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Portada del episodio „Als Kind ist man immer ein Dichter“ - Erzählungen von Stig Dagerman

„Als Kind ist man immer ein Dichter“ - Erzählungen von Stig Dagerman

Die bekannteste Erzählung Stig Dagermans entstand kurioserweise als Auftragswerk der „Nationalvereinigung für die Förderung der Verkehrssicherheit“. Die hatte im Jahr 1948 eine neue Werbe-Maßnahme gestartet, um die Zahl der Verkehrstoten auf Schwedens Straßen zu senken.  Dagerman, damals 25 Jahre alt, schrieb einen zu Herzen gehenden Text, der sowohl in seiner literarischen Eindringlichkeit und Form als auch im Sinne der sicherheitsfördernden Kampagne überzeugte. In „Ein Kind töten“ werden die Minuten vor einem verhängnisvollen Unfall aus zwei Perspektiven erzählt – jener eines kleinen Jungen, der nur rasch die Straßenseite wechselt, um in einem Laden fürs Frühstück Zucker zu besorgen; und jener des Autofahrers, der gerade noch als glücklich Verliebter eine hell scheinende Zukunft vor sich hat.  „Hinterher ist alles zu spät. Hinterher steht ein blaues Auto schräg auf der Straße. Hinterher öffnet ein Mann eine Autotür und versucht, sich auf den Beinen zu halten, obwohl er ein Loch aus Grauen in sich hat.“ > Hinterher liegen ein paar weiße Würfel Zucker sinnlos verstreut in Blut und Kies, und ein Kind liegt regungslos auf dem Bauch, das Gesicht hart auf die Straße gepresst.  > > > Quelle: Stig Dagerman - Unser nächtlicher Badeort SCHICKSAL UND SCHULD  In diesem gerade einmal fünf Seiten langen Text, enthalten im Band „Unser nächtlicher Badeort“, steckt einiges von dem, was Stig Dagermans Erzählungen auszeichnet: eine lakonische, ruhige Sprache, in der ein sich plötzlich auftuender existenzieller Abgrund umso verstörender wirkt. Schicksal und Schuld, die das Konzept Freiheit zweifelhaft erscheinen lassen. Und nicht zuletzt das Empfinden, in einem inneren Gefängnis festzustecken und zum Leben mit all seiner Absurdität verurteilt zu sein.  Diese Irrationalität wird einem schon im Kindesalter bewusst. In zwei Geschichten taucht ein Junge namens Åke auf, der seine Mutter zu retten versucht, indem er spielt … „… dass er unsichtbar ist und sich dorthin wünschen kann, wo er sein will, wenn er nur daran denkt. [Seine Mutter] weiß nicht, was er für sie tut, wenn sie nachts allein sind und sie denkt, dass er schläft. Sie weiß nicht, zu welchen Reisen er aufbricht und in welche Abenteuer er ihr zuliebe stürzt.“  Andere von Dagermans Erzählungen haben parabelhafte Züge – der Autor hat seinen Kafka [https://www.swr.de/kultur/literatur/gen-z-feiert-franz-kafka-als-viralen-trend-auf-tiktok-und-instagram-100.html]gewissenhaft gelesen. So spielt eine Geschichte in einer grotesken, Gefühle kontrollierenden Welt, in der ein Angestellter von seinem Chef gedrängt wird, den Tod einer Schauspielerin und Nationalheiligen zu beweinen – wie es jeder in der Firma, ja, jede und jeder im ganzen Land tue. Herr Storm ist dazu nicht in der Lage und droht entlassen zu werden. Am Ende fließen aber auch bei ihm die Tränen, wenn auch aus ganz anderen, intimeren Gründen.  GROSSE, UNBEANTWORTBARE SINNFRAGEN Es sind die großen, unbeantwortbaren Sinnfragen, die den jungen Stig Dagerman in den 1940er Jahren umtreiben. Woher sie rühren, beantwortet ein Text, der den Auftakt der von Paul Berf exzellent übersetzten Sammlung markiert. „Die Memoiren eines Kindes“ sind die Memoiren Dagermans: Zurückgelassen von der Mutter, lebt das Kind bis zum Alter von neun Jahren auf dem Bauernhof seiner Großeltern, in einer archaischen Welt, in der Armut herrscht, aber auch Herzensgüte. Und Vertrauen. Das wird fundamental erschüttert, als der Großvater ermordet wird – die Gewalttat hinterlässt Spuren im Kind, sie hinterlässt Spuren in Dagermans Werk.  ZUMUTUNGEN UND ANFEINDUNGEN DER UMWELT  Von da an wächst Dagerman bei seinem Vater in Stockholm auf, wo er das zu entwickeln sucht, was man heute gerne Resilienz nennt: eine Fähigkeit, sich den Zumutungen und Anfeindungen der Umwelt zu widersetzen. > „Als Kind ist man immer ein Dichter. Dann wird es einem – in den meisten Fällen – abgewöhnt. Die Kunst, ein Dichter zu werden, besteht also unter anderem darin, nicht zuzulassen, dass das Leben oder die Menschen oder das Geld es einem abgewöhnen.“  > > > Quelle: Stig Dagerman - Unser nächtlicher Badeort Stig Dagerman ist – trotz allem – zum Dichter geworden. Als er Anfang der 50er Jahre aber am Dichten verzweifelte, in eine Schreibkrise geriet, wusste er nicht weiter. Er nahm sich mit nur 31 Jahren das Leben.

23 de jun de 2026 - 4 min
Portada del episodio Carsten Gansels überfälliges Kompendium zur DDR-Literatur

Carsten Gansels überfälliges Kompendium zur DDR-Literatur

Etwa 80 Millionen Bücher wurden vernichtet. In stillgelegte Tagebaue gekippt, auf Feldern verstreut oder untergepflügt. Abgewickelte Verlage, Bibliotheken, Betriebsbüchereien, Kulturhäuser oder Geschäfte warfen 1990 tonnenweise Werke aus DDR-Produktion weg. Doch nicht nur den Büchern, auch ihren Produktionsstätten wurde der Garaus gemacht. Die 78 Verlage, zu 90% staatliches Eigentum, wurden binnen kürzester Zeit von der Treuhandanstalt entsorgt. > Die meisten Verkäufe wurden in der Folgezeit innerhalb eines Jahres abgewickelt, es gab keine Zeit, um die oftmals verwickelte Rechtslage zu prüfen und nach seriösen Käufern zu suchen. > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? BÜCHERN UND VERLAGEN WIRD DER GARAUS GEMACHT Mit ebenso nüchternen wie beklemmenden Fakten wie diesen beantwortet Carsten Gansel gleich im ersten Kapitel die titelgebende Frage seines Buches „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“. Aber es gab in den folgenden Jahren, und gibt sie noch immer, viele weitere Versuche, Werke und Autoren jener Zeit zu diskreditieren, mit wenig Interesse an Differenzierung zu stigmatisieren oder ausschließlich zu ideologisieren. Davon – und mit nicht geringer Empörung – berichtet der Germanist aus Güstrow, der viele Jahre lang der einzige ostdeutsche Germanistikprofessor an einer westdeutschen Universität war. So erinnert er an den Literaturstreit um Christa Wolf des Jahres 1990, der erbittert und scharf geführt worden und einzig und allein als grundsätzliche Abrechnung mit Autorinnen und Autoren ihrer Generation angelegt gewesen sei, so Gansel. Sein Fazit: > Es ist angeraten, die DDR Literatur an ihrem eigenen Selbstverständnis zu messen und nicht an von außen herangetragenen Maßstäben, die einer westlichen Gesellschaft abgezogen sind. > > > Quelle: Carsten Cansel - Ausradiert? BLICK IN DIE LITERATURGESCHICHTE DER DDR Und so widmet sich der Autor in einem weiteren – dem größten Teil – seines Buches der Geschichte der DDR-Literatur. „Volker Braun hatte das Glück, im Kombinat „Schwarze Pumpe“ vom Schriftsteller Ehepaar Brigitte Reimann und Siegfried Pietschmann betreut zu werden. Das junge Ehepaar war noch Hoyerswerda gekommen, um neue literarische Wege zu finden und endlich eine eigene Wohnung zu erhalten.“ Der junge Volker Braun ging in die Plattenbaustadt und ihr Kombinat, weil er keinen Studienplatz erhalten hatte und nun hoffte, über die Arbeit in der Produktion an die Universität delegiert zu werden. Nach drei Jahren klappte es. Er wurde zu einem der wichtigsten Autoren der DDR, anfangs überzeugt, dann immer kritischer. Wie seine Mentorin Brigitte Reimann, deren Roman über ihre Zeit in Hoyerswerda „Franziska Linkerhand“ sie 1974 berühmt machte. Bereits in den 50er Jahren gehörte sie dem „Donnerstagskreis“ junger Autoren an. Dort debattierten Walter Janka, Erich Ahrendt oder Fritz J. Raddatz offen, lebhaft – und mutig. In ihr Tagebuch notierte die engagierte Schriftstellerin: > Die Gruppe ist illegal. Der Geist bei uns lebt illegal – Herrgott, ist das eine Welt! > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? KULTURELLE LEISTUNG VERSUS IDEOLOGISCHE ABWERTUNG Brigitte Reimann wird sich an dieser widersprüchlichen DDR-Welt ihr Leben lang ebenso abarbeiten wie wie viele weitere ihrer Schriftstellerkollegen. Von ihnen und ihrem Schaffen berichtet das Buch. Von den mündigen Lesern ihrer Werke. Damals wie heute. Grundiert wird das sorgsam recherchierte, von vielen persönlichen Begegnungen mit den Autorinnenen und Autoren profitierende Kompendium von Wut. Carsten Gansels Wut über den weiter unausgewogenen Umgang mit DDR Literatur. Und er ist damit nicht allein, wie aus einem Gespräch mit Volker Braun im August letzten Jahres hervorgeht: > Wunschdenken unserer beamteten Wissenschaft sei ein Narrativ der Sieger durchzusetzen. Das ist ihr Problem, nicht das der Literatur. Der Autor ist ja der Zweifelnde, Suchende, der sich Fragen stellt. > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? Dem in den Werken von Volker Braun, Christa Wolf, Brigitte Reimann und vieler anderer nachzuspüren, dazu stiftet das engagierte Buch von Carsten Gansel an – und liefert ein faktenreiches Fundament für die Auseinandersetzung.

Ayer - 4 min
Portada del episodio Sprich, Apfelbaum, sprich: „Nelka“ von Svenja Leiber

Sprich, Apfelbaum, sprich: „Nelka“ von Svenja Leiber

Nelka ist wieder da – dort wo sie schon einmal unfreiwillig vier Jahre verbracht hat, auf dem Hof des Gutsbesitzers Marten in Schleswig-Holstein. 1941 wurde die sechzehnjährige Ukrainerin in ihrer Heimatstadt Lemberg aufgegriffen und mit vielen anderen verängstigten jungen Frauen in einem Güterzug zur Fron in Hitlers Sklavenstaat verfrachtet:  „Es scheint möglich, auf einer einzigen Reise um Jahre zu altern. Diejenigen, die als junge Mädchen in Królewska in den Waggon gestiegen waren, sehen beim Aussteigen und Hinübergehen zum Desinfektionslager in der Nähe der Reichshauptstadt wie sehr blasse Frauen aus.“ Bis zum Kriegsende muss Nelka dann auf dem Gutshof schuften, allerdings bald in einer leicht privilegierten Stellung. Marten, damals noch der Verwalter des Guts, ist der jungen Ukrainerin verfallen, obwohl der persönliche, gar erotische Kontakt mit Zwangsarbeiterinnen strengstens verboten ist und er gerade standesgemäß seine arische Gattin Inge geehelicht hat, die sich ihrer ersten sinnstiftenden Schwangerschaft entgegensehnt.  DAS WISSEN DES VATERS  Marten legitimiert Nelkas Bevorzugung mit ihrem erstaunlichem, dem „Reichsnährstand“ nützlichen Wissen über Apfelanbau. Ihr geliebter Vater Wendelin Lechner war ein renommierter Experte für Obstanbau und hat sein pomologisches Wissen früh mit seiner aufgeweckten Tochter geteilt – in der Sprache seiner österreichischen Herkunft.     „Wenn es um Äpfel ging, sprach Wendelin Deutsch, und so lernte Nelka die Beschreibungen der Systeme und die Beschreibungen der Früchte, aber selbst sprach sie kaum. Grüßte nur flüsternd die Komische Grethe, die Renetten, Lord Grosvenor, Madame Favre oder Ingrid Marie in den Kronen, während sie durch den Garten streifte.“ Marten merkt bald, dass die Ukrainerin mehr über Apfelanbau weiß als sich deutsche Bauernweisheit träumen lässt – ein guter Vorwand, sie in seiner Nähe zu halten, auch wenn Inge mit den Augen rollt.  WÜTENDE HILFLOSIGKEIT  Dass eine Zwangsarbeiterin Anfang der neunziger Jahre zum Ort ihrer Versklavung zurückkehrt, um den Mann, der sie – ihren Körper und ihr Wissen – ausgenutzt hat, womöglich zur Rede zu stellen, erscheint anfangs als eine etwas forcierte Erzählkonstruktion. Je mehr man aber über das heikle Verhältnis zwischen Nelka und Marten erfährt, desto plausibler wird die Geschichte. Svenja Leiber verschafft dem Plot durch vielen realistische, gut recherchierte Details soliden Untergrund. Ihrem nuancierten psychologischen Erzählen gelingt es, die Geschichte aus einer bloßen Täter-Opfer-Konstellation herauszuschreiben, ohne das tatsächliche Machtgefälle einzuebnen.   Die „wütende Hilflosigkeit“, die den siebenundsiebzigjährigen Marten beim Anblick der wiedergekehrten Nelka überkommt, bestimmt sein Verhalten gegenüber der Ukrainerin von Anfang an.  PRÄZISE UND POETISCH  Leibers Sprache vermeidet zwar nicht einige raunende, allzu bedeutungsschwangere Formulierungen; zumeist aber ist sie präzise, bisweilen sogar poetisch.   Aber was will Nelka, warum kommt sie zurück? Geht es um Entschädigung, um Geld? Es entspricht Marten, so zu denken, aber auch hier liegen die Dinge nicht so einfach.  „Sie macht ihn ganz irre. Sie soll verdammt nochmal reden. Er hätte sie doch nicht ins Haus lassen dürfen. Aber er war zu neugierig. Und es schien ihm auch klüger, sie nicht zu verärgern. Ganz vorsichtig und freundlich wollte er sein, versucht jetzt sogar zu lächeln.“  Es kommt zu keiner wirklichen Aussprache, keiner Anklage und Versöhnung; das hat Leiber dem Roman zum Glück erspart. Stattdessen lesen wir über Nelkas Rückgewinnung des zivilen Lebens nach den Jahren der Versklavung – und so rundet sich das Bild einer literarischen Figur ab, die man so bald nicht vergisst.

21 de jun de 2026 - 4 min
Portada del episodio Gewalt auf drei Kontinenten: Inga Machels neuer Roman: „Harte Strandparty“

Gewalt auf drei Kontinenten: Inga Machels neuer Roman: „Harte Strandparty“

Inga Machel schaut auf die Existenzen am Rand, und sie schaut genau hin. Das war bereits so in ihrem viel gelobten Debütroman „Auf den Gleisen“, in dem ein junger Mann nach dem Suizid seines Vaters auf die abschüssige Bahn geriet. Im Fall von „Harte Strandparty“, Machels neuem Buch, stellt sich die Frage: Ist das überhaupt ein Roman? In drei langen Erzählungen, angesiedelt auf drei Kontinenten, ist Machel sehr nahe an der Innenwelt ihrer beschädigten Hauptfiguren. In der ersten Geschichte, die dem Buch seinen Titel gibt, ist es eine junge Frau im Übergang von der Pubertät zum Erwachsenenleben, deren soziales Umfeld kalkuliert rätselhaft bleibt. Der Adressat ihrer Gedanken ist keine reale Person, sondern ein Gegenstand: „Seit ich es gefunden habe, denk ich immerzu an das Messer. Auch, wenn ich es gar nicht sehen kann“, schreibt Machel. „Sobald ich im Haus bin, geh ich sofort in mein Zimmer und setz mich mit ihm in die Ecke, hole es aus der Schachtel, halte es in der Hand, fühle an der Klinge, überlege, wie gut es noch schneiden kann, ritze ein bisschen damit rum und erzähl ihm Sachen von mir, so ähnlich, als würd ich beten, nur dass ich von dem Messer ja eigentlich gar nichts will.“ Antihelden in unheimlichem Licht Machels Tonfall ist assoziativ, das Geschehen bleibt uneindeutig; die Sprache ist hart und poetisch aufgeladen. Das erzeugt einen durchaus charismatischen Sound, in dem Inga Machel die Lebenswirklichkeiten ihrer unterprivilegierten Antihelden in ein unheimliches Licht rückt. Wer sind diese jungen Menschen, die, wie es einmal heißt, das Schlechte in sich tragen, von ihren Eltern vernachlässigt werden und der Welt kaum noch etwas zu sagen haben? Im ersten Text raunt es hin und wieder, doch ist er die Exposition zur literarisch brillanten zweiten Erzählung, die allein schon die Lektüre lohnt: „Im Paradies“ ist angesiedelt in Neuseeland. Der Protagonist ist dieses mal keine junge Frau, sondern ein alter Mann, von dem es zu Beginn heißt: > Er hat noch nie Regeln befolgt und wird in diesem Leben auch nicht mehr damit anfangen. > > > Quelle: Inga Machel – Harte Strandparty ROADTRIP MIT LEICHE Schicht um Schicht und höchst raffiniert erzählt Inga Machel hier zum einen eine trostlose Road Novel und fächert wie nebenbei ein ganzes Leben auf: Paul Richard Williams ist ein Maori, also ein Angehöriger der indigenen Bevölkerung. Rassismus und Diskriminierung gehören von jeher zu seinem Leben; von seiner Familie hat er sich entfremdet. Ein Outlaw, der abgerutscht ist in Drogengeschäfte und andere kriminelle Machenschaften. Bei einer unerwartet gewaltsamen Konfrontation zieht Pauls Ziehsohn Kenny, der leibliche Sohn seines besten Freundes, plötzlich eine Waffe und wird selbst erschossen: > Kennys Körper sinkt auf die Knie – als wäre er ein scheiß Heiliger – , und dann fällt er langsam nach vorn, seltsam geschmeidig, wie einer, der es hinter sich hat. Das Geräusch des Aufkommens sickert in den Teppich. > > > Quelle: Inga Machel – Harte Strandparty Von nun an fährt Paul mit dem toten Jungen im Kofferraum über das Land, nicht hadernd mit seinem Schicksal, aber voller Trauer und Schuld und komplett desillusioniert. Das ist eine bewegende Prosa, sprachlich sorgfältig austariert. Inga Machel zeigt Menschen, die in soziale Ausweglosigkeit hineingeboren wurden. In einer langen Rückblende erinnert Paul sich an ein Erlebnis in seiner Kindheit, als er von einem Ranger im Wald aufgegriffen und diesem ausgeliefert war: „Als ich es wagte, hinter vorgehaltenen Händen die Augen aufzumachen, stand vor mir, über mir, im gleißenden Sonnenlicht, ein erwachsener weißer Mann in einer graugrünen Uniform, der mich anstierte, als wollte er mich zertreten.“ LETZTE STUNDEN EINER MÖRDERIN Transgenerative Traumata, Erfahrungen von Ausgrenzung, Gewalt: Inga Machels Protagonistinnen und Protagonisten sind gezeichnet von Strukturen, die weit über das Individuelle hinausgehen. Die dritte Geschichte mit dem Titel „Im Mondlicht“ schlägt, Stichwort Messer, einen motivischen Bogen zum Anfang: Die 17-jährige Jessie Mann hat ihre beiden Adoptiveltern erstochen. Jessie, mutmaßlich die Tochter mexikanischer Einwanderer, wurde als Säugling in einer Mülltonne gefunden. Nun, etwa fünfzehn Jahre nach der Tat, soll sie in einem texanischen Gefängnis hingerichtet werden. Erzählt werden Manns letzte Stunden quasi in Echtzeit aus der Perspektive einer Frau namens Connie Meyers, einer unabhängigen Gefängnis-Protokollantin. Sie entwickelt eine Faszination für die Delinquentin: „Obwohl sie nicht schön war, sah Jessie Mann aus wie ein Star. Ihr Gesichtsausdruck war kühl, gelangweilt, verschlossen, das Resultat, so glaubte Conny zu erkennen, jahrelanger Übung vor dem Spiegel, oder blanker Lebensmüdigkeit.“ Der dritte Teil dieses Buchs ist in seiner Identifikation zwischen Protokollantin und Täterin und in der Anhäufung von Gewalterfahrungen deutlich übersteuert, erzählerisch im Kontrast zur Neuseeland-Geschichte noch dazu erstaunlich konventionell. Die komplexe Realität einer durch imperialistische und kolonialistische Strukturen zugerichteten Welt habe sie beschreiben wollen, so schreibt die Autorin in einem überflüssigen Nachwort. Das hätte man sich ohnehin denken können. Aber: Allein der Mittelteil von „Harte Strandparty“ lohnt die Lektüre.

19 de jun de 2026 - 5 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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