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Portada del episodio Tänzer im Krisenmodus

Tänzer im Krisenmodus

„Fünf, sechs, sieben, acht“ – das klingt nach einem musikalischen Auftakt. Und mit einem solchen steigt Ewald Arenz auch in den Roman ein. Anton heißt seine Hauptfigur, ist 60 Jahre alt und Stepptänzer. Wir folgen ihm auf die Bühne einer Premierenvorstellung, und wir folgen ihm in seinen Gedankenstrom. Bekommt er das noch hin? Hat er sich mit dieser Choreographie nicht übernommen? Und dann, auf der dritten Seite, ein Satz, der bereits Böses ahnen lässt: > Mit der Musik war es bei ihm wie mit Zahlen: Er mochte die ungeraden lieber. > > > Quelle: Ewald Arenz – Fünf, sechs, sieben, acht EIN GEKRÄNKTER KÜNSTLER Ja, man versteht im Verlauf der Lektüre, was diese ungelenke Formulierung in etwa bedeuten soll. Sie ergibt aber trotzdem keinen Sinn. Ewald Arenz‘ Roman „Der große Sommer“ war eine atmosphärisch schöne Coming-of-Age-Geschichte. Der neue Roman hingegen ist hoffnungslos missglückt, aus mehreren Gründen. Da ist zum einen die Geschichte selbst in all ihren hanebüchenen Wendungen. Anton ist Tänzer am Theater jener Stadt, in der er seit vielen Jahren lebt. Die neue Intendantin setzt ihn vor die Tür und präsentiert Anton seine eigene Tochter Emma als Nachfolgerin. Weder Emma selbst noch seine geschiedene Frau Katja hatten ihn vorgewarnt. Eine Kränkung, auf die Anton wie ein beleidigtes kleines Kind reagiert. Dieser Vorfall setzt in Anton ein Nachdenken über das Alter, über die verpassten Möglichkeiten seines Lebens in Gang. Wenn Anton über seine Jugend sinniert, klingt es so: „Wie man mit fünfzehn so war. Romantisch. Verträumt. Und gleichzeitig voller Energie, voll von diesem unbändigen Gefühl, dass man zu etwas Großem bestimmt war.“ Wenn Anton nach einem Streit mit seiner Ex-Frau sein Telefon auf den Tisch knallt – Impulskontrolle ist ohnehin nicht seine Stärke – liest man einige Zeilen später: > „Er sah auf das gesprungene Display. So fühlte es sich gerade an. Als hätte sein Leben einen Sprung bekommen.“ > > > Quelle: Ewald Arenz – Fünf, sechs, sieben, acht DIE VERSCHWUNDENE GROSSE LIEBE Trivialliteratur hat viele Erkennungsmarker. Zu ihnen gehören in „Fünf, sechs, sieben, acht“ die simplen psychologischen Raster, in die Arenz seine Figuren presst mit der Folge, dass es in diesem Buch tatsächlich nicht einen überraschenden Gedanken, nicht eine originelle Formulierung gibt. Was Arenz hier produziert hat, ist literarische Konfektionsware, formuliert in Fertigbau-Sätzen. Anton, seine Hauptfigur, tanzt mal sentimental, mal selbstmitleidig, aber immer selbstgerecht durch seine durch die künstlerische Krise ausgelösten Erinnerungen. Die schmerzhafteste ist die an eine Frau namens Johanna, genannt Jo. Sie war Antons große Liebe und verschwand nach einer mehrjährigen Beziehung eines Abends spurlos. Wenn Anton an diesen traumatischen Verlust zurückdenkt, klingt das so: „Es war unmöglich, alles loszuwerden, was ihn an sie erinnerte. Man konnte ja schlecht eine ganze Stadt wegwerfen, mit ihren Gassen, den gemeinsam gegangenen Wegen, den Kneipen, dem Fluss, in dem man geschwommen war. Man konnte nicht aufhören, Baguette zu essen oder diese kleinen schwarzen Oliven, die sie so gemocht hatte. Man konnte nicht aufhören, im Frühjahr den Duft der Lindenblüten zu riechen“ SEHNSUCHTSLAND IRLAND Oliven und Lindenblüten. Nun ja. Im zweiten Teil des Romans bricht Anton gemeinsam mit seiner Tochter Emma nach Irland auf. Eine Versöhnungs- und zugleich Recherchereise, denn Emma glaubt, die verschollene Jo auf einem Foto in Irland entdeckt zu haben. Da fällt dann auch Anton ein, dass Irland schon immer Jos Sehnsuchtsland war. Was in Irland geschieht, ist nicht minder erwartbar als alles andere, wird aber von Ewald Arenz mit einem Shakespeare-Motiv bedeutungsvoll aufgepeppt. Der Grund für Jos Verschwinden vor 35 Jahren erweist sich als komplett abstrus, und schließlich outet sich dann auch noch ein irischer Priester Anton gegenüber bei deren erster Begegnung ohne Not als schwul. „Super Klischee, oder?“, sagt der Geistliche. Man will ihm nicht widersprechen.

Ayer - 4 min
Portada del episodio Die Leere des Selbst

Die Leere des Selbst

DONALD TRUMP: NARZISSTISCHER CHARAKTER IN REINFORM  Ob es irgendetwas gebe, was ihm weltpolitisch Grenzen setzen könne, wurde Donald Trump kürzlich von der New York Times gefragt. Ja, eine Sache, sagte der US-Präsident, seine eigene Moral, sein eigener Verstand.  Bedürfte es noch eines Belegs, Donald Trump als gefährlichen Narzissten zu diagnostizieren – diese Selbstanmaßung liefert ihn. Trump ist ein narzisstischer Charakter in Reinform. Der mächtigste Politiker der Welt, der sich gerne als „sehr stabiles Genie“ bezeichnet, taucht an der ein oder andern Stelle des neuen Buches von Thomas Arnold und Thomas Fuchs auf. Aber es geht um Trump nur am Rande, mehr um ein Phänomen, das uns als Menschen ganz allgemein betrifft. Neben der psychischen Problematik untersuchen die beiden Philosophen die soziokulturelle Perspektive des Narzissmus. Ihr Ansatz ist ein interdisziplinärer. Sie wollen den populärwissenschaftlichen Deutungen einen phänomenologisch-existenzialen Ansatz entgegenstellen. Ziel ist es:  „… das narzisstische Selbst- und Weltverhältnis in seinen Grundstrukturen zu beschreiben, wobei wir besondere Aufmerksamkeit auf seine leibliche Verfasstheit richten.“   Ihr Buch „Das unersättliche Selbst“ ist klar strukturiert, in allen Gedankengängen gut nachvollziehbar. Narzissmus analysieren sie zunächst als eine Leere, einen Mangel. Eine Neuinterpretation von Ovids Narziss-Mythos bildet den Ausgangspunkt ihrer Überlegungen.  „EIN RAUM DES SCHEINS“  „Narzissten suchen ihr Selbstsein, ihren Selbstwert im Spiegel – in ihrem Bild, ihrem Image, ihrem Selfie, damit letztlich in der Bewunderung oder im Neid der anderen, jedenfalls in deren Blicken. Videor ergo sum, ich werde gesehen (bzw. gespiegelt), also bin ich.“  Der oft positiv konnotierten Rede von der Spiegelung setzen sie etwas anderes entgegen: „Selbstwert“ habe seine Basis in einem leiblichen Selbstgefühl, das nicht durch flache und kalte Spiegel erworben werde, sondern durch Erfahrungen der Wärme, der Berührung, des Gehalten- und Getragenwerdens – Erfahrungen, an denen es in der Kindheit von Narzissten gemangelt habe. Eine doppelte Leere:  > Hunger, Gier und Mangel, Spiegelungssucht und zugleich deren Vergeblichkeit, schließlich eine existenzielle Verzweiflung – dies zeichnet die narzisstische Subjektivität aus.  > > > Quelle: Thomas Arnold, Thomas Fuchs – Das unersättliche Selbst KAPITALISMUS UND SOZIALE MEDIEN Auf dieser Prämisse fußt ihre Untersuchung, von dort aus greifen sie aus ins Gesellschaftliche, etwa wenn sie feststellen, dass der Kapitalismus selbst in seiner fortwährenden Erzeugung von Bedürfnissen, die letztlich unbefriedigt bleiben, narzisstische Züge trage. Auch Soziale Medien nehmen sie dabei in den Blick. Dass es einen guten, dem Fortschritt förderlichen Narzissmus gebe, entlarven Arnold und Fuchs als Propaganda. Das Verlangen narzisstischer Persönlichkeiten ist immer auf das Zukünftige gerichtet, auf etwas, das noch nicht erlangt, erobert ist – und auch nicht durch noch so große Anerkennung oder Macht gestillt werden kann, weil es sich eben um einen inneren Mangel handele.  FEHLEN VON EMPATHIE  > Die innere Unruhe äußert sich zeitlich betrachtet in einem Sich-vorweg-Sein, einer ständigen Ungeduld.  > > > Quelle: Thomas Arnold, Thomas Fuchs – Das unersättliche Selbst An Trump wiederum lässt sich sehr gut demonstrieren, was Narzissten fehlt: Sie können keine echten Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen, also solche, die nicht auf Spiegelung des eigenen Ego beruhen. Der andere wird von ihnen lediglich als Mittel zum Zweck betrachtet: „Damit stellt [der Narzisst] auch ein ethisches Problem dar.“  Zusammengefasst plädieren Arnold und Fuchs dafür, Narzissten einen Übergang vom Haben, Machen oder Können zum Sein und Sichsein-Lassen zu ebnen. DIE LEERE DES SELBST Narzissmus sei zwar eine Möglichkeit des Menschseins. Wir alle bewegen uns psychisch und gesellschaftlich in diesem Möglichkeitsraum. Wo aber echte Selbstliebe als Gegengewicht zum Narzissmus nicht einmal mehr am Horizont aufscheine, so Arnold und Fuchs, lauere die Leere des Selbst. Fazit: Ihre Studie ist nicht nur eine lohnende Einführung ins Thema, sondern dazu noch eine äußerst inspirierende Denkanregung, die uns beim Verstehen unserer unerfreulichen Gegenwart hilft.

14 de jun de 2026 - 4 min
Portada del episodio In den Trümmern des Elfenbeinturms

In den Trümmern des Elfenbeinturms

Lyrikleser*innen immer jünger Im Mai trat die kanadische Lyrikerin Anne Carson im Rahmen des Poesiefestival Berlins auf. Sie las dort ihren Text „Lecture on the History of Skywriting”. Der Saal war rappelvoll. Rund 700 zumeist sehr junge Zuschauerinnen und Zuschauer waren gekommen. Den Lyrik-Verleger Jo Frank vom Verlagshaus Berlin wundert das nicht. „Seit etwa zehn Jahren nehmen wir wahr, dass unsere Leser*innen immer jünger werden“, sagt er auf SWR Kultur. Lyrik verkaufe sich auch immer besser. Der Charme der kurzen Form Was suchen und finden junge Leserinnen und Leser in der Lyrik? Jo Frank berichtet von wichtigen Themen in der Lyrik, von ihrer politischen Relevanz und auch vom Charme der kurzen Form. Lyrik wagt ständig Neues, experimentiert manchmal aber auch mit Splittern lyrischer Klassiker. „Den Elfenbeinturm haben wir abgerissen“, zitiert Jo Frank aus dem Punk-Essay des Dichters Mátyás Dunajcsik. Also ab in die Trümmer: „Ihr findet uns hier unten. Hier fühlen wir uns ganz wohl.“

12 de jun de 2026 - 11 min
Portada del episodio Das Tagebuch – eine ganz persönliche Chronik

Das Tagebuch – eine ganz persönliche Chronik

Warum schreibt man Tagebuch? „Die meisten Menschen schreiben Tagebuch, um sich etwas von der Seele zu schreiben“, sagt Marlene Kayen. Sie ist die Vereinsvorsitzende des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen. „Man möchte einen Sachverhalt oder eine Emotion nochmal durchdenken, durchleben und dann besser ins Leben integrieren. Tagebuch-Schreiben ist auch ein Mittel, um sich zu vergewissern: Wer bin ich denn eigentlich?“ Archivieren und transkribieren Gut 28.000 Dokumente hat das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen seit seiner Gründung im Jahr 1998 gesammelt. Aufbewahrt werden die Tagebücher, Lebenserinnerungen und Briefwechsel in drei ortsnahen Lagern. Langsam wird allerdings der Platz knapp. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern und einer Transkriptionssoftware, die auf die Erkennung persönlicher Handschriften trainiert wird, werden die Dokumente katalogisiert und transkribiert. Von der französischen Besatzung am Mittelrhein Im Gespräch mit SWR Kultur erzählt Marlene Kayen von den Tagebüchern, die sie besonders mag, etwa das Tagebuch einer Pfarrerstochter aus dem mittelrheinischen Dorf Dörscheid, die nach dem Ersten Weltkrieg die Besetzung durch die Franzosen miterlebte. Oder auch das Tagebuch einer Zugsekretärin, die ab den 1950er Jahren in europäischen Fernzügen ein Schreibabteil für Geschäftsleute betreute und auf diesen Reisen viel erlebte. Forschung und Museum Immer mehr soziohistorische Forschungsprojekte stützen sich auf der Sammlung des Deutschen Tagebucharchivs. Auch davon berichtet Marlene Kayen. Privatpersonen können nicht in den originalen Dokumenten stöbern, aber das zugehörige Tagebuch-Museum im Alten Rathaus Emmendingen besuchen. Auch auf der empfehlenswerten Website des Archivs sind zahlreiche Lebensgeschichten aufbereitet.

12 de jun de 2026 - 16 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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