Zorniger Trip durch Putins Reich
Die Schlüsselfigur von Viktor Jerofejews großem Rundblick auf die russischen Verhältnisse der Gegenwart heißt „Pontschik“, was auf russisch Krapfen bedeutet. Gemeint ist natürlich Putin. Da heißt es:
„Schauen wir uns den Charakter von Pontschik an. Pontschik kann nicht leben ohne Feinde und ihre Entlarvung. Das kommt bei ihm aus der Kindheit, die schmerzlich, arm und voller Kränkung und Verhöhnung war. Er ist mehr Produkt seiner Kindheit als Zögling und Offizier des KGB.“
DER WEG IN DIE NEUE BARBAREI
Es ist offensichtlich: Jerofejew liebt die karikierende, mal satirische, mal groteske Überzeichnung. Thematisch jedoch ist das vor allem ein Buch über die Frage, wie Russland auf den Weg in die titelgebende „Neue Barbarei“ geraten konnte.
Es geht um Schuld, Nationalcharakter, politische Verbrechen, historische Lasten und den Überfall auf die Ukraine.
Doch Jerofejew nutzt die essayistische Darstellung, die sich für eine solche Fragestellung anbietet, nur gelegentlich. Stattdessen hat er sich um eine freiere Form bemüht. Er nennt sie im Untertitel „Romanfantasie über die russische Schuld“.
Wie sieht das aus? Das wesentliche Kunstmittel, durch das der Autor seinen Argumentationen narrative Bildhaftigkeit verleiht, ist der Einsatz allegorischer Figuren, indem er etwa die russische Schuld in Gestalt einer jungen Frau personifiziert. Und mehr noch:
> Ich heirate. Ich heirate die russische Schuld. In unserem Land kann man nicht nur Menschen heiraten, sondern auch Begriffe, abstrakte Gedanken, Utopien und obszöne Wörter.
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> Quelle: Viktor Jerofejew – Die neue Barbarei
RUSSISCHE GESCHICHTE UND GEGENWART
An der Seite dieser Ehefrau durchquert der Ich-Erzähler in 140 locker verbundenen Kapiteln eine zwischen Realismus und Phantastik changierende Landschaft von russischer Geschichte und Gegenwart.
In Dialogform mit verteilten Rollen ergreifen historische und allegorische Figuren das Wort, die allerdings nur als Sprechblasen in Erscheinung treten:
Hannah Arendt [https://www.swr.de/kultur/literatur/50-todestag-hannah-arendt-streitlustige-mutige-denkerin-100.html], Karl Jaspers, Thomas Mann [https://www.swr.de/kultur/literatur/thomas-mann-katia-mann-liebes-fraeulein-herz-102.html] zum Beispiel, oder Dostojewski und Turgenjew, aber auch zeitgenössische Minister, russische Volkstypen, ein Drohnenpilot, sogar die Vernunft persönlich.
Ein Museumsleiter mit dem sprechenden Namen Leckomio exponiert die moralische Dickfelligkeit, die Jerofejew dem russischen Volkscharakter zuschreibt.
VIEL ZORN, GRAM UND SPOTT
Das Buch quillt über von historischen Schlaglichtern, Anekdoten, persönlichen Reminiszenzen und Reflexionen, immer wieder zugespitzt durch satirische Obertöne, groteske Szenen, fulminante Anklagen. Ein Fazit ist dieses:
„Was also ist die Barbarei des 21. Jahrhunderts, die in meinem Land den Sieg davongetragen hat? In erster Linie bedeutet sie das vollständige Ersetzen von Gerechtigkeit durch den Kult der Stärke. Pontschik wird getrieben von einem primitiven menschlichen Siegerinstinkt. Das ist toxisch.“
Trotz solcher klaren Ansagen gerät der Erkenntnisgewinn im Hin und Her zwischen kritischer Darstellung, fiktionalen Elementen und karikierender Überzeichnung nicht selten unter die Räder. Gewiss: Jerofejew hat sich damit offenbar viel Zorn, Gram und Spott von der Seele geschrieben.
Darin steckt einiges an Gegenwehr gegen die Macht der faktischen Tyrannei. Aber gleichwohl ist der Nutzen, den sein Lesepublikum daraus ziehen kann, wohl nicht immer ganz so groß wie für ihn selbst.