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Portada del episodio Angriff, Gegenangriff, noch mehr Angriffe: Und die Politik setzt auf „weiter so“

Angriff, Gegenangriff, noch mehr Angriffe: Und die Politik setzt auf „weiter so“

Die Abwärtsspirale des Krieges wird gut geschmiert. Als Antwort auf einen Angriff der Ukraine auf das Schülerwohnheim in der Stadt Starobelsk hat Russland die ukrainische Hauptstadt angegriffen. Tod und Zerstörung auf allen Seiten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert „Konsequenzen“ [https://x.com/ZelenskyyUa/status/2058459556640866603], die „EU gibt sich unbeeindruckt [https://www.tagesschau.de/ausland/russland-ukraine-208.html]“, Bundeskanzler Friedrich Merz spricht von einer „rücksichtslosen Eskalation“ [https://x.com/bundeskanzler/status/2058497405209756147], Außenminister Johann Wadephul sagt, der „Raketenterror ist schockierend“ [https://x.com/AussenMinDE/status/2058495044240257249], und meint: „Mich bestärkt das, die beim #NATO Außenministertreffen gemachten Vorschläge konsequent weiterzuverfolgen.“ [https://x.com/AussenMinDE/status/2058495044240257249] Diese Borniertheit auf allen Seiten zeigt: Der Frieden ist in weiter Ferne. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Der Krieg soll weitergehen. Das ist offensichtlich das Motto aller involvierten Parteien. Nicht der Hauch von Einsicht ist sichtbar. Die Bereitschaft, endlich nicht mit halben Herzen, sondern mit voller Kraft zur Diplomatie zu greifen, ist noch immer nicht zu sehen. Immer sichtbarer wird hingegen: ein furchtbares Maß an Zerstörung und Kriegsgewalt – angerichtet von beiden Seiten. Der Teufelskreis aus Aktion, Reaktion und Gegenreaktion, aus Gewalt und noch mehr Gewalt, ist unerbittlich. Nach über vier Jahren Krieg sollte selbst dem Dümmsten unter den „Diplomaten“ klar geworden sein: Ein „Weiter so!“ bedeutet auch: Weiter Zerstörung, weiter menschliches Leid, noch mehr Hass, noch mehr Gewalt und die Gefahr einer noch weiteren Eskalation, die irgendwann ganz Europa in den Abgrund des Krieges reißen wird. Von russischer Seite heißt es, in der Nacht zum 21. Mai seien durch den ukrainischen Angriff im Wohnheim der pädagogischen Hochschule 21 Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren getötet und weitere 65 verletzt worden. Russland reagierte mit dem Einsatz von Oreshnik-Raketen auf Kiew. Auch dort: Tote und Zerstörung. Russland warnt ausländische Staatsangehörige und Botschaftspersonal, Kiew zu verlassen. Weitere Angriffe drohen. Die EU spricht von einem „nuklearen Säbelrasseln“ [https://www.spiegel.de/politik/deutschland/ukraine-einsatz-von-oreschnik-rakete-merz-verurteilt-eskalation-durch-russland-a-866c669f-21c9-473b-b090-4462965670fd], gibt aber vor, „unbeeindruckt“ zu sein. Eine Politik kommt zum Vorschein, die schwere Schuld trägt. Unabhängig von den Ursachen des Krieges: Eine Friedenspolitik, der es nach über vier Jahren Krieg noch immer nicht gelungen ist, die Konfliktparteien zu trennen, ist keine Friedens-, sondern eine Kriegspolitik. Da gibt es nichts schönzureden. Titelbild: wikicommons [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2026_Starobilsk-strike.jpg] / Mchs.gov.ru [http://mchs.gov.ru/] / Creative Commons Attribution 4.0 [https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/]

26 de may de 2026 - 4 min
Portada del episodio Noch ein Dresdner: Künstler für Frieden „Yann Song King“

Noch ein Dresdner: Künstler für Frieden „Yann Song King“

Hinter dem koreanisch-drakonisch anmutenden Künstler-Decknamen steckt ein bürgerlicher Jan – nebst sächsischer Verschmitzheit. Aber auch eine Portion Angst vor Terroranschlägen der ettikettenschwindligen Antifa. Denn, jawoll, auch dieser Dresdner ist, wie Uwe Steimle, für „Frieden mit Russland“. Von Diether Dehm. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Yann Song Kings Spezialität sind eigentlich detailverliebte Spottgesänge auf die Gesetzes-Auswirkungen vergangener Regierungen auf den Alltag. Jedoch, obwohl ihm Pathos und hehre Worte eigentlich gar nicht liegen, ist sein bislang größter Hit eine Antikriegs-Hymne. Die wird mittlerweile bei den allermeisten Friedens-Kundgebungen in Ost und West live oder vom Datenträger mitgesungen und heißt: „Absage [https://www.youtube.com/watch?v=nu9WPIRXLBw]“. Den Hymnencharakter bezieht dieses Lied aus einer gewissen musikalischen Anlehnung an Boris Vians „Der Deserteur“, das in Frankreich sogar einige Zeit verboten war. Ansonsten ist Yann Song Kings Wortwahl burschikos, ohne Feierlichkeiten. Der Refrain geht so: > „Sprecht bitte nicht von Werten/ sprecht von euren Interessen/ dass wir für euch den Kopf hinhalten/ das könnt ihr glatt vergessen!“ Die Strophen streifen Aufrüstung, Sprechbläser über westliche Werte, Corona-Zwangsmaßnahmen und schließlich heißt es: > „Solang die Menschen glauben an den letzten großen Sieg/ bleibt Frieden nur die Zwischenspanne bis zum nächsten Krieg/ mir bleibt die Hoffnung: dieses Mal kommt’s anders als ihr denkt/ dass niemand mehr so trottlig ist und euch sein Leben schenkt/ die hohlen Phrasen fruchten nicht und, ja, wir werden sehen:/ der Russe wird nicht kommen, aber ihr – ihr werdet gehen!“ Dann hat Yann eine Menge witziger Songs im Köcher, zu denen ich mich schon mehrfach vor Lachen beeumelt habe. Aus Louis Armstrongs Uncle-Tom-Schnulze „What a wonderfull world“ wurde „Wadephul – What a fool-world“. Zum Beispiel kommt daher, nein, marschiert ein Lied zu einer besonders untauglichen EU-Innovation für Trinker und gegen Plastikdeckel. Die Betonungsunterstreichungen des Song-Titels sollte der Leser jetzt mit intonieren, denn der Sänger singt sie auch auf den stampfenden Dam-da-da-dam-Bass einer Tuba: „Einweggetränkeflaschenschraubverschlussanbindungspflichtgesetz“. Und dies Wortungetüm wiederholt er als Refrain – und dann auch mit ihm johlend das Publikum. So wie einst der Gitarrenvirtuose Dieter Süverkrüp denkt auch der Gitarrenlehrer Yann Song King die Musik beim Texten mit. Schlechtere Instrumentalisten sollten die Gitarre sowohl beim Texten als auch beim Komponieren beiseite legen. Ob ich für Joe Cocker oder Klaus Lage komponiert habe, die Gitarre lauerte mit ihren Klischees am Wegesrand wie ein böser Wolf, aber stets weit abseits. So, durch und durch am Instrument, in Literatur und Liedgeschichte gebildet, vermag der 52-jährige Autor mit der jungenhaften Stimme ziemlich freihändig zu jonglieren mit DDR-Punk, Folk, Blues, Schlager, Rammstein- und Rock/Pop-Elementen. Er erlangte mit seinen Ohrwürmern zunächst im Osten Popularität – in der Querdenker-Bewegung gegen die Corona-Zwangsmaßnahmen. Dann wurde er auch von der Friedensbewegung nach München, Hannover und so weiter eingeladen. Der auch – im Mentoring von Uwe Steimle – immer verbreiteter auftretende Geheimtipp begann dann immer mehr links und rechts des Corona-Themen-Spektrums zu grasen – und schuf echt große Befreiungs- und Friedenslieder, die er technisch perfekt in seinem Homestudio produzierte. Musikalisch und privat anrührend ist da besonders sein Chanson „Hey, junger Polizist“. Eine Handreichung kurz vor einem befohlenen Schlagstockeinsatz: > „Wenn du mir gegenüber stehst/ frag ich mich/ was du denkst und was du fühlst/ wenn du diese Menge siehst/ und weißt dass dir befohlen ist/ gleich zuzuschlagen/ vielleicht wirst du in uns nur ein paar Hirnverbrannte sehn/ zu dumm und zu naiv den Sinn der Regeln zu verstehn/ … vielleicht denkst du/ man sollte einfach offen debattieren/ statt hier ein Exempel der Gewalt zu statuiern/ vielleicht sogar: da fühlst du dich/ so ausgenutzt denn eigentlich/ schützt du der alten Herren ihr Prestige/ … vielleicht stehst du jetzt hier/ und hast schon einen Plan/ wie deine Zukunft ohne Uniform aussehen kann/ vielleicht wurdest du schon gerügt/ weil es da ein Foto gibt/ auf dem du uns ein Hände-Herzchen gibst (Refrain:) Ganz egal/ wie’s auch ist/ ich renn jetzt weg/ bis demnächst, tschüss/ junger Polizist.“ Die widerborstige Hommage an seine Stadt Dresden (ähnlich den dialektischen Heimatliedern von Degenhardt und Süverkrüp) ist eine Kostbarkeit, die man besser selbst hören sollte. Darum hier nur dessen Anfangszeilen und der Schluss: > „Eine Feuernacht hat dich nicht umgebracht/ doch deine Narben wuchsen in dich ein/ … und ich wollte höflich fragen:/ darf ich Heimat zu dir sagen?“ Mit massenpsychologisch einfühlsamer Ironie erzählt er zwei chronologische Balladen über den Missbrauch eines von Mutterns Händen gebackenen „Friedenskuchens“ und des Wörtchens „Solidarität“ durch woke Wortkaperer von oben, durch die Einschnürer von Friedens- und Freiheitsbewegungen. Dann nimmt er sich mit dem Grundgesetz noch einen lyrisch ziemlich unverdaulichen Brocken vor, aus dem er sogar noch prosaisch einige Artikel rezitiert. Jedoch: Auch das gelingt ihm mit einfachen Worten und sogar live überzeugend. Aber auch dafür wurde er als „nazi-like“ diffamiert. Wo sind wir hingeraten? Auf eine virale, vom Theatermann Dietrich Brüggemann initiierte Aktion bekannter Fernseh-Künstler u.a. mit Jan Josef Liefers (Hashtag: #allesdichtmachen) machte Yann eine Parodie in Anlehnung an das verjazzte Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“. Es startet so: > „53 Schauspieler die luden Videos hoch/ drei wurden von Youtube gelöscht/ da warens 50 noch/ 50 Schauspieler, die haben provoziert/ ein Shitstorm blies und schon haben sich viere distanziert/ … Berufsverbot… Morddrohung … wurden angeklagt… von Merkel eingeladen … fühlt rundgemacht bei Lanz sich/ schon warens achtundzwanzig/ … die waren wirklich mutig/ doch einem schlugen Unbekannte/ seine Nase blutig/ … 27 Schauspieler sind standhaft geblieben/ die Namen merk ich, ich werde sie für immer lieben.“ Ja, da sind wir hingeraten. Und da stehn wir jetzt. Und Yann Song King wird da eine Größe werden – und da ist her hingekommen, um zu bleiben. (yannsongking.de [https://www.yannsongking.de/] – wo auch Tonträger und Gastspieltermine zu finden sind) Titelbild: Screenshot YouTube

26 de may de 2026 - 8 min
Portada del episodio Mangelnde „Wehrbereitschaft“ – Widerstand oder Individualismus?

Mangelnde „Wehrbereitschaft“ – Widerstand oder Individualismus?

Seit 1. Januar 2026 ist die Wehrpflicht wieder in Kraft. Alle Staatsbürger, die ab diesem Datum das 18. Lebensjahr erreichen, werden angeschrieben. Die männlichen Adressaten müssen, die weiblichen können den Fragebogen ausfüllen. Jüngst wurde berichtet, dass bislang rund 28 Prozent der männlichen Adressaten nicht geantwortet hätten. Ist das ein stiller Protest, reine Gleichgültigkeit oder einem Überindividualismus geschuldet? Es dürften alle drei Motive in unterschiedlichen Ausmaßen eine Rolle spielen. Und wenn ein stiller Protest, warum nur ein stiller Protest? Von Alexander Neu. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht unter dem Begriff der Bedarfswehrpflicht 2011 wurde die Wehrpflicht auf der Grundlage des Wehrpflichtgesetzes ausgesetzt, nicht aufgehoben. Eine Aufhebung der Wehrpflicht wäre nur mit einer Änderung des Grundgesetzes (Artikel 12a) und sodann der notwendigen Mehrheiten (Zweidrittelmehrheit der Mitglieder des Deutschen Bundestages plus Zweidrittelmehrheit des Bundesrates) möglich gewesen. Dementsprechend wurde die Aussetzung der Wehrpflicht wieder mit einer Änderung des Wehrpflichtgesetzes aufgehoben. Allerdings handelt es sich bei der nun beschlossenen Wiedereinführung der Wehrpflicht nicht um ein einfaches Wiederinkrafttreten der alten Wehrpflicht. Die neue Wehrpflicht wird als „Bedarfswehrpflicht“ bezeichnet: „Dabei soll sich die Einberufung (…) am Bedarf orientieren“, so die Formulierung im Wehrpflichtgesetz „§ 2a Anordnung der Bedarfswehrpflicht durch Gesetz“ [https://www.gesetze-im-internet.de/wehrpflg/BJNR006510956.html]. Der Bedarf ermisst sich an der von der Bundesregierung formulierten Bedrohungslage. Wehrpflicht – ein gesellschaftliches, staatsphilosophisches und sicherheitspolitisches Thema Die Wehrpflicht ist nicht nur ein sicherheitspolitisch relevantes Thema. Sie muss auch unter gesellschaftlichen und staatsphilosophischen Aspekten diskutiert werden [https://www.nachdenkseiten.de/?p=146025]: Die Frage nach Sinn und Zweck von Staatlichkeit (Sicherheitsgarant im Sinne des Gesellschaftsvertrages) sowie das Binnenverhältnis von Gesellschaft (Erwartungshaltung nach Gewährung staatlicher Sicherheit) und Staat (Zugriffsrecht auf Staatsbürger, um Sicherheit gewähren zu können) muss im Bewusstsein mündiger Staatsbürger verankert sein. Neben der grundlegend staatsphilosophischen Frage muss die gesellschaftliche Frage mit der jeweils aktuellen sicherheitspolitischen Frage verknüpft werden. Und die Frage lautet: Darf eine Regierung so tief in die Grundrechte der Staatsbürger eingreifen, wenn diese Regierung selbst nicht alle diplomatischen Instrumente zuvor genutzt hat, um den konkreten Bedrohungsfall – und genau darum geht es ja bei der Revitalisierung der Wehrpflicht – zu einem noch akzeptablen Preis durch diplomatische Mittel abzuwenden? Ist die Wehrpflicht nicht vielmehr ein Mittel der Ultima Ratio, also das äußerste Mittel im Sinne des staatlichen Zugriffsrechts? Manch einer mag nun entgegenhalten, die Wehrpflicht und die „Kriegstauglichkeit“ wirkten komplementär auf und verstärkten die Diplomatie. Nur, wo ist sie, die Diplomatie? Kanzler Merz bekundete vor einigen Monaten, „die Mittel der Diplomatie sind ausgeschöpft“ [https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/rede-von-bundeskanzler-friedrich-merz-2363918]. Wer sich so äußert, wählt entweder direkt den Krieg, denn genau das ist es, was diese Aussage beinhaltet, oder hat einfach keine Ahnung von Sprache, Sprachinhalten und Wortbedeutungen. Nur schlecht, wenn so jemand Kanzler ist. Und wenn er um die Bedeutung seiner Worte weiß, wird es noch schlimmer. Eine Bundesregierung hat ihre „Kraft dem Wohle des deutschen Volkes (zu) widmen, seinen Nutzen (zu) mehren, Schaden von ihm ab(zu)wenden (…)“, so lautet er Amtseid des Kanzlers, den er geschworen hat. Eine Bundesregierung trägt Verantwortung, generell für das Leben der Menschen in diesem Land und sodann auch für Wehrpflichtige. Ein Soldat legt sein Leben, das wichtigste Gut eines Menschen, vertrauensvoll in die Hände des Staates und seiner Regierung, um diesen Staat und seine Menschen im Ernstfall auch unter Verlust des eigenen Lebens zu verteidigen – es ist die höchste Form der Loyalität, die höchste Form der Verantwortungsübernahme des Bürgers dem Gemeinwesen gegenüber. Hierdurch demonstriert der Staatsbürger in Uniform einen besonderen Vertrauensvorschuss dem Staat und seiner Regierung gegenüber. Soll heißen: Ich bin bereit, mit meinem Leben mein Land zu verteidigen, vertraue aber darauf, dass meine Regierung die denkbar größten Anstrengungen unternimmt, den Ernstfall zu verhindern und somit nicht mein Leben zu riskieren. Indem er als Staatsbürger in Uniform darauf vertrauen muss, nicht zur Zählgröße und Manövriermasse degradiert und als Kanonenfutter missbraucht zu werden. Aber ist die Regierung umgekehrt auch so loyal und verantwortungsvoll gegenüber dem Staatsbürger in Uniform und der Gesellschaft insgesamt gegenüber, wenn sie einen hochriskanten außen- und sicherheitspolitischen Kurs fährt, der eben nicht alternativlos ist? Wiedereinführung der Wehrpflicht aufgrund eines umfassenden außen- und sicherheitspolitischen Irrweges Als Konsequenz einer systematisch verkorksten Außen- und Sicherheitspolitik dieser Regierung und einiger Vorgängerregierungen die Wehrpflicht wieder einzuführen und wertvolle Steuergelder in Rüstungsausgaben umzuleiten, ist der Gipfel des Zynismus. Die wertvollen Steuergelder für eine derart missliche Politik nun umzuschichten, weg vom Sozialstaat hin zum Rüstungsstaat, ist nicht minder verwerflich und verantwortungslos, als junge Menschen für den potenziellen Krieg zu rekrutieren, den man versäumt hat, durch umfassende Diplomatie zu verhindern. Gesellschaftliche Reaktionen? Die „Tagesschau” [https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bundeswehr-wehrdienst-frageboegen-100.html] berichtete kürzlich, rund 72 Prozent der angeschriebenen männlichen Adressaten hätten geantwortet. Und somit haben 28 Prozent nicht geantwortet. Ist das Nichtantworten zum Teil als Widerstand gegen die Wehrpflicht zu verstehen? Nehmen wir an, dass zumindest ein Teil der 28 Prozent ein passiver Widerstand in Form der Antwortverweigerung ist – dann stellt sich die Frage: Wie effektiv ist diese Widerstandsform? Ist es dann nicht nur eine individuelle Widerstandshandlung auf der denkbar geringsten Aktivitätsskala, mithin ein Widerstand auf dem Sofa? Führt diese Widerstandsform zu einer umfassenden und absolut überfälligen gesellschaftlichen Debatte? Wohl kaum. Wo ist der organisierte Widerstand, wo sind die gesellschaftlichen Debatten über die Ausrichtung der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik? Schulstreik gegen Wehrpflicht Tatsächlich regt sich etwas Widerstand, wenn auch noch sehr überschaubar. Offensichtlich ist die Tragweite dieser Wiedereinführung der Wehrpflicht noch nicht in allen Familien angekommen. Die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ [https://schulstreikgegenwehrpflicht.com/] organisiert Schülerstreiks, letztmalig zum 8. Mai, dem Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Die Schüler positionieren sich nicht nur gegen die anachronistische deutsche Außen- und Sicherheitspolitik, sie kritisieren auch den nicht vorhandenen Diskurs der Politik mit der Gesellschaft, konkret mit ihnen als den Betroffenen. Sie fordern demokratische Teilhabe statt par odre du mufti, denn es ginge schließlich um ihr Leben. Allerdings können sich die Schüler nicht überall auf Unterstützung oder zumindest Duldung ihrer Lehrer verlassen. Bisweilen werden ihnen schulische Strafen angedroht. Und natürlich dürfen die medialen Hofschranzen [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150267] nicht fehlen, die versuchen, die demokratisch legitimen Proteste zu diffamieren und die „Treiber“ der Proteste als „Verfassungsfeinde“ zu identifizieren. Wie schlecht müssten sich solche Journalisten eigentlich fühlen, wenn sie morgens in den Spiegel schauen? Vermutlich sind sie moralisch so runtergekommen, dass sie sich dabei vielmehr gut fühlen. Abgesehen von den von Medien wenig beachteten Schulstreiks ploppte zwischenzeitlich dann doch ein kleiner Aufreger auf, als ein paar aufmerksame Zeitgenossen im Wehrpflichtgesetz nachschauten und feststellen mussten, dass männliche Staatsbürger zwischen dem 17. und dem 45. Lebensjahr bei einer Abwesenheit aus Deutschland von mehr als drei Monaten diese Abwesenheit bei den Karrierecentern der Bundeswehr sich genehmigen lassen müssen. Der öffentliche Druck war immens, sodass sich Pistorius und Co. genötigt sahen, zumindest verbal/medial zurückzurudern. Dies zeigt einmal mehr: Flächendeckender organisierter Druck kann wirken – Politik reagiert nur auf effektiven Druck. Allerdings, diese Reiseregelung steht so unverändert im Wehrpflichtgesetz weiterhin drin und ist somit gültige Rechtslage: > „§ 3 Inhalt und Dauer der Wehrpflicht > > (2) Männliche Personen haben nach Vollendung des 17. Lebensjahres eine Genehmigung des zuständigen Karrierecenters der Bundeswehr einzuholen, wenn sie die Bundesrepublik Deutschland länger als drei Monate verlassen wollen, ohne dass die Voraussetzungen des § 1 Absatz 2 bereits vorliegen. Das Gleiche gilt, wenn sie über einen genehmigten Zeitraum hinaus außerhalb der Bundesrepublik Deutschland verbleiben wollen oder einen nicht genehmigungspflichtigen Aufenthalt außerhalb der Bundesrepublik Deutschland über drei Monate ausdehnen wollen. Die Genehmigung ist für den Zeitraum zu erteilen, in dem die männliche Person für eine Einberufung zum Wehrdienst nicht heransteht. Über diesen Zeitraum hinaus ist sie zu erteilen, soweit die Versagung für die männliche Person eine besondere – im Bereitschafts-, Spannungs- oder Verteidigungsfall eine unzumutbare – Härte bedeuten würde; § 12 Absatz 6 ist entsprechend anzuwenden. Das Bundesministerium der Verteidigung kann Ausnahmen von der Genehmigungspflicht zulassen. > > (3) Die Wehrpflicht endet mit Ablauf des Jahres, in dem der Wehrpflichtige das 45. Lebensjahr vollendet.“ > > https://www.gesetze-im-internet.de/wehrpflg/BJNR006510956.html [https://www.gesetze-im-internet.de/wehrpflg/BJNR006510956.html] Gesellschaftliche Wehrbereitschaft Laut einer Forsa-Umfrage aus August 2025 wären nur 16 Prozent der Befragten bereit, im Verteidigungsfalle zur Waffe zu greifen. 32 Prozent wären eventuell dazu bereit – also insgesamt 38 Prozent mehr oder minder gesicherte Wehrbereitschaft. Und 62 Prozent, also mehr als zwei Drittel der Befragten, verweigern die Wehrbereitschaft [https://www.dbwv.de/aktuelle-themen/newsbeitrag/nur-16-prozent-wuerden-auf-jeden-fall-fuer-deutschland-kaempfen]. Damit liegt Deutschland im europäischen Ranking im unteren Drittel der Länder, deren Gesellschaften wehrbereit oder eben nicht wehrbereit sind bzw. wären. Andererseits sind die Zustimmungswerte auch in Deutschland für eine verstärkte Aufrüstung größer als zur Wehrbereitschaft der Menschen. Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch erklären? Die plausibelste Erklärung ist: Die geringe Wehrbereitschaft ist weniger friedenspolitisch motiviert als vielmehr durch eine individuelle Lustlosigkeit oder einer Überindividualisierung, der Priorisierung des Ichs, bestimmt: Selbstverständlich bin ich für die Verteidigung, aber ohne mich, so die Message von Malte und Leonie aus Köln-Lindenthal oder dem Prenzlauer Berg in Berlin – gerade gemeinsam auf dem Weg in das mehrjährige Sabbatical. Sollen doch Kevin und Chantalle (mit ausgesprochenem “e”) aus Berlin-Marzahn und Köln-Chorweiler die Front mit ihrem Arsch begradigen. Der vom Liberalismus lange gepflegte Überindividualismus schlägt nun zurück und manifestiert eine zutiefst fraktionierte Gesellschaft ohne gemeinsamen Kompass, ohne gemeinsame Identität, wenn Malte und Leonie lieber im Fuchs- oder Pinguinkostüm als im Tarnfleck durch die Gegend rennen und ihrem Selbstfindungsprozess frönen. Fazit Die Militarisierung der Köpfe ist unübersehbar – sie ist überall zu sehen: Im ÖPNV, auf Litfaßsäulen, in Schulen, durch Medien und natürlich durch die Politik. Der Erfolg stellt sich langsam, aber sicher ein. Dies zeigen die Umfragen zur wachsenden Akzeptanz der Aufrüstung sowie zur Übernahme der Feindbilder. Wenn es jedoch darum geht, selbst auch zur Waffe zu greifen, scheint der Reflex des Lebenswillens doch noch zu überwiegen. Aber, wie lange noch? Titelbild: Michele Ursi / Shutterstock [https://vg09.met.vgwort.de/na/4a73dd63d92c464da14d44b2a044cb20]

Ayer - 14 min
Portada del episodio Entkernen, Umfunktionieren und (feindlich) Übernehmen – Warum die heutige Bundesrepublik Deutschland (so gut wie) nichts mehr mit der ‚Bonner Republik‘ zu tun hat

Entkernen, Umfunktionieren und (feindlich) Übernehmen – Warum die heutige Bundesrepublik Deutschland (so gut wie) nichts mehr mit der ‚Bonner Republik‘ zu tun hat

Die wiedervereinte Bundesrepublik Deutschland hat mit dem Land gleichen Namens, das zwischen 1949 und 1990 existierte, nur noch den Namen gemeinsam. Auf den ersten Blick fällt das allerdings nicht auf – weil die Fassaden noch stehen. Die heutige Bundesrepublik ist nichts anderes als ein komplett entkernter Altbau. Von Leo Ensel. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Ich habe lange gebraucht, bis es mir langsam dämmerte. Und auch jetzt tue ich mich immer noch schwer, mental und – vor allem! – gefühlsmäßig in der neuen Realität, in der ich mich eher tastend voranbewege, anzukommen. Aber im Millimetertempo wird mir immer deutlicher, dass dieses Land, das sich nach wie vor „Bundesrepublik Deutschland“ nennt, mit dem Land gleichen Namens, in dem ich die Hälfte meines Lebens – von 1954 bis 1990 – verbracht habe, kaum noch identisch ist. Hälfte des Lebens Aufgewachsen als „Kind des Rheines“ bin ich mit einer dort nicht untypischen Mentalität. Ulrike Guérot hat sie für sich selbst einmal so auf den Punkt gebracht: „Rheinisch, katholisch und europäisch“. Wobei „europäisch“ für mich, ich vermute: wie für Frau Guérot, sich außenpolitisch in erster Linie auf den nahen ehemaligen „Erbfeind“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=128512] bezog, innenpolitisch aber auch eine Skepsis – nein: ein starkes mentalitätsmäßiges Fremdeln bis hin zur emotionalen Abneigung – gegenüber jeglichem „Preußentum“ signalisierte. (Paris war – und ist – uns Rheinländern nicht nur geographisch näher als Berlin.) Natürlich lebten wir in der alten Bundesrepublik nicht auf einer ‚Insel der Seligen‘: Alte Nazis, geläutert oder auch nicht, waren lange noch präsent – als Lehrer, Ärzte, Richter, Professoren, Städteplaner, Journalisten, höhere Verwaltungsbeamte und Politiker. (Manchmal kam es per Zufall raus, oft auch gar nicht – jedenfalls bis zum Tod der betreffenden Personen.) Ab 1972, noch unter Bundeskanzler Willy – „mehr Demokratie wagen!“ – Brandt, legte sich der sogenannte „Radikalenerlass“ für anderthalb Jahrzehnte wie Mehltau über mehrere Generationen von Hochschulabsolventen. Die terroristische RAF auf der einen sowie Bundesregierung, Polizeiapparat und Bundesbehörden auf der anderen Seite verkrallten sich in den Siebzigerjahren, mit Klimax im ‚Deutschen Herbst‘ 1977, dramatisch zu einer blutigen ‚Folie à deux‘. Um Atomkraftwerke wurden zwischen Polizei und Demonstranten wahre Schlachten ausgetragen, und die Stationierung von atomar bestückten Mittelstreckenraketen trieb in den Achtzigerjahren zeitweise über eine Million Menschen, darunter auch mich, auf die Straßen. Trotz alledem hatte ich aber, bei aller Kritik, im tiefsten Winkel meiner Seele doch ein nahezu unausrottbares ‚politisches Urvertrauen‘ in unseren Staat: Ein vernünftiges Grundgesetz, mit dem ich mich identifizieren konnte; ein im Prinzip funktionierender Rechtsstaat, bei dem die Chancen, am Ende doch Recht zu bekommen, nicht gering waren; nicht zuletzt eine in den Siebziger- und Achtzigerjahren immer stärker angewachsene Zivilgesellschaft in Gestalt der (damals) Neuen Sozialen Bewegungen, besonders der Friedens- und Umweltbewegung – und das Problem der alten Nazis würde sich ja früher oder später eh von selbst, sprich: biologisch, erledigen. Als die Mauer fiel, Deutschland völlig unerwartet wiedervereinigt war und parallel dazu die tödlichen, atomar bestückten Mittelstreckenraketen abgezogen und restlos verschrottet wurden, als der Kalte Krieg (wie es schien) beendet war, als die neue Bundesrepublik Deutschland sich auf einmal „von Freunden umzingelt“ in einem völlig veränderten Europa wiederfand, da spürte ich in mir eine große Euphorie: Jetzt, nachdem der Kalte Krieg so glücklich beendet ist, jetzt bauen wir das Gorbatschow‘sche ‚Gemeinsame europäische Haus‘ auf! Jetzt versöhnen wir uns – wie damals mit unserem ‚Erbfeind im Westen‘ – auch mit den Völkern im Osten. Jetzt ist ja vielleicht sogar Kants „Ewiger Frieden“ in Reichweite gerückt … Tableau. Ein irritierter Blick nach dreieinhalb Jahrzehnten Machen wir einen kühnen – und reichlich kühlen – Sprung in die Gegenwart! Und schauen wir uns dieses Land nochmals mit altbundesrepublikanischen Augen an. Da ist zunächst die Parteienlandschaft. Alle sind sie noch da. (Zwei, davon eine täglich größer werdende, sind noch hinzugekommen.) Schaut man allerdings genauer hin, so stellt man irritiert fest: > „Die CDU ist nicht mehr christlich, die SPD ist nicht mehr die Partei der Arbeiter. Die Liberalen sind nicht mehr liberal und die Grünen schon lange nicht mehr grün im Sinne einer ehrlichen Umweltpolitik [und erst recht nicht mehr antimilitaristisch]. Und die in Gendersprache, Cancel-Culture und ‚offene Grenzen für alle‘ verliebte Linke ist alles Mögliche, nur nicht links in der Tradition der Arbeiterbewegung.“ So hat es Oskar Lafontaine [https://www.nachdenkseiten.de/?p=146203] neulich auf den Begriff gebracht. (Am eklatantesten trifft dies natürlich auf die um exakt 180-Grad gewendete ehemalige Ökopax-Partei zu, die sich heute an Kriegsgeilheit von niemandem übertreffen lässt.) Als Zweites ein Blick auf die Medienlandschaft. Auch hier sind alle Leitmedien der alten Bundesrepublik nach wie vor präsent: vom Bayernkurier, Welt und FAZ über Süddeutsche und Frankfurter Rundschau bis hin zur antiautoritären taz. „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ präsentieren sich wie einst im charakteristischen Blau, „heute“ und „heute journal“ senden immer noch zu denselben Tageszeiten. Schaut und hört man aber auch hier schärfer hin, so realisiert man verblüfft: Eine tatsächliche Meinungsvielfalt existiert nicht mehr! Ob FAZ oder taz – was die wirklich relevanten Themen angeht, so steht überall dasselbe. (In der taz lediglich einen Tick salopper und – selbstverständlich! – streng gegendert.) Es gibt auch noch eine linke Szene. (Zumindest ein Milieu, das sich ‚irgendwie‘ als links versteht und so präsentiert.) Der genauere Blick offenbart allerdings, dass man sich hier fast nur noch mit Identitätsfragen oder der skurrilsten Inszenierung der exotischsten erotischen Neigung beschäftigt. Die Eigentumsfrage und Fragen der sozialen Gerechtigkeit dagegen spielen so gut wie keine Rolle mehr. Dementsprechend erscheint diese – jeglichem Antimilitarismus abholde – Lifestyle-Linke (wie deren alt gewordene Hauspostille) auch nur bei oberflächlicher Betrachtung als aufmüpfig. In Wirklichkeit ist sie genau die „Linke“, die dem globalisierten Kapital nicht gefährlich wird, ihr Habitus geradezu die unabdingbare Voraussetzung, um in diesem Staat Karriere zu machen. Einen Lift auf dem schnellen Weg nach oben – zumindest aber ein komfortables Zwischenlager für sonst arbeitslose Geistes- und Sozialwissenschaftler – bilden (neben den zahlreichen transatlantischen Organisationen) sogenannte Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Ja, die gibt es nicht nur noch – sie sind in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten sogar wie Pilze aus dem Boden geschossen! Wo allerdings in den Achtzigerjahren noch erbittert über „Staatsknete“ gestritten wurde, stellen sie sich heute allesamt als staatlich, nein: oft sogar regierungsamtlich, alimentiert [https://www.tagesspiegel.de/politik/staatliche-forderungen-welche-ngos-wie-viel-geld-bekommen-13283785.html] heraus. Und nicht nur das: Viele von ihnen betreiben nicht allein eine, mit rund 200 Millionen Euro jährlich geförderte, Fortsetzung der Regierungspolitik mit anderen Mitteln [https://www.demokratie-leben.de/]. Sie entpuppen sich vielmehr als der – nur notdürftig getarnte – verlängerte Arm der Staatsgewalt fürs Grobe, sprich: sie operieren, vorsichtig gesprochen, schlicht am Rande der Legalität. Sogenannte „Antifeministische Meldestellen“ [https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/projekte/meldestelle-antifeminismus/] sammeln, staatlich gefördert, „Fälle, unabhängig davon, ob sie angezeigt wurden und unabhängig davon, ob sie einen Straftatbestand erfüllen oder unter der sogenannten Strafbarkeitsgrenze liegen.“ Ähnliches gilt für sogenannte „Anti-Hate Speech“- und andere Vereinigungen. (In Summa die neubundesrepublikanische Version des ehemaligen Vereins „Horch & Guck“ – kurz: eine, diesmal ‚zivilgesellschaftlich‘ outgesourcte, „Stasi 2.0“.) Und selbsternannte, mit bundesdeutschen oder EU-Gütesiegeln geadelte „NGOs“ verbreiten unter dem Etikett „Bekämpfung von Fake News“ selber Desinformation. – Mit einem Wort: Der Begriff „Nichtregierungsorganisation“ erweist sich als klassischer Etikettenschwindel, der umgehend durch „GONGO“ [https://de.wikipedia.org/wiki/GONGO] (Government-Organized Non-Governmental Organization) ersetzt werden sollte! Ob der Rechtsstaat im Großen und Ganzen noch funktioniert, das wage ich nicht zu beurteilen. Wohl aber, dass ein Grundprinzip jeglicher Demokratie gerade höchst elegant ausgehebelt wird: die Meinungsfreiheit! Und damit kommen wir zur atemberaubenden Degeneration jener supranationalen Institution, die einst Hoffnung aller weitsichtigen und friedliebenden Geister auf diesem Kontinent war. Die Europäische Union, gegründet als Friedensprojekt, als nationenübergreifende Lehre aus zwei blutigen Weltkriegen, ist nicht nur nach außen zu einer rasenden Kriegsfurie [https://www.nachdenkseiten.de/?p=128512] verkommen. Sie verwandelt zudem nach innen unliebsame Staatsbürger [https://www.berliner-zeitung.de/article/kallas-belege-eu-sanktionen-journalisten-russland-10029166] völlig willkürlich in aller Rechte beraubte [https://mediashop.at/buecher/aller-rechte-beraubt/] Paria und katapultiert sie somit – alle geheiligten Werte und sämtliche Prinzipien der vom europäischen Kontinent ausgegangenen Aufklärung ignorierend – schnurstracks zurück ins Mittelalter! Als Vogelfreie [https://www.berliner-zeitung.de/article/daniela-dahn-eu-sanktionen-laden-antisemitismus-auf-10034288]. Der geniale Trick: Bei den Willkürmaßnahmen des „Rats der Europäischen Union“ handelt es sich nicht etwa um Strafen (selbst wenn die Sperrung der Konten, die Beschränkung der Bewegungsfreiheit und das Verbot der Unterstützung durch Dritte im Worst Case auf eine ‚Todesstrafe auf Raten‘ hinauslaufen), sondern um „außenpolitische Abwehrmaßnahmen“ – weshalb ihnen auf dem nationalen Rechtsweg, sollte er noch funktionieren, auch gar nicht beizukommen ist! Kurze Kinderfrage: Ist ein Staat, in dem (genauer: über den und dessen Bürger hinweg) die Meinungsfreiheit (bekanntlich immer die ‚Freiheit der Andersdenkenden‘) par ordre du mufti einfach suspendiert werden kann, indem supra-nationale Akteure diejenigen, die sie in Anspruch nehmen, schlicht kaltstellen – ist ein solcher Staat eigentlich noch eine Demokratie? Und was ist mit dem Grundgesetz, einer dezidiert dem Frieden verpflichteten Verfassung, wenn dieses Land, Totalverweigerung in Sachen Diplomatie betreibend, sich nun fröhlich zur größten konventionellen Militärmacht auf dem westeuropäischen Kontinent aufschwingt, deren Politiker und Leitmedien tagtäglich schriller in Richtung Krieg blasen – und dies in einem zusehends kriegstüchtiger werdenden Bündnis, das noch zu altbundesrepublikanischen Zeiten ausschließlich der Verteidigung verpflichtet war? Entkernt Warum fällt all das auf den ersten Blick so wenig auf? Warum sieht die neue Bundesrepublik Deutschland, oberflächlich betrachtet, der Bonner Republik immer noch so ähnlich? Weil die entsprechenden Institutionen eben nicht abgerissen, sondern entkernt wurden! Das Land, in dem ich mittlerweile die zweite Hälfe meines Lebens verbracht habe, kommt mir immer mehr vor wie ein komplett entkernter Altbau: Die Fassaden stehen noch. Aber wer wissen will, was sich hinter ihnen tatsächlich verbirgt, darf sich davon nicht blenden lassen. Oder in einem anderen Bild: Die meisten Institutionen und Organisationen – allen voran unsere privaten und öffentlich-rechtlichen Leitmedien, Arm in Arm mit einer einstmals pazifistischen Partei, sogenannte Nichtregierungsorganisationen, die sich als ‚links‘ präsentierende Szene, nicht zu vergessen die von Tag zu Tag aggressiver auftretenden realen Institutionen der Macht: Armee, NATO und Europäische Union – alle kommen sie mir vor, als seien sie zwischenzeitlich geräuschlos umfunktioniert und (feindlich) übernommen worden. Mein einstiges ‚politisches Urvertrauen‘ ist mir jedenfalls restlos abhandengekommen. Wie gesagt: Es sieht manchmal noch fast so aus wie früher. Weil die Fassaden noch stehen. Wohlgemerkt, die Fassaden! Mit freundlicher Genehmigung von Globalbridge [https://globalbridge.ch/entkernen-umfunktionieren-und-feindlich-uebernehmen-warum-die-heutige-bundesrepublik-deutschland-so-gut-wie-nichts-mehr-mit-der-bonner-republik-zu-tun-hat/]. Titelbild: Etikettenschwindel – und (noch vergleichsweise harmloses) Symbol für die neue Bundesrepublik Deutschland: Das Braunschweiger Schloss. Hinter der historischen Fassade verbirgt sich nicht etwa ein Schloss, sondern ein Einkaufszentrum! Quelle: Marc Venema / shutterstock.com

Ayer - 13 min
Portada del episodio Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (7)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (7)

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150104] unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge! Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403], den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464], den dritten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150486], den vierten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150605], den fünften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150632], sowie den sechsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150671] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- Der kleine Teddy Kurz vor Kriegsende war ich 2 Jahre alt. Ich besaß einen sehr kleinen (Steif-) Teddy, den mir mein Vater geschenkt hatte. Der Teddy sah etwas ramponiert aus, aber ich liebte ihn trotzdem sehr, teilte jede Nacht das Bett mit ihm, indem ich ihn mit auf mein Kopfkissen legte. Jahre später erzählte mein Vater mir seine Geschichte: Wir wohnten in Freital, einem Ort unmittelbar an der Dresdener Stadtgrenze. Einen Tag nach den Bombardierungen von Dresden im Februar 45 fuhr mein Vater mit dem Fahrrad nach Dresden, um herauszufinden, was mit seiner Schwester, sie wohnte mit ihrem Mann im Zentrum Nähe Altmarkt, passiert sei. Er fand nur rauchende Trümmerberge vor, ein Vordringen zum Standort des Hauses war nicht möglich. Ihre Leichen wurden nie gefunden. Auf der Rückfahrt wurde mein Vater durch herabstürzende Gebäudetrümmer verletzt. Dabei fand er auf der Straße den kleinen Teddy. Ich fragte meinen Vater, wem denn der Teddy gehört habe. Er wusste es natürlich nicht, meinte aber, möglicherweise wäre das Kind bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Ich verstand das nicht und fragte nach dem Warum. Eine weitere Schwester meines Vaters, wohnhaft in einem Dresdener Außenbezirk, überlebte die Bombardierung in einem Luftschutzkeller, wurde aber völlig ausgebombt. Ihr Sohn, 17-jährig, starb als Soldat wenige Wochen vor Kriegsende in Griechenland den „Heldentod“ für Führer, Volk und Vaterland. Ihr Mann kehrte nicht aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Den kleinen Teddy gab ich später an einen meiner Söhne weiter. Alle diese Kindheitserinnerungen haben sich fest und unauslöschbar in mein Gedächtnis eingeprägt. Und bestärkten meine antimilitaristische Haltung. Anmerkung: Mein Sohn sagt immer, ich solle diese alternativen Medien wie z.B. die NDS nicht lesen. Sie würden mich zu sehr aufregen. Nein, entgegne ich ihm, sie sind ein Trost für mich, dass ich mich mit meiner Meinung nicht allein fühle. Hans Sarfert ---------------------------------------- „Und, was hast Du denn gemacht, als sie die Juden abholten?“ Ich bin 1954 geboren und die ersten Jahre bei meinen Großeltern in Frankfurt/M. aufgewachsen. Mein geliebter Opa war nicht mein leiblicher Großvater, der ist 1941 in Russland geblieben. Meine Oma war nach dem Krieg eine neue Partnerschaft eingegangen. Meine Mutter, 1931 geboren, hat den Verlust ihres Vaters nie überwunden und das Idealbild eines Mannes verinnerlicht, dem kein lebender Mann, weder mein Vater noch mein Bruder entsprechen konnten. Entsprechend skeptisch war sie gegenüber dem Lebensgefährten ihrer Mutter, einem, der sich vor der Wehrmacht gedrückt hatte. Mein Opa hatte es tatsächlich geschafft, nicht eingezogen zu werden, nicht aus Feigheit, was meine Mutter immer unterstellte, sondern aus politischem Bewusstsein. Opa war Kommunist. Jahrzehnte später unterhielten sich meine Eltern mit meinen Großeltern und meine Mutter griff verbal meinen Opa an: Und, was hast Du denn gemacht, als sie die Juden abholten? Mein Opa stand daraufhin auf und verließ ohne Erklärung den Raum. Erst kurz vor seinem Tod teilte er mit mir die sehr schmerzliche Erinnerung, während der Nazizeit einer Widerstandsgruppe angehört zu haben, die Juden versteckte. Er war dort in die Versorgung der Versteckten mit eingebunden. Die Juden wurden entdeckt und sein Genosse, der sie versteckt hatte, kam ins KZ. Tatsächlich überlebten Frankfurter Juden nicht. Für mich war mein Opa ein Held, für seine Zeitgenossen ein verachtungswürdiger Feigling. Grit Reichert ---------------------------------------- Wir kleinen Kinder waren neidisch, wenn die Großen an uns vorbeimarschierten KRIEGS-TÜCHTIG manipuliert wurde die Jugend auch damals. Als Kriegskind, geboren im September 1938, habe ich die „Operation Gomorrha“ mit den verheerenden Bombenangriffen auf Hamburg im Juli 1943 überlebt, weil wir kurz vorher zu bäuerlichen Verwandten in die Lüneburger Heide gebracht wurden. Auch unsere Wohnung in HH-Barmbek wurde durch die Bomben zerstört, und binnen weniger Tage wurden 40.000 Menschen im Feuersturm getötet. Unsere tatkräftige Mutter organisierte dann im waldreichen Norden Hamburgs ein Behelfsheim für uns, während der Vater als Kapitän im Kriegseinsatz in Norwegen war. Bei uns in der Nähe war das Jugendheim, in dem die gut organisierte Partei die Jugend mit Geländespielen und Gesang auf den Einsatz im Zweiten Weltkrieg vorbereitete – irgendwo an den vielen Fronten, über die lautstark jeden Tag in den Rundfunk-Sondermeldungen berichtet wurde. Wir noch kleinen Kinder waren neidisch, wenn die Großen an uns vorbeimarschierten in ihren schicken HJ-Uniformen und mit Gesängen und Spielen kriegstüchtig gemacht wurden, damit sie bereit waren zu sterben im Kampf für das Vaterland. Die Manipulation der Jugend war perfekt – aber mit dem Kriegsende am 8. Mai 1945 war auch unser kindlicher Traum vom Dabeisein beendet. Meine Mutter brach in Tränen aus wegen des verlorenen Krieges. „Nie wieder Krieg“ war in den Jahrzehnten danach unser aller Ziel. Niemals hätten wir es für möglich gehalten, dass 80 Jahre später „Kriegstüchtigkeit“ und „Russenhass“ bei manchen verblendeten Politikern und deren Medien zum wichtigsten „Deutschen Wert“ erhoben wird und sogar die Jugend wieder einbezogen wird mit dem Ziel der „Kriegs-Tüchtigkeit. Die Methoden von damals sind wieder da – allerdings ist die Art der Manipulation noch „verbessert“ worden – eine erschreckende Entwicklung, die dringend beendet werden muss. Peter Främke ---------------------------------------- Wir spielten mit kleinen Puppen aus Rosenknospen Ich war 6 Jahre alt, als jede Nacht die Sirenen erklangen und wir aus dem 4. Stock in der Uhlandstraße in Berlin in den Keller laufen mussten, wo dann die Leute auf Stühlen an der Wand entlang saßen. Es war Juli 1942, als unsere liebe Vermieterin Clara Arnheim abgeholt wurde, weil sie Jüdin war. Sie starb in Theresienstadt. Ich habe eine Reihe Fischerbilder von Hiddensee, die ich sehr liebe. Meine Mutter wurde dann als Lehrerin nach Stentsch im Kreis Züllichau versetzt. Im Januar 1945 kam mein Vater, weil die Russen schon nahten. Er holte uns nach Berlin zu meiner Großmutter in Lichtenrade. Es gab noch immer Sirenenalarm. Im April 1945 sind wir mit Mutti und meinen drei Schwestern, die Jüngste im Kinderwagen, in die Rhön geflohen, wo wir eine Jagdhütte am Waldrand bewohnen durften. Am 20. April überflogen die Amerikaner das Dorf und bombardierten einen Jeep mit Deutschen auf dem Feld, eine Bombe fiel 100 m neben der Hütte, ein Splitter fuhr direkt durch das Haus und Mutti kippte die Erbsensuppe über das Feuer aus dem Herd. Unten im Dorf brannte eine Scheune. Kurz danach waren wir auf Pilzsuche im Wald und ein deutscher Soldat in Uniform fragte nach meiner Mutter. Sie besorgte ihm getragene Kleidung aus dem Dorf. Das waren wohl die letzten Kämpfe in der Rhön. Ich erinnere mich an den ersten Laster mit amerikanischen Soldaten, der ins Dorf einfuhr, und jemand hatte mir beigebracht zu sagen „Chocolate please”, es funktionierte aber nur einmal. Wir spielten mit kleinen Puppen aus Rosenknospen mit Glockenblumenröckchen in Streichholzschachteln und kannten bald die Standorte der Pilze und Blaubeeren. Beim Basaltsteinbruch am Gangolfsberg gab es sogar Walderdbeeren und Steinpilze am Waldrand. Beate Kik ---------------------------------------- Ich habe meinen Vater das erste und einzige Mal weinen sehen Ich bin Jahrgang 1940, geboren in Mainfranken in der Nähe von Coburg, während der Evakuierung der Bevölkerung im saarpfälzischen Grenzgebiet (Westwall). So auch meine Familie. Aufgewachsen bin ich, nach der Rückkehr, in einem kleinen Dorf in der Westpfalz, also nahe der Grenze zu Frankreich. Mein Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg, in dem zwei seiner Brüder „gefallen“ sind. Er hat nie darüber gesprochen, jedenfalls nicht mit mir – ich habe ihn auch nie dazu animiert, obwohl ich im Schüleralter fast regelmäßig seine kleine Kriegsrente von der Post abholen durfte. Er musste auch nicht als Soldat in den Zweiten Weltkrieg. Dafür mussten drei seiner Söhne in den Krieg, die alle am Ende überlebten und nur einer in Gefangenschaft war. Der älteste meiner Brüder (Jahrgang 1920) war mit Rommel in Afrika und danach in Italien. Im Februar 1945 bekam er überraschenderweise Heimaturlaub, den er nicht beendete. Er sagte sinngemäß: Ich bleibe hier. Sollen sie mich doch an die Wand stellen. Wenn ich zurückgehe, sterbe ich auch. Der Zweitälteste (Jahrgang 1923) war ohne sein Zutun Mitglied der Waffen-SS und Panzerkommandant und musste miterleben, wie die Besatzung seines Panzers zerfetzt wurde. Er wurde verletzt und entkam so dem Wahnsinn Stalingrad. Zwischendurch hatte er Lungentuberkulose (offiziell war er wegen einer einfachen Erkältung im Lazarett – bei der SS gab es keine Tbc). Ein Nachbar, SPD-Mitglied, hatte ihm nach dem Krieg wegen seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS angeboten, ihm den „Persilschein“ zu besorgen, wenn er Mitglied der SPD werde. Was er nicht tat und kurze Zeit untertauchte. Die Tbc-Geschichte hatte ein befreundeter Arzt in den 1950er-Jahren festgestellt, und die hat sich in seinem späteren Leben von Zeit zu Zeit bemerkbar gemacht. Im hohen Alter hing er am Sauerstoffgerät. Auch er bekam eine kleine Kriegsrente. Der Dritte (Jahrgang 1925) wurde aus seiner Ausbildung als Flugzeugmotorenschlosser zum Krieg eingezogen und war aufgrund dieser Ausbildung beim Bodenpersonal und nicht an der Front. Doch er kam in amerikanische Gefangenschaft und nach mehreren Monaten ausgehungert nach Hause. Die drei Brüder waren nach dem Krieg für mich fremde erwachsene Menschen, später dazugekommene Familienmitglieder, mit einem Sonderstatus. In dem Krieg sind drei Cousins von mir „gefallen“. Im Jahr 1945 waren in unserem Dorf Soldaten der Wehrmacht einquartiert. Auch in unserer Wohnung war ein Soldat. In seiner Freizeit machte er Zigarren. An einem sonnigen Morgen im März sagte er zu meiner Mutter. „Mutti, heute kommen sie. Heute ist Flugwetter.“ Ich sehe ihn heute noch, wie er vor der Haustür stand, sich rasierte und dabei immer zum Himmel schaute. Danach sang er in Endlosschleife das Lied „Das Schicksal wird keinen verschonen.“ Gegen Mittag kamen die Flugzeuge und es fielen Schüsse und Bomben. Am Rande des Wäldchens nahe unserem Dorf war eine FLAK (Fliegerabwehrkanone) stationiert. In unserer Nachbarschaft war eine Streuobstwiese, und da waren Schützengräben ausgehoben. Ich rannte dahin, doch die Gräben waren von Soldaten belegt. Dann lief ich zurück zu dem dazugehörigen Gebäude, durch den Stall, in dem Pferde standen, die allerdings sehr in Bewegung waren. Ich wundere mich heute noch, dass ich da heil durchgekommen bin. Auf der anderen Seite des Gebäudes war ebenfalls ein Schützengraben. Da fand ich meine Mutter mit meinem älteren Bruder und meiner Schwester. Als die Kampfhandlungen nachließen, kam mein Vater über den Hügel, der im Nachbardorf in einer Schuhfabrik gearbeitet hat. Er sah, dass unser Haus (Wohnhaus mit Scheune und Stall) beschädigt war, und er wusste, dass in der Scheune ein Kleinlastwagen mit Gasflaschen stand. Dann entdeckte er uns im Schützengraben, und ich habe meinen Vater das erste und einzige Mal weinen sehen. Bei diesen Kampfhandlungen sind an diesem Tag fünf Soldaten „gefallen“. Einer davon war unser Zigarrenmacher. Auch ein junges Mädchen wurde erschossen, das mit ihrem kleinen Bruder im Kinderwagen unterwegs war. Im Dorf waren einige Häuser beschädigt und zwei waren total zerstört. Die Westpfalz und der Pfälzer Wald sind wie Schweizer Käse: Fast jeder zweite Berg ist hohl – schon zum Zweiten Weltkrieg. Kurz nach dem Ortsausgang unseres Dorfes ist auch so ein Bunker, der im Krieg als Behelfslazarett gedacht war. In diesem Bunker wurde dann das ganze Dorf untergebracht. Und da lebten wir bis zum Kriegsende. Unser Haus stand neben dem Schulgebäude, das die US-Soldaten als Geschäftsstelle nutzten. So konnten wir beobachten, wie die Amis auf dem Schulhof die Lehrmaterialien, Bücher und Landkarten verbrannten. Wie immer und überall: Die Sieger zerstören die Kultur der Besiegten. K.-H. Butz ---------------------------------------- Er kochte sich Sud aus den Spitzen von Tannennadeln Liebes Team der NachDenkSeiten, Ich selbst bin erst in den 60ern geboren. Mein Vater war einer derjenigen, die die Jugend verloren hatten. Er erzählte nicht viel vom Krieg, er wollte das hinter sich lassen. Dennoch glaube ich, ist das Wenige dennoch wert, im Bewusstsein zu bleiben. Mein Vater ist 1928 geboren und wuchs bei seiner Oma in ärmlichen Verhältnissen auf. Aufgrund seiner guten Noten durfte er ein Gymnasium besuchen, das auch ein Internat war. Er träumte davon, Arzt oder Diplomat zu werden. 1944 wurde er mit den anderen Schülern eingezogen. Es ging als Kanonenfutter Richtung Osten. Er hatte Glück im Unglück, denn der Feldwebel, der den Zug kommandierte, achtete auf seine Schützlinge und versuchte, sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Er wusste, dass der Krieg verloren war, und leitete sie möglichst von den Gefechten weg. Dennoch verloren sie Kameraden. Er kam in Gefangenschaft. Nahrung war knapp. Er bekam Ruhr und kochte sich Sud aus den Spitzen von Tannennadeln. Das half, den Durchfall zu lindern, und rette wohl sein Leben. Eines Tages mussten sie antreten und es wurden Gefangene ausgewählt, die auf einen Lkw sollten. Mein Vater wusste ebenso wenig wie die anderen, ob die Ausgewählten etwas Positives oder der Tod erwartete. Er machte das blödeste Gesicht, das ihm möglich war, wurde ausgewählt und nach dem Transport bald freigelassen. Ob das vor oder nach seiner Gefangenschaft war, weiß ich nicht, aber er erzählte einmal, dass er völlig ausgezehrt unterwegs war, als er eine weggeworfene Konservendose fand. Darin befand sich ein Rest angegammelter Nahrung. Er schlang das Festmahl mit Heißhunger hinunter. Nachdem er freigelassen wurde, schlug er sich nach Westen durch und landete schließlich auf einem Bauernhof, auf dem er gegen Essen arbeiten durfte. Später kam er nochmals an seine alte Schule, die noch stand, und wollte seine Geige abholen. Das war das einzig Wertvolle, was er besessen hatte. Natürlich hatte sie schon ein anderer mitgenommen. Wenn ich sehe, mit welchen Schein- und Luxusproblemen sich manche Jugendliche heute beschäftigen, denke ich, wie glücklich sie doch eigentlich sein müssten. Aber sie können ihr Glück nicht erkennen, weil sie keine Vorstellung von richtiger Not haben. Meine Mutter war vor allem bei Kriegsende betroffen. Sie wohnte mit ihren Eltern in einem Dorf im Erzgebirge, das damals zu Tschechien gehörte. Meine Mutter war 10 Jahre alt, als bei Kriegsende marodierende tschechische Banden in die deutschen Siedlungen einfielen und die Deutschen ohne Vorwarnung aus dem Haus jagten und vertrieben. Es gab in der Gegend einen Deutschen, der den sogenannten „Partisanen“ zeigte, wo andere Deutsche wohnten. Ob der Verräter dadurch selbst seiner Vertreibung oder Schlimmerem entging, weiß niemand. Ihre Eltern hatten so etwas geahnt und ein paar wertvolle Sachen bei einem tschechischen Bauern versteckt, aber als sie sie dann mitnehmen wollten, behauptete dieser, es wäre nichts mehr da. So kamen sie mit kaum mehr als der Kleidung auf dem Leib in einem Auffanglager in Hessen an. Im Grundbuch steht noch heute der Name ihrer Eltern als Eigentümer. Der Vater wollte nach dem Krieg keine Entschädigung annehmen, weil er davon ausging, dass er irgendwann wieder sein Haus und Hof zurückbekommen könnte. Jedoch starb er kurz nach meiner Geburt an Lungenkrebs. Er war Raucher und hatte im Krieg Zigarettenstummel aufgesammelt und die Reste zu neuen gerollt. Vielleicht hat das den Krebs begünstigt. Vielleicht finden Sie diese Erlebnisse erwähnenswert. Besten Gruß Rainer Leutert ---------------------------------------- Hier können Sie den achten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150816] und hier den neunten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150812] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. Titelbild: wikicommons [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%87%D0%B8%D0%BA_%D0%BD%D0%B0_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D1%85_%D0%B2_%D0%B3.%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B5.jpg]

24 de may de 2026 - 17 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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