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Acerca de SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Mörderische Teenagerinnen in einer englischen Küstenstadt
Drei Teenagerinnen ermorden in einer fiktiven nordenglischen Küstenstadt im Jahr 2016 ihre Mitschülerin: Sie foltern sie in einer Strandhütte, lassen sie dort liegen und zünden die Hütte an. Noch in der Nacht geht eine von ihnen zur Polizei. Sie werden verhaftet, vor Gericht gestellt, verurteilt. Nur eines bleibt im Dunkeln: ihr Motiv. Das ist – natürlich – bester True-Crime-Stoff: mörderische Mädchen, ein grausames Verbrechen, eine Kleinstadt. Und genau deshalb ist das der Ausgangspunkt von Eliza Clarks raffiniertem und ungemein cleverem „fiktiven True-Crime-Roman“ „Penance“. Die 1994 in Newcastle geborene Eliza Clark hat 2020 mit ihrem Debüt „Boy Parts“ auf sich aufmerksam gemacht: Eine Mischung aus Kunst-Essay und feministischer Variation von „American Psycho“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/bret-easton-ellis-american-psycho-100.html]. Dieses ambitionierte, vielversprechende Buch brachte ihr einen Platz auf der renommierten Liste der besten jungen britischen Autoren ein, die alle zehn Jahre vom Magazin Granta publiziert wird. „Penance“ ist nun ihr zweiter Roman – und er ist sehr viel eleganter, stimmiger im Ton, im Tempo und in der Narration. SKEPTISCHE REZEPTIONSHALTUNG Das zeigt sich schon beim klug gewählten Rahmen des Romans: In einer Vorbemerkung wird das Folgende gekennzeichnet als eine Neuausgabe eines True-Crime-Buchs, das der Journalist Alec Z. Carelli verfasst hat. Erschienen ist es im März 2022, aber wenige Monate später musste es vom Verlag zurückgezogen werden. > Kurz nach der Veröffentlichung beschuldigten einige von Carellis Interviewpartnern ihn öffentlich der Falschdarstellung und sogar Fälschung von Teilen ihres Interviews. In der Folge wurde aufgedeckt, dass Carelli sich auf illegale Weise die in der Haft entstandenen therapeutischen Texte zweier der drei Beschuldigten verschafft hatte. > > > Quelle: Eliza Clark – Penance Mühelos etabliert Clark damit eine skeptische Rezeptionshaltung: Von vorneherein weiß man, man sollte nicht jeder Schlussfolgerung des Erzählers und Autors Carelli folgen. Dennoch geht man ihm auf den Leim. Denn: Seine Erzählung ist clever aufgebaut, außerdem spannend und süffig geschrieben. Carelli stellt sukzessive die Täterinnen vor, nähert sich ihnen, ihren Teenager-Leben und -Sorgen an, indem er mit ihren Eltern, ihren Freundinnen spricht. Wie in erfolgreichen True-Crime-Erzählungen setzen sich so die Puzzleteile des wahren Krimirätsel nach und nach zusammen, so dass am Ende ein zwar falsches, aber stimmiges Bild steht. EMOTIONALE VS. TATSÄCHLICHE WAHRHEITEN Dazu rahmen Transkripte aus Podcasts, die sich mit dem Fall befassen, die einzelnen Teile: Die Hosts reißen sexistische und abstoßende Witze über die Täterinnen und das Opfer. Diese Auszüge stehen für das reißerische True Crime, von dem sich Carelli distanzieren möchte. Auf einer zweiten Ebene aber machen sie geschickt deutlich, dass das, was Carelli schreibt, sich zwar im Ton unterscheidet, aber genauso den Voyeurismus und die Faszination für das „wahre Böse“ bedient und vom Leid anderer Menschen profitiert. Denn auch Carelli nimmt – wie einst Truman Capote in „Kaltblütig“ – ganz selbstverständlich an, dass es ihm zustehe, diese Geschichte so zu erzählen, wie er es möchte. > Ich empfand die Wahrheit schon immer als ziemlich formbar. Ich gebe zu, dass ich keine Skrupel habe, wenn es um Haarspalterei geht, denn mich interessiert die emotionale Wahrheit. Ich bin daran interessiert, ein tieferes Verständnis für die Geschichte zu schaffen. > > > Quelle: Eliza Clark – Penance Es ist beeindruckend, wie Eliza Clark es schafft, sowohl die selbstgerechte Journalisten-Stimme wie den Ton der oftmals sehr einsamen Jugendlichen einzufangen, die sich in Fanfiction und Shitposting auf Tumblr – es ist ja 2016! – verlieren. Dazu erzählt sie innerhalb dieser Verbrechensgeschichte vom englischen Klassismus und dem Niedergang nordenglischer Küstenstädte. Vor allem aber gelingt es ihr, die Erzähl- und Rezeptionsmuster von True Crime gleichermaßen zu bedienen und zu hinterfragen. Der Fall im Buch erinnert sogar lose an Morde, die es in den USA und Großbritannien Mitte der 1990er Jahre wirklich gegeben hat. „Penance“ ist ein sehr unterhaltsames, verführerisch leichtgängiges Buch, das voller kluger Einsichten steckt. Keine Frage: Eliza Clark ist eine der bemerkenswertesten jungen britischen Autorinnen.
Mit Mascha Kaléko durch das Jahr 1956 „Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens“ von Volker Weidermann
> Es ist der letzte Tag des Jahres 1955. > > > Quelle: Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre Mit dem Schiff kommt Mascha Kaléko aus New York, wo sie seit 18 Jahren lebt, zurück in ihre alte Heimat. Lange hatten Ernst Rowohlt und sein Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt sich um sie bemüht, ihr immer wieder geschrieben, sie besucht. Der Verlag wollte ihr „Lyrisches Stenogrammheft“ wieder herausbringen, jenes kleine Bändchen voller zärtlich-ironischer Großstadtgedichte, mit dem sie 1933 schlagartig berühmt geworden war. ENDLICH BERLIN: HEIMKEHR NACH SO VIELEN JAHREN Nach langem Bitten hatte Mascha Kaléko endlich zugestimmt. Und nun war es also soweit. Ihre Verse würden in ein zweites Leben entlassen werden, aber, und das war ihre Bedingung gewesen, nicht ohne sie. Ein ganzes Jahr lang fährt Mascha Kaléko durch Deutschland. Von Hamburg über München und Stuttgart endlich nach Berlin. > Ihr eigentliches Ziel war von Anfang an Berlin. > > > Quelle: Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre Schreibt Volker Weidermann, der sich für sein Buch mit ihr auf diese „merkwürdigste aller Reisen“ begibt, wie sie ihrem Mann Chemjo in einem ihrer unzähligen Briefe mitteilt. Nahezu täglich berichtet sie ihm über ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Stadt, die einst ihre gemeinsame war, wo ihr Sohn Steven geboren wurde, aus der sie 1938 vertrieben worden waren. FAST WIE FRÜHER IM ROMANISCHEN CAFÉ > Ein Mensch war stumm und verschwunden, getilgt aus der Stadt, ihre Bücher aus den Bibliotheken und Buchläden. Und jetzt steht fast jeden Tag ein Gedicht von ihr in einer der Zeitungen. Es ist, als könnte sie noch einmal zum ersten Mal im romanischen Café sitzen, noch einmal von Klabund zum Schweigen aufgefordert werden, noch einmal von Tucholsky zum Weiterreden ermuntert werden. Jederzeit könnte Monty Jacobs sie wieder zu sich in die Redaktion der „Vossischen Zeitung“ bestellen. > > > Quelle: Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre Mascha Kaléko geht fast jeden Tag ins Theater in Berlin, begegnet auf rauschenden Festen vielen Mitgestaltern der neuen Zeit. Immer wachsam darauf bedacht, welche Rolle diese in der Vergangenheit gespielt haben. Beeindruckt ist sie auf einer der vielen Partys, die für sie gegeben werden, vom berühmtesten Kritiker der Stadt Friedrich Luft oder dem Autor Hans Scholz, der in seinem dokumentarischen Roman „Am grünen Strand der Spree“ den Massenmord an den europäischen Juden beschrieben hatte. Ob sie über die Anwesenheit Wolf Jobst Siedlers, der später zur Legendenbildung Alfred Speers beitrug, so befremdet war wie Volker Weidermann, bleibt offen. Jedenfalls schwankt auch Mascha Kaléko stets zwischen Entsetzten und Euphorie über Menschen und Zustände im Deutschland und Berlin der 50er Jahre. Urteilt oft hart und unerbittlich. Manchmal ungerecht. So, als sie an ihrer alten Wohnungstür in der Bleibtreustraße 10/11 steht. WIEDERSEHEN MIT WIDERSPRÜCHEN > Ich läute. Eine hagere Frau, etwa 40 macht auf, Dienstmädchentyp, aber sie ist die ‚Dame‘. Auf dem Boden im Nebenzimmer spielt ein Baby. Es riecht nach Windeln und Kohl und Piefkehaushalt. Die Möbel wirken portierhaft. Ich trage ihr mein Verslein vor. Sie schlägt mir die Tür ins Gesicht mit einem knochenharten ‚Nein nicht möglich.‘ Mein ‚Heimweh‘ nach Berlin ist ein bisschen gedämpft. > > > Quelle: Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre Da fährt ihr sogar der sonst sehr verständige und verehrende Volker Weidermann in die Parade, der seine Protagonistin direkt anspricht: > Es ist jetzt ihre Wohnung, Mascha. Da hilft auch deine sekundenschnelle Verachtung nichts. „Piefkehaushalt“, „Dienstmädchentyp“, portierhafte Möbel“. Verachtung ist eine Waffe, wenn Dichtung und Liebe und Wunderglaube nicht mehr weiterhelfen. Sie dient aber nur zum Selbstschutz. Nicht zum Angriff. Sie öffnet keine Tür. > > > Quelle: Volker Weidermann – Wenn ich eine Wolke wäre Die „Reise ihres Lebens“, wie Mascha Kaléko sie nennt und das Buch im Untertitel heißt, erzählt von all den Aufs und Abs der so lange ersehnten Heimkehr, die keine für immer ist. Volker Weidermann berichtet liebevoll und leidenschaftlich, zitiert immer wieder aus Briefen Mascha Kalékos an ihren Mann Chemjo Vinaver. Ihre Eindrücke des Jahres 1956 gelangen so sehr unmittelbar zum Leser. Der Autor wiederum ergänzt seine Beschreibungen um biografische Exkurse zu Kalékos Vergangenheit und Zukunft und aufschlussreiche Berichte über Zeitgenossen und Reisestationen. Das Buch „Wenn ich eine Wolke wäre“: Eine kleine Expedition mit der großen Mascha Kaléko.
Prinzessin liest Proust
Neben der immer weiter anschwellenden Sekundärliteratur über Marcel Proust [https://www.swr.de/kultur/literatur/chloe-cruchaudet-celeste-es-wird-zeit-monsieur-proust-100.html] gibt es mittlerweile ein erfolgreiches Genre, in dem die Verfasser bekunden, wie und warum Proust ihr Leben verändert habe. Das überzeugt nicht immer. Bei Laure Murat aber leuchtet der Dreh von der Lektüre ins Leben ein. Schon deshalb, weil umgekehrt einiges vom Leben ihrer eigenen Familie in den Roman eingegangen ist. Etwa der Salon ihrer Urgroßmutter, den Proust als feinsten von Paris rühmte, nachdem er es endlich auf die Einladungsliste geschafft hatte. Die Literaturwissenschaftlerin Laure Murat ist – genau genommen – eine Prinzessin, die mütterlicherseits dem uralten Hochadel und väterlicherseits dem napoleonischen Amtsadel entstammt. Einer ihrer Vorfahren war der legendäre Joachim Murat, den Napoleon als König von Neapel inthronisierte. ROMANFIGUREN ALS VERWANDTE Während sich die Aristokratie anfangs über Prousts indiskrete Darstellung ärgerte, fühlte sie sich mit dem wachsenden Ruhm des Autors geschmeichelt, verkannte ihn aber nun als Snob, der sich voller Bewunderung in ihre Welt eingeschlichen habe, um eine Hommage zu verfassen. > In meinen Jugendjahren hörte ich ständig Geschichten über die Gestalten der ‚Recherche‘, ich war überzeugt, dass es sich um Onkel oder Kusinen handelte, denen ich noch nicht begegnet war. Die Menschen, die mich umgaben, waren Prousts Gestalten. > > > Quelle: Laure Murat – Proust Murat zeigt jedoch, wie sich Proust im Lauf seines Lebens und Schreibens von dem aristokratischen Milieu distanzierte, das er anfangs für den Urquell des Geistreichen, Feinsinnigen und Stilvollen gehalten hatte. Je mehr er die mondäne Elite aber kennenlernte, desto mehr wurde er auch zum sozialen Analytiker, der hinter den vollendeten Formen und komplexen Codes die Leere entdeckte. Die Oberflächlichkeit der Konversation, die mangelnde Bildung, die menschliche Kälte, das Vulgäre. Murat zitiert jene Szene des Romans, in der das Ehepaar Guermantes den Freund Swann, der ihnen offenbart, dass er bald sterben müsse, mit ein paar herzlosen Floskeln abspeist, um es rechtzeitig zur Abendeinladung zu schaffen. Tief betroffen zeigt sich der Herzog nur darüber, dass seine Frau die falschen Schuhe anhat. FORMEN, CODES UND FEHLTRITTE Die Proust-Lektüre verschaffte Murat Einsichten in die Defizite ihrer Gesellschaftsklasse. Haltung ist alles, jede Gefühlsregung wird zur Stilübung. Der einzige Zweck der raffinierten Formen bestehe darin, die anderen von der Legitimität der eigenen Macht und Stellung zu überzeugen. > Es ist eine Welt, in der alles auf Codes und Details beruht, die man mit Absicht kompliziert hat, um den Profanen zum nahezu unvermeidlichen Fehltritt zu verleiten. > > > Quelle: Laure Murat – Proust Proust Roman läuft auf eine Entmystifizierung der Aristokratie hinaus. Der eifrige Snobismus ist der Katalysator dieses Erkenntnisprozesses, indem er erst die Fallhöhe schafft. > Der Snobismus wäre damit für die mondäne Welt das, was die Eifersucht für die Liebe ist: eine Maschine, die Fieberträume produziert, das Äquivalent zur Laterna magica der Kindheit, dieser Fabrik der Projektionen und der Träume. > > > Quelle: Laure Murat – Proust PROUST UND DIE HOMOSEXUALITÄT Murats Bruch mit ihrer Herkunftswelt wurde unausweichlich, als sie ihre Homosexualität offenbarte, was ihre Mutter, eine Historikerin, ihr nie verzieh. Auch in dieser Hinsicht bot Proust Stärkung, denn er thematisiert die Homosexualität wie kein Autor zuvor. Sie unterminiert in der „Recherche“ die Klassengrenzen, schafft Verbindungen zwischen Fürsten und Kleinbürgern, Herzögen und Lakaien. Allerdings sind im Roman alle lesbischen und schwulen Figuren ständig damit beschäftigt, ihr sexuelle Identität vor der Öffentlichkeit zu verbergen und sich zu verstellen. Das aber wollte Murat nicht mehr. Laure Murat hat die eigene Familie mit Proust und Proust mithilfe der eigenen Familiengeschichte besser verstanden. Dass sie uns an diesen Erkenntnisprozessen teilhaben lässt, ist ein Gewinn für erfahrene Proust-Leser ebenso wie für solche, die es erst werden wollen.
Das Unrecht des Stärkeren
„Ich traf meinen Mörder“ – dieser Titel ist zum Glück nicht ganz wörtlich zu nehmen. Can Dündar spricht also nicht aus dem Jenseits zu uns. Der potentielle Mörder des türkischen Journalisten hat seinen Auftrag nicht ausgeführt. Im Gegenteil: Er ist selbst zum Verfolgten geworden und sitzt nun in argentinischer Haft, wartend auf die Auslieferung an die Türkei. Dorthin will er auf keinen Fall zurück. Also packt er aus. Er nimmt Kontakt zu seinem einstigen Zielobjekt auf: Can Dündar. Der fliegt aus seinem deutschen Exil nach Buenos Aires. Und sitzt seinem Beinahe-Mörder nun gegenüber. > Detailliert mit Namen, Daten und Orten berichtete er von den Vorbereitungen eines Attentats, das meine Ermordung zum Ziel hatte. Die Namen waren echt, die Orte stimmten, die Daten passten, die Einzelheiten erschreckten …! > > > Quelle: Can Dündar – Ich traf meinen Mörder Serkan Kurtuluş ist ein Gangster, mit allen Wassern gewaschen, in die dunkelsten mafiösen Geschäfte verwickelt. Und doch ist er glaubwürdig – weil er nichts mehr zu verlieren hat und durch die Preisgabe seines Wissen eine Auslieferung an die ehemaligen Auftraggeber verhindern möchte. Er weiß, dass man ihn mit allen Mitteln zum Schweigen bringen will. Da meldet sich also ein Killer, der davon berichtet, dass der Plan zur Ermordung eines oppositionellen Journalisten bis in die höchsten staatlichen Stellen und von dort mitten hinein in ein globales Beziehungsnetz aus Politik und Verbrechen reichte. Dahinter, so lernt Dündar, steckten außergewöhnliche Deals, Intrigen und Finten, die sich von Russland in die USA, von Syrien in die Ukraine erstreckten. DER WEG INS EXIL Am Anfang steht ein Artikel, den Can Dündar, Chefredakteur der Tageszeitung Cumhuriyet, 2015 veröffentlichte. Er berichtete darin über geheime Waffenlieferungen an den Islamischen Staat, in die der türkische Geheimdienst verwickelt sein sollte. Von seinem Informanten wird im Nachhinein alles bestätigt – und noch viel mehr: „Seien Sie sicher“, sagt Kurtuluş zu Dündar… > … mit der Formulierung ‚Waffenhilfe für die Turkmenen‘ wurden Waffenlieferungen an den IS kaschiert. Ich war damals bei vielen Waffenlieferungen dabei. Die Turkmenen bekamen kleinere Waffen wie Kalaschnikows. Die schweren Waffen gingen an al-Nusra und an den IS. Das gefiel den Turkmenen gar nicht, sie beschwerten sich darüber. > > > Quelle: Can Dündar – Ich traf meinen Mörder Dündar wurde nach Veröffentlichung seines Artikels festgenommen. Wieder entlassen. Er überlebte ein Attentat. Ihm wurde – wie es in Autokratien so üblich ist – Spionage vorgeworfen. Ein politischer Prozess drohte. Bevor er zu einer hohen Haftstrafe verurteilt wurde, ging er ins Exil. Damals ist das ganze Ausmaß des Skandals um die illegalen Waffenlieferungen noch nicht zu ahnen – erst jetzt setzen sich die Details zu einem schier unglaublichen Bild zusammen. Wie in einem Krimi lässt Dündar uns an seinen Recherchen der letzten Jahre teilhaben, an den Erkenntnissen, die ihm durch Treffen mit weiteren Insidern zufliegen. MITTEN INS MACHTZENTRUM Die verschiedenen Spuren laufen auf das Machtzentrum in Ankara zu. Ganz an der Spitze steht ein Mann, der alle Fäden in der Hand zu halten glaubt. Der von allem gewusst haben muss: Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Aufgrund seiner politischen Bedeutsamkeit – gerade auch in der Flüchtlingsfrage – wird ihm allerdings von europäischen Staatsoberhäuptern der rote Teppich ausgerollt; und im Inneren geht er immer skrupelloser gegen die Opposition vor. > Dieses Buch ist die Verteidigungsschrift eines Journalisten, der angeklagt wurde wegen ‚Verrats von Staatsgeheimnissen, Spionage, Landesverrats‘ und der in Abwesenheit verurteilt wurde. > Wenn Sie sie lesen, werden Sie erkennen, wer hier wirklich der Verräter ist, wer sein Heimatland wirklich liebt und wer eigentlich vor Gericht gebracht werden sollte.“ > > > Quelle: Can Dündar – Ich traf meinen Mörder Ohne Zweifel ist das anhand der vorgebrachten Fakten und Rechercheergebnisse leicht zu erkennen. Aber in der Politik regiert das Recht des Stärkeren. Das Einzige, was die Geschichte lehrt: Auch die Mächtigen stürzen meist doch irgendwann über die vielen Leichen, die sie unter sich zu begraben versuchen.
„Trag das Feuer weiter" ist ein Abschluss mit Unbehagen: Letzter Band der Marokko-Trilogie von Starautorin Leïla Slimani
Nach einer Corona-Infektion leidet Mia unter Gedächtnisverlust - für eine Schriftstellerin eine existentielle Krise. Ein Neurologe will wissen, ob es in ihrer Familie Krankheiten gibt. > „In der Familie ihrer Mutter?“ „Erblindung, Wahnsinn, Demenz.“ „Und väterlicherseits?“ „Krebs“. Mehr wusste ich nicht. Dieses Erbe war unbekannt, im Dunkeln verborgen. > > > Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter Mia will sich wieder an die Geschichte ihrer Familie erinnern und reist nach Marokko, wo sie aufgewachsen ist. „Trag das Feuer weiter“ schließt Slimanis Marokko-Trilogie um die Familie Belhaj/Daoud ab – diesmal steht die dritte Generation im Mittelpunkt. Die Handlung führt nach Rabat in den 1980er Jahren. Die Familie ist wohlhabend, Vater Mehdi leitet eine Bank und ist fest entschlossen, die touristische Entwicklung Marokkos voranzutreiben, seine Frau Aïcha ist erfolgreiche Gynäkologin. Die Töchter Mia und Inès werden liberal erzogen, erhalten eine gute Ausbildung und genießen viele Freiheiten – doch sie wachsen zwischen zwei Welten auf: dem freigeistigen Elternhaus und der noch immer konservativen marokkanischen Gesellschaft. ZWISCHEN ZWEI WELTEN AUFGEWACHSEN > Zu Hause konnte man Kopftuch und Fanatismus kritisieren, sich über diese schrecklichen Bärtigen aufregen, die Salman Rushdie bedrohten. Draußen durfte man nicht darüber reden, nicht provozieren, man musste so tun, als respektiere man die guten Sitten. > > > Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter Mia und Inès sind sehr unterschiedlich. Die ältere Mia liest viel, ist wild und so gar nicht „mädchenhaft“. Als Teenager wird ihr klar, dass sie lesbisch ist, eine Erkenntnis, die sie selbst mit ihren toleranten Eltern nicht teilen kann. Mias kleine Schwester Inès erscheint angepasster – sucht aber ebenso nach sich selbst. Der Roman folgt den beiden Mädchen durch Kindheit und Jugend. Im September 1989 kommt Mia ans französische Privatgymnasium „Descartes“, das die Einwohner Rabats spöttisch „fette Knete Gymnasium“ nennen. Es ist eine eigene, elitäre Welt – ein kleines Frankreich, abgeschottet wie eine Blase im großen Marokko. Die Passagen, in denen Slimani die komplexen Hierarchien an der Schule beschreibt, gehören zu den stärksten des Buches. > Es wirkt vielleicht ganz einfach“ erklärte Mia eines Tages ihrer kleinen Schwester, „aber in Wahrheit ist es sehr kompliziert.“ Tausend Kriterien spielen eine Rolle. Ob die Familie religiös war. Ob man einen Garten hatte. Ob ein Elternteil eine andere Staatsangehörigkeit besaß. Ob man Akne hatte oder sonst einen abstoßenden körperlichen Makel. > > > Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter ZU MAROKKANISCH FÜR FRANKREICH, ZU FRANZÖSISCH FÜR MAROKKO Mia und Inès verlassen nach der Schule Marokko und studieren in Frankreich, einem Land, dessen Sprache sie zwar sprechen, dessen soziale Codes ihnen aber fremd bleiben. In Frankreich sind sie zu marokkanisch – in Marokko zu französisch. Als sich die politische Lage in Marokko ändert, verliert Mehdi seinen Posten als Bankdirektor. Es bleibt unklar, was ihm konkret vorgeworfen wird, doch schließlich kommt er ins Gefängnis, aus dem er krank und gebrochen zurückkehrt. > Manchmal klagte er, nicht wegen der Ungerechtigkeit, sondern der Idiotie dieser Situation. Seine Wut richtete sich gegen niemanden, sondern entsprang seinem Unvermögen, einen Sinn zu erkennen, einen Grund. Es war vorbei, nach dem Gefängnis würde nichts mehr kommen. > > > Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter AMBITIONIERT – ABER MIT BLINDEN FLECKEN Wie schon in den ersten beiden Teilen der Trilogie, ist die Suche nach Zugehörigkeit in „Trag das Feuer weiter“ ein zentrales Thema. Allerdings überzeugt die Art, wie Slimani dieses Thema verhandelt, nicht immer. Sie geht dabei oft sehr didaktisch vor, lässt wenig Raum für eigene Erkenntnisse und führt ihre Gedanken aus, statt sie erzählerisch zu öffnen. Das zeigt sich auch in der Figurenzeichnung. Besonders einige Nebencharaktere bleiben schemenhaft und scheinen vor allem dazu da, Themen wie Mutterschaft, Feminismus oder Exil zu transportieren. Slimani bemüht sich um Ambivalenz und Tiefe, landet jedoch häufig nur bei klaren Zuschreibungen. Vater Mehdi wird idealisiert, das Hausmädchen Fatima – als einzige Figur aus der marokkanischen Unterschicht – ist grob gezeichnet und wirkt wie ein Stereotyp für das „einfache Volk“, das im Roman sonst kaum vorkommt. > Inès betrachtete den Rücken des über einen Topf gebeugten Hausmädchens und dachte: „Ich habe auf diesem Rücken geschlafen. Ich habe meinen Rotz in ihre Schürze gewischt“, und sie schämte sich, Fatima diesen Vortrag über Freiheit zu halten. Das Hausmädchen sagte immer, Gott liebe die Gehorsamen und Ergebenen, diejenigen, die keine unnötigen Fragen stellten (…). > > > Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter Diese Vereinfachung zeigt sich nicht nur in der Zeichnung sozialer Milieus, sondern auch dort, wo der Roman moralisch heikel wird. Eine Szene im Buch erzeugt besonderes Unbehagen: Mia belästigt ihre betrunkene Freundin sexuell – eine Grenzüberschreitung, die der Roman jedoch in eine fast poetische Sprache kleidet. „Trag das Feuer weiter“ ist ein ambitionierter Abschluss von Leïla Slimanis Trilogie: ein Roman über Herkunft, Erinnerung und das Leben zwischen Kulturen. Besonders stark ist das Buch dort, wo es konkrete Milieus beschreibt – die elitäre Schulwelt Rabats, die universitäre Welt in Paris, die Sprachlosigkeit zwischen Generationen. Doch gerade in sensiblen Momenten – wie der beschriebenen Übergriffszene – bleibt ein Unbehagen zurück, weil die erzählerische Haltung unklar ist. So hinterlässt „Trag das Feuer weiter“ einen zwiespältigen Eindruck: ein Roman voller wichtiger Fragen, der literarisch dann am stärksten ist, wenn er nicht versucht, sie auch gleich selbst zu beantworten.
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