SWR2 Kultur Aktuell
Nicht erst seit Stade wissen wir: Frauen sind nirgendwo sicher. Es gibt für uns keinen „safe space“. Aber Stade hat noch einmal deutlich gemacht: Nicht einmal eine Mutter-Kind-Einrichtung, die sich explizit als Schutzraum versteht, kann vollkommene Sicherheit bieten. Sogar ihr Umfeld, das die Frauen und ihre Kinder im staatlichen Auftrag beschützen soll, ist vor männlicher Gewalt nicht gefeit. Bei dieser trostlosen Diagnose sollte man aber nicht stehenbleiben und kapitulieren. Der alternative Begriff „safer space“ sagt es schon: Frauen und ihr direktes Umfeld haben einen „sichereren Ort“ verdient. Sie haben es verdient, dass sie möglichst gut beschützt werden. Dazu gehört, dass die Behörden Warnungen ernst nehmen. Der Täter von Stade war schon mit Bedrohungen aufgefallen. Als gewalttätig eingestuft hatte ihn die Polizei trotzdem nicht. Sonst hätten auch Polizeibeamte beim Treffen anwesend sein können. PATRIARCHALE GEWALT BENENNEN Dazu gehört auch, dass die Politik die patriarchale Gewalt, die mehrheitlich von Männern gegen Frauen angewendet wird, benennt. Nicht als „singulären“ Fall, wie es Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens von der SPD gerade getan hat. Der Bundeskanzler wiederum könnte seine vorgebrachte „schwere Erschütterung“ auch bei den Hunderten von Femiziden im Jahr empfinden, und dann ins Handeln kommen. Die soziale Arbeit ist überall chronisch unterfinanziert. Frauenhäuser müssen Schutzsuchende aus Platzmangel abweisen. Aber lässt sich die Gewalttat von Stade als „Femizid“ oder „Erweiterten Femizid“ einordnen, wie es gerade auf Social Media passiert? Schließlich hat der Täter nicht seine Partnerin getötet, sondern die Mitarbeitenden des Jugendamtes, vier Frauen und zwei Männer. Streng genommen geht der Begriff also vorbei. Von Femiziden sollten wir trennscharf sprechen, um die Bedeutung nicht aufzuweichen. Außerdem gibt es ja schon ein Wort: den englischen Fachbegriff „Coercive Control“. Der beschreibt eine bestimmte Partnergewalt. Täter tun in ihrem Besitzdenken und Kontrollwahn alles, um über das Leben „ihrer“ Frauen zu bestimmen. Auch vor dem Umfeld, das ihnen vermeintlich im Weg steht, machen sie nicht Halt. Leider gibt es in den Jugendämtern und Familiengerichten noch wenige Menschen, die sich mit dieser Form der Gewalt auskennen. Wir brauchen einen Systemwandel, und der fängt im Kopf an.
10904 jaksot
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Rekisteröidy nyt ja liity SWR2 Kultur Aktuell-yhteisöön!