SWR Kultur lesenswert - Literatur
Tage voller Leichtigkeit, das Glitzern des Wassers, das Zirpen der Zikaden. Endlich Urlaub. Endlich Zeit zum Lesen. In den Buchhandlungen stapeln sich jetzt Romane mit türkisblauen Covern, Frauen im Pool oder Blicken aufs Meer. Sie versprechen eine kleine Flucht aus dem Alltag. Aber lesen wir im Sommer tatsächlich anders – oder sehen die Bücher nur anders aus? Auch Anna Rahm hat das Schaufenster ihrer Buchhandlung „Mit Büchern unterwegs“ in Ravensburg mit Sommertiteln dekoriert – lauter blaue Cover, auf denen jemand am oder im Wasser zu sehen ist. Über den Büchern baumelt ein blauer Badeanzug. „Die Cover sind wunderschön, es macht einfach Spaß zu denken, oh, Wasser, jetzt zum Baden gehen, ein gutes Buch mitnehmen. Da geht es nicht darum, das sind die Sommerbücher, die gelesen sein sollen, sondern das Gefühl zu vermitteln.“ Viele Verlage setzen jetzt gezielt auf atmosphärische Romane, die Urlaubsstimmung versprechen. Das gefühlvolle Debüt „Weißer Sommer“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/eva-pramschuefer-weisser-sommer-102.html] von Eva Pramschüfer ist so ein Buch oder das witzig-böse „Supertoskana“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/buchtipp-supertoskana-von-max-kueng-100.html] von Max Küng. Auch hanserblau hat sich für den Titel „Dem Meer entgegen“ bewusst für einen Auslieferungstermin im Juli entschieden – in der Hoffnung, auf den Sommertischen zu landen, erzählt Verlagsleiterin Emily Modick: „Das ist natürlich ein Buch, das wir wegen seines Textes gekauft haben. Aber es spielt im Sommer an der kroatischen Küste – es ist einfach zu perfekt, um ihm nicht auch ein tolles Sommercover zu geben.“ Nun ziert das Buch eine mit breiten Pinselstrichen gemalte Frau am Strand, die melancholisch zu Boden schaut. Die kroatische Autorin Lidija Hilje erzählt in ihrem Debütroman eine Liebesgeschichte vor der Kulisse des Kroatienkrieges. SOMMERBUCH: ERFINDUNG AUS DEM 19. JAHRHUNDERT Der Sommerroman ist kein eigenes Literaturgenre, sondern vor allem ein Verlags- und Lesekonzept. Seine Ursprünge liegen im 19. Jahrhundert, als wohlhabende Städter in die Sommerfrische aufs Land oder ans Meer entflohen – mit Büchern im Reisegepäck. Als Urlaub für immer mehr Menschen selbstverständlich wurde, entdeckten Verlage die Ferienlektüre als eigenen Markt. Seitdem gehören Sommertische, Buchempfehlungslisten und Cover mit Sehnsuchtsfaktor fest zum Buchsommer. Aber landet deshalb tatsächlich ein anderes Buch im Koffer? „Auf Englisch gibt es ja den Begriff ‚beach read‘“, sagt Verlagsleiterin Modick – ein Buch, das man am Strand liest, das sandig werden darf und sich vom Wasser wellt. „Die Sonne knallt einem auf den Kopf, man kann sich gar nicht auf ein kompliziertes Buch konzentrieren, es muss leichtgängig sein.“ Anna Rahm, Buchhändlerin in Ravensburg, sieht eigentlich keinen großen Unterschied. Nur: Wer sonst ein einziges Buch kauft, nimmt jetzt gleich drei mit. Allerdings kommt in der Urlaubszeit auch ganz andere Kundschaft in ihren Laden. „Wir haben in Ravensburg sehr viele Touristen, die die Buchhandlung entdecken.“ Seit etwa zwei Monaten verändere das ihre Arbeit, sagt Rahm. Meist kommen Kundinnen und Kunden, die ein Buch für sich oder als Geschenk suchen. Die Sommerkundschaft stelle andere Wünsche. „Das fordert mich durchaus heraus, aber es hält einen frisch.“ WAS MACHT EIN GUTES SOMMERBUCH AUS? Was ein gutes Sommerbuch ausmacht? Eines, das fesselt, bei dem man alles stehen und liegen lässt – denn das kann man im Urlaub. Und was wird gerade tatsächlich gelesen? Passanten am Rheinufer in Mainz antworten: Ein trauriges Buch, das zur Zeit der Belagerung von Leningrad spielt, sagt eine Person. „Iron Widow“, sehr zu empfehlen für Science-Fiction-Fans, antwortet eine andere. „Der Kartause von Parma“ von Stendahl, ein Buch, in dem man abtauchen könne, antwortet eine weitere. Krieg, Science-Fiction und Klassiker – klingt irgendwie so gar nicht sommerlich. Vielleicht verändert der Sommer also gar nicht so sehr unseren Geschmack, sondern vor allem die Art, wie wir lesen. Endlich ist Zeit für Bücher, die im Alltag liegen geblieben wären. AUCH SCHWERE THEMEN FÜR DEN URLAUB Oft steckt das Sommergefühl weniger zwischen den Buchdeckeln als auf dem Umschlag. Denn auch im Urlaub greifen viele zu schweren Themen – nur die Verpackung suggeriert Leichtigkeit. Emily Modick erinnert an den Bestseller „22 Bahnen“ von Caroline Wahl [https://www.swr.de/kultur/literatur/schreiben-als-schutzraum-die-bestseller-autorin-caroline-wahl-100.html]: Auf dem Cover springt eine Frau ins Wasser. „Das sieht nach leichter Sommerlektüre aus, und es spielt auch viel im Schwimmbad. Aber es werden sehr schwere Themen wie Alkoholismus und Vernachlässigung von Kindern verhandelt.“ Eine Geschichte über toxische Familienverhältnisse, sommerlich verpackt und so einem Millionenpublikum zugänglich gemacht. Im Verlagswesen heißt das „Positionierung“: Schon bei der Vorbereitung der Veröffentlichung wird entschieden, wie das Buch im ersten Moment nach außen wirken soll. BESTSELLER UND BOOKTOK-HITS ZIEHEN – DAS GANZE JAHR ÜBER Wenn die Verlagsleiterin am eigenen Urlaubsstrand schaut, was gelesen wird, sieht sie vor allem eines: Bestseller – und zwar jene, die schon Monate zuvor Erfolg hatten. In diesem Jahr dürften das etwa der auf Social Media gehypte Tradwife-Roman „Yesteryear“, die Psychothriller von Liz Nugent oder die Logik-Krimireihe „Murdle“ sein: Bücher, zu denen „gerade alle greifen, die in den Urlaub fahren“. Die perfekte „Sommerlektüre“ ist aber eher Marketing als Realität. Es gibt ihn nicht, den einen Sommerroman. Gelesen wird alles: Bestseller, Klassiker, Krimis, Fantasy. Was im Frühjahr läuft, verkauft sich im Sommer einfach noch besser. Sommerlich gestaltete Titel locken zwar in den Buchladen, doch viele Kundinnen und Kunden gehen mit ganz anderer Lektüre wieder hinaus. In ihrer Buchhandlung in Ravensburg erlebt Rahm Urlauber als besonders offen und neugierig – bereit, im Urlaub auch mit Büchern Abenteuer zu wagen. Entscheidend ist wie immer das Gespräch und die individuelle Empfehlung. Am Ende verändert der Sommer weniger das, was wir lesen, als wie wir lesen: Er schafft endlich Zeit und Muße, sich auf Literatur einzulassen.
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Rekisteröidy nyt ja liity SWR Kultur lesenswert - Literatur-yhteisöön!