SWR Kultur lesenswert - Literatur

Özge Inan: „Ich mache mich als Autorin mitschuldig an dem, was ich beschreibe“

11 min · 31. heinä 2026
jakson Özge Inan: „Ich mache mich als Autorin mitschuldig an dem, was ich beschreibe“ kansikuva

Kuvaus

AUFSTIEG EINER JUNGEN DICHTERIN  Mit „Die Dichterin“ legt Özge Inan einen Roman vor, der den Literaturbetrieb als Spannungsfeld von Wahrheit, Erzählung und Aufmerksamkeitsökonomie ins Zentrum stellt.  Im Buch wird die gefeierte Lyrikerin Emma Rodenstock zur Projektionsfläche einer Klassismus-Debatte und zugleich zur Figur in einem literarischen Spiel mit Authentizität.  JÄGERIN UND GEJAGTE  Der Roman lebt von der Dynamik zwischen zwei Frauen: der Dichterin Emma und der jungen Journalistin Nazanin Esfahani. Die möchte Emma Rodenstock eigentlich nur für ein Porträt interviewen. Doch dann fällt ihr auf, dass an Emmas Biografie – sie verarbeitet in ihren Gedichten ihr Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen in Spandau – etwas nicht stimmen kann.  „Früher oder später begeben sie sich in eine Situation der Jägerin und der Gejagten“, sagt Inan im Gespräch bei SWR Kultur. Aus einem harmlosen Porträt wird ein Journalismus-Thriller über Widersprüche, Inszenierungen und den Wunsch nach der „guten Geschichte“.  MIGRATION OHNE OPFERROLLE  Besonders eindrücklich ist, wie Inan dabei Nazanins Herkunft miterzählt: nicht als Defizit, sondern als selbstverständlicher Teil ihrer Professionalität.   Özge Inan ist diese Darstellung wichtig, denn sie empfindet sie als authentische Darstellung einer Lebenswelt: Menschen mit Migrationsgeschichte, „die einfach ihren Job machen. Punkt.“  ANKLAGE UND MITSCHULD  Inan klagt in ihrem Roman nicht nur Medien und Feuilleton an, „die die Wirklichkeit in Gefäße pressen“, sondern auch sich selbst, als Autorin: „Ich bin natürlich Teil dieses Vertrags zwischen Autorin und Leserinnen.“ Der Roman zeigt den Literaturbetrieb als „exzellentes Feld für Lügen und Schwindeleien“.  Wie viel Wahrheit verträgt dieser Betrieb wirklich?

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jakson Özge Inan: „Ich mache mich als Autorin mitschuldig an dem, was ich beschreibe“ kansikuva

Özge Inan: „Ich mache mich als Autorin mitschuldig an dem, was ich beschreibe“

AUFSTIEG EINER JUNGEN DICHTERIN  Mit „Die Dichterin“ legt Özge Inan einen Roman vor, der den Literaturbetrieb als Spannungsfeld von Wahrheit, Erzählung und Aufmerksamkeitsökonomie ins Zentrum stellt.  Im Buch wird die gefeierte Lyrikerin Emma Rodenstock zur Projektionsfläche einer Klassismus-Debatte und zugleich zur Figur in einem literarischen Spiel mit Authentizität.  JÄGERIN UND GEJAGTE  Der Roman lebt von der Dynamik zwischen zwei Frauen: der Dichterin Emma und der jungen Journalistin Nazanin Esfahani. Die möchte Emma Rodenstock eigentlich nur für ein Porträt interviewen. Doch dann fällt ihr auf, dass an Emmas Biografie – sie verarbeitet in ihren Gedichten ihr Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen in Spandau – etwas nicht stimmen kann.  „Früher oder später begeben sie sich in eine Situation der Jägerin und der Gejagten“, sagt Inan im Gespräch bei SWR Kultur. Aus einem harmlosen Porträt wird ein Journalismus-Thriller über Widersprüche, Inszenierungen und den Wunsch nach der „guten Geschichte“.  MIGRATION OHNE OPFERROLLE  Besonders eindrücklich ist, wie Inan dabei Nazanins Herkunft miterzählt: nicht als Defizit, sondern als selbstverständlicher Teil ihrer Professionalität.   Özge Inan ist diese Darstellung wichtig, denn sie empfindet sie als authentische Darstellung einer Lebenswelt: Menschen mit Migrationsgeschichte, „die einfach ihren Job machen. Punkt.“  ANKLAGE UND MITSCHULD  Inan klagt in ihrem Roman nicht nur Medien und Feuilleton an, „die die Wirklichkeit in Gefäße pressen“, sondern auch sich selbst, als Autorin: „Ich bin natürlich Teil dieses Vertrags zwischen Autorin und Leserinnen.“ Der Roman zeigt den Literaturbetrieb als „exzellentes Feld für Lügen und Schwindeleien“.  Wie viel Wahrheit verträgt dieser Betrieb wirklich?

31. heinä 202611 min
jakson Wie Literatur Halt gibt, wenn Hass die Öffentlichkeit vereinnahmt: „Lesen per se ist schon widerständig“ kansikuva

Wie Literatur Halt gibt, wenn Hass die Öffentlichkeit vereinnahmt: „Lesen per se ist schon widerständig“

EIN ANSCHLAG, EIN BUCH, EIN RAUER WIND Der tödliche islamistische Angriff [https://www.swr.de/video/sendungen-a-z/report-mainz/sb-csd-terroranschlag-0728-100.html] auf den Berliner CSD hat Bianca-Maria Brandshofer tief getroffen: „Es ist schon ein Tieferschlag, ein Rückschlag, aber gleichzeitig dürfen wir uns davon nicht total verunsichern lassen.“ Die Mitbegründerin der queer-feministischen Buchhandlung o*books in Wien sieht den Anschlag im Kontext eines „anderen, raueren Windes“, der seit Jahren gegen queeres Leben weht. Diese Stimmung ist Ausgangspunkt für das Sachbuch „Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm“, das sie gemeinsam mit Tobi Schiller und Marlon Braunshofer geschrieben hat. WAS MACHT EINEN TEXT QUEER? Gemeinsam gehen sie auch der Frage nach, was ein Buch queer macht: Queer sei „alles, was nicht der heteronormativen, gesellschaftlich akzeptierten Form des Lebens oder Liebens“ entspricht, meint Braunshofer im Gespräch im SWR Kultur „lesenswert Magazin“. Im Buch eröffnet das Autor*innentrio einen Kanon von Sappho bis Thomas Mann – und entdeckt Queerness sogar neu bei Kafka. LESEN ALS LEISER WIDERSTAND Doch wie kann Literatur Akzeptanz vermitteln? Brandshofer beschreibt Lesen als widerständigen Akt: „Lesen per se ist ja ein Akt, der schon alleine, weil er so leise ist, widerständig sein kann.“ Literatur könne Identifikation ermöglichen, „Exit-Strategien“ bieten und helfen, gesellschaftliche Bedrohungen innerlich zu verarbeiten. QUEERNESS INS KLASSENZIMMER Brandshofer fordert mehr vollständige Bücher in Lehrplänen und Mut zur queeren Schullektüre: Queerness gehöre „zu unser aller Leben dazu“. Ihr Gespräch macht deutlich: Wer queer liest, liest die Welt anders – und lernt, sie nicht kampflos hinzunehmen.

31. heinä 20269 min
jakson „Wenn ich dieses Buch lesen würde, würde ich es gegen die Wand werfen“ kansikuva

„Wenn ich dieses Buch lesen würde, würde ich es gegen die Wand werfen“

VIELE LÜGEN AB DER ERSTEN SEITE Schon auf der ersten Seite beginnt diese Ruby Cooper, ihre Leserinnen und Leser zu täuschen, lügt und betrügt. Und trotzdem folgt man ihr bereitwillig über mehr als fünfhundert Seiten: > „Zum zweiten Mal innerhalb von sechs Wochen bin ich neben dem falschen Ehemann aufgewacht. Meine Kleider waren überall im Zimmer verstreut, genauso wie damals in Boston und ich versuchte nicht daran zu denken. Schuld ist meine Schwester.“ > > > Quelle: Liz Nugent – Die Wahrheit über Ruby Cooper LIZ NUGENT BETRITT VERMINTES GELÄNDE Ruby wächst Ende der 90er als Tochter eines Pastors in Boston auf. Ihre Familie ist wohlhabend, liebevoll. Eines Tages beschuldigt sie Milo, den Freund ihrer Schwester Erin, der Vergewaltigung. Die Beweise sind erdrückend und Milo wird zu 13 Jahren Haft verurteilt. Und auch Erin ist schließlich von Milos Schuld überzeugt. > „Er blieb dabei, dass es keine Penetration gegeben habe und dass er sich gegen sie wehren musste. Ein zierliches Mädchen wie Ruby? Ein DNA Test besiegelte sein Schicksal und brach mein Herz in zwei Teile.“ > > > Quelle: Liz Nugent – Die Wahrheit über Ruby Cooper Ohne zu viel zu verraten: die Vergewaltigung hat es nicht gegeben, Ruby lügt. Liz Nugent [https://www.swr.de/kultur/literatur/liz-nugent-seltsame-sally-diamond-102.html] betritt damit vermintes Gelände – und das ganz bewusst: Vorgetäuschte Vergewaltigungen kommen nur äußerst selten vor, viel wahrscheinlicher ist es, dass Vergewaltigungsopfern nicht geglaubt wird. Dass ihr Roman durchaus als antifeministisches Statement betrachtet werden könnte, diese Befürchtung hatte die irische Autorin Liz Nugent beim Schreiben natürlich auch. Trotzdem hofft sie, dass die Leserinnen ihren Frust über Ruby nicht am Buch abreagieren. „ICH HOFFE, DIE LESER WERFEN DAS BUCH NICHT GEGEN DIE WAND“ „Gott, wenn ich dieses Buch lesen würde – würde ich es gegen die Wand werfen oder weiterlesen, sobald ich an diese Stelle komme? Und ich hoffe, dass niemand es gegen die Wand wirft; ich hoffe, dass an dieser Stelle niemand aufgibt, denn man muss einfach weiterlesen, um zu erfahren, was der Vorfall tatsächlich für Konsequenzen hat“, sagt Liz Nugent über ihr Buch. Es geht Liz Nugent weder um einen gesellschaftspolitischen Kommentar, noch um die Details eines Kriminalfalls. Sie interessiert sich für Fragen von Schuld und für das Seelenleben ihrer Figur, einer Figur, die kaum auszuhalten ist. Neben ihrer älteren Schwester Erin fühlt Ruby sich minderwertig, denn Erin ist hübscher, klüger, beliebter – Ruby ist zutiefst neidisch. RUBY IST KEINE EINDIMENSIONALE BÖSEWICHTIN Ruby lügt und täuscht ihre Umgebung jahrzehntelang. Dennoch ist sie keine eindimensionale Bösewichtin- sondern einfach nie über Verletzungen, die sie als Jugendliche erlebt hat, hinweggekommen. Nugent beschreibt: „Zum einen gibt es einen sehr gruseligen Vorfall mit einem Mann aus ihrer Kirchengemeinde. Und dann hört sie eines Abends wie ihr Vater zu ihrer Mutter sagt: Warum kann Ruby nicht wie ihre Schwester Erin sein? Sie macht es einem schwer, sie zu lieben. Und wissen Sie, wenn Sie das Ihren Vater über sich sagen hören, wie verletzt wären Sie?“ Liz Nugent entschuldigt ihre Protagonistin nicht, macht aber deutlich, wie sehr Kränkungen sich in die Seele eingraben können. Die Geschichte folgt Ruby über Jahrzehnte ihres Lebens. Sie zieht mit ihrer Mutter, die ursprünglich aus Irland kommt, weg aus den USA, nach Dublin. Die einst glückliche Familie zerreißt und Ruby findet keinen Frieden. Passenderweise wird sie Schauspielerin. Und: Alkohol- und Drogenabhängig, die Sucht ist der Preis, den sie für die Lüge zahlt. OHNE EHRLICHKEIT KANN MAN DIE SUCHT NICHT BESIEGEN „Ich sollte eine siebenwöchige Entziehungskur machen. Man musste bei der Ankunft nüchtern sein. Mom gab mir noch ein paar Ratschläge, bevor ich hineinging: ‚Denk dran, Ruby, du bist ein Vergewaltigungsopfer, das ist die Wurzel deines Problems. Sag ihnen, was du der Polizei gesagt hast. Ich bin sicher, sie werden dir helfen können‘“. Suchterkrankungen sind ein großes Thema des Romans. Liz Nugent kennt sich damit aus, auch ihr Vater war alkoholabhängig. „Ehrlichkeit ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Sucht. Aber Ruby kann nicht ehrlich sein. Sie hat Phasen, in denen sie trocken ist, aber sie ist nie wirklich trocken, weil sie nie wirklich ehrlich ist“, erklärt Liz Nugent. DIE FIGUREN FÜHREN LIZ NUGENT DURCH DEN ROMAN „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein Roman, der genau darum kreist: Unehrlichkeit und Selbsttäuschung – um die Geschichten, die Menschen sich erzählen, damit sie weiterleben können. Liz Nugent braucht keine billigen Cliffhanger, sondern vertraut auf die Sogwirkung des komplexen Psychogramms ihrer Figur. Sie plant ihre Romane nicht bis ins Detail, weiß selbst am Anfang nicht wie die Geschichte ausgeht. Sie lässt sich einfach von ihren Figuren leiten: „Ich fordere meine Leser gerne heraus, und ich mag es, wenn die Dinge unvorhersehbar sind. Ich glaube, genau deshalb plane ich meine Bücher auch nicht im Voraus“, sagt Liz Nugent über ihren Schreibprozess. „Würde ich sie planen, könnte ich es mir wahrscheinlich nicht verkneifen, hier und da einen kleinen Hinweis einzubauen. Aber das mache ich nicht. Und ich denke: Wenn es für mich eine Überraschung ist, dann ist es das auch für den Leser.“ PSYCHOTHRILLER AUF HÖCHSTEM NIVEAU Immer wieder bekommt Ruby die Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen. Und immer wieder entscheidet sie sich dagegen. Man sieht ihr dabei zu, wie sie das Leben aller Menschen zerstört, die ihr nahestehen – und schließlich auch ihr eigenes. Sie führt ihre Leserinnen und Leser tief in Rubys Gedankenwelt – und es ist wirklich keine schöne Welt.  „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein Psychothriller auf höchstem Niveau, brillant konstruiert, der mit jeder Seite heftigere Emotionen auslöst.  „Ich weiß, dass man Ruby nicht mögen wird. Sie ist keine sympathische Figur, aber irgendwie kompliziert. Als ich sie geschrieben habe, war ich sie gewissermaßen selbst. Deshalb kann ich alles aus ihrer Perspektive sehen. Und ich verstehe, wie viel sie zu verlieren hat, wenn sie die Wahrheit sagt.“ So beschreibt Nugent ihre Protagonistin: „Ich habe wohl etwas mehr Mitgefühl mit ihr, als es die Leser vermutlich haben werden. Ich glaube, die Leser werden sie wirklich hassen, aber ich hoffe, dass sie sich trotzdem auf die Reise mit ihr einlassen.“ EIN EXTREM KLUGER SOGROMAN „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein extrem kluger Sogroman über Schuld und die zerstörerische Macht einer einzigen Lüge. Ruby Cooper ist eine Figur, die man liebt zu hassen. Man möchte sie schütteln, anschreien, sie endlich die Wahrheit sagen hören – gerade deshalb kann man Ruby einfach nicht entkommen. Selten war eine Romanfigur so schwer zu ertragen – und so unmöglich wieder zu vergessen.

Eilen6 min
jakson Lieben mit Preisschild kansikuva

Lieben mit Preisschild

Michelle ist Anfang 30 und steht vor dem Nichts: Ihre Mutter ist an Krebs gestorben, sie hat hohe Schulden, und den kleinen Schmuckladen, in den sie so viel Herzblut gesteckt hatte, musste sie schließen. Also steigt sie auf ihre Vespa, lässt die Kleinstadt in der Lausitz, in der sie aufgewachsen ist, hinter sich und nimmt einen Job in einem Hotel an. Sie kommt gerade so über die Runden: „Wenn ihr am 20. des Monats die Raten für die Kredittilgung abgezogen wurden, lebte sie bis zur Lohnzahlung am 29. oder 30. von Nudeln und Gemüsebrühe. Sie wollte auf keinen Fall die Vespa verkaufen, dann lieber nach Feierabend noch eine Extra-Runde auf den Fluren drehen und kalte Pommes von den Servierwagen klauen.“ LIEBE AUF UNGLEICHEM TERRAIN Eines Abends lernt Michelle Henry kennen. Er ist attraktiv, intelligent, durch und durch ehrlich und – zumindest in Michelles Augen reich, denn er wohnt in einer Eigentumswohnung und verdient gut in der Finanzbranche. Schnell verliebt sich Henry heftig in Michelle. Er ist fasziniert von ihrer Bodenständigkeit und träumt bald von einer gemeinsamen Zukunft. Nur, dass Geld so ein großes Thema für Michelle ist, versteht er nicht, denn in seiner Welt gab es immer genug davon. „‚Wie fühlt es sich eigentlich an, so abgesichert zu sein?‘, fragte sie ihn in einer Nacht, in der sie nicht schlafen konnte. ‚Es fühlt sich…normal an. Schätze ich‘, sagte er schließlich langsam. ‚Es ist etwas … Selbstverständliches für mich.‘ ‚Ich stelle es mir vor wie eine warme Dusche, wie ein weiches Bett, als wäre das Leben dann perfekt.‘“ In ihrem zweiten Roman erzählt Ruth Maria Thomas keine klassische Liebesgeschichte, sondern davon, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Welt erleben können - je nachdem, mit welchen Voraussetzungen sie ins Leben gestartet sind. Klassenunterschiede verhandelt sie in den kleinen Reibungen des Alltags: beim Restaurantbesuch, bei Urlaubs- und Zukunftsplänen. ROMANTIK MUSS MAN SICH LEISTEN KÖNNEN Michelle ist dabei die stärkste Figur des Romans. An ihr zeigt Thomas, dass Armut nicht nur den Kontostand verändert, sondern auch das Denken. Michelle fehlt nicht das Selbstvertrauen – ihr fehlt die Freiheit, Risiken einzugehen. Sie wirkt sehr berechnend, sieht überall Preisschilder und scheint sich ebenso in Henrys finanzielle Sicherheit wie in den Mann selbst zu verlieben. Romantik ist für Michelle kein Luxus, den sie sich leisten kann. > ‚Du möchtest mich heiraten, damit ich … mich sicher fühle?‘ ‚Damit du abgesichert bist.‘ Statt nach dem Ring griff sie nach ihrer Zigarettenschachtel. ‚Mit wie viel Geld wäre ich denn abgesichert?‘ > > > Quelle: Ruth-Maria Thomas – Die zweitgrößte Liebe Ihm wurde heiß, sein Kopf wurde schwerer, wieso musste sie von Zahlen anfangen, sie waren im Urlaub im Land der Liebe, und er hatte ihr gerade einen verdammten Ring an den Finger stecken wollen. WO DER ROMAN ZU VIEL ERKLÄRT Ruth-Maria Thomas besitzt ein gutes Gespür für Dialoge und zwischenmenschliche Spannungen. Ihre Figuren sprechen lebendig und lebensnah, sie findet starke Szenen. Gleichzeitig vertraut sie der Wirkung dieser Szenen nicht immer und lässt stattdessen ihre Figuren ihre Gefühle und gesellschaftlichen Konflikte erklären, obwohl die längst klar sind: „‚Zieh zu mir. Zieh zu mir, spar dir die Miete, ich unterstütze dich.‘ Und er erschrak kurz über seine eigene Courage. ‚Du spinnst‘, sagte sie, und er konnte nicht erkennen, ob sie ihr Gesicht verzog“, schreibt sie. „Mit den nun glühendsten Wangen des Universums entschuldigte er sich, so habe er es nicht gemeint, nein, unterstützen im Sinne von dabei unterstützen, vielleicht doch noch einmal anzufangen, mit dem Schmuck, mit dem, was sie so sehr konnte und liebte, und da seufzte sie nur: ‚Ach, du Träumer.‘“ „Die zweitgrößte Liebe“ ist ein Roman, der die richtigen Fragen stellt: Wie frei kann Liebe eigentlich sein, wenn Geld ständig mit am Tisch sitzt? Nicht jede Szene trifft den richtigen Ton, doch Ruth Maria Thomas gelingt ein präzises Porträt zweier Menschen, die sich lieben – und dennoch an völlig unterschiedlichen Vorstellungen von Sicherheit scheitern.

Eilen4 min