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Acerca de SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Ein Land wird erwachsen: Die Gründerjahre der Bundesrepublik
Welch stürmische Entwicklung hat Deutschland doch genommen zwischen 1955 und 1967! Die ersten Gastarbeiter wurden ins Land geholt, es gab die Auschwitz-Prozesse, in Berlin wurde die Mauer gebaut, die RAF verübte Attentate, die Studentenbewegung begann. In seiner sprachlich und inhaltlich großartigen Erzählung dieser wichtigen Zeit macht Harald Jähner uns bewusst, wie sehr sie uns noch immer bestimmt. IN UNSEREN ANSPRÜCHEN LEBEN DIE FÜNFZIGER JAHRE WEITER „Die Aufschwungsjahre prägen das Selbstverständnis der Bundesrepublik bis heute. Sie bleiben, so außerordentlich sie auch waren, Wegmarken des Möglichen. Sie leben, wenn nicht in unseren Erfolgen, so doch in unseren Ansprüchen weiter“, schreibt Jähner. „Die berauschenden Einnahmen sind weg, die Erwartungen an den Wohlfahrtsstaat aber geblieben. Allein die Sorge über die damit einhergehende chronische Staatsverschuldung macht die Erinnerung an das vermeintliche Wirtschaftswunder zu einer erhellenden Erfahrung.“ 1955 stieg die Wirtschaftskraft um 12 %, in jedem weiteren Jahr bis 1967 um durchschnittlich weitere 6,4 %. Die Zechen im Ruhrgebiet waren bald nicht mehr wirtschaftlich und wurden geschlossen. Die neue Energiequelle hieß Öl. Städte wie Hannover wurden „autogerecht“ umgebaut, Energie wurde sorglos verschwendet. Harald Jähner nennt es den „Beginn eines großen Achselzuckens“. DER BEGINN EINES GROSSEN ACHSELZUCKENS „Um die weitreichenden und langfristigen Folgen der Emissionen auf Klima und Umwelt zu erfassen, fehlte beides, die Wissenschaft und die Phantasie. Dass man heute vom «1950er-Syndrom» spricht und die Dekade als Beginn einer globalen Umweltversehrung begreift, hätte sich damals kaum jemand träumen lassen.“ Auch im Privaten wurde hemmungslos konsumiert; der dicke Neckermann-Katalog lag auf jedem Küchentisch. Abends versammelte sich die Familie jetzt um das Radio, was von Intellektuellen als Niedergang der Kultur angesehen wurde. Die Jugend fand die Angebote langweilig, und der Siegeszug des amerikanischen Soldatensenders AFN begann – bis das Fernsehen kam. Gerade erst hatten die Frauen Häuser und Familien wieder aufgebaut, aber nun waren die Männer zurück, psychisch zerstört vom Krieg. Die Frau hatte wieder Hausfrau zu sein und dem Mann ein bequemes Heim zu bieten. Die Nachkriegsfamilie erzog ihren Nachwuchs zu korrektem Benehmen und zeigte kaum Gefühle. Besonders litten die Homosexuellen; bis 1969 wurden über 150.000 von ihnen verhaftet. VON DER LEISTUNGS-IDEOLOGIE ZUR SELBSTVERWIRKLICHUNG Es war die Jugend, die aufbegehrte. Mitte der 1950er Jahre erschienen die „Halbstarken“, dann verweigerten sich die sogenannten Gammler dem bürgerlichen Leben und die Beatles gaben einer ganzen Generation den passenden Soundtrack. Jähner meint zu dieser Jugend: „Sie verkörperten einen Geist des Innehaltens, der in der Mitte des Jahrzehnts immer deutlicher nach Berücksichtigung verlangte. Für viele Menschen erschien die Perspektive unablässigen Wachstums längst nicht mehr so erstrebenswert wie zu Beginn des Aufschwungs.“ > Sie pochten, inzwischen gewöhnt an stabile Verhältnisse, auf mehr Freizeit und Selbstverwirklichung, hinterfragten eine Lebensgestaltung, in der die Arbeit dominierte und Stress das Familienglück auffraß. > > > Quelle: Harald Jähner – Wunderland Mit dieser Geisteshaltung sind wir endgültig in der Gegenwart angekommen. Das Buch von Harald Jähner zeigt uns, wie ein Ereignis zwingend zum nächsten führte und in das Leben der einzelnen Menschen hineinwirkte. Es zeichnet sich durch kluge Analysen aus, ist mitreißend geschrieben, und auch, wer nicht der Nachkriegs-Generation angehört, sollte es lesen: Es ist die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Menschen.
Der alte Schriftsteller und das junge Mädchen
Sie ist 14, er ist 46, als sie einander das erste Mal in Kopenhagen im Januar 1980 begegnen. Das Mädchen Tanja und der Schriftsteller Eg. Er beginnt ihr lange Briefe zu schreiben: „Das einzig Aufregende, was in meinem Leben passierte, war er, waren seine Briefe. Also schrieb ich, woran ich dachte, schrieb Dinge, die ich erfand, als wäre ich eine andere. Die Wörter flossen mir aus der Hand, ich schrieb und schrieb, gefesselt davon, was die Schrift erschuf, eine magische Welt, nur mit Eg und mir.“ DER SCHRIFTSTELLER UND DAS KIND Ausführlich erzählt Ulrikka S. Gernes in „Ein Mädchen verließ das Zimmer“ von diesem Briefwechsel, dem Werben des Schriftstellers um das Kind; von einer gegenseitigen, aber nicht gleichberechtigten Annäherung. Eg versteht es, mit Worten umzugehen, erzählt ihr, wie schön, wie einzigartig sie sei, wie besonders die Liebe, die sie miteinander verbinde. Diese Briefe reißen Tanja aus ihrer Einsamkeit, sie fühlt sich ernst genommen. Deshalb glaubt sie, sie würde Eg auch lieben. Nach einigen Monaten des Briefeschreibens treffen sie sich in Kopenhagen wieder – und als sie 15 Jahre alt und damit gesetzlich sexualmündig ist, haben sie Sex. BASIEREND AUF WAHREN EREIGNISSEN „Ein Mädchen verließ das Zimmer“ ist ein Roman, aber er beruht auf wahren Erlebnissen – das spürt man in vielen Details: Bei den wiederholten Erwähnungen der Bartstoppeln, die Tanja beim Küssen das Gesicht wundscheuern, bis sich Eg aus Rücksichtnahme rasiert, bevor sie Sex haben. In den Beschreibungen des Schmerzes, der Lust, der Leere, die sie im Bett empfindet. Zwar sind manche Passagen blumig und einige wiederkehrende Formulierungen manieriert – so hat Tanja beispielsweise keine Einsichten, sondern sie „sinken“ in sie hinein – aber: Gernes gelingt es, dass man sich in dieses junge Mädchen hineinversetzt und versteht, warum sie glaubt, all das selbst zu wollen. Das liegt vor allem daran, dass konsequent aus der Ich-Perspektive Tanjas erzählt wird. Mit allen Teenager-Sehnsüchten, albernen Gedanken, Schuldgefühlen und Scham. WENN DAS MÄRCHEN BRÖCKELT Zu den Ereignissen in den 1980er Jahren kommen noch Kapitel, die weiter in die Gegenwart bis ins Jahr 2022 reichen – sie sind weniger dicht und etwas zu lang. Je älter Tanja wird, desto deutlicher erkennt sie, dass Eg nicht der Ritter war, der ihr eine romantische Flucht aus ihrem Dasein ermöglicht hat, sondern ein erwachsener Mann, der sie mit Erzählungen und Märchen manipuliert hat. Leider spiegelt sich diese Entwicklung kaum sprachlich wider. Doch damit unterstreicht sie wiederum, wie schwierig es für Tanja ist, sich von Eg, von diesem Dasein als junges Mädchen zu lösen. Sie hat stets getan, was er wollte, so dass Nachgeben zu lange ihre Reaktion ist. Dazu kommt: Sie hat keine Ahnung, wer sie ist. Sie hat kein Ich, zu dem sie zurückfinden kann, weil ihre Identität noch gar nicht ausgebildet war, bevor der Kontakt zu dem erwachsenen Mann begann. > In meinem Leben gab es kein Davor, zu dem ich zurückkehren konnte. Ein Mädchen verließ mit vierzehn das Zimmer und wurde nicht mehr gesehen. Ein weißer Fleck auf der Karte. Ein nasser Fleck auf dem Laken. Eine leere Puppe. Ein Loch in der Welt. > > > Quelle: Ulrikka S. Gernes – Ein Mädchen verließ das Zimmer GESELLSCHAFTLICH TOLERIERT Dieser Roman ist weniger eine Anklage als ein Versuch zu verstehen: Warum Eg bis zu seinem Tod nicht sah, dass sein Handeln falsch war. Warum weder ihre Eltern noch seine Mutter diese „Beziehung“ missbilligt haben. Verheimlicht haben Eg und Tanja sie nur, als Tanja noch 14 Jahre alt war. Danach war die minderjährige Tanja ganz selbstverständlich an seiner Seite auf Partys und Veranstaltungen. Es sind die 1980er Jahre, in denen insbesondere Künstler fast alles durften. Aber noch Jahrzehnte später wird akzeptiert, dass es in jenen Jahren so war – und diejenigen, die damals schon erwachsen waren, sagen zu Tanja: Du wolltest es doch selbst, oder? Wir alle kennen diese Geschichten. Ulrikka S. Gernes erzählt eindringlich von einem dieser Mädchen, das dem manipulierenden Versprechen von Liebe glaubte und mit den unauslöschlichen Folgen der Taten leben muss.
Reise durch ein Land im Wandel mit der USA-Expertin Rieke Havertz
Das Fragezeichen im Titel des Buches „Goodbye, Amerika?“ ist für die Journalistin Rieke Havertz entscheidend. Die Frage, ob sie selbst und wir Deutsche uns von Amerika verabschieden müssen, erweist sich als ebenso grundsätzlich wie schwierig. In einer Mischung aus persönlichen Erinnerungen und journalistischer Recherche vergleicht die Autorin ihre erste Amerika-Erfahrung als Austauschstudentin in Ohio im Jahr 2003 mit der heutigen Situation in den USA. Wie privilegiert sie damals als Stipendiatin im idyllischen, linksliberalen Universitätsstädtchen Athens in einer Studenten-WG lebte, ist ihr heute sehr bewusst. Sie brauchte keinen Nebenjob, um 20.000 Dollar Studiengebühr zu zahlen und startete nicht mit Schulden ins Berufsleben. Fast neunzig Prozent der Einwohner in Athens sind Weiße. Rassismus und Armut waren keine Alltagserfahrung für die deutsche Studentin. Amerika schien lässig, tolerant, freundlich und großzügig. „Ich lebe das Klischee, von dem ich angelockt wurde“, stellt Havertz im Rückblick kritisch fest. VERÄNDERUNGEN UND SELBSTTÄUSCHUNGEN BEIM USA-BILD Als spätere USA-Korrespondentin berichtet sie über Wahlkämpfe und spricht mit Menschen, die für einen Auftritt von Donald Trump sonntagsvormittags in einer Warteschlange anstehen, als käme der Messias. Nach Trumps erstem Wahlsieg 2016 bemerkt Havertz bei ihren Recherchen eine Veränderung. > Es ist vielleicht der erste Moment, an dem die Offenheit mir gegenüber kippt. Es gibt auch 2016 bereits Ladenbesitzer, die nicht mit mir sprechen wollen. Es gibt das Diner, in dem ich mich an den Tresen setze und hoffe, mit jemandem ins Gespräch zu kommen und ungewöhnlich lange allein dort ausharre. > > > Quelle: Rieke Havertz – Goodbye, America? Aber was sind tatsächliche Veränderungen und wo muss man sich Selbsttäuschungen im eigenen Amerika-Bild eingestehen? Dass die Autorin herausfinden möchte, was sie selbst vielleicht allzu bereitwillig lange übersehen hat, macht das Buch so spannend, denn dies regt auch die Leser zu eigenen Reflexionen an. AMERIKANISCHE GESCHICHTE AUF DEM PRÜFSTAND Die 1980 geborene Journalistin ist wie viele Deutsche geprägt vom Einfluss amerikanischer Populärkultur. Kinofilme, Fernsehserien und Musik sind Teile einer mächtigen US-Unterhaltungsindustrie, die unser Bild vom „land of the free“, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, bestimmten. Doch dieses Land hat es so nie gegeben, wie Havertz klarstellt. > Das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können, darauf basiert der amerikanische Traum immer noch, obwohl er nur für die wenigsten konkret lebbar ist und selbst unter den founding fathers in Bezug auf das Wahlrecht nur den wenigen Privilegierten gewährt wurde. Konkret: wohlhabenden, weißen Männern, die Land besaßen. Manche Bundesstaaten führten außerdem noch religiöse Tests ein, um sicherzustellen, dass nur christliche Männer wählen würden. > > > Quelle: Rieke Havertz – Goodbye, America? Havertz führt viele solcher Beispiele an, die unser idealisiertes Amerikabild in Frage stellen. Sie zeigt, dass auch der charismatische Barack Obama längst nicht alle Hoffnungen erfüllte. Obwohl die Autorin Amerika als ihre zweite Heimat empfindet, weiß sie um dessen Defizite: Kein Land hat so viele Waffen im Umlauf wie die USA, wo sich inzwischen ein Neopatriarchat mit frauenfeindlichen Slogans entwickelt. ABSCHIED VON ALTEN GEWISSHEITEN Die Vorgabe von der Familie als Herzstück des amerikanischen Lebens hat eine heteronormative Komponente, die vielen Minderheiten das Existenzrecht abspricht. In Amerika lebt man auf Kredit und sieht Armut immer noch als selbstverschuldetes Schicksal an. Ambivalenzen, die auch bei der Autorin Zweifel hinterlassen. Rieke Havertz hat ein leicht lesbares, gründlich recherchiertes Buch über die USA geschrieben, das keine einfachen Antworten auf die Frage „Goodbye, Amerika?“ bereithält. Ein schneller Abschied für immer mag es vielleicht nicht sein. Ein Abschied von alten Gewissheiten aber schon.
Neue Bücher von Tomer Gardi, Cihan Acar und Oisín McKenna
Kapitalismus auf zwei Rädern bei Tomer Gardi, eine Prognose zu Favoriten für die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse und ein Gespräch über Fan Fiction
„Fans holen sich, was in den Geschichten fehlte“ – Lucien Haug über die Macht von Fan Fiction
LUST AN DER VERÄNDERUNG Wenn Fans sich literarisch in den Werken berühmter Autor:innen bewegen, dann ist das Fanfiction. Nicht Daumen hoch oder runter, sondern ein verletzlicher, kreativer Dialog mit Vorlagen wie „Harry Potter“ oder „Stranger Things“ – das ist für Lucien Haug die Stärke dieser Praxis. QUEERE PERSPEKTIVEN UND ALTE VORBILDER Auf Plattformen im Netz entstehen wilde Konstellationen: Tatort-Kommissare verlieben sich, Hermione Aus Harry Potter trifft Spock, Superhelden retten neue Welten. Oft geht es um queere Liebe, Feminismus und Gesellschaftskritik – Perspektiven, die in der Literaturgeschichte unterrepräsentiert waren und nun „zurückgeschrieben“ werden. FANFICTION ZWISCHEN NISCHE UND LITERATURBETRIEB Für Lucien Haug hat die Nische im Netz einen Vorteil: Fanfiction bleibt autonom, nicht monetarisiert, und macht transparent, auf welche Stoffe sie sich bezieht. Mit dem Magazin „Danke“ holt er Fanfiction in die gedruckte Form und lädt etablierte wie neue Autorinnen und Autoren ein, diese Technik als kreatives Werkzeug zu nutzen.
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