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Acerca de SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Neue Bücher von Helene Bukowski, Son Lewandowski, Anja Gmeinwieser, Marina Vujčić und Clara Leinemann
Zum Internationalen Frauentag am 8. März widmen wir das SWR Kultur lesenswert Magazin Romanen und Autorinnen, die gegen strukturelle Gewalt und Machtmissbrauch anschreiben.
Das Menschliche der Maschine
Die KI-Revolution, schreibt Markus Gabriel, sei nicht primär technisch, sondern emotional und ethisch. Diese doch überraschende Prämisse bildet das Fundament für die Überlegungen des Philosophen, an denen er uns in seinem neuen Essay „Ethische Intelligenz“ teilhaben lässt. Für Gabriel ist KI ein Spiegel: Sie ist nicht neutral, sondern bildet ein interaktives Abbild unserer Werte und unseres Handelns. Es gehe also nicht darum, eine ohnehin sich vollziehende Entwicklung durch Regulierungen aufzuhalten. Sondern sie in unserem Sinne zu gestalten. > Wir brauchen eine Ethische Intelligenz. Diese besteht darin, die KI weder als Gegner noch als Erlöser zu begreifen, sondern als Mitspieler in einer neuen Ko-Evolution von Mensch und Maschine, bei der Ethik nicht nur angewandt, sondern gelebt wird. > > > Quelle: Markus Gabriel – Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann INTERDISZIPLINÄRE ZUSAMMENARBEIT Dieser Ansatz braucht die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Disziplinen. Er sieht gerade Europa in der Pflicht, eine „Neue Aufklärung“ mit auf den Weg zu bringen: „Das bedeutet, die enormen ökonomischen Potenziale eines ethischen Fortschritts zu erkennen und sie zur Grundlage der Wertschöpfung zu machen. Philosophie, interdisziplinäres Denken und normative Klarheit sind kein Luxus, sondern gehören ins Zentrum der technologischen Entwicklung.“, schreibt Gabriel DIE EMOTIONALE WENDE DER KI Die Grundlage für Gabriels Optimismus liegt in etwas, das er die emotionale Wende der KI nennt: Durch die neuronalen Netze, die entstehen, durch intelligente Sprachmodelle, die Muster erkennen und Verbindungen herstellen, verwandelt sich die virtuelle Welt immer mehr von einem Wissenssystem in eine emotionale Intelligenz. Man kann das daran beobachten, dass schon jetzt viele Menschen mit ihren alltäglichen Problemen bei Künstlicher Intelligenz Rat suchen. Heutige KI-Modelle würden uns inzwischen besser kennen als alle Psychotherapeuten, Seelsorger, Neuro- und Sozialwissenschaftler zusammengenommen, so Gabriel. Aus dieser Erkenntnis, dass wir im Innenraum unserer Seele nicht mehr allein seien, müssten die richtigen Schlüsse gezogen werden. Das sei der Übergang von einer Ethik der KI zu einer Ethik mit KI, mithin der Eintritt in eine Phase, die Gabriel „Ethische Intelligenz“ nennt. Das Ziel sei ein lebendiger Prozess, ein… > … ko-evolutionärer Dialog zwischen Mensch und Maschine, in dem die Maschine menschliche und der Mensch maschinelle Züge annimmt und ausführt. > > > Quelle: Markus Gabriel – Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann EIN ERFRISCHENDER, ABER SCHWER VORSTELLBARER ANSATZ? Ein fortlaufendes Gespräch also, das uns im besten Fall besser macht, weil die Maschine uns einen Spiegel vorhält – aus dem uns anblickt, was wir selbst sein wollen. KI sei deshalb – allen Unkenrufen zum Trotz – nicht das Ende des Menschlichen, sondern seine Erweiterung. Ein Resonanzraum, bei dem sich das Menschliche selbst erforsche, aufmerksamer werde. Richtig genutzt könnten Geschäftsmodelle entwickelt werden, die nichts mit den Tech-Fantasien eines Transhumanismus zu tun hätten, sondern auf moralische Tiefe und Teilhabe setzen. > Die Revolution der KI ist nicht das Erwachen der Maschinen, sondern das Erwachen unserer Beziehung zu ihnen. > > > Quelle: Markus Gabriel – Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann Angesichts der Untergangsszenarien, die im Zusammenhang mit KI gerade in den letzten Jahren beschworen werden, ist Gabriels Ansatz durchaus erfrischend. Aber so verlockend Gabriels These auch ist – die Frage, ob das Projekt einer ethisch gestalteten Intelligenz gegen die Macht der Konzerne und autoritäre Regierungen wirklich durchsetzbar ist, bleibt doch unbeantwortet. Eine Strategie, wie etwa ein ja immer wieder uneiniges Europa, eine solche hehre Mammutaufgabe stemmen könnte, liefert sein zum Weiterdenken anregendes Buch nicht. Eine weitere Achillesferse von Gabriels Idee: Sie spielt sich im Virtuellen ab, mithin in einer Welt, die keine Leiblichkeit kennt, deren Mechanismen Vereinzelung und einen meist bösartigen Narzissmus befördern, ja brauchen. Auch alle bisherigen Geschäftsmodelle im Netz beruhen auf Spiegelung – aber die Spiegel zeigen lediglich, was der Betrachter sehen will, erzeugen unerfüllbare Sehnsüchte, Egoismus und Echoräume. Und die Frage, auf welchen ethischen Grundlagen eine Ethische Intelligenz überhaupt beruhen soll, ist da noch gar nicht gestellt.
Klug komponiert und sprachlich gewandt: Clara Leinemann „Gelbe Monster“
CHARLIE STECKT IN EINER TIEFEN LEBENSKRISE > ‚Es tut mir so leid‘, flüstert sie sich im Spiegel zu, während sie die Blutergüsse in ihrem Gesicht – ein lilablaues Universum– mit der unverletzten Hand langsam abdeckt. > > > Quelle: Clara Leinemann – Gelbe Monster „Sie sieht sich in die Augen, das rechte noch leicht geschwollen, sie wirkt dadurch dümmer als gewöhnlich. ‚Es tut mir einfach so leid‘. ‚Es tut mir...‘ – und sie fängt an zu weinen. Die Tränen bilden nasse Schlieren in der frischen Make-Up Schicht“, geht die Passage weiter. Charlie, eine junge Mathematikstudentin, steckt in einer tiefen Lebenskrise: Ihre Beziehung zu Valentin, in den sie unsterblich verliebt war, ist gescheitert. Ihre Hand und ihr Gesicht sind lädiert, in ihre Wohnung kann sie nicht zurück. Was genau passiert ist, lässt die Autorin Clara Leinemann erst einmal offen. Vorübergehend darf Charly, die Hauptfigur ihres Romans „Gelbe Monster“, bei ihrer besten Freundin Ella wohnen. WUT UND AGGRESSIONEN Aber Ella stellt eine Bedingung. Charlie muss an einem Anti-Aggressions-Training teilnehmen. Widerstrebend meldet diese sich an: „Frau Yilmaz hat ihr erklärt, das Programm beinhalte fünfundzwanzig Sitzungen von jeweils zwei Stunden. (…) Ein wichtiger Teil, auf den sie schon anfangen könne, sich vorzubereiten, sei die Tatrekonstruktion. Jede Teilnehmerin würde eine Einheit für sich beanspruchen, in der sie vor der Gruppe die eigene Tat nachvollziehen würde, Schritt für Schritt.“ > Charlie fängt an zu weinen bei der Vorstellung, wie sie zwischen Schwerverbrecherinnen sitzen wird, die alle ihre Beziehungspersonen oder Kinder halb totgeschlagen haben. (…) - Was hat sie denn überhaupt getan? > > > Quelle: Clara Leinemann – Gelbe Monster OBSESSIVE BEZIEHUNG UND REALITÄTSFERNES LIEBESIDEAL Nach und nach, durch Rückblenden, erfahren wir, was zwischen Charlie und ihrem Traummann Valentin vorgefallen ist. Wie sie, die von mathematischen Theoremen besessen ist, auch in ihrer Beziehung zur Obsession neigte und sich in ein romantisches, aber völlig realitätsfernes Liebesideal hineinsteigerte. Wie Charlie, wenn ihr Freund ihre hohen Erwartungen nicht erfüllte, die Kontrolle über ihre Emotionen verlor. Wie sie Grenzen überschritt, wie sie gewalttätig wurde. Clara Leinemann, die Autorin von „Gelbe Monster“, erzählt, zunächst sei es gar nicht ihre Absicht gewesen, einen Roman über weibliche Gewalt zu schreiben. Vielmehr habe es sie interessiert, die Figur einer unter Selbsthass leidenden jungen Frau zu entwickeln: „Charlie ist ganz stark von Selbstabwertung geprägt, die sich auch gegen ihr Frau-Sein, ihre Weiblichkeit richtet. Und sie ist in so einer inneren Logik gefangen, in der ganz viel davon abhängt, ob sie von einem Mann geliebt wird. Sie hat die Vorstellung, dass sie das irgendwie aufwertet, und kann sich das nicht gut aus sich selbst heraus geben: das Gefühl, wertvoll zu sein.“ DESTRUKTIVE GEDANKEN Leinemann geht davon aus, dass diese Art, zu denken, noch verbreiteter ist, als man meinen könnte. Sie kenne das von sich selbst. Allerdings mit einer reflexiven Ebene dazwischen, die sie Charly komplett weggenommen habe. Die Autorin wolle verstärkt darstellen, wie destruktiv diese Gedanken sein können, für sich selbst, für freundschaftliche Beziehungen, für romantische Beziehungen. „Sie war in zwei Schritten bei ihm und packte ihn am Arm. Sie drückte fest zu, er drehte sich zu ihr um, sie konnte nichts sagen, ihr Hals tat weh, sie konnte ihn nur ansehen. Sie hielt sein Handgelenk fest im Griff, und dann presste sie zwischen den Zähnen hervor, ‚Du kannst mich hier nicht so stehen lassen‘. (…) Er sah sie entgeistert, fast angewidert an. ‚Bitte‘, sagte sie, aber er entwand sich ihrem Griff und ging weiter, was so weh tat, dass sie ihm zeigen musste, wie sich das anfühlte, er musste es wissen. Also setzte sie ihm nach, riss ihn an der Schulter herum und gab ihm eine Ohrfeige.“ MUTIGES BUCH ÜBER TABU-THEMA WEIBLICHE GEWALT Auch, wenn sie es ursprünglich nicht vorhatte. Clara Leinemann hat mit „Gelbe Monster“ ein mutiges Buch über ein bislang weitgehend tabuisiertes Thema vorgelegt: Frauen, die Gewalt ausüben. „Für ein Tabuthema hab ich es tatsächlich nie gehalten, weil ich das Gefühl hab, dass es etwas ist, was im wirklichen Leben auch passiert,“ betont die Autorin und fügt gleich hinzu, beim Schreiben über weibliche Gewalt habe sie eine besondere Verantwortung empfunden. In ihrem Roman beschreibt sie Gewalt nicht als isoliertes Phänomen. Charlie und andere Teilnehmerinnen des – übrigens sehr authentisch dargestellten – Anti-Aggressions-Programms haben eine Vorgeschichte: Erlebnisse aus der Kindheit oder der Partnerschaft, die sie verletzt und wütend gemacht haben. Dass Clara Leinemann diese Erfahrungen schildert oder andeutet, wirkt nicht wie eine Rechtfertigung der Gewalt – aber hilft dabei, die Protagonistinnen besser zu verstehen. SCHONUNGSLOS EHRLICHER UND EMPATHISCHER BLICK AUF ROMANFIGUR Wie Charlie von aggressiven Impulsen ergriffen wird, die sich auch massiv gegen sie selbst richten, das hat etwas sehr Verstörendes. Charlie ist nicht zuletzt ein Opfer ihrer Gewalt, sie leidet. Als sie sich dann langsam aus ihrer Wut und ihrer emotionalen Abhängigkeit herauskämpft, da möchte man ihr alle Stärke und Selbstsicherheit der Welt wünschen. UNBEQUEME WAHREIT UND LOYALE FREUNDSCHAFTEN Man liest „Gelbe Monster“ auch deshalb gern, weil Clara Leinemann zwar schonungslos ehrlich, aber auch mit einer ansteckenden Empathie auf ihre Romanfigur schaut: „Ich glaube, ich bin ihr als Figur schon sehr nahegekommen. Hab sehr stark versucht, das wirklich aus der Tiefe nachzuvollziehen, wo diese Gedanken herkommen, wo diese Wut herkommt. Und ich hab auch versucht, recht viel mit Humor zu arbeiten, darüber stellt man ja auch erstmal eine Verbindung her zu einer Figur und ist dann eben auch offener, diese besser zu verstehen.“ In ihrem überzeugenden Romandebüt „Gelbe Monster“ gelingt Clara Leinemann tatsächlich das Kunststück, ein schwieriges, ja unbequemes Thema mit einer angemessenen Portion Leichtigkeit zu behandeln. Klug komponiert und sprachlich gewandt, ist der Roman nebenbei auch noch eine Hymne auf loyale Freundschaften – quasi als Gegenentwurf zu destruktiven Liebesbeziehungen.
„Die Geschichte eines verhinderten Femizids“: Marina Vujčićs „Sicheres Haus“
LADA LONČAR: TÄTERIN ODER OPFER – ODER BEIDES? Gleich der erste Satz lässt keinen Zweifel: Lada hat ihren Ehemann getötet. So beginnt der Roman „Sicheres Haus“ der kroatischen Autorin Marina Vujčić. Kein Krimi, kein Rätsel um die Täterschaft. Und doch entfaltet sich eine Geschichte voller Leerstellen: Warum kam es zu dieser Tat? Wie funktioniert ein System aus Gewalt und Scham? Und wer ist hier eigentlich das Opfer? Ins Deutsche übersetzt wurde der Roman von Mascha Dabić. Im Gespräch im SWR Kultur lesenswert Magazin erklärt sie, wie raffiniert dieser Text konstruiert ist und warum sein Titel so paradox klingt. EIN MONOLOG IN BRIEFFORM Lada sitzt im Frauengefängnis. Dort beginnt sie, ihre Geschichte aufzuschreiben. In Briefen, an sich selbst. In der Du-Form. Sie rekonstruiert die Vergangenheit, tastet sich voran durch Erinnerung und Rechtfertigung. „Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn da draußen eine Frau wäre, die ihre Geschichte erzählen würde“, sagt Mascha Dabić. So entsteht eine beklemmende Nähe: ein Monolog, der zugleich Selbstanklage und Selbstrettung ist. Marina Vujčić beschreibt, wie Ladas Beziehung mit einem Universitätsprofessor als Liebesgeschichte beginnt, doch rasch kippt. Der Ehemann erscheint zunächst wie ein Märchenprinz. Sie gleitet in eine „eheliche Hölle“ ab. Gewalt wird zum Alltag. DAS SYSTEM HÄUSLICHE GEWALT Ladas Mann isoliert sie systematisch: von der Schwester Nina, den Eltern, der Freundin Magda. Jedes Telefonat wird als Affront gewertet und bestraft. Die Schwester glaubt irgendwann, Lada wolle keinen Kontakt mehr. Tatsächlich darf sie keinen haben. Als Lada schließlich versucht, sich zu trennen, verweigern die Eltern ihre Unterstützung. Eine Scheidung wäre eine Schande. Sie solle „in diesem Konstrukt verbleiben“, Ehestreitigkeiten seien schließlich normal. Nur die Freundin Magda zeigt Solidarität, nimmt sie auf , doch Lada kehrt zurück zum Ehemann. Sie ist schwanger. Mit der Tochter wird sie endgültig erpressbar: emotional, juristisch und finanziell. Der Roman zeigt ein komplexes Geflecht aus Abhängigkeit, Scham und gesellschaftlichem Druck. DAS GEFÄNGNIS IST SICHERER ALS DAS ZUHAUSE Der Titel des Romans „Sicheres Haus“ wirkt wie ein bitterer Widerspruch. Denn Sicherheit findet Lada ausgerechnet im Gefängnis. Dort herrscht zwar Unfreiheit, Kontrolle, aber keine Willkür. Das Zuhause hingegen war jahrelang ein Ort der Bedrohung. Marina Vujčić schildert diese Enge mit großer Präzision. Die klaustrophobische Atmosphäre des Gefängnisses spiegelt die emotionale Gefangenschaft der Ehe. „ES IST DIE GESCHICHTE EINES VERHINDERTEN FEMIZIDS“ Ladas Fall ist kein Femizid, weil sie selbst tötet. In Notwehr. > Sie hätte den Status des Opfers nur bekommen, wenn sie tot gewesen wäre > > > Quelle: Marina Vujčić – Sicheres Haus „Sie hätte den Status des Opfers nur bekommen, wenn sie tot gewesen wäre“, meint Dabić. Der Roman kehrt damit gewohnte Perspektiven um. Er erzählt von einem verhinderten Femizid. Hätte Lada sich nicht gewehrt, wäre sie womöglich eine weitere getötete Ehefrau gewesen, eine Schlagzeile in der „schwarzen Chronik“. Marina Vujčić hat für das Buch recherchiert, unter anderem im Frauengefängnis. Sie untersucht auch, wie Medien Täter- und Opferbilder konstruieren.
Son Lewandowskis Debütroman „Die Routinen“‘
SIE SCHWEBEN SO SCHÖN Es sieht so leicht aus, sie schweben so schön, die elfengleichen Kunstturnerinnen an Barren, auf dem Boden oder dem Schwebebalken. Aber leicht ist hier gar nichts – hinter den Flic Flacs, den Salti und Schrauben steckt jahrelanger Drill. Der beginnt im Kindesalter: „Wir sind acht, wir sind zwölf, wir sind sechzehn Jahre alt und noch sind wir leicht und klein, ohne verzichten zu müssen. Es ist 1976, 1980, 2016, die Zeit immer Vier, unser Alter Olympiajahre." > Wir sind ein Mädchen, das umgezogen in der Halle steht, umhergezogen durch das Training läuft, umerzogen in den Wettkampf springt. > > > Quelle: Son Lewandowski – Die Routinen EIN KIND WIRD PERFEKTIONIERT Son Lewandowskis Debüt „Die Routinen“ beginnt 2023 in Antalya bei den Turn-Europameisterschaften. Die 16-jährige Isy stürzt am Stufenbarren, jetzt liegt sie schwer verletzt im Koma. An ihrem Bett wacht Amik, ebenfalls Leistungsturnerin, die beiden sind Freundinnen, haben sich im Sportinternat ein Zimmer geteilt. Amik ist deutlich älter als Isy, hat es nicht mehr in den Kader geschafft. Nun denkt sie über ihre Turnkarriere nach. Amiks Stimme, ihre Gedanken und Erinnerungen führen durch den Roman. Sie beschreibt, wie sie als Kind mit dem Turnen beginnt, doch schnell das Spielerische und die kindliche Freude an der Bewegung verliert. Stattdessen geht es bald nur noch um den Erfolg beim nächsten Wettkampf – egal was der Körper sagt: „Wie oft ich auf den Schwebebalken stürzen konnte, ohne dass ich brach. Ich war ein Kind, das manchmal hinfiel. Aber keine Sorge, es gab kein Körperteil, das ich nicht unerwartet noch einmal wenden konnte. In meinem Körper war noch Platz, Potential, die Knochen noch weich, die Muskeln noch hart. Man konnte mich ziehen und drängen." DER TRAINER IST MEISTER DES PSYCHOTERRORS > Ausdauer, sagte er tonlos, sah mich nicht an und winkte das nächste Mädchen heran. > > > Quelle: Son Lewandowski – Die Routinen Deshalb fürchtet sich Amik auch vor der Pubertät, ihr Körper soll kindlich bleiben. Im Hinterkopf lauert immer die Angst, ausgetauscht zu werden, gegen die nächste Hoffnungsträgerin. Ihrem übergriffigen Trainer Wolf, einem Meister des Psychoterrors, ist sie geradezu hörig. „Obwohl ich an diesem Abend nichts aß, wog ich am nächsten Morgen wieder ein paar Gramm mehr. Ich schaute auf die Ziffern, dann zu Wolf, dann auf den Kugelschreiber in seiner Hand. Er vermerkte mein Gewicht in der nächsten Spalte und unterstrich es. So, wie er jedes Gewicht, das einen neuen Höchststand erreichte, mit einem schnellen Strich markierte. Ausdauer, sagte er tonlos, sah mich nicht an und winkte das nächste Mädchen heran." ZU GRAUSAM, UM WAHR ZU SEIN? Ungeschönt beschreibt Son Lewandowski die harte Realität hinter der glitzernden Fassade der Turnwelt. Die jungen Mädchen werden gedrillt und gedemütigt, sie leiden unter Essstörungen, Inkontinenz und Zyklusstörungen. Keine Kinder, sondern Maschinen, bestimmt für die große Show, in der Hoffnung auf eine Medaille. Zu grausam, um wahr zu sein? MEHR ALS EIN SPORTROMAN Bei den olympischen Spielen in Montreal 1976 erreichte die damals 14-jährige Nadia Comăneci als erste Turnerin die Bestnote 10,0 am Stufenbarren. Auch ihre Karriere ist eine Geschichte der Ausbeutung. Zwischen Amiks Ich-Perspektive schiebt Son Lewandowski immer wieder Passagen eines kollektiven Wirs, das von Turnerinnen seit den 1960er-Jahren erzählt – von Nadia Comăneci bis heute. > Wir sind Kinder, werden Kinder bleiben, und wenn wir uns wehren, holen sie ein neues Kind, das so lange Kind bleiben muss, wie es kann. Was sollen wir tun, außer zu turnen? Wir haben den Protest nie gelernt, denn so waghalsig unsere Körper auch aufgezogen werden, so zurückhaltend wächst der Rest. > > > Quelle: Son Lewandowski – Die Routinen GEFANGEN IM DRILL DES LEISTUNGSSPORTS Diese Haltung hat Geschichte: Warum sie nie lächle, fragte ein Reporter die junge Nadia Comăneci bei Olympia in Montreal. Ihr Trainer Béla Karoly antwortet für sie: „Because she is always thinking about her routines“, weil sie immer an ihre Übungen, ihre Routinen denke – der Satz gibt dem Buch den Titel. Die Turnerinnen sind so gefangen im täglichen Drill des Leistungssports, dass sie unfähig sind aufzubegehren, Fragen zu stellen oder Schmerz zu spüren. Ein System, das den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch durch den Mediziner Larry Nasser erst möglich macht. GUT RECHERCHIERT UND ERSCHÜTTERND Die gut recherchierten Passagen über den jahrzehntelangen Missbrauch im Leistungsturnen sind erschütternd und fesselnd – leider fällt die Geschichte von Amik und Isy dagegen deutlich ab, die spärliche Handlung trägt nicht durch den Roman. Amiks Turnwelt ist düster und traurig, aber auf Dauer eintönig. Es gibt kein Außen, keine Eltern, keine Schule, keine Abwechslung. Wahrscheinlich ist genau das von der Autorin gewollt, um die Isolation, in der sich die Mädchen befinden, zu zeigen- aber der literarische Effekt ist zwiespältig: Was als radikale Verdichtung gedacht ist, wird über weite Strecken zur Monotonie, die das beklemmende System zwar spürbar macht, den Roman jedoch erzählerisch ausbremst. ES FEHLEN DIE HÖHEPUNKTE Trotzdem: Son Lewandowski findet in ihrem Debüt einen bemerkenswert poetischen Stil. Sie schreibt sehr lyrisch, alles schwebt, wie ja auch die Turnerinnen über Boden und Balken schweben, doch in jeder Kür wird auch mal Tempo gemacht, gibt es Höhepunkte und Überraschungen – und die fehlen hier völlig. Am Ende wirkt „Die Routinen“ selbst fast wie eine Übung am Schwebebalken: kontrolliert, konzentriert, makellos in der Form. Aber ohne den Moment des Risikos, der einen Atem anhalten lässt. Son Lewandowski zeigt eindringlich das unermessliche Leid, das hinter den Karrieren vieler Turnerinnen steckt. Doch wie bei einer zu sauber geturnten Kür, fehlt ihrem Roman manchmal genau das, was große Literatur ausmacht: der überraschende Sprung ins Offene.
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