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Portada del episodio Frauen, die ihren Weg gehen: Djuna Barnes porträtiert Vordenkerinnen

Frauen, die ihren Weg gehen: Djuna Barnes porträtiert Vordenkerinnen

Eines haben die Reporterin und ihre elf Gesprächspartnerinnen gemein: Statt sich den gesellschaftlichen Zwängen des frühen 20. Jahrhunderts zu beugen, folgten sie ihren eigenen Lebensentwürfen. Die 1892 in New York geborene Reporterin Djuna Barnes war allein ihrer Berufswahl wegen eine Ausnahmeerscheinung, und Kiki de Montparnasse fand den Weg aus dem burgundischen Dorfleben in die Bohème.  FEINSINNIGE PORTRÄTS SELBSTBEWUSSTER FRAUEN ANFANG DES 20. JAHRHUNDERTS  Die Frauen aus Paris und New York waren Stilikonen, Bühnenstars oder wurden durch ihr politisches und gesellschaftliches Engagement bekannt. Obwohl Persönlichkeiten wie Modeschöpferin Coco Chanel und Gewerkschafterin Mary Jones unterschiedlicher kaum sein könnten, gibt es Themen, die alle betreffen: Zum Beispiel der Zwang, gesellschaftlichen Vorstellungen zu entsprechen oder die Frage danach, was im Leben wirklich zählt. Lillian Russel, Star der amerikanischen Operette, etwa meint:  „Was ist denn so großartig am Schön-Sein? Um eine großartige Frau, ein großartiger Mensch zu sein, muss man gelitten haben. Was habe ich getan, dass ich berühmt geworden bin – nichts, außer mir ein wenig die Wangen zu pudern, die Gott mir gab, und das Haar zu glätten, mit dem ich geboren wurde.“  > Aber die wahren Frauen, die großen Frauen, die plagen sich und schreiben nie darüber, die arbeiten hart und machen kein Geschrei darum. > > > Quelle: Djuna Barnes - Solange es Frauen gibt, wie sollte da etwas vor die Hunde gehen? LEBENSEINSTELLUNGEN UND ÜBERZEUGUNGEN BEEINDRUCKENDER FRAUEN  Vorsichtig tastet sich die Reporterin zu den Lebenseinstellungen und Überzeugungen der Frauen vor. Sie erweist sich außerdem als äußerst feinsinnige Beobachterin, die Orte und Stimmungen eindrücklich in Worte fasst: „Der Geruch von Großstadtherbst liegt in der Luft. Nicht von der Art Herbst, der Tod und Niedergang und das Austrampeln verglühender Blumen mit sich bringt, sondern der Geruch dieser Art von Manhattan-Herbst, in den mit rosafarbener und purpurner Üppigkeit mit einem Mal fremde Blumen einbrechen: der Frühling des Jahres für Treibhausblüten.“  Während Barnes ins Detail geht, halten sich die Herausgebenden mit ihren Einlassungen eher zurück. Zwar werden die Interviewpartnerinnen in wenigen Sätzen vorgestellt, Informationen zu den historischen und gesellschaftlichen Kontexten fehlen jedoch. Das aber wäre hilfreich, um zu verstehen, wie außergewöhnlich ihre Karrieren und Leistungen wirklich waren. WORAUF KOMMT ES AN IM LEBEN?  Die Relevanz der Texte aber wird auch ohne ergänzende Kommentare deutlich. Denn einige Themen sind heute so aktuell wie damals: Welchen Prioritäten sollten wir setzen, persönlich, aber auch als Gesellschaft? Worauf kommt es an im Leben? Und auch der ein oder andere Appell scheint passend in der heutigen Zeit, etwa der von Yvette Guilbert. Die französische Sängerin trat auch in Deutschland, England und Amerika auf. Dort sammelte sie jede Menge Bühnenerfahrung und kam zu der Erkenntnis, dass Klischees und Vorurteile über andere Nationalitäten dem Miteinander im Wege stehen.  „Wir müssen einander besser kennenlernen, Amerika und Frankreich. Ihr meint hier, wir seien frivol und schlüpfrig und trivial, und wir denken von Euch, ihr seid Frohnaturen und dabei grausam und unwissend.“  > Jetzt ist es an der Zeit, dass wir erfahren, wie es im Innern der anderen aussieht. Wir sind Verbündete, die für dieselbe Sache kämpfen.  > > > Quelle: Djuna Barnes - Solange es Frauen gibt, wie sollte da etwas vor die Hunde gehen? EINE INSPIRIERENDE LEKTÜRE Der elegante Schreibstil der Autorin, die abwechslungsreichen Biografien und eigenwilligen Lebenswürfe machen den schmalen Band zur inspirierenden Lektüre. Zugleich sorgen manche Passagen für ein Schmunzeln. Denn das Leben steckt eben nicht nur voller Herausforderungen, sondern auch voll schöner Momente. Zwischen all dem Ehrgeiz und Engagement darf man sich nämlich auch einfach mal zurücklehnen. Schauspielerin Helen Westley etwa meint:  „Lass die Welt sich drehen und schau ihr dabei zu, das ist alles. Wir nehmen sie zu ernst. Nachdem alles vorbei ist und die Prozession vorbeigezogen ist, bleibt genau dasselbe übrig wie nach einem Karneval: ein bisschen mehr Staub, ein, zwei zerbrochene Flaschen und ein bisschen buntes Konfetti.“

26 de may de 2026 - 4 min
Portada del episodio Einfühlsamer Comic über Demenz: Lika Nüsslis „Vergiss dich nicht“

Einfühlsamer Comic über Demenz: Lika Nüsslis „Vergiss dich nicht“

Ihre eigene Erinnerung ist für die Zeichnerin Lika Nüssli ein Strom aus schwarzen Linien. Sie fließen auf dem Comic-Einband aus dem Stift, den ihre gezeichnete Hand hält. Wie Stromschnellen schlingen sie sich um- und übereinander. Mittendrin sitzt eine alte Frau und zieht einen Zipfel des Stroms über sich wie eine Decke. Auf den ersten Seiten des Buchs wird er dann zur Gebirgslandschaft, zum Pferderücken und zum Strickfaden. Je nachdem, welche Erinnerung Nüssli beschreibt und welche Figuren sich wie in ihm bewegen. Vieldeutig und doch ein undurchschaubares Gewebe – ein treffendes Bild für das, was wir unter menschlichem Geist verstehen.   DIE ERINNERUNG ALS DUNKLER, REISSENDER STROM Was übrig bleibt, wenn er sich auflöst, umreißt Lika Nüsssli mit schwarzem Stift auf den Seiten ihres Comics „Vergiss dich nicht“. Entstanden ist er als Reaktion auf die Demenzerkrankung ihrer Mutter. Darin versucht Nüssli, sich mit dem Zeichenstift an das Leben in und mit der Demenz anzunähern. Gleichzeitig ist er ihr eigenes Memoir. Denn am Anfang steht die Erinnerung an ihre Kindheit, deutlich durch das helle Grau der Seiten markiert. In kurzen Texten beschreibt sie die herzliche Beziehung zur Mutter und ihre Eindrücke des Lebens in der Wirtschaft, die die Eltern betrieben. Dazwischen zeichnet sie immer wieder den Strom aus schwarzen Linien, den wir schon vom Titelbild kennen. Mittendrin sie selbst als Mädchen und ihre Mutter, mal gemeinsam wandernd, mal getrennt, in sich selbst versunken. In der letzten Vignette springt Nüssli dann unvermittelt in die Jetzt-Zeit. In der lebt die Mutter in einem Heim für Demenzkranke. > Wenn ich dich besuche, kommen bei mir Fragen auf. Wo bin ich in dir? Fehle ich dir? Was ist geblieben an schönen Erinnerungen oder an schmerzlichen Erlebnissen? (...) Geht es dir gut, Mutter? > > > Quelle: Lika Nüssli – Vergiss dich nicht Schwer zu sagen, obwohl das Buch den Fokus hin zur Welt der Mutter wechselt. Nun hält die Zeichnerin Szenen aus dem Alltag im Heim fest. Mit ihren groben schwarzen Strichen wirken sie bisweilen wie rasch hingeworfene Skizzen. Die Mutter sitzt stumm im Rollstuhl, ihr Blick schwankt zwischen Befremdung und kurzen Momenten der Klarheit.  DEMENZ VERBILDLICHT Um sie herum kämpfen die Mitbewohnerinnen und -bewohner mit ihrem eigenen Fremdwerden in der Welt. Lika Nüssli protokolliert absurd-komische Dialoge zwischen ihnen ebenso wie die liebevolle Betreuung durch das Pflegepersonal. Dabei versucht sie auch, sich der Innenwelt der Dementen anzunähern. Die überlagert die streng quadratischen Rahmen der Bildsequenzen und sprengt die Logik von Handlungsabläufen. Aus den Zimmerpflanzen im Heim lässt Lika Nüssli Schlingen wuchern. Sie durchdringen die Körper der Demenzkranken und verwandeln sich über Seiten hinweg schließlich wieder in konkrete Bilder, Erinnerungen an die erste Liebe oder an traumatische Erlebnisse. Hin und wieder, aber nie ganz deutlich, scheinen Umrisse von Tieren, Landschaften oder Gegenständen aus den Linien aufzutauchen. Auf den letzten Seiten bleiben nur noch Bilder der Zimmerpflanzen und dazwischen Sprachfetzen der Demenzkranken in ihrer Muttersprache.  > Jo, jetzt simmer do. – Sono venuta da giovane sarta in Svizzera. – Einmal war ich wirklich glücklich. Das wurde mir aber erst später klar. – Wiedergeburt? Dumms Züüg! > > > Quelle: Lika Nüssli – Vergiss dich nicht AM ENDE BLEIBEN NUR SPRACHFETZEN  Einfühlsam und fantasievoll spürt Lika Nüssli der Innenwelt der Demenzkranken nach, entfernt sich dabei von der Mutter.  Leider tritt der Comic dadurch nach einer Weile auf der Stelle, weil wir über das Leben der Figuren kaum etwas erfahren. Sie bleiben seltsam blass. Außerdem lässt Nüssli den Großteil der Dialoge im Schwyzerdütsch, was sich trotz vieler Übersetzungsanmerkungen sperrig liest. Die Stärke der Graphic Novel liegt vor allen in der Uneindeutigkeit der Bilder. Das Rätsel Erinnerung bleibt bei Lika Nüssli ungelöst.

Ayer - 4 min
Portada del episodio Die Sehnsucht ist politisch

Die Sehnsucht ist politisch

Am 24. Mai feiert der Schriftsteller Hans Pleschinski seinen 70. Geburtstag. Zu diesem Anlass hat der C.H. Beck Verlag Pleschinskis Roman „Bildnis eines Unsichtbaren“ in einer neuen Auflage herausgebracht. Ein autobiografisches Buch, von dem Pleschinski selbst sagt, dass es ihn beim Schreiben unendlichen Schmerz bereitet habe. Trotzdem habe dieser Roman geschrieben werden müssen. RAUSCHHAFTE SCHÖNHEIT Die Schriftstellerin Anja Kampmann hat das Nachwort zur Neuausgabe verfasst. Sie erzählt im Gespräch, dass Pleschinskis Roman die Münchener Schwulen-Boheme ab der Mitte der 1970er-Jahre äußerst plastisch porträtiert. Eine intellektuelle Szene, die beinahe rauschhaft Schönheit, Entgrenzung, Kreativität gefeiert habe — bis im Jahr 1983 der AIDS-Virus dieser kurzen Epoche der Leichtigkeit wie ein scharfes Schwert ein Ende bereitet habe. EINE ZEITKAPSEL Hans Pleschinski schreibt von einer Mischung aus „Lebensfreude und unbeherrschbarem Grauen“, die mit AIDS in die Szene hineingekommen sei. Jeder Sommer, so habe er selbst seinerzeit gedacht, könnte sein letzter sein. Anja Kampmann charakterisiert „Bildnis eines Unbekannten“ als „Zeitkapsel“, in der die Magie einer kurzen Zeit der Freiheit aufgehoben sei. UTOPISCHER RAUM Die Sehnsucht und der utopische Raum, der in „Bildnis eines Unbekannten“ vermessen werde, sei auch hochgradig politisch, so Kampmann. Gerade in unserer Gegenwart, in der die Rechte und die Freiheit von Minderheiten erneut beschnitten würden, sei der Roman als Chronik einer Emanzipation zu verstehen.

22 de may de 2026 - 10 min
Portada del episodio Im kulturellen New Yorker Olymp: Zoe Dubnos Debütroman „Nur das Allerbeste“

Im kulturellen New Yorker Olymp: Zoe Dubnos Debütroman „Nur das Allerbeste“

In einem Appartement im winterlichen New York, ausgeschmückt mit protziger Kunst findet eine Trauerfeier für die Schauspielerin Rebecca statt. Immer mehr Trauergäste aus der angesehenen Kunst und Schauspielszene füllen den Raum. Menschen, die den Gastgebern Nicole und Eugene schmeicheln wollen und heuchlerisch um die Verstorbene trauern. In einer Ecke, auf einem weißen Leinensofa mit einem Wein in der Hand sitzt die Ich-Erzählerin. Sie war mit Rebecca befreundet. Vor einigen Jahren auch mit den Gastgebern und den anderen Gästen auf der aufgesetzten Trauerfeier. > „Fünf Jahre lang war ich genau diesen Leuten aus dem Weg gegangen, und jetzt saß ich mitten unter ihnen, diesen Leuten, die den Tod unserer Freundin Rebecca ausgenutzt hatten, um mich zurück in ihren Tempel modernistischen Rokokos an der Bowery zu locken.“ > > > Quelle: Zoe Dubno - Nur das Allerbeste KRITIK AN DER KUNST- UND KULTURSZENE Mit dieser Gesellschaftskritik wagt sich Zoe Dubno in ihrem Debütroman „Nur das Allerbeste“ an die protzigen Ränge der Kunst- und Kulturszene. Aufgewachsen in New York pendelt die Journalistin heute zwischen ihrer Heimat und London. Ihre Ich-Erzählerin hinterfragt nicht nur ihre Freundschaft zu den Trauergästen und deren aufgesetzte Verbundenheit, sondern auch ihr Leben als Journalistin. Denn, > eigentlich wäre es mir noch lieber gewesen, ich hätte gelernt, wie man aus einem edleren Gewerbe Profit schlägt, … und nicht dem Verhökern von Worthülsen an Illustrierte, … . > > > Quelle: Zoe Dubno - Nur das Allerbeste Und bereut ihre damalige Abhängigkeit von den Gastgebern Nicole und Eugene. Zu oft hat sie sich verstellt, um ihnen zu gefallen und auf ihre angesagten Partys eingeladen zu werden oder kostenlos in dessen Appartement zu wohnen. Einem Appartement voll mit wertvollen Kunststücken und Büchern deren Namen die beiden zwar nicht kennen, jedoch den lächerlich hohen Preis. Wie sie gegenüber den Gästen immer wieder betonen. „Im Rausch kognitiver Dissonanz lieben sie große Kunst, aber schämen sich gleichzeitig maßlos dafür, dass sie reich sind und Kunstwerke horten, weswegen sie ihre Kunst einlagern, damit ihre Sucht nach der Anhäufung von Dingen – und noch wichtiger, ihr Geschmack – nie zur Sprache kommt.“ MEHR SCHEIN ALS SEIN Dubno zeichnet ein scharfes Porträt einer privilegierten Welt, die sich durch Schein statt Sein definiert. Bewaffnet mit einem nahezu proustischen Schreibstil setzt nicht nur die Ich-Erzählerin, sondern auch Dubno den snobistischen pseudointellektuellen den Kampf an. Und schreibt ohne Scham, was viele denken, aber nicht aussprechen: mehr Schein als Sein. Verpackt in exquisiter Wortwahl. Und doch erhaben und begehrt wie der Olymp im alten Griechenland. > Unbedingt wolltest du diese Leute kennen, was hast du nicht alles angestellt, um diese Leute kennenzulernen, wie toll hast du dich gefühlt, wenn du in ihrer Gesellschaft warst, wie hast du diese Leute geliebt, … > > > Quelle: Zoe Dubno - Nur das Allerbeste WIE IN EINEM TENNISMATCH Doch gerade diese Stilmittel verleihen dem Buch eine außergewöhnliche Authentizität - es wirkt beinahe so, als habe die Autorin die Gedanken der Protagonistin in einem Rutsch zu Papier gebracht. Diese verschachtelten Sätze spiegeln die sprunghafte Natur menschlicher Gedanken wider und wechseln immer wieder zwischen ihrem Leben und Menschen wie ein aufgeladenes Tennismatch hin und her. Und doch schafft es Dubno ihre philosophischen Anflüge in dieser kafkaesken Trauerfeier unterzubringen. > „Denn wenn es irgendwo leicht Geld zu verdienen gibt, vergisst man gern, dass mit einem Nettoverlust an Seele zu bezahlen sein wird.“ > > > Quelle: Zoe Dubno - Nur das Allerbeste

22 de may de 2026 - 4 min
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