SWR2 am Samstagnachmittag
„HARMLOSE“ GARTENHÄUSCHEN VOLLER ABGRÜNDE Die Berliner Künstlerin Andrea Pichl ist eine Kulissenbaumeisterin der besonderen Art. Sie untersucht, wie Architektur mit deutscher Historie, Politik und Gesellschaft zusammenhängt – das klingt etwas spröde, und erst einmal sieht es auch genauso aus. Doch hinter der Tarnung einer alltäglichen, fast langweiligen Form lauern bei Pichl dramatische Abgründe. Im Zentrum ihrer Heilbronner Ausstellung stehen – unschuldiger geht’s kaum – sechs Gartenhäuschen. WESTDEUTSCHE KONSUMARTIKEL „MADE IN DDR“ Eins davon scheint beinahe gemütlich eingerichtet, mit einem Sofa und lauter Krimskrams, zum Beispiel Puppen aus Sonneberg, die dann über Neckermann oder Quelle vertrieben wurden. In der DDR produzierte Kinderpuppen, erhältlich bei Quelle oder Neckermann? Skurril, davon wissen sicher wenige. Und was ist mit dem Rest dieser Installation, ein scheinbar willkürliches Sammelsurium westdeutscher Konsumartikel, von Damenstrümpfen bis zum IKEA-Sofa? Alles made in DDR, erklärt Andrea Pichl, aber nicht als Ost-Produkt gelabelt. Und schon gar nicht als hergestellt im Stasi-Knast. „Bettlaken der Marke Malimo wurden in Hoheneck produziert; oder Strumpfhosen, alles im Westen erhältlich. In Hoheneck waren politische Gefangene, und die haben diese Bettwäschen und Strumpfhosen produziert. Und das fand alles wissentlich statt.“ Während man noch damit beschäftigt ist, sich diese Konstellation klarzumachen – West-Unternehmen profitieren von Zwangsarbeit politischer Gefangener der DDR – erklärt Andrea Pichl schon die nächste Gartenlaube. DEVISENBRINGER AUS DEM STASI-KNAST Die ist aus dem Sortiment der DDR-Firma Genex, ein Unternehmen für „Geschenkdienste und Kleinexporte“ – gegründet auf Anordnung der DDR-Regierung. Das Geschäftsmodell: Ost-Produkte gegen Westgeld. „Die DDR musste ja auf Teufel komm raus Devisen generieren, unter anderem mit diesen Häusern. Die wurden in der DDR konzipiert, und dann waren sie erhältlich für Menschen mit Westgeld, also entweder Verwandte und Freunde, oder man besaß selber Westgeld und konnte sie kaufen und in seinen Garten in der DDR stellen.“ Es geht aber noch absurder: bei ihren Recherchen fand Andrea Pichl ein Foto, das Stasi-Mitarbeiter bei heimlichen Yoga-Übungen zeigt. Offiziell war Yoga verpönt, galt als westlich-dekadent – doch hinter zugezogenen Gardinen übte die Stasi das seelisch-körperliche Gleichgewicht, während ihre inhaftierten Opfer für Westfirmen roboten mussten. SECHS MAL ALS KUNSTSTUDENTIN ABGELEHNT Dass sich Andrea Pichl mit solch absurden Verschlingungen der deutsch-deutschen Geschichte befasst, hat biografische Gründe. Schon als Jugendliche war sie unangepasst, gehörte zur Ost-Berliner Subkultur-Szene, und wurde deswegen sechs Mal abgelehnt, als sie Kunst studieren wollte. Stattdessen bekam Pichl einen Studienplatz für Russisch und Englisch. Erst nach dem Ende der DDR konnte Andrea Pichl Kunst studieren, und entwickelt seither ihr konsequentes Werk. Die wahrwitzigen Labyrinthe der deutsch-deutschen Geschichte illustriert sie mit denkbar kühler, nüchterner Geste. „Alle Zeichnungen, die ich hier zeige, sind in A4 gehalten, alles Buntstift in dem billigsten Rahmen, weil diese Banalität des Bösen, die erlaubt keine Abstraktion.“ Und die Kunst von Andrea Pichl erlaubt es niemandem, sich einzurichten in der moralischen Überlegenheit, wie böse doch die DDR war und wie gut die BRD.
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Rekisteröidy nyt ja liity SWR2 am Samstagnachmittag-yhteisöön!