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Portada del episodio Was Familien über Generationen weitergeben

Was Familien über Generationen weitergeben

VOM VERSUCH, SELBSTBESTIMMT ZU LEBEN Zwischen den Frauen in Miriam Carbes Familie liegen Jahrzehnte – und doch ähneln sich ihre Leben erstaunlich. In ihrem Debütroman „Unerwünschte Töchter“ erzählt die Autorin von vier Frauengenerationen im 20. Jahrhundert: von Krieg, gesellschaftlicher Enge, sozialem Abstieg und dem Versuch, trotzdem ein selbstbestimmtes Leben zu führen. „DA MUSSTE ICH WAS DRAUS MACHEN“ Ausgangspunkt für den Roman waren hunderte Tagebücher ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Carbe verbindet autobiografisches Material mit Fiktion und fragt dabei auch, wie bestimmte Muster und Selbstbilder über Generationen weitergegeben werden – oft unbewusst. „DAS WAR DAMALS GANZ NORMAL“ Auch die Nachwirkungen nationalsozialistischen Denkens spielen im Gespräch eine Rolle. Miriam Carbe erzählt von einer Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre, in der rassistische Vorstellungen tief in der gesellschaftlichen Mitte verankert waren – und davon, wie sie diese Atmosphäre selbst noch als Kind erlebt hat. Hanser (576 Seiten, 26 Euro) ISBN 978-3-446-28742-6 28. Mai 2026

29 de may de 2026 - 6 min
Portada del episodio Tradwives und Frauenhass: Wie gut ist „Yesteryear“?

Tradwives und Frauenhass: Wie gut ist „Yesteryear“?

Natalie Heller Mills führt auf ihrer Ranch „Yesteryear“ das perfekte Leben – zumindest nach außen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Caleb und ihren fünf Kindern verkauft sie auf Social Media das Bild der idealen Tradwife [https://www.swr.de/kultur/gesellschaft/tradwives-haushalt-klischee-soziale-medien-100.html]. Niemand soll wissen, dass hinter der perfekten Fassade eine Produzentin, sowie Nannys und Farmarbeiter stehen. Doch eines Tages wacht Natalie plötzlich in einer Vergangenheit auf, in der all das nicht existiert. Statt eines inszenierten Familienlebens erwartet sie nun harte Farmarbeit im Jahr 1855 - gemeinsam mit Kindern, die angeblich ihre eigenen sind, und einem Mann, den sie geheiratet haben soll. Wie Natalie dort gelandet ist, bleibt zunächst unklar. > Das ist mein Zuhause. Das ist nicht mein Zuhause. Ich sehe meine Küche, die gleichzeitig nicht meine Küche ist. > > > Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear DIE VERGANGENHEIT ERZÄHLT DIE BESSERE GESCHICHTE Der eigentliche Reiz von „Yesteryear“ liegt jedoch nicht im Zeitsprung selbst, sondern in Natalies Innenleben. Kapitelweise springt der Roman zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her und zeigt, wie Natalie seit ihrer Collegezeit immer tiefer in ein konservatives Rollenbild hineinrutscht. Dabei wird schnell klar: Hinter der perfekten Fassade steckt weniger das Ideal der gehorsamen Hausfrau als der Wunsch nach Kontrolle. Natalie möchte nicht nur das Bild der idealen Christin und Mutter aufrechterhalten, sondern vor allem die Kontrolle über ihr eigenes Leben behalten. Besonders ihre eigene Mutter prägt dieses Denken früh. Natalie soll sich vorstellen, ständig beobachtet zu werden. Diese Haltung erklärt ihre paranoide Art und ihre Angst davor, als Frau zu versagen. EIN TROTTEL ALS EHEMANN Auch ihre Ehe mit Caleb hat wenig mit dem traditionellen Ideal zu tun, das Natalie ihren Fans im Netz verkauft. Obwohl sie sich als gehorsame Hausfrau inszeniert, gibt sie in der Ehe den Ton an. Sie redet Caleb seinen Wunsch aus, Kindergärtner zu werden, weil der Beruf nicht „männlich“ genug sei, und begegnet ihm immer wieder mit offener Verachtung. > In diesem Moment verstand ich, dass mein Ehemann wirklich und wahrhaftig ein Trottel war. > > > Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear Und: > In jeder Ehe kommt irgendwann der Tag, an dem man als Frau feststellt, dass man einen Freak geheiratet hat. > > > Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear KEINE BILDERBUCHCHRISTIN Natalie wirkt oft wie eine Frau, die sich in ein Leben hineingezwungen hat, das sie eigentlich gar nicht führen möchte. Genau darin liegt die größte Stärke des Romans: „Yesteryear“ entlarvt das perfekt inszenierte Tradwife-Leben als fragile Selbsttäuschung. Caro Claire Burke zeichnet dabei bewusst eine ambivalente Hauptfigur. Natalie ist keine perfekte Christin und blüht nicht in ihrer Mutterrolle auf. Sie ist zynisch, passiv-aggressiv und urteilt ständig über andere Frauen. Schon während ihrer Collegezeit fragt sie sich: > Warum hassen moderne Frauen Männer so sehr? Warum hassen moderne Frauen Kinder so sehr? Warum hassen moderne Frauen sich selbst so sehr? > > > Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear Besonders die sogenannten „wütenden Weiber“, Frauen, die ihren Content kritisieren, nimmt Natalie immer wieder ins Visier. FRAUEN KÖNNEN NICHT GEWINNEN Trotzdem bleibt der Roman nicht bei einer simplen Kritik konservativer Rollenbilder stehen. Denn auch die Gegenseite wirkt nicht glücklicher. Frauen wie Natalies frühere Kommilitonin Reena kämpfen mit Überarbeitung, emotionaler Erschöpfung und fehlender Anerkennung. Egal ob „Karrierefrau“ oder „Tradwife“: Keine der Frauen scheint wirklich zufrieden zu sein. Natalie bringt diese Erkenntnis selbst auf den Punkt: > Amerika hasst Frauen. Wie tröstlich, sich diese Tatsache ins Gedächtnis zu rufen. > > > Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear Mit diesem Satz offenbart sich der eigentliche Kern des Romans. „Yesteryear“ erzählt weniger von Nostalgie als von gesellschaftlichem Druck und unerfüllbaren Erwartungen an Frauen und Mütter. GESELLSCHAFTSKRITIK HINTER DER SATIRE Nebenbei streift das Buch weitere aktuelle Themen wie Missbrauch, konservative Politik und die sogenannte „Manosphere“. Diese Aspekte bleiben eher im Hintergrund, verleihen dem Roman aber zusätzliche gesellschaftliche Schärfe. Caro Claire Burke schreibt bildhaft und nah an Natalies Gedankenwelt. Die zynische, oft ironische Erzählstimme macht den Roman zudem unterhaltsam. Trotz der überspitzten Protagonistin bleibt der Roman sprachlich glaubwürdig und lässt zwischen den Zeilen viel Raum für eigene Interpretationen und Widersprüche. STARKES DEBÜT UND KOMMENDE VERFILMUNG „Yesteryear“ ist kein angenehmes Buch. Viele Passagen provozieren bewusst, manche Aussagen der Protagonistin sind schwer erträglich. Trotzdem entwickelt der Roman eine unangenehme Sogwirkung. Mit Natalie Heller Mills hat Caro Claire Burke eine Hauptfigur geschaffen, die gleichzeitig bemitleidenswert und abstoßend ist. Dass sich die Schauspielerin Anne Hathaway bereits vor Veröffentlichung des Buches die Filmrechte gesichert hat, überrascht deshalb kaum. Die Mischung aus Satire, psychologischem Drama und Gesellschaftskritik bietet genügend Stoff für eine ebenso verstörende wie faszinierende Verfilmung.

29 de may de 2026 - 5 min
Portada del episodio Aufwachsen zwischen Atari und Gewalt: Anthony Passerons Roman „Jacky“

Aufwachsen zwischen Atari und Gewalt: Anthony Passerons Roman „Jacky“

Autoren früherer Generationen hätten die Geschichte ihrer Jugend über ihre Lektüren erzählt. Welche Bücher waren in welchem Alter wichtig, was haben sie in ihnen ausgelöst, und so weiter. Anthony Passeron, Jahrgang 1983, macht es anders. Sein zweiter autofiktionaler Roman „Jacky“ folgt den Computerspielen, die seine Kindheit strukturierten und die ihm so etwas wie Halt und ein Zuhause gaben. Die drei Kapitel des Romans heißen nach den jeweils vorherrschenden Geräten der Jahre 1989 bis 1995: Atari, Nintendo und Sega Mega Drive. Die Namen sind Verheißungen. Sie stehen für all die Erfahrungen, die damit möglich waren. > Die Computerspiele boten eine Wirklichkeit, die beruhigender, beständiger und oft verständlicher war als die der Erwachsenen. Sie fügten meinem Leben einen neuen Ort, eine zusätzliche Dimension, ein anderes Verhältnis zu Zeit und Raum hinzu. > > > Quelle: Anthony Passeron - Jacky Passeron spricht über Computerspiele, als handle es sich dabei um Literatur. Auch diese Spiele erzählen Geschichten, entwerfen fantastische Welten und verlangen Fantasie, Geschick und Neugier. Kein Wunder, dass Passeron die Entwickler als Autoren betrachtet, wenn er ihre biografischen Hintergründe in seine Kindheitsgeschichte einbaut, um die Entstehung ihrer Werke nachvollziehbar zu machen. ÖFFNUNG EINER ENGEN WELT Passeron wuchs in einem alpinen Bergdorf im Hinterland von Nizza auf, in einer ländlichen, abgeschiedenen Gegend, deren alte Ordnung unter dem Druck der kapitalistischen Moderne zerbricht.  Zur Öffnung und Veränderung trugen nicht zuletzt auch die Computerspiele bei, deren kalifornische und japanische Weltentwürfe in die südfranzösische Tristesse eindringen. „Seit Generationen kamen wir hier zur Welt. Alle stammten wir aus demselben Unterleib, aus den Eingeweiden dieser engen Täler, die die Berge zerfurchen. Jahrhundertelang waren wir auf uns allein gestellt, von der Welt abgeschnitten.“ > Als die Straßen und die Eisenbahn von der Küste kamen, geriet etwas ins Rutschen. Zum ersten Mal in unserer Geschichte gab es ein Anderswo. Damit ging eine Welt unter, ein Land, das schon bald seine Kinder fortziehen sah. > > > Quelle: Anthony Passeron - Jacky Vom Fortgehen handelte schon Passerons gefeiertes Debüt „Die Schlafenden“. Darin erzählte er vom Bruder seines Vaters, der nach Amsterdam ging, heroinsüchtig wurde und an einer Überdosis starb. Auch in „Jacky“ spielt dieser Onkel eine Rolle, aber er ist nicht der einzige Todesfall in der Familie. Die neue Zeit zerstört die dörflichen Strukturen. Mit den Einkaufszentren an der Küste können die lokalen Geschäfte nicht mithalten. Auch die Metzgerei des Vaters, seit Generationen ein Familienbetrieb, geht unter; der Vater arbeitet in der Fleischfabrik und zerstört mit seiner wachsenden Aggressivität die Familie. VOM VATER VERJAGT „Jacky“ ist der Name, den der Vater sich gab, ohne zu wissen, dass das für Städter ein Synonym für Hinterwäldler ist, die in alten Schrottkarren mit seltsamer Technik herumfahren. Passeron war zwölf Jahre alt, als sein Vater die Familie verließ, um mit einer minderjährigen Geliebten ein neues Leben zu beginnen. Am Ende der Erinnerungen steht der Schock, vom Vater aus dessen neuer Wohnung verjagt zu werden. Am Anfang dagegen die Szene, in der Anthony seinen Atari und sein Skateboard bei einem Trödler entdeckt. Anthonys schweigsamer Zwillingsbruder rafft sich da zu einem seiner seltenen Sätze auf, der sein Schweigen endgültig werden zu lassen droht: > Mit dem rede ich kein Wort mehr. > > > Quelle: Anthony Passeron - Jacky Den Schmerz des Verlassenseins bearbeitet Passeron mit nüchternem, soziologischem Interesse. Das erinnert an Édouard Louis [https://www.swr.de/kultur/literatur/edouard-louis-der-absturz-100.html], einen anderen französischen Autor, der mit seinen äußerst erfolgreichen autofiktionalen Büchern der eigenen Herkunft aus sozial prekären, provinziellen Verhältnissen nachspürt – eine literarische Tradition, die in der Nachfolge von Annie Ernaux [https://www.swr.de/kultur/literatur/annie-ernaux-ich-komme-nicht-aus-der-dunkelheit-raus-100.html] in Frankreich besonders wirkungsmächtig ist. ALTE VORSTELLUNG VON MÄNNLICHKEIT Passeron neigt ebenso wenig wie Louis dazu, die Dorfwelt als Gegenbild zur Moderne zu verklären. Dazu war sie viel zu gewalttätig. Passeron und sein Zwillingsbruder hatten darunter besonders zu leiden, weil sie nicht sportlich und nicht kräftig waren und sich, zum Leidwesen ihres Metzger-Vaters, gegen Angriffe nicht wehren wollten. Der Vater steht für eine alte, brutale Vorstellung von Männlichkeit, in der bloß Stärke zählt, in der man über Gefühle nicht spricht und in der das Wort „Schwuchtel“ die größtmögliche Beleidigung bedeutet. Nichts Schlimmeres für Anthony und seinen Bruder, als das Handballtraining, das darin gipfelt, die Schwächsten in der Kabine zu quälen. Was für eine Befreiung, von dort zu den Computerspielen zurückkehren zu dürfen. Zwar werden dort auch Feinde zerstückelt und verbrannt, doch das bleibt virtuell und hinterlässt keine blauen Flecken. EIN SCHWARZER PLASTIKKASTEN ALS ZUFLUCHT „Meine Eltern gaben es schließlich auf. Wir durften wieder mit unserem Sega Mega Drive alles hinter uns lassen. Nur bei ihm konnten wir dieses Dorf vergessen, diese winzige Gemeinschaft, in der man sich nur durch rohe Gewalt behaupten konnte.“ > Nichts schien dieses Gesetz aufheben zu können. Nichts außer diesem schwarzen Plastikkasten aus Japan. > > > Quelle: Anthony Passeron - Jacky „Jacky“ ist ein stiller, trauriger Roman, in dem der Lärm der Computerspiele den einzigen Trost- und Fluchtraum bildet. Die Idee, die Chronik ihrer technologischen Entwicklung mit biographischen Abschnitten zu verknüpfen, funktioniert deshalb so gut, weil es in diesem Fall tatsächlich zusammengehört und die radikale historische Umwälzung begreiflich macht. „Jacky“ ist eine so schlichte wie kluge und eindrucksvolle Coming-of-Age-Geschichte, die zeigt, wie technische Objekte zu Begleitern und Mitspielern sozialer Umbrüche werden.

29 de may de 2026 - 6 min
Portada del episodio Das geniale Früchtchen: Gaëlle Bélems zweiter Roman „Die seltenste Frucht“

Das geniale Früchtchen: Gaëlle Bélems zweiter Roman „Die seltenste Frucht“

Montezuma soll täglich zwanzig Tassen Kakao getrunken haben, verfeinert mit Vanille, um sich fit zu halten für seine zahlreichen Ehefrauen. Bekanntlich wurden der Aztekenherrscher und dessen Volk vom spanischen Conquistador Cortés 1520 niedergemetzelt. Der nahm die Vanillepflanze mit nach Hause und versprach sich ein Vermögen vom Anbau. Wie es so läuft im Kolonialismus. In Europa und später in den Kolonien wuchsen die Pflanzen zwar wie Unkraut, blühten reichlich, trugen aber keine Früchte, aus denen die dunklen, duftenden Vanille-Schoten ja erst gewonnen werden. Zur Befruchtung fehlte jene Kleinbiene, die in Mexiko den Job machte. EIN ZWÖLFJÄHRIGER, BESESSEN VOM GEHEIMNIS DER VANILLE Mehr als 300 Jahre später gelingt auf der Île de Bourbon vor der Küste Afrikas – dem heutigen La Réunion – 1841 erstmals die künstliche Bestäubung der empfindlichen Vanilleblüten im großen Stil. Und entwickelt hat dieses Verfahren nicht etwa ein berühmter weißer Botaniker, sondern ein zwölfjähriger Schwarzer Junge namens Edmond, Kind mosambikanischer Sklaven und Schützling des französischen Kolonisten Ferréol. Der, selbst ein besessener Orchideenzüchter, hatte dem kleinen Edmond wieder und wieder von dieser sagenhaften „seltensten Frucht“ erzählt: > Der Geschichte der Vanille, von den aztekischen Wäldern über Gibraltar und die Weiten Andalusiens bis nach Bellevue, lauscht Edmond, seit er vier Jahre und sieben Monate alt ist und mehrere Zyklone erlebt hat, mit offenem Mund. [...] > > > Quelle: Gaëlle Bélem - Die seltenste Frucht „So kommt es, dass er von der Vanille besessen ist, süchtig ist nach einer verwaisten Liane, die zwischen vier kleinen Holzbrettern um den halben Globus gereist ist. Edmond entbrennt so sehr für diese Orchideengeschichte, dass er derjenige sein will, der ihr Geheimnis lüftet. [...] Ferréol, der viel redet, aber nicht mehr zuhört, bemerkt den Sturm nicht, der sich unter dem Schädel seines kleinen kreolischen Linné zusammenbraut, der nun selbst nach der seltensten Frucht sucht.“ MIT LIEBE ZUR FIGUR Diesen Edmond, der sich nach dem Ende der Sklaverei den Nachnamen „Albius“ gab, lässt die Schriftstellerin Gaëlle Bélem, geboren 1984 auf La Réunion, wo sie heute wieder lebt und arbeitet, in ihrer Romanbiografie „Die seltenste Frucht“ mit spürbarer Liebe zu ihrer Figur wieder lebendig werden. Sie zitiert aus zeitgenössischen Briefen und Berichten und ergänzt die Lücken in diesen Dokumenten eines Zeitalters, das von versklavten Menschen in der Regel wenig Notiz nahm, mit überzeugender Fabulierfreude. So wird der eigensinnige Charme des kleinen Edmond genauso anschaulich wie die Illusionslosigkeit, die Melancholie des Erwachsenen, der von seiner großen Entdeckung letztlich nichts hatte – außer ein paar Monaten flüchtigen regionalen Ruhms, während er den Pflanzern sein Befruchtungsverfahren beibrachte. Dabei profitierte vom Boom der Vanille die ganze Insel, die Großgrundbesitzer, die „Gros Blancs“, ebenso wie die verarmten Kolonisten, die „Petit Blancs“, und selbst die in Asien angeworbenen Arbeitsmigranten. Edmond Albius hingegen landete wegen der Verwicklung in einen Diebstahl für Jahre im Gefängnis. Eine Belohnung für seine Verdienste erhielt er nie und starb 1880, fünf Jahre nach dem frühen Tod seiner jungen Frau, gerade fünfzig und völlig mittellos.   DER EINZELNE UND DIE VERHÄLTNISSE – UND DER KOLONIALISMUS Albius‘ wechselvolle und traurig endende Lebensgeschichte macht Gaëlle Bélem zum Lehrstück über die absurde Macht der Verhältnisse, gegen die das individuelle Streben, und sei es noch so ambitioniert, keine Chance hat. Zum historischen Roman wird das Buch, indem sie darin wichtige Kapitel der französischen Kolonialgeschichte aufblättert. Diese Geschichte erzählt sie in den Geschichten Einzelner: in den Geschicken der Vorfahren von Edmonds Mentor Ferréol oder der Geschichte von Edmonds Schwiegervater, einem Mann aus dem französisch kolonisierten Teil Südindiens, der als billige Arbeitskraft auf die Insel gekommen war. „Auf seiner neuen Insel unterschrieb er einen Sechsjahreskontrakt und tauschte Koromandel gegen das Camp der Malabars, einen Stadtteil von Saint-Denis zwischen der Rue Labourdonnais und dem Meer.“ > Dort lebten Steineklopfer, Ziegelbrenner, Korbflechter, Silberschmiede und Bootsbauer. Für sie alle waren Karaikal, Bengalen und die Stadt Daman nur noch eine in Tränen und Blut getränkte Vergangenheit. > > > Quelle: Gaëlle Bélem - Die seltenste Frucht > Die Desbassayns und andere Großgrundbesitzer taten sich zusammen. Sie warben eine Menge Inder an, die mit der Hacke umzugehen wussten, bauten für sie Tempel und vergaben Großaufträge: dreihundert Kilo Reis, rund fünfzig Trommeln und maalais, Blumengirlanden in Mosaikfarben. > > > Quelle: Gaëlle Bélem - Die seltenste Frucht „Sodann fünfunddreißig Paar Ohrstöpsel für die vier Tage im Januar, an denen das Pongal-Fest stattfinden und das Gesinde Le Barachois mit Tamil Nadu verwechseln würde.“ Solche Exkurse geschehen nur scheinbar nebenbei. Gaëlle Bélem, die als Lehrerin für Latein, Geschichte und Geografie arbeitet, ist eine gewiefte, effektsichere Erzählerin, die unterschiedlichste Stilmittel in einem überzeugenden Erzählkonstrukt verbindet. DER SCHMERZENSMANN UND DIE DERBE KOMIK Mit einem Hauch von magischem Realismus schildert sie die Atmosphäre im Haus des verbitterten Witwers Ferréol, bevor sein Sonnenschein Edmond in sein Leben tritt, die schimmelnden Tapeten und spukenden Toten. Ausdrücke und Phrasen aus dem Réunion-Kreolisch stehen neben Sentenzen in der Tradition der moralischen Erzählung. In der Manier der Klassiker versieht sie Edmond, seinem lebhaft-unbekümmerten Kindheitstemperament zum Trotz, von Anfang an mit Attributen des Schmerzensmanns, doch die Vorausdeutungen auf tragische Entwicklungen, die so erzeugte Erwartung erhabener Ereignisse bricht sie mit Komik, ja Derbheit. Selbst im Augenblick des größten Triumphs: „Angesichts all dieser Menschen, die, den Mund halb offen, in gespannter Erwartung zu ihm aufsehen, fühlt Edmond, wie ihm die Flügel des Ikarus wachsen. Sie werden ihn bis zur Sonne tragen. [...] Mit einem Mal kommt er ins Grübeln. Mit einem Mal verlässt ihn der Mut. Mit einem Mal bricht er zusammen. > Er ist Schwarz, er ist arm, er ist Waise und ... Scheiß drauf! > > > Quelle: Gaëlle Bélem - Die seltenste Frucht Gaëlle Bélem ist ein spannender, sinnlicher, lehrreicher und auf jeder Seite lesenswerter Roman über eine der großen Ungerechtigkeiten in der Geschichte menschlicher Entdeckungen gelungen. Diese kreolische Erzählstimme wird noch viele Leserherzen in aller Welt erobern.

29 de may de 2026 - 6 min
Soy muy de podcasts. Mientras hago la cama, mientras recojo la casa, mientras trabajo… Y en Podimo encuentro podcast que me encantan. De emprendimiento, de salid, de humor… De lo que quiera! Estoy encantada 👍
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