Der Versroman „Golden Gate“ von Vikram Seth
San Francisco 1980. Aus der einstigen Hochburg der Hippies ist längst eine Stadt von Yuppies geworden. Falls sich jemand nicht erinnern sollte:
Der Begriff Yuppie stand damals für die gut ausgebildeten und karrierehungrigen Young Urban Professionals, jene höchstproblematische soziale Kohorte, die dem Siegeszug des Neoliberalismus assistierte.
Der in Kalkutta geborene Vikram Seth lebte in den Achtzigern als Wirtschaftsstudent in der Stadt – und stolperte eines Tages in eine Buchhandlung und dort über eine Ausgabe von Alexander Puschkins berühmtem „Eugen Onegin“. Dieser Versroman inspirierte ihn. Wie bei einem Sonett besteht bei Puschkin jede Strophe aus vierzehn Zeilen.
VERSE MIT AKTUELLEN FIGUREN
Vikram Seth wollte das ebenfalls ausprobieren, allerdings mit aktuellen Figuren. War Puschkins Titelfigur ein gelangweilter Dandy aus dem Petersburg der 1820er Jahre, so schreibt Seth über die Yuppies seiner Zeit. Sie leben im sonnigen Kalifornien – irgendwo zwischen Aufstiegsträumen und Kriegsangst, Selbstzweifel und Hedonismus:
„Los geht’s, weil mir die Muse lacht! Ich / Erzähle die Geschichte von / ’nem Kerl um Neunzehnhundertachtzig, / Den wir jetzt treffen: Er heißt John, / Ist sechsundzwanzig, macht Karriere, / Zu Hause herrscht die große Leere, /Und eine rote Frisbee killt / Ihn fast im Golden-Gate-Park. Wild / Geworfen, knapp verpasst – nun fragt er:“
„‚Wenn ich mal sterbe, nicht mehr bin, / Wer merkt das überhaupt? Wen in- / teressiert’s?‘ Und um nicht noch verzagter /Zu werden, spielt er Vogel Strauß / Und blendet die Probleme aus.“ So liest sich Seths Versform.
DAS POLITISCHE DES PRIVATEN
John ist ein haltloser junger Mann, der in der Rüstungsindustrie gutes, wenn auch schmutziges Geld verdient – das Privatleben aber ist holprig.
Seine Ex-Freundin Janet, die in einer Punk-Band Schlagzeug spielt und sich als bildende Künstlerin durchschlägt, kann das Elend nicht länger mit ansehen und schaltet für John eine Er-sucht-sie-Annonce in der Zeitung.
Das bringt weitere Figuren ins Spiel: allen voran Liz, Rechtsanwältin und Aktivistin und Johns Kurzzeitgeliebte; ihren Bruder Ed, einen Werber mit starkem katholischen Überbau.
GRETCHENFRAGE DES KAPITALISMUS
Den alleinerziehenden Vater Phil, der seinen hochdotierten Job im Silicon Valley aus moralischen Skrupeln gekündigt hat und mit Ed eine nicht ganz unproblematische Beziehung eingeht, um dann letztlich Liz zu heiraten, was wiederum John zur Weißglut bringt.
Was Menschen in ihren 20ern und 30ern halt so umtreibet – und dazu kommen noch die ganzen Probleme der frühen 80er: Die Panik vor einem atomaren Krieg angesichts grenzenloser Aufrüstung in den Reagan-Jahren ist immer spürbar.
Und überhaupt stellt sich die Gretchenfrage des Kapitalismus, wie ein richtiges Leben im falschen geführt werden könnte und wie Hedonismus sich mit Verzweiflung verträgt.
A - B - A - B - C- C - D - D - E - F - F- E - G - G
A - B - A - B - C- C - D - D - E - F - F- E - G - G – so lautet das traditionelle Reimschema, das Seth im Windschatten Puschkins über mehr als 300 Seiten in „Golden Gate“ durchhält. Was für eine Leistung! Und nicht nur Vikram Seth wahrt die Form, auch sein Übersetzer Christophe Fricker.
Denn jene verspielten, mit kuriosen Reimen und fantasievollen Satzstellungen improvisierenden Verse von Vikram Seth ins Deutsche zu bringen, muss eine schweißtreibende und titanische Arbeit gewesen sein.
Sowas ist bewundernswert und geht doch nicht ohne Reibungsverlust: Den Drive des knappen Englischen ins manchmal etwas schwerfällige Deutsche zu transportieren, ist schier unmöglich.
HERAUSFORDERUNG DER ÜBERSETZUNG
Viele Wortspiele lassen sich nicht übersetzen, zumal, wenn sie sich auch noch reimen müssen. So wird die deutsche Fassung zum eigenständigen Text, der durchaus funktioniert, wenngleich er artifizieller, gewollter wirkt als das Englische. Hier ein Beispiel von vielen.
„A year. A year. That snooty tweedy / Son-of-an-East-Coast-bitch – I thought / You’d see right through this act, his weedy / Compliant charm – or would have fought / The flattery, pressure – what? – temptation? / – What a laugh! – whimsy, inspiration..."
So klingt Seth höchstselbst. Daraus werden, nah zwar am Original, aber weniger schmissig, bei Fricker folgende Zeilen:
> Ein Jahr. Ein Jahr. Der kleine Schisser, / Der Schnösel aus der Schnöselwelt, / Der sich an dich heranschmiss, Pisser, / Der mehr sich selbst als dir gefällt, / Hast du den nicht durchschaut? Verführung, / Und Druck und schmierige Berührung ...
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> Quelle: Vikram Seth – Golden Gate
EIN SÜSSER ÜBERFLUSS
Bei aller Kunstfertigkeit stellt sich aber doch irgendwann die Frage: Warum eigentlich erzählt Seth seine moderne Geschichte in altertümlicher Lyrik, wenn es Prosa auch getan hätte? Er fragt sich das sogar selbst:
„Wie kann ich diese Form begründen, / Den ganzen komplizierten Reim, / Sind das nicht alles Jugendsünden, / Ein gammeliger Haferschleim, / Den ich in Puschkins Backform gieße? / Was braucht die Welt – verquirlte Grieße?“
Die simple Antwort wäre: Der Autor wählt die Form schlicht aus Jux und Tollerei, also aus reiner Lust am Sonett. Aber diese Lust überträgt sich auf die Lesenden: Lässt man sich auf den Rhythmus ein, auf Sprachmelodie und Sprechtakt, wird man davon leichterhand fortgetragen.
MEHRWERT DURCH LYRISCHE FORM
Und automatisch immer tiefer in die Geschichte hineingezogen. Die lyrische Form erzeugt so durchaus einen Mehrwert. An einer Stelle weist der Erzähler darauf hin, wie sehr einen „Eugen Onegin“ mitreißt – und by the way, warum nicht auch „Golden Gate“?
> Ich möchte Ihnen nahelegen, / Sich von dem schönen Buch bewegen / Zu lassen, dessen leichter Fluss, / Ja, dessen süßer Überfluss / Mich angeregt hat, so zu schreiben.
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> Quelle: Vikram Seth – Golden Gate
Auch der Rezensent kommt zum Schluss, was hier sprießt und fließt, was fasziniert man liest, ist durchaus Genuss, übersetzerisch zuweilen verwegen, weil‘s sich halt reimen muss: deswegen.