe starten. Auch war die Rede von einer militärischen Begleitung russischer Tanker. Putin spricht von „terroristischem Angriff“ Putin erklärte in dem Interview mit dem Journalisten Pawel Sarubin, bei dem Anschlag auf den Gastanker habe es sich um einen „terroristischen Angriff“ gehandelt. Weiter erklärte der russische Präsident, die Ukraine „beiße in die Hand, aus der sie pickt“, womit der russische Präsident wohl ausdrücken wollte, dass die Ukraine ureigenen Interessen der EU – nämlich sichere Transportwege und wirtschaftliches Gedeihen – schade. Die Ukraine agiere „aggressiv“, so das russische Staatsoberhaupt. Nach Ermittlungen des russischen Geheimdienstes plane die Ukraine „mit Hilfe westlicher Geheimdienste“, die Gaspipelines von Russland in die Türkei – Turkish Stream und Blue Stream – zu sprengen. Das sei ein „sehr gefährliches Spiel, insbesondere heute“. Die Äußerungen von Putin machten klar: Russland fühlt sich an einer empfindlichen Stelle bedroht. Ein Kernelement der russischen Wirtschaft, der Energieexport, wird mutmaßlich mit Billigung des Westens militärisch attackiert. Man kann wohl davon ausgehen, dass es noch ernste russische Reaktionen geben wird. Titelbild: Screenshot/60 Minuten[https://vg04.met.vgwort.de/na/954ccbc8c046408a9b761dae24f59970]

Ayer - 13 min
episode Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXIV – Heute: „seine Zukunft neu erfinden“, „selbstgerecht“, „spirituell“ und „sicherlich auch Soldaten (irgendwann, ja)“ artwork

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXIV – Heute: „seine Zukunft neu erfinden“, „selbstgerecht“, „spirituell“ und „sicherlich auch Soldaten (irgendwann, ja)“

Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. Von Leo Ensel. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. seine Zukunft neu erfinden [https://www.business-punk.com/brand/ottobock-goes-boerse-der-prothesen-champion-erfindet-seine-zukunft-neu/] Tut gerade, laut Business Punk, der Prothesen-Champion Ottobock. Der deutsche Prothesenspezialist aus Duderstadt entwickelt sich im Moment „vom Hidden Champion zum Börsen-Schwergewicht“: „Das Unternehmen, das seit über einem Jahrhundert Mobilität neu definiert, zielt auf eine Bewertung von satten 6 Milliarden Euro ab. Ottobock will durch den Börsengang rund 100 Millionen Euro einsammeln, wie Reuters berichtet. Diese Summe soll direkt in die Forschungs- und Entwicklungsabteilung fließen, wo das Unternehmen an der nächsten Generation bionischer Prothesen und Exoskelette arbeitet. Der Zeitpunkt erscheint strategisch klug gewählt: Der globale Markt für Prothesen und Orthesen wächst laut Grand View Research jährlich um vier bis fünf Prozent – getrieben durch demografischen Wandel, steigende Diabetes-Raten und wachsende Nachfrage nach fortschrittlichen Mobilitätslösungen.“ – Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die „wachsende Nachfrage nach fortschrittlichen Mobilitätslösungen [welch zauberhafte Formulierung!]“ auch noch andere Ursachen hat. Selbstbehauptung Europas (II) [https://www.nachdenkseiten.de/?p=146435] Ist wohl eher eine Selbstenthauptung Europas! Dazu die Publizistin Nel Bonilla: „Während Politiker wie Bundeskanzler Friedrich Merz oder Emmanuel Macron Sonntagsreden über ‚europäische Selbstbehauptung‘ halten, geben ihre Chef-Strategen hinter vorgehaltener Hand zu, dass die funktionale Unterordnung unter Washington weiterläuft. Das Paradoxe ist: Das Wissen um die Struktur führt nicht zu ihrer Überwindung, sondern zementiert ihre Akzeptanz, sei es aus Resignation oder aus Überzeugung.“ – Auf Deutsch: Je hysterischer europäische Politiker offiziell auf die Selbstbehauptung ihres Kontinents pochen, desto enger werden sie im Hintergrund in die amerikanische Kriegsführungsstrategie eingebunden. Die Arbeitsteilung: Die USA liefern die Strategie, Europa zahlt mit seiner Existenz. selbstgerecht [https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/ukraine-krieg-der-deutsche-lumpen-pazifismus-kolumne-a-77ea2788-e80f-4a51-838f-591843da8356] „Zuvorderst“, wohlgemerkt. Sind natürlich Sascha Lobos berühmte „Lumpen-Pazifisten“. Sprich: „Menschen, die sich eine Jacke anziehen und sofort vergessen, was es heißt zu frieren.“ Oder: „Menschen, die ihren Stuhlkreis-Prinzipien auch um den Preis des Lebens Dritter folgen.“ – Niemals jedoch Schreibtisch-Bellizisten, die mit wertestolz-geschwellter Brust junge Menschen, die nicht ihre Kinder oder Enkel sind, wort- und wertegewaltig an die Front beordern. (vgl. „Fencheltee-Diplomatie“) Sicherheitskonferenz der Superlative [https://www.zeit.de/news/2026-02/04/ischinger-verspricht-sicherheitskonferenz-der-superlative] Eine solche versprach am 4. Februar 2026 Wolfgang Ischinger, seines Zeichens Vorsitzender ebendieser Konferenz. Der Andrang, so Ischinger im Trump-Jargon, stelle „alles bisher Dagewesene in den Schatten“. – Das logische Ergebnis war demnach die sicherste Sicherheit aller Zeiten, eine Sicherheit, die „alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt“! (Oder sind wir etwa „im Moment noch nicht so weit“?) Sicherheitsnetz [https://www.zdfheute.de/politik/ausland/merz-frieden-bedrohung-russland-100.html] Ein Wort wie aus der Sozialpolitik – weich, fürsorglich, beruhigend. Gemeint ist jedoch kein Netz, das auffängt, sondern eines, das überspannt: „Darum wird es jetzt gehen: dass wir über Deutschland auch ein solches Sicherheitsnetz legen, dass wir insbesondere erst mal definieren, was ist kritische Infrastruktur? Vom Krankenhaus über den Flughafen bis hin zu strategischen Straßen und Brücken. Wir müssen in der Lage sein, alle diese Infrastruktur gegen solche Drohnenangriffe auch zu verteidigen.“ Forderte Thomas Röwekamp (CDU, MdB) am 29. September 2025 im „Morgenmagazin“ von ARD und ZDF. – „Alle diese Infrastruktur verteidigen“ – das ist kein Sicherheitskonzept, sondern die Generalmobilmachung des Zivilen. Hoffen wir, dass am Ende nicht die herabfallenden Trümmer genau das zerstören, was verteidigt werden soll! sicherheitspolitisch erwachsen werden [https://www.zdfheute.de/politik/ausland/merz-frieden-bedrohung-russland-100.html] „Wir müssen auch sicherheitspolitisch erwachsen werden in Deutschland. Diese Trennung zwischen ziviler Infrastruktur und militärischer Infrastruktur ist in Anbetracht der hybriden Angriffe nicht mehr zeitgemäß.“ Das war, schon wieder, Thomas Röwekamp (CDU, MdB). Geforderte Konsequenz: „Ein Zusammenwachsen von Fähigkeiten und Zuständigkeiten.“ Denn: „Für die Menschen in unserem Land ist wichtig, dass wir uns gegen Angriffe verteidigen können. Und deswegen müssen wir die Bundeswehr und ihre Fähigkeiten auch im Inneren einsetzen können.“ Auch im Inneren. – Kurz: Mit der sicherheitspolitischen Kinderstube ist es endgültig vorbei! Schließlich, so der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, leben wir ja nicht mehr im Frieden. Und das ist „wirklich so“! (vgl. „geopolitische Minderjährigkeit“, „Selbstbehauptung Europas (II)“) sicherheitspolitische Sensibilität [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/neue-zeiten-warum-joschka-fischer-und-robert-habeck-jetzt-fuer-deutschland-kaempfen-wuerden-li.10017171] Und zwar ein hohes Maß davon. Bescheinigen, laut Berliner Zeitung, Umfragen lobend der Hälfte der deutschen Bevölkerung. Weil die sich von Russland „akut bedroht“ fühlt. sicherlich auch Soldaten (irgendwann, ja) [https://www.welt.de/politik/deutschland/article693604e611f914c89b8561c1/vor-london-treffen-deutsche-truppen-in-der-ukraine-sicherlich-auch-irgendwann-ja-sagt-spd-fraktionsvize.html] „Wenn wir Sicherheitsgarantien gemeinsam aussprechen wollen, dann müssen wir eine Rolle spielen“, so die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Siemtje Möller, vor dem Dreiergipfel Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens mit der Ukraine am 8. Dezember 2025 in Politico. Der Frage nach deutschen Truppen in der Ukraine steht sie jedenfalls grundsätzlich positiv gegenüber: „Sicherlich auch Soldaten irgendwann, ja.“ Das – so Möller, sich die Hände in Unschuld waschend – sei allerdings „vom Bundestag zu entscheiden“. – Im Klartext: Frau Möller überreicht damit, via Bundestag, dem ukrainischen Präsidenten den Freifahrtschein, Deutschland im Worst Case in einen (Atom-)Krieg mit Russland hineinzuziehen! sichtbares Zeichen für den Fortschritt [https://www.n-tv.de/wissen/Was-kann-das-neue-Gewehr-G95-der-Bundeswehr-id30109332.html] Ist das neue Gewehr G95 für die Bundeswehr von Heckler & Koch, das – „hochmodern, aber pflegebedürftig“ [https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/g95-neuer-standard] – das „Pannengewehr G36“ endlich ablöst. (Es ist übrigens nicht nur zuverlässiger als sein Vorgänger, sondern kann „im Dauerfeuer“ mit 850 Schuss pro Minute sage und schreibe 100 Schuss mehr abfeuern als sein Pannenvorgänger.) Kurz: „Die Übergabe des G95 ist mehr als ein bloßer Meilenstein in der Modernisierung. Sie ist sichtbares Zeichen für den Fortschritt und die Einsatzbereitschaft unserer Streitkräfte.“ Schwärmte Generalleutnant Heico Hübner, Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres, bei der Übergabe der ersten Gewehre Anfang Dezember 2025. Society Readiness [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/kriegstuechtigkeit-wichtiger-oberster-eu-general-will-derzeit-keine-europaeische-armee-li.10021129] Auf Deutsch: die „umfassende Verteidigungsbereitschaft der gesamten Gesellschaft“, die „Vorbereitung der Zivilgesellschaft auf Abschreckung, Verteidigung und Krieg“. Jüngst eingefordert vom Vorsitzenden des Militärausschusses der Europäischen Union, Seán Clancy, in Brüssel. Logische Konsequenz laut dem Vier-Sterne-General aus Irland: Die Militärs müssten auch außerhalb ihres traditionellen Wirkungsbereichs tätig werden. Sicherheit sei nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und gesellschaftlich zu begreifen. Deshalb müsse die Stimme des Militärs „so früh und so umfassend wie möglich“ gehört werden. – Kurz: Der „Operationsplan Deutschland“ für die umfassend kriegstüchtige postmoderne Society lässt grüßen. („Bereit sein ist alles!“) Kleiner Tipp: Vielleicht sollte man ab jetzt das Wort „umfassend“ durch das Wort „total“ ersetzen … (vgl. „Vorschau auf den Krieg von morgen“) sonstiger Fahrzeugbau [https://www.deutschlandfunk.de/auftragspolster-der-deutschen-industrie-waechst-dritten-monat-in-folge-104.html] „Die positive Entwicklung beim Auftragsbestand geht den Angaben zufolge wesentlich auf den Anstieg im Bereich ‚Sonstiger Fahrzeugbau‘ zurück, wozu neben Flugzeugen, Schiffen und Zügen auch Militärfahrzeuge gehören. Rüstungsaufträge nahmen zuletzt spürbar zu. Schlechter läuft es für die Automobilindustrie.“ Meldete der Deutschlandfunk am 17. Dezember 2025 unter der Überschrift „Auftragspolster der deutschen Industrie wächst dritten Monat in Folge“. Sozialreformen [https://www.zeit.de/news/2025-08/30/merz-wirbt-fuer-reformen-bei-sozialleistungen] Kündigt Kanzler Merz seit Sommer 2025 immer wieder an. – Heißt auf Deutsch: Sozialabbau im Dienste der Aufrüstung. O-Ton Merz [https://www.tagesschau.de/inland/merz-fordert-einsparungen-sozialsystem-100.html]: „Dieses Sozialsystem können wir uns nicht mehr leisten.“ Denn [https://www.tagesspiegel.de/politik/leben-seit-jahren-uber-unsere-verhaltnisse-kanzler-merz-mahnt-entschiedene-sozialreformen-an-14251319.html]: „Wir leben seit Jahren über unsere Verhältnisse.“ O-Ton Merz II [https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/merz-schulden-kehrtwende-finanzpolitik-100.html]: „Angesichts der Bedrohungen unserer Freiheit und des Friedens auf unserem Kontinent muss jetzt auch für unsere Verteidigung gelten: Whatever it takes.“ (vgl. „Generalüberholung des Sozialstaats“) spirituell [https://www.youtube.com/watch?v=NKwBu4FuV-k] „Ihre Zukunft und unsere Zukunft liegt uns sehr am Herzen. Und wenn wir mal nicht einer Meinung sind, dann liegt dies an unserer Sorge um Europa, mit dem wir verbunden sind. Nicht nur wirtschaftlich, nicht nur militärisch verbunden sind, auch spirituell verbunden.“ So US-Außenminister Marco Antonio Rubio 2026 auf der Münchner Sicherheitskonferenz. – Kurz: Uns verbinden nicht in erster Linie unsere (geopolitischen US-)Interessen, sondern – der Heilige Geist! (vgl. „dieser Kontinent“) Sprache der Machtpolitik [https://taz.de/Regierungserklaerung-zur-Aussenpolitik/!6149826/] „Wir werden unsere Vorstellungen nur dann auf der Welt – jedenfalls zum Teil – durchsetzen können, wenn wir auch selbst die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen.“ So Hobbylinguist Merz am 29. Januar 2026 vor dem Deutschen Bundestag, seine „Sprache der Stärke“ vom Sommer des Vorjahres auf ein höheres Niveau hebend. stärkste Armee Europas [https://united24media.com/latest-news/zelenskyy-at-munich-security-conference-it-is-ukrainians-who-hold-the-european-front-15904] Ist nicht etwa die deutsche (oder wenigstens die russische), sondern natürlich die – der Ukraine! „The Ukrainian Army is the strongest army in Europe, thanks to our heroes. And I think it is simply not smart to keep this army outside NATO.“ Verkündete Wolodymyr Selenskyj jüngst auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026. „Aber stellen Sie sicher, dass dies Ihre Entscheidung sein wird und nicht Putins“, fügte er noch ominös hinzu. – Kurze Rückfrage: Wie viele ‚Ukrainian Heroes‘ werden demnächst noch übrig bleiben, um die NATO zu verstärken, wenn alle Akteure so weitermachen wie bisher? Steilfeuerkomponenten [https://www.deutschlandfunk.de/bundeswehr-in-litauen-einsatz-an-der-nato-ostflanke-100.html] Über diese verfügt Gott sei Dank endlich auch unsere Bundeswehr-Panzerbrigade 45 in Litauen. Stolperdraht [https://www.deutschlandfunk.de/bundeswehr-in-litauen-einsatz-an-der-nato-ostflanke-100.html] Als solchen disqualifizierte Ralph Thiele unsere berühmte – und (vor Ort) „absolut mega!“-beliebte – 5.000 Bundeswehrsoldaten starke Panzerbrigade 45 in Litauen. Die Brigade würde einen Angriff der Russen lediglich verzögern. Niederschmetterndes Urteil des Obersts a. D.: „Das ist mehr als nichts. Es ist nicht wirklich viel. Weil die Russen in der Gegend ‚Königsberg & Co.‘ sehr stark aufgestellt sind.“ Und die versprochene 20.000 Soldaten starke „vollausgerüstete und kaltstartfähige“ Panzerdivision der Bundeswehr immer noch nicht in Sicht ist … (vgl. „Kosmetik und Hohlkörper“) strategische Selbstzufriedenheit Bitte nicht mit „strategischer Selbstbefriedigung“ verwechseln – auch wenn es so ähnlich klingt! Ist jedenfalls, wie der ehemalige Hohe EU-Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik, Josep Borrell [https://www.thepioneer.de/originals/others/articles/strategische-selbstzufriedenheit-ist-keine-option], bereits vor über fünf Jahren ausführte – und Claudia Major [https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-02/nukleare-abschreckung-atomwaffen-europa-sicherheit] neulich bekräftigte –, „keine Option“. (wird fortgesetzt) Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden [https://www.nachdenkseiten.de/?tag=woerterbuch-der-kriegstuechtigkeit] und diese auch einzeln darüber aufrufen. Titelbild: arvitalyaart / shutterstock.com

8 de mar de 2026 - 14 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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