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Portada del episodio Gewalt auf drei Kontinenten: Inga Machels neuer Roman: „Harte Strandparty“

Gewalt auf drei Kontinenten: Inga Machels neuer Roman: „Harte Strandparty“

Inga Machel schaut auf die Existenzen am Rand, und sie schaut genau hin. Das war bereits so in ihrem viel gelobten Debütroman „Auf den Gleisen“, in dem ein junger Mann nach dem Suizid seines Vaters auf die abschüssige Bahn geriet. Im Fall von „Harte Strandparty“, Machels neuem Buch, stellt sich die Frage: Ist das überhaupt ein Roman? In drei langen Erzählungen, angesiedelt auf drei Kontinenten, ist Machel sehr nahe an der Innenwelt ihrer beschädigten Hauptfiguren. In der ersten Geschichte, die dem Buch seinen Titel gibt, ist es eine junge Frau im Übergang von der Pubertät zum Erwachsenenleben, deren soziales Umfeld kalkuliert rätselhaft bleibt. Der Adressat ihrer Gedanken ist keine reale Person, sondern ein Gegenstand: „Seit ich es gefunden habe, denk ich immerzu an das Messer. Auch, wenn ich es gar nicht sehen kann“, schreibt Machel. „Sobald ich im Haus bin, geh ich sofort in mein Zimmer und setz mich mit ihm in die Ecke, hole es aus der Schachtel, halte es in der Hand, fühle an der Klinge, überlege, wie gut es noch schneiden kann, ritze ein bisschen damit rum und erzähl ihm Sachen von mir, so ähnlich, als würd ich beten, nur dass ich von dem Messer ja eigentlich gar nichts will.“ Antihelden in unheimlichem Licht Machels Tonfall ist assoziativ, das Geschehen bleibt uneindeutig; die Sprache ist hart und poetisch aufgeladen. Das erzeugt einen durchaus charismatischen Sound, in dem Inga Machel die Lebenswirklichkeiten ihrer unterprivilegierten Antihelden in ein unheimliches Licht rückt. Wer sind diese jungen Menschen, die, wie es einmal heißt, das Schlechte in sich tragen, von ihren Eltern vernachlässigt werden und der Welt kaum noch etwas zu sagen haben? Im ersten Text raunt es hin und wieder, doch ist er die Exposition zur literarisch brillanten zweiten Erzählung, die allein schon die Lektüre lohnt: „Im Paradies“ ist angesiedelt in Neuseeland. Der Protagonist ist dieses mal keine junge Frau, sondern ein alter Mann, von dem es zu Beginn heißt: > Er hat noch nie Regeln befolgt und wird in diesem Leben auch nicht mehr damit anfangen. > > > Quelle: Inga Machel – Harte Strandparty ROADTRIP MIT LEICHE Schicht um Schicht und höchst raffiniert erzählt Inga Machel hier zum einen eine trostlose Road Novel und fächert wie nebenbei ein ganzes Leben auf: Paul Richard Williams ist ein Maori, also ein Angehöriger der indigenen Bevölkerung. Rassismus und Diskriminierung gehören von jeher zu seinem Leben; von seiner Familie hat er sich entfremdet. Ein Outlaw, der abgerutscht ist in Drogengeschäfte und andere kriminelle Machenschaften. Bei einer unerwartet gewaltsamen Konfrontation zieht Pauls Ziehsohn Kenny, der leibliche Sohn seines besten Freundes, plötzlich eine Waffe und wird selbst erschossen: > Kennys Körper sinkt auf die Knie – als wäre er ein scheiß Heiliger – , und dann fällt er langsam nach vorn, seltsam geschmeidig, wie einer, der es hinter sich hat. Das Geräusch des Aufkommens sickert in den Teppich. > > > Quelle: Inga Machel – Harte Strandparty Von nun an fährt Paul mit dem toten Jungen im Kofferraum über das Land, nicht hadernd mit seinem Schicksal, aber voller Trauer und Schuld und komplett desillusioniert. Das ist eine bewegende Prosa, sprachlich sorgfältig austariert. Inga Machel zeigt Menschen, die in soziale Ausweglosigkeit hineingeboren wurden. In einer langen Rückblende erinnert Paul sich an ein Erlebnis in seiner Kindheit, als er von einem Ranger im Wald aufgegriffen und diesem ausgeliefert war: „Als ich es wagte, hinter vorgehaltenen Händen die Augen aufzumachen, stand vor mir, über mir, im gleißenden Sonnenlicht, ein erwachsener weißer Mann in einer graugrünen Uniform, der mich anstierte, als wollte er mich zertreten.“ LETZTE STUNDEN EINER MÖRDERIN Transgenerative Traumata, Erfahrungen von Ausgrenzung, Gewalt: Inga Machels Protagonistinnen und Protagonisten sind gezeichnet von Strukturen, die weit über das Individuelle hinausgehen. Die dritte Geschichte mit dem Titel „Im Mondlicht“ schlägt, Stichwort Messer, einen motivischen Bogen zum Anfang: Die 17-jährige Jessie Mann hat ihre beiden Adoptiveltern erstochen. Jessie, mutmaßlich die Tochter mexikanischer Einwanderer, wurde als Säugling in einer Mülltonne gefunden. Nun, etwa fünfzehn Jahre nach der Tat, soll sie in einem texanischen Gefängnis hingerichtet werden. Erzählt werden Manns letzte Stunden quasi in Echtzeit aus der Perspektive einer Frau namens Connie Meyers, einer unabhängigen Gefängnis-Protokollantin. Sie entwickelt eine Faszination für die Delinquentin: „Obwohl sie nicht schön war, sah Jessie Mann aus wie ein Star. Ihr Gesichtsausdruck war kühl, gelangweilt, verschlossen, das Resultat, so glaubte Conny zu erkennen, jahrelanger Übung vor dem Spiegel, oder blanker Lebensmüdigkeit.“ Der dritte Teil dieses Buchs ist in seiner Identifikation zwischen Protokollantin und Täterin und in der Anhäufung von Gewalterfahrungen deutlich übersteuert, erzählerisch im Kontrast zur Neuseeland-Geschichte noch dazu erstaunlich konventionell. Die komplexe Realität einer durch imperialistische und kolonialistische Strukturen zugerichteten Welt habe sie beschreiben wollen, so schreibt die Autorin in einem überflüssigen Nachwort. Das hätte man sich ohnehin denken können. Aber: Allein der Mittelteil von „Harte Strandparty“ lohnt die Lektüre.

Ayer - 5 min
Portada del episodio Ein Comic über Autismus und Freundschaft: Wiebke Bolduans „Planet Elmar“

Ein Comic über Autismus und Freundschaft: Wiebke Bolduans „Planet Elmar“

„HERZLICH WILLKOMMEN ZUM 22. INTERNATIONALEN COMIC-SALON ERLANGEN“ Es ist früh morgens, die Halle B mit ihren vielen Verlagsständen hat gerade erst geöffnet, doch das Publikum drängt bereits durch den Eingang. Wenig später schon sind die schmalen Gänge zwischen den Büchertischen rappelvoll, denn es gilt einen guten Platz bei der Signierstunde zu ergattern. Wenn die Fans anrücken, um eine Unterschrift oder auch um eine kleine Zeichnung bitten – dann ist das auch für Wiebke Bolduan ein ganz besonderer Moment: „Das ist schon sehr toll und auch ein bisschen überwältigend, weil die Arbeit an einem Comic an sich ziemlich einsam ist“, erklärt die Autorin SWR Kultur. „Das hört sich sehr negativ an, aber man arbeitet da einfach sehr alleine im Stillen an seinem Schreibtisch, tauscht sich zwar mit anderen Leuten über das Buch aus im Werden, auch mit dem Verlag. Aber das dem Publikum vorzustellen, ist was ganz anderes. Gestern zum Beispiel habe ich einmal Planet Elmar für jemanden signiert, der Elmar hieß. Das war ganz schön.“ Eine Insel als Rückzugsort Auf der Flucht vor den unermüdlichen Lautsprecherdurchsagen finden wir im Schlossgarten der Erlanger Universität eine etwas abseitsstehende Bank und haben den perfekten Blick auf das Geschehen ringsum: Comicfreunde allen Alters auf dem Weg zur Halle A, zur nächsten Lesung oder Ausstellung oder auf der Suche nach ihrem Lieblingsverlag. Doch kaum Platz genommen, startet auf einer Bühne etwa 30 Meter entfernt ein Musikprogramm. Also noch ein Ortswechsel und schließlich landen wir in der Stadtbibliothek in einer großen, durchsichtigen Kabinenkugel, in der man sich vor dem Rest der Welt verschließen kann. Das passt. Denn auch der Held in Wiebke Bolduans neuem Comic, Elmar, lässt die Welt lieber draußen und sucht seine Rettung auf einer einsamen Insel. Bolduan berichtet von ihrer Entscheidung: „Das war mir wichtig, einen Ort zu finden, der die innere Reise der Figuren gut widerspiegelt und trägt. Und der auch Potential, ins Fantastische sich zu wandeln, surreal und ein bisschen entrückt wirkt von der Welt“. „Aber, ich glaube, ein guter Ort ist, wo sich jemand in einem inneren Prozess verlieren kann. Und natürlich das Meer hat was sehr Poetisches, in das man auch viel hineininterpretieren an Stimmungen. Und ich wollte gern eine Geschichte erzählen an einem Ort, an dem ich mich wohl fühle und in den ich mich hineinträumen kann“, gesteht Wiebke. WEN DAS LEBEN AUF DEN PRÜFSTAND KOMMT – DIAGNOSE AUTISMUS Ein Ort auch, an dem man in Ruhe über sich und das Leben nachdenken kann und das hat Elmar gerade bitter nötig. Der junge Mann ist in einer Therapiesitzung damit konfrontiert worden, dass er möglicherweise mit der Diagnose Autismus rechnen muss. Auf der Insel seines langjährigen Freundes, den er schon aus der Schulzeit kennt, versucht er, die Bedeutung dieser Ankündigung zu verstehen: > Und so ähnlich war es auch bei mir. So wie es vielen Autistinnen leider geht, dass sie erst ziemlich spät die Diagnose im Leben erhalten. Ich habe die auch erst mit Ende 20 bekommen. > > > Quelle: Wiebke Bolduan „Und dann schaut man eben auf diese knapp 30 Jahre zurück und fängt an, das noch einmal in einem ganz anderen Licht zu betrachten, was einem da so widerfahren ist und wie man so durch die Welt gegangen ist“, äußert sich Bolduan weiter zu der Thematik. „Es ist so eine Mischung aus großer Erleichterung und dass es auch total gut ist, das jetzt besser zu verstehen, wie man eigentlich tickt und was man vielleicht auch für Hürden hatte. Aber es ist auch ein bisschen bitter, dass diese Erkenntnis erst vergleichsweise spät ins Leben getreten ist.“ „PLANET ELMAR“ – EIN COMIC HUMORVOLL, SENSIBEL UND DIFFERENZIERT Ein bisschen wie ein Alien fühlt sich dieser Elmar, weshalb Wiebke Bolduan ihre Erzählung in ein sanftes Grün gehüllt hat. Originell und sehr reduziert sind ihre Zeichnungen. Elmar mit seiner schwarzen Dreiecksnase und seinen viel zu langen Haaren, unter denen immer nur ein Auge hervorschielt, gibt einen sympathisch sanftmütigen, stillen Helden, der nun mächtig ins Grübeln kommt, wer er eigentlich ist und wen er vielleicht vorgibt zu sein, um nicht aufzufallen, um sich anzupassen. Bücher und Filme wie der preisgekrönte Streifen „Rain Man“ prägen bis heute unser Bild von Menschen mit Autismus. Und das mache die Sache so schwierig, meint die Comic-Künstlerin Wiebke Bolduan: „Das war ja auch der Grund wahrscheinlich, warum ich selber nie darüber nachgedacht hab`, dass Autismus bei mir vielleicht in Frage käme, weil ich das selber auch total mit Klischeebildern verbunden habe.“ „Mir war es dann total wichtig, dass sich so die Perspektive auf das Thema Autismus erweitert und man versteht: Nee, Autismus ist sehr individuell als Erfahrung und fern ab all dieser Klischees, die so jahrelang Jahre lang, jahrzehntelang, stattgefunden haben“, berichtet die Autorin. KÜNSTLERISCH CLEVER „Planet Elmar“ ist allerdings nicht nur eine sehr persönliche, mutige Geschichte. Sie ist auch künstlerisch clever gemacht. Denn der Außenseiter Elmar hat sich schon in der Schule mit einem anderen Außenseiter angefreundet, mit dem lautstarken, Ton angebenden Perry, der sogar gewalttätig werden kann. Eine toxische Beziehung, die Elmar erst jetzt zu hinterfragen beginnt und die Wiebke Bolduan geschickt inszeniert: sie macht Perry zu einem erfolgreichen Schauspieler, der ständig in neue Rollen springt, um sich nicht mit seiner eigenen Schwäche und Verletzlichkeit auseinandersetzen zu müssen. Da begegnen sich also zwei, die ganz angestrengt darum bemüht sind, so zu tun, als ob sie jemand anders wären. Wenngleich aus ganz unterschiedlichen Gründen. Melancholisch-heiter hat Wiebke Bolduan ihren Comic um dieses immer noch viel zu wenig bekannte Feld Autismus gestrickt. Ein echter Gewinn.

Ayer - 6 min
Portada del episodio „Comic kann Türen öffnen“ – Barbara Yelin ist Deutschlands erste Comicprofessorin

„Comic kann Türen öffnen“ – Barbara Yelin ist Deutschlands erste Comicprofessorin

Comics als Schnittstelle zwischen den Künsten Der Studiengang sei gedacht als Masterstudiengang, der auch berufsbegleitend studiert werden kann. Zuerst aber müsse der Studiengang noch konzipiert werden. Barbara Yelin interessiere sich dabei besonders für Kollaborationsmöglichkeiten und Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Kunst: „Wie kann etwas künstlerisch ausdrücken, wo man vielleicht in anderen Formaten gar keine Worte hat? Comic ist eine sehr internationale Sprache. Sie ist auch eine Sprache, die tatsächlich sowohl junge Menschen erreicht, aber auch All-Age ist. Ich finde, dass es eine Form ist, die Türen aufmachen kann“, so Yelin. Dialogwerkzeug Comic Comic nennt Yelin ein Dialogwerkzeug, das es schafft Dinge und Atmosphärisches auszudrücken, was sonst schwer in Worte zu fassen sei: „Man kann mit dieser Kunstform eine dokumentarische Form schaffen, die ganz nah Geschichten erzählen kann und gleichzeitig nichts ausstellt und emotionale Vielschichtigkeit erzählen kann“, sagt Yelin.  Wenn sie im internationalen Raum Workshops gebe, dann merke sie, dass Bilder zu einer gemeinsamen Sprache werden.

Ayer - 13 min
Portada del episodio Hochstapler in Nizza: Walter Serners „Die Tigerin“

Hochstapler in Nizza: Walter Serners „Die Tigerin“

Ich bin Alexander Wasner, Kulturredakteur in Mainz und mir ist dieser Tage wieder ein Roman in die Hände gefallen, den ich mit Martini und Zigarette als mustergültige Happy-Hour-Lektüre in der Schulzeit zum ersten Mal und später im Studium noch häufiger gelesen habe. Walter Serners Tigerin ist ein schmaler Hochstaplerroman, es geht um ein Gaunerpaar, den vom Leben gelangweilten Fec und die scheinbar männermordende Bichette, die tricksend und mit beeindruckender Kondition Champagner-trinkend erst durch Paris, dann durch Nizza ziehen. Sie schmieden Komplotts, verkaufen ihre Körper, reden in einer Kunstsprache davon, dass sie sich maffeln wollen, dass sie Schnocks sind und so weiter, alles unverständlich und trotzdem versteht man: Ihre Liebe ist Sehnsucht und Machtkampf, also fast wie im bürgerlichen Alltag, nur schneller. Und ihr Leben ist dicht, intensiv, herausfordernd – und früh zu Ende. Wie gesagt, in der Schulzeit sah ungefähr so mein Traum aus vom großen wilden Leben. DAS GROSSE, WILDE LEBEN Und vielleicht war für mich in den ewigen Beziehungsaufarbeitungsdiskussionen der Unizeit auch faszinierend, in der Fec und Bichette in langen Gesprächen nach dem Ende ihrer Liebe voreinander stehen und beide behaupten: Sie hätten sozusagen sportlich versucht, dem jeweils anderen Gefühle zu entlocken. Die Geschichte ist ziemlich genau 100 Jahre alt. Walter Serner war ein Schriftsteller aus dem Dada-Umfeld in Berlin. Er starb wahrscheinlich 1942 im  Konzentrationslager Theresienstadt. In diesen Tagen wird in Prag eine Stolperstein-Plakette an seiner letzten Wohnadresse montiert. Das ist die Tragödie hinter dem hochgestimmten Happy-Hour-Roman „Die Tigerin“ von Walter Serner.

Ayer - 1 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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