Ein Augenblick der Schwäche
An mehreren Stellen dieses Buches möchte man dem Helden zurufen, doch bitte umzukehren, einen anderen Weg einzuschlagen, den vorherigen Fehlern nicht noch einen weiteren hinzuzufügen. Und zugleich hofft man inständig, dass sich der Schlamassel, in den er hineingeraten ist, zum Wohlgefallen aller auflösen möge.
Es ist der Kunst des Autors Dror Mishani [https://www.swr.de/kultur/literatur/dror-mishani-fenster-ohne-aussicht-100.html]zuzuschreiben, dass wir auf ganz unmittelbare Weise mit seinem Helden mitfiebern, sein Glück so hautnah empfinden, dass es die reinste Qual ist zu sehen, wie es ihm aus den Händen gleitet.
HINEIN IN PSYCHOLOGISCHE ABGRÜNDE
Einfach aber ist es nicht, seinen raffiniert konstruierten und ungewöhnlich erzählten Roman „Nicht“ zu würdigen, ohne seine Pointen und Wendepunkte preiszugeben, die zum Lesevergnügen wesentlich beitragen.
„Nicht“ ist zwar kein wirklicher Krimi – für seine Krimis um den Ermittler Avi Avraham wird der israelische Autor hoch gelobt –; aber doch ist es ein Buch, das in psychologische Abgründe führt und mit der Vertuschung eines Ereignisses zu tun hat, das zerstörerisches Potential birgt.
„All das, was du in einem Augenblick der Unachtsamkeit, oder Schwäche, verloren hast, begreifst du. Der Sack voller Geschenke war eine Illusion, Eli. Oder du hast dich getäuscht, und es war überhaupt kein Sack mit Geschenken, sondern eine Art von Wette. Ein Spiel.“
SELBSTGESPRÄCH, SELBSTBEZICHTIGUNG
Eli ist Anfang fünfzig, seit ein paar Jahren verwitwet. Als Übersetzer hat er sich auf Kriminalromane spezialisiert, aber er weiß: KI wird seiner Profession den Garaus machen.
Auch sonst sind seine Erwartungen düster: Seine Tochter, eine erfolgreiche Juristin, fühlt sich zwar mit dem Vater verbunden; sein Sohn aber hat sich nach dem Tod der Mutter von Eli abgewandt – die Gründe erscheinen ihm rätselhaft, und sie bleiben es bis zum Ende.
Elis Ahnung, dass in seinem Leben das Beste weit hinter ihm liegt, beherrscht seinen Alltag. Und dann wird diese Grundstimmung doch irritiert: Er lernt die etwas jüngere Cellistin Lia kennen. Lia verliebt sich; Eli verliebt sich.
HIER WIRD EINIGES SCHIEFGEHEN
Aber so wie die Geschichte erzählt wird, mit Vorausdeutungen und Zögerlichkeiten, in einem Selbstgespräch, das die Verwunderung über das Tun des eigenen Ich illustriert und eine Direktheit herstellt, weiß man doch rasch, dass hier einiges gewaltig schiefgehen wird.
„Wir kommen mit der Geschichte nicht recht voran, weil es Dinge gibt, die du aus Angst nicht erzählen willst, aber komm, lass uns das nicht länger aufschieben, das macht keinen Sinn“, schreibt Mishani.
„Wir werden ohnehin dazu kommen, denn das ist ja der Grund, warum wir uns hingesetzt haben, um es aufzuschreiben. Wir wollten doch die Wahrheit erzählen, oder nicht? Also los, lass uns auf unserem Weg dorthin keine Zeit mehr verlieren.“
EINE ZWICKMÜHLE
Was aus Angst nicht erzählt wird, soll hier auch nur angedeutet werden: Eli und Lia kommen sich immer näher. So nahe, dass sie ihn bittet, in seine Wohnung zu ziehen, auf ihren geliebten Hund Felix aufzupassen, während sie zu einem Auftritt ihres Streichquartetts nach Wien fliegt.
Ein bisschen nagt an ihm, dass der Leiter des Quartetts einst eine stürmische Affäre mit ihr hatte.
Das wird noch eine Rolle spielen. Lia ist also weg, er kümmert sich um den Hund, mit dem er sich anfreundet. Und dann geschieht ein Unglück mit dem Tier, und dieses zieht weitere nach sich: Es ist ein Drama antiken Ausmaßes, eine Situation, in der kein Handeln zu einem guten Ende führen kann. Eine Zwickmühle.
Eli entscheidet sich in seiner Panik für einen Weg, der unweigerlich Richtung Abgrund führt: Er verstrickt sich in ein Gespinst aus Lügen. Er kämpft verzweifelt um seine Liebe und gerät dabei in eine komplexe und immer aussichtslosere Situation, die ihm sonst nur aus den Büchern bekannt ist, die er übersetzt. Er muss alles dafür tun, nicht aufzufliegen.
Und so wird der Liebesroman „Nicht“ doch noch zu einem außergewöhnlichen Krimi, der sich tief auf die psychologischen Irrungen und Wirrungen eines verzweifelten „Liebestäters“ einlässt – und uns die Dynamik von gnadenlosem Zufall und fataler Intution vor Augen führt.