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episode Neue Bücher von Tomer Gardi, Cihan Acar und Oisín McKenna artwork

Neue Bücher von Tomer Gardi, Cihan Acar und Oisín McKenna

Kapitalismus auf zwei Rädern bei Tomer Gardi, eine Prognose zu Favoriten für die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse und ein Gespräch über Fan Fiction

20 de feb de 2026 - 55 min
episode „Fans holen sich, was in den Geschichten fehlte“ – Lucien Haug über die Macht von Fan Fiction artwork

„Fans holen sich, was in den Geschichten fehlte“ – Lucien Haug über die Macht von Fan Fiction

LUST AN DER VERÄNDERUNG Wenn Fans sich literarisch in den Werken berühmter Autor:innen bewegen, dann ist das Fanfiction. Nicht Daumen hoch oder runter, sondern ein verletzlicher, kreativer Dialog mit Vorlagen wie „Harry Potter“ oder „Stranger Things“ – das ist für Lucien Haug die Stärke dieser Praxis. QUEERE PERSPEKTIVEN UND ALTE VORBILDER Auf Plattformen im Netz entstehen wilde Konstellationen: Tatort-Kommissare verlieben sich, Hermione Aus Harry Potter trifft Spock, Superhelden retten neue Welten. Oft geht es um queere Liebe, Feminismus und Gesellschaftskritik – Perspektiven, die in der Literaturgeschichte unterrepräsentiert waren und nun „zurückgeschrieben“ werden. FANFICTION ZWISCHEN NISCHE UND LITERATURBETRIEB Für Lucien Haug hat die Nische im Netz einen Vorteil: Fanfiction bleibt autonom, nicht monetarisiert, und macht transparent, auf welche Stoffe sie sich bezieht. Mit dem Magazin „Danke“ holt er Fanfiction in die gedruckte Form und lädt etablierte wie neue Autorinnen und Autoren ein, diese Technik als kreatives Werkzeug zu nutzen.

20 de feb de 2026 - 7 min
episode Tiefgründig und schelmisch-witzig zugleich – „Liefern“ von Tomer Gardi artwork

Tiefgründig und schelmisch-witzig zugleich – „Liefern“ von Tomer Gardi

Man sieht sie überall, doch kaum jemand schaut wirklich hin: Essenslieferanten schwirren durch die Straßen, auf dem Rücken würfelförmige Thermotaschen, darin eine duftende Tüte oder ein heißer Pizza-Karton. Der Schriftsteller Tomer Gardi steht in Berlin Kreuzberg und beobachtet, wie alle fünf Minuten ein Lieferant sein Fahrrad vor ihm abstellt, die Hände aus den Lenkerstulpen zieht und aufs Handy schaut. „Wir stehen hier auf dem Kottbusser Tor. Vor einer Burgerkette kann man ab und zu sehen, ein Lieferant von irgendeiner Firma parkt sein E-Bike und geht in das Restaurant rein, holt die Burger raus und fährt weiter. Es ist kalt heute.“ UNTERWEGS IM GLOBALEN LIEFERNETZ Zuerst fallen Gardi die Essenslieferanten während der Pandemie auf. Da hat er sich gerade in den Kopf gesetzt, einen weltumspannenden Roman zu schreiben. Und wer verkörpert sie besser, als die, die überall auf der Welt Essen ausliefern? „Die Arbeit eines Essenslieferanten ist einerseits in jeder Stadt gleich, die haben eine App, die kriegen eine Bestellung und da müssen sie hin. …“ > Filmon packte das Essen in Boxen, die Boxen in Tüten, und die Tüten mit Bons stellte er auf die Bar für die Riders. Die stürmten herein, jeder mit seinem kubischen Globus auf dem Rücken, packten die Tüten in ihre klobigen Rücksäcke und liefen dann wieder raus in die Stadt. > > > Quelle: Tomer Gardi – Liefern „… Andererseits war mir klar, dass die Arbeit total unterschiedlich ist von Ort zu Ort, weil der Verkehr anders ist, weil Topographie der Stadt anders ist, weil es von Ort zu Ort anderes Arbeitsrecht gibt.“ Gardi beginnt zu recherchieren und entdeckt das literarische Potenzial der Lieferanten. Er reist nach Tel Aviv, Delhi, Istanbul und Buenos Aires. Das Schlusskapitel führt ihn nach Naivasha in Kenia. In jeder Stadt hat Gardi circa 15 Lieferanten interviewt. GESCHICHTEN AUS DER LIEFERANTENTASCHE Deren Erzählungen sind fiktionalisiert in seinen neuen Roman „Liefern“ eingeflossen – die Erlebnisse, Herausforderungen und Sorgen der sogenannten Rider, aber auch die Freude an der Arbeit. „Eigentlich wollte ich in erster Linie Geschichten hören“, erklärt Gardi. „Ich wollte Menschen, die ich nicht kenne und Biografien, die ich nicht kenne, kennenlernen und dann diese Geschichte weitererzählen, als würde ich selber mit einer Lieferantentasche durch die Welt reisen und Geschichten in meine Lieferantentasche reinstecken und dann weiter an die Leserin und den Leser liefern.“ Da ist Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist. Ohne Arbeitserlaubnis bleibt ihm nur, unter falschem Namen als Lieferant zu arbeiten. Er braucht Geld, um seiner Frau und Tochter nach Berlin folgen zu können. Die beiden lernen Deutsch bei Nina, die sich in Delhi in den Argentinier Ramon verliebt hat. Hier, in Delhi, bietet sich ein äußerst ungewöhnlicher Anblick: eine Frau liefert das Essen auf einem brüllenden Scooter, dirigiert von einem Kind hinter sich. > Sachin immer leicht lächelnd. Vivaan ganz ernst. Passanten starrten sie an, wenn sie vorbeifuhren. Das Kind veränderte ihren Status von der ledigen Frau zur Mutter. Vivaan wurde ihr Schutz. Keine Catcalls mehr. > > > Quelle: Tomer Gardi – Liefern IN BERLIN LAUFEN DIE FÄDEN ZUSAMMEN In Buenos Aires liefert der Venezolaner Ciervo das Essen aus. Nur stürzt sein Handy dauernd ab. Glücklicherweise findet er ein anderes – das von Ramon. Die Fäden laufen mehr oder weniger in Berlin zusammen: beim Ich-Erzähler, der mit seiner Glatze hadert. Eine Figur, augenzwinkernd nah an Gardi selbst, die sich mit einem Preisgeld eine Haartransplantation in Istanbul gönnen will. Dort trifft er auf den Lieferanten Resul, der ihm seine Lebensgeschichte offenbart. > Das ist der Ort, der mich in die Arme schloss, als ich alleine in die Stadt kam, diese Arbeit hat es mir ermöglicht, meine Miete zu bezahlen, da hab ich Leute getroffen, die sich gegenseitig unterstützen. > > > Quelle: Tomer Gardi – Liefern „Liefern“ ist ein globaler Erzählreigen. So wie ein Lieferant kreuz und quer durch die Straßen fährt, Ort A mit Ort B verbindet, verwebt Tomer Gardi über die Städte die Figuren miteinander. Die Geschichten erzählen davon, wie es ist, einem System gnadenlos ausgeliefert zu sein. ABHÄNGIG VON BEWERTUNGEN Im Zentrum steht dabei weniger ein einzelner Held als eine Struktur: die Plattformökonomie. Die Fahrer sind abhängig von einer App, von Algorithmen, von Ratings. „Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul,“ so einer der Lieferanten. > Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. > > > Quelle: Tomer Gardi – Liefern Und doch lässt sich viel Komik und Schönheit in diesem Roman finden. Das liegt vor allem an der Sprache. Gardi ist bekannt geworden durch sein „Broken German“. In „Liefern“ aber hat er bewusst keine Kunstsprache verwendet und sein Deutsch perfektioniert. Dabei hat ihm die Übersetzerin Anne Birkenhauer geholfen, die auch das eine auf Hebräisch geschriebene Kapitel übersetzt hat. Dabei kommt immer noch Gardis unnachahmlicher Plauderton durch, verschmitzt und warm. Wobei er für jedes Kapitel einen eigenen Sound gefunden hat. „Die Straßen haben einen anderen Klang. Wir stehen hier auf dem Kottbusser Tor, das ist ein sehr zentraler und ziemlich verrückter Teil von Berlin. Wir haben nicht einmal ein Hupen gehört. Nicht einmal. Das wäre dir in Istanbul oder in Tel Aviv oder in Delhi nicht passiert.“ EIN GEGENWARTSROMAN IM BESTEN SINNE „Liefern“ erzählt von Arbeit und Ausbeutung, aber auch von Liebe und der großen Sehnsucht nach Verbundenheit, kurzum: vom Menschsein im 21. Jahrhundert. Und endet nicht bei einem Lieferanten, sondern in einem anderen prekären Arbeitsfeld: auf einer Rosenfarm in Kenia. „Zugleich war es mir wichtig, keinen Roman zu schreiben, der nur erzählt, wie schrecklich die Welt ist und ungerecht, weil es nicht stimmt, was die Menschen ständig nur erleben, weil die erleben auch Freude und Schönheit. Das habe ich bei jedem gesehen, den ich interviewt habe und das wollte ich rüberbringen.“ Und das ist Tomer Gardi gelungen. „Liefern“ ist tiefgründig und schelmisch-witzig zugleich. Er spielt mit dem Genre Autofiktion, mit der Leseerwartung und der erzählten Zeit. Ein Gegenwartsroman, im besten Sinne: politisch, aber nicht platt; global, aber nah an einzelnen Schicksalen. Und wenn man nach der Lektüre mal wieder den Lieferservice ruft, dann sieht man sie anders, die Rider mit ihren klobigen Taschen: nämlich als Menschen, mit Geschichten, die wir alle mit bestellen.

20 de feb de 2026 - 6 min
episode „Hitzetage“ von Oisín McKenna: Ein gelungenes, ambitioniertes Debüt artwork

„Hitzetage“ von Oisín McKenna: Ein gelungenes, ambitioniertes Debüt

Ein Wochenende im Juni, vier Freunde aus Kindertagen, ein heißes London – mehr braucht Oisín McKenna nicht, um in „Hitzetage” ein vielschichtiges Porträt einer Generation zu zeichnen, die zwischen prekären Jobs, queerer Identität und dem Ende ihrer Großstadtträume laviert. ZWISCHEN RAUSCH UND VERANTWORTUNG Maggie ist dreißig, schwanger von ihrem Freund Ed und muss sich eingestehen, dass ihr Traum von einem Leben als Künstlerin keine Zukunft hat. Sie jobbt als Kellnerin und liebt das queere Londoner Nachtleben. Eine Familienwohnung im hippen Hackney kann weder sie noch ihr Freund Ed, der als Fahrradkurier arbeitet, finanzieren. Sie überlegen, zurück in die Kleinstadt zu ziehen, die sie einst voller Zukunftshoffnungen verlassen hatten. Ed trifft sich mit seinem Freund Callum, um die Lage zu besprechen. „Als Callum die Neuigkeit erfuhr, tröstete er Ed auf die einzige Art, die er kannte: Unter dem Tisch schob er ihm einen Trip zu. Ed wollte nicht high werden; er war entkräftet von der Neuigkeit der Schwangerschaft und von der Tatsache, dass sein Freund Liebe nur durch das Teilen von Drogen zeigen konnte; doch als er sah, dass Callum trotz allem versuchte, Liebe zu zeigen, und weil er mit dreißig Jahren immer noch begierig darauf war, als einer der coolen Jungs zu gelten, fügte er sich schließlich, denn im Grunde seines Herzens wollte er es immer allen recht machen. Ed legte den Trip unter seine Zunge, und zwanzig Minuten später wurden die Wände des Pubs rosa und fleischig…" AUF DER SUCHE NACH ERFAHRUNGEN IM VIBRIERENDEN LONDON Callum, der seinen Lohn mit kleinen Drogendeals aufbessert, fühlt sich überfordert von der Nachricht, dass seine Mutter eine Krebsdiagnose erhalten hat. Callums Bruder Phil, schwul und ebenfalls aus der Provinz nach London geflüchtet, sehnt sich inmitten lauter Partys und schriller Clubs nach einer verlässlichen Beziehung mit seinem Mitbewohner Keith. Hungrig nach Erfahrungen und neuen Möglichkeiten sind sie alle und das vibrierende, glitzernde London steht wie eine Chiffre für das, was in diesem heißen Sommer endlich kommen soll: Das wahre Leben, das sich wie ein buntes Füllhorn über die schnöde Realität ergießt. Oisín McKenna wechselt zwischen inneren Monologen, knappen Social-Media-Posts und witzigen Dialogen und schafft so ein dichtes, multiperspektivisches Porträt einer Generation. Die gemeinsame Vorstadt-Herkunft verbindet die vier jungen Protagonist*innen – und wird zugleich zur Folie, vor der ihre Prekarität in London umso schärfer hervortritt. McKenna erzählt das mit viel Empathie für das Scheitern seiner Figuren. Maggie weiß nicht, ob sie ihr geliebtes Londoner Partyleben wirklich tauschen will gegen eine öde Existenz als biedere Vorstadt-Mutter. Ihr Partner Ed, ebenfalls noch unentschieden, teilt ein Geheimnis mit Maggies Kindheitsfreund Phil, das seine Beziehung zu Maggie gefährden könnte. HERKUNFT, KLASSE UND DAS ERBE DER ELTERN    Die Erzählperspektive wechselt in diesem Roman ebenso abrupt wie Ort und Zeit, was die Orientierung beim Lesen manchmal erschwert, zumal es auch noch um die Eltern der Hauptfiguren geht, die in der Kleinstadt zurückgeblieben sind. Dies ermöglicht ihm, die prekären Lebensverhältnisse der gebildeten jungen Großstädter mit den starren Routinen der Älteren aus der Arbeiterschicht zu kontrastieren. Eindrücklich ist in der Elterngeneration Callums und Phils Mutter Rosaleen, deren mutigen Weg aus dem bettelarmen, katholischen Dublin der 1970er Jahre der Autor einfühlsam nachzeichnet. Irgendwann hatte Rosaleen nach ihrer Emigration nach England beschlossen, ihre irische Herkunft nicht mehr so wichtig zu nehmen. Und dennoch… „…ein Mann aus Hastings…vertrat die Theorie, die Iren würden deshalb als träge und einfältig angesehen, weil sie zu viele Kartoffeln äßen, die Kartoffeln hätten ihr Gehirn verrotten lassen. Als sie andeutete, dies sei ein koloniales Stereotyp, wurde er wütend. …Wenn man mit Menschen auskommen wollte, die glaubten, das Land, aus dem man stammt, habe keine eigene Geschichte, musste man die eigene Geschichte vergessen." Um in England heimisch zu werden, hat Rosaleen sich also selbst verleugnet. An diesem Beispiel wird klar, wie viele Themen der Autor in seinem Roman anreißt: Es geht um queeres Leben in prekären Verhältnissen, Identitätsfindung, sexuelle Orientierung, Klassismus, Kommunikation zwischen den Generationen und die Endlichkeit des Lebens. VERHEISSUNG UND ENTTÄUSCHUNG Die Großstadt London könnte man als weiteren Protagonisten bezeichnen, der ins Leben aller Figuren hineinwirkt. Wetter, Parks, Pubs, Clubs und Stadtviertel werden so prägnant beschrieben, dass man die Stadt förmlich riechen und schmecken kann. Doch London hat den Dreißigjährigen, die seit zehn Jahren hier ums Überleben kämpfen, viel versprochen und kann längst nicht alles halten.  Phil lebt mit elf Mitbewohnern in einer alten Lagerhalle, mit deren Räumung er jederzeit rechnen muss. Die Wohnung von Maggie und Ed ist billig, weil sie schimmelig ist und verursacht Ed Asthmaanfälle. London bleibt seinen Bewohnern eine Zukunftsperspektive schuldig. Maggies Freundin Ali bringt dieses spezielle Lebensgefühl auf den Punkt. „Ich hab' das Gefühl, in London zu leben, ist, als wäre man ständig kurz vor dem Orgasmus, könnte aber nie kommen. Es ist nicht so, als wäre man nicht geil. Aber irgendetwas tief drinnen in deinem Körper lässt es nicht zu, wie sehr du es auch versuchst. Und du, Babe, tust genau das Richtige. Du wartest nicht länger darauf, dass die Stadt dich verwandelt. Du haust ab, solange du noch kannst. Du verwandelst dich selbst." EIN STARKER STADTAUTOR Oisín McKenna passt die Sprachebenen der Dialoge seinen unterschiedlichen Protagonisten stimmig an und treibt die Handlung durch knappe Textnachrichten voran. Auch hier ist er stilistisch überzeugend.  Allerdings verliert sich McKenna in Phils Beziehungskrisen und ausführlichen Schilderungen der Londoner Schwulenszene. Dazu kommen lange Passagen über Phils aktuellen Beziehungsstatus und seine Mobbingerfahrungen als Vorstadt-Jugendlicher. Aber schneller, oft anonymer Sex in der schwulen Subkultur und Mobbingerfahrungen – das sind keine neuen Themen, und die melodramatisch aufgeladenen Dramen um Phil bremsen den Rhythmus des Romans. Doch trotz gelegentlicher Längen ist „Hitzetage“ ein gelungenes, ambitioniertes Debüt mit starken Momenten. McKenna hat einen guten Blick für Klassenverhältnisse und Milieus, aus ihm könnte ein starker Stadtautor werden.

20 de feb de 2026 - 6 min
episode Quälende Ungewissheit: „Casino“ von Cihan Acar artwork

Quälende Ungewissheit: „Casino“ von Cihan Acar

Cumali Karagöz hat es geschafft. Eine ausladende Luxusvilla mit Pool, eigenem Heimkino, vier Gästezimmern und einer Sportwagen-Sammlung nennt er sein Eigen. Sein „ComePlay“–Imperium umfasst 30 Spielotheken, Tendenz steigend. Die Krönung seiner unternehmerischen Existenz aber soll ein wahrer Glücksspiel-Tempel werden: ein gigantisches Casino, das von allen Seiten sichtbar der Stadt Steinheim seinen Stempel aufdrückt. Denn trotz Karriere und Bilderbuchfamilie – Cuma ist alles andere als beliebt. Die bürgerliche Gesellschaft von Steinheim meidet ihn, die Nachbarn fühlen sich von ihm gestört und seit Jahren stalkt ihn ein Mann, der sich immer wieder mit einem Anti-Karagöz-Plakat vor ihm aufbaut: „Der Mann kann stundenlang fast durchgehend in dieser Position verharren, das hat er oft genug bewiesen. Sein Gesicht ist dabei nie wütend oder verbissen, sondern völlig neutral. Er reagiert nicht auf Provokationen und scheint besonderen Wert darauf zu legen, Cuma wie Luft zu behandeln. Der ignoriert ihn inzwischen in aller Regel auch." WAHRHEIT ODER LÜGE? Für seinen zweiten Roman hat Autor Cihan Acar die heißen Straßenpflaster Heilbronns verlassen und ist in eine fiktive Provinzstadt namens Steinheim gezogen, wobei der Neckar dann doch noch irgendwann durchs Bild fließt. Und so ist es diesmal weniger die Milieustudie, die Acar interessiert, als vielmehr eine Versuchsanordnung, ein Gedankenspiel. Er erzählt: „Ich fand das spannend, eine Figur zu erzählen, bei der man nie so richtig weiß, was stimmt, welche Information über die Figur stimmt. Es gibt da die Möglichkeit, dass man ihm glaubt, dass man seinem Selbstbild, das er von sich darstellt, glaubt und dann eben der These folgt, dass es einfach ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, der sich nichts zu Schulden hat kommen lassen. Oder eben dass man den Gerüchten, die sich jahrelang auch schon vor der Geschichte über ihn halten, dann eher folgt. Und die Gerüchte besagen eben, dass er schon viel Dreck am Stecken hat, dass er schlimme Dinge getan hat in der Vergangenheit. Und mit diesen zwei Widersprüchen wollte ich spielen im Laufe des Romans.“ UNGEKLÄRTE SCHULDFRAGE Erst knapp auf der Hälfte des Romans erfährt man, worum es bei der Geschichte eigentlich geht. Als junger Mann wird er beschuldigt, seinen Abteilungsleiter und dessen Ehefrau aus Rache getötet zu haben. Nach anderthalb Jahren Untersuchungshaft und einem langwierigen Prozess: Freispruch aus Mangel an Beweisen. Am Tag seiner Freilassung schwört Cuma, es der Stadt zu zeigen. „Sie wollten den Bösewicht und den asozialen Türken, sie sollen ihn bekommen“, sagt er zu seiner Frau Hannah und die beschließt, seine Version der Wahrheit zu glauben. Auch die Kinder, Tochter Zaha und Sohn Ediz, werden mit Cumas Wahrheit groß. Doch die nie geklärte Schuldfrage lässt sich nicht abschütteln. „Und eine ganz große Frage ist natürlich, inwiefern man als Familienmitglieder auch unter diesem Schatten stehen muss, unter dem der Vater steht", verrät Acar. „Da hatte ich es dann so konstruiert, dass der Vater sich äußerlich stark gibt und diese Gerüchte, die es um ihn gibt, und diese Vorwürfe nicht an sich heranlässt. Zumindest äußerlich. Und inwiefern man unter seinem Ruf mitzuleiden hat, das sind so Probleme und Fragen, denen sich seine Ehefrau, seine Tochter und sein Sohn immer wieder stellen müssen.“ WENN DIE UNGEWISSHEIT ZUR BEDROHUNG WIRD Ein wenig holzschnittartig, aber durchaus glaubwürdig zeichnet Cihan Acar seine Hauptfigur, der sich nach dem Prozess vom überangepassten Integrationsmusterschüler zum rücksichtslosen Oberboss wandelt. Cuma bleibt auf Distanz. Man soll sich wohl selbst einen Reim auf diesen ambivalenten Typen machen, der behauptet kein Mafia-Pate zu sein, sich aber gelegentlich genauso verhält. Und der sich bezeichnenderweise vor Eulen fürchtet. Mit der allmählichen Fertigstellung des Casinos kündigen sich für die ganze Familie Veränderungen an. Und es zeigt sich: das Vertrauen in Cumas Unschuld ist eine Illusion. Sohn Ediz leidet seit Jahren unter Panikattacken, die kluge und ehrgeizige Tochter Zaha kommt ins Straucheln, als sie nach Einser-Abi und sozialem Jahr keinen Jura-Studienplatz in Berlin bekommt. Und mit der Perspektive bald ohne Kinder daheim zu sitzen, gerät auch Ehefrau Hannah aus dem Gleichgewicht, die bislang alle Anfeindungen stoisch ertragen hat. Autor Cihan Acar gelingt es immer wieder, Zweifel an der Unschuld Cumas zu säen. Wie ein böses Geschwür zersetzt die nagende Ungewissheit den Glauben an Cumas Aufrichtigkeit und macht der Familie zu schaffen. Bei diesen Figuren ist Cihan Acar deutlich näher dran, legt ihre Befindlichkeiten bloß: „Während Ediz über den Schulhof geht, malt er sich aus, wie es ablaufen wird: Schon beim Öffnen der Tür zum Klassenraum wird er Angst vor dem Schwitzen haben, diese Angst wird ihn nur umso mehr schwitzen lassen, und innerhalb weniger Minuten wird ihn der Strudel aus Angst und Schweiß mit sich reißen und die Prüfung zur Nebensache werden lassen." EIN UNAUFLÖSBARES DILEMMA Knapp und schnörkellos ist Cihan Acars Prosa – wie in seinem ersten Roman. Doch anders als in „Hawaii“ stolpert man hier nicht atemlos durch die bunte Gesellschaft eines Problemstadtviertels. Es geht sehr viel gesetzter, ernster zu, weshalb Acar auch eher sparsam mit Humor umgeht. Dafür setzt er immer mal wieder feine ironische Spitzen. Wenn zum Beispiel bei den feinen Nachbarn „farbige Schilder vor spielenden Kindern warnen, die man nie spielen sieht.“ Wie ein Running-Gag geistert der Name Tyson durch die Geschichte, bis die Boxlegende Mike Tyson am Ende tatsächlich zur Eröffnung des Casinos einfliegt, in dem es sogar eine Sozialstation für Spielsüchtige gibt. Acar löst sein Experiment nicht auf: Es gibt kein Entrinnen aus dem Vexierspiel von Wahrheit und Lüge, kein Entrinnen aus dem sozialen Abseits. Jedenfalls nicht für den Vater. Unscheinbar kommt dieser kleine Roman daher, seine ganze Wucht entfaltet er erst im Nachgang.

20 de feb de 2026 - 6 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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