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Portada del episodio Ein kollektives Traumarchiv: „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz

Ein kollektives Traumarchiv: „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz

Wovon träumt das Internet? Gibt es so etwas wie ein kollektives Traumarchiv? Wolfram Lotz [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-03-10a-102.html]richtet für Antworten den Blick auf das Private. Das ist überraschend interessant, zuweilen intim, manchmal auch unterhaltsam. Streckenweise wird man beim Lesen in die Warteschlange gestellt: Statt spektakulärer  Pointen erklingt vermeintlich Unscheinbares, Banales. Eine Zumutung? Oder doch eher eine Meditation? Vielleicht wird das Buch gerade deswegen zu einer besonderen Lektüre: Die ebenso erheiternd wie tiefenpsychologisch gefärbt sein kann:  „Ich war in meinem Haus und seltsamerweise bemerkte ich plötzlich, dass aus irgendeinem Grund ein kleiner Vogel in meinem Anus steckte, und ich glaube, zur gleichen Zeit fand draußen ein Aufruhr oder so etwas statt, zumindest waren viele Leute auf der Straße, und in der Ferne sah ich Feuerschein.“  LOB DES VERMEINTLICH BANALEN  Kopulierendes Obst, Sexfantasien mit Ex-Partnern oder masturbierende Eltern – An Trieberzählungen mangelt es dem Buch nicht. Ob das repräsentativ für die konfliktreiche Gegenwart ist – der Autor lässt es offen. Die altbekannten freudschen Traummotive blitzen nur zwischen den Zeilen auf, jedoch ohne symbolische Ausdeutung. Ein Lob des Unspektakulären, das aber nicht minder unheimlich sein kann:   > Ich befand mich plötzlich vor einer Art Militärgericht, weil ich mit Socken herumgelaufen war. Barfuß oder mit Schuhen wäre okay gewesen, aber für Socken war quasi die Todesstrafe vorgesehen.  > > > Quelle: Wolfram Lotz – Träume in Europa ANONYME TRAUMFIGUREN  „Schreibend mit etwas anderem in Kontakt treten wollen“: Darin sieht der Autor eine Parallele zu seinem vorherigen Werk „Heilige Schrift 1“– hier wie dort verweigert er sich jeder Kategorisierung. Und skizziert schemenhafte Charaktere.  Das erweckt beim Lesen den Eindruck, man hätte es mit Traumfiguren zu tun. Statt einer  einheitlichen Biografie: aufgefädelte Erzählschnipsel. Lotz weicht das, was gemeinhin unter ‚Identität‘ verstanden wird, zugunsten einer Vielstimmigkeit auf: ‚Ich ist nicht nur ein Anderer, sondern Viele‘, könnte man sagen. Da gibt es weibliche und männliche Erzählstimmen, aber auch mal nicht-menschliche, wenn die Welt aus Sicht eines Geräts erscheint und Gefühle auf einmal ganz plastisch werden:    > Ich bin ein Gefährt, das auf vier Gummireifen durch die Gegend fährt. Ich fahre einen Feldweg entlang und hupe vor mich hin, aber niemand hört mich. > > > Quelle: Wolfram Lotz – Träume in Europa „Irgendwann führt der Feldweg ziemlich steil nach unten, ich werde immer schneller. Unten angekommen, zerbreche ich. Ich werde nicht repariert. Eine mir fremde Person schiebt mich in einen Schuppen und lässt mich dort stehen.“ EUROPÄISCHE ECHOKAMMER  Bei diesem Projekt bleibt offen: Worin liegt das spezifisch ‚europäische‘ dieser Erzählungen? Was hat der Autor wirklich gefunden, was dazuerfunden? Und wer erteilt ihm das Recht, diese intimen Details zu teilen? Eine mögliche Antwort: Die anonymen Tiefen des Internets  verlangen ein diffundierendes Erzählen.  Konsequenterweise zieht sich Lotz aus dem Text zurück. Auf dem Cover erscheint sein Name nicht. Am Ende des Buches wird eine Liste an Internetlinks als Quellen präsentiert.  Träumen verbindet: Weil alle Träume von nahezu jedem Menschen geträumt werden könnten, zeigt diese Collage, dass uns womöglich mehr verbindet, als wir denken.  UNWIRKLICHE WIRKLICHKEITEN  Einen Blick in die Zukunft wagt der Autor nicht: Vielleicht ein Hinweis auf die zunehmende Orientierungslosigkeit in der Gegenwart. In diesem Sinne ist der Text Ausdruck des Gefühls, dass die Wirklichkeit vielleicht traumhafter und damit: innerlicher wird. Statt bekannter Traumdeutungen erzählt Lotz von versteckten Wünschen und intimen Gefühlen. Sein Buch ist ein Porträt über anonyme Träumende aus ganz Europa. Und es  entfaltet in der Sprache der Träume eine ganz eigene Poetik.

21 de abr de 2026 - 4 min
Portada del episodio Patti Smith – Geschichte eines außergewöhnlichen Lebens

Patti Smith – Geschichte eines außergewöhnlichen Lebens

Als Kind – es sind die späten 1940er und frühen 1950er Jahre – sitzt die kleine Patti gerne auf der Treppe vor dem Haus. Sie beobachtet Pferdefuhrwerke, Eishändler, Lumpensammler, den Leierkastenmann. Sie wächst auf in einer Zeit, die noch etwas von der Vorkriegswelt konserviert hat, bald aber schon von einem rasanten Modernisierungsschub weggeblasen wird. Gerne streift sie durch Felder und die Natur.  > Ich zog meine Schuhe aus und folgte dem Lauf von Bächen, randvoll mit Algen und flitzenden Kaulquappen, immer Ausschau haltend nach der einen blinkenden Münze, die den Eintritt in die Unterwelt ermöglichte. > > > Quelle: Patti Smith – Bread of Angels „Oder der schartigen Kante einer Scherbe, die, an die richtige Stelle gelegt, mit den Fragmenten der Umgebung verschmolz, ein Spiegel für das Selbst, und elfenbeinern noch dazu.“ IKONE DES WILDEN NEW YORK  In ihrem neuen Erinnerungsband „Bread of Angels“ taucht die 1946 geborene Sängerin, Dichterin und Künstlerin Patti Smith [https://www.swr.de/swr1/podcast/patti-smith-horses-100.html] tief ein in ihre Kindheit und Jugend, birgt jene Scherben, die sie zu einer Lebensgeschichte zusammensetzt. Ungefähr ein Drittel des Buches widmet sie dieser Zeit – bis sie uns noch einmal in jenen aufregenden subkulturellen Kosmos New York entführt, der in den 70er Jahren bestimmend war für die Popkultur auf der ganzen Welt – und aus Smith die ikonenhafte Figur machte, die bis heute ihr Image prägt. Über die Freundschaft zum Fotografen Robert Mapplethorpe hat sie bereits in „Just Kids“ ausführlich geschrieben – hier wird sie nur gestreift. Näher lernen wir nun ihren Mann kennen, ihren Lebensmenschen Fred ‚Sonic‘ Smith, damals Gitarrist der legendären Band MC5. Wir erfahren einiges über die enge Beziehung zu ihren Geschwistern, vor allem über Toddy, mit dem sie innig verbunden war: Als sie mit 18 ungewollt schwanger wird und den schockierten Eltern davon erzählt, springt er ihr zur Seite. Durch sein Geständnis, sich seit Jahren als Frau zu fühlen und heimlich Kleider zu tragen, lenkt er den drohenden Unmut auf sich und nimmt Druck von ihr.  > Er hielt den Kopf für mich hin und lenkte von meiner Schande ab. Vielleicht hatte ich eine Tür für ihn geöffnet, aber ich konnte den Schmerz seines Konflikts nicht ganz begreifen, wie sehr er gelitten hatte und wie er seine Zukunft gestalten würde. > > > Quelle: Patti Smith – Bread of Angels RÜCKZUG AUS ÖFFENTLICHKEIT  Toddy wird sie in den turbulenten Jahren des ersten Erfolgs nach der Veröffentlichung des Albums „Horses“ begleiten, er wird ihr immer beistehen. Und auch ihren Schritt aus der Öffentlichkeit heraus wird er gut heißen. Mit ihrem Mann Fred gründet sie in den 80er Jahren eine Familie, lebt zurückgezogen am Rand Detroits, widmet sich den Kindern.  Eines aber verfolgt sie auch in dieser Zeit weiter: die Literatur. Der Dichter Arthur Rimbaud hatte ihr in der Jugend den Kopf verdreht; Begegnungen mit William S. Burroughs und Allen Ginsberg gaben entscheidende Impulse; ein Foto des existenzialistischen Schriftstellers Albert Camus hängt über ihrem Schreibtisch. ERINNERUNGEN AN EIN SELBSTBESTIMMTES LEBEN Zwischen diesen Polen – einer impressionistisch-poetischen Sprache, existentiell aufgeladenen Themen, der Getriebenheit der Beatdichter und der Esoterik Ginsbergs – bewegt sich Patti Smiths Schreiben. Das gilt auch für „Bread of Angeles“. Nicht immer ist das frei von Pathos, und manche ihrer Bilder bauen gefährlich nah am Kitsch. Aber doch kriegt sie meist die Kurve, und man liest diese Erinnerungen an ein selbstbestimmtes, kreatives Leben gern. Sie beschreiben eine Reise, die so vielleicht nur in jener euphorischen Epoche zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem neuen Zeitalter des Terrors und der Kriege unternommen werden konnte. Dass auf diesem Weg einschneidende Dinge passiert sind – die Aids-Epidemie, die Smiths Freundeskreis dezimierte; der frühe Tod ihres Mannes, ihres Bruders und vieler Vertrauter im schicksalhaften Jahr 1994 –, das gibt dem Buch einen durchaus melancholischen Anstrich. Trotzdem endet es zuversichtlich, mit einem Bekenntnis zur Kunst – und dem Wunsch, zu schreiben. Jenes Buch nämlich, das wir nun mit „Bread of Angels“ lesen können.

Ayer - 4 min
Portada del episodio Unterwegs durch Spanien, Italien und Lateinamerika

Unterwegs durch Spanien, Italien und Lateinamerika

„DER WAHRE LESER MUSS DER ERWEITERTE AUTOR SEIN“ „Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“: Der Titel stammt aus einem Nachwort zu José Lezama Limas Roman „Paradiso“, das Fritz Rudolf Fries 1982 verfasst hat. Er ist programmatisch zu verstehen – wie auch das Zitat von Novalis eingangs: „Der wahre Leser muss der erweiterte Autor sein.“ Dieses dialektische Prinzip steht für Fries im Zentrum seiner Poetologie. Erst die Resonanz autorisiert das Werk.  > Das wiedergewonnene Paradies ist das Bild der Kindheit. Doch: Kann die Unschuld der Kindheit (im poetischen Sinn) nicht die Weisheit einer befreiten Menschheit sein? > > > Quelle: Fritz Rudolf Fries – Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies „Paradies“ ist das Schlüsselwort. Es gipfelt in der Literatur, die Fries „als unser letztes Paradies“ begreift.  IM LAND VON OOBLIADOOH  Der Fries-Experte Helmut Böttiger hat die bemerkenswerte Auswahl herausgegeben. Aus seinem Nachwort erfahren wir, dass sich das Werk von Fritz Rudolf Fries nicht auf den Begriff „DDR-Literatur“ reduzieren lässt. Fries, 1935 in Bilbao geboren und als Kind nach Leipzig gebracht, wuchs zweisprachig auf. Die spanische und lateinamerikanische Literatur war ihm wesensverwandter als die deutsche, er begeisterte sich für Jazz und debütierte 1966 mit dem Roman „Der Weg nach Oobliadooh“. Vor genau sechzig Jahren kam sein furioser Erstling, der von seinen zahlreichen Büchern wohl am meisten Beachtung erfuhr, im Westen heraus, bei Suhrkamp.  Fries blieb im Osten, er lebte in Petershagen bei Berlin. Nach der Wende mehrte sich das Interesse an seiner Arbeit, er feierte literarische Erfolge, bis Mitte der 1990er Jahre bekannt wurde, dass Fries Verbindungen zum Staatssicherheitsdienst der DDR gehabt hatte. Wie komplex und tragisch das war, erklärt Böttiger sehr anschaulich.  > Erst die Kunst vermag der Zeit einen Sinn zu geben, sie aus den Widersprüchen hinauszuführen, zu einer neuen Einheit.  > > > Quelle: Fritz Rudolf Fries – Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies JENSEITS VON ZEIT UND RAUM  Was an diesem Buch so überaus erstaunt, ist nicht allein das über die Maßen Kundige des Autors, sondern die schillernde Lebendigkeit der Gedanken. Die Themen sind ebenso wenig chronologisch geordnet wie die Veröffentlichung der Essays, Beiträge und Artikel ab den späten 1950er Jahren bis zu Fries‘ Tod 2014.  Texte über Ritter- und Schelmenromane stehen auf gleicher Höhe neben solchen über Federico García Lorca und Octavio Paz. Die Werke sind eingebunden in eine überzeitliche Ordnung, die ihnen Frische und Aktualität verleiht.  Fritz Rudolf Fries hat sich aus den Büchern, mit denen er sich umgab, ein eigenes fantastisches Universum erschaffen. Die Dichter sind seine imaginäre Familie. Es ist eine Männerwelt – und Fries richtet den Blick gern auf Autoren, die wie er in einem von Frauen beherrschten Haushalt aufwuchsen. EIN SPIELERISCHER ZAUBER Böttiger komponiert aus den Texten einen bilderreichen Kosmos jenseits von Zeit und Raum. Wir bewegen uns mit Leichtigkeit durch die Jahrhunderte, wechseln Orte und Perspektiven, schweben von Cervantes über Huchel und Pynchon [https://www.swr.de/kultur/literatur/who-the-fuck-is-thomas-pynchon-der-bekannte-unbekannte-schriftsteller-und-autor-100.html] bis zu Daniel Kehlmann [https://www.swr.de/kultur/literatur/daniel-kehlmann-ueber-leo-perutz-100.html].  So entsteht ein spielerischer Zauber. Schier schwerelos gleiten wir durch die poetologischen Lüfte. Gleichwohl besitzt Fries‘ ästhetischer Standpunkt stets etwas Geerdetes, weil er die Produktionsbedingungen im Blick behält.  „Dass Fritz Rudolf Fries ein DDR-Schriftsteller war, ist vielleicht auch bloß ein Zufall“, schreibt Böttiger lakonisch. Aber nein, das ist es nicht. Lesen Sie selbst.

19 de abr de 2026 - 3 min
Portada del episodio Auf den Spuren Heinrich Heines

Auf den Spuren Heinrich Heines

Als Heinrich Heine [https://www.swr.de/kultur/literatur/heinrich-heine-der-fruehling-und-die-politik-100.html] einst während seiner Harzreise den Brocken bestieg, soll er dort oben ins Gipfelbuch geschrieben haben: „Viele Steine, müde Beine, Aussicht keine, Heinrich Heine.“ Leider wurden ihm diese schönen Reime bloß angedichtet. Steffen Kopetzky, aufgebrochen, um Heines Harzreise 200 Jahre nach deren Veröffentlichung wandernd nachzuvollziehen, verzichtet deshalb zurecht darauf, sie zu zitieren, obwohl auch er müde Beine zu beklagen hat und die Aussicht vom Brocken oder vielmehr Blocksberg herab allenfalls wechselhaft ausfällt. Mal schmerzt die Blase am Fuß, dann schmerzen die Gelenke: Wandern erweist sich als Disziplin, in die sich der wanderunkundige Schriftsteller erst einmal einfinden muss. Seine Beobachtungen hält er unterwegs in einem Notizbuch fest, das schon eher seinem Metier entspricht. WANDERSCHAFT ALS ZEITREISE „So wie das Gehen mich der Vergangenheit näherbringt, tut es auch das Schreiben mit der Hand. Es gibt mir etwas zurück, nämlich das schöne Gefühl, eigentlich fast nichts zu brauchen, um arbeiten zu können, weder Netzteil noch WLAN, sondern nur einen Stift und Papier.“ Steffen Kopetzky gibt sich alle Mühe, als Wandersmann unzeitgemäß zu erscheinen. Das geht bis in die Wortwahl, wenn er die Frösche am Wegesrand „entzückend“ findet, einen Ausblick als „bezaubernd“ lobt, sich an einer Zwiebelsuppe „gütlich tut“ und Sätze schreibt wie diesen: > Manchmal braucht man, um nachdenken zu können, die Einsamkeit. Jeder Schritt wird zu einer Köstlichkeit, die die behaglich auf ihrem Nachmittagsthron sich ausruhende, honigdicke Sonne mir kredenzt. > > > Quelle: Steffen Koetzky – Die Harzreise Die demonstrative Betulichkeit ist wohl beabsichtigt. Sie gehört zum Programm des Wanderers, der sich in seinen kurzen Hosen, mit einem Schlapphut auf dem Kopf und Wanderstöcken in der Hand lustvoll als komische Figur inszeniert. Dieser Habitus versetzt ihn in Distanz zur Gegenwart, aus der heraus er umso besser mit denen ins Gespräch kommt, die ihm unterwegs begegnen. Sich auf Wanderschaft zu begeben, heißt nicht nur, Landschaft und Ortschaften zu erkunden, sondern auch, Abstand vom Alltag zu nehmen, zu entschleunigen und eine Zeitreise anzutreten. WEST UND OST Die Wanderroute entspricht ziemlich exakt der, die einst Heinrich Heine eingeschlagen hat. Sie führt von Göttingen nordwärts nach Northeim, dann ostwärts nach Osterode, über Clausthal, Goslar, Bad Harzburg auf den Brocken und weiter nach Wernigerode, um schließlich jenseits der Heine-Pfade im Bergwerksmuseum in Rübeland tief unter der Erde zu enden – einem Ort, an dem es in kurzen Hosen entschieden zu kalt ist. Der Weg führt von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt, also aus der alten Bundesrepublik ins einstige Gebiet der DDR. Doch während Kopetzky in Northeim und Osterode den traurigen Zustand der Städte beklagt, Leerstand und Verfall beobachtet, sind Häuser und Parks in Wernigerode gepflegt, ja sogar das Klima ist wärmer. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Kopetzky entdeckt tatsächlich im Osten die vielzitierten „blühenden Landschaften“, während er im ehemaligen Westen glaubt, sich in der DDR zu befinden. Die Wanderschaft bietet – nicht ungewöhnlich für Wanderschaften – diverse Hoteldekors und Restaurantbesuche, Straßenfeste und Waldlichtungen, Weggabelungen und Regenwetter, müde Beine und tiefen Schlaf, Zufallsbekanntschaften und allerlei Wissenswertes über Bergbau, Harz und Kulturgeschichte. In Goslar begibt Kopetzky sich auf die Spuren von Ernst Jünger [https://www.swr.de/kultur/literatur/banine-liebe-ist-dir-verboten-ernst-juenger-und-ich-aufzeichnungen-1942-1991-100.html], der hier von 1933 bis 1939 lebte. Man erfährt, warum es in Clausthal kein Clausthaler zu trinken gibt und warum der Bergbau nicht nur die deutsche Industrie hervorgebracht hat, sondern auch den Protestantismus, stammte doch Martin Luther aus einer Bergmannsfamilie und wie sein Gegenspieler Thomas Müntzer aus dem Südharz. EUROPÄISCHER HORIZONT Auf einem Straßenfest in Wernigerode belauscht Kopetzky die Gespräche von AfD-Anhängern und muss nicht lange warten, bis das Wort „Remigration“ fällt und er einen „geifernden, von sich selbst begeisterten Hass“ vernimmt, für den es an diesem schönen Ort so recht keinen Anlass gibt. Ein AfD-Abgeordneter beklagt derweil, dass es nicht genug Wanderschilder gibt: „Während die einen also voller Inbrunst über Ausländer und die Europäische Union herziehen, spricht der Mandatsträger von den Wanderschildern der guten alten Zeit und ist dabei entspannt, weil er weiß, dass es eh keine Rolle spielt, worüber er spricht. Sie werden sowieso gewinnen.“ Auch wenn Kopetzky mit Heinrich Heine in die Vergangenheit oder eine zeitlose Weltabgeschiedenheit hinein aufgebrochen ist, landet er doch unweigerlich in der Gegenwart. Es gibt kein Entkommen. Er wundert sich, wie weit die „rechtsnationalen und europafeindlichen Kräfte schon gekommen sind“, doch für ihn ist der Horizont auch in der tiefen Provinz europäisch. Das ist das Überraschende an dieser Wanderschaft, die durch ein deutsches Kernland und das mythische, von Hexen und Geistern bewohnte Gebiet um den Blocksberg führt und doch nirgendwo anders enden kann als in Europa. Wir werden, resümiert Kopetzky, als Deutsche in die harten nächsten Jahre gehen und als Europäer herauskommen. Man muss nicht unbedingt an einem AfD-Stand vorbeigekommen sein, um zu dieser Aussicht zu gelangen.

17 de abr de 2026 - 5 min
Portada del episodio Ein Denkmal für die Revolution

Ein Denkmal für die Revolution

Ein Song wurde zum Startsignal für die Revolution in Portugal. Als am 25. April 1974 gegen 00:20 Uhr das 1964 von dem Liedermacher José Afonso komponierte und verbotene Kampflied Grândola Vila Morena im Radio erklang, war dies das Zeichen loszuschlagen. Linksgerichtete Soldaten besetzten wichtige Schaltstellen in Lissabon. Die Menschen strömten auf die Straßen und schlossen sich den Aufständischen an. Sie steckten Nelken in die Gewehrläufe der Soldaten. Die Blumen wurden zum Symbol einer friedlichen Revolution, nur vier Menschen starben durch Schüsse der Geheimpolizei. Die Diktatur des Estado Novo, die seit 1933 das Land im Klammergriff tiefer Rückständigkeit hielt, wurde in wenigen Stunden hinweggefegt. Das letzte europäische Kolonialreich fiel in sich zusammen. Jahrzehnte später hat Lídia Jorge einen Roman über die Nelkenrevolution geschrieben, der den Enthusiasmus des Moments einfängt, vor allem aber danach fragt, was aus den Hoffnungen von einst geworden ist. In ihrem Haus an der Algarve, wo Lídia Jorge geboren und aufgewachsen ist, erzählt sie, was den Anstoß gab zu dem Roman, den sie selbst als ihren wichtigsten betrachtet. KRISENSTIMMUNG „Ich habe dieses Buch in den zwei Jahren zwischen 2012 und 2013 geschrieben. Es war eine schwere Zeit in Portugal. Wir hatten sehr große Probleme. Vor allem die jungen Erwachsenen meinten, die Revolution sei umsonst gewesen, es wäre besser gewesen, in der Diktatur zu verharren. Es war sehr traurig zu erleben, wie sie über die Revolution dachten. Und ich beschloss, für sie zu schreiben.“ Eine dieser jungen Erwachsenen, Ana Maria Machado, kommt im Roman dreißig Jahre nach der Revolution aus den USA in ihr Heimatland zurück, um im Auftrag von CBS eine Fernsehdokumentation über die epochalen Ereignisse zu machen. Sie tut sich mit zwei früheren Studienfreunden zusammen, um die Protagonisten von einst zu interviewen. Das erstaunte Trio trifft jedoch nicht auf strahlende Sieger, sondern auf desillusionierte Helden des Rückzugs. „Jede Revolution ist eine große Freude, die große Traurigkeit ankündigt“, sagt ein Offizier beim Interview. Zwischen seinen Träumen und der Realität liegt ein Ozean. Wie seine Gefährten ist er ein Enttäuschter, dem es nicht gelungen ist, sich mit den Banalitäten des Alltags zu arrangieren. Für die Karriere oder die Beförderung zu kämpfen, erschien ihm kleinlich, wo er doch für größere Ziele angetreten war. DIE ARMEN BLEIBEN ARM „Eine Revolution ist ein utopischer Moment. Aber die Utopie bleibt immer unvollendet. Man wägt Gewinn und Verlust gegeneinander ab. Und manchmal ist der Verlust sehr schwerwiegend. Die Vorstellung, dass die Ungerechtigkeit der Vergangenheit bis heute fortbesteht, erzeugt eine Art Schrecken. Wir hatten eine Revolution, aber die Reichen bleiben reich, die Armen bleiben arm. Es ist mehr als nur etwas Soziales. Es ist etwas Ontologisches.“ Lídia Jorge bettet die portugiesische Revolution in einen breiteren europäischen Kontext ein. Während Ana Maria Machado in Lissabon recherchiert, reisen andere Reporter nach Berlin, Prag und Budapest. Was sie dort in Erfahrung bringen, bleibt außen vor. Naheliegend aber scheint es, den friedlichen Umbruch in Portugal als Model für den gesellschaftlichen Wandel in Europa, aber auch für dessen Begrenztheit zu betrachten. Bereits in ihrem Debütroman „Der Tag der Wunder“ hat sich Lídia Jorge 1980 mit der Nelkenrevolution auseinandergesetzt. Sie sieht sich selbst als Chronistin des Wandels in Portugal. Gemeinsam mit José Saramago und dem kürzlich verstorbenen António Lobo Antunes [https://www.swr.de/kultur/literatur/antonio-lobo-antunes-am-anderen-ufer-des-meeres-100.html] bildet sie das literarische Dreigestirn des modernen Portugals. So unterschiedlich die Romane des Trios sind, so sehr sind die drei Autoren doch verbunden durch die gemeinsamen Erfahrungen der jüngeren Geschichte ihres Landes, die ihr Schreiben entscheidend geprägt haben. „Wir gehören zu einer Generation, die darüber geschrieben hat, wie ein Imperium fällt. Portugal war die erste und die letzte europäische Kolonialmacht. Ich denke, dass unsere Generation von dem Gefühl berührt war: Wir haben eine Tür geschlossen und öffnen eine andere Welt.“  CODE-MELODIE DER ZUKUNFT „Die Stunde der Nelken“ ist kein historisch-realistischer Bericht, sondern fragt danach, wie die Revolution erinnert wird. Die zentralen Figuren haben historische Vorbilder. Lídia Jorge, die während der Revolution Lehrerin in der portugiesischen Kolonie Mosambik war, hat mit den Helden des Umsturzes Interviews geführt. Ohnehin kennt sie die maßgeblichen Akteure von einst persönlich. Ihr Ehemann gehörte zum inneren Kreis der Verschwörer. Er stand Pate für die Romanfigur des Anwalts Salamida, der dafür sorgte, dass im Radio das Codelied gesendet wurde und zu dessen Lebensaufgabe es geworden ist, nach einer Melodie zu suchen, die das Signal sein könnte für einen neuen Aufbruch. > Eine Code-Melodie der Zukunft, tauglich für die Medien der neuen Welt. Keine U2, kein Bruce Springsteen, nichts dergleichen, oh nein! Nichts dergleichen. > > > Quelle: Lídia Jorge – Die Stunde der Nelken „Ein Musikstück ohne Worte, ohne Schritte, ohne erkennbare Instrumente, manchmal wusste er selbst nicht, ob es vielleicht nur ein menschlicher Schrei oder das Pfeifen eines Raubvogels wäre. Er suchte, suchte“, endet die Passage. An dieser Stelle scheint am stärksten die Zukunftsperspektive im Roman auf. Ausbuchstabiert wird sie nicht. Aber deutlich wird trotzdem, dass „Die Stunde der Nelken“, sich keineswegs im Rückblick erschöpft. „Es ist ein Buch, das von den Stärken der Menschen erzählt. Es ist möglich, Veränderungen anzustoßen und zu hoffen. Jetzt befinden wir uns in einem neuen Zyklus. Die Revolution ist Teil der Geschichte. Jetzt ist es notwendig, eine andere Utopie zu entwerfen, um die Welt zu verändern, um eine bessere Welt zu schaffen.“ FEHLBARE MENSCHEN Im portugiesischen Original heißt der von Marianne Gareis kunstvoll übersetzte Roman “Os Memoráveis”, was auf Deutsch wörtlich „Die Erinnernswerten“ bedeutet und die Intension des Buches auf den Punkt bringt: Lídia Jorge setzt den Männern der Revolution ein Denkmal. Sie betrachtet sie voller Sympathie, aber sie stellt sie auf kein Podest. Vielmehr zeigt sie mit feinem Humor und psychologischem Scharfsinn ihre Begrenztheiten. Es sind fehlbare Menschen, die sich oftmals in tragikomischen Situationen wiederfinden: Der Stratege der Revolution etwa reitet bei stürmischem Wellengang am Strand entlang, um 30 Jahre nach dem Umsturz für einen angekündigten Dreh zu trainieren und möglichst eindrucksvolle Bilder zu liefern. Doch das Filmteam der BBC kommt nicht. Er ist einem üblen Scherz aufgesessen. Eine besonders tragische Rolle nimmt im Roman der Vater von Anna Maria Machado ein. Lídia Jorge erzählt seine Geschichte parallel zu den Interviews und beleuchtet dabei eine berührende Vater-Tochter-Beziehung. Antonio Machado war ein berühmter Journalist, der treffsicher die Zukunft voraussagte, dem es jedoch nicht gelang, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. Seine Weigerung sich anzupassen, ist am entschiedensten, sein Rückzug total. Es ist seine Tochter, die ihn rettet. Denn Anna Maria Machado blickt am Ende ihrer Recherchen anders auf ihren Vater und seine revolutionären Mitstreiter. Aus Distanz ist Anteilnahme geworden. Das Drehbuch zum Film schreibt sie erst sechs Jahre später. Alles Komische und Tragische wird darin ausgespart. Denn andernfalls würde das ideale Bild der Revolution eingetrübt, das die Auftraggeber aus den USA erwarten. Das Fernsehpublikum soll nur das Erhabene zu sehen bekommen. Die Leser dieses großen und vielschichtigen Romans hingegen wissen auch um die Niederlagen und Rückschläge, um menschliche Schwächen und Eitelkeiten. Dass Lídia Jorge die ganze Geschichte erzählt, heißt indes vermutlich keineswegs, dass sie den Film als Feier eines euphorischen Aufbruchs nicht trotzdem empfehlen würde.

17 de abr de 2026 - 8 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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