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Portada del episodio „John of John” von Douglas Stuart: Verlorener Sohn kehrt auf Hebriden-Insel zurück

„John of John” von Douglas Stuart: Verlorener Sohn kehrt auf Hebriden-Insel zurück

Wieder nach Hause zu kommen, das ist für Cal hart – so hart, dass er seine Ankunft sorgfältig plant. Und eine Ecstasy-Pille nimmt, um die Überfahrt auf die Insel, auf der sein Vater und seine Großmutter leben, angenehmer zu gestalten. Dieser Plan – so weich wie möglich in der harten Heimat zu landen – der geht natürlich schief. Denn: die Batterien seines Walkmans – der Roman spielt Anfang der 1990er Jahre – geben den Geist auf, der Regen durchweicht Cals Kleidung: > Sein ganzer Besitz passte in einen Rucksack und eine halbe Mülltüte. Er hatte weniger als zehn Minuten gebraucht, um vier Jahre seines Lebens zu verstauen. > > > Quelle: Douglas Stuart – John of John „Er hatte ein bisschen länger gebraucht, um sich selbst zusammenzupacken, all die Eigenschaften zu verbergen, die sich auf dem Festland allmählich entfaltet hatten. Doch eigentlich hatte er sich seit dem College nicht sehr verändert, und als er durch die Kabine ging, fragte er sich, ob er nicht immer gewusst hatte, dass sie ihn irgendwann zwingen würden, zurückzukommen“, endet die Passage. SOHN SEINES VATERS Man würde Cal gerne eine Tarnkappe wünschen, um unauffällig heimzukehren. Tatsächlich aber wird er gleich auf der Überfahrt erkannt. Und in der kleinen Inselwelt der schottischen äußeren Hebriden wird Cal als der erkannt, der er für die Menschen hier ist. John Calum MacLeod, der Sohn seines Vaters John MacLeod – auf der Insel ist Cal ist also wieder John of John. Der Sohn von John. AUS DER GROSSSTADT ZURÜCK AUF DIE KLEINE INSEL Genau aus dieser eindeutigen Herkunft war Cal nach Edinburgh geflohen. Cal ist schwul, er trägt grüne Haare, er war auf einer Modehochschule, er hört Grunge und nimmt Drogen. Zuletzt hatte er keinen festen Wohnsitz. Nach der Ankunft auf der fiktiven Insel Falabay hat er es nicht eilig, den Bus nach Hause zu erwischen: „Er ließ sich Zeit und leerte die letzte Dose Cider. Im Schutz des Wartehäuschens packte er seinen Rucksack aus und sorgfältig wieder ein. Ganz unten verstaute er den Walkman und die selbst aufgenommenen Mixkassetten und deckte sie mit ein paar alten The-Face-Ausgaben ab“, schreibt Douglas Stuart. „In der Vordertasche steckte eine kostenlose Schwulenzeitschrift. (…) Er faltete die Zeitung klein und schob sie ins Futter seines Rucksacks, weil (…) es sicherer wäre, sie später zu Hause zu verbrennen. Am Ende stopfte er seine schmutzige Wäsche in den Rucksack und krönte das Ganze stolz mit der alten Bibel seiner Mutter.“ MEHR ALS TRAINSPOTTING-ANLEIHEN Allein diese Konstellation – der verlorene Sohn, der gescheiterte Sohn kehrt nach Hause zurück – könnte genug Stoff für einen Roman abgeben. Aber was Douglas Stuarts „John of John“ zu einem so guten Roman macht: Stuart lässt Cal eben nicht wie einen Trainspotting-Charakter mit Drogen und Popkultur über die Insel stolpern. Stattdessen stellt Douglas Stuart Cal zwei ebenbürtige Charaktere an die Seite. Die Großmutter Ella und Cals Vater John, die beide in einer klaustrophobischen Hütte auf der kargen Insel leben und altern. Schafe züchten und Tweed weben. Die wilde Schönheit der Landschaft, in der sie leben – und durch die Touristen und „Festländer“ in Funktionskleidung wandern – sie ist für die Inselbewohner so alltäglich wie Regen und Wind. Schönheit, die erleben Cal und sein Vater gemeinsam in den Schattierungen des Tweeds, den sie in ihrer dunklen Hütte weben. „Er ging zu den Brettern mit den Garnen. Auf der ganzen Welt war dieses Regal Cals liebster  Ort. (…) Die Fächer waren voll mit Hunderten von Garnen in allen romantischen Farben Schottlands: Farn und Moorhuhn, Ginster und Heidekraut, Regen und Moos, das gebeutelte Rosa einer Säufernase und ein bleiches, verkatertes Weiß“, beschreibt Stuart die Farben. „Dazwischen gab es punkige Neonpinks und ätzende Gelbs, aggressive Töne, vor denen die Leute zurückwichen, bis sie den fertigen Stoff vor sich hatten und sahen, wie meisterhaft John die sauren Grüns mit Weizen und Nachtschatten mischte, bis eine Frühlingswiese voller Glockenblumen herauskam.“ DAS BIBLISCHE GLEICHNIS Das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn – es endet mit dem Vater, der den heimgekommenen Sohn aufnimmt. Douglas Stuart schreibt dieses Gleichnis fort – wie gehen Vater und Sohn nach der Heimkehr miteinander um? Machen Sie sich Vorwürfe? Wie viel Liebe steckt in Ihnen? Was weiß man eigentlich über die anderen Familienmitglieder? Im Interview mit seinem Verlag hatte Stuart Geheimnisse und Liebe in der Familie als die zentralen Themen des Romans bezeichnet: „In diesem Buch geht es um Geheimnisse – und obwohl meine Charaktere sich wirklich als Familie lieben, gibt es viele Dinge, die ungesagt bleiben.  Niemand kennt einen so gut wie die eigene Familie – aber auch vor den Menschen, die man am besten kennt, verbirgt man Dinge. Das gilt für uns alle – aber besonders für queere Menschen.“ Stuart sagt weiter: „Ich wollte über dieses Trio schreiben, das am Rande des Meeres lebt und arbeitet. Die zusammen essen, die sich lieben und zusammen beten. Sie lieben sich sehr – und doch: Sie kennen sich gar nicht.“ Und tatsächlich: Liebe IST ein großes Thema in Stuarts Roman – sie zeigt ähnlich viele Schattierungen wie der Tweed, an dem hier ständig gewebt wird. ERZIEHUNG ZUR HÄRTE Aber: die Liebe zwischen Vater und Sohn, sie ist auch gewaltvoll. Wie aus dem Alten Testament – schließlich sind die wenigen Menschen auf den Inseln strenge Calvinisten. Sünde, Schuld und Gott sind hier wichtige Konzepte. Homosexualität ist so wenig vorstellbar wie 30 Grad im Schatten. In einer der vielen Rückblenden, mit denen der Roman Cals Kindheit beschreibt, will John seinem neunjährigen Sohn das Schwimmen beibringen. Erfolglos. Und John wirkt hier selbst  wie ein harter Gott, der ein zu weiches Kind bestraft. > John griff ihm ins Genick, seine Finger waren so lang, dass er mit einer Hand fast Cals Hals umfasste, und schleppte seinen Sohn wie einen Welpen, den er ertränken wollte, in die Brandung. > > > Quelle: Douglas Stuart – John of John „Dann hob er ihn hoch und warf ihn ins Wasser, weit über das Türkisblau hinaus, tief in den schwärzesten Teil des Meers. Cal drehte sich in der Luft, ein wirbelndes Bündel Körperteile, und durchschlug mit den Schulterblättern die Oberfläche.“ DAS GLEICHE SCHICKSAL Douglas Stuart verlangt seinem Lese-Publikum einiges ab, wenn er diesen schlagenden, schlechten Vater John im Verlauf des mehr als 500-seitigen Romans zu einem nachvollziehbaren und sogar liebenswerten Charakter macht. Der ebenso wie sein Sohn schwul ist – der seine Sexualität mühsam verborgen hält und versucht, die Traditionen der Insel und sein eigenes Begehren irgendwie zu vereinen. Was natürlich in der engen Inselgemeinschaft nicht gut gehen kann - aber dennoch  rührende literarische Querverweise mit sich bringt – etwa, wenn John und sein heimlicher Liebhaber zusammen „Sturmhöhe“ von Emily Brontë [https://www.swr.de/kultur/literatur/zu-wenig-sex-in-literatur-emerald-fennels-wuthering-heights-100.html]lesen. Douglas Stuart hatte in seinem Booker-Prize-Roman „Shuggie Bain“ einen schwulen Jungen aus einer Sozialsiedlung in Glasgow und dessen zärtlich-kompliziertes Verhältnis zu seiner Mutter geschildert. In mancher Hinsicht wirkt es, als wäre „John of John“ ein Echo von „Shuggie Bain“, als hätte Stuart die Wohnsilo-Bewohner Glasgows auf den unwirtlichen Inseln im Nordwesten Schottlands ausgesetzt. Dorthin also, wo es wenig Ablenkung, dafür aber Schafe und Traditionen gibt und noch mehr Raum für Fragen wie: Wer bin ich? Und wen lassen mich die anderen sein? Schade, dass Stuart den Booker Prize schon einmal gewonnen hat, „John of John“ ist ein Lese-Erlebnis.

24 de abr de 2026 - 7 min
Portada del episodio Geheimnisvolle Kiezlegende – Shelly Kupferberg über ihren Roman „Stunden wie Tage“

Geheimnisvolle Kiezlegende – Shelly Kupferberg über ihren Roman „Stunden wie Tage“

In geflickten Kleidern und abgelaufenen Pantoffeln wanderte Martha E. durch Berlin-Schöneberg. Dabei war sie gar nicht arm, ihr gehörte angeblich ein ganzes Wohnhaus. Ein Nazi soll es ihr im Zweiten Weltkrieg geschenkt haben. War Martha E. also Millionärin? Und was hat es mit dem Haus auf sich? Diesen Fragen geht die Journalistin und Autorin Shelly Kupferberg [https://www.swr.de/kultur/literatur/lesenswert-quartett-mit-denis-scheck-vor-ort-2024-12-20-100.html] in ihrem Roman „Stunden wie Tage“ nach. Hausbesorgerin mit Haltung Shelly Kupferberg selbst kannte Martha E. vom Sehen: „Die schlohweißen, langen Haare reichten ihr bis in die Kniekehlen und waren verfilzt. Dieses abgewetzte Äußere, das hat mich so berührt. Ich dachte, Mensch, so eine alte Frau auf der Straße, wie schrecklich ist das denn? Und gleichzeitig habe ich aber gesehen, dass beliebt war, denn überall hielt sie einen kleinen Schwatz“, erinnert sich Kupferberg. Kupferberg stürzt sich in die Recherche Shelly Kupferbergs Neugierde ist geweckt: Zwanzig Jahre später geht sie der Geschichte dieser unscheinbaren Frau nach und findet Erstaunliches heraus: Martha E. war Hausbesorgerin bei dem jüdischen Brüderpaar Henry und Ber Berkowitz. Als Hausbesorgerin trieb sie die Mieten ein, kümmerte sich um Reparaturen und ein sauberes Treppenhaus. Das fand Shelly Kupferberg unter anderem mithilfe der Grundbuchakten heraus. Und mit einem Zeitzeugen: Ein Schornsteinfeger berichtete Shelly Kupferberg Einiges über das Haus und seine Bewohner. „Rote Insel“ in Schöneberg Zudem soll Martha ein enges Verhältnis zur Familie Berkowitz gehabt haben. Selbst kinderlos, kümmerte sie sich liebevoll um deren Tochter Liane Berkowitz. Während der Nazi-Zeit blieb Martha weiterhin für die Familie tätig. Das Haus in Schöneberg steht am Rande der sogenannten „Roten Insel“: Diese ‚Rote Insel‘ war geprägt durch das Proletariat, durch Kommunisten, durch die Arbeiterschaft, war also widerständig, als die Nazis aufkamen und Martha macht dort ihre Hausbesorgung tagtäglich. Sie kennt also alle Gewerbetreibenden und bekommt eben mit, wie sich die Zeiten verändern, wie immer mehr Männer mit braunen Hemden auf den Straßen zu sehen sind“, so Shelly Kupferberg. Widerstand in kleinen Gesten Martha habe sich widerständig in kleinen, alltäglichen Gesten gezeigt: So versorgt sie eine alte, jüdische Mieterin mit Lebensmitteln oder nimmt sie mit in den Luftschutzkeller, als das für die jüdische Bevölkerung verboten war. „Sie hat in dem ganz Alltäglichen unglaublich praktisch gehandelt. Einige Dinge konnte ich verifizieren, andere sind fiktionalisiert, aber für mich steht sie für eine Aufrichtigkeit in der Gesellschaft, ohne daraus gleich ein Politikum zu machen oder sich als besonders politisch zu bezeichnen“, so die Autorin. Stille Heldin Auch als Liane Berkowitz, die Teil eines Widerstandsnetzwerkes war, von der Gestapo verhaftet wird, setzt sich Martha für sie ein. Sie versorgt sie mit Büchern und Lebensmitteln. Nach dem Krieg unterstützt sie Lianes Mutter in einem Entschädigungsverfahren. Shelly Kupferberg nennt sie eine stille Heldin: „Sie hatte ihr Herz auf dem richtigen Fleck und sie hat nie über das gesprochen, wie sie diese jüdische Familie unterstützt hat oder wie sie in der Zeit überhaupt durchs Leben ging und ich dachte mir, das muss mal erzählt werden, weil das wirklich ganz stark und auch widerständig wirkt.“ Aufräumen mit dem Gerücht Und das Gerücht, Martha E. würde das Wohnhaus, in dem sie Hausbesorgerin war, besitzen? Wahr ist, dass sie tatsächlich Eigentümerin des Hauses geworden ist. „Aber es hat nichts mit dem eigentlichen Gerücht zu tun“, stellt Kupferberg klar. Ihr sei es auch darum gegangen, Martha E. ein wenig zu rehabilitieren. Denn sie hat dieses Haus für einen ganz günstigen Preis von den Brüdern Berkowitz angeboten bekommen. „Aus Dank, weil sie sich einfach so sehr für diese Familie eingesetzt hat“, erzählt Kupferberg.

24 de abr de 2026 - 13 min
Portada del episodio Eine zerfallende Welt - Claire Fullers „Das Gedächtnis der Tiere“

Eine zerfallende Welt - Claire Fullers „Das Gedächtnis der Tiere“

Die nächste Pandemie wird nicht aus Asien kommen, sondern aus Südamerika. Das Virus wird nicht Corona, sondern „Dropsy“ heißen, und es wird erheblich gefährlicher sein als sein Vorgänger. Denn die Infizierten werden nicht an Erkältungssymptomen leiden, sondern an monströsen Schwellungen. Und an Gedächtnisverlust, einer Art Demenz im Zeitraffer. > Dropsy. Was für ein alberner Name. Ich verstehe nicht, warum sie nicht einfach den wissenschaftlichen Namen verwenden. > > > Quelle: Claire Fuller - Das Gedächtnis der Tiere „Irgendeine Boulevardzeitung hat den englischen Namen Dropsy eingeführt, und alle haben es nachgeplappert. Als hätten wir es hier mit einer Disneyfigur zu tun.“ Verzweifelte Suche nach einem Impfstoff Claire Fullers neuer Roman spielt in einer Londoner Klinik, in der ein neuer Impfstoff erprobt werden soll. Neffy, die Ich-Erzählerin, ist eine der Freiwilligen. Zusammen mit einer Handvoll anderer junger Leute wird ihr erst das Vakzin, dann das Virus verabreicht – ein riskantes Menschenexperiment nach dem Prinzip „hopp oder topp“ also. Weshalb Neffys Angehörige die Protagonistin von der Teilnahme bis zuletzt abhalten wollen. Was folgt, ist ein mehrtägiger Fiebertraum zwischen Leben und Tod. Als Neffy endlich wieder wach ist, ist alles anders: Ärzte und Schwestern sind verschwunden, zusammen mit dem Impfstoff. DIE MENSCHHEIT WIRD AUSGELÖSCHT Nur vier – ungeimpft gebliebene – Probanden sind noch da, die Neffy schonend beizubringen versuchen, dass das Virus in der Zwischenzeit mutiert sei. Und gerade die Menschheit auslösche. So ganz genau weiß man es aber nicht: Die Fernsehsender haben sich verabschiedet, das Handy schweigt. > „Ein Sprecher des Rettungsdienstes bezeichnet die Lage als humanitären Notstand“, sagte die Moderatorin. „Und jetzt schalten wir zu …“, sie zögert, späht zur Seite, wo ihre Notizen auf dem Sofa liegen, verliert aber den Faden. > > > Quelle: Claire Fuller - Das Gedächtnis der Tiere „Sie blickt erst in die Kamera, dann auf den Bildschirm hinter sich, wo immer noch die Fahrzeugschlangen zu sehen sind, als wäre sie überrascht, hier zu sitzen. „Wir haben …“, sagt sie, die Augen aufgerissen. Es scheint, als hätte sie vergessen, dass sie eine Livesendung moderiert.“ Klaustrophobisches Kammerstück So weit, so apokalyptisch also. Das Szenario ist nicht unbekannt. Dass ein Protagonist in einer Klinik aus einem längeren Zustand der Bewusstlosigkeit aufwacht, nur um festzustellen, dass inzwischen die Welt untergegangen ist, kennt man, etwa aus dem Zombiefilm „28 Days later“. Wenn Weltuntergangsgeschichten aber normalerweise davon leben, sich vorzustellen, wie es danach weitergeht, ist Claire Fullers Roman sozusagen die Ausnahme von der Regel. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen spielt er fast ausschließlich in dem geheimen Institut; vom Rest der Welt sehen Probanden wie Lesende nur wenige Bruchstücke beim Blick aus den Fenstern: ein verlassener Krankenwagen, streunende Hunde, entstellte Infizierte, die desorientiert umherkriechen. Als klaustrophobisches Kammerstück konzentriert sich Fullers – von Andrea O’Brien stilsicher übersetzter – Roman daher eher auf die fragile Dynamik der Überlebenden. Wobei die anderen Probanden, wie sich zeigt, so manche Geheimnisse vor Neffy zu verbergen suchen. Zudem gehen bald schon die Vorräte zur Neige. Weshalb der Druck auf Neffy steigt, für die anderen hinauszugehen und Essen zu suchen. Schließlich ist sie aufgrund der überlebten Impfung die Einzige der Gruppe, die – vermutlich – immun ist.  > „Hast du schon über meine Bitte nachgedacht? Übers Rausgehen?“, fragt Yahiko, der mir den Rücken zugewandt hat, als würde er die Frage gar nicht an mich richten. > > > Quelle: Claire Fuller - Das Gedächtnis der Tiere „Diese Methode hat Mum auch immer angewandt, mich beim gemeinsamen Kochen unangenehme Dinge gefragt, zum Beispiel, was ich mit meinem Leben anstellen wolle. Dabei klang ihre Stimme weich und sanft, aber darunter brodelte es.“ Flucht in private Vergangenheit Neffy denkt aber gar nicht daran hinauszugehen, sie flüchtet sich lieber in ihre Vergangenheit. Womit wir beim zweiten Grund wären, der Fullers Roman von anderen Weltuntergangsgeschichten unterscheidet: der immense Raum, der die Vorgeschichte der Protagonistin einnimmt – und der der Spannung leider eher abträglich ist. Man erfährt viel über Neffys komplizierte Familie, die Erkrankung ihres Vaters, ihre Liebe zu ihrem Stiefbruder. Und über Oktopoden, Neffys große Leidenschaft. Das alles bekommt man aber nicht über gewöhnliche Rückblenden serviert. Sondern teils über Briefe, die Neffy in der Klinik an H., ihren Lieblingsoktopus, schreibt. Und über sogenannte „Erinnerungsreisen“. Denn praktischerweise – Zufälle gibt es – hat einer der anderen Probanden den Prototyp eines neuartigen Geräts mitgebracht, das es erlaubt, eigene Erinnerungen wie eine Art Traum wiederzuerleben. „Ich verstehe meine Gedanken – die Gedanken dieses jungen Mädchens –, ihre Wünsche, Vorlieben, Abneigungen, ohne mir dessen bewusst zu sein, denn sie sind auch meine gewesen, und ich verstehe, dass ich dieses Mädchen bin, und gleichzeitig die Frau, jetzt, in der Gegenwart.“ > Es fühlt sich an, als würde ich in einem alten Familienvideo mitspielen. > > > Quelle: Claire Fuller - Das Gedächtnis der Tiere WICHTIGE FRAGEN TROTZ ERZÄHLERISCHEN UNEINIGKEITEN Natürlich könnte man hier einwenden, dass das Gedächtnis doch gar nicht wie eine Videokamera funktioniert. Problematischer ist aber: Die apokalyptische Romangegenwart um das Dropsy-Virus und die immer neuen Erinnerungsreisen der Hauptfigur fügen sich partout nicht zu einem Ganzen. Weshalb gerade der Mittelteil erzählerisch allzu lang auf der Stelle tritt. Was schade ist, denn Fullers Roman stellt wichtige Fragen: Welchen Wert haben persönliche Erinnerungen überhaupt noch in einer Welt nach dem Weltuntergang? Und was ist am Ende wichtiger, ein sicheres Leben in selbstgewählter Gefangenschaft? Oder ein unsicheres in Freiheit? Das Ende von „Das Gedächtnis der Tiere“ hält jedenfalls noch einige Überraschungen bereit.

24 de abr de 2026 - 6 min
Portada del episodio Richard Dawkins über die Entwicklung: „Das große Buch der Evolution“ | Buchkritik

Richard Dawkins über die Entwicklung: „Das große Buch der Evolution“ | Buchkritik

Was haben Walfisch und Flusspferd gemein, außer ihrer engen Beziehung zum Wasser? Es sind ihre Vorfahren, von denen sie beide abstammen. Warum singen Vogelmännchen viele verschiedene Lieder? Weil sie ihren Konkurrenten damit vorspiegeln, dass sich im Revier schon viele Artgenossen tummeln, und für weitere kein Platz mehr ist. Fachleute wird derlei kaum wundern, aber Laien bekommen viel zu staunen bei der Lektüre des „Großen Buchs der Evolution“ von Richard Dawkins.   DIE SCHLÜSSELROLLE DES GENPOOLS Aber solche verblüffenden Tatsachen sind nur ein unterhaltsamer Nebenaspekt dieser „Neuen Sicht auf die Entwicklung des Lebens“ die der Untertitel des Buches verspricht. In der Hauptsache bietet der vierundachtzigjährige Biologe hier eine Summe seiner Forschungen und eine erneute Bekräftigung seiner zentralen Erkenntnisse über die Entwicklung von Tieren und Pflanzen. Denn entscheidend für die Evolution sind in seinen Augen einzig und allein die Gene. Daraus gehe alles hervor, darin sei die Geschichte der Evolution gespeichert.   > Der Genpool einer Spezies ist über viele Generationen so geworden, wie er ist, vorwiegend durch einen Prozess der nicht zufälligen Bildhauerei. Der Bildhauer ist die natürliche Selektion.  > > > Quelle: Richard Dawkins – Das große Buch der Evolution LESEN IM ARCHIV DER ZÄHNE  In diese genetischen Informationen sind auch alle früheren Entwicklungsschritte der Lebewesen eingeschrieben. Darum ist jedes Tier für Dawkins eine faszinierende Lektüre, die darüber Auskunft gibt, in welchen Landschaften es einmal heimisch war. Markante Beispiele dafür sind die Methoden der Tarnung, mit denen Tiere versuchen, sich für die Beutegreifer, die es auf sie abgesehen haben, unsichtbar zu machen. Die Eidechse aus der Mojave-Wüste zum Beispiel, die sich als Baumrinde tarnt. So wie man schon in der Spätantike davon sprach, im Buch der Natur zu lesen, so liest auch Dawkins im liber naturae und gewinnt daraus Einsichten über frühere Umwelten:  > Wenn man in den Zähnen eines Tieres richtig liest, erzählen sie eine Geschichte. In vielen Fällen ist es eine Geschichte über vorzeitliche Graslandschaften oder Laubwälder. Zähne sind ein Archiv der Vorgeschichte. > > > Quelle: Richard Dawkins – Das große Buch der Evolution Systematisch verfolgt Dawkins die zahlreichen Wege, auf denen sich die Tierwelt zu Wasser und zu Land in unzähligen Körpergestalten und Verhaltensweisen herausgebildet hat. WISSENSCHAFTLICHE KONTROVERSEN  Allerdings ist Dawkins' Ansicht über die zentrale Rolle der Gene im Prozess der Evolution nicht unumstritten. Diesen Kontroversen widmet er ein eigenes Kapitel, in dem er seine Position als einzig mögliche verteidigt. > Ganz gleich, wie kompliziert die Teile eines Lebewesens sind: Sobald es um das besondere Thema der Evolution durch darwinistische natürliche Selektion geht, gibt es eine bevorzugte Kausalitätsebene. Das ist die Ebene des Gens. > > > Quelle: Richard Dawkins – Das große Buch der Evolution Doch gleich, ob Richard Dawkins bis ins letzte recht hat oder nicht: sein „Großes Buch der Evolution“ bietet gründliche Einblicke in den aktuellen Stand der Wissenschaft. Darüber hinaus ist sein Werk, nicht zuletzt dank der zahlreichen Illustrationen von Jana Lenzová, zugleich ein Lobgesang auf die erstaunliche, bezaubernde Vielfalt und Schönheit der irdischen Lebensformen und die faszinierenden Wege, auf denen sie entstanden sind.

22 de abr de 2026 - 4 min
Portada del episodio Ein kollektives Traumarchiv: „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz

Ein kollektives Traumarchiv: „Träume in Europa“ von Wolfram Lotz

Wovon träumt das Internet? Gibt es so etwas wie ein kollektives Traumarchiv? Wolfram Lotz [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-03-10a-102.html]richtet für Antworten den Blick auf das Private. Das ist überraschend interessant, zuweilen intim, manchmal auch unterhaltsam. Streckenweise wird man beim Lesen in die Warteschlange gestellt: Statt spektakulärer Pointen erklingt vermeintlich Unscheinbares, Banales. Eine Zumutung? Oder doch eher eine Meditation? Vielleicht wird das Buch gerade deswegen zu einer besonderen Lektüre: Die ebenso erheiternd wie tiefenpsychologisch gefärbt sein kann:  „Ich war in meinem Haus und seltsamerweise bemerkte ich plötzlich, dass aus irgendeinem Grund ein kleiner Vogel in meinem Anus steckte, und ich glaube, zur gleichen Zeit fand draußen ein Aufruhr oder so etwas statt, zumindest waren viele Leute auf der Straße, und in der Ferne sah ich Feuerschein.“  LOB DES VERMEINTLICH BANALEN  Kopulierendes Obst, Sexfantasien mit Ex-Partnern oder masturbierende Eltern – An Trieberzählungen mangelt es dem Buch nicht. Ob das repräsentativ für die konfliktreiche Gegenwart ist – der Autor lässt es offen. Die altbekannten freudschen Traummotive blitzen nur zwischen den Zeilen auf, jedoch ohne symbolische Ausdeutung. Ein Lob des Unspektakulären, das aber nicht minder unheimlich sein kann:   > Ich befand mich plötzlich vor einer Art Militärgericht, weil ich mit Socken herumgelaufen war. Barfuß oder mit Schuhen wäre okay gewesen, aber für Socken war quasi die Todesstrafe vorgesehen.  > > > Quelle: Wolfram Lotz – Träume in Europa ANONYME TRAUMFIGUREN  „Schreibend mit etwas anderem in Kontakt treten wollen“: Darin sieht der Autor eine Parallele zu seinem vorherigen Werk „Heilige Schrift 1“– hier wie dort verweigert er sich jeder Kategorisierung. Und skizziert schemenhafte Charaktere.  Das erweckt beim Lesen den Eindruck, man hätte es mit Traumfiguren zu tun. Statt einer einheitlichen Biografie: aufgefädelte Erzählschnipsel. Lotz weicht das, was gemeinhin unter ‚Identität‘ verstanden wird, zugunsten einer Vielstimmigkeit auf: ‚Ich ist nicht nur ein Anderer, sondern Viele‘, könnte man sagen. Da gibt es weibliche und männliche Erzählstimmen, aber auch mal nicht-menschliche, wenn die Welt aus Sicht eines Geräts erscheint und Gefühle auf einmal ganz plastisch werden:    > Ich bin ein Gefährt, das auf vier Gummireifen durch die Gegend fährt. Ich fahre einen Feldweg entlang und hupe vor mich hin, aber niemand hört mich. > > > Quelle: Wolfram Lotz – Träume in Europa „Irgendwann führt der Feldweg ziemlich steil nach unten, ich werde immer schneller. Unten angekommen, zerbreche ich. Ich werde nicht repariert. Eine mir fremde Person schiebt mich in einen Schuppen und lässt mich dort stehen.“ EUROPÄISCHE ECHOKAMMER  Bei diesem Projekt bleibt offen: Worin liegt das spezifisch ‚europäische‘ dieser Erzählungen? Was hat der Autor wirklich gefunden, was dazuerfunden? Und wer erteilt ihm das Recht, diese intimen Details zu teilen? Eine mögliche Antwort: Die anonymen Tiefen des Internets verlangen ein diffundierendes Erzählen.  Konsequenterweise zieht sich Lotz aus dem Text zurück. Auf dem Cover erscheint sein Name nicht. Am Ende des Buches wird eine Liste an Internetlinks als Quellen präsentiert.  Träumen verbindet: Weil alle Träume von nahezu jedem Menschen geträumt werden könnten, zeigt diese Collage, dass uns womöglich mehr verbindet, als wir denken.  UNWIRKLICHE WIRKLICHKEITEN  Einen Blick in die Zukunft wagt der Autor nicht: Vielleicht ein Hinweis auf die zunehmende Orientierungslosigkeit in der Gegenwart. In diesem Sinne ist der Text Ausdruck des Gefühls, dass die Wirklichkeit vielleicht traumhafter und damit: innerlicher wird. Statt bekannter Traumdeutungen erzählt Lotz von versteckten Wünschen und intimen Gefühlen. Sein Buch ist ein Porträt über anonyme Träumende aus ganz Europa. Und es entfaltet in der Sprache der Träume eine ganz eigene Poetik.

21 de abr de 2026 - 4 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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Me suscribi con los 14 días de prueba para escuchar el Podcast de Misterios Cotidianos, pero al final me quedo mas tiempo porque hacia tiempo que no me reía tanto. Tiene Podcast muy buenos y la aplicación funciona bien.
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