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Verdis einzige wirklich komische Oper: „Falstaff“ in Mainz

3 min · 15 jun 2026
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KONSEQUENTE ANSPIELUNGEN AUF DEN US-PRÄSIDENTEN Verarmte, sich an verheiratete Bürgersfrauen ranschmeißende Ritter, das ist wohl Duft aus alter Komödienmärchenzeit. Pleitiers hingegen, die sich Frauen sexuell und monetär gefügig machen, finden sich aber noch immer in manchen Vorstandsetagen. Falstaff ist ein solcher Hasardeur in Verena Stoibers Inszenierung von Verdis gleichnamiger Oper am Staatstheater Mainz. Die Anspielungen auf den amerikanischen Präsidenten sind konsequent: Blauer Anzug und eine überdimensional gelbe Krawatte. Gelbe Basecaps verteilt er an die Untergebenen. Größer müssen sie ihn nicht machen. Das ist er schon, aber auch pleite: der Tresor ist leer in der Vorstandsetage seines Trump Towers mit Blick auf die Wolkenkratzer in der filmreifen Ausstattung von Clara Hertel. In der Videoprojektion rauschen wir mit dem Aufzug in die untere Etage der Finanzabteilung. Dort arbeiten die kaum gleichberechtigten Frauen des Unternehmens Windsor. Das heitere Spiel der virilen Komödie, mit dem der von sich sehr überzeugte Sir John Falstaff ausgetrickst wird, ist eine Revolte gegen die frivole Allianz der Gier nach Sex und Geld. AVANCEN MIT HERUNTERGELASSENEN HOSEN Falstaff wird nicht mehr, wie in der Shakespeare-Vorlage („Die lustigen Weiber von Windsor“), im Korb mit der Schmutzwäsche beim vereitelten Stelldichein mit Alice Ford in die Themse befördert. Jetzt werden die aufdringlichen Avancen des CEO Falstaff mit heruntergelassenen Hosen mit Livecams festgehalten, die peinlich entlarvenden Filmchen zum krachenden zweiten Aktfinale ins Netz hochgeladen. Aus dem Park mit der Eiche, wo Falstaff bei Shakespeare der letzte Streich gespielt wurde, ist in Mainz zum braun-dumpfen Gerichtsmobiliar im Keller des Windsor-Unternehmens geworden. Hier wird in einem surrealen Spektakel Falstaff der Prozess gemacht. Die sich mit Sonnenbrillen vor zudringlichen Blicken schützenden Frauen zwingen ihn endgültig in die Knie. Verdis brillant-berühmte Schlussfuge „Alles ist Spaß auf Erden“ wird ironisiert zu einem Lärm der Schande, die Falstaff die Standfestigkeit nimmt. Am Ende landet er wieder in seiner Vorstandsetage. War da was? An seinem Schreibtisch sitzt jetzt die sonst als Botin dienende Quickly. DIRIGENT GABRIEL VENZAGO BETONT DIE MODERNITÄT DER PARTITUR Die feministische Lesart funktioniert vor allem, weil der Dirigent Gabriel Venzago die Modernität der Partitur betont. Schon die Schärfe der ersten stürzenden Akkorde artikuliert das Philharmonische Staatsorchester mit herbem Biss. Derrick Ballard ist ein Falstaff mit mächtig durchdringendem Bass, der in der Höhe fragil schrumpft, alles andere als eine lustige Figur. In dem strahlend hellen Bariton von Brett Carter als Ford hat er den würdigen Gegenspieler. Die irre Mechanik dieser bis in den letzten Winkel durchgeformten Partitur funktioniert aber nur mit einem gleichwertig homogenen Ensemble. STARK BESETZT: „DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR“ Genau das bieten „Die lustigen Weiber von Windsor“ Nadja Stefanoff, Verena Tönjes, Abongile Fumba und Julietta Aleksanyan mit Bravour als Alice, Meg, Quickly und Nanetta. Die Herren sind da brüchiger, herausragend aber der Tenor von Collin André Schöning, ein Bardolf als vokaler Luxusdiener Falstaffs. Myungin Lee singt einen lyrisch schönen Fenton. An der Koordination des vertrackt-rhythmischen Ping-Pong-Spiels zwischen Graben und Bühne kann noch gefeilt werden, da klappert es an einigen Stellen im Gebälk. Ansonsten steht das Windsor-Unternehmen in Mainz als standfester „Falstaff“ unserer Zeit. Witzig, bissig, spannend und brillant.

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Festspieltaugliche Interpretation: Verdis „Macbeth“ bei den Opernfestspielen Heidenheim

Die Opernfestspiele Heidenheim [https://www.opernfestspiele.de/]haben sich zu einem der wichtigen Opernfestivals der vergangenen Jahre gemausert, nicht zuletzt durch Inszenierungen der frühen Opern Giuseppe Verdis, die von Festspielintendant Marcus Bosch in der Chronologie ihrer Entstehung aufs Programm gesetzt werden. 2026 steht Verdis düstere Shakespeare-Vertonung des „Macbeth“ in einer Inszenierung von Andreas Baesler auf dem Programm. Gespielt wird nicht die bekannte, von Verdi für die Pariser Uraufführung überarbeitete Fassung, sondern die selten gespielte Urfassung von 1847. SWR Kultur Opernredakteur zeigt sich angetan von der Inszenierung und der musikalischen Interpretation.

17 jul 20266 min
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Christopher Nolans „Odyssee“: Monumentales Kino mit düsterem Grundton

UNTERSCHIEDE ZUR LITERARISCHEN VORLAGE Christopher Nolans mit Spannung erwartete Verfilmung der „Odyssee“ startet in den Kinos und erzählt Homers Epos als psychologisches Drama über einen traumatisierten Kriegsheimkehrer. Filmkritiker Rüdiger Suchsland lobt die erzählerische Anlage des Films: „Er macht es so, dass er schon rafft, aber die Struktur von Homer beibehält. Die Struktur ist nämlich auch schon achronologisch.“ Zugleich sieht Suchsland deutliche Unterschiede zur literarischen Vorlage, denn „die Odyssee ist eine Geschichte, die, würde ich sagen, sehr viel mit dem mittelmeerischen Lebensgefühl, also mit Sonne, blauem Meer, mit einer gewissen Leichtigkeit und Heiterkeit zu tun hat.“ MODERNER BLICK AUF ODYSSEUS Stattdessen präge Nolan den Film mit einem grauen Meer, einer melancholischen Atmosphäre und einem modernen Blick auf Odysseus als nachdenklichen, von Kriegserfahrungen gezeichneten Helden. Mit Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Zendaya und Charlize Theron setzt der Regisseur auf einen hochkarätigen Cast und interpretiert den antiken Stoff als anspruchsvolles Epos für ein heutiges Publikum.

Gisteren8 min
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Unwegsamkeiten in Stadt und Land: Xaver Bayers neuer Roman „Hauch“

Bayers Roman setzt im Hoch- oder Spätsommer ein und endet im Frühjahr. Die Trennung der beiden Protagonisten – Veit und Dora – ist eine Abmachung. In dieser Zeit dürfen sie einander nicht persönlich treffen. Sie schreiben aber einander handgeschriebene Briefe, verschickt mit der Post. Dora arbeitet als Übersetzerin, Veit als Schriftsteller. Dora leidet an Albträumen und Schlaflosigkeit. Das hat auch mit der urbanen Umgebung zu tun. Doch auch auf dem Land ist nicht alles Idylle: Vögel fliegen erschrocken auf, weil eine Drohne vorbeisaust. Veit kommentiert das Geschehen: EIN SCHWANENGESANG AUF DIE NATUR  „Es kommt mir vor, alles in der Welt ist zu einem Kippbild zwischen friedlich und bedrohlich geworden. Man muss Mal für Mal selbst entscheiden, wie man die Dinge sehen möchte. Wenn man denn entscheiden kann.“ Und Dora ergänzt mit apokalyptischen Worten: „Lieber Veit, wenn ich Deinem letzten Brief noch etwas hinzufügen darf, ist die gesamte Menschheit eine Kriegserklärung an die Natur.“   Veit wiederum stellt eine existentielle Frage: „Warum konnte innerhalb so weniger Jahrzehnte eine derart eklatante Entfremdung des Menschen von der Natur stattfinden? Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Natur von immer mehr Menschen als veraltet, als nicht zeitgemäß angesehen wird.“ GRILLENZIRPEN IN DER U-BAHN Dora wiederum drückt dies in philosophischen Worten aus: „Das Sein hat sich hinter einer Kopie seiner Außenansicht zurückgezogen.“  Im urbanen Terrain beherrscht beständiger Lärm den Alltag. Der Smog greift die Lunge an. Und die Menschen? Dora nimmt sie zusehends als wandelnde Zombies wahr. Zwischen Baustellengetöse erlauscht Dora das Tschilpen der Spatzen.   > Gestern habe ich sogar ein Grillenzirpen vernommen, in der U-Bahn, aber es kam aus einem Mobiltelefon.  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch VERLUST LÄNDLICHER GEBORGENHEIT  Auf dem Land nimmt Veit naturgemäß etwas andere Veränderungen wahr: Auch dort gibt es Baulärm, rasende Rolande auf ihren Motorrädern und Flugzeuge ziehen ihre Bahn. Doch was auffällt, ist die Verödung der Dörfer: Gasthäuser und örtliche Einkaufsläden schließen, wer Besorgungen hat, muss zu den Shoppingmalls nächstgrößerer Städte. Und der Postkasten für die Briefe an Dora? Ist auch verschwunden – zahlt sich nicht mehr aus, sagt die Postverwaltung. Veit nennt diese Orte am Land das „Herz der Verlassenheit“.  Wenn man nun im Weiterlesen meinen würde, irgendwann und irgendwo müsste bald die Bombe einschlagen, irrt man. Zeitweise hat man das Gefühl, die Briefe würden allein den tristen Ist-Zustand der Welt abbilden. Aber auch das ist ein Fehlschluss. EIN HAUCH DES LEBENS Veit beobachtet die Vögel im Flug, das Fallen des Schnees, die Spuren der Hauskatze und das heftige Rauschen der Gräser und Bäume im Sturm. Die Bewegungen des Windes – sind sie nicht naturhafte Gleichung für den Atem, für den „Hauch“ im Dasein der Menschen?  Selbst Dora, geplagt von ihren Albträumen, hat Träume, die aus Hoffnung gestickt sind. Auch das – ein Hauch des Lebens.  > „Lieber Veit, heute, im Traum, habe ich auf der Straße einen Ring gefunden, den offenbar jemand verloren hat. Aber wo gibt man Traumfundstücke ab? Deine Dora.“  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch DIE GELASSENHEIT IM LEBEN Xaver Bayer ist mit seinem Roman Hauch etwas Besonderes gelungen: Apokalyptische Gedanken holen einen heutzutage öfters ein. Indem aber der Autor im Laufe des Geschehens durch Naturbeobachtung und durch die Dialoge der beiden Briefschreibenden ein Gefühl der „Gelassenheit“ erzeugt, nimmt er seine Leserschaft im Lesen der Briefe mit. „Hauch“ ist sprachlich gesehen, völlig unspektakulär, man könnte sagen, der Roman steht diametral zur Aufregungs- oder Betroffenheitsliteratur. Doch genau das macht die Seriosität des Textes aus. In einem Brief fasst Veit es in kurzer, unmissverständlicher Weise zusammen – eine Art Aphorismus, den man sich durchaus einprägen sollte.  > „Die Welt will wahrgenommen werden, und sie will beschrieben werden, das ist alles.“  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch

15 jul 20264 min