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Portada del episodio Das Tagebuch – eine ganz persönliche Chronik

Das Tagebuch – eine ganz persönliche Chronik

Warum schreibt man Tagebuch? „Die meisten Menschen schreiben Tagebuch, um sich etwas von der Seele zu schreiben“, sagt Marlene Kayen. Sie ist die Vereinsvorsitzende des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen. „Man möchte einen Sachverhalt oder eine Emotion nochmal durchdenken, durchleben und dann besser ins Leben integrieren. Tagebuch-Schreiben ist auch ein Mittel, um sich zu vergewissern: Wer bin ich denn eigentlich?“ Archivieren und transkribieren Gut 28.000 Dokumente hat das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen seit seiner Gründung im Jahr 1998 gesammelt. Aufbewahrt werden die Tagebücher, Lebenserinnerungen und Briefwechsel in drei ortsnahen Lagern. Langsam wird allerdings der Platz knapp. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern und einer Transkriptionssoftware, die auf die Erkennung persönlicher Handschriften trainiert wird, werden die Dokumente katalogisiert und transkribiert. Von der französischen Besatzung am Mittelrhein Im Gespräch mit SWR Kultur erzählt Marlene Kayen von den Tagebüchern, die sie besonders mag, etwa das Tagebuch einer Pfarrerstochter aus dem mittelrheinischen Dorf Dörscheid, die nach dem Ersten Weltkrieg die Besetzung durch die Franzosen miterlebte. Oder auch das Tagebuch einer Zugsekretärin, die ab den 1950er Jahren in europäischen Fernzügen ein Schreibabteil für Geschäftsleute betreute und auf diesen Reisen viel erlebte. Forschung und Museum Immer mehr soziohistorische Forschungsprojekte stützen sich auf der Sammlung des Deutschen Tagebucharchivs. Auch davon berichtet Marlene Kayen. Privatpersonen können nicht in den originalen Dokumenten stöbern, aber das zugehörige Tagebuch-Museum im Alten Rathaus Emmendingen besuchen. Auch auf der empfehlenswerten Website des Archivs sind zahlreiche Lebensgeschichten aufbereitet.

12 de jun de 2026 - 16 min
Portada del episodio Drei Tage im Sommer

Drei Tage im Sommer

Eddi ist fünfzehn Jahre alt. Und sie hat ziemlich viel Zeit. Genaugenommen drei Tage, also eine Ewigkeit für eine Halbwüchsige ohne Plan. Zu Beginn sitzt sie auf einem Campingstuhl auf dem Trainingsgelände eines Sportinternats in der Nähe von Neubrandenburg, an dem ihre Eltern unterrichten. Eddi lutscht hingebungsvoll an ihrem Eis. In drei Tagen steht der Umzug nach Japan an, wo die Eltern eine neue Herausforderung suchen, nachdem die Mutter in Schwierigkeiten geriet. Angeblich hat sie im Schwimmkurs eine Schülerin schikaniert. Eddi – so heißt auch dieser Roman von Andreas Martin Widmann – weiß nichts von Japan und will nicht dorthin. Drei Tage sind ihre Galgenfrist. Aber was tun, mit der Zeit, die ihr bleibt? Was tun, wenn man nichts zu tun hat? „Bis ich das Eis gegessen habe, fällt mir etwas ein, dachte Eddi, und was mir einfällt, werde ich dann machen. Von dem orangefarbenen Mantel war im oberen Bereich nur wenig übrig. Eddi hatte ihn Stück für Stück mit den Zähnen abgeschält und auf die Zunge gelegt, und jetzt war auch der Umgang mit dem weichen weißen Inneren ein Wettlauf mit der Nachmittagshitze.“ Doch eigentlich fällt Eddi nichts ein. Zurück in der Wohnung zieht sie sich eine Trainingshose an und sperrt sich dann versehentlich aus. Und so beginnt eine Abenteuerreise, ein Road-Trip über mehrere Stationen, der Eddi zuerst zu den Eltern eines kleinen Jungen führt, bei dem sie gebabysittet hat, dann in ein Haus am Waldrand, wo ihr eine seltsame Friseuse die Haare rosa färbt, und schließlich mit einem geklauten Fahrrad zurück aufs Internatsgelände, wo sie in der Junggesellenabschiedsparty eines Basketballstars landet, die ein dramatisches Ende findet. Das ist rasant erzählt, erinnert in der raschen Abfolge unverbundener Episoden ein wenig an Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ und lässt das Vorbild Holden Caulfield aus J.D. Salingers „Fänger im Roggen“ erkennen, an dem sich Widmann offensichtlich orientiert hat. Rollenspiel und Identitätswechsel Schon sein 2012 erschienener Debütroman „Die Glücksparade“ hatte einen Fünfzehnjährigen zum Protagonisten. Widmann ist also auf dieses Alter spezialisiert. Neu sind nun die weibliche Hauptfigur und der Schauplatz im Osten, doch beides ist nicht wesentlich, denn der Roman könnte überall spielen, und wichtiger als ihr Geschlecht ist Eddis Alter, ihre Impulsivität, die Radikalität ihres Erlebens, und ihre Lust, mit der eigenen Identität zu spielen. Deshalb besucht sie auch eine Laienschauspielgruppe, wo es in der Improvisationsübung darum geht, in andere Rollen zu schlüpfen und eine Geschichte dazu zu erfinden. > Ihr fiel immer etwas ein, aber sie wusste nie, was es sein würde; oft überraschte sie sich selbst mit dem, was sie spontan sagte, und sie genoss den Nervenkitzel, der genau daher kam, dass es plötzlich passierte. > > > Quelle: Andreas Martin Widmann – Eddi Die Lust am Überraschungseffekt gilt nicht nur für die Theatertruppe, sondern für Eddi in jeder Lebenslage. Der Roman lebt von ihrem Charme und ihrer jugendlichen Aufgewecktheit. Frechheit und Angst, Neugier und Fluchtimpulse wechseln einander ab, und jedes Kapitel endet mit einem Knalleffekt, der, wie in einem Computerspiel, die Tür zur nächsten Episode öffnet. Widmann schreibt filmisch, wie mit einer Kamera. Er beschreibt detailliert, benennt jede Einzelheit, Formen und Farben. Das klingt dann etwa so: „Ein Maisfeld stand hoch wie ein Brückengeländer da, und die Stängel und Blätter hatten die Farbe von alten Besenstielen. Es grenzte an einen Acker, der umgepflügt war. Die Erde auf dem Acker war von mattem Braun, das Gras auf der Wiese daneben war verblichen. Einmal kam ihr ein weißer Lieferwagen entgegen, und kurz danach überholte sie ein Auto, ohne langsamer zu werden, es raste geradezu.“ Schreiben mit der Kamera All das tut nichts zur Sache. In einem Film wäre es ein beiläufiger Schwenk über die Landschaft. In einem literarischen Text aber sollte nichts zufällig vorkommen. Im Film muss jede Szene ausstaffiert sein, es geht nicht anders. Literatur aber droht daran zu ersticken, wenn ständig alles benannt wird, ohne dass das irgendwelche Konsequenzen hätte. Leider bedeuten bei Widmann zu viele Dinge nichts. Sie sind einfach da. Auch Personen treten auf und wieder ab, wie Eddis Bruder, der einmal anruft, ansonsten aber keine Rolle spielt oder die Leiterin der Theatergruppe. Sie gehen vorbei und hinterlassen keine Spuren. Das gilt für die Einzelheiten ebenso wie für den ganzen Roman. Das ist alles schön geschildert, atmosphärisch dicht, angenehm und leicht zu lesen, gut gemacht und grundsympathisch. Mehr aber auch nicht. Es gibt keine Bedeutungsebene, die über das Geschehen hinausreichen würde. Es geht um nichts, nur darum, dass ein fünfzehnjähriges Mädchen viel zu viel und viel zu wenig Zeit hat und so allerhand Ungeplantes erlebt.

12 de jun de 2026 - 5 min
Portada del episodio Im spirituellen Funkloch

Im spirituellen Funkloch

Landpfarrer – bei dieser Berufsbezeichnung schwingt eine gewisse Gemütlichkeit mit. Man stellt sich einen jovialen, dem Genuss nicht abgeneigten Geistlichen vor, der sich mit seinen Schäfchen ins Einvernehmen zu setzen weiß. Der tagebuchschreibende Landpfarrer in Georges Bernanos‘ Roman ist von diesem Bild jedoch so weit entfernt wie nur möglich: ein dürrer, magenkranker Mann von Anfang Dreißig, ganz zerfurcht und zergrübelt von seinem Ringen mit Gott. Und verzweifelt, wenn er wieder einmal ins spirituelle Funkloch gerät. 1920, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, tritt er seinen Dienst in der nordfranzösischen Gemeinde Ambricourt an. Den Ort beschreibt er als religiöse Steppe: „Plötzlich tauchte das Dorf vor mir auf: die Häuser dicht gedrängt, armselig unter dem trüben Novemberhimmel. Feuchter Nebel hing über dem Dorf, das wie ein erschöpftes Tier im nassen Gras lag. Und dies ist meine Pfarrei. (…) Meine Pfarrgemeinde ist von Gleichgültigkeit zerfressen. In vielen anderen Pfarrgemeinden ist es genauso. Die Lethargie breitet sich vor unseren Augen aus…“ Hier lebt der namenlos bleibende Landpfarrer nun in ärmlichsten Verhältnissen. Seinen Auftrag nimmt er bitter ernst. Er will die verstockten Menschen aus der Lethargie holen. Denn die Säkularisierung; so die Diagnose von Bernanos, hat längst auch die Provinz erreicht – erst recht in Frankreich, wo es seit der Aufklärung eine starke Tradition des Antiklerikalismus und Laizismus gibt. Brot und Wein Der Landpfarrer bleibt ein Fremder im Dorf, bald gilt er als Sonderling und Alkoholiker, weil er sich wegen seiner chronischen Magenschmerzen eine Diät aus schlechtem Wein und trockenem Brot verordnet hat. Dennoch gibt er sich Mühe bis zur Erschöpfung, unterrichtet die Kinder, die ihn provozieren, besucht die Kranken und die Familien. „Wie behutsam ich auch vorgehe – selbst wenn ich es meide, das Wort Gott in den Mund zu nehmen, liegt es immer irgendwann in der Luft, und die Mienen, die sich geöffnet haben, schließen sich plötzlich wieder. Sie werden düster. (…) Die jungen Leute haben mir den Spottnamen ‚Tristgesicht‘ verpasst.“ Als strenger Mentor nimmt sich Abbé Martin seiner an, ein robuster und erfahrener Kollege, Pfarrer einer Nachbargemeinde. Mit scharfen Worten kritisiert er den schwärmerischen Idealismus des jungen Landpfarrers. Und bringt einen pragmatischen seelsorgerischen Realitätssinn zur Geltung, der die Menschen nimmt, wie sie nun einmal sind.  Es gibt wenige Werke der literarischen Moderne, die zugleich so entschieden auf christlichem Grund stehen, auch wenn dieser stark erschüttert ist. Auf fast jeder Seite liest man – oft aphoristisch geschliffene – Reflexionen über Gut und Böse, über die Theologie der Armut, den geistlichen Ertrag des Leidens, die Heiligen, das Opfer oder die Versuchung des Selbstmords. Es ist eine teils befremdliche, aber auch faszinierende Gedankenwelt. Die Form des Tagebuchs Die Tagebuchform sorgt für die subjektive Perspektive, die Erlebnisnähe sowie die Dringlichkeit des Selbstgesprächs, aber diese Form wird von Bernanos nicht streng genommen. So gibt es keine Datumsangaben, und vor allem die langen Dialoge haben mit üblichen Tagebüchern wenig gemein. Denn auch wenn die Gemeinde verdorrt erscheint – das Merkwürdige ist, dass der junge Pfarrer mit allen Menschen tiefgründige religiöse Gespräche führt, als würden sie letztlich doch umgetrieben von den letzten Fragen. Ob enttäuschte Frauen wie die Gräfin von Ambricourt, die mit Gott hadert, seit ihr geliebter Sohn gestorben ist und ihr Mann sie notorisch betrügt, ob atheistische Ärzte oder ein Fremdenlegionär – sie alle debattieren mit dem Landpfarrer leidenschaftlich auf Augenhöhe. Metaphysik des Motorrads Auch die Beschreibungen der Landschaft haben eine metaphysische Dimension. Das gilt insbesondere für das kurioseste Kapitel des Romans, „Monsieur Olivier und das Motorrad“, wo der malade Landpfarrer zu dem adligen Fremdenlegionär Olivier auf die schwere, in der Sonne funkelnde Maschine steigt: „Es war der Gesang des Lichts… Die Landschaft flog auf uns zu, öffnete sich nach allen Seiten wie das Tor zu einer anderen Welt. Ich verlor das Gefühl für die Zeit… Die Luft bot nur am Anfang einen Widerstand; dann wurde sie zu einem schwindelerregenden Korridor, einem Vakuum zwischen zwei Luftwirbeln.... Ich spürte, wie die Wirbel links und rechts von mir wie zwei flüssige Wände quirlten.“ Im ausgezeichneten Anhang dieser Ausgabe erfährt man, dass Bernanos hier seine eigene Motorradbegeisterung verarbeitet hat. Drei Jahre vor der Publikation des „Landpfarrers“ hatte er allerdings einen schweren Unfall, der ihn zum Invaliden machte. Die Erfahrung von Schmerz und Leiden hat er ebenfalls auf seine Romanfigur übertragen. Nur dass deren Martyrium eine andere, ernüchternd profane Ursache hat: Magenkrebs, unheilbar. > Ich muss dem Drang widerstehen, mich auf den Boden zu werfen und mich wie ein Tier vor Schmerzen zu wälzen. Gott allein kann wissen, was ich durchmache. > > > Quelle: Georges Bernanos – Tagebuch eines Landpfarrers Religiöser Existenzialismus Man hat Bernanos als „katholischen Existenzialisten“ bezeichnet. Das ist eine ungewohnte Kategorie, haben doch gerade die französischen Existenzialisten eine Welt geschildert, in der alle religiösen Absicherungen und Sinnstiftungen verloren gegangen sind. Genau diesen drohenden Verlust aber nimmt – als Christ – auch Bernanos ins Visier. So wundert es nicht, dass der frühe Sartre von ihm beeinflusst wurde. In seinem zwei Jahre nach dem „Landpfarrer“ erschienenen Durchbruchsroman „Der Ekel“ treibt er den kriselnden, mit seiner Umgebung stark fremdelnden Ich-Erzähler auf ähnliche Weise in die tagebuchartige Selbstentblößung. Die Neuübersetzung des „Landpfarrers“ von Bernhard Lang ist schlackenlos und liest sich wie ein Original. Der Clou dieser bibliophilen Ausgabe ist jedoch ein ausführliches Glossar, das die Grundbegriffe der komplexen religiösen Gedankenwelt vermittelt, die zum Verständnis des Romans hilfreich sind und nicht mehr vorausgesetzt werden können. Mögen auch wir von der religiösen Indifferenz und „Lethargie“ befallen sein – noch immer zieht die Intensität dieses spirituellen Romans in den Bann, der einst für Leser wie Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl, Heinrich Böll, Josef Ratzinger oder Peter Handke eine prägende Lektüre war.

12 de jun de 2026 - 6 min
Portada del episodio Nea Schmidt – Sprechen in Flechten. Gedichte

Nea Schmidt – Sprechen in Flechten. Gedichte

Wie staunenswert fein gestrickt Nea Schmidts Sprache ist! Das fällt schon beim Lesen und Hören des halbgereimten Titels ihres ersten Gedichtbands auf: „Sprechen in Flechten“. Flechten sind eigenartige Wucherungen, Lebensgemeinschaften zwischen einem Pilz und einer Photosynthese betreibenden Alge. Sie wandeln Licht in organische Substanzen um. Flechten sind nutzenbringende Hybridwesen, ein Joint Venture von Alge und Pilz. Und genauso hybrid wird auch bei Nea Schmidt gesprochen. In ihren Gedichten erscheint die Sprache als Verbindung einer organischen, menschengemachten und einer maschinellen, computergenerierten Sprache, die sich von der organischen parasitär ernährt, darin aber eine eigene Qualität ausbildet. Die Sprache und ihre Sphären werden ständig befragt: > der Austausch der Spuren folgt der Partitur der Partikel oder ihrem Schirmherrn / dem Staub der heiser raunt Asche zu Asche Pixel zu Pixel Tür zu /Tür auf > > > Quelle: Nea Schmidt – Sprechen in Flechten Dass sich dieses Überlagern von natürlich gewachsener und Kunstsprache zu etwas Sinntragendem verbindet, kennt man nicht erst in Zeiten von AI und ChatGPT. Auch Kunstsprachen wie Volapük oder Esperanto folgen keiner historischen Sprachgenese. Auch sie sind menschengemacht und nach Mustern entwickelt. LOREM IPSUM DOLOR Die Formel „Lorem ipsum dolor“ die dem ersten Zyklus in Nea Schmidts Band den Titel gibt, wird seit Jahrzehnten als sogenannter Blindtext an Stellen verwendet, an denen markiert wird, dass an genau dieser Stelle später sinntragender Text eingesetzt werden soll, beispielsweise in einer Broschüre. Die Wörter der Zeile entstammen in etwa einem Text von Cicero und suggerieren, es handle sich um echtes Latein, das als antike Sprache zum Kanon humanistischer Bildung gehört. Ihr Sinn wird aber dann vom Blindtextgenerator zerfranst. „Denk darüber nach, wie Sinn suggeriert wird“, sagen Schmidts Gedichte. Sie untersuchen das Zerfransen, Aufdröseln, das Wechseln von Aggregatszuständen der Sprache: > Sprich farbene Dinge in den Mund. / Sprich blitzenden Chrom in mich hinein > > > Quelle: Nea Schmidt – Sprechen in Flechten heißt es im ersten Zyklus und macht noch einmal den Gegensatz von lebendig Farbigem und künstlich glitzerndem Chrom deutlich. Das Moment von Nicht-Verstehen, von Außenvor-Sein wird in diesen Gedichten immer wieder zum Thema, um zu erkunden, wie Mensch und Maschine in unserer Gegenwart aneinander und ineinander geraten. > Gott stapelt hoch. Kopie über Kopie. / ich rede gut und höre nichts. Streckstoff ohne Gegenlicht. / alle haben alles verstanden > > > Quelle: Nea Schmidt – Sprechen in Flechten BIBLISCHE SCHÖPFUNG UND DIGITAL NATIVE 1995 geboren ist Nea Schmidt Digital Native und selbstverständlich aufgewachsen mit einer technisierten Kommunikation. Doch ihr Debüt ist nicht nur auf der Höhe unserer Zeit, sondern reicht auch weit in die Geistes- und Literaturgeschichte zurück. Die Bibel, kanonische Texte der Antike, dazu zahlreiche philosophische Referenzen, etwa auf Thomas Hobbes zeigen, dass diese junge Autorin sich in der Tradition der Sprachreflexionen auskennt: > Was ist der Mensch? / Fleischfressendes Fleisch und / sein eigener Wolf und / Fleisch vom Fleisch der Schöpfer / abgeschöpft. > > > Quelle: Nea Schmidt – Sprechen in Flechten Wie Schmidt in den eben zitierten Versen biblische Schöpfung und Thomas Hobbes‘ Ausspruch „Der Menschen ist dem Menschen ein Wolf“ zusammenbindet, ja flicht, ist originell und deutet zugleich an: Das Licht der Aufklärung wirft immer schon den Schatten eines Rückfalls in die Barbarei. Doch zugleich ist die Vernunft nun einmal das Mittel, das Zivilisationen stabil hält. Es gilt, daran festzuhalten. Immer neu wird dieser Gedanke in Schmidts Gedichten im ununterscheidbar werdenden Überlagern von Mensch und Maschine poetisch realisiert: „Mein Kopf verknüpft dies und das und verstrickt sich in Widersprüche und findet zB die Frage Wie macht eine Maschine einen Schal / egal / hebt Maschen auf lässt Maschen aus denkt sich Muster aus die Streben mit /Hebeln bewegen die Streben die noch wie Bäume stehen die noch ihre Kronen heben“ So werden die Grenzen zwischen wildem und Mustern folgendem Denken flüssig. Es ist beängstigend, dass in diesem Band maschinell erzeugte Sprache verwendet wird, worauf Schmidt in den Kommentaren verweist, wenn sie beschreibt, dass sie Texte von Google übersetzen und rückübersetzen lässt. DER MENSCH KANN DICHTEN Man kann diese Textstellen in den Gedichten nicht mehr zweifelsfrei von menschlich generierten unterscheiden. Doch immer bleibt klar, dass hier eine denkende Instanz das letzte Wort behält – und den Humor. Der politische Kommentar dieser Gedichte zu einer hybriden Sprache lautet indirekt: Wir können die Maschinensprache integrieren. Das Musterbildende, die Wiederholung, all diese Mechanismen sind eben auch menschlich. Beim Sprechen dürfen wir nicht aufhören zu fragen, zu denken und zu spielen. Denn der Mensch kann dichten, und damit Dinge, die die Maschine nicht kann, er kann zum Beispiel doppelsinnige Enjambements schreiben, was der Maschine unmöglich ist. Anders gesagt: der Mensch kann mehr als rechnen, er ist unberechenbar und genau das ist seine lebendige und warme Stärke gegen eine totale Automatisierung und Vereisung der Sprache. Nea Schmidts Gedichtband glüht regelrecht vor Witz und Intelligenz. Wenn das keine Aufforderung ist, „Sprechen in Flechten“ zu lesen!

12 de jun de 2026 - 6 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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