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Vor 50 Jahren: Dagmar Berghoff als erste Sprecherin in der Tagesschau

11 min · 16 de jun de 2026
Portada del episodio Vor 50 Jahren: Dagmar Berghoff als erste Sprecherin in der Tagesschau

Descripción

DAGMAR BERGHOFF BEIM SWF IN BADEN-BADEN Die Spurensuche beginnt eher unglamourös: Auf einem betonierten Parkplatz auf dem SWR-Gelände. Es nieselt. Zusammen mit Bettina Reiss gehe ich über den Parkplatz, oben am Haus des Hörfunks. Bettina Reiss arbeitet im Fotoarchiv des SWR. Sie hat ein altes Bild von Dagmar Berghoff aus deren Zeit beim Südwestfunk mitgebracht. Es zeigt Berghoff, die an einem weißen Auto steht. Bettina Reiss und ich stehen am Waldrand und lassen das Foto auf uns wirken: Die Berghoff von damals trägt ein elegantes schwarzes Kleid und lacht in die Kamera. Es ist das Jahr 1975 – ihr letztes Jahr in Baden-Baden. Dass sie nur ein Jahr später eine eiserne Regel in der damals noch männerdominierten ARD brechen wird – das weiß Berghoff im Moment der Aufnahme noch nicht. DURCH EINEN ZETTEL AM SCHWARZEN BRETT ZUM SÜDWESTFUNK Spulen wir zurück ins Jahr 1967. Da heuert Berghoff beim Südwestfunk an. > Bei mir war's so: Ich habe drei Jahre lang eine Schauspielschule besucht. Dann hing bei uns ein Zettel am Schwarzen Brett, auf dem stand: Südwestfunk sucht junge Dame, die Fernsehansagen machen will, Rundfunksprecherin sein möchte und im Hörspiel, Fernsehspiel tätig sein will. > > > Quelle: Dagmar Berghoff VOM „TELEFONFRÄULEIN“ IM HÖRSPIEL BIS ZUR FERNSEHANSAGERIN Auf der Suche nach Berghoffs ersten Sprechversuchen tauche ich mit Hörfunk-Archivarin Katharina Stephan ab in die Katakomben des SWR. Über hundert Regalreihen gibt es. Bei Regalreihe 49 biegen wir links ab. Katharina Stephan zieht ein gebundenes Buch mit vergilbten Manuskripten aus dem Jahr 1968 heraus: „Duell im Stile der Zeit“, ein Hörspiel von Charles Cohen. Dagmar Berghoff spielt darin ein „Telefonfräulein“. Ihr Einsatz kommt bei Minute 8: „Zentrale“, sagt sie. Auf die Frage des Anrufers, ob sie ihn verbinden könne, antwortet sie: „Das ist leider nicht möglich.“ In ihren neun Jahren beim SWF in Baden-Baden werden die Aufträge größer. Berghoff moderiert Musiksendungen, sagt das Programm im Fernsehen an. ZUM ABSCHIED DANN DOCH NOCH DIE NACHRICHTEN Eine Aufgabe blieb ihr dort jedoch fast bis zum Schluss verwehrt: Das Nachrichtensprechen. Frauen galten als „zu emotional“ – man befürchtete, sie könnten in Tränen ausbrechen. An Berghoffs letztem Tag beim SWF kam es jedoch zu einem Vorfall, der sie schon sanft anklingen ließ: die „neue“ Ära. > Ich saß im Studio, da kam ein hochroter Redakteur rein und sagte: „Unser Nachrichtensprecher ist nicht da!“ Da sag ich: „Ja hier dürfen Frauen nicht Nachrichten sprechen – das müssen Sie machen!“ Sagt er: „Ich?? Nein, auf keinen Fall!“ Da hab ich mich dann vom Südwestfunk tatsächlich mit Nachrichten verabschiedet – im Bild. Zum ersten Mal eine Frau dort. Das war im Nachhinein dann so zeichengebend. > > > Quelle: Dagmar Berghoff In der Tat. 1976 zieht die gebürtige Berlinerin nach Hamburg und wird schließlich vom damaligen Tagesschau-Chefsprecher Karl-Heinz-Köpcke als erste Frau ins Sprecherteam aufgenommen. > Das war Stress für mich. Ich dachte, wenn ich jetzt versage – dann ist dieser Beruf für uns Frauen auf lange, lange Zeit verloren. Ich wusste: Ich musste auf Anhieb gut sein. > > > Quelle: Dagmar Berghoff Und das ist sie: Am 16. Juni 1976 spricht Berghoff fehlerfrei und in der für sie typischen preußisch-zurückhaltenden Art ihre erste Ausgabe – „wundersamerweise“ ohne Tränen. 1995 wird sie noch für ein paar Jahre Chefsprecherin, um sich schließlich am 31. Dezember 1999 aus dem Beruf zu verabschieden. Und wenn man hier ganz genau hinschaut, dann kann man sich durchaus einbilden, dass sie beim allerletzten Satz, den sie vor dem ikonischen blauen Hintergrund sagt, feuchte Augen bekommt. > Ja, meine Damen und Herren – das war's für mich für's Erste. Ich danke Ihnen, dass Sie immer wieder unsere 20-Uhr-Tagesschau als Ihre Nachrichtensendung gewählt haben. [...] Und damit tschüss von diesem Platz. > > > Quelle: Dagmar Berghoff

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Portada del episodio Gitarrenstreit um die Stratocaster: Musikhändler Thomann klagt gegen Fender

Gitarrenstreit um die Stratocaster: Musikhändler Thomann klagt gegen Fender

Der Streit um die legendäre Stratocaster spitzt sich zu: Nach einem umstrittenen Urteil verschickt Fender Abmahnungen an Hersteller und Händler weltweit. Nun geht mit Thomann erstmals der ein großer Musikhändler juristisch gegen Fenders Abmahnwelle vor – und will die Frage nach dem Schutz der legendären Gitarrensilhouette gerichtlich klären lassen. VOM PLAGIATENSCHUTZ ZUR GRUNDSATZFRAGE Was als juristisches Vorgehen gegen Gitarrenkopien begann, entwickelt sich zunehmend zu einem Grundsatzstreit der Musikinstrumentenbranche. Im März hatte Fender vor dem Landgericht Düsseldorf einen Erfolg erzielt: Das Gericht bewertete den Korpus der legendären Stratocaster erstmals als urheberrechtlich geschütztes „Werk der angewandten Kunst“. Bis dahin galt vor allem die charakteristische Kopfplatte als geschützt. Auf Grundlage dieses Urteils geht Fender inzwischen nicht nur gegen offensichtliche Fälschungen vor, sondern auch gegen Hersteller und Händler sogenannter „S-Style“-Gitarren, deren Form an die Stratocaster angelehnt ist. Branchenbeobachter berichten von Abmahnungen, Auskunftsforderungen und Vertriebsbeschränkungen. THOMANN KÜNDIGT RECHTLICHE SCHRITTE AN Europas umsatzstärkster Musikhändler Thomann hat am 22. Juni 2026 öffentlich erklärt, selbst rechtliche Schritte gegen Fender eingeleitet zu haben. In seiner Stellungnahme bezeichnet das Unternehmen das Düsseldorfer Urteil als ein „sogenanntes Versäumnisurteil“, das auf formalen Fristversäumnissen beruhe und aus seiner Sicht keine umfassende inhaltliche Prüfung der Rechtslage darstelle. Fender versuche nun, daraus einen grundsätzlichen Copyright-Anspruch auf die Stratocaster-Korpusform abzuleiten. Thomann argumentiert, die Fragestellung reiche weit über einen einzelnen Rechtsstreit hinaus und betreffe „die Zukunft von Vielfalt, Innovation und Wettbewerb“ in der Gitarrenbranche. „VERANTWORTUNG FÜR ALLE BETEILIGTEN“ Besonders deutlich wird Thomann-Chef Hans Thomann. In der Stellungnahme erklärt er: „Viele Betroffene haben nicht die finanziellen und rechtlichen Möglichkeiten, einen solchen Rechtsstreit zu führen.“ Weiter sagt er: „Wir sehen es deshalb als unsere Verantwortung, diese Angelegenheit nicht nur für unser eigenes Unternehmen, sondern für alle Beteiligten gerichtlich klären zu lassen.“ Nach Angaben des Musikhauses betrifft der Konflikt nicht nur externe Hersteller und Händler, sondern auch die Eigenmarke Harley Benton. Thomann betont zugleich, man wolle auch künftig die „gesamte Bandbreite der Gitarrenwelt“ anbieten können. PRÄZEDENZFALL FÜR DIE GESAMTE BRANCHE? Der Fall könnte weit über die Gitarrenwelt hinaus Bedeutung erlangen. Sollte sich die Düsseldorfer Rechtsauffassung durchsetzen, könnte sie neue Maßstäbe dafür setzen, wann die Form eines Gebrauchsgegenstands urheberrechtlichen Schutz genießt. Genau diese Frage hatte bereits den Kern der bisherigen Debatte gebildet. Mit Thomann steigt nun erstmals ein Schwergewicht der europäischen Musikinstrumentenbranche offen in den Konflikt ein. Damit dürfte aus einem bislang vor allem juristischen Fachstreit eine Auseinandersetzung werden, die die gesamte Gitarrenindustrie aufmerksam verfolgen wird.

Ayer7 min
Portada del episodio Big Brother, Facebook und Palantir: Neues Buch von Jens Balzer über „Die Nullerjahre“

Big Brother, Facebook und Palantir: Neues Buch von Jens Balzer über „Die Nullerjahre“

SIEGESZUG DER SMARTPHONES KAUM VORHERGESEHEN Nach Porträts der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre nimmt Jens Balzer nun in seinem neuen Buch „Confusion Is Next. Die Nullerjahre –Jahrzehnt des Umbruchs“ die Zeit nach der Jahrtausendwende unter die Lupe. Für ihn ist es das Jahrzehnt, dessen technische Innovationen bis heute großen Einfluss auf unser Leben haben. Die Euphorie um die neuen Technologien steht im Fokus von Balzers Erkundungen. Um das Jahr 2000 hätte „niemand damit gerechnet, dass man eines Tages auf einem Telefon tatsächlich auf das gesamte Internet zugreifen würde“, so Balzer im Gespräch mit SWR Kultur – eine Entwicklung, die damals unterschätzt wurde. „BIG BROTHER“ UND FACEBOOK GEHEN AN DEN START Balzer beschreibt in seinem Buch sowohl die großen gesellschaftlichen Freiheiten als auch den Beginn neuer Formen der Kontrolle. Facebook, Reality-TV-Formate wie „Big Brother“ und immer mehr Überwachungstechnologie entstehen. In den Achtzigerjahren hätten die Menschen noch gegen die Volkszählung in Westdeutschland demonstriert , so Balzer. Man hatte „größte Bedenken, dass jetzt der gläserne Mensch entsteht.“ Dabei seien die Daten über Wohnort, Arbeit und Konfession „völlig harmlos“ gewesen. Im Vergleich dazu, hätten viele Menschen zwanzig Jahre später geradezu freiwillig ihre Daten abgegeben: „Vor allem Facebook machte die Menschen ab 2005 zu Objekten einer dauernden Überwachung, in dem jede Handlung im Netz registriert und dokumentiert wird“. PETER THIEL ALS SCHLÜSSELFIGUR DIGITALER MACHTERWEITERUNG Zeitgleich gründete der umstrittene Tech-Unternehmer Peter Thiel die Überwachungsfirma Palantir. Thiel war zudem der erste große Investor für Facebook – womit der den Erfolg von Mark Zuckerbergs damals neuer Plattform mit ermöglichte, betont Balzer. „Er ist zweigleisig gefahren: Einerseits hat Thiel mit Palantir die staatliche, geheimdienstliche Überwachung unterstützt, also die Überwachung von oben. Andererseits hat er die Überwachung, in die wir uns alle freiwillig in den sozialen Netzwerken begeben, gefördert. Beides gehört zusammen.“ NAIVE EUPHORIE UND FINANZIELLE SORGLOSIGKEIT „Es war eine Phase ungeheurer Technik-Euphorie“, erinnert sich Balzer. Auch in Berlin hätten alle in Startups gearbeitet: „Man hatte das Gefühl, dass da technologisch irgendwas möglich wird, was die Menschen nach vorne bringen könnte oder was ihnen auch ein einigermaßen sorgloses Leben ermöglicht.“ Freiheit und finanzielle Sorglosigkeit als Lebensgefühl der Hauptstadt also: So fand man in Berlin damals noch problemlos eine Wohnung, die Bahn kam pünktlich, das Leben war planbar, und man konnte dort mit sehr wenig Geld über die Runden kommen, so der Autor – „das können sich die jungen Leute heute überhaupt nicht mehr vorstellen.“

Ayer7 min
Portada del episodio Sprich, Apfelbaum, sprich: „Nelka“ von Svenja Leiber

Sprich, Apfelbaum, sprich: „Nelka“ von Svenja Leiber

Nelka ist wieder da – dort wo sie schon einmal unfreiwillig vier Jahre verbracht hat, auf dem Hof des Gutsbesitzers Marten in Schleswig-Holstein. 1941 wurde die sechzehnjährige Ukrainerin in ihrer Heimatstadt Lemberg aufgegriffen und mit vielen anderen verängstigten jungen Frauen in einem Güterzug zur Fron in Hitlers Sklavenstaat verfrachtet:  „Es scheint möglich, auf einer einzigen Reise um Jahre zu altern. Diejenigen, die als junge Mädchen in Królewska in den Waggon gestiegen waren, sehen beim Aussteigen und Hinübergehen zum Desinfektionslager in der Nähe der Reichshauptstadt wie sehr blasse Frauen aus.“ Bis zum Kriegsende muss Nelka dann auf dem Gutshof schuften, allerdings bald in einer leicht privilegierten Stellung. Marten, damals noch der Verwalter des Guts, ist der jungen Ukrainerin verfallen, obwohl der persönliche, gar erotische Kontakt mit Zwangsarbeiterinnen strengstens verboten ist und er gerade standesgemäß seine arische Gattin Inge geehelicht hat, die sich ihrer ersten sinnstiftenden Schwangerschaft entgegensehnt.  DAS WISSEN DES VATERS  Marten legitimiert Nelkas Bevorzugung mit ihrem erstaunlichem, dem „Reichsnährstand“ nützlichen Wissen über Apfelanbau. Ihr geliebter Vater Wendelin Lechner war ein renommierter Experte für Obstanbau und hat sein pomologisches Wissen früh mit seiner aufgeweckten Tochter geteilt – in der Sprache seiner österreichischen Herkunft.     „Wenn es um Äpfel ging, sprach Wendelin Deutsch, und so lernte Nelka die Beschreibungen der Systeme und die Beschreibungen der Früchte, aber selbst sprach sie kaum. Grüßte nur flüsternd die Komische Grethe, die Renetten, Lord Grosvenor, Madame Favre oder Ingrid Marie in den Kronen, während sie durch den Garten streifte.“ Marten merkt bald, dass die Ukrainerin mehr über Apfelanbau weiß als sich deutsche Bauernweisheit träumen lässt – ein guter Vorwand, sie in seiner Nähe zu halten, auch wenn Inge mit den Augen rollt.  WÜTENDE HILFLOSIGKEIT  Dass eine Zwangsarbeiterin Anfang der neunziger Jahre zum Ort ihrer Versklavung zurückkehrt, um den Mann, der sie – ihren Körper und ihr Wissen – ausgenutzt hat, womöglich zur Rede zu stellen, erscheint anfangs als eine etwas forcierte Erzählkonstruktion. Je mehr man aber über das heikle Verhältnis zwischen Nelka und Marten erfährt, desto plausibler wird die Geschichte. Svenja Leiber verschafft dem Plot durch vielen realistische, gut recherchierte Details soliden Untergrund. Ihrem nuancierten psychologischen Erzählen gelingt es, die Geschichte aus einer bloßen Täter-Opfer-Konstellation herauszuschreiben, ohne das tatsächliche Machtgefälle einzuebnen.   Die „wütende Hilflosigkeit“, die den siebenundsiebzigjährigen Marten beim Anblick der wiedergekehrten Nelka überkommt, bestimmt sein Verhalten gegenüber der Ukrainerin von Anfang an.  PRÄZISE UND POETISCH  Leibers Sprache vermeidet zwar nicht einige raunende, allzu bedeutungsschwangere Formulierungen; zumeist aber ist sie präzise, bisweilen sogar poetisch.   Aber was will Nelka, warum kommt sie zurück? Geht es um Entschädigung, um Geld? Es entspricht Marten, so zu denken, aber auch hier liegen die Dinge nicht so einfach.  „Sie macht ihn ganz irre. Sie soll verdammt nochmal reden. Er hätte sie doch nicht ins Haus lassen dürfen. Aber er war zu neugierig. Und es schien ihm auch klüger, sie nicht zu verärgern. Ganz vorsichtig und freundlich wollte er sein, versucht jetzt sogar zu lächeln.“  Es kommt zu keiner wirklichen Aussprache, keiner Anklage und Versöhnung; das hat Leiber dem Roman zum Glück erspart. Stattdessen lesen wir über Nelkas Rückgewinnung des zivilen Lebens nach den Jahren der Versklavung – und so rundet sich das Bild einer literarischen Figur ab, die man so bald nicht vergisst.

21 de jun de 20264 min