Verfall der amerikanischen Kleinstadtfamilie: Madeline Cash und ihr satirisches Romandebüt „Verlorene Schäfchen“
Bei der Familie Flynn ist alles aus dem Gleis geraten: nach 25 Ehejahren und drei eigenwilligen Töchtern im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren, möchte Mutter Catherine – frustriert von Buds sexueller und emotionaler Apathie – die Ehe öffnen und eine Affäre mit dem Nachbarn beginnen.
Vater Bud, früher ein Musiker und nun Buchhalter in einem dubiosen Schiffscargounternehmen, zieht daraufhin vors Haus in den Minivan und überlegt, sich das Leben zu nehmen.
> Bud Flynn schluckte vier Trizoletin, die er im Zimmer seiner Tochter gefunden hatte, masturbierte in ein Geschirrtuch und bereitete sich darauf vor, den Minivan ins Meer zu steuern.
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> Quelle: Madeline Cash – Verlorene Schäfchen
„Auf dem Beifahrersitz türmte sich ein Schrein aus internationalen Take-Away-Packungen. Buds Blick fiel in den Rückspiegel und auf den Heiligenschein seines Haarausfalls; er hatte das Gesicht eines Mannes, der seit mehreren Legislaturperioden nicht mehr cool war. Im Gegensatz zu seinem maroden Äußeren lief das Innere seines Körpers noch so rund wie der Motor eines deutschen Autos.“
Krise der US-amerikanischen Gesellschaft
Der Verfall der familiären Beziehungen spiegelt sich auch in dem Zustand des Hauses, in dessen Badezimmern der Schimmel wuchert und in dem sich Berge von Wäsche, Müll und anderen Gerätschaften türmen. Mit seinem verwahrlosten Chaos wirkt das Haus fast wie eine Metapher für die gegenwärtige US-amerikanische Gesellschaft.
Die Töchter reagieren auf die Krise der Erwachsenen auf ihre jeweils eigene Art. Die Jüngste Harper, ist hochbegabt und spürt in den Arbeitsakten ihres Vaters kriminelle Ungereimtheiten des Konzerns auf.
Die Mittlere, Louise, lässt sich in einem Internetforum von einem fundamentalistischen Terroristen zum Bau von Bomben anleiten und die schöne Abigail, die Älteste, datet einen schweigsamen jungen Mann, der unter dem Namen „Kriegsverbrecher-Wes“ bekannt ist.
AFFÄRE UND SPURENSUCHE
Schließlich fängt Bud eine Affäre mit der unscheinbaren und deutlich älteren Miss Winkle aus der Kirchengruppe „Verlorene Schäfchen“ an und begibt sich auf die Spur von Paul Alabaster. Der ist nicht nur sein Arbeitgeber, sondern auch ortsansässiger Tech-Milliardär mit einem dunklen Geheimnis:
„Mr. Alabaster tätschelte seinen Computer. ‚Ich habe mir meinen eigenen Namen gemacht und meine eigene Dynastie aufgebaut. Kontrolliere das Handeln der Menschen, und du bist ein König. Kontrolliere ihr Denken und du bist Gott.‘ Bud sah sich seinen Gastgeber an, einen sehr mächtigen Mann mit sehr tief sitzenden Daddy-Issues.“
„Als Kind hatte Bud sich häufig vorgestellt, wie Gott in seiner menschlichen Inkarnation aussehen würde. Auf jeden Fall nicht wie Paul Alabaster. ‚Was schmuggeln Sie?‘ flüsterte Bud“, endet die Passage.
Im Laufe des Romans verdichtet sich die Erzählung immer mehr zu einer grotesken Detektivgeschichte. Alabaster pflegt nämlich eine Unsterblichkeitstheorie, nach der das Trinken von Kinderblut zu ewiger Jugend führen soll – Bud ist einem Menschenhandel auf die Spur gekommen.
Schließlich kommt es nach einer Zeremonie in Alabasters Villa zum Showdown – mit deutlichen Anleihen aus Stanley Kubricks Film Eyes Wide Shut. Abigail muss gerettet werden, denn auch sie ist Opfer von Alabaster geworden.
GEHEIMNISSE DER TECH-ELITE
„Der Schlauch färbte sich rot. Abigail wimmerte erschöpft. Paul Alabaster nahm zwei Kristallkelche aus dem unteren Fach des Barwagens. Als der Beutel voll war, zog Dolt den Schlauch ab und füllte den Inhalt in die Kelche, bis sie randvoll waren.“
> Paul Alabaster murmelte weiter unverständliches Zeug, und dann hoben die Männer die Kelche. Sie kippten das Blut wie Schnaps hinunter, ein roter Ring um ihre Lippen.
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> Quelle: Madeline Cash – Verlorene Schäfchen
Die abgedrehte Handlung, die Madeline Cash zeichnet, hat die postmodernen Romane von Thomas Pynchon [https://www.swr.de/kultur/literatur/who-the-fuck-is-thomas-pynchon-der-bekannte-unbekannte-schriftsteller-und-autor-100.html] oder David Forster Wallace zum Vorbild, das liest sich deutlich heraus. In ihnen kamen die bitteren Absurditäten der ausgehöhlten Konsum- und Entertainment-Gesellschaft zum Vorschein.
Doch die vielen Popkultur-Zitate in „Verlorene Schäfchen“, die metafiktionalen Konstruktionen zu Glauben und Kapitalismus sowie die übertriebenen und gleichzeitig stereotypen Charaktere, geraten hier in einen zunehmenden Strudel aus Banalitäten, Verschwörungsnarrativen und Vorhersagbarkeit.
Fehlende Originalität trotz literarischem Spieltrieb
Das Buch liest sich durch die komischen Dialoge zwar süffig als Unterhaltungsliteratur, doch die Frage bleibt, warum Madeline Cash sich in ihrer literarischen Kritik von Superreichen ausgerechnet auf jahrhundertealte Legenden von angeblichen Blutritualen beziehen muss.
Denn zunehmend findet man sich im Roman in einem Weltbild wie dem von Xavier Naidoo wieder. Diese Realitätsferne wird dem Anspruch eines gegenwärtigen Gesellschaftsporträts wohl kaum gerecht. So ist dem exzessiven Spieltrieb der „Verlorenen Schäfchen“ ausgerechnet die Originalität abhandengekommen.