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Acerca de SWR Kultur lesenswert - Literatur
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Das Unrecht des Stärkeren
„Ich traf meinen Mörder“ – dieser Titel ist zum Glück nicht ganz wörtlich zu nehmen. Can Dündar spricht also nicht aus dem Jenseits zu uns. Der potentielle Mörder des türkischen Journalisten hat seinen Auftrag nicht ausgeführt. Im Gegenteil: Er ist selbst zum Verfolgten geworden und sitzt nun in argentinischer Haft, wartend auf die Auslieferung an die Türkei. Dorthin will er auf keinen Fall zurück. Also packt er aus. Er nimmt Kontakt zu seinem einstigen Zielobjekt auf: Can Dündar. Der fliegt aus seinem deutschen Exil nach Buenos Aires. Und sitzt seinem Beinahe-Mörder nun gegenüber. > Detailliert mit Namen, Daten und Orten berichtete er von den Vorbereitungen eines Attentats, das meine Ermordung zum Ziel hatte. Die Namen waren echt, die Orte stimmten, die Daten passten, die Einzelheiten erschreckten …! > > > Quelle: Can Dündar – Ich traf meinen Mörder Serkan Kurtuluş ist ein Gangster, mit allen Wassern gewaschen, in die dunkelsten mafiösen Geschäfte verwickelt. Und doch ist er glaubwürdig – weil er nichts mehr zu verlieren hat und durch die Preisgabe seines Wissen eine Auslieferung an die ehemaligen Auftraggeber verhindern möchte. Er weiß, dass man ihn mit allen Mitteln zum Schweigen bringen will. Da meldet sich also ein Killer, der davon berichtet, dass der Plan zur Ermordung eines oppositionellen Journalisten bis in die höchsten staatlichen Stellen und von dort mitten hinein in ein globales Beziehungsnetz aus Politik und Verbrechen reichte. Dahinter, so lernt Dündar, steckten außergewöhnliche Deals, Intrigen und Finten, die sich von Russland in die USA, von Syrien in die Ukraine erstreckten. DER WEG INS EXIL Am Anfang steht ein Artikel, den Can Dündar, Chefredakteur der Tageszeitung Cumhuriyet, 2015 veröffentlichte. Er berichtete darin über geheime Waffenlieferungen an den Islamischen Staat, in die der türkische Geheimdienst verwickelt sein sollte. Von seinem Informanten wird im Nachhinein alles bestätigt – und noch viel mehr: „Seien Sie sicher“, sagt Kurtuluş zu Dündar… > … mit der Formulierung ‚Waffenhilfe für die Turkmenen‘ wurden Waffenlieferungen an den IS kaschiert. Ich war damals bei vielen Waffenlieferungen dabei. Die Turkmenen bekamen kleinere Waffen wie Kalaschnikows. Die schweren Waffen gingen an al-Nusra und an den IS. Das gefiel den Turkmenen gar nicht, sie beschwerten sich darüber. > > > Quelle: Can Dündar – Ich traf meinen Mörder Dündar wurde nach Veröffentlichung seines Artikels festgenommen. Wieder entlassen. Er überlebte ein Attentat. Ihm wurde – wie es in Autokratien so üblich ist – Spionage vorgeworfen. Ein politischer Prozess drohte. Bevor er zu einer hohen Haftstrafe verurteilt wurde, ging er ins Exil. Damals ist das ganze Ausmaß des Skandals um die illegalen Waffenlieferungen noch nicht zu ahnen – erst jetzt setzen sich die Details zu einem schier unglaublichen Bild zusammen. Wie in einem Krimi lässt Dündar uns an seinen Recherchen der letzten Jahre teilhaben, an den Erkenntnissen, die ihm durch Treffen mit weiteren Insidern zufliegen. MITTEN INS MACHTZENTRUM Die verschiedenen Spuren laufen auf das Machtzentrum in Ankara zu. Ganz an der Spitze steht ein Mann, der alle Fäden in der Hand zu halten glaubt. Der von allem gewusst haben muss: Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Aufgrund seiner politischen Bedeutsamkeit – gerade auch in der Flüchtlingsfrage – wird ihm allerdings von europäischen Staatsoberhäuptern der rote Teppich ausgerollt; und im Inneren geht er immer skrupelloser gegen die Opposition vor. > Dieses Buch ist die Verteidigungsschrift eines Journalisten, der angeklagt wurde wegen ‚Verrats von Staatsgeheimnissen, Spionage, Landesverrats‘ und der in Abwesenheit verurteilt wurde. > Wenn Sie sie lesen, werden Sie erkennen, wer hier wirklich der Verräter ist, wer sein Heimatland wirklich liebt und wer eigentlich vor Gericht gebracht werden sollte.“ > > > Quelle: Can Dündar – Ich traf meinen Mörder Ohne Zweifel ist das anhand der vorgebrachten Fakten und Rechercheergebnisse leicht zu erkennen. Aber in der Politik regiert das Recht des Stärkeren. Das Einzige, was die Geschichte lehrt: Auch die Mächtigen stürzen meist doch irgendwann über die vielen Leichen, die sie unter sich zu begraben versuchen.
„Trag das Feuer weiter" ist ein Abschluss mit Unbehagen: Letzter Band der Marokko-Trilogie von Starautorin Leïla Slimani
Nach einer Corona-Infektion leidet Mia unter Gedächtnisverlust - für eine Schriftstellerin eine existentielle Krise. Ein Neurologe will wissen, ob es in ihrer Familie Krankheiten gibt. > „In der Familie ihrer Mutter?“ „Erblindung, Wahnsinn, Demenz.“ „Und väterlicherseits?“ „Krebs“. Mehr wusste ich nicht. Dieses Erbe war unbekannt, im Dunkeln verborgen. > > > Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter Mia will sich wieder an die Geschichte ihrer Familie erinnern und reist nach Marokko, wo sie aufgewachsen ist. „Trag das Feuer weiter“ schließt Slimanis Marokko-Trilogie um die Familie Belhaj/Daoud ab – diesmal steht die dritte Generation im Mittelpunkt. Die Handlung führt nach Rabat in den 1980er Jahren. Die Familie ist wohlhabend, Vater Mehdi leitet eine Bank und ist fest entschlossen, die touristische Entwicklung Marokkos voranzutreiben, seine Frau Aïcha ist erfolgreiche Gynäkologin. Die Töchter Mia und Inès werden liberal erzogen, erhalten eine gute Ausbildung und genießen viele Freiheiten – doch sie wachsen zwischen zwei Welten auf: dem freigeistigen Elternhaus und der noch immer konservativen marokkanischen Gesellschaft. ZWISCHEN ZWEI WELTEN AUFGEWACHSEN > Zu Hause konnte man Kopftuch und Fanatismus kritisieren, sich über diese schrecklichen Bärtigen aufregen, die Salman Rushdie bedrohten. Draußen durfte man nicht darüber reden, nicht provozieren, man musste so tun, als respektiere man die guten Sitten. > > > Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter Mia und Inès sind sehr unterschiedlich. Die ältere Mia liest viel, ist wild und so gar nicht „mädchenhaft“. Als Teenager wird ihr klar, dass sie lesbisch ist, eine Erkenntnis, die sie selbst mit ihren toleranten Eltern nicht teilen kann. Mias kleine Schwester Inès erscheint angepasster – sucht aber ebenso nach sich selbst. Der Roman folgt den beiden Mädchen durch Kindheit und Jugend. Im September 1989 kommt Mia ans französische Privatgymnasium „Descartes“, das die Einwohner Rabats spöttisch „fette Knete Gymnasium“ nennen. Es ist eine eigene, elitäre Welt – ein kleines Frankreich, abgeschottet wie eine Blase im großen Marokko. Die Passagen, in denen Slimani die komplexen Hierarchien an der Schule beschreibt, gehören zu den stärksten des Buches. > Es wirkt vielleicht ganz einfach“ erklärte Mia eines Tages ihrer kleinen Schwester, „aber in Wahrheit ist es sehr kompliziert.“ Tausend Kriterien spielen eine Rolle. Ob die Familie religiös war. Ob man einen Garten hatte. Ob ein Elternteil eine andere Staatsangehörigkeit besaß. Ob man Akne hatte oder sonst einen abstoßenden körperlichen Makel. > > > Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter ZU MAROKKANISCH FÜR FRANKREICH, ZU FRANZÖSISCH FÜR MAROKKO Mia und Inès verlassen nach der Schule Marokko und studieren in Frankreich, einem Land, dessen Sprache sie zwar sprechen, dessen soziale Codes ihnen aber fremd bleiben. In Frankreich sind sie zu marokkanisch – in Marokko zu französisch. Als sich die politische Lage in Marokko ändert, verliert Mehdi seinen Posten als Bankdirektor. Es bleibt unklar, was ihm konkret vorgeworfen wird, doch schließlich kommt er ins Gefängnis, aus dem er krank und gebrochen zurückkehrt. > Manchmal klagte er, nicht wegen der Ungerechtigkeit, sondern der Idiotie dieser Situation. Seine Wut richtete sich gegen niemanden, sondern entsprang seinem Unvermögen, einen Sinn zu erkennen, einen Grund. Es war vorbei, nach dem Gefängnis würde nichts mehr kommen. > > > Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter AMBITIONIERT – ABER MIT BLINDEN FLECKEN Wie schon in den ersten beiden Teilen der Trilogie, ist die Suche nach Zugehörigkeit in „Trag das Feuer weiter“ ein zentrales Thema. Allerdings überzeugt die Art, wie Slimani dieses Thema verhandelt, nicht immer. Sie geht dabei oft sehr didaktisch vor, lässt wenig Raum für eigene Erkenntnisse und führt ihre Gedanken aus, statt sie erzählerisch zu öffnen. Das zeigt sich auch in der Figurenzeichnung. Besonders einige Nebencharaktere bleiben schemenhaft und scheinen vor allem dazu da, Themen wie Mutterschaft, Feminismus oder Exil zu transportieren. Slimani bemüht sich um Ambivalenz und Tiefe, landet jedoch häufig nur bei klaren Zuschreibungen. Vater Mehdi wird idealisiert, das Hausmädchen Fatima – als einzige Figur aus der marokkanischen Unterschicht – ist grob gezeichnet und wirkt wie ein Stereotyp für das „einfache Volk“, das im Roman sonst kaum vorkommt. > Inès betrachtete den Rücken des über einen Topf gebeugten Hausmädchens und dachte: „Ich habe auf diesem Rücken geschlafen. Ich habe meinen Rotz in ihre Schürze gewischt“, und sie schämte sich, Fatima diesen Vortrag über Freiheit zu halten. Das Hausmädchen sagte immer, Gott liebe die Gehorsamen und Ergebenen, diejenigen, die keine unnötigen Fragen stellten (…). > > > Quelle: Leïla Slimani – Trag das Feuer weiter Diese Vereinfachung zeigt sich nicht nur in der Zeichnung sozialer Milieus, sondern auch dort, wo der Roman moralisch heikel wird. Eine Szene im Buch erzeugt besonderes Unbehagen: Mia belästigt ihre betrunkene Freundin sexuell – eine Grenzüberschreitung, die der Roman jedoch in eine fast poetische Sprache kleidet. „Trag das Feuer weiter“ ist ein ambitionierter Abschluss von Leïla Slimanis Trilogie: ein Roman über Herkunft, Erinnerung und das Leben zwischen Kulturen. Besonders stark ist das Buch dort, wo es konkrete Milieus beschreibt – die elitäre Schulwelt Rabats, die universitäre Welt in Paris, die Sprachlosigkeit zwischen Generationen. Doch gerade in sensiblen Momenten – wie der beschriebenen Übergriffszene – bleibt ein Unbehagen zurück, weil die erzählerische Haltung unklar ist. So hinterlässt „Trag das Feuer weiter“ einen zwiespältigen Eindruck: ein Roman voller wichtiger Fragen, der literarisch dann am stärksten ist, wenn er nicht versucht, sie auch gleich selbst zu beantworten.
Raffinierter Roman, grobschlächtiger Sex
1152 Seiten umfasst Dimitré Dinevs „Zeit der Mutigen“. Sind sie lesenwert? Ja. Müssen es so viele sein? Nein. Aber fangen wir vorne an. > In dieser Sommernacht war Eva Nagel zur Donau gegangen mit der Absicht, sich ins Wasser zu werfen, aber stattdessen warf sie sich in die Umarmung des Infanterieleutnants Alois Kozusnik. Anstatt ihre Gefühle einem uralten Strom anzuvertrauen, lag auf einmal ihr Kopf auf der spärlich bewachsenen Insel einer fünfundzwanzigjährigen Männerbrust. > > > Quelle: Dimitré Dinev – Zeit der Mutigen So kommt der Erzählfluss in Gang und das erste, für die Geschichte maßgebliche Leben ist dank eines Geschlechtsaktes vorerst gerettet – Eva muss aber noch einen zweiten Selbstmordversuch überleben, der wieder von einem Mann vereitelt wird. Er heißt Xaver und wird Vater ihrer Tochter Angela und Großvater von Bruno und Nora und Urgroßvater von einer neuen Eva werden, das wird er aber nie erfahren, weil er auf Seite 138 stirbt. FIGURENREICHE GESCHICHTE(N) Immer wieder freundet man sich beim Lesen mit neuen, meist wirklich gelungenen Figuren an, um immer mehr zu merken: Es geht in „Zeit der Mutigen“ nicht um Einzelschicksale, sondern um die vielen kleinen Geschichten in der großen Geschichte. Also in der wirklich großen Geschichte, nämlich der des gewaltvollen 20. Jahrhunderts, vom Ersten Weltkrieg bis zum vermeintlichen Ende der Geschichte, dem Zerfall der Sowjetunion. Der Erzählfluss bleibt dabei meist wassernah, „Wasser“ heißt auch das erste Großkapitel. Mit dem nächsten Großkapitel „Feuer“ und einer neuen Figur, die aus Tirol stammt und Leopold heißt, bewegt sich der Erzählfluss weg von der Donau über die Ägais zurück in ein weiteres Donauland, Bulgarien. Dort taucht der Roman in Geschichten der Roma ein, die wirklich bemerkenswert sind, weil sie stereotype Darstellungen des Nomadenvolkes mit wunderbaren konkreten Einblicken in ihre Lebensrealität umgehen und es gleichzeitig schaffen, bisherige rassistische Betrachtungen zu reflektieren – an diesen Stellen stört auch der passagenweise pädagogische Ton nicht. EIN MYSTERIÖSER ÜBERLEBENDER Die Handlung bestimmt aber primär das Schicksal der Figur aus Tirol, die zuerst Leopold heißt, später aber zu Slamtscho, Metscho, Meto und schließlich zu Helmut wird. Als Helmut setzt er dann – erstmals wissentlich – ein drittes Kind mit einer dritten Frau in die Welt. Warum das ganze Verwirrspiel? Weil dieser Mann nach einer missglückten Hinrichtung selbst nicht mehr weiß, wer er ist: > Anstatt mit einem Orden auf der Brust kam er mit einer Kugel im Kopf aus dem Krieg zurück. Die Kugel war im fernen Ural gegossen worden, hatte auf Zügen und Lastwagen eine lange Reise hinter sich gebracht, bevor sie seinen Backenknochen durchbohrt, sein linkes Auge in eine Welt voller Schatten entführt und sich in seinem Schädel eingenistet hatte. Nun steckte sie in seinem Hirn. Ein Gedanke aus Blei. > > > Quelle: Dimitré Dinev – Zeit der Mutigen Dieser Überlebende hält „Zeit der Mutigen“ zusammen, weil durch ihn die jeweilige dritte Generation aus den drei zentralen Familien entsteht und diese so miteinander verbunden werden. Das alles ist unwahrscheinlich, doch beim Lesen hat man nie das Gefühl, dass es unrealistisch sei, oder dass sich die verschiedenen Erzählstränge in die Quere kämen. Auch wenn man festhalten kann, dass die Lebensgeschichten der zweiten Generation die besten sind und, sobald es um deren Kinder geht, manche Exkurse etwas gesucht wirken. Aber auch das trübt den Eindruck von Dinev als außerordentlich kunstfertigem Erzähler nicht. GUT AUFGEBAUT, ABER WENIGER (SEX) WÄRE MEHR Zunehmend wild werden die Erzählstränge mit jedem neuen Kapitel durcheinandergemischt, und die ständigen Perspektivenwechsel und Zeitsprünge in diesem wilden 20. Jahrhundert erfordern eine genaue Lektüre. Dabei ist das Leseerlebnis nicht friktionsfrei. Dinev liebt weitläufige Sprachspiele und diese passen leider selten in die an sich schon opulente Erzählung. Wo er nüchtern erzählt, ist er stark, und in einigen lakonischen Pointen ein großer Stilist. Leider überwiegt aber ein sehr bemühter Ausdruck, der teilweise zu pathetisch und teilweise zu grob ist. Beides oft in Kombination mit dem, was auf eine unangenehme Art alle Figuren in ihrem Kern auszumachen scheint: ihre Sexualität. Es ist wirklich „cringe“, wenn ein Mann einer Frau erklärt: > Nur wenn ich ficke, bin ich authentisch. > > > Quelle: Dimitré Dinev – Zeit der Mutigen Oder ein anderer Mann sich nur über Wortneuschöpfungen rund um sein Glied „authentisch“ verständigen kann: > Mit Kreationen aus dem Wort ‚Schwanz‘ konnte er alle Schattierungen seines Zustands ausdrücken. > > > Quelle: Dimitré Dinev – Zeit der Mutigen Schon klar, dass Sex die Grundlage eines jeden neuen Stammbaumastes und sowieso eine schöne Art der Einswerdung zweier Menschen ist, wie Dinev oft betont. Aber viel zu sehr fokussiert er die plumpe Sexualität seiner Figuren, und nicht nur in dieser Hinsicht wäre ein entschlossenes Lektorat wünschenswert gewesen. Auch die Experimente mit verschiedenen Erzählperspektiven hätte sich Dinev sparen können, denn wo der allwissende Erzähler zur Figurenrede wird, wird das Erzählen schlechter. Und wo der allwissende Erzähler allerklärend wird, macht er sein schönes Gebilde kaputt. GRAUSAME GESCHICHTE – DOCH ES MENSCHELT WUNDERBAR Dabei ist die transnationale Auswahl des Stoffes, den Dinev meisterhaft zum Text verwebt, großartig. Zum einen wird österreichische Geschichte primär in einem namenlosen Dorf an der Donau exemplarisch lebendig, mit Sonnen-, aber vor allem Schattenseiten. Zum anderen liefert der Roman einen einmaligen Zugang in die Geschichte Bulgariens und seine kommunistische Schreckensherrschaft. Das gelingt so ausgezeichnet, weil Dinev die große Geschichte in viele einfallsreiche und nahbare kleine Geschichten verpackt. Das tragischste Kapitel der Geschichte Bulgariens ist jenes des Konzentrationslagers auf der Donauinsel Belene. Dort wurden politische und ethnische Feinde grausam vom Regime gefoltert und umgebracht. Auch dieses Kapitel findet eindrücklich Eingang in den Roman „Zeit der Mutigen“, zu den Gefolterten gehört nämlich der vom Frauenschläger zum Romanhelden avancierende Rom Barko. Seine Geschichte zeigt, wie man die Menschenwürde wahrt, auch wenn sie einem genommen wird.
„Man kann die Zahlen nicht schönreden“
Im Jahr 2014 gründete Sebastian Guggolz [https://www.swr.de/kultur/literatur/sebastian-guggolz-hg-kafka-gelesen-eine-anthologie-100.html] den nach ihm benannten Independent-Verlag. Der Guggolz Verlag ist spezialisiert auf die Wiederentdeckung toter Schriftstellerinnen und Schriftsteller und hat dem deutschsprachigen Lesepublikum bereits wahre literarische Perlen beschert. Stellvertretend sei nur der Norweger Tarjei Vessaas genannt. BUCHBRANCHE UNTER DRUCK Nun hat Sebastian Guggolz, Jahrgang 1982, den Posten des Vorstehers des Börsenvereins des deutschen Buchhandels [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-kapitel-der-boersenverein-des-deutschen-buchhandels-feiert-200-geburtstag-und-blickt-in-die-zukunft-100.html] übernommen. Ein zeitlich begrenztes Ehrenamt, das Guggolz in schwierigen Zeiten übernimmt: Verlage und Buchhandlungen stehen unter massivem ökonomischen Druck. Die Zahl der Buchkäuferinnen und Buchkäufer schmilzt kontinuierlich, wie die jüngst veröffentlichten Statistiken des Börsenvereins für das Jahr 2025 erneut dokumentieren. ERSCHRECKENDE ZAHLEN „Man kann die Zahlen nicht schönreden“, sagt Sebastian Guggolz. Zahlen, die er für erschreckend hält. Er verweist auf Studien, nach denen die Lesefähigkeit von Schülern in Grundschulen ein erschreckendes Niveau angenommen hat. „Damit gehen nicht nur Käuferinnen und Käufer von Büchern verloren, so Guggolz. Auch die Fähigkeit zum Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge nehme dadurch ab. DICKE BRETTER BOHREN Sein Eindruck sei allerdings, dass es in der Politik ein großes Verständnis und auch eine große Bereitschaft gebe, sich diesem Problem zu stellen. Aber: „Es gilt, dicke Bretter zu bohren, und um das zu tun, bin ich angetreten.“
Neue Bücher von Bodo Kirchhoff, Leïla Slimani, Thomas Lang und Dimitré Dinev
Mit neuen Büchern von Bodo Kirchhoff, Leïla Slimani und Thomas Lang. Mit dem Roman des Österreichischen Buchpreisträgers Dimitré Dinev. Und mit einem Gespräch mit Sebastian Guggolz, dem Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels.
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