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Portada del episodio „Man kann ja nicht nur dasitzen und vor sich hin leiden.“

„Man kann ja nicht nur dasitzen und vor sich hin leiden.“

DIE AVENUES SYMBOLISIEREN SIMBABWE Sprung hinein in „Die Avenues“ in Harare! In diesem lebendigen Viertel spielt Farai Mudzingwas Debütroman. Er hat selbst mal in den Avenues gelebt, dem ersten Viertel, wo einst die Kolonialherren ihre Villen errichteten, erzählt er auf SWR Kultur. „Als ich dort lebte“, erinnert sich Mudzingwa, „fiel mir auf, dass die Gegend nicht mehr ganz so ruhig und wohlhabend war. Das hat mein Interesse geweckt: Die Veränderungen, die sich in den Avenues vollzogen, spiegelten die Veränderungen, die zu dieser Zeit im ganzen Land stattfanden.“ OHNE WITZE GEHT ES NICHT So wurde der Roman „Die Avenues“ zweierlei: Zunächst erzählt er die Geschichte des jungen Elektrikers Jedza, der nach Harare kommt und nach seiner verschwundenen Schwester sucht. Zugleich ist er ein Tiefenporträt der jüngeren politischen Geschichte Simbabwes, wozu die Folgen des Kolonialismus, grassierende Korruption und die wirtschaftliche Notlage des Landes gehören. Zur politischen Analyse tragen auch die bissigen Fußnoten bei, die Farai Mudzingwa in den Text streut. „Wir Simbabwer müssen jede Menge Witze reißen über unser Elend“, sagt Mudzingwa, „denn wir können ja nicht einfach nur dasitzen und vor uns hin leiden.“ DIE PFÜTZEN, IN DENEN DIE WASSERGEISTER LEBEN „Die Avenues“ spielen vor allem in der Gegenwart der Jahre 2016-2018. Einige Kapitel gehen aber auch Jahrzehnte zurück. Darin erleben wir Jedza als Kind oder seine Schwester Natsai vor ihrem Verschwinden als Journalistin in Harare. Auch von der Stadtgründung als Kolonialsiedlung im 19. Jahrhundert erzählt Mudzingwa. Weil Harare auf Sumpfland gebaut wurde, entstehen in der Gegenwart des Romans immer wieder rätselhafte Pfützen, in denen die Wassergeister von einst leben. DAS POLYPHONE SPIEL DER MBIRA Farai Mudzingwa hat seinen Roman bewusst vielstimmig angelegt. Vorbild war die Mbira, das simbabwische Daumenklavier. „Wenn man Mbira spielt, verweben sich verschiedene Melodien miteinander. Man kann einer Melodie lauschen, oder man kann einer anderen Melodie lauschen, aber man hört doch alle Melodien gleichzeitig, und sie erzeugen all diese polyphonen Rhythmen. Ich habe also versucht, etwas von dieser Musik ins Storytelling des Romans zu übernehmen.“ „DIE AVENUES“ SIND IN HARARE NICHT ERHÄLTLICH Deswegen ist es auch so unglaublich, dass man „Die Avenues“ in Simbabwe selbst gar nicht kaufen kann. Den Zusammenbruch des Verlagswesens im wirtschaftlich gebeutelten Simbabwe erlebt Farai Mudzingwa als sehr quälend. Deswegen ist die Übersetzung seines Debütromans ins Deutsche eine umso größere Freude. Zumal ihn sein Übersetzer Jan Schönherr während der Arbeit am Buch für ein paar Wochen in Harare besucht hat: „Das war eine schöne Zeit“, sagt Farai Mudzingwa. Von all dem berichtet er exklusiv auf SWR Kultur.

7 de ago de 2026 - 23 min
Portada del episodio Etiketten sind etwas für Apotheker: Jeet Thayil über „Chelsea Girls“

Etiketten sind etwas für Apotheker: Jeet Thayil über „Chelsea Girls“

„CHELSEA GIRLS HAT MICH NICHT MEHR LOSGELASSEN.“ „Ich habe Eileen Myles Buch „Chelsea Girls“ vor vielen, vielen Jahren gelesen, und es hat mich seither nicht mehr losgelassen“, schwärmt der indische Autor Jeet Thayil. Darin erzählt die amerikanische Autor*in Myles von den 1980er Jahren in New York: von den eigenen lesbischen Beziehungen, den ersten künstlerischen Arbeiten und von der durchaus rauen amerikanischen Kunstszene. Das Buch erschien 1994 und wurde 2020 erstmals ins Deutsche übersetzt. BELLETRISTIK, SACHBUCH ODER MEMOIR? „Das Buch ist bewegend, es zeugt von emotionaler Intelligenz und es ist wunderschön geschrieben,“ äußert Jeet Thayil. „Außerdem ist es ein experimentelles Werk, denn schon vor so langer Zeit wusste Eileen Myles, dass diese Etiketten, die wir der Literatur aufdrücken – Belletristik, Sachbuch, Memoir –, nichts bedeuten. Etiketten sind etwas für Apotheker und ihre Regale. Aber Etiketten sind nichts für Künstler.“ EILEEN MYLES PERFORMT MIT DER ILB HOUSE BAND Jeet Thayil ist Kurator beim internationalen literaturfestival berlin 2026. Da er auch Musiker ist, wird das diesjährige Festival außergewöhnlich musikalisch. Sogar eine ILB House Band wurde gegründet. Bandleader ist der Schlagzeuger Diego Piñera. Mit dieser Band wird auch Eileen Myles während des Festivals performen.

7 de ago de 2026 - 1 min
Portada del episodio Der Versroman „Golden Gate“ von Vikram Seth

Der Versroman „Golden Gate“ von Vikram Seth

San Francisco 1980. Aus der einstigen Hochburg der Hippies ist längst eine Stadt von Yuppies geworden. Falls sich jemand nicht erinnern sollte: Der Begriff Yuppie stand damals für die gut ausgebildeten und karrierehungrigen Young Urban Professionals, jene höchstproblematische soziale Kohorte, die dem Siegeszug des Neoliberalismus assistierte. Der in Kalkutta geborene Vikram Seth lebte in den Achtzigern als Wirtschaftsstudent in der Stadt – und stolperte eines Tages in eine Buchhandlung und dort über eine Ausgabe von Alexander Puschkins berühmtem „Eugen Onegin“. Dieser Versroman inspirierte ihn. Wie bei einem Sonett besteht bei Puschkin jede Strophe aus vierzehn Zeilen. VERSE MIT AKTUELLEN FIGUREN Vikram Seth wollte das ebenfalls ausprobieren, allerdings mit aktuellen Figuren. War Puschkins Titelfigur ein gelangweilter Dandy aus dem Petersburg der 1820er Jahre, so schreibt Seth über die Yuppies seiner Zeit. Sie leben im sonnigen Kalifornien – irgendwo zwischen Aufstiegsträumen und Kriegsangst, Selbstzweifel und Hedonismus: „Los geht’s, weil mir die Muse lacht! Ich / Erzähle die Geschichte von / ’nem Kerl um Neunzehnhundertachtzig, / Den wir jetzt treffen: Er heißt John, / Ist sechsundzwanzig, macht Karriere, / Zu Hause herrscht die große Leere, /Und eine rote Frisbee killt / Ihn fast im Golden-Gate-Park. Wild / Geworfen, knapp verpasst – nun fragt er:“ „‚Wenn ich mal sterbe, nicht mehr bin, / Wer merkt das überhaupt? Wen in- / teressiert’s?‘ Und um nicht noch verzagter /Zu werden, spielt er Vogel Strauß / Und blendet die Probleme aus.“ So liest sich Seths Versform. DAS POLITISCHE DES PRIVATEN John ist ein haltloser junger Mann, der in der Rüstungsindustrie gutes, wenn auch schmutziges Geld verdient – das Privatleben aber ist holprig. Seine Ex-Freundin Janet, die in einer Punk-Band Schlagzeug spielt und sich als bildende Künstlerin durchschlägt, kann das Elend nicht länger mit ansehen und schaltet für John eine Er-sucht-sie-Annonce in der Zeitung. Das bringt weitere Figuren ins Spiel: allen voran Liz, Rechtsanwältin und Aktivistin und Johns Kurzzeitgeliebte; ihren Bruder Ed, einen Werber mit starkem katholischen Überbau. GRETCHENFRAGE DES KAPITALISMUS Den alleinerziehenden Vater Phil, der seinen hochdotierten Job im Silicon Valley aus moralischen Skrupeln gekündigt hat und mit Ed eine nicht ganz unproblematische Beziehung eingeht, um dann letztlich Liz zu heiraten, was wiederum John zur Weißglut bringt. Was Menschen in ihren 20ern und 30ern halt so umtreibet – und dazu kommen noch die ganzen Probleme der frühen 80er: Die Panik vor einem atomaren Krieg angesichts grenzenloser Aufrüstung in den Reagan-Jahren ist immer spürbar. Und überhaupt stellt sich die Gretchenfrage des Kapitalismus, wie ein richtiges Leben im falschen geführt werden könnte und wie Hedonismus sich mit Verzweiflung verträgt. A - B - A - B - C- C - D - D - E - F - F- E - G - G A - B - A - B - C- C - D - D - E - F - F- E - G - G – so lautet das traditionelle Reimschema, das Seth im Windschatten Puschkins über mehr als 300 Seiten in „Golden Gate“ durchhält. Was für eine Leistung! Und nicht nur Vikram Seth wahrt die Form, auch sein Übersetzer Christophe Fricker. Denn jene verspielten, mit kuriosen Reimen und fantasievollen Satzstellungen improvisierenden Verse von Vikram Seth ins Deutsche zu bringen, muss eine schweißtreibende und titanische Arbeit gewesen sein. Sowas ist bewundernswert und geht doch nicht ohne Reibungsverlust: Den Drive des knappen Englischen ins manchmal etwas schwerfällige Deutsche zu transportieren, ist schier unmöglich. HERAUSFORDERUNG DER ÜBERSETZUNG Viele Wortspiele lassen sich nicht übersetzen, zumal, wenn sie sich auch noch reimen müssen. So wird die deutsche Fassung zum eigenständigen Text, der durchaus funktioniert, wenngleich er artifizieller, gewollter wirkt als das Englische. Hier ein Beispiel von vielen. „A year. A year. That snooty tweedy / Son-of-an-East-Coast-bitch – I thought / You’d see right through this act, his weedy / Compliant charm – or would have fought / The flattery, pressure – what? – temptation? / – What a laugh! – whimsy, inspiration..." So klingt Seth höchstselbst. Daraus werden, nah zwar am Original, aber weniger schmissig, bei Fricker folgende Zeilen: > Ein Jahr. Ein Jahr. Der kleine Schisser, / Der Schnösel aus der Schnöselwelt, / Der sich an dich heranschmiss, Pisser, / Der mehr sich selbst als dir gefällt, / Hast du den nicht durchschaut? Verführung, / Und Druck und schmierige Berührung ... > > > Quelle: Vikram Seth – Golden Gate EIN SÜSSER ÜBERFLUSS Bei aller Kunstfertigkeit stellt sich aber doch irgendwann die Frage: Warum eigentlich erzählt Seth seine moderne Geschichte in altertümlicher Lyrik, wenn es Prosa auch getan hätte? Er fragt sich das sogar selbst: „Wie kann ich diese Form begründen, / Den ganzen komplizierten Reim, / Sind das nicht alles Jugendsünden, / Ein gammeliger Haferschleim, / Den ich in Puschkins Backform gieße? / Was braucht die Welt – verquirlte Grieße?“ Die simple Antwort wäre: Der Autor wählt die Form schlicht aus Jux und Tollerei, also aus reiner Lust am Sonett. Aber diese Lust überträgt sich auf die Lesenden: Lässt man sich auf den Rhythmus ein, auf Sprachmelodie und Sprechtakt, wird man davon leichterhand fortgetragen. MEHRWERT DURCH LYRISCHE FORM Und automatisch immer tiefer in die Geschichte hineingezogen. Die lyrische Form erzeugt so durchaus einen Mehrwert. An einer Stelle weist der Erzähler darauf hin, wie sehr einen „Eugen Onegin“ mitreißt – und by the way, warum nicht auch „Golden Gate“? > Ich möchte Ihnen nahelegen, / Sich von dem schönen Buch bewegen / Zu lassen, dessen leichter Fluss, / Ja, dessen süßer Überfluss / Mich angeregt hat, so zu schreiben. > > > Quelle: Vikram Seth – Golden Gate Auch der Rezensent kommt zum Schluss, was hier sprießt und fließt, was fasziniert man liest, ist durchaus Genuss, übersetzerisch zuweilen verwegen, weil‘s sich halt reimen muss: deswegen.

7 de ago de 2026 - 6 min
Portada del episodio Masala und Diskurs – Zwei neue indische Großromane

Masala und Diskurs – Zwei neue indische Großromane

Zwei dicke Bücher über das Indien der jüngeren Vergangenheit – das sind die neuen Romane von Booker-Preisträgerin Kiran Desai und von Debütantin Devika Rege. Beide Romane erzählen von der „inneren Heimatlosigkeit“ vieler Inder. Kiran Desais Roman heißt „Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“. Devika Reges Debüt trägt den Titel „Die rastlosen Jahre“. 700 SEITEN SPICE UND SINNLICHKEIT Bei Kiran Desai lernen sich Sonia und Sunny in einem Zug in den USA kennen. Erst später erfahren sie, dass sie einander bereits durch ihre Familien versprochen wurden. Desais 700-Seiten-Werk ist eine „groß angelegte Liebesgeschichte“, findet die Kritikerin Claudia Kramatschek. Trotzdem ist sie von diesem Roman nicht überzeugt, auch wenn er eine politische Skizze des Indiens der Jahrtausendwende liefert. „Der Roman ist stilistisch eine merkwürdige Kreuzung aus 19. Jahrhundert und dem, was man die englischsprachige indische Spice- und Masala-Literatur nennt“, urteilt Kramatschek. Kiran Desais sinnlich-detailliertes Erzählen sei „mit einer Überfülle hypertropher Details aufgeladen“. Auch wenn Hyperrealismus Desais Ziel war, so entstehe doch vor allem ein „Gefühl von Manierismus“. 400 SEITEN DIALOG UND DISKURS Viel überzeugender findet die Kritikerin Devika Reges Roman „Die rastlosen Jahre“. Der 400-Seiten-Roman schließt zeitlich an Desais Werk an und erzählt vor allem vom Jahr 2014, in dem die hindunationalistische BJP an die Macht kam. Anhand von drei jungen Leuten und ihrem Umfeld beleuchtet Rege die politischen Veränderungen dieser Zeit, die auch als indische Identitätskrise zu lesen sind. Auffällig ist, wie viel in diesem Roman diskutiert wird. Dialoge werden zum Stilmittel, das „immer deutlicher macht, dass es bald kein Miteinander mehr gibt, sondern eigentlich nur noch ein Gegeneinander, eine Vereinzelung der Vielen.“ Claudia Kramatschek rühmt Rege für ihre „frische und sehr akkurate Stimme und das sehr akkurate Ausloten der soziopolitischen Veränderungen in der indischen Gesellschaft“. Ihr Fazit zu Rege: „Hut ab!“

7 de ago de 2026 - 18 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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