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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (2)

16 min · 16 de may de 202616 min
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Descripción

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150104] unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen berührenden Beiträge! Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an leserbriefe@nachdenkseiten.de [leserbriefe@nachdenkseiten.de] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken. ---------------------------------------- Eine Rinderleber ist groß Ich, Uwe Klinger, bin 1938 in Berlin-Wedding geboren (Der Rote Wedding), jetzt 88 Jahre alt und habe noch die Erinnerungen an den Endkampf der Sowjetunion. Mein Vater kam ins KZ. Er hatte gegen die Judenverfolgung demonstriert. Wurde aber später – mit anderen Gefangenen – für die deutsche Wehrmacht gebraucht. Er und viele andere Gefangene kamen in das Strafbataillon 999. Meine Mutter und ich haben in der Müllerstraße (Wedding) einen französischen Kriegsgefangenen, der dort Schienenarbeiten für Straßenbahnen machte, entführt. Meine Mutter hatte oft, so wie es möglich war, etwas Brot an der Fahrbahnkante abgelegt. Die Männer … Sie waren alle fast verhungert. Somit beschloss meine Mutter, dem einen Gefangenen zu helfen. Ich nahm einen Tennisball und spielte an der Straßenkante mehrere Tage. Meine Mutter gab dem Aufseher auch etwas zu essen. Eines Tages warf ich den Tennisball zu dem Kriegsgefangenen und als er ihn mir gab, rannten wir beide in den Hausflur. Dort hatte meine Mutter Kleidung abgelegt, er zog sie über und wir liefen zu uns nach Hause. Hier wusch er sich und zog die Kleidung von meinem Vater an. Mutter kam nach und wir machten uns auf den Weg zur S-Bahn Wedding, fuhren bis Ostkreuz und stiegen um und fuhren mit dem Dampfzug nach Strausberg, wo wir am Stienitzsee ein Campinghäuschen hatten. Dort verbrachte er – immer versteckt – ein halbes Jahr. 1943, im August wollte er – aufgepäppelt – zurück nach Frankreich. Kontakt hatten wir nicht. Jahre später erhielten wir ein Paket mit Schokolade. Hier am Stienitzsee habe ich bis Ende 1944 meine Kindheit verbracht. Im Wald lag eine Panzerdivision. Diese Männer fragten meine Mutter, ob sie für die Soldaten was zu essen machen könnte. Sie besorgten es, meinten dann, sie dürften den Wald nicht verlassen, sonst würde man sie von der SS erschießen. Am nächsten Tag warfen sie Handgranaten in den See und holten die betäubten Fische aus dem See und brachten sie zu meiner Mutter, die dann bis in die Nacht hinein Fische gebraten hat für ca. 20 Panzersoldaten. Tage später knallte es im Wald und die Soldaten brachten Hasen und Wildkaninchen und enthäuteten die Tiere und machten sie bratfertig. Tage später tauchte ein Angelboot über dem See auf und der Offizier in Uniform sagte zu meiner Mutter, wir sollten hier weggehen, die Soldaten gehen nach Berlin zur Verteidigung. Mutter soll sich im Dorf (Heinickendorf) melden beim Fleischer auf dem Hof. Hier wird alles, was 4 Beine hat, geschlachtet. Der Soldat, der dort schlachtete, gab uns eine Rinderleber und einen Kuhkopf sowie einen großen Handwagen zum Ziehen mit einer Lenkstange. Wir fuhren zurück mit dem Handwagen und mit Kuhkopf und Leber. Mutter war gerade beim Braten der Leber, da tauchten plötzlich zwei junge Soldaten auf und hatten Hunger. Eine Rinderleber ist groß. Die Soldaten wollten nach Berlin und warfen ihr Gewehr und Patronen ins Gebüsch. Daraufhin sagte meine Mutter, sie sollten sofort das Gewehr und die Patronen wieder an sich nehmen. Wenn sie „Kettenhunden“ (MILITÄRPOLIZEI) begegnen ohne Waffen, werden sie erschossen. Sie zogen dann los mit ihren Waffen und mit dem Rest von der gebratenen Leber. Die Eisenbahn in Strausberg fuhr nicht mehr nach Berlin, so zogen wir den voll beladenen Handwagen mit 5 Frauen und 2 Kindern auf der B1 nach Berlin – mit den Soldaten, Panzern, Flakgeschützen und Transportern mit verwundeten Soldaten. Als es dunkel wurde, tauchten Flugzeuggeräusche auf und alle mussten von der Straße runter. Es wurde von oben geschossen. Mutter warf sich auf mich, um mit ihrem Körper mein Leben zu retten. Wir mussten uns mehrmals unter den Bäumen am Straßenrand verstecken. Im Morgengrauen erreichten wir Berlin und nahmen nur Handgepäck, um weiter den Wedding, die Müllerstraße, zu erreichen. Der Wagen blieb bei einer der Frauen zurück, dort, wo sie wohnte. Wochen später begann die Eroberung Berlins. Der Keller wurde unser Zuhause. Soldaten kamen rein und rannten wieder raus und meinten, dass der Keller ein Sarg sei. Mutter und zwei Frauen standen vor dem Hauseingang und zwei junge Burschen kamen mit je einer Panzerfaust, so sagte es mir meine Mutter. Sie zogen die Jungs in den Hausflur, nahmen ihnen die Panzerfaust ab und versenkten diese in einem Löschbecken auf dem Hof, das im Notfall für das Löschen im Haus angelegt war. Die Jungs bekamen andere Kleidung, die viel zu groß ist. So haben die Frauen sie mit Sicherheitsnadeln passend gemacht. Die Kinder zitterten am ganzen Körper und meine Mutter brachte sie nach Hause, was nicht ganz ungefährlich war. Die SS nahm keine Rücksicht. Wer in Verdacht kam, wurde erschossen. Eine Woche später: Wir schliefen bei Oma in der Erdgeschosswohnung. Ich hörte das Getrampel, es tauchten Pferdewagen auf – 6 Wagen und die Pferde. Einer hielt vor dem Fenster, wo ich hinter der Gardine stand. Es waren Russen, die sich versteckten. Er sah mich und ich sollte das Fenster öffnen und er gab mir ein Glas und zeigte mir „Mama“. Es ist Marmelade. Meine Mutter sprach Russisch und Französisch. Mit diesen Russen feierten wir das Ende des Krieges. Meine Mutter wollte man 2 × erschießen. Sie hatte sich für junge Soldaten eingesetzt. Ich habe zum ersten Mal darüber geschrieben, auch nie groß darüber gesprochen, nicht mal mit den Kindern oder der Frau. Es geht um viele Kinder aus dieser Zeit. Und jetzt will Deutschland kriegstüchtig werden. Uwe Klinger ---------------------------------------- Ein Aquamarinanhänger, an dem die Goldfassung angeschmolzen war Der 16. März 1945 in Würzburg war ein schöner sonniger Tag. Meine Mutter war früh beim Friseur, zog ihren neuen Faltenrock an und schob mich am Mittag im Sportwagen am Main entlang. Am späten Abend gab es Fliegeralarm und meine Mutter ging mit mir in den Keller. Da waren schon andere Hausbewohner, die mich – noch keine 2 Jahre alt – als Kellermäuschen begrüßten. Mein Vater war im Krieg; mein Opa, der älteste im Haus, war als Luftschutzwart eingeteilt. Dann begann das 20-minütige Bombardement und die ganze Stadt brannte im Feuersturm. Als die Menschen den Keller wieder verließen, half mein Opa beim Ausgang an der Kellertreppe. Meine Mutter wollte zusammen mit ihm und mir als Letzte den Keller verlassen. Da stürzte das Haus und der Kellereingang zusammen, begrub Opa unter den Trümmern und meine Mutter und ich waren im Keller gefangen. Draußen brannte alles lichterloh und gegen den Rauch im Keller machte meine Mutter eine Windel im Wasserkübel nass (gedacht für den Löscheinsatz) und hielt sie uns vors Gesicht, damit wir besser atmen konnten. Als wir nach langer Zeit befreit wurden, kamen wir mit Rauchvergiftung in ein Krankenhaus. Wir waren ausgebombt, hatten alles verloren und wurden evakuiert nach Repperndorf bei Kitzingen. Dieser ganze Zusammenbruch war natürlich keine Befreiung, sondern ein viele Jahre dauerndes Aufrappeln aus Nahrungsknappheit und sehr beengten Wohnverhältnissen. Und wie auch die Vertriebenen und Geflüchteten berichten, wurden auch wir misstrauisch beäugt und angefeindet im eigenen Land. Aus dem später ausgegrabenen Notkoffer habe ich von meiner Mutter einen Aquamarinanhänger, an dem die Goldfassung angeschmolzen war. Doris Pauthner ---------------------------------------- Wir waren die Kinder von Überlebenden. Im Februar 1950 geboren, gehöre ich nicht zu den Kindern, die den Krieg erlebt haben. Berichten kann ich nur von dem, was auch bei uns, den nicht unmittelbar Betroffenen, zu unserem Engagement für die Friedensbewegung geführt hat, deren sichtbarstes Zeichen die Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten 1981 gewesen ist und die jetzt nötiger denn je wieder gebraucht wird. In der Straße, in der ich aufwuchs, zeugten mehrere Ruinen von Bombeneinschlägen. Und lange noch war ein bei dem verheerenden Angriff auf den Bremer Westen im August 1944 ausgebombtes älteres Ehepaar bei uns einquartiert. (Bei 173 Angriffen von Royal Air Force und United States Army Air Forces wurden in Bremen 62 % der städtebaulichen Substanz zerstört, wobei rund 4.000 Menschen ums Leben kamen.) Meine Mutter und beide Großmütter erzählten vom Schrecken der Bombennächte, von quälendem Hunger und der Ungewissheit, ob das Haus, in dem man wohnte, den Angriffen entgangen war. Einmal hatte die Großmutter eine Brandbombe bei der Heimkehr aus dem Bunker mit nassen Handtüchern gegriffen und in den Vorgarten geworfen; ein brennendes Nachbarhaus konnte durch Löschen mit der Jauche aus der Senkgrube halbwegs gerettet werden. Dass Bomben auf unsere kleine Vorortstraße geworfen worden waren, hing damit zusammen, dass hinter den Gärten ab 1935 gebaute Kasernen standen, in denen in meiner Kindheit Flüchtlingsfamilien wohnten. Wir waren die Kinder von Überlebenden. Meinem Vater hat ein Beindurchschuss das Leben gerettet, weil er auf Genesungsurlaub war, als von seiner Kompanie nach einem Fronteinsatz niemand zurückkehrte. Er sprach selten vom Krieg, in den er gleich nach dem Arbeitsdienst mit 19 Jahren eingezogen worden war und aus dem er erst 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft völlig abgemagert heimkehrte. Davon weiß ich vor allem durch die Erzählungen seiner und meiner Mutter. Deutlich sichtbar war für uns ein Streifschuss am Kopf, der ihn den oberen Teil der Ohrmuschel – aber nicht das Leben – gekostet hatte. Ob all die jetzt so Kriegsbegeisterten nachfühlen können, was es bedeutet, wenn zwei Menschen, wie meine Eltern, über viele Jahre nicht wissen, ob der, den sie lieben, noch lebt? Oder wie angstvoll Mütter, wie meine Großmutter, um ihre Söhne bangten. Und wie schwer der Start zurück ins Berufsleben für einen 27-jährigen Kriegsteilnehmer in der US-amerikanischen Besatzungszone war? In der Nachbarschaft gab es Witwen, deren Männer nicht zurückgekehrt waren. Und dann gab es noch das Fräulein S. Wahrscheinlich war sie nur wenig älter als mein Vater. Auch sie hatte – als Krankenschwester in einem Lazarett – den Krieg hautnah miterlebt, so erzählte man. Sie war über das, was sie gesehen und erlebt hatte, verrückt geworden, kehrte nur physisch heim, stand immer mal laut schimpfend am Straßenrand, manchmal Unverständliches murmelnd, manchmal erklärte sie kalt und unheimlich: „Hier fahren sie mit dicken Autos und an der Front wird gestorben.“ Allein in ihrem Elternhaus wohnend, fuhr sie oft mit einem kleinen Handwagen, auf dem neben einer Waage etwas Obst oder Gemüse lag, auf den Markt in die Stadt und bot dort, die Fingerknöchel seltsam aneinander reibend, mit bösem Gesicht Verwünschungen ausstoßend, die Dinge an. Ich glaube, dass sich kaum jemand in ihre Nähe traute. Aber man ließ sie gewähren. Sie tat niemandem etwas, ihr war etwas angetan worden, und für mich war sie schon damals ein Sinnbild für das, was ein Krieg in der Seele eines Menschen anrichten kann. Die NachDenkSeiten sind eine wichtige Informationsquelle für mich, für die ich dankbar bin. Mit herzlichen Grüßen Renate Schoof ---------------------------------------- Das hätte damals wohl das eigene Leben gekostet Als Nachkriegsgeborene habe ich keine eigenen Erinnerungen. Es wurde in der Familie auch wenig über den Krieg gesprochen, es war wohl zu schrecklich, diese Erinnerungen aus der Verdrängung herauszuholen. Trotzdem gab es so manche Erzählung, die in die Zeiten des Krieges zurückführten. Meine Familie besaß mütterlicherseits einen großen Bauernhof, genau an dem Punkt, an dem die rote und weiße Saar zusammenflossen. Mein Opa war noch im Krieg, meine Oma wurde mit ihren beiden Töchtern von dort vertrieben. Wir bekamen auch nach dem Krieg nicht die geringste Entschädigung. Meine Oma zog mit den Mädels bei einer Familie in der Nähe von Saarbrücken ein. Die besaßen ein großes Haus und waren grundsätzlich sehr großzügig, hilfsbereit und Gegner von Kriegen. Wie’s der Zufall will (gibt es überhaupt Zufall?), saß ich vor rund 15 Jahren bei einer politischen Veranstaltung der LINKEN – rund 400 Menschen im Saal – einem älteren, sehr freundlichen Mann gegenüber. Wir kamen ins Gespräch, er fragte mich, woher ich komme. Ich sagte Fechingen hier bei Saarbrücken. Er erzählte mir darauf, dass ihn eine Familie in Fechingen während seiner Fahnenflucht von der Front aufgenommen und versteckt hätte. Er nannte mir den Namen, und ich erwiderte, es sei genau die Familie, bei der meine Oma mit Kindern während des Krieges wohnte. Und – es war das Haus, in dem ich 1953 zur Welt kam. Jetzt begann er mit seiner Erzählung. Er war in der Normandie stationiert. Einer seiner Kollegen hatte versucht zu fliehen und sollte erschossen werden. Mein Gegenüber war zum Erschießungskommando eingeteilt. Er sagte mir dann, er habe stundenlang überlegt, ob er fähig sei, einen Menschen einfach so zu töten, ein Mensch, der vor dem Schrecken des Krieges fliehen wollte, selbst nicht mehr töten wolle. In der Nacht habe er sich dann entschieden, selbst zu fliehen. Er erzählte mir vom Marschieren in der Nacht, verstecken tagsüber, und von der unglaublichen Angst davor, erwischt und dann erschossen zu werden. Er habe fast drei Wochen benötigt, um Frankreich zu Fuß zu durchqueren, kam dann in Saarbrücken an und bei unserer Gastfamilie unter. Man bedenke diesen Mut der Familie, jemanden zu verstecken, der fahnenflüchtig war, das hätte damals wohl das eigene Leben gekostet. Er erinnerte sich an meine Oma, und an meine Mutter als kleines Mädel. Wir hatten beide ob dieses Zufallstreffens Tränen in den Augen und besuchten einige Tage später die ehemalige Gastfamilie. Das war ein freudiges Hallo! Trotz aller Kriegshölle gab es auch Menschen, die sich mit viel Mut dem entziehen konnten. Ich selbst besuche oft das Grab von Willy Graf, auf einem Friedhof in meiner Nähe. Willy Graf war in der Weißen Rose. Während die Geschwister Scholl nach wenigen Tagen hingerichtet wurden, wurde Willy Graf neun Monate lang durch die Folterkeller der Gestapo geschleift, um weitere Namen der Teilnehmer zu erhalten. Er verriet niemanden und wurde dann nach neun Monaten als 23-Jähriger hingerichtet. Susanne Bur Titelbild: wikicommons [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%87%D0%B8%D0%BA_%D0%BD%D0%B0_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D1%85_%D0%B2_%D0%B3.%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B5.jpg]

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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (2)

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150104] unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen berührenden Beiträge! Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an leserbriefe@nachdenkseiten.de [leserbriefe@nachdenkseiten.de] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken. ---------------------------------------- Eine Rinderleber ist groß Ich, Uwe Klinger, bin 1938 in Berlin-Wedding geboren (Der Rote Wedding), jetzt 88 Jahre alt und habe noch die Erinnerungen an den Endkampf der Sowjetunion. Mein Vater kam ins KZ. Er hatte gegen die Judenverfolgung demonstriert. Wurde aber später – mit anderen Gefangenen – für die deutsche Wehrmacht gebraucht. Er und viele andere Gefangene kamen in das Strafbataillon 999. Meine Mutter und ich haben in der Müllerstraße (Wedding) einen französischen Kriegsgefangenen, der dort Schienenarbeiten für Straßenbahnen machte, entführt. Meine Mutter hatte oft, so wie es möglich war, etwas Brot an der Fahrbahnkante abgelegt. Die Männer … Sie waren alle fast verhungert. Somit beschloss meine Mutter, dem einen Gefangenen zu helfen. Ich nahm einen Tennisball und spielte an der Straßenkante mehrere Tage. Meine Mutter gab dem Aufseher auch etwas zu essen. Eines Tages warf ich den Tennisball zu dem Kriegsgefangenen und als er ihn mir gab, rannten wir beide in den Hausflur. Dort hatte meine Mutter Kleidung abgelegt, er zog sie über und wir liefen zu uns nach Hause. Hier wusch er sich und zog die Kleidung von meinem Vater an. Mutter kam nach und wir machten uns auf den Weg zur S-Bahn Wedding, fuhren bis Ostkreuz und stiegen um und fuhren mit dem Dampfzug nach Strausberg, wo wir am Stienitzsee ein Campinghäuschen hatten. Dort verbrachte er – immer versteckt – ein halbes Jahr. 1943, im August wollte er – aufgepäppelt – zurück nach Frankreich. Kontakt hatten wir nicht. Jahre später erhielten wir ein Paket mit Schokolade. Hier am Stienitzsee habe ich bis Ende 1944 meine Kindheit verbracht. Im Wald lag eine Panzerdivision. Diese Männer fragten meine Mutter, ob sie für die Soldaten was zu essen machen könnte. Sie besorgten es, meinten dann, sie dürften den Wald nicht verlassen, sonst würde man sie von der SS erschießen. Am nächsten Tag warfen sie Handgranaten in den See und holten die betäubten Fische aus dem See und brachten sie zu meiner Mutter, die dann bis in die Nacht hinein Fische gebraten hat für ca. 20 Panzersoldaten. Tage später knallte es im Wald und die Soldaten brachten Hasen und Wildkaninchen und enthäuteten die Tiere und machten sie bratfertig. Tage später tauchte ein Angelboot über dem See auf und der Offizier in Uniform sagte zu meiner Mutter, wir sollten hier weggehen, die Soldaten gehen nach Berlin zur Verteidigung. Mutter soll sich im Dorf (Heinickendorf) melden beim Fleischer auf dem Hof. Hier wird alles, was 4 Beine hat, geschlachtet. Der Soldat, der dort schlachtete, gab uns eine Rinderleber und einen Kuhkopf sowie einen großen Handwagen zum Ziehen mit einer Lenkstange. Wir fuhren zurück mit dem Handwagen und mit Kuhkopf und Leber. Mutter war gerade beim Braten der Leber, da tauchten plötzlich zwei junge Soldaten auf und hatten Hunger. Eine Rinderleber ist groß. Die Soldaten wollten nach Berlin und warfen ihr Gewehr und Patronen ins Gebüsch. Daraufhin sagte meine Mutter, sie sollten sofort das Gewehr und die Patronen wieder an sich nehmen. Wenn sie „Kettenhunden“ (MILITÄRPOLIZEI) begegnen ohne Waffen, werden sie erschossen. Sie zogen dann los mit ihren Waffen und mit dem Rest von der gebratenen Leber. Die Eisenbahn in Strausberg fuhr nicht mehr nach Berlin, so zogen wir den voll beladenen Handwagen mit 5 Frauen und 2 Kindern auf der B1 nach Berlin – mit den Soldaten, Panzern, Flakgeschützen und Transportern mit verwundeten Soldaten. Als es dunkel wurde, tauchten Flugzeuggeräusche auf und alle mussten von der Straße runter. Es wurde von oben geschossen. Mutter warf sich auf mich, um mit ihrem Körper mein Leben zu retten. Wir mussten uns mehrmals unter den Bäumen am Straßenrand verstecken. Im Morgengrauen erreichten wir Berlin und nahmen nur Handgepäck, um weiter den Wedding, die Müllerstraße, zu erreichen. Der Wagen blieb bei einer der Frauen zurück, dort, wo sie wohnte. Wochen später begann die Eroberung Berlins. Der Keller wurde unser Zuhause. Soldaten kamen rein und rannten wieder raus und meinten, dass der Keller ein Sarg sei. Mutter und zwei Frauen standen vor dem Hauseingang und zwei junge Burschen kamen mit je einer Panzerfaust, so sagte es mir meine Mutter. Sie zogen die Jungs in den Hausflur, nahmen ihnen die Panzerfaust ab und versenkten diese in einem Löschbecken auf dem Hof, das im Notfall für das Löschen im Haus angelegt war. Die Jungs bekamen andere Kleidung, die viel zu groß ist. So haben die Frauen sie mit Sicherheitsnadeln passend gemacht. Die Kinder zitterten am ganzen Körper und meine Mutter brachte sie nach Hause, was nicht ganz ungefährlich war. Die SS nahm keine Rücksicht. Wer in Verdacht kam, wurde erschossen. Eine Woche später: Wir schliefen bei Oma in der Erdgeschosswohnung. Ich hörte das Getrampel, es tauchten Pferdewagen auf – 6 Wagen und die Pferde. Einer hielt vor dem Fenster, wo ich hinter der Gardine stand. Es waren Russen, die sich versteckten. Er sah mich und ich sollte das Fenster öffnen und er gab mir ein Glas und zeigte mir „Mama“. Es ist Marmelade. Meine Mutter sprach Russisch und Französisch. Mit diesen Russen feierten wir das Ende des Krieges. Meine Mutter wollte man 2 × erschießen. Sie hatte sich für junge Soldaten eingesetzt. Ich habe zum ersten Mal darüber geschrieben, auch nie groß darüber gesprochen, nicht mal mit den Kindern oder der Frau. Es geht um viele Kinder aus dieser Zeit. Und jetzt will Deutschland kriegstüchtig werden. Uwe Klinger ---------------------------------------- Ein Aquamarinanhänger, an dem die Goldfassung angeschmolzen war Der 16. März 1945 in Würzburg war ein schöner sonniger Tag. Meine Mutter war früh beim Friseur, zog ihren neuen Faltenrock an und schob mich am Mittag im Sportwagen am Main entlang. Am späten Abend gab es Fliegeralarm und meine Mutter ging mit mir in den Keller. Da waren schon andere Hausbewohner, die mich – noch keine 2 Jahre alt – als Kellermäuschen begrüßten. Mein Vater war im Krieg; mein Opa, der älteste im Haus, war als Luftschutzwart eingeteilt. Dann begann das 20-minütige Bombardement und die ganze Stadt brannte im Feuersturm. Als die Menschen den Keller wieder verließen, half mein Opa beim Ausgang an der Kellertreppe. Meine Mutter wollte zusammen mit ihm und mir als Letzte den Keller verlassen. Da stürzte das Haus und der Kellereingang zusammen, begrub Opa unter den Trümmern und meine Mutter und ich waren im Keller gefangen. Draußen brannte alles lichterloh und gegen den Rauch im Keller machte meine Mutter eine Windel im Wasserkübel nass (gedacht für den Löscheinsatz) und hielt sie uns vors Gesicht, damit wir besser atmen konnten. Als wir nach langer Zeit befreit wurden, kamen wir mit Rauchvergiftung in ein Krankenhaus. Wir waren ausgebombt, hatten alles verloren und wurden evakuiert nach Repperndorf bei Kitzingen. Dieser ganze Zusammenbruch war natürlich keine Befreiung, sondern ein viele Jahre dauerndes Aufrappeln aus Nahrungsknappheit und sehr beengten Wohnverhältnissen. Und wie auch die Vertriebenen und Geflüchteten berichten, wurden auch wir misstrauisch beäugt und angefeindet im eigenen Land. Aus dem später ausgegrabenen Notkoffer habe ich von meiner Mutter einen Aquamarinanhänger, an dem die Goldfassung angeschmolzen war. Doris Pauthner ---------------------------------------- Wir waren die Kinder von Überlebenden. Im Februar 1950 geboren, gehöre ich nicht zu den Kindern, die den Krieg erlebt haben. Berichten kann ich nur von dem, was auch bei uns, den nicht unmittelbar Betroffenen, zu unserem Engagement für die Friedensbewegung geführt hat, deren sichtbarstes Zeichen die Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten 1981 gewesen ist und die jetzt nötiger denn je wieder gebraucht wird. In der Straße, in der ich aufwuchs, zeugten mehrere Ruinen von Bombeneinschlägen. Und lange noch war ein bei dem verheerenden Angriff auf den Bremer Westen im August 1944 ausgebombtes älteres Ehepaar bei uns einquartiert. (Bei 173 Angriffen von Royal Air Force und United States Army Air Forces wurden in Bremen 62 % der städtebaulichen Substanz zerstört, wobei rund 4.000 Menschen ums Leben kamen.) Meine Mutter und beide Großmütter erzählten vom Schrecken der Bombennächte, von quälendem Hunger und der Ungewissheit, ob das Haus, in dem man wohnte, den Angriffen entgangen war. Einmal hatte die Großmutter eine Brandbombe bei der Heimkehr aus dem Bunker mit nassen Handtüchern gegriffen und in den Vorgarten geworfen; ein brennendes Nachbarhaus konnte durch Löschen mit der Jauche aus der Senkgrube halbwegs gerettet werden. Dass Bomben auf unsere kleine Vorortstraße geworfen worden waren, hing damit zusammen, dass hinter den Gärten ab 1935 gebaute Kasernen standen, in denen in meiner Kindheit Flüchtlingsfamilien wohnten. Wir waren die Kinder von Überlebenden. Meinem Vater hat ein Beindurchschuss das Leben gerettet, weil er auf Genesungsurlaub war, als von seiner Kompanie nach einem Fronteinsatz niemand zurückkehrte. Er sprach selten vom Krieg, in den er gleich nach dem Arbeitsdienst mit 19 Jahren eingezogen worden war und aus dem er erst 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft völlig abgemagert heimkehrte. Davon weiß ich vor allem durch die Erzählungen seiner und meiner Mutter. Deutlich sichtbar war für uns ein Streifschuss am Kopf, der ihn den oberen Teil der Ohrmuschel – aber nicht das Leben – gekostet hatte. Ob all die jetzt so Kriegsbegeisterten nachfühlen können, was es bedeutet, wenn zwei Menschen, wie meine Eltern, über viele Jahre nicht wissen, ob der, den sie lieben, noch lebt? Oder wie angstvoll Mütter, wie meine Großmutter, um ihre Söhne bangten. Und wie schwer der Start zurück ins Berufsleben für einen 27-jährigen Kriegsteilnehmer in der US-amerikanischen Besatzungszone war? In der Nachbarschaft gab es Witwen, deren Männer nicht zurückgekehrt waren. Und dann gab es noch das Fräulein S. Wahrscheinlich war sie nur wenig älter als mein Vater. Auch sie hatte – als Krankenschwester in einem Lazarett – den Krieg hautnah miterlebt, so erzählte man. Sie war über das, was sie gesehen und erlebt hatte, verrückt geworden, kehrte nur physisch heim, stand immer mal laut schimpfend am Straßenrand, manchmal Unverständliches murmelnd, manchmal erklärte sie kalt und unheimlich: „Hier fahren sie mit dicken Autos und an der Front wird gestorben.“ Allein in ihrem Elternhaus wohnend, fuhr sie oft mit einem kleinen Handwagen, auf dem neben einer Waage etwas Obst oder Gemüse lag, auf den Markt in die Stadt und bot dort, die Fingerknöchel seltsam aneinander reibend, mit bösem Gesicht Verwünschungen ausstoßend, die Dinge an. Ich glaube, dass sich kaum jemand in ihre Nähe traute. Aber man ließ sie gewähren. Sie tat niemandem etwas, ihr war etwas angetan worden, und für mich war sie schon damals ein Sinnbild für das, was ein Krieg in der Seele eines Menschen anrichten kann. Die NachDenkSeiten sind eine wichtige Informationsquelle für mich, für die ich dankbar bin. Mit herzlichen Grüßen Renate Schoof ---------------------------------------- Das hätte damals wohl das eigene Leben gekostet Als Nachkriegsgeborene habe ich keine eigenen Erinnerungen. Es wurde in der Familie auch wenig über den Krieg gesprochen, es war wohl zu schrecklich, diese Erinnerungen aus der Verdrängung herauszuholen. Trotzdem gab es so manche Erzählung, die in die Zeiten des Krieges zurückführten. Meine Familie besaß mütterlicherseits einen großen Bauernhof, genau an dem Punkt, an dem die rote und weiße Saar zusammenflossen. Mein Opa war noch im Krieg, meine Oma wurde mit ihren beiden Töchtern von dort vertrieben. Wir bekamen auch nach dem Krieg nicht die geringste Entschädigung. Meine Oma zog mit den Mädels bei einer Familie in der Nähe von Saarbrücken ein. Die besaßen ein großes Haus und waren grundsätzlich sehr großzügig, hilfsbereit und Gegner von Kriegen. Wie’s der Zufall will (gibt es überhaupt Zufall?), saß ich vor rund 15 Jahren bei einer politischen Veranstaltung der LINKEN – rund 400 Menschen im Saal – einem älteren, sehr freundlichen Mann gegenüber. Wir kamen ins Gespräch, er fragte mich, woher ich komme. Ich sagte Fechingen hier bei Saarbrücken. Er erzählte mir darauf, dass ihn eine Familie in Fechingen während seiner Fahnenflucht von der Front aufgenommen und versteckt hätte. Er nannte mir den Namen, und ich erwiderte, es sei genau die Familie, bei der meine Oma mit Kindern während des Krieges wohnte. Und – es war das Haus, in dem ich 1953 zur Welt kam. Jetzt begann er mit seiner Erzählung. Er war in der Normandie stationiert. Einer seiner Kollegen hatte versucht zu fliehen und sollte erschossen werden. Mein Gegenüber war zum Erschießungskommando eingeteilt. Er sagte mir dann, er habe stundenlang überlegt, ob er fähig sei, einen Menschen einfach so zu töten, ein Mensch, der vor dem Schrecken des Krieges fliehen wollte, selbst nicht mehr töten wolle. In der Nacht habe er sich dann entschieden, selbst zu fliehen. Er erzählte mir vom Marschieren in der Nacht, verstecken tagsüber, und von der unglaublichen Angst davor, erwischt und dann erschossen zu werden. Er habe fast drei Wochen benötigt, um Frankreich zu Fuß zu durchqueren, kam dann in Saarbrücken an und bei unserer Gastfamilie unter. Man bedenke diesen Mut der Familie, jemanden zu verstecken, der fahnenflüchtig war, das hätte damals wohl das eigene Leben gekostet. Er erinnerte sich an meine Oma, und an meine Mutter als kleines Mädel. Wir hatten beide ob dieses Zufallstreffens Tränen in den Augen und besuchten einige Tage später die ehemalige Gastfamilie. Das war ein freudiges Hallo! Trotz aller Kriegshölle gab es auch Menschen, die sich mit viel Mut dem entziehen konnten. Ich selbst besuche oft das Grab von Willy Graf, auf einem Friedhof in meiner Nähe. Willy Graf war in der Weißen Rose. Während die Geschwister Scholl nach wenigen Tagen hingerichtet wurden, wurde Willy Graf neun Monate lang durch die Folterkeller der Gestapo geschleift, um weitere Namen der Teilnehmer zu erhalten. Er verriet niemanden und wurde dann nach neun Monaten als 23-Jähriger hingerichtet. Susanne Bur Titelbild: wikicommons [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%87%D0%B8%D0%BA_%D0%BD%D0%B0_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D1%85_%D0%B2_%D0%B3.%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B5.jpg]

16 de may de 202616 min
episode Der Fall Julian Röpcke – der Drohnenmarkt wird zum Tummelplatz für Medien-Yuppies und Tech-Investoren artwork

Der Fall Julian Röpcke – der Drohnenmarkt wird zum Tummelplatz für Medien-Yuppies und Tech-Investoren

Das Statement von Julian Röpcke hat vor allem in den alternativen Medien für Aufsehen gesorgt. Der „Bild“-Reporter machte im April öffentlich, dass er noch in diesem Jahr die Bild-Zeitung verlassen und zu einem ukrainisch-deutschen Drohnen-Hersteller wechseln wird [https://x.com/JulianRoepcke/status/2046257455001215231]. Das nicht näher genannte Unternehmen soll seit 2023 operieren und zu den größten Lieferanten der Ukraine gehören. Röpcke ist bei der Bild offiziell „leitender Redakteur Sicherheitspolitik und Konflikte“. Regelmäßig berichtet er über den Ukraine-Krieg. Von kritischer Distanz ist dabei jedoch nicht viel zu sehen. Den Tod russischer Soldaten bezeichnete er einmal als „Verarbeitung zu Dünger“, und über die russische Regierung sagte er, dass er „das Drecksregime in Blut und Asche untergehen“ sehen wolle [https://www.nachdenkseiten.de/?p=149389]. Von Thomas Trares. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Lesen Sie dazu auch: Tobias Riegel – „Kriegsprofiteure in den Redaktionsstuben“: Julian Röpcke (BILD) wechselt zu ukrainisch-deutschem Drohnen-Hersteller [https://www.nachdenkseiten.de/?p=149389] Röpckes bevorstehender Seitenwechsel ist allerdings nur ein Beispiel von vielen, denn die Drohnenbranche ist gerade dabei, zu einem Tummelplatz für Medien-Yuppies und Tech-Investoren zu werden. Ein Beispiel dafür ist Johannes Boie, der wie Röpcke für den Medienkonzern Axel Springer tätig war, unter anderem als Chefredakteur bei der Welt am Sonntag und später in gleicher Funktion auch bei der Bild. Seit August 2025 ist Boie Chief Marketing Officer beim Münchner Drohnenhersteller Helsing [https://helsing.ai/de/newsroom/johannes-boie-wird-chief-marketing-officer-bei-helsing]. Damit ist er nun auch für den hochtrabenden Neusprech verantwortlich, den das Unternehmen gern in seiner Außendarstellung verwendet. „Resilienzfabriken“ etwa nennt Helsing seine Produktionsstätten, und das Unternehmensmotto lautet „Zum Schutz unserer Demokratien“. Spotify-Gründer Ek im Verwaltungsrat Ebenfalls bei Helsing aktiv ist der schwedische Milliardär und langjährige Spotify-Chef Daniel Ek. Der von ihm gegründete Streaming-Dienst zählt heute zu den größten Medienunternehmen weltweit. Eks Vermögen wird auf bis zu zehn Milliarden Euro geschätzt. Bei Helsing ist er bereits 2021 mit 100 Millionen Euro eingestiegen, im Juni 2025 hat er über seine Investmentfirma Prima Materia noch einmal 600 Millionen Euro nachgeschossen. Helsing zählt zu Eks „Moonshots“. So nennt der Milliardär Start-ups aus den Bereichen Deep Tech, Künstliche Intelligenz, Klima- und Gesundheitstechnologie, in die er insgesamt eine Milliarde Euro seines Vermögens investieren will. Bei Helsing ist Ek nicht nur der größte Investor, sondern auch Verwaltungsratschef [https://www.manager-magazin.de/unternehmen/tech/helsing-spotify-gruender-daniel-ek-zieht-beim-muenchener-drohnen-start-up-die-faeden-a-0cf3f062-942e-4b80-9c26-f8c6235d16a7]. Helsing selbst ist ein 2021 gegründetes Softwareunternehmen, das sich auf den Einsatz Künstlicher Intelligenz im Rüstungssektor spezialisiert hat. Inzwischen produzieren die Münchener auch die Kamikaze-Drohne HX-2, die in der Ukraine zum Einsatz kommt. In der Entwicklung befindet sich außerdem ein autonom fliegendes KI-Kampfflugzeug, das eine „autonome, waffenfähige und kostengünstige Alternative“ zu bemannten Kampfflugzeugen sein soll. Der Erstflug ist für kommendes Jahr geplant. Bewertet wird Helsing derzeit [https://www.boersen-zeitung.de/unternehmen-branchen/bewertung-von-helsing-steigt-auf-mehr-als-15-mrd-euro] mit 15,3 Milliarden Euro, damit ist das Münchener Unternehmen das aktuell teuerste deutsche Start-up. „Resilienzfabrik“ und Großauftrag der Bundeswehr All dies zeigt, bei Helsing stehen die Zeichen klar auf Expansion. So plant das Unternehmen in Hallbergmoos gerade den Bau einer hochautomatisierten „Resilience Factory“. Die Gemeinde vor den Toren des Münchener Flughafens entwickelt sich derzeit zu einem „Hotspot“ der bayerischen Verteidigungsindustrie. Helsing will dort [https://www.maschinenmarkt.vogel.de/helsing-plant-drohnenfabrik-hallbergmoos-muenchen-a-34af2b8613e3fa1e6455c5285a9f81fd/] einen dreistelligen Millionenbetrag investieren. Im Februar dieses Jahres hat Helsing zudem einen Großauftrag von der Bundeswehr erhalten. Dabei geht es um die Produktion von Kamikazedrohnen, also von KI-gesteuerten Drohnen, die über einem Zielgebiet kreisen, bis sie sich auf ihre Ziele stürzen. Das Auftragsvolumen beläuft sich [https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kamikazedrohnen-bundeswehr-100.html] auf 540 Millionen Euro. Den Drohnen-Auftrag teilt sich Helsing mit Stark Defence, einem Berliner Startup, das Kampfdrohnen der Baureihe Virtus herstellt. Ähnlich wie das Modell HX-2 von Helsing ist auch Virtus im Ukraine-Krieg im Einsatz. Einer der Investoren von Stark Defence ist Döpfner Capital. Dabei handelt es sich um die Risikokapitalfirma von Moritz Döpfner, einem der vier Söhne von Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner. Ende 2024 hatte Döpfner damit angefangen, Geld für seinen ersten Fonds einzuwerben; inzwischen sollen 90,6 Millionen Dollar zusammengekommen sein. Sein einziges bislang bestätigtes Investment [https://www.capital.de/wirtschaft-politik/doepfner-sohn-bekommt-mehr-geld-fuer-seinen-start-up-fonds-37287390.html] ist Stark Defence. Peter Thiel bei Stark Defence Im Fokus stand zuletzt aber ein anderer Geldgeber des Berliner Rüstungsunternehmens. Die Rede ist von Peter Thiel, einem deutschstämmigen Silicon-Valley-Investor, der mit seinem Tun und Handeln extrem polarisiert. Gerne wird heute noch sein Spruch „I no longer believe that freedom and democracy are compatible“ zitiert. Thiel gehört zu den Mitgründern des Bezahldienstes PayPal und des Überwachungssoftware-Anbieters Palantir. Laut Manager Magazin ist er auch Ankerinvestor bei Döpfner Capital, dem bereits erwähnten Investmentfonds von Moritz Döpfner. Thiel habe dazu 50 Millionen Dollar beigesteuert [https://www.manager-magazin.de/unternehmen/tech/peter-thiel-50-millionen-dollar-fuer-den-risikokapitalfonds-von-mathias-doepfners-sohn-a-238af84f-d3bf-49e6-b99f-95568a215b95]. Seit August 2025 soll Thiel auch zu den Geldgebern von Stark Defence gehören. Mit der Vergabe des Drohnen-Auftrags an Stark Defence ist Thiels Engagement bei dem Berliner Start-up auch einer breiteren Öffentlichkeit aufgefallen. Nach mehreren Medienberichten erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), vor der Auftragsvergabe müsse geklärt werden, „welchen Einfluss Herr Thiel tatsächlich hat“. Kurz danach wies [https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/stark-drohnenfirma-weist-einflussnahme-durch-peter-thiel-zurueck/100201921.html] Stark Defence jeglichen Einfluss Thiels auf das operative Geschäft zurück. Weitere bekannte Kapitalgeber von Stark Defence sind die Silicon-Valley-Risikokapitalfirma Sequoia und der vor drei Jahren gegründete Nato Innovation Fund. Dabei handelt es sich um einen von mehreren Nato-Staaten getragenen Risikokapitalfonds, der Tech-Firmen aus der Rüstungsbranche unterstützen soll [https://www.wiwo.de/politik/europa/verteidigung-das-steckt-hinter-dem-milliardenschweren-start-up-fonds-der-nato-/29889178.html]. Röpcke zu Helsing? Bei welchem Drohnenhersteller Julian Röpcke anheuert, hat er bislang nicht offengelegt. Eine der Firmen, die in die engere Auswahl fallen, ist Helsing. Schon mehrfach hat er sich positiv über deren Waffensysteme geäußert. Vor gut einem Jahr etwa begleitete Röpcke ukrainische Spezialkräfte an der Front und schwärmte dabei [https://www.youtube.com/watch?v=ohF1HAXb7es] von Helsings HF-1-Drohne. In einem weiteren Beitrag vom April dieses Jahres berichtete er dann [https://www.bild.de/politik/bild-lagezentrum-deutsche-hx-2-dezimiert-russen-armee-hinter-der-front-69de4b55eb7a70750aaf745e] vom Einsatz der Nachfolge-Drohne HX-2 als deutscher „Super-Drohne“, welche die russische Armee hinter der Front erfolgreich dezimiere. Und nicht zuletzt hat Röpcke auch schon mit Helsings Marketingchef Boie bei der Bild zusammengearbeitet. Beide kennen sich, beide wissen, wie Propaganda funktioniert. Titelbild: Es sarawuth/shutterstock.com und Julian Röpcke via Linkedin [http://vg04.met.vgwort.de/na/5d660ccb700f45d5a1932db769e0ca34]

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Der skrupellose Tabu-Brecher Kiesewetter fordert: „Stunde Null“ für Russland

In einem radikalen Pamphlet zieht der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter indirekte Parallelen zwischen dem heutigen Russland und Nazi-Deutschland. Diese verquere Argumentation führt ihn dann zu der Forderung, dem heutigen Russland eine ebenso „bedingungslose Kapitulation“ abzuringen wie die Alliierten Deutschland 1945. Kiesewetter wird erst durch die Reichweite relevant, die ihm Medien immer wieder einräumen. Er wirkt wie ein Eisbrecher, der als Vorhut störende Tabus aus dem Weg räumt – damit die geschichtslose Kriegspropaganda noch freiere Bahn hat. Ein Kommentar von Tobias Riegel. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Europa müsse auf die „Stunde Null” Russlands hinarbeiten, argumentieren der CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter und die Wissenschaftlerin Susann Worschech in einem aktuellen Beitrag im Focus [https://www.focus.de/politik/ausland/europa-muss-auf-die-kapitulation-russlands-hinarbeiten_86fec2de-a6b7-4a62-9464-9143100fa63b.html]. Russlands Ziel sei schließlich die Kapitulation der Ukraine. Diese würde jedoch keinen Frieden bringen, sondern könne einen jahrelangen Partisanenkrieg, Gewalt und Bürgerkrieg auslösen und sich rasch auf Europa ausweiten. Dennoch lohne es sich, über Kapitulation nachzudenken – jedoch unter anderen Vorzeichen. Viele Kriege seien durch Verhandlungen geendet, aber: > „Eine Ausnahme ist das Ende des Zweiten Weltkriegs mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Es dauerte lange, bis diese im deutschen Gedächtnis von der ‚Stunde Null‘ zum ‚Tag der Befreiung‘ wurde.“ „Terrorstaat“ mit „imperialem Vernichtungswillen“ Russland sei ein „Terrorstaat“ mit „imperialem Vernichtungswillen“, so Kiesewetter/Worschech. Es scheine unmöglich, „dass dieses imperiale und in weiten Teilen totalitäre Russland zu einem Frieden bereit“ sei. Doch es gebe „auch für Russland einen Weg zurück in eine zivilisierte und friedliche Welt: Der Weg dahin ist der militärische Sieg der Ukraine. Dies käme einer bedingungslosen Kapitulation Russlands gleich.“ Und wird an der folgenden Stelle kaum verhohlen einer Aufteilung Russlands das Wort geredet? > „Eine solche Kapitulation würde auch Russland selbst sowie den ethnischen Minderheiten und Angehörigen kolonisierter Völker in Russland eine Chance auf Selbstbestimmung und eine freiheitliche, friedliche Entwicklung eröffnen.“ Die Autoren nutzen auch die üblichen „Dolchstoßlegenden“: So sei ein „Sieg der Ukraine“ weiter möglich. Aber: > „Bislang verhindert das Fehlen einer entschlossenen europäischen Strategie und der umfassenden Unterstützung der Ukraine durch Europa das effektive Zurückdrängen Russlands.“ Neben der bedingungslosen Kapitulation Russlands erheben Kiesewetter/Worschech weitere Forderungen, die einen Kompromiss im Ukrainekrieg praktisch ausschließen und den Krieg darum voraussehbar immer weiter verlängern würden, etwa „die Befreiung aller besetzten Gebiete, einschließlich der Krim“. Die skrupellose Forderung, Deutschland sehenden Auges immer tiefer in einen Krieg mit der Atommacht Russland zu verwickeln, wird von Kiesewetter mit der folgenden Poker-Anspielung („all-in“) verniedlicht: > „All-in zu gehen, erfordert Mut, Koordination und eheliche (sic) Weitsicht, keine Politik nach dem täglichen Stimmungsbarometer.“ Der Artikel schließt mit der gönnerhaft formulierten Unterstellung, Russland sei keine zivilisierte Gesellschaft und müsse im Sinne seiner Bürger niedergerungen werden: > „Wer es zudem mit den Menschen in Russland gut meint, wünscht Russland eine bedingungslose Kapitulation – und damit den Beginn des Weges in den Kreis zivilisierter, friedlicher und freier Gesellschaften.“ Muss man sich mit so einem radikalen Unsinn befassen? Ja, man muss Bei dem Text stellt sich zunächst die Frage: Muss man sich mit so einem radikalen Unsinn befassen? Ja, man muss. Denn die jüngere Vergangenheit zeigt, dass reihenweise radikale Äußerungen im Zuge der propagandistischen „Zeitenwende“ sehr schnell normalisiert werden, wenn dem nicht entgegengetreten wird (und selbst dann). Man muss die Tabus, die sich etwa aus der historischen Verpflichtung Deutschlands ergeben, immer wieder verteidigen, auch wenn das bedeutet, sich mit den abwegigen Texten von Kiesewetter zu befassen. Der CDU-„Sicherheitsexperte“ Kiesewetter ist als Bundestagsabgeordneter und Obmann im Auswärtigen Ausschuss eigentlich nicht besonders relevant. Relevanz wird ihm aber immer wieder durch große Medien und ihre Reichweite verliehen. Auch mein Kommentar steigert diese Reichweite nun, aber das ist immer noch besser, als es unwidersprochen zu lassen. Denn auch wenn Kiesewetter als Politiker keine mächtige Rolle hat, so erfüllt er gemeinsam mit vielen Anderen doch eine zentrale Funktion innerhalb der militaristischen Propaganda: Es scheint, als sei seine „Aufgabe“ die Zertrümmerung von (guten) Tabus, um giftige Elemente in den Debattenraum zu schleusen, der dann um bisher „unsagbare“ Aspekte erweitert wird. Wie Eisbrecher fahren er und andere radikale Stimmen einer in Abstand folgenden Meinungsmache voraus und räumen hinderliche historische „Fesseln“ ab. Mit dem Text im Focus soll es mutmaßlich langfristig normalisiert werden, sogar mit Nazi-Parallelen zu spielen, wenn es gegen Russland geht. Auch Propaganda hat ihre Avantgarde – wenn die sich aufführt wie Kiesewetter, dann ist ein Effekt unter vielen, dass die (ebenfalls radikalen) Standpunkte der Bundesregierung im Vergleich fast schon „gemäßigt“ klingen. Das wurde auch schon bei Kiesewetters Forderungen deutlich, „den Krieg nach Russland zu tragen“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=110943] oder in Deutschland „den Spannungsfall“ auszurufen [https://www.nachdenkseiten.de/?p=139864]. Ist Russland nicht eigentlich eine Atommacht? Kiesewetters Text blendet auch ein zentrales Element weitgehend aus: Die neue russische Atomdoktrin [https://www.spiegel.de/ausland/russland-wladimir-putin-erlaesst-neue-regeln-zum-einsatz-von-atomwaffen-a-1f694e99-4ecd-40a4-85bd-196d9f4cdebd] schreibt ab einem bestimmten Grad der Bedrohung (aus russischer Sicht) zwingend den Einsatz von Kernwaffen gegen die Angreifer vor. Das muss man nicht verteidigen, aber man muss es als Tatsache in das eigene Handeln einpreisen. Angesichts dieser Tatsache wirkt das vollmundige Geschwätz von Kiesewetter nicht nur radikal, sondern selbstmörderisch – und das eben nicht nur für ihn, sondern für unter Umständen zahllose Bürger. Dass ein Eintreten für eine Entspannung mit Russland keine Unterwerfung unter Putin und auch keinen Wunsch nach „russischen Verhältnissen“ in Deutschland bedeutet, ist selbstverständlich. Dass Russland jetzt einen Waffenstillstand ausrufen sollte, habe ich hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=133757] geschrieben. Zur aktuellen „Bedrohungslüge“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=131428] bezüglich Russland ist auch Folgendes zu sagen: Russland hat es in vier Jahren nicht geschafft, die Ukraine zu bezwingen – und trotzdem soll es Angriffspläne gegen NATO-Länder hegen? Höchst unwahrscheinlich. Und: Wer den Sturz von Präsident Wladimir Putin fordert, der sollte sich erst einmal informieren, welche Kräfte dann unter Umständen vermehrten Einfluss in Russland erhalten könnten – etwa die im Vergleich zu Putin erheblich radikalisierten Personen Dimitri Medwedjew [https://www.welt.de/politik/ausland/article69fc6e5a0696bba25ef31ad9/dmitri-medwedjew-russlands-ex-praesident-spricht-geeintem-deutschland-existenzberechtigung-ab-und-unterstellt-revanchegelueste.html] oder Sergey Karaganow [https://www.youtube.com/watch?v=FRGqmxunZMU]. Kiesewetter: Kumpel von Separatisten und Schah-Sprösslingen Kiesewetter hat sich kürzlich auch auf anderen Gebieten „diplomatisch“ hervorgetan: So ruft er aktuell auf seinem X-Account [https://x.com/RKiesewetter/status/2054995828817731668] zum Regime-Change im Iran auf und bringt Reza Pahlavi als legitimen Führer ins Spiel: > „Das Regime ist tödlich. Die einzige Chance für einen freien Iran, für Freiheit für die Zivilbevölkerung im Iran und für Stabilität in der Region ist ein Regimewechsel. Reza Pahlavi hat einen klaren Plan für einen Neuanfang im Iran.“ Und im April hat sich Kiesewetter in Kiew sogar mit dem tschetschenischen Separatistenführer Achmed Sakajew getroffen, wie Medien berichten [https://www.tagesschau.de/ausland/europa/kiesewetter-russland-terrorstaat-100.html]. Dass Kiesewetter sein destruktives Handeln dann auch noch immer mit salbungsvollen Phrasen zu Völkerrecht, Freiheit, Demokratie usw. verbindet, rundet das Bild ab. Mehr zum Thema: Roderich Kiesewetter hat recht: Der Ukrainekrieg wurde schon 2014 begonnen – aber vom damaligen Maidan-Regime in Kiew [https://www.nachdenkseiten.de/?p=146861] Kiesewetter will „Spannungsfall“ in Deutschland ausrufen: Eine tägliche „Strategie der Spannung“ soll den Weg dafür ebnen [https://www.nachdenkseiten.de/?p=139864] Kiesewetter: „Den Krieg nach Russland tragen“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=110943] Titelbild: Screenshot, Deutscher Bundestag, youtube.com/watch?v=g6a34IElqMo [https://www.youtube.com/watch?v=g6a34IElqMo] [https://vg04.met.vgwort.de/na/03c19c900ede4d13b7bc6fecd2787e41]

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Die „Fähigkeitslücke“ muss nicht bei der Bundeswehr, sondern in den Köpfen der Journalisten geschlossen werden

Warum die FAZ noch keinen Stahlhelm über ihrem Logo hat, ist unklar. Klar hingegen ist: Das Frankfurter Blatt trägt den Kurs der Militarisierung mit. Auf „Kein Recht auf Fahnenflucht“ [https://www.faz.net/aktuell/politik/ukraine-krieg-es-gibt-kein-recht-auf-fahnenflucht-19400836.html], auf Fragen wie „Brauchen wir die Bombe? [https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/warum-deutschland-ueber-eigene-atomwaffen-diskutiert-accg-110812729.html]“ und „Würden wir Deutschen so tapfer kämpfen wie die Ukrainer?“ [https://www.faz.net/aktuell/politik/ukraine/ukraine-krieg-seit-vier-jahren-waeren-wir-deutschen-so-tapfer-wie-die-ukrainer-110842824.html] folgt: „Wir brauchen diese Raketen, um Putin abzuschrecken“ [https://www.faz.net/aktuell/politik/ukraine/pistorius-in-kiew-deutschland-braucht-die-raketen-um-putin-abzuschrecken-200820785.html]. In dem Beitrag liefert FAZ-Mitherausgeber Berthold Kohler ein Plädoyer für Mittelstreckenraketen in Deutschland. Der Grund: Putin, Putin und nochmal Putin. Kohler geht es um „Abschreckung“, es geht ihm darum – Achtung –, „Fähigkeitslücken“ zu schließen. Es muss endlich Schluss sein mit der „Vogel-Strauß-Politik“, meint der FAZ-Mann. Ein Text, der Substanz durch Überzeugung ersetzt, zeigt: Eine „Fähigkeitslücke“ gibt es tatsächlich. Sie liegt allerdings nicht bei der Bundeswehr, sondern in so mancher Redaktion – wo es an der Fähigkeit fehlt, einfache Zusammenhänge frei von ideologischer Verblendung zu erfassen. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. „Die Europäer müssen die Fähigkeitslücken bei den weitreichenden Waffen schließen“, schreibt Kohler gleich zu Beginn seines Beitrags. Warum die Europäer dergleichen angeblich müssen, darauf liefert der FAZ-Mitherausgeber bis zur letzten Zeite kein tragfähiges Argument. Ja, ja: Wir alle kennen die alte Leier von: Putin, Putin, Putin. Da gibt es doch angeblich diese „Bedrohung“. Wie aus dem Baukasten der Schwachsinnspropaganda fließen die Schlagworte in den Text: „Kreml“, „Königsberg“, „nuklear bestückbare Raketen“, „Berlin“, „Warschau“, „in Minuten erreichen“. Es gab eine Zeit, da haben für die FAZ großartige Denker geschrieben. Da boten Journalisten in Texten schlüssige, tragfähige Argumentationen an. Der Artikel „Wir brauchen diese Raketen, um Putin abzuschrecken“ soll dazu dann das Kontrastprogramm sein, oder wie? Ja, ja, hinlänglich ist bekannt: Der Kreml hat in Königsberg Raketen stehen, die nuklear bestückt werden können. Den Grund unterschlägt Kohler, nämlich: NATO-Osterweiterung, die verstärkte Präsenz der NATO im Baltikum, US-Abwehranlagen. Der Kreml hat auch Hyperschallraketen, die von überall in Russland ratzfatz zum nuklearen Angriff rausgeschickt werden können. Und jetzt? Hat der böse Putin schon angegriffen? Eben. Das Problem: In der Sinnwelt des FAZ-Artikels gibt es diese „Bedrohung“. Putin könnte ja angreifen. Und deshalb brauche Deutschland eben Mittelstreckenraketen – zur Abschreckung. Man weiß gar nicht, wo man bei diesem Sammelsurium gedanklicher Absurdität ansetzen soll. Warum sollte Russland, wenn es denn vorhätte, anzugreifen, warten, bis Deutschland sich mit Mittelstreckenraketen ausrüstet? Überhaupt: Was sollten Mittelstreckenraketen bewirken, wenn Russland seine geballte atomare Kraft einsetzen wollte? Und die viel grundlegendere Frage: Warum sollte Russland überhaupt angreifen? Weil Kriegstreiber in Politik, Medien und Militär ihren Feind im Kopf zur öffentlichen Angelegenheit machen wollen? Weil Publizisten, so wie ein kleines Kind Angst vor dem großen, bösen Wolf hat, ihre Angst vor dem angeblich großen, bösen Russland nicht im Griff haben? Kohler spricht in bester NATO-Manier von einer „Fähigkeitslücke“, die angeblich zu schließen sei. Ganz falsch liegt er damit nicht. Es gibt tatsächlich eine „Fähigkeitslücke“, die dringend geschlossen werden sollte. Diese Fähigkeitslücke liegt allerdings in jenen Redaktionen, wo es an der Fähigkeit fehlt, die Realität frei von ideologischer Verblendung zu erfassen. Titelbild: Screenshot FAZ

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Dachschaden. Nach den Schulen stehen jetzt die Berliner Unis vorm Ausverkauf

Knall auf Fall wurde die Technische Universität in Berlin verrammelt, wegen baulicher Mängel. Bis auf Weiteres müssen alle draußen bleiben. Einsturzgefahr? Ach was! Vielmehr droht der Einfall von Profitinteressen. Der fast schon abgewählte Senat will eine Gesellschaft gründen, um Bau, Sanierung und Gebäudemanagement der Hochschulen zu zentralisieren. Die Blaupause dazu stammt von Neoliberalen, die den Staat zur Beute machen wollen. Eine „Katastrophe“ kommt da gerade recht. Von Ralf Wurzbacher. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Es gibt Zufälle, die gibt’s gar nicht. Seit einer Woche ist die Technische Universität (TU) in Berlin dicht. Nicht die ganze Uni, nur das Hauptgebäude an der Straße des 17. Juni. Wegen nasser Wände und Wasserschäden, die auch die Stromversorgung und den Brandschutz beeinträchtigen könnten, wie es heißt. Derlei ist weiß Gott nichts Neues, geschweige denn eine Seltenheit. Am Dienstag schrieb die Berliner Morgenpost, „Studenten spielen seit Jahren Wasserschaden-Bingo“ [https://www.morgenpost.de/berlin/article411967607/die-gebaeude-fallen-schon-auseinander-seit-ich-angefangen-habe-zu-studieren.html]. Tatsächlich führen sie auf Instagram schon sehr lange (Bilder)Buch darüber, was alles an der TU im Argen liegt: „überflutete Flure“, „eindringendes Regenwasser“, „feuchte Stellen an Decken und Wänden“. Die Zeitung zitierte einen jungen Mann: „Die Gebäude fallen schon auseinander, seit ich angefangen habe, zu studieren.“ Allerdings hat das bisher niemanden so recht interessiert, außer die direkt Leidtragenden, also Lernende, Lehrende und das Verwaltungspersonal. Aber plötzlich ist alles anders. Am vergangenen Freitag inspizierte ein Trupp aus Bauaufsehern und der Feuerwehr das TU-Zentralhaus und machte hinterher kurzen Prozess. Alles zu, alle raus! „Das Gebäude darf bis auf Weiteres nicht mehr betreten werden“ [https://www.tu.berlin/themen/schliessung-hauptgebaeude-2026], informierte stante pede die Unileitung. Das sei „mitten im Semester eine mittlere Katastrophe“ [https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a017568453b15e11907474b/tu-berlin-gesperrt-eine-mittlere-katastrophe-uni-mitarbeiter-muessen-mit-tueten-und-rucksaecken-ihre-bueros-raeumen.html], konstatierte Springers Welt und hat recht. Hunderte Lehrveranstaltungen müssen auf unbestimmte Zeit umquartiert oder durch Onlineangebote ersetzt werden. Und etliche Tausende von insgesamt 35.000 TU-Studierenden sowie haufenweise Beschäftigte müssen das Weite suchen. „Etwas vernachlässigt“ Das Ereignis lieferte tagelang Bilder einer Großevakuierung, wobei eher im Schneckentempo. Eingelassen wurde unter der Woche jeweils bloß eine begrenzte Zahl von Menschen, die dafür im Internet sogenannte Zeitslots buchen mussten. „Flüchtlinge“ mit Kartons, Klappboxen und IKEA-Taschen voller Bücher, technischer Geräte und Zimmerpflanzen taugen als tolles Kameramotiv und verstärken ungemein den Eindruck von Gefahr im Verzug. Puh, das Gebäude muss ja arg gelitten haben in seinem 60-jährigen Dasein. Und wenn sich auch nur zehn Mann zu viel in ihm tummeln, geht das Ding glatt zu Boden. Ganz bestimmt haben die Verantwortlichen nicht überreagiert. Zumal die aktuell Oberverantwortliche, Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD), mit der Wahrheit auch nicht hinterm Berg hält. Gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) bemerkte sie: „Aber der Bestand wurde etwas vernachlässigt, das kann man schon sagen.“ [https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/05/tu-hauptgebaeude-bleibt-vorerst-geschlossen.html] Nun ja. Im Vorjahr hatte eine Bestandsaufnahme ergeben, dass von den 102 über die Stadt verteilten TU-Gebäuden vier in gutem Zustand sind. 96 Prozent müssen kurz- oder mittelfristig instand gesetzt werden. An der Humboldt-Universität (HU) sind es 94 Prozent, an der Freien Universität (FU) etwa zwei Drittel. Jahrzehntelang haben die politisch Verantwortlichen zugesehen, wie die Bausubstanz verrottet, und zugleich immer neue „Spardiktate“ zugunsten von Unternehmern, Spitzenverdienern und Superreichen durchgesetzt. Aber es wurde nicht nur gegeizt. Da ist auch diese „Exzellenzinitiative“, die seit sieben Jahren „Exzellenzstrategie“ heißt. Mit dem Bund-Länder-Programm werden turnusmäßig „Leuchttürme“ der Wissenschaft mit Fördermillionen bedacht, die die gewöhnliche Hochschullandschaft mit „Spitzenforschung“ überstrahlen. Seit 2019 gehören die TU, die FU und die HU dem elitären Kreis an, unter dem Dach der „Berlin University Alliance“. Was bei der Ehrung unterging: Der Leuchtturm hat einen Dachschaden. Höchste Eisenbahn Aber jetzt ist endlich Schluss mit Verwahrlosung. Die Politik kümmert sich. Und dabei hilft ziemlich treffsicher der „Zufall“ mit. Vor gerade einmal vier Wochen hat der Hauptstadtsenat die Gründung einer Hochschulbaugesellschaft (BHG) beschlossen. Die soll künftig als Hauptquartier für Bau, Sanierung, Instandhaltung und Gebäudemanagement fungieren und bis 2045 viele Milliarden Euro extra für die Wiederertüchtigung der elf staatlichen Berliner Hochschulen mobilisieren. Die Pläne dazu liegen schon seit über einem Jahr vor. Nur geht es jetzt eben in die heiße Phase der Umsetzung, obendrein drängt die Zeit ungemein. Bald ist Sommerpause, noch dazu wird am 20. September neu gewählt in Berlin, und den Senatsparteien CDU und SPD droht eine herbe Schlappe. Für eine Große Koalition wird es danach definitiv nicht reichen, eher für eine Wiederkehr von Rot-Rot-Grün. Aber in dieser Konstellation wird es absehbar nichts werden mit der Hochschulbaugesellschaft. Nicht nur, weil das Projekt bei Hochschulrektoren und Gewerkschaften auf heftigen Widerstand stößt – auch die Linkspartei will nicht mitziehen. Auf Carl Waßmuth, Sprecher der Initiative „Gemeingut in BürgerInnenhand“ (GiB), wirkt die Aufregung um die TU deshalb „wie bestellt“. Den NachDenkSeiten sagte er am Mittwoch: „In Berlin wird gerade die deutschlandweit größte Privatisierung im Hochschulbereich vorbereitet. Die Schließung des Hauptgebäudes gehört zum Polittheater dazu, mit dem von den eigentlichen Interessen abgelenkt werden soll.“ Aber wieso Privatisierung? Der Aktivist vergleicht die Unternehmung mit der „Berliner Schulbauoffensive“ (BSO) [https://www.nachdenkseiten.de/?p=120806]. Durch Einspannung der städtischen, aber privatrechtlich verfassten Wohnungsgesellschaft Howoge verzögern sich Neubau und Sanierung der Lehranstalten um Jahre, während sich die ursprünglich veranschlagten Kosten zu vervielfachen drohen. „Das freut Banken und Bauindustrielle, während es im Klassenzimmer noch lange von der Decke tropft und der Steuerzahler die Zeche zahlt“, so Waßmuth. „Dasselbe Szenario soll sich jetzt mit den Hochschulen wiederholen.“ „Vorbild“ Schulbauoffensive Ähnlichkeiten gibt es tatsächlich viele. Nur dass man zunächst eine ganz neue Gesellschaft auf die Beine stellen will, verfasst als Anstalt des öffentlichen Rechts (AöR). Was nach viel Staat klingt, wird aber viel Privat enthalten. Die BHG wäre selbst kein Bauherr, sondern Vermittler von Aufträgen an Firmen, die Neubau und Sanierungen erledigen und dafür Kredite am freien Kapitalmarkt aufnehmen sollen. „Zur Erfüllung ihrer Aufgaben kann sich die Anstalt Dritter bedienen“, heißt es im Referentenentwurf [https://www.parlament-berlin.de/ados/19/IIIPlen/vorgang/d19-3155.pdf] von Ministerin Czyborra. „Als Dritte kommen Bauunternehmen, Architektur- und Ingenieurbüros sowie Gebäudetechnikunternehmen in Betracht.“ Nicht die Rede ist dagegen von Banken und anderen Akteuren der Finanzwirtschaft, die an dem Modell reichlich mitverdienen werden, sprich an Zinsen und Zinseszinsen. Gerade die „Schulbauoffensive“ hat hier Maßstäbe gesetzt. In ihrem Rahmen teilen sich die Berliner Bezirke und die Howoge die Neubau- und Sanierungsprojekte auf. Die Bezirke haben den Großteil ihrer Aufgaben in kurzer Zeit abgearbeitet und pro Schulplatz weniger als 40.000 Euro aufgewendet. Die Howoge hat bis dato nicht einmal zehn Projekte realisiert, braucht bis zum Vollzug mindestens noch fünf Jahre und verpulvert im Schnitt pro Schulplatz weit über 200.000 Euro. Wer alles verdient da wohl mit? Schon deshalb sollte man den Zahlenspielen zum angekündigten Hochschulbauwumms nicht trauen. Laut Senatsmitteilung [https://www.berlin.de/aktuelles/10334074-958090-senat-beschliesst-gruendung-von-hochschu.html] sollen mit der neuen Finanzierungstruktur von „2032 bis 2046 jährlich zwischen rund 220,3 und 298,6 Millionen Euro investiert werden“. Das wären 3,3 bis 4,5 Milliarden Euro. Die BSO war 2016 mit der Ansage 5,5 Milliarden Euro gestartet. Inzwischen werden mindestens 15 Milliarden veranschlagt. Die BHG könnte bei anhaltender Preisentwicklung und der langen Laufzeit in ähnliche Sphären vordringen, eher noch viel weiter. 30 Prozent weniger Platz Zumindest hinsichtlich der Anlaufzeit (sechs Jahre) offenbaren die Macher diesmal Realitätssinn. Die BSO kam ewig nicht in die Gänge, weil mit Einbezug der Howoge zunächst ein riesiges Konstrukt zu erschaffen war. Geschlagene fünf Jahre brachte man allein damit zu, die fraglichen Schulen in Gestalt von 120 Verträgen juristisch auf die GmbH zu übertragen. Nur damit verdienten sich Berater und Anwälte schon eine goldene Nase. Im Fall der Hochschulen wird das fraglos noch getoppt. Auch hierbei soll der gesamte Gebäudebestand samt Grundstücken – mehrere Hundert Objekte – Eigentum der BHG werden. Die Unis verlören damit jede Handhabe in puncto Gebäudemanagement und müssten als Mieter Mietzahlungen an die neue Dachgesellschaft abführen. Außerdem soll ihr gesamtes Personal, neben Angestellten auch die Beamten, in die BHG überwechseln. Und schließlich wollen CDU und SPD anfangs zehn Prozent und mittelfristig bis zu 30 Prozent der Flächen reduzieren, auf dem Wege von Synergien, Zusammenlegung, E-Learning und Homeoffice, wie es Czyborra vorschwebt. „In Einzelfällen“ gehörten auch „Grundstücksgeschäfte“ zu den Aufgaben der Gesellschaft, erfährt man in ihrer Vorlage. „Die HBG wird wohl eine ganz große Nummer im Immobilienbusiness beim Vermarkten und Verkaufen von Hochschulliegenschaften“, ahnt GiB-Sprecher Waßmuth. Er fürchtet Schlimmes: > „Statt schnell Gebäude zu sanieren, wird eine Struktur geschaffen, die dem Ausverkauf dient. Die fünf größten Baufirmen Europas sollen Zugriff auf Gelder bekommen, die heute noch der Hochschulbildung gewidmet werden. Banken bekommen die Hälfte vom Kuchen ab – über Zinsen für die Umgehung der Schuldenbremse, aus Steuergeld bezahlt. Es wird ein gewaltiger Raubzug.“ Es ginge auch anders. Bekanntlich hat die Bundesregierung ein „Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität“ (SVIK) im Umfang von 500 Milliarden Euro aufs Gleis gesetzt, das eigentlich für Fälle wie der von Berlin wie maßgeschneidert erscheint. Der Bund nimmt Geld auf, durch Ausgabe von Bundesanleihen zu vergleichsweise günstigen Konditionen, und bringt damit marode Schulen, Hochschulen, Schienen, Brücken und Straßen in Schuss. So die Theorie. Nun die Praxis: Jüngst haben Bund und Länder ein „Programm zur Modernisierung und Sanierung“ [https://www.forschung-und-lehre.de/politik/umfangreiches-programm-gegen-sanierungsstau-an-hochschulen-beschlossen-7527] von Kitas und Wissenschaftseinrichtungen klargemacht, versehen mit dem Attribut „umfangreich“. Das Volumen: Vier Milliarden Euro, gestreckt über vier Jahre, wobei bestenfalls die Hälfte bei den Hochschulen landen wird. Und der Bedarf? Allein für die Berliner Unis ist ein Sanierungsstau von schätzungsweise 8,4 Milliarden Euro aufgelaufen. Für alle Hochschulen in Deutschland sind es gemäß einer Hochrechnung der Hamburger Finanzbehörde 141 Milliarden Euro. Daseinsvorsorge unterm Hammer Warum dann so knausrig? Ganz einfach. Bei Modellen der Sorte BSO, HBG oder ÖPP (öffentlich-private Partnerschaften) können „Dritte“ sehr viel üppiger profitieren. Die AöR übe ihre Aufgaben „unter Berücksichtigung der Interessen der Hochschulen“ aus, formuliert der Senatsentwurf zur Gründung der Hochschulbaugesellschaft. „Das bedeutet, dass auch andere Interessen berücksichtigt werden“, befand Waßmuth – und verwies auf die „Pionierarbeit“ der sogenannten Fratzscher-Kommission, benannt nach dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte den Zirkel aus marktliberalen Ökonomen und Vertretern der Finanzbranche 2014 mit der Aufgabe betraut, hochprofitable Anlagemöglichkeiten für von Niedrigzinsen gebeutelte Banken und Versicherungen „zur Stärkung von Investitionen in Deutschland“ zu erschließen. Am Ende stand die Idee einer zentralen Autobahngesellschaft, die den Ausverkauf von Deutschlands Straßennetz auf Kosten der Steuerzahler unter Umgehung von Schuldenbremse und EU-Stabilitätskriterien vollziehen soll. Die „Autobahn GmbH des Bundes“ gibt es seit inzwischen fünf Jahren und ÖPPs sind ihr bevorzugtes Mittel der Wahl, wenn es um den Fernstraßenbau geht. Wie programmiert laufen die Kosten dabei stets aus dem Ruder. Aber die von Beratungsgesellschaften wie PricewaterhouseCoopers (PwC) oder KPMG ausgeheckten Strategien lassen sich auch auf andere Bereiche anwenden – Schulen, Hochschulen, die öffentliche Verwaltung –, die nach jahrzehntelanger Kürzungspolitik so geschwächt sind, dass sie dringend „Hilfe“ brauchen. Zwecks Lösung wird dann flugs ein sogenannter Intermediär in Stellung gebracht, ein Vermittler, immer in staatlichem Gewand zwar – ob als AG, GmbH oder AöR –, aber gelenkt und getrieben von privatwirtschaftlichen Profitinteressen. Protest am Montag Nun also sind Berlin und seine Hochschulen ins Visier der Absahner geraten. Die akuten Baustellen wie kaputte Klos, schimmelbefallene Lehrsäle, defekte Heizungen scheren sie nicht. Sie kalkulieren langfristig, vor 2032 muss nichts passieren, weil dann ja erst die Verträge fix sind und der Reibach losgehen kann. Aber einen Dachschaden für die Galerie, den hat es schon gebraucht. Damit die Öffentlichkeit endlich kapiert, wie ernst die Lage ist, und eine längst diskreditierte Landesregierung rasch noch Nägel mit Köpfen macht. Immerhin: Für kommenden Montag um 9 Uhr haben die Gewerkschaften Ver.di und GEW sowie die Landeskonferenz der Rektoren zu einer Demonstration vor dem Berliner Abgeordnetenhaus aufgerufen. Drinnen will zeitgleich der Wissenschaftsausschuss über die Senatspläne beraten. „Der Senat versucht, die Hochschulbaugesellschaft gegen die Interessen der Hochschulen, der Beschäftigten und der Studierenden durchzudrücken“, beklagt die GEW in ihrem Aufruf [https://www.gew-berlin.de/presse/detailseite/hochschulbaugesellschaft-gefaehrdet-beschaeftigte-und-studentische-raeume]. „Statt die Hochschulen zu stärken, drohen Arbeitsplatzabbau, Tarifflucht und Outsourcing.“ Für die Initiatoren kann das nur eines heißen: „Dieses Gesetz gehört zurückgezogen.“ Titelbild: Mo Photography Berlin / shutterstock.com [http://vg05.met.vgwort.de/na/ec7550dd225841fcabafa9b3e0b6d8e4]

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