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Schuld ist „die Welt“: Merz‘ politische Bankrotterklärung am Tag der offenen Tür im Bundeskanzleramt

6 min · 22. kesä 2026
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Kuvaus

Wer verstehen will, wie inhaltsleer und desolat zugleich die deutsche Politik ist, sollte sich ein gerade von Friedrich Merz veröffentlichtes Video [https://x.com/bundeskanzler/status/2068750751099126181] anschauen. Der Ausschnitt des vom Bundeskanzler auf der Plattform X veröffentlichten Videos geht 1 Minute und 29 Sekunden und stammt vom „Tag der offenen Tür“, der am Sonntag im Bundeskanzleramt stattfand. Leerformeln bauen auf Verharmlosungen und von auch nur halbwegs vernünftigen Ursachenanalysen fehlt jede Spur. Da gibt es eine „Welt“ und eine „Industrie“, die sich „verändern“ – ganz so, als ob Politiker und weitere konkret benennbare Personen nicht für diese Veränderungen verantwortlich wären. Merz liefert politische Dampfplauderei – substanzlos, aber zugleich gefährlich. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. „Reformen“ – die will der Bundeskanzler. Da sagt er gleich zu Beginn des Videoausschnitts. Und dann kündigt Merz an, was dazu notwendig ist: Der Erklär-Bär soll bei den Bürgern anklopfen. > Wir müssen der Bevölkerung erklären, dass Reformen kein Selbstzweck sind. Das machen wir ja nicht, weil wir Spaß daran haben, jetzt Dinge zu verändern. Sondern Veränderungen sind notwendig, damit vieles so bleiben kann, wie es ist. Während Merz – da sitzend im weißen Hemd und mit bedächtiger Mimik – diese Sätze spricht, tut er so, als würde er gerade als Wissender Unwissenden die Welt erklären. Doch die große, klaffende Lücke zwischen Auftreten, Sprechweise und dem inhaltlich Gelieferten ist offensichtlich. Da will einer „Reformen“ und erweckt den Eindruck, dass er nur Getriebener (Opfer) einer äußeren Entwicklung ist. Schamlos aber verschweigt der Kanzler, dass notwendige Reformen nun auf jenem Misthaufen gebaut werden sollen, für den er selbst, seine Regierung, aber auch die Vorgängerregierungen verantwortlich sind. Da sagt Merz: „Wir leben in einer Welt, die sich drastisch verändert um uns herum“. Er redet von „unserer Wirtschaft“, die „in vielerlei Hinsicht erheblich gefährdet“ sei, er spricht von „zehn- bis fünfzehntausend Industriearbeitsplätzen pro Monat“, die wir „verlieren“, und von einer „Industrie“, die sich im Augenblick „verändert“. In Merz‘ „Analyse“ hat „die Welt“ schuld – weil diese sich nun mal angeblich verändere. In Merz‘ Betrachtung verändere sich auch die Industrie, ganz so wie die Welt – als ob „die Welt“ oder „die Industrie“ etwa für dreckige geopolitische Entscheidungen der Politik oder für die Digitalisierung verantwortlich wären. Geradezu unverschämt mutet es an, wenn Merz die Schuld im Hinblick auf den industriellen Niedergang Deutschlands auf äußere Bedingungen schiebt – ganz so, als habe „die Welt“ den Atomausstieg Deutschlands verursacht, ganz so, als sei „die Welt“ für die Abkehr vom preisgünstigen russischen Gas verantwortlich. Merz‘ Lösung: > „Und deshalb diskutieren wir in Europa sehr intensiv, wie wir uns als Europäer besser aufstellen können. Aber wir diskutieren auch in der Bundesregierung sehr intensiv, wie wir Probleme lösen können.“ In Anbetracht solcher Aussagen taucht vor dem geistigen Auge eine bekannte Reaktion des französischen Schauspielers Louis de Funes auf: Nein? Doch! Oh! [https://www.youtube.com/watch?v=OL8Eh2XLp80] Merz ist seit über einem Jahr Bundeskanzler. Und das ist, was er der Öffentlichkeit zu präsentieren hat? Was wir hier sehen, ist politische Dampfplauderei – von jener Person, die am Steuerungsrad der Republik steht. Und genau deshalb ist das Auftreten Merz‘ gefährlich. Deutschland steht vor gewaltigen, politisch verursachten Problemen. Und dann steht da ein Mann, der nicht im Ansatz die Probleme zu begreifen scheint – oder die Probleme vielleicht doch begreift, aber die Öffentlichkeit über die eigene Verantwortlichkeit hinwegtäuschen will. Titelfoto: Screenshot Video Merz[http://vg07.met.vgwort.de/na/bf0e1a783fc947e18934b6062e9ad90a]

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jakson Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (26) kansikuva

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (26)

„Ein schickes Mercedes-Cabrio nahm mich mit, und am Steuer saß der UFA-Star Josef Sieber (Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!). Er war in Luftwaffenuniform. Aber ich glaube, dass es sich bei der Uniform um ein Kostüm handelte, denn er war, wie er mir sagte, auf dem Weg zu den Studios in Babelsberg. Mit seiner berühmten sonoren Stimme brüllte er mir im offenen Cabriolet zu: ‚Na mein Junge, du glaubst doch sicher auch noch an den Endsieg!‘ Diesem Satz folgte eine apokalyptische Lachsalve.“ Gerade wollten wir unsere Reihe mit Folge 24 abschließen – doch dann erreichten uns noch zwei eindrucksvolle Texte mit den Erinnerungen des Vaters eines Lesers an die letzten Kriegsmonate, die er als 15-Jähriger erlebte. Gerne veröffentlichen wir diese, wieder sehr interessanten und bewegenden, Zeitzeugenberichte als Folgen 25 und 26. Hier der zweite Teil. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403], den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464], den dritten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150486], den vierten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150605], den fünften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150632], den sechsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150671], den siebenten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150740], den achten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150816], den neunten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150812], den zehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150802], den elften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151038], den zwölften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151098], den dreizehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151156], den vierzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151209], den fünfzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151229], den sechzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151393], den siebzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151418], den achtzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151461], den neunzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151530], den zwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151546], den einundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151551], den zweiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151731], den dreiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151881], den vierundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152445] sowie den fünfundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152535] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- Flucht Der Heldentod in Schneidemühl war mir erspart geblieben (Anm. d. Red.: Siehe hierzu Teil 25 [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152535]). Aber in dieser Zeit musste man nicht lange auf die nächste Chance warten. Ich wurde in Stettin zum HJ Volkssturm eingezogen. Das hieß, dass wir in einer ehemaligen Schule kaserniert wurden. Es war eine merkwürdige Situation in der eigenen Heimatstadt, nur Minuten von zuhause entfernt, eingesperrt zu werden. Kameraden standen Tag und Nacht vor dem Schultor mit dem Befehl, jeden der versuchen sollte sich aus der Schule zu entfernen, zu erschießen. Die Kurzausbildung für die Front erhielten wir von verwundeten Soldaten. Sie unterrichteten uns vor allem im Schießen und an der Panzerfaust. Zu diesem Zweck hatte man alte PKWs an den Seiten mit den Silhouetten von russischen T34 Panzern dekoriert. An die durften wir uns dann Tag und Nacht heranrobben, und unsere Panzerfäuste bedienen. Wer besonders gut im Schießen war, erhielt „Heimaturlaub”. Da wir zuhause viel mit dem Luftgewehr geschossen hatten, war ich der Dauerurlauber. Und dann passierte etwas Groteskes. Als ich von einem dieser Urlaube morgens in die Schul-Kaserne zurückkehrte, wurden wir alle in die Aula der Schule gerufen. Und dort verkündete man uns einen „Tagesbefehl des Führers”. Der Wortlaut ist mir bis heute unauslöschlich in Erinnerung. > „Der Jahrgang 1929 ist auf Führer-Befehl für den letzten kriegsentscheidenden Schlag zurückgestellt!” Mehr hirnverbrannten Zynismus kann man sich kaum vorstellen. Deutschland wurde im Westen und Osten von übermächtigen Armeen überrollt, die Wehrmacht hatte keine koordinierte Führung mehr, die Luftwaffe existierte nicht mehr, Panzer und Infanterie hatten zu wenig Munition, das unmittelbare Ende stand bevor. Aber mein Jahrgang würde den kriegsentscheidenden Schlag ausführen! Wieder hielt mein Schutzengel die Hand über mich. Obwohl ich eher dachte: Meine zweite Chance ist vertan. Nun war ich also wieder zu Haus. Das Bethesda Krankenhaus, in dem mein Vater Chefarzt war, hatte man inzwischen umfunktioniert zu einem Hauptverbandsplatz. Da alle Schwestern bereits evakuiert waren, wurde dort jede Hand gebraucht. Dieses Krankenhaus lag in Stettin-Zülchow direkt an der Oder. Auf der gegenüberliegenden Oderseite lag Altdamm. Und von den Fenstern aus dem Operationssaal der Klinik konnten wir, wie von einem Feldherrnhügel, die Schlacht um Altdamm beobachten. Und wir sahen auch, wie Boote die Verwundeten im Geschosshagel über die Oder zu uns brachten. Mein Vater rüstete mich mit einer Bleischürze und einem so genannten Kryptoskop aus. Ein Kryptoskop ist ein tragbares Röntgengerät. Es gab natürlich reguläre Röntgengeräte. Aber es gab keine Röntgenfilme mehr. Und so war das Kryptoskop die einzige Möglichkeit die Splitter in den verwundeten Körpern zu orten. Ich saß also den ganzen Tag wie an einem Fließband. Von links wurden die Verwundeten herangeschoben. Ich ortete und sondierte die Splitter, die mein Vater rechts neben mir dann herausoperierte. Eine merkwürdige Tätigkeit für einen Fünfzehnjährigen. Bevor die Verwundeten in den OP kamen, wurden die frisch Eingelieferten nach Verwundungen sortiert. Dabei musste ich die im Feldlazarett angelegten Notverbände entfernen. Am ersten Tag wusste ich noch nicht, dass die Einschüsse relativ klein sind im Vergleich zu den zerfetzten Ausschüssen. Und als ich bei einem Oberschenkeldurchschuss zaghaft den Verband abwickelte, und die zerfetzte Innenseite erreichte, fiel ich in Ohnmacht. Aber erstaunlich! Das geschah nur einmal. Es ist unglaublich, wie schnell man sich an eine solche Tätigkeit gewöhnt. Wie man nur noch funktioniert. Die Verwundeten nannten mich „Herr Doktor”, obwohl ich meistens kurze Hosen unter dem weißen Kittel trug. Noch schlimmer war für mich, wenn sie von mir menschliche Ratschläge erbaten. Ein verwundeter Fallschirmjäger, für den eine Oberschenkelamputation die letzte Rettung war, da sich in der Wunde Gasbrand entwickelt hatte, fragte mich, ob seine Frau ihn wohl zurücknehmen würde mit nur einem Bein. Amputationen mitzuerleben war für mich ohnehin das Schlimmste. Der Anblick der amputierten Gliedmaßen, und wenn diese dann in einen Container entsorgt wurden, das war einfach unerträglich. Wir operierten manchmal Tag und Nacht. Je nachdem, wie viele Verwundete von der Front zu uns gebracht wurden. Zwischen den Operationen schlief ich einfach ein. Im Sitzen oder im Stehen. Und ich war immer froh, wenn in diesem gnadenlosen Rhythmus eine Pause eintrat, und wir nachhause konnten. Um Benzin zu sparen, und auch weil die Straßen ständig unter Beschuss lagen, fuhren wir öfter auf Schleichwegen mit dem Fahrrad nach Hause. Aber dieses „nach Hause kommen” war auch eher unheimlich. Stettin war zu einer Geisterstadt geworden. Deserteure oder entflohene Häftlinge irrten durch die Stadt, und man ging jeder Begegnung aus dem Weg, weil man immer damit rechnen musste, erschossen zu werden. Zuhause war meistens eingebrochen worden. Die Einbrecher hatten es allerdings weniger auf Wertsachen abgesehen, als auf Essbares. Wir waren selbst zum Essen zu müde. Wir schliefen im Eltern-Schlafzimmer. Ich in dem Bett meiner Mutter. Mein Vater gab mir eine Pistole, die ich entsichert auf den Nachttisch legte. Allerdings war ich so übermüdet, hatte einen so totenähnlichen Schlaf, dass ein Einbrecher mich nebst Waffe hätte wegtragen können. Mein Vater musste mich morgens wachrütteln, und dann ging es wieder in den Operationssaal. Ich weiß nicht mehr, wie lange dieser Albtraum dauerte. Ich weiß nur, dass mein Vater eines Morgens sagte: „Komm, ich muss dir Fahren beibringen.” Die Verwundeten, die wir behandelten, waren Mitglieder der SS Division „Frundsberg”. Und mein Vater hatte erfahren, dass diese Division im Eiltempo nach Berlin sollte, um dort in die Schlacht um Berlin einzugreifen. Ein Kommandeur hatte meinem Vater zugesagt, dass sie bereit wären, einen Wagen „ins Schlepp“ zu nehmen. Mein Vater besaß zwei größere Autos, hatte sich aber im Krieg wegen der Benzinrationierung einen kleinen Fiat Topolino gekauft. Und auf diesem Topolino lernte ich dann in einer Stunde Kuppeln und Gas geben. Am Nachmittag verstauten wir in dem winzigen Auto einige Habseligkeiten, Kleidung und vor allem meinen Tesching (Anm. d. Red.: Ein Kleinkalibergewehr). Und dann hatte mein Vater wieder eine seiner fabelhaften Ideen, die meinen Schutzengel Überstunden kostete. Er gab mir nämlich zur Begleitung einen netten Holländer namens Wilhelmus Philippus van der List mit, der insofern eine gefährliche Begleitung für mich darstellte, weil er ein entlassener KZ-Häftling war. Wilhelmus Philippus, oder Flip wie ich ihn nannte, hatte im Krankenhaus meines Vaters als Pfleger gearbeitet, obwohl er Medizinstudent im letzten Semester war, als er im holländischen Widerstand verhaftet wurde. Es ehrt meinen Vater sehr, dass er Flip als Kollegen behandelte und ihm die Flucht aus Stettin ermöglichen wollte. Aber wenn man sich vorstellt, dass im Frühjahr 1945 grundsätzlich jedes männliche Wesen in Zivil für einen Deserteur gehalten wurde, dann waren Flip und ich ein potentiell gefundenes Fressen für jede Militärpolizei Streife. Und die gab es an jeder Ecke. In einem bewaldeten Vorortbezirk von Stettin wurde der SS Convoy von 30-40 großen Lkws zusammengestellt. Die meisten hatten Geschütz- Lafetten als Anhänger, aber der letzte Lkw in der Kolonne hatte unseren Topolino als Anhänger. Am späten Nachmittag ging es endlich los. Autobahnen und Straßen konnten solche Kolonnen nicht mehr benutzen. Aus der Luft wurden sämtliche Militärbewegungen geortet und angegriffen. Deshalb bewegte sich unsere Kolonne auf Waldwegen. Für mich war das ein immenses Abenteuer: am Steuer eines Autos als Teil einer Militärkarawane. Aber dieses Hochgefühl sollte sich sehr bald ins Gegenteil verwandeln. Der Lkw, der unser Auto schleppte, war überfüllt mit Flüchtlingen. Da gab es keine Sitzgelegenheiten, die Menschen standen zusammengepfercht. Und plötzlich entdeckte ich unter ihnen eine mir wohl bekannte Dame. Eine gewisse Frau Rieschel. Sie hatte im Krankenhaus meines Vaters als Krankengymnastin gearbeitet, nachdem ihr Mann als Offizier im Osten gefallen war. Meine Geschwister und ich waren im Elternhaus zu unbedingter Höflichkeit gegenüber jedermann erzogen worden. Es kam mir deshalb unmöglich vor, Frau Rieschel in dieser schrecklichen Lage zu sehen, während ich gemütlich in meinem Auto saß. Als der Konvoi eine Pause einlegte, bot ich deshalb Frau Rieschel und ihrem siebenjährigen Sohn den Beifahrersitz in unserem kleinen Auto an. Flip übernahm das Steuer. Aber ich wollte auf keinen Fall in diesem Lkw fahren. Stattdessen setzte ich mich auf ein Fahrrad, das der Frau Rieschel gehörte, und dass man außen am Lkw angebunden hatte. Da die Kolonne ohnehin nur sehr langsam fuhr, hielt ich es für eine leichte Übung, mich am geöffneten rechten Fenster des Autos mit der linken Hand festzuhalten und mich so mitziehen zu lassen. Jeder Mensch, der einmal Waldwege mit einem Fahrrad befahren hat, weiß dass das nicht gut gehen kann. Auch hatte ich das Gefühl, dass Flip immer mehr nach rechts steuerte. Ständig schrie ich: „Flip! Mehr nach links!” Es kam wie es kommen musste: ich wurde zwischen Auto und Wegbegrenzung eingeklemmt und stürzte. Verzweiflung pur! Ich mit einem kaputten Knie, einem verbeulten Fahrrad mitten im Wald, nicht wissend wo, und an der nächsten Biegung verschwand unser Topolino mit unseren letzten Habseligkeiten. — Mir blieb nur eines: der Weg zurück. Ich fragte mich durch, ich fand den Weg, und erreichte bei Dunkelheit mein Elternhaus. Es war eine andere Zeit. Da gab es nicht: „Mein armer Schatz!” Oder: „Ruh dich erstmal aus!” Nein, mein Vater stauchte mich zusammen, machte mir nochmal klar, dass dieses Auto nebst Inhalt der Rest unserer Habe sei. Er telefonierte fieberhaft, und fand tatsächlich heraus, wo dieser Konvoi sein nächtliches Biwak aufschlagen würde. Dann beschrieb er mir den Weg anhand von Karten, hämmerte mir ein, nie mehr meinen Platz im Auto aufzugeben und schickte mich in die Nacht. Ich weiß nicht, wie viele Kilometer ich in dieser Nacht ohne Licht gestrampelt bin. Ich weiß nur, dass ich das Biwak im Morgengrauen erreichte. Gerade rechtzeitig, als der Konvoi sich fertig machte zum Abmarsch. Unvergesslich ist mir allerdings auch, wie Frau Rieschel und Flip mich anschauten, als ich mit dem verbeulten Fahrrad auf der Waldlichtung auftauchte. Es hatte tatsächlich etwas von Macbeths Reaktion beim Erscheinen von Banquos Geist. War mir das Abdrängen nach rechts, als ich mit dem Fahrrad am Auto hing, schon merkwürdig erschienen, hatte ich nun das absolute Gefühl: Flip wollte mich abhängen. Eigentlich unfassbar, wenn man sich vorstellt, was mein Vater für ihn und seine Sicherheit getan hatte. Aber es waren eben Zeiten, wo es für jeden ums Überleben ging. Und die Situation kann man vielleicht vergleichen mit dem Kampf um einen Platz im Rettungsboot der Titanic. — Wir haben natürlich nie über diese Vermutung gesprochen. Und das Gute ist, dass man mit 15 nicht nachtragend ist und schnell vergisst. Von da an waren wir jedenfalls wieder eine verschworene Gemeinschaft. Aber auch dieser Tag brachte wieder ein dramatisches Ereignis. Es war ein warmer trockener Vorfrühlingstag. Die Kolonne vor uns wirbelte unendlich viel Staub auf, so dass wir in dem kleinen Auto fast erstickten. Auch bei geschlossenen Fenstern drangen der Staub durch alle Ritzen und nahm uns die Sicht. Die Hitze wurde fast unerträglich. Und dann passierte es. Bei einbrechender Dunkelheit näherte sich die Kolonne der Autobahn, dem so genannten Berliner Ring. Im Schlepp fahren erfordert eine ständige Konzentration. Da dieses kleine Auto praktisch kaum Gewicht hatte, geriet es leicht ins Rollen. Dann musste man bremsen um nicht aufzufahren. Aber dann musste man natürlich schnell wieder von der Bremse gehen, wenn der Lkw anzog. Und einmal ging Flip eben nicht schnell genug von der Bremse. Der Lkw zog an, und das Seil riss. — Tatsächlich war es gar nicht gerissen. Wir hatten das Seil sträflicher Weise um die Traverse gewickelt, die die beiden Kotflügel miteinander verband. Diese Traverse war aus Blech, und es ist ein Wunder, dass sie den Strapazen des Schleppens solange standgehalten hatte. Nun war sie an einem Kotflügel abgerissen, und das Seil schleifte hinter dem weiterfahrenden Lkw. Wir stürzten aus dem Auto und schoben es mit Aufbietung aller Kräfte hinter dem Lkw her. Gott sei Dank stoppte die Kolonne, und wir wurschtelten das Seil irgendwie fest. Kurz danach bogen wir bei Dunkelheit in die Autobahn. Nun konnten wir die Fenster aufreißen, hingen die Beine raus und schrieen und sangen vor Freude es nochmal geschafft zu haben. Bei der Ausfahrt nach Potsdam stoppte der Lkw und hing uns ab. Der Fahrer sagte nur, dass wir jetzt alleine weiter müssten. Potsdam Potsdam ist meine Geburtsstadt. Und in Potsdam hatten meine Eltern viele Freunde. Also fand ich das ganze gar nicht so schlecht. Das Ausfahrtsschild zeigte die Entfernung bis Potsdam mit 9 km an. Es war kurz vor Mitternacht, als wir feststellten, dass die Batterie völlig leer war. Auch mit anschieben, und Gang rein, es ging nichts. Also schoben wir das Auto, Flip links, ich rechts auf der Landstraße nach Potsdam. Das klingt schwerer als es war. Es gab keine Steigungen, und das Auto war sehr leicht zu schieben. Aber nach drei Stunden waren wir erschöpft und müde, setzten uns ins Auto und schliefen. Im Morgengrauen schoben wir weiter. Und irgendwo in der Nähe von Potsdam kamen wir an einer Reparaturwerkstatt vorbei. Über uns flog eine riesige Flotte von B 52 – Bombern Richtung Berlin. Und über der Werkstatt öffnete sich ein Fenster. Ein Mann im Pyjama sah die Flugzeuge und schrie: „Das haben wir alles nur diesem Verbrecher zu verdanken!” Wen er meinte war klar. Und was mit ihm geschehen würde, wenn das ein linientreuer Volksgenosse gehört hätte, war auch klar. Und das war vor allem seiner Frau klar, die ihn vom Fenster zurückriss: „Bist du wahnsinnig? Willst du uns unglücklich machen?” Und dann sahen die beiden uns, wie wir unser kleines Auto auf den Hof schoben. Flips KZ-Vergangenheit und die politische Einstellung des Mannes am Fenster waren die idealen Voraussetzungen für eine rasche Reparatur. In Potsdam hatte ich meine frühen Kinderjahre bis zur zweiten Volksschulklasse erlebt. Um ein paar Ecken wohnte die Familie Defoy. Mein Vater hatte eine der drei Töchter Defoy operiert, und daraus war eine enge familiäre Freundschaft entstanden, die nicht nur die Eltern betraf, sondern auch uns Kinder. Mir hatte es besonders die zweite Tochter Erika, genannt Eka, angetan. Während ich es hasste, und nur mit Brachialgewalt meines Vaters dazu gezwungen wurde, an den grässlichen Weihnachtsspielen teilzunehmen, die meine älteste Schwester Barbara konzipierte, war ich begeistert, im Hause Defoy als Knecht Ruprecht zu agieren, weil Eka der Weihnachtsengel war. Und so war die Vorfreude groß, als ich Tante Annemarie, Ekas Mutter von der Reparaturwerkstatt aus anrief, und sie mich und Flip herzlich einlud. Flip blieb allerdings erstmal bei dem Wagen, um die Batterie laden, und die Frontpartie reparieren zu lassen. Ich fuhr per Anhalter nach Potsdam und hatte dabei eine wunderbare Begegnung. Ein schickes Mercedes-Cabrio nahm mich mit, und am Steuer saß der UFA-Star Josef Sieber (Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!). Er war in Luftwaffenuniform. Aber ich glaube, dass es sich bei der Uniform um ein Kostüm handelte, denn er war, wie er mir sagte, auf dem Weg zu den Studios in Babelsberg. Mit seiner berühmten sonoren Stimme brüllte er mir im offenen Cabriolet zu: „Na mein Junge, du glaubst doch sicher auch noch an den Endsieg!” Diesem Satz folgte eine apokalyptische Lachsalve. Ich blieb die Antwort schuldig, aber war sehr aufgeregt ob dieser Begegnung. Und dann: Potsdam, Eisenhartstraße (…), Familie Defoy. Was für ein herzliches Wiedersehen. Als Flip dann auch noch auftauchte, und wir es uns im Gästezimmer bequem gemacht hatten, erlebten wir ein paar Tage wie im tiefsten Frieden. Stettin, Blut und Tod, alles existierte plötzlich nicht mehr. Es war absolut unwirklich: Flip und ich, flankiert von Bärbel, der ältesten Tochter und Eka, so spazierten wir bei traumhaften Frühlingswetter durch das unversehrte Potsdam. Es hieß immer, Potsdam würde von den Luftangriffen verschont bleiben wegen der unersetzlichen historischen Gebäude. Auch sei Potsdam von den Alliierten als Sitz einer Militärregierung nach dem Kriege vorgesehen. Ach, so ein Blödsinn! Am 19. April 1945 wurde die historische Altstadt von Potsdam durch einen der sinnlosesten Angriffe in Schutt und Asche gelegt. Aber noch war es heil. Die Sonne schien und ich war verknallt. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes „aus der Zeit gefallen”. Ich hatte verdrängt oder vergessen, warum ich eigentlich hier war. Die Flucht — das war alles plötzlich ganz weit weg. Ich nahm mir einfach das Recht, so zu leben, wie man in diesem Alter eigentlich leben sollte. Aber die Erwachsenen behielten den Überblick. Und nach einigen Tagen sagte Tante Annemarie mit ernstem Unterton: „Wir würden dich ja so gerne hierbehalten. Aber glaubst du nicht, dass du weiterfahren müsstest?” Sie hatte recht. Natürlich musste ich das. Am nächsten Tag gab es den Abschied von Eka, von der wunderbaren Familie Defoy, und vom heilen Potsdam. Wir hatten in der Familie als Fluchtpunkt den kleinen Ort Mariensee bei Neustadt am Rübenberge ausgemacht. Dorthin waren vor Wochen und Monaten meine Mutter und meine beiden Schwestern geflohen. Wenn man an die unzähligen Suchdienste der Nachkriegszeit denkt, dann begreift man, wie hilfreich ein solcher gemeinsamer Fluchtpunkt ist. Jeder der durchkommen sollte, wusste, wo er die Familie, bzw. das was davon übrig geblieben war, finden konnte. In Mariensee gab es ein stattliches Klostergebäude. Im 12. Jahrhundert als Zisterzienser Kloster gegründet, wurde es nach völliger Zerstörung im dreißigjährigen Krieg, als evangelisches Konventsgebäude wieder aufgebaut. Die Bewohner waren nun keine Nonnen mehr, sondern so genannte Konventualinnen. Das waren meistens unverheiratete Frauen aus begüterten Familien. Es gab keine klösterlichen Gebetsvorschriften, nur die regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst wurde erwartet. Jede dieser wohlhabenden Konventualinnen hatte eine zweistöckige geräumige Wohnung und natürlich Personal. Meistens eine Bedienstete, die gleichzeitig die Köchin war. Zu diesen Wohnungen gelangte man über den wunderschönen Kreuzgang. Mehr als problematisch waren die sanitären Verhältnisse im Kloster. Die Wohnungen hatten keine Toiletten und kein Fließwasser. Im Kreuzgang gab es eine große Pumpe, die wunderbares Wasser lieferte, das aber auf sehr beschwerliche Weise in Eimern in die Küchen und Bäder geschleppt werden musste. Die Toiletten waren noch abenteuerlicher. Am Ende des Kreuzgangs gab es eine Art Geruchsschleuse. Eine Tür, ein ca. 6 m langer Gang und wieder eine Tür. Und dann kam man in ein kleines Gebäude, das für jede der Wohnungen ein Plumpsklo enthielt. Plumpsklos waren in meiner Jugendzeit noch vieler Orts zu finden. Klosett mit Wasserspülung war schon was Besonderes. Vor allem auf dem Lande. Als ich Jahrzehnte später in den kanadischen Provincial Parks die Plumpsklos wieder fand, war das für mich eine Kindheitserinnerung, aber für unsere Kinder und Neffen ein absoluter Horror. Dieses Kloster hatte auch eine Oberin, und die war eine entfernte Verwandte meiner Mutter. Und diese verwandtschaftliche Beziehung war letztendlich der Grund für diesen Flucht- und Treffpunkt. Aber noch war Mariensee weit weit entfernt. Flip und ich versuchten uns von Potsdam dahin durchzuschlagen. Heutzutage eine lächerliche Entfernung, war das im Frühjahr 1945 ein Abenteuertrip. Wir versuchten es zunächst auf dem kartographisch kürzesten Weg über die Autobahn. Das war keine so tolle Idee. In kurzen Abständen war die Autobahn mit Panzersperren blockiert. Aber schlimmer: diese Panzersperren wurden kontrolliert von den „Kettenhunden”. So nannte man die Militärpolizisten wegen des Metallschildes, das sie an einer Halskette vor der Brust trugen. Aufschrift: Militärpolizei. Denen müssen wir wie Traumtänzer vorgekommen sein. Zwei Sunnyboys auf Urlaubstrip durch das zusammenbrechende Deutschland. Ich erinnere mich nicht, was für Legitimationen und Papiere ich vorzuweisen hatte. Ich glaube irgendeinen „Überstellungsbescheid”. Und Flip zeigte immer seinen Entlassungsschein aus dem KZ vor. Und natürlich hatten wir beide Personalausweise. Dreimal ist das gut gegangen. Und wir beschlossen, es kein viertes Mal zu versuchen. Mit anderen Worten: Wir verließen die Autobahn und benutzten nur noch kleine und kleinste Straßen. Da wir keine adäquaten Karten hatten, fragten wir uns durch und fuhren sicher ziemlich idiotische Routen. Aber wir fühlten uns sicher. Schwierig war es satt zu werden. Ohne Lebensmittelmarken konnte man nicht einkaufen. Aber da erwies sich die ländliche Route als Vorteil. Denn es gab immer wieder freundliche Menschen, die uns was zu essen gaben. Und dann hatte ich ja schließlich auch noch meinen Tesching. Wir kampierten für die Nacht in einem verlassenen Hof, und auf dem Dach saßen Tauben. Und dann spielten wir ein bisschen „Wilder Westen”. Ich schoss uns zwei Tauben. Das war die leichtere Übung. Das Rupfen erwies sich als wesentlich schwieriger. Aber Hunger weckt viele Talente. Und tatsächlich brieten oder besser “kokelten” die armen Täubchen am Stecken über einem lausigen Feuer. Eigentlich ungenießbar, aber Romantik pur. In meiner Erinnerung waren es drei oder vier Tage, die wir für diese lächerliche Strecke brauchten. Natürlich blieben wir auch einmal ohne Benzin hängen. Nein es war kein „easy trip”, aber als solcher war er ja auch nicht geplant. Es blieb die Tatsache, dass ich ein Auto nach dem Westen gerettet hatte. Ein Auto, das für meinen Vater, als er nach abenteuerlicher Flucht in Mariensee aufkreuzte, ein wichtiger Grundstein zum Aufbau seiner Nachkriegsexistenz wurde. Die Ankunft im Kloster war ein Triumph. Das Wiedersehen mit Mutter und Schwestern ein Fest. Im Waschhaus wurde der Waschkessel angefeuert, und Flip und ich hatten nach Tagen auf der Straße die erste Generalsreinigung im Waschzuber. Titelbild: Cassowary Colorizations [https://www.flickr.com/people/150300783@N07] / Creative Commons [https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons] Attribution 2.0 Generic [https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en] license

22. kesä 202623 min
jakson Nach dem Drohnenangriff auf Moskau: Schadenfreude und russische Gelassenheit kansikuva

Nach dem Drohnenangriff auf Moskau: Schadenfreude und russische Gelassenheit

Auf den größten ukrainischen Drohnenangriff auf Russland seit Beginn des Krieges reagierten die großen deutschen Medien mit kaum verhohlener Schadenfreude: „Drohnenhagel auf Russland“ (FAZ). „Moskau-Angriffe blamieren Putins Regime“ (Bild). Mitgefühl für die 17 verletzten Zivilisten und ein totes Mädchen sucht man in den deutschen Leitmedien vergeblich. Die Mehrheit der Russen nimmt die Drohnen-Attacken gelassen. Eine Analyse von Ulrich Heyden, Moskau. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Die Russen freuen sich, dass von 1.000 ukrainischen Drohnen immerhin 555 abgeschossen wurden. Ja, russische Raffinerien leiden unter dem Drohnenbeschuss. Aber man ist flexibel. Um Lücken zu stopfen, lockt die russische Regierung russische Unternehmen mit Subventionen, russisches Öl in Weißrussland und Asien zu Benzin verarbeiten zu lassen. „Rauchschwaden über der Stadt“ behauptete Paul Ronzheimer von der Bild-Zeitung während des Brandes der Moskauer Raffinerie am 18. Juni. Korrekt hätte es heißen müssen: Rauchschwaden am südlichen Rand von Moskau. Tatsächlich hat von den 13,3 Millionen Einwohnern der Stadt nur ein Bruchteil die Rauchschwaden gesehen. Aber das passt nicht in das gewünschte katastrophale Bild. Sorge um Menschenleben und vergiftete Luft war aus den Beiträgen deutscher Mainstream-Korrespondenten nicht herauszuhören, stattdessen Schadenfreude und Hohn. Die Moskauer Fernsehkanäle, die ich sah, zeigten die Brände und Rauchschwaden in der Moskauer Raffinerie nicht. Alles, was an Bildern und Videos im Internet auftauchte, stammte von Hobby-Filmern und Bloggern. Sie verletzten die offizielle Anweisung, Einschlagstellen von Drohnen nicht zu filmen, um dem ukrainischen Militär ihre Zielplanung nicht zu erleichtern. Strafmaßnahmen gegen solche nicht erlaubten Videos gab es jedoch nicht. Flamingo-Lenkflügelraketen westlich von Moskau abgeschossen Zunächst eine Gesamtübersicht: Dass russische Verteidigungsministerium gab bekannt, dass am 18. Juni über Russland zehn Avia-Bomben, drei US-amerikanische HIMARS-Geschosse, vier ukrainische Lenkflügelraketen vom Typ Flamingo und 992 Drohnen abgeschossen wurden. Die russische Armee habe den ukrainischen Großangriff mit Schlägen auf ukrainische militärische Objekte, Soldaten und Söldner „in 142 Rayons“ beantwortet [https://vz.ru/news/2026/6/18/1428244.html]. Nun zu Moskau: Bürgermeister Sergej Sobjanin gab bekannt, es seien 194 ukrainische Drohnen vor Moskau abgeschossen worden. Bemerkenswert war, dass westlich von Moskau im Gebiet Istra vier der neuen „Flamingo“-Lenkflügelraketen [https://globalbridge.ch/neue-ukrainische-wunderwaffe-und-drohnenangriffe-auf-russische-raffinerien/] vom Himmel geholt wurden. Diese Raketen baut die Ukraine, auf Grundlage einer sowjetischen Rakete, mit finanzieller Hilfe aus Deutschland. Von ukrainischen Drohnen getroffen wurden die großen Einkaufszentren im Süden von Moskau, „Weiße Datscha“ und „Sadowod“, wo ein Feuer ausbrach [https://msk1.ru/text/incidents/2026/06/18/76486352/]. Die Moskauer Flughäfen Scheremetewo, Wnukowo, Domodedowo und Schukowski stellten wegen Drohnengefahr für einige Stunden ihren Betrieb ein. 527 Fluglinien waren betroffen. Im Flughafen Scheremetjewo wurden Passagiere in Schutzräume evakuiert. Auch Flughäfen in einigen russischen Städten, wie Kaluga, Pensa, Saratow, Nischni-Nowgorod und Nischnekamsk, stellten vorübergehend die Abfertigung von Flugzeugen ein. Ukrainische Drohnen trafen am 18. Juni nicht nur Ziele im Moskauer Umland, sondern auch Ziele in den Gebieten Kursk, Belgorod, Saporoschje, Cherson und Brjansk. Russischer Militärblogger: „Aufklärung, Überprüfung, Angriff“ Mit dem Angriff auf die Raffinerie am Südrand von Moskau hat Kiew die Region Moskau empfindlich getroffen. Drei Tage zuvor war die Raffinerie schon einmal angegriffen worden. Der Telegram-Kanal Rybar [https://t.me/rybar], der von einem russischen Militärkorrespondenten betrieben wird, berichtete, das ukrainische Militär „sondierte die verschiedenen Ebenen, suchte nach Schwachstellen und testete die Reaktionszeiten.“ Sobald „sie eine Schwachstelle entdecken, starten sie einen Großangriff“. Am 16. Juni habe es die erste Großangriffswelle mit 90 Drohnen gegeben. Eine Drohne sei zur Raffinerie durchgebrochen. Am 17. Juni habe es einen zweiten Testlauf gegeben. Am 18. Juni folgte dann ein massiver Angriff „entlang des bereits erkundeten Korridors“. Es sei „eine Operation in drei Phasen: Aufklärung, Überprüfung, Angriff“. Dass die Raffinerie getroffen wurde, sei „unangenehm“, schreibt der russische Militärblogger Aleksandr Koz. Aber insgesamt habe die russische Drohnenabwehr erfolgreich gearbeitet, denn von den 555 angreifenden Drohnen seien „nur einzelne nach Moskau durchgestoßen“. Die hohe Abfangrate sei nicht nur ein Erfolg traditioneller russischer Luftabwehrgeschütze wie Panzir. Es sei auch ein Erfolg von „kleinen Konstruktionsbüros“, die vor noch nicht allzu langer Zeit „in Garagen gearbeitet haben“. Wichtig sei auch die verbesserte radioelektronische Abwehr und die Arbeit derjenigen, die Abfangdrohnen steuern. Die Zusammenarbeit der verschiedenen militärischen Strukturen werde „von Tag zu Tag besser“. Russischer Experte: Ballons und Laserwaffen gegen Drohnen Der Militärexperte und Leiter des Moskauer Luftabwehrmuseums, Juri Knutow, erklärte im Gespräch mit der Internetplattform Ridus [https://www.ridus.ru/voenekspert-knutov-predskazal-ataki-rossii-5-tysyachami-bpla-v-sutki-874696.html], er rechne damit, dass sich die Intensität der ukrainischen Drohnenangriffe „um das Fünffache oder mehr“ steigern wird. Offizielle Vertreter der Ukraine hätten bekanntgegeben, 2026 sieben bis zehn Millionen Drohnen zu bauen. Der Experte schlug vor, Laser- und elektromagnetische Geschütze und – wie im Zweiten Weltkrieg – Ballons gegen Drohnen einzusetzen. Die politische Führung Russlands müsse entscheiden, ob in der EU militärische Schläge gegen Produktionsstätten, die ihre Drohnen-Produkte in die Ukraine liefern, durchgeführt werden. Das Ausmaß ukrainischer Schläge auf Häfen und Tanker Der Militärkorrespondent von Rybar gibt zu bedenken, dass Kiew mit Unterstützung des Westens seit Monaten den gesamten russischen Energiekomplex angreift, also nicht nur Raffinerien, sondern auch die russischen Häfen an der Ostsee und am Schwarzen Meer, Ust Luga und Noworossisk. Zuletzt sei der Tanker FINA A vor dem Hafen Noworossisk mit einer Drohne angegriffen worden. Das Schiff fährt unter der Flagge von Equatorial Guinea. Seit Januar seien bereits mehr als 15 russische Tanker von ukrainischen Drohnen oder unbemannten Kampfbooten angegriffen worden. Das Ziel sei, den russischen Handel auf See mit Ölprodukten zu stoppen. Wenn Russland diesen Versuchen nicht entschieden entgegentrete, würden diese Attacken zunehmen, schreibt Rybar. „Möglichkeiten zu entschiedener Gegenwehr“ gäbe es. Bedeutung der Moskauer Raffinerie Die Moskauer Ölraffinerie am Südrand der Stadt hat für die Hauptstadt-Region eine große Bedeutung. Die Anlage verarbeitet im Jahr 12 Millionen Tonnen Öl in Benzin, Diesel und Kerosin. 40 Prozent des in Moskau verkauften Benzins kommen aus dieser Raffinerie, die auch alle Moskauer Flughäfen beliefert. Igor Juschkow, ein Wissenschaftler der Moskauer Finanz-Universität berichtete [https://yandex.ru/video/preview/7363791632218235753], Kiew ziele bei Angriffen auf die Schüsselsegmente einer Raffinerie, welche die ganze Anlage zum Stillstand bringt. Wie ernsthaft die Moskauer Raffinerie beschädigt wurde, stehe noch nicht fest. Mit Beschädigungen von Raffinerien und Reparaturen gäbe es schon Erfahrungen. Da man Ersatzteile aus der EU nicht mehr beziehen könne, müssten die Teile in Russland selbsthergestellt, aus Asien oder über den grauen Markt aus Europa bezogen werden. Russische Regierung plant Benzinproduktion im Ausland zu subventionieren Unterdessen berichten russische Medien über steigende Benzinpreise im ganzen Land. Die Maßgabe der russischen Regierung, der Benzinpreis dürfen nicht stärker steigen als die Inflation, werde zurzeit nicht eingehalten, erklärte Juschkow. Ein Zusammenhang zwischen den Benzinpreisen und den Angriffen ukrainischer Drohnen auf russische Raffinerien und Häfen wird von russischen Medien nicht hergestellt. Für die Benzinpreissteigerungen werden nur saisonale Gründe – wie vermehrter Benzinverbrauch durch Landwirtschaft und Tourismus – genannt. Dass die ukrainischen Drohnen jedoch Einfluss auf die Versorgung des Marktes mit Benzin haben, liegt im Fall der Krim auf der Hand. Die Lieferung von Benzin auf die Halbinsel wird durch ukrainischen Drohnenbeschuss immer schwieriger, weshalb der Verkauf von Benzin auf der Krim seit Ende Mai auf 20 Liter pro Käufer beschränkte wurde. Seit dem 21. Juni bekommen auf der Krim nur noch staatliche Einrichtungen Benzin. Die russische Regierung arbeitet schon seit einiger Zeit an Maßnahmen, welche die angespannte Lage entspannen. Energieminister Aleksandr Nowak plant Maßnahmen zur Stabilisierung des Benzin-Inlandmarktes [https://www.rbc.ru/business/01/06/2026/6a1d69409a7947ec1fee3d9f]. Er möchte die Benzin-Importe aus Weißrussland verstärken und er möchte die verfügbare Menge an Benzin in Russland erhöhen, indem die Verarbeitung von russischem Öl im Ausland mit Subventionen gefördert wird. Der zollfreie Import von Benzin soll bis zum 30. Juni 2027 verlängert werden. Außerdem seien neue Beschränkungen für den Export von Diesel und Benzin geplant. Warum Putin schwieg Dass Wladimir Putin, der am Tag des Raffinerie-Beschusses in Moskau auf einer Konferenz der ASEAN-Staaten 600 Kilometer östlich von Moskau weilte, sich nicht zu der Drohnenattacke auf Moskau äußerte, wurde von den deutschen Medien als Schwäche interpretiert. Tagesschau.de titelte am Donnerstagabend: „Putin in Kasan: Kein Wort zum Großangriff auf Raffinerie in Moskau [https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-russland-angriffe-170.html]“. Es war offensichtlich: Putin wollte sich seinen außenpolitischen Erfolg, ein Treffen von Regierungschefs aus dem Pazifik-Raum auf russischem Territorium, nicht durch den Kiewer Militärschlag vermiesen lassen. Die „Tagesschau“ hätte es sicher gerne so gehabt, denn je mehr Lärm es um militärische Erfolge der Ukraine in Russland gibt, desto besser lässt sich die These vom „schwachen Russland“ und einer „erfolgreichen Ukraine“ verbreiten. Die Komsomolskaja Prawda stellte dem Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Sergejewitsch Peskow, ein paar Fragen zu der Informiertheit des Präsidenten. Offenbar hatte ein großer Teil der Russen auf eine klare Ansage von Putin zu der ukrainischen Drohnenattacke gehofft. Hier ein Auszug aus dem Interview [https://www.kp.ru/daily/277791.5/5265362/] der Komsomolskaja Prawda: > „Reporter: Dmitri Sergejewitsch, können Sie die gestrigen Ereignisse in Moskau kommentieren? Hat Präsident Putin, während er in Kasan ist, die Bilder der brennenden Raffinerie gesehen, und gibt es einen Kommentar? > > Peskow: Tatsächlich, die Drohnen-Attacken gehen weiter. Es werden die entsprechenden Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen ergriffen. Die Luftabwehr hat trotz allem gute Arbeit geleistet. Was den Präsidenten betrifft, er bekommt regelmäßig, mehrmals am Tag, operative Berichte und wenn es nötig ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Suchen Sie mehr Bilder verschiedener Städte der Ukraine. Es sind eindrucksvolle Fotos über die Resultate der Schläge unserer Streitkräfte. Diese Schläge werden fortgesetzt.“ Eine Lehrerin: „Ich sah keine Angst in ihren Augen“ Wie haben die einfachen Russen die ukrainische Drohnenattacke erlebt? Eine Bekannte von mir ist Lehrerin an einer Mittelschule in Schukowski. Die 40 Kilometer südöstlich von Moskau gelegene Stadt hat 100.000 Einwohner und viele Forschungsinstitute der Flugzeugindustrie. Dass gerade Schukowski von ukrainischen Drohnen angegriffen wird, ist wohl kein Zufall. Meine Bekannte ist 24 Jahre alt. Sie wirkte gefasst, als sie von der Nacht auf den 18. Juni erzählte. „Ich wachte um vier Uhr morgens auf. Ich hatte einen Knall gehört.“ Das sei wohl die Luftabwehr gewesen. Und sie habe sich vorgestellt, dass eine Drohne direkt über ihrem Mehrfamilienhaus abgeschossen wurde. „Ich hatte Angst, dass die Drohne auf unser Haus fällt.“ Die Trümmer der Drohne seien dann aber neben das Haus gefallen. Irgendwann sei sie dann wieder eingeschlafen, obwohl es noch weiter knallte. Im Laufe des 18. Juni fanden Sicherheitskräfte neben dem Haus meiner Bekannten den nichtexplodierten Sprengsatz der abgeschossenen Drohne. Daraufhin wurden die Bewohner zweier Wohnhäuser – vor allem Rentner – in das nahegelegene Kulturhaus evakuiert. Ob sie Angst vor einem neuen Angriff habe, fragte ich meine Bekannte. Obwohl sie nicht gläubig sei, würde sie gerne einen Priester bitten, einmal um das Haus zu gehen. Vielleicht könne so eine Begehung ihr Haus schützen. Aber sie hoffe, dass nichts Weiteres passiert, denn wie ein russisches Sprichwort sage, „kommt ein Unglück nicht zweimal an derselben Stelle“. Obwohl ihr Haus von einer Drohne attackiert wurde, ging meine Bekannte am 18. Juni um acht Uhr zu ihrer Schule. Den Schülern sei der Angriff egal gewesen, erzählte sie. „Ich sah keine Angst in ihren Augen. Sie maulten nur, dass sie müde seien.“ Möglicherweise hing die Stimmung der Schüler mit einer gewissen Gewöhnung zusammen. Denn die junge Lehrerin berichtete, es sei schon der fünfte Drohnenalarm in den letzten zwölf Monaten gewesen. In ihrer Schule würden regelmäßig Evakuierungsübungen wegen Feuer oder Drohnenbeschuss durchgeführt. Die Kinder wüssten genau Bescheid, in welcher Ordnung und durch welchen Ausgang sie die Schule verlassen müssen. Ob denn nicht Kinder in so einem Krisenfall zu Hause bleiben können, fragte ich meine Bekannte, worauf sie antwortete, der Wunsch der Eltern sei es, dass ihre Kinder während solcher Krisensituationen in der Schule sind. Dort seien sie sicherer. Ein aktueller Fall vom 18. Juni zeige, dass diese Vorsicht begründet ist. Durch eine Drohne geriet in Schukowski ein Haus in Brand. Dabei wurde ein achtjähriges Mädchen, welches dort bei seiner Oma war, getötet. „Das Mädchen ging in unsere Schule, in die zweite Klasse,“ erzählte meine Bekannte. Drohnenangriff auf Bus mit Kindern aus Weißrussland Immerhin: Der 18. Juni endete für eine Gruppe von Kindern glücklich. In Weißrussland traf ein Bus mit Kindern ein, die einen ukrainischen Drohnenangriff erlebt hatten. Es handelte sich um eine weißrussische Fußballjugendmannschaft, deren Bus einen Tag zuvor im russischen Gebiet Brjansk von einer ukrainischen Drohne angegriffen worden war. Wie in einer russischen Fernsehreportage zu sehen war, lagen mehrere der etwa elf Jahre alten Kinder ihren Müttern weinend in den Armen. Ein Junge erzählte unter Schluchzen, der Bus sei „voller Rauch und voller Blut gewesen“. Der Bus mit den jungen Sportlern war aus Weißrussland auf dem Weg in den russischen Schwarzmeerkurort Gelendschik. 19 Kinder und 22 Erwachsene wurden verletzt. Eine erwachsene Begleiterin wurde getötet. Wie ein weißrussischer Arzt erklärte, seien zwei Kinder schwerverletzt. In einer Besprechung mit weißrussischen Militärs erklärte der weißrussische Präsident [https://sarafan23.ru/incidents/u-nas-poley-ne-khvataet-lukashenko-rezko-vyskazalsya-o-poezdke-belorusskikh-detey-futbolistov-v-gele.html/?ysclid=mqnt9fbpfz566282995] Aleksandr Lukaschenko am 18. Juni, „wir wollen die Wahrheit. Die Ukrainer sagen, sie hätten nicht auf Brjansk geschossen, aber der Fahrer des Autobusses hat gesagt, er habe mehrere Drohnen gesehen, die über dem Bus kreisten. Das ist kein Terror, das ist Faschismus, wenn man Kinder beschießt.“ Wenn es jemanden gäbe, „der uns provozieren will und versucht, uns in den Krieg hineinzuziehen, wird das schlecht für den enden, der das versucht.“ Man werde kein überstürztes Urteil fällen, „aber wir stellen fest, dass es eine ukrainische Drohne war“. Der Vertreter des weißrussischen Außenministeriums, Ruslan Warankow, erklärte: „Weißrussland fordert von der Ukraine eine Erklärung zu dem Vorfall.“ Immerhin: Spiegel und Stern berichteten über den Angriff auf den Bus mit den jungen Fußballern [https://www.spiegel.de/ausland/ukraine-krieg-russland-meldet-drohneneinschlag-in-bus-mit-kindern-kyjiw-dementiert-a-cc4ffd93-f376-44b6-8fee-3a1fcc5b35f5]. ARD und ZDF berichteten nicht. Titelbil: Screenshot/ARD Mehr zum Thema: Drohnen auf Moskau: Je schlechter es für Russland läuft, umso gefährlicher wird es [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152523] [https://vg09.met.vgwort.de/na/089a163c685b42989dd4cb18f855c929]

22. kesä 202618 min
jakson Schuld ist „die Welt“: Merz‘ politische Bankrotterklärung am Tag der offenen Tür im Bundeskanzleramt kansikuva

Schuld ist „die Welt“: Merz‘ politische Bankrotterklärung am Tag der offenen Tür im Bundeskanzleramt

Wer verstehen will, wie inhaltsleer und desolat zugleich die deutsche Politik ist, sollte sich ein gerade von Friedrich Merz veröffentlichtes Video [https://x.com/bundeskanzler/status/2068750751099126181] anschauen. Der Ausschnitt des vom Bundeskanzler auf der Plattform X veröffentlichten Videos geht 1 Minute und 29 Sekunden und stammt vom „Tag der offenen Tür“, der am Sonntag im Bundeskanzleramt stattfand. Leerformeln bauen auf Verharmlosungen und von auch nur halbwegs vernünftigen Ursachenanalysen fehlt jede Spur. Da gibt es eine „Welt“ und eine „Industrie“, die sich „verändern“ – ganz so, als ob Politiker und weitere konkret benennbare Personen nicht für diese Veränderungen verantwortlich wären. Merz liefert politische Dampfplauderei – substanzlos, aber zugleich gefährlich. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. „Reformen“ – die will der Bundeskanzler. Da sagt er gleich zu Beginn des Videoausschnitts. Und dann kündigt Merz an, was dazu notwendig ist: Der Erklär-Bär soll bei den Bürgern anklopfen. > Wir müssen der Bevölkerung erklären, dass Reformen kein Selbstzweck sind. Das machen wir ja nicht, weil wir Spaß daran haben, jetzt Dinge zu verändern. Sondern Veränderungen sind notwendig, damit vieles so bleiben kann, wie es ist. Während Merz – da sitzend im weißen Hemd und mit bedächtiger Mimik – diese Sätze spricht, tut er so, als würde er gerade als Wissender Unwissenden die Welt erklären. Doch die große, klaffende Lücke zwischen Auftreten, Sprechweise und dem inhaltlich Gelieferten ist offensichtlich. Da will einer „Reformen“ und erweckt den Eindruck, dass er nur Getriebener (Opfer) einer äußeren Entwicklung ist. Schamlos aber verschweigt der Kanzler, dass notwendige Reformen nun auf jenem Misthaufen gebaut werden sollen, für den er selbst, seine Regierung, aber auch die Vorgängerregierungen verantwortlich sind. Da sagt Merz: „Wir leben in einer Welt, die sich drastisch verändert um uns herum“. Er redet von „unserer Wirtschaft“, die „in vielerlei Hinsicht erheblich gefährdet“ sei, er spricht von „zehn- bis fünfzehntausend Industriearbeitsplätzen pro Monat“, die wir „verlieren“, und von einer „Industrie“, die sich im Augenblick „verändert“. In Merz‘ „Analyse“ hat „die Welt“ schuld – weil diese sich nun mal angeblich verändere. In Merz‘ Betrachtung verändere sich auch die Industrie, ganz so wie die Welt – als ob „die Welt“ oder „die Industrie“ etwa für dreckige geopolitische Entscheidungen der Politik oder für die Digitalisierung verantwortlich wären. Geradezu unverschämt mutet es an, wenn Merz die Schuld im Hinblick auf den industriellen Niedergang Deutschlands auf äußere Bedingungen schiebt – ganz so, als habe „die Welt“ den Atomausstieg Deutschlands verursacht, ganz so, als sei „die Welt“ für die Abkehr vom preisgünstigen russischen Gas verantwortlich. Merz‘ Lösung: > „Und deshalb diskutieren wir in Europa sehr intensiv, wie wir uns als Europäer besser aufstellen können. Aber wir diskutieren auch in der Bundesregierung sehr intensiv, wie wir Probleme lösen können.“ In Anbetracht solcher Aussagen taucht vor dem geistigen Auge eine bekannte Reaktion des französischen Schauspielers Louis de Funes auf: Nein? Doch! Oh! [https://www.youtube.com/watch?v=OL8Eh2XLp80] Merz ist seit über einem Jahr Bundeskanzler. Und das ist, was er der Öffentlichkeit zu präsentieren hat? Was wir hier sehen, ist politische Dampfplauderei – von jener Person, die am Steuerungsrad der Republik steht. Und genau deshalb ist das Auftreten Merz‘ gefährlich. Deutschland steht vor gewaltigen, politisch verursachten Problemen. Und dann steht da ein Mann, der nicht im Ansatz die Probleme zu begreifen scheint – oder die Probleme vielleicht doch begreift, aber die Öffentlichkeit über die eigene Verantwortlichkeit hinwegtäuschen will. Titelfoto: Screenshot Video Merz[http://vg07.met.vgwort.de/na/bf0e1a783fc947e18934b6062e9ad90a]

22. kesä 20266 min
jakson 22. Juni 2026: Der Tag, an dem Friedrich Merz die Notbremse zog – Eine konkrete Utopie kansikuva

22. Juni 2026: Der Tag, an dem Friedrich Merz die Notbremse zog – Eine konkrete Utopie

Wie gravierend die Versäumnisse sind, deren sich die deutsche Politik im Hinblick auf die akute Gefahr einer kriegerischen Konfrontation mit Russland schuldig macht, erkennt man am besten im Kontrast. Skizzieren wir daher einen Augenblick lang eine konkrete Utopie, in der Kanzler Merz das dringend Gebotene tatsächlich umsetzen würde … Von Leo Ensel. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Verhältnisse erschließen sich nicht selten im Kontrast. Stellen wir uns also für einen Moment vor, was zwar nicht jenseits aller Vernunft, aber doch jenseits der aktuellen politischen Wahrscheinlichkeit liegt: Bundeskanzler Friedrich Merz würde – durch welches Damaskuserlebnis auch immer erweckt und konvertiert – seinen Amtseid, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden, plötzlich ernst nehmen, das Ruder energisch herumreißen und, soweit es in seiner Macht stünde, nicht nur alles dafür tun, den Ukrainekrieg schnellstmöglich zu beenden, sondern auch jeden künftigen Krieg in Europa wieder in den Bereich des Undenkbaren zu verbannen. Die Wende – 85 Jahre nach dem Überfall Kein anderes Datum würde sich dafür besser eignen als der kommende 22. Juni, der 85. Jahrestag des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion. Stellen wir uns also vor, Friedrich Merz tritt nächsten Montag vor die Presse und verkündet etwas, womit buchstäblich niemand gerechnet hatte. > „Die Bundesregierung wird ihre gesamte Außen- und Sicherheitspolitik neu ausrichten. Ziel deutscher Politik ist nicht die Vorbereitung eines Krieges mit Russland, sondern seine Verhinderung. Deutschland wird daher alle diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten nutzen, um die gegenwärtige Konfrontation in Europa schrittweise zu überwinden und eine neue Entspannungspolitik einzuleiten.“ Für einige Sekunden herrscht Stille – jene seltenen Sekunden, in denen sich Journalisten nicht sicher sind, ob sie richtig gehört haben. Dann fährt Merz fort: Deutschland werde selbstverständlich verteidigungsfähig bleiben. Die Bundeswehr werde modernisiert, Bündnisverpflichtungen würden eingehalten, niemand denke an einseitige Abrüstung. Aber Verteidigungsminister Pistorius werde ab sofort nicht mehr von „Kriegstüchtigkeit“ sprechen. „Kriegstüchtigkeit“, erklärt der Kanzler, „kann niemals das politische Ziel einer demokratischen Gesellschaft sein. Das Ziel muss Friedensfähigkeit sein. Die Aufgabe der Politik besteht nicht darin, Kriege vorzubereiten, sondern sie zu verhindern. Wir handeln hier im Einklang mit dem Friedensgebot unseres Grundgesetzes.“ Und dann folgen Sätze, die man einem Friedrich Merz so nicht zugetraut hätte: „Lassen Sie mich es ganz offen und unmissverständlich sagen: Deutschland, die EU, die NATO – wir alle haben uns in unserem Verhältnis zu Russland in eine Sackgasse manövriert! Und nicht erst seit dem Ukrainekrieg, sondern schon Jahrzehnte zuvor. Wenn wir auf dieser abschüssigen Bahn noch wenige Schritte weitergehen, dann droht die Lage unkalkulierbar zu werden – mit unabsehbaren Folgen für alle! Es gibt nur einen Ausweg: Wenn wir das Allerschlimmste für unser Land und unseren europäischen Kontinent verhindern wollen, dann müssen wir zurück zu der Devise eines meiner Vorgänger, Willy Brandt: ‚Wir wollen ein Volk guter Nachbarn sein!‘ Dies wollen, nein: müssen wir wieder werden. Und zwar nicht irgendwann, sondern schnellstmöglich.“ Der Kanzler belässt es jedoch nicht bei allgemeinen Versprechen. > „Konkret bedeutet das für uns: Wir streben einen kompletten ‚Reset‘ der sicherheitspolitischen Lage auf unserem Kontinent an – einen strategischen Neubeginn. Wir werden die in den vergangenen Jahren weitgehend eingefrorenen Kontakte zu Russland auf allen Ebenen schrittweise reaktivieren und parallel dazu eine umfassende diplomatische Initiative zur Beendigung des Ukrainekrieges starten. Dabei gilt unverändert: Eine dauerhafte Friedensordnung kann weder gegen die legitimen Sicherheitsinteressen der Ukraine noch gegen die Russlands geschaffen werden. Unser übergreifendes Ziel ist daher mittelfristig eine neue gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsordnung nach dem Prinzip der gemeinsamen Sicherheit aller Staaten – eine ‚Pariser Charta 2.0‘ für das 21. Jahrhundert! Alle diplomatischen Aktivitäten sind langfristig angelegt und werden mit der gebotenen professionellen Diskretion umgesetzt. > > Als erste vertrauensbildende Maßnahme werden wir sämtliche Projekte überprüfen, die geeignet sind, den Krieg über die Grenzen der Ukraine hinaus zu eskalieren. Gleichzeitig schlagen wir der russischen Seite vor, umgehend entsprechende Gegenschritte einzuleiten. Die Bundesregierung wird zudem einer Stationierung neuer landgestützter Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper auf deutschem Boden nicht zustimmen und schlägt stattdessen den USA und Russland unverzügliche Verhandlungen über einen aktualisierten INF-Vertrag vor.“ Das Echo Spätestens jetzt beginnen in den Redaktionen hektische Telefonate. In einigen Thinktanks läuten die Alarmglocken. In den sozialen Netzwerken bricht das erwartbare Inferno los. Die ersten Reaktionen folgen dem vertrauten Muster: Kommentatoren von der FAZ bis zur taz sprechen von einem „historischen Fehler“, manche sogar von einem „deutschen Sonderweg“. In Leitartikeln ist von einem „Signal der Schwäche“, einer „gefährlichen Illusion“ und einem „Geschenk an den Kreml“ die Rede. Die üblichen sicherheitspolitischen ‚Experten‘ erläutern in Talkshows, warum gerade jetzt der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für eine solche Initiative sei. Einige Oppositionspolitiker, aber auch ausgewiesene Hardliner der Regierungsparteien werfen dem Kanzler vor, die Geschlossenheit des Westens zu gefährden. Die Empörung bleibt jedoch weitgehend auf jene Milieus beschränkt, die den außen- und sicherheitspolitischen Diskurs der vergangenen Jahre dominiert hatten. In der breiteren Bevölkerung fällt das Bild differenzierter aus. Zwar gibt es Skepsis und Misstrauen, doch erste Umfragen zeigen, dass die Erleichterung überwiegt: Eine deutliche Mehrheit unterstützt weiterhin die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und die Bündnisverpflichtungen gegenüber den europäischen Partnern. Zugleich begrüßt eine ebenso große Mehrheit den Versuch, endlich eine diplomatische Initiative zu starten, die diesen Namen verdient. Die Bundesbürger wollen, ohne es konkret zu benennen, genau das, was im Kalten Krieg für die Politik der NATO handlungsleitend war: Sicherheit und Entspannung – so, wie die Harmel-Doktrin es formulierte. International dominiert dagegen zunächst die Skepsis: Die westlichen Partner fühlen sich übergangen, die Ukraine gar überrumpelt, in Russland reagiert man vorsichtig abwartend. Merz steht damit vor einer Aufgabe, die man mit ihm bislang kaum in Verbindung gebracht hätte: Geduldige, aber standfeste Diplomatie nach allen Seiten – das berühmte „kontinuierliche Bohren harter Bretter“! Und damit verlassen wir unsere konkrete Utopie. Der eigentliche Skandal: Warum kann das skizzierte Szenario unter den Bedingungen unserer aktuellen Politik nichts anderes bleiben als eben dies – eine Utopie? Dieser Artikel ist zuerst auf Globalbridge erschienen [https://globalbridge.ch/22-juni-2026-der-tag-an-dem-friedrich-merz-die-notbremse-zog-eine-konkrete-utopie/]. Titelbild: Ryan Nash Photography / shutterstock.com

Eilen9 min
jakson Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (25) kansikuva

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (25)

„Immer wieder ruft meine Mutter: „Junge! Beeil dich! Du verpasst deinen Zug!” Dass ich mich nicht beeilt habe, hat mir mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet.“ Gerade wollten wir unsere Reihe mit Folge 24 abschließen – doch dann erreichten uns noch zwei eindrucksvolle Texte mit den Erinnerungen des Vaters eines Lesers an die letzten Kriegsmonate, die er als 15-Jähriger erlebte. Gerne veröffentlichen wir diese, wieder sehr interessanten und bewegenden, Zeitzeugenberichte als Folgen 25 und 26. Hier der erste Teil. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403], den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464], den dritten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150486], den vierten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150605], den fünften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150632], den sechsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150671], den siebenten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150740], den achten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150816], den neunten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150812], den zehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150802], den elften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151038], den zwölften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151098], den dreizehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151156], den vierzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151209], den fünfzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151229], den sechzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151393], den siebzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151418], den achtzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151461], den neunzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151530], den zwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151546], den einundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151551], den zweiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151731], den dreiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151881] sowie den vierundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152445] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- Ein Wunder Liebes NachDenkSeiten-Team, ich schreibe Ihnen, weil ich von meinem Vater zwei Schriftstücke gefunden habe, in denen er seine Erfahrungen mit dem Krieg als 15-Jähriger festgehalten hat. (…) Vielleicht ist ja etwas für Ihre berührende Reihe dabei. Das würde mich und meinen Vater, der mittlerweile 97 ist, sehr freuen. Liebe Grüße Anonym Samstag, 6. Januar 1945. Es ist der fünftausendsiebenhundertsechsundneunzigste Tag meines Lebens. Oder einfacher: Ich bin 15 Jahre, 10 Monate und 19 Tage alt. Ein eiskalter, verhangener Wintermorgen in Stettin. Übermorgen, am 8. Januar beginnt die Schule nach den Weihnachtsferien. Ich muss früh raus, denn kurz vor neun geht mein Zug nach Schneidemühl. Wie üblich vertrödele ich die Zeit bei der Morgentoilette und beim Packen. Immer wieder ruft meine Mutter: „Junge! Beeil dich! Du verpasst deinen Zug!” Dass ich mich nicht beeilt habe, hat mir mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet. Endlich stehe ich also vor der Haustür, in der linken Hand eine Klappstulle (zum Frühstück hatte es nicht mehr gereicht), in der rechten mein Köfferchen. Ein Abschiedskuss, und ich stapfe durch den Schnee zum Gartentor. Und dann passiert das Wunder. Das Wunder, das mir das Leben gerettet hat. Rückblende: Seit 1942 erlebte Stettin laufend schwere Bombenangriffe. Nach den Angriffen wurde die HJ im sogenannten Katastrophenschutz organisiert. Das hieß, dass wir den Ausgebombten jede Art von Hilfe zu leisten hatten. Wir schleppten deren Möbel, soweit sie noch welche hatten, in Notquartiere. Wir schmierten stundenlang Brote, verpackten sie in Waschkörbe und verteilten sie an die Bedürftigen. Bei einem dieser Einsätze schenkte mir eine Frau einen Tesching ihres gefallenen Sohnes. Ein Kleinkalibergewehr mit Patronen! Ich hatte zur Konfirmation ein Luftgewehr geschenkt bekommen. Aber ein Tesching, das war etwas, wovon ich nie zu träumen gewagt hätte. Dieser Tesching sollte auf meiner Flucht noch eine Rolle spielen. Wegen der Katastropheneinsätze fiel immer öfter die Schule aus. Im Sommer 1943 folgte schließlich die Evakuierung der Schulen in vermeintlich bombensichere Gebiete. Meine Schule, das Marienstiftgymnasium, wurde nach Stargard in Pommern evakuiert. Da Stargard ein Bahnknotenpunkt in Westpommern war und Bahnknotenpunkte bevorzugte Luftangriffsziele waren, hielt mein Vater dieses Evakuierungziel für so unsinnig, dass er mich aus der Schule nahm und nach Schneidemühl schickte. Schneidemühl war Grenzstadt, direkt an der früheren polnischen Grenze. Dort wohnte ich im Haus des Oberbürgermeisters, dessen Tochter Patientin meines Vaters gewesen war. Ich ging aufs Freiherr vom Stein Gymnasium. Wenn man nun rückblickend die Entwicklung des Krieges betrachtet, dann war die Idee, mich nach Osten, gewissermaßen den Russen entgegenzuschicken, sicherlich noch wesentlich unsinniger. Und spätestens nach Stalingrad musste man mit einer dramatischen Entwicklung im Osten rechnen. Die Sommerferien 1944 wollte ich natürlich zu Hause in Stettin verbringen. Daraus wurde nichts, denn alle Jungs über 14 wurden eingezogen und nach Osten transportiert. Wir schaufelten monatelang Panzergräben, die die erwartete russische Offensive aufhalten sollten. Es handelte sich um zwei parallel verlaufende, über mannshohe Gräben. Und die perfide Idee war, in diesen Gräben zwei miteinander konkurrierende Einheiten schaufeln zu lassen. Aber die Rechnung ging auf. Wir schaufelten bis zur totalen Erschöpfung, nur um schneller zu sein als die anderen. Und diese Schinderei ging bis in den November hinein. Nur mit Sommerkleidung ausgerüstet, froren wir erbärmlich. Große Festsäle von Gastwirtschaften waren unsere Quartiere. Wir schliefen auf Stroh, das in vier langen Bahnen in den Saal geschüttet wurde. Wenn man Glück hatte, erwischte man einen Schlafplatz an der Wand. Denn wenn jemand nachts nach draußen musste, um ein Geschäft zu erledigen, stolperte er meistens über die in der Mitte Schlafenden. Aber das Schlimmste war die Unsitte, nachts steinharte halbe Kommissbrote blind in den Saal zu schleudern. Die Getroffenen schrien natürlich auf. Und die disziplinarische Maßnahme, die dann folgte, waren stundenlange Nachtmärsche. Obwohl ich nie ein begeisterter Schüler war, empfand ich nach dieser Schinderei die Schule als reine Erholung. Aber es waren nur noch knapp vier Wochen bis zu den Weihnachtsferien. Kurz vor Weihnachten also fuhr ich zum letzten Weihnachtsfest, das unsere Familie in Stettin feierte. Angesichts des zügigen Vormarsches der Russen und der sich bedrohlich nähernden Front war es alles andere als eine „fröhliche” Weihnacht. Mein Vater hatte zeitlebens eine große Vorliebe für Landkarten, wie man sie eigentlich nur aus dem Geographieunterricht kennt. Er besaß einen Kartenständer, wie ich ihn aus der Schule kannte. An diesem Ständer hingen immer irgendwelche Weltkarten. In diesen Weihnachtsferien hing da allerdings immer die gleiche Karte. Eine Karte von Ostdeutschland und angrenzenden Gebieten. Jeden Tag markierte er die Frontlinie, die man aus den Nachrichten erfuhr, mit roten Stecknadeln. Wenn ich an diese sich bedrohlich nähernde Stecknadelfront denke, ist es mir bis heute ein Rätsel, dass meine Eltern nicht auf die Idee kamen, meine Reise nach Schneidemühl zu verhindern. Und damit bin ich wieder am Morgen des 6. Januar 1945 in Stettin. Diesem grau verhangenen fünftausendsiebenhundertsechsundneuzigsten Tag meines Lebens. Ich stapfe durch den Schnee zur Gartentür, ich habe die Klinke schon in der Hand, als das Wunder auftritt. Das Wunder, dem ich mein Leben verdanke. Das Wunder trägt Postuniform und hält ein Telegramm in der Hand. Ein Telegramm für Günther Schramm. Mein Vater heißt genauso wie ich, nur mit dem Doktortitel davor. Natürlich glaubte ich, dass das Telegramm für meinen Vater bestimmt wäre. Telegramme, das waren immer kleine Sensationen! Telegramme gab es zu großen Ereignissen wie Goldenen Hochzeiten, Jubiläen und runden Geburtstagen ab 70. Wir sind heute so E-Mail- und SMS-verwöhnt, dass wir uns die Sensation eines Telegramms gar nicht vorstellen können. Aber nein, dieses Telegramm war nicht für meinen Vater, es war tatsächlich für mich. Und es kam vom Direktor des Freiherr von Stein Gymnasiums aus Schneidemühl. Er telegrafierte, dass in der Schule zurzeit ein Volkssturm-Kursus liefe und dass ich lieber noch zu Hause bleiben solle. Er würde mich benachrichtigen, wenn der Unterricht wieder begänne. Der Unterricht begann nie wieder. Und an dem Volkssturmkursus nahm natürlich meine ganze Klasse teil – außer mir. Die russische Offensive rollte auf Schneidemühl zu, und so wie in Bernhard Wickis Meisterwerk Die Brücke drückte man meinen Klassenkameraden Panzerfäuste in die Hand und schickte sie den Russen entgegen. Soweit ich erfahren konnte, hat keiner von ihnen überlebt. Hätte ich mich bei meiner Morgentoilette so beeilt, wie es meine Mutter wünschte, hätte der Telegrammbote mich nicht mehr angetroffen. ---------------------------------------- Hier können Sie den sechsundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152546] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. Titelbild: Cassowary Colorizations [https://www.flickr.com/people/150300783@N07] / Creative Commons [https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons] Attribution 2.0 Generic [https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en] license

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