SWR Kultur lesenswert - Literatur

Carsten Gansels überfälliges Kompendium zur DDR-Literatur

4 min · 22 jun 2026
aflevering Carsten Gansels überfälliges Kompendium zur DDR-Literatur artwork

Beschrijving

Etwa 80 Millionen Bücher wurden vernichtet. In stillgelegte Tagebaue gekippt, auf Feldern verstreut oder untergepflügt. Abgewickelte Verlage, Bibliotheken, Betriebsbüchereien, Kulturhäuser oder Geschäfte warfen 1990 tonnenweise Werke aus DDR-Produktion weg. Doch nicht nur den Büchern, auch ihren Produktionsstätten wurde der Garaus gemacht. Die 78 Verlage, zu 90% staatliches Eigentum, wurden binnen kürzester Zeit von der Treuhandanstalt entsorgt. > Die meisten Verkäufe wurden in der Folgezeit innerhalb eines Jahres abgewickelt, es gab keine Zeit, um die oftmals verwickelte Rechtslage zu prüfen und nach seriösen Käufern zu suchen. > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? BÜCHERN UND VERLAGEN WIRD DER GARAUS GEMACHT Mit ebenso nüchternen wie beklemmenden Fakten wie diesen beantwortet Carsten Gansel gleich im ersten Kapitel die titelgebende Frage seines Buches „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“. Aber es gab in den folgenden Jahren, und gibt sie noch immer, viele weitere Versuche, Werke und Autoren jener Zeit zu diskreditieren, mit wenig Interesse an Differenzierung zu stigmatisieren oder ausschließlich zu ideologisieren. Davon – und mit nicht geringer Empörung – berichtet der Germanist aus Güstrow, der viele Jahre lang der einzige ostdeutsche Germanistikprofessor an einer westdeutschen Universität war. So erinnert er an den Literaturstreit um Christa Wolf des Jahres 1990, der erbittert und scharf geführt worden und einzig und allein als grundsätzliche Abrechnung mit Autorinnen und Autoren ihrer Generation angelegt gewesen sei, so Gansel. Sein Fazit: > Es ist angeraten, die DDR Literatur an ihrem eigenen Selbstverständnis zu messen und nicht an von außen herangetragenen Maßstäben, die einer westlichen Gesellschaft abgezogen sind. > > > Quelle: Carsten Cansel - Ausradiert? BLICK IN DIE LITERATURGESCHICHTE DER DDR Und so widmet sich der Autor in einem weiteren – dem größten Teil – seines Buches der Geschichte der DDR-Literatur. „Volker Braun hatte das Glück, im Kombinat „Schwarze Pumpe“ vom Schriftsteller Ehepaar Brigitte Reimann und Siegfried Pietschmann betreut zu werden. Das junge Ehepaar war noch Hoyerswerda gekommen, um neue literarische Wege zu finden und endlich eine eigene Wohnung zu erhalten.“ Der junge Volker Braun ging in die Plattenbaustadt und ihr Kombinat, weil er keinen Studienplatz erhalten hatte und nun hoffte, über die Arbeit in der Produktion an die Universität delegiert zu werden. Nach drei Jahren klappte es. Er wurde zu einem der wichtigsten Autoren der DDR, anfangs überzeugt, dann immer kritischer. Wie seine Mentorin Brigitte Reimann, deren Roman über ihre Zeit in Hoyerswerda „Franziska Linkerhand“ sie 1974 berühmt machte. Bereits in den 50er Jahren gehörte sie dem „Donnerstagskreis“ junger Autoren an. Dort debattierten Walter Janka, Erich Ahrendt oder Fritz J. Raddatz offen, lebhaft – und mutig. In ihr Tagebuch notierte die engagierte Schriftstellerin: > Die Gruppe ist illegal. Der Geist bei uns lebt illegal – Herrgott, ist das eine Welt! > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? KULTURELLE LEISTUNG VERSUS IDEOLOGISCHE ABWERTUNG Brigitte Reimann wird sich an dieser widersprüchlichen DDR-Welt ihr Leben lang ebenso abarbeiten wie wie viele weitere ihrer Schriftstellerkollegen. Von ihnen und ihrem Schaffen berichtet das Buch. Von den mündigen Lesern ihrer Werke. Damals wie heute. Grundiert wird das sorgsam recherchierte, von vielen persönlichen Begegnungen mit den Autorinnenen und Autoren profitierende Kompendium von Wut. Carsten Gansels Wut über den weiter unausgewogenen Umgang mit DDR Literatur. Und er ist damit nicht allein, wie aus einem Gespräch mit Volker Braun im August letzten Jahres hervorgeht: > Wunschdenken unserer beamteten Wissenschaft sei ein Narrativ der Sieger durchzusetzen. Das ist ihr Problem, nicht das der Literatur. Der Autor ist ja der Zweifelnde, Suchende, der sich Fragen stellt. > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? Dem in den Werken von Volker Braun, Christa Wolf, Brigitte Reimann und vieler anderer nachzuspüren, dazu stiftet das engagierte Buch von Carsten Gansel an – und liefert ein faktenreiches Fundament für die Auseinandersetzung.

Reacties

0

Wees de eerste die een reactie plaatst

Meld je nu aan en word lid van de SWR Kultur lesenswert - Literatur community!

Probeer gratis

Probeer 14 dagen gratis

€ 9,99 / maand na proefperiode. · Elk moment opzegbaar

  • Podcasts die je alleen op Podimo hoort
  • 20 uur luisterboeken / maand
  • Gratis podcasts

Alle afleveringen

5681 afleveringen

aflevering Italien mit der Seele suchend: „Olevano“ von Golo Maurer artwork

Italien mit der Seele suchend: „Olevano“ von Golo Maurer

Vor 1804 hätten sich nur wenige Besucher in das abgelegene Olevano in den Monti Prenestini verirrt, schreibt der Kunsthistoriker Golo Maurer in seiner Studie „Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden“. Doch dann seien die wanderlustigen ‚Tedeschi‘ gekommen, deutsche Künstler:  „Sie waren überwiegend jung, überwiegend nicht rechtgläubig, also Heiden, zogen sich an, wie niemand sich eigentlich anzieht, waren dabei oft kränklich und starben auch manchmal. Abends hockten sie palavernd beisammen, des Tags strömten sie aus.“  > Aber nicht zum Holzsammeln oder sonst was Nützlichem, sondern um auf kleinen Brettchen, an denen sie stundenlang hockten, Papierbögen mit feinen Bleistiftstrichen zu bedecken. > > > Quelle: Golo Maurer - Olevano EINE DEUTSCHE KÜNSTLERKOLONIE ENTSTEHT  Nach dem Pionier Joseph Anton Koch, einem Maler, der Olevano noch als felsiges Hirten-Idyll inszenierte und damit bekannt machte, wandelten bald junge Landschaftsmaler wie Karl Philipp Fohr, Franz Theobald Horny, Heinrich Reinhold oder Julius Schnorr von Carolsfeld auf den wilden Pfaden des Lazio. Hinzu stießen Dichter wie Wilhelm Waiblinger oder Friedrich Rückert, der seine romantische Gesinnung in die Worte „Ich bin der Welt abhandengekommen“ kleidete.   EIN JUNGER HIGH-POTENTIAL AUS DER GOETHESTADT TRITT AUF  Zum Kronzeugen der „heroischen“, romantisch produktiven Jahre Olevanos zwischen 1804 und 1829, macht Maurer den Maler Franz Horny. Der „geborene Romantiker“ besuchte zunächst die Fürstliche Zeichenschule in Goethes Weimar. Seine stimmungsvollen Baum-Motive zeigten ...  „... eine eigentümliche Fähigkeit, im nur organisch Belebten so etwas wie eine seelische Persönlichkeit, einen individuellen Zustand zu entdecken und wiederzugeben, der durchaus menschliche Züge trägt.“ 1816 durfte Horny mit einem Förderer aus dem Umkreis Goethes eine Italienreise antreten. In Rom tauchte der 17-jährige Hoffnungsträger in den Bienenstock des Caffé Greco ein, einen Treffpunkt deutscher Künstler, die, so Maurer, „dem Vaterland wieder auf die Beine helfen“ wollten, das nach Napoleonischer Besatzung und Wiener Kongress darnieder lag.  Die Maler und Dichter trugen ‚altdeutsche Tracht‘, eine Art Mittelalter-Kostümierung, und lange Haare. Golo Maurer nennt sie „reaktionäre Revolutionäre“.  > Man floh vor den politisch-gesellschaftlichen Zuständen der Heimat, also vor Restauration und Unterdrückung. > > > Quelle: Golo Maurer - Olevano „Man floh vor einer Gegenwart, die noch heute als Beginn des wissenschaftlich-technischen Fortschritts gilt und die als seelenlos zu bezeichnen damals Mode wurde: Rationale Betriebsamkeit und bürgerlicher Gewerbegeist, Handel, Börse, Automaten, Manufakturen und Dampfmaschinen – eine aus dem gemütlichen Takt langer Jahrhunderte gekommene Menschheit.“  LANDSCHAFTEN WIE AUS DEN MÄRCHEN DER GEBRÜDER GRIMM  Eingeschüchtert vom „ewigen Rom“ entwickelten die jungen Maler in den Sommerfrischen in Olevano zwischen Steineichen und Felsen eine Landschaftsmalerei von mittelalterlich-märchenhafter Anmutung, die sich von der dominierenden französischen Kunst absetzte und bald als typisch deutsch geschätzt wurde.  Man war, wie Maurer spöttisch sagt, „Landschaftserlebnisweltmeister“.   Unter den ‚Olevanern‘ war auch Franz Horny. Er kam 1817 in die Monti Prenestini, die er als „Zauberland“ empfand. Trotz seiner Tuberkulose aquarellierte und zeichnete er in früher Meisterschaft Landschaften, die aussahen wie aus Grimms Märchen. Er starb 1824, mit nur 25 Jahren, in Olevano.  Golo Maurers Buch ist eine grandiose deutsch-italienische Kunst- und Kulturgeschichte. Fast im Plauderton entreißt Maurer die frühromantischen Pioniere dem Vergessen – und amüsiert, etwa, wenn er den romantikfeindlichen Goethe respektlos „den alten Gockel von Weimar“ nennt.

21 jul 20264 min
aflevering Gefahren allenthalben – ein Rundblick artwork

Gefahren allenthalben – ein Rundblick

GEFAHREN ALLENTHALBEN – EIN RUNDBLICK Wenn T.C. Boyle schwarz sieht, wird es spannend. Die Natur ist aus dem Gleichgewicht und die Menschen sind es auch – diese Beobachtung ist für ihn schon lange ein Thema, das er immer wieder umkreist und mit dem er seinem Publikum Gänsehaut, Horror und manchen Schrecken bereitet.  Exemplarisch steht dafür in seinem neuen Story-Band die Erzählung „Kalter Sommer“. Ein Ehepaar hat in seinem abgelegenen Traumhaus ganz auf Sonnenenergie gesetzt, doch plötzlich scheint aufgrund verschwörerischer Machenschaften keine Sonne mehr und es schneit mitten im Sommer.  HILFLOSIGKEIT UND SCHMERZ  Aus diesem dystopischen Szenario entwickelt sich das, worauf sich Boyle meisterhaft versteht: Eine Schauergeschichte, in der alles, was gerade noch alltäglich war, umschlägt in eine Abfolge von quälenden Schockmomenten.  > Meine Frau lag verletzt auf dem Sofa, mein Wagen stand nutzlos in der Einfahrt, mein Haus hatte keinen Strom, und niemand ging ans Telefon. > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Wie schnell alle Sicherheit von Hilflosigkeit und Schmerz hinweggefegt werden kann, darum geht es in T.C. Boyles neuem Story-Band immer wieder, auch in der Titelerzählung „Das Ende ist nur ein Anfang“. Ein Schriftsteller besucht seinen Verlag in Paris, und der zunächst langweilige Besuch entwickelt sich zu einem kleinen Fest fürs Leben. Doch bald nach seiner Rückkehr bekommt seine geliebte Frau Atemnot. Er hat sie, ohne etwas zu ahnen, mit Corona angesteckt, was sie nicht überlebt. Das ist eine von diesen kaltblütigen Pointen, mit denen Boyle seiner Leserschaft vorführt, wie gemein das blinde Schicksal zuschlagen kann.  MULTIDIMENSIONALE KATASTROPHEN  Mehrere der Kurzgeschichten handeln von den, wie Boyle es ausdrückt, „multidimensionalen Katastrophen, die unter der Oberfläche des Vorstadtlebens lauern“. Zu diesen Gefahren gehören auch jene Soziopathen, die ihre inneren Krisen in brutale Gewalt verwandeln. Eine Musikstudentin, die sich gerade noch in ihrem vom Autor sorgsam ausgemalten Idyll ziviler Kultiviertheit geborgen fühlen konnte, wird zum Opfer eines Amokläufers:  > Ja, er war voller Hass, blindem Hass, und hier war er und da war diese Studentin und stapfte mit ihren Stiefeln durch den Schnee, und spielte es wirklich eine Rolle, ob er vernünftig war, ob er die richtigen Zusammenhänge herstellte? > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Boyle gelingt es nach wie vor perfekt, einen Handlungsraum dramatisch zu beleben. Allerdings bewegt sich das alles im inzwischen doch sehr vertrauten thematischen Kosmos des Autors, dem hier keine neuen Akzente hinzugefügt werden. UMERZIEHUNG IN TRUMP-MANIER  Ausgerechnet die politisch aktuellste Story, die Dystopie mit dem Titel „2036“, bietet mit ihren Trump-Anspielungen nur einige matte satirische Pointen. Da kommen Abweichler in ein Umerziehungslager und müssen die gesammelten Worte des Präsidenten mit der großen Haartolle auswendig lernen. > ‚Versteh mich nicht falsch‘, sagte Lucas, ‚ich liebe den Präsidenten – aber zehn Bände? Mit jeweils fünfhundert Seiten. Ich weiß nicht, ob ich das in meinen Kopf kriege.‘ > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Richtig zündend wirkt diese Übertragung einer Orwell’schen Diktatur auf das Zeitalter Trumps nicht. Trotzdem wird es in diesem Erzählband nie langweilig, aber insgesamt fällt die Bilanz sehr gemischt aus. Schließlich haben diese neuen Storys eine unschlagbare Konkurrenz. Nämlich all die vielen großartigen Kurzgeschichten, die man von T.C. Boyle schon kennt, und keineswegs vergessen hat.

Gisteren4 min
aflevering „Das Erschreckendste ist, dass es gar keine Monster gibt“ artwork

„Das Erschreckendste ist, dass es gar keine Monster gibt“

KEINE MONSTER, SONDERN GEGENWART Der Titel ihres Debütromans führt zunächst in die Irre. „Zeit der Monster“ sei keine Horrorgeschichte, sagt Şeyda Kurt. Die Monster stünden vielmehr für die Krisen unserer Gegenwart: Klimawandel, Vergessen und das Gefühl, dass der Untergang oft realistischer erscheint als eine bessere Zukunft. GESCHICHTE UNTER DER OBERFLÄCHE Der Roman spielt in einem Viertel, das an Köln-Kalk erinnert. Doch Şeyda Kurt verbindet dessen Gegenwart mit weit zurückreichenden historischen und geografischen Bezügen – bis nach Mesopotamien und Kurdistan. Vergangenheit wirke immer in die Gegenwart hinein, sagt sie. Deshalb lasse sich kein Ort erzählen, ohne seine Geschichte mitzudenken. EINE SPRACHE GEGEN DIE SPARSAMKEIT Nach zwei Sachbüchern wollte Şeyda Kurt die Möglichkeiten des Romans ausloten. Sie setzt auf eine sinnliche, üppige Sprache – bewusst gegen das Ideal, Literatur müsse möglichst knapp sein. Die Forderung, „kein Wort zu viel“ zu schreiben, hält sie für Ausdruck einer bürgerlichen Ästhetik, der sie etwas Eigenes entgegensetzen möchte. LITERATUR ALS HEIMAT Am Ende beschreibt Şeyda Kurt Literatur mit einem Gedanken von Novalis [https://www.swr.de/kultur/literatur/novalis-hymnen-an-die-nacht-100.html]: Schreiben bedeute für sie, überall zu Hause sein zu wollen. Deshalb versteht sie „Zeit der Monster“ nicht nur als Roman über Köln-Kalk, sondern als Geschichte über Verlust, Suche und Widerstand, die auch an vielen anderen Orten der Welt spielen könnte.

19 jul 20269 min
aflevering Die Geschichte eines sehr speziellen Metzgers artwork

Die Geschichte eines sehr speziellen Metzgers

Mit diesem jungen Mann ist nicht zu spaßen. Rensing meint es ernst mit allem, was er anfasst. Und was er am liebsten anfasst, das ist: Fleisch. Totes und lebendiges. Mit Rindern wie mit Schweinen und ihren besten Stücken kennt er sich aus, und das von früher Jugend an. Mit Menschen nicht so. Rensings Vater ist Schlachter mit eigener Metzgerei – ein nicht sonderlich ambitionierter, aber man kommt über die Runden, und irgendwann soll der Sohn den Betrieb übernehmen. In den Siebzigerjahren, in denen Manik Sarkar seinen Debütroman „Ochsenkopf“ beginnen lässt, gibt es im Dorf irgendwo im Norden der Niederlande noch genug Kundschaft. DER GROSSE TRAUM VOM PERFEKTEN BLUTIGEN HANDWERK So kann sich Rensing junior, kaum hat er die Fleischerfachschule abgeschlossen, der Verwirklichung seines großen Traums widmen: die Metzgerei Rensing & Sohn zur besten weit und breit zu machen, mit perfektem Handwerk, von der Auswahl der besten Tiere über fachkundiges Schlachten und Zerlegen bis zur appetitlichen Präsentation in der Verkaufsvitrine. > Dieser Ort, dieser Laden, dieses Dorf waren seine Bestimmung. Er war genau da, wo er hingehörte, hier würde er, so oft es ging, seinen langsamen, blutigen Tanz vollführen mit den schönsten Rindern, die es gab. > > > Quelle: Manik Sarkar – Ochsenkopf „Er würde der Welt das Tasten, Schmecken, Riechen beibringen; und in Gedanken sah er Spitzen-Gastronomen aus aller Herren Länder in seinen Laden strömen, die es leid waren, sich mit weniger als dem Besten zufriedenzugeben“, beschreibt Sarkar Rensing junior. FLEISCHEREI ALS KUNST Rensing ist durchdrungen von einem Ethos der Ehrfurcht vielleicht nicht vor dem Leben, aber vor dem Lebensmittel. Wenn es um Fleisch geht, ist er ein Künstler. Und wie es im Künstlerroman meist geschieht, geht auch in „Ochsenkopf“ der Künstler an seiner Mitwelt, seiner Zeit und seiner eigenen Kompromisslosigkeit zugrunde. Dabei hatte doch alles vielversprechend angefangen. Noch Rensing senior hat kurz vor seinem plötzlichen Herztod dafür gesorgt, dass die ebenso ansprechende wie anstellige junge Metzgerstochter Jacomine ins Geschäft und in die Familie einsteigt. Den ersten Sex mit ihr hat Rensings Sohn bezeichnenderweise, nachdem er heimlich ein Schaf auf einer Weide getötet und zerlegt hat, aus reiner handwerklicher Neugier. WENN DIE FRAU TAXIERT WIRD WIE DIE KÜHE AUF DEM VIEHMARKT Wie die beiden diese erotische Erfahrung erleben, schildert Manik Sarkar mit Worten, die an anderer Stelle ganz ähnlich im Zusammenhang mit der Begutachtung vielversprechender Rassekühe zu lesen sind: > Sie spürte, wie seine Hände ihre Brüste kneteten, auf Festigkeit prüften, Alter und Gesundheitszustand einschätzten, und hörte, wie er ein billigendes Brummen von sich gab. > > > Quelle: Manik Sarkar – Ochsenkopf „Von Verliebtheit war weder da noch später die Rede. Was hingegen wuchs, war ein Gefühl der Verbundenheit, eine Zugehörigkeit, die zwar auf einer Reihe von Missverständnissen fußte, sich aber doch über lange Zeit als beständig erweisen sollte.“ Bis es irgendwann vorbei ist mit der Verbundenheit. Dass aus Rensings hochfliegenden Plänen nichts wird und schließlich auch seine Ehe zerbricht, liegt unter anderem daran, dass er nicht auf seine geschäftstüchtigere Frau hört, immer wieder viel zu hohe Summen für tolle Rinder hinblättert und seine Kundschaft verachtet, weil sie seine Meisterschaft nicht würdigt. Es liegt auch daran, dass er sich in seiner Sturheit mit einem Kredit übernimmt. Den braucht er für ein ebenso ausgeklügeltes wie durchgeknalltes Bestellzettel- und Drive-Thru-Konzept – wo doch für seine Kundinnen zum Einkaufserlebnis im örtlichen Einzelhandel auch das Schwätzchen an der Verkaufstheke zählt. FATALE SONDERANGEBOTE IM NEUEN SUPERMARKT Rensings Untergang ist besiegelt, als im Dorf der erste Supermarkt eröffnet, Devise: Es geht immer noch billiger. Und die handwerkliche Metzgerei wird zum Opfer auf dem Schlachtfeld der Sonderangebote. Hier führt Manik Sarkar ein Lehrstück über den Kapitalismus in der Nussschale einer Kleinstadt vor: Die Preisgestaltung des Supermarkts auf Kosten jeglicher Qualität zerstört die Konkurrenz, die für ihre eigene hochwertige Ware keine Käufer mehr findet. Den Preis zahlen Mensch und Tier, das macht der Roman mit einer Körperlichkeit deutlich, die stellenweise schwer auszuhalten ist. Das Tierleid in der industriellen Fleischproduktion benennt er ebenso drastisch wie all die schwärenden Wunden, Organschäden und eiternden Geschwüre, die einfach mit durch den Wolf gedreht und verwurstet werden. Irgendwann ist Rensing auch moralisch bankrott, verkauft minderwertiges Fleisch in großem Stil an Altersheimküchen und dreht besonders hochmütigen Kundinnen buchstäblich den letzten Abfall an. DIE SELEKTIVE TIERLIEBE SCHON DER JÜNGSTEN Eine Pointe von grotesker Komik. Sie entspricht Rensings Kindheitserfahrungen, die der Roman in Rückblenden aufgreift. Schon als Grundschüler machte er sich keine Illusionen über das paradoxe Verhältnis seiner Klassenkameraden zum Tier – eine Gelegenheit für den Autor, zugleich eine Grundkonstante des Heranwachsens in der dörflichen „Manosphere“ zu benennen: „Tierfreunde waren sie. Liebten alles, was lebte, außer den Hühnern, deren Knochen sie abknabberten, den Ferkeln, die ihre Mütter ihnen brieten, den Kellerasseln, die sie zertrampelten, den Fliegen, denen sie die Flügel ausrissen und sie dann ihrem Schicksal überließen, den Nacktschnecken, die sie mit Salz bestreuten, den Fröschen, die sie mit einem Strohhalm aufpusteten...“ > ... denn sowas machen Dorfkinder nun mal, das gehört zum Aufwachsen dazu, das markiert den Übergang vom Jungen zum Mann. > > > Quelle: Manik Sarkar – Ochsenkopf DIE GESCHICHTE EINES GESCHEITERTEN MANNES Manik Sarkar pariert die wichtigsten Stücke von Rensings Geschichte mit gut geschärfter Klinge und präpariert die sinnlichsten Details seines Erzählmaterials heraus. So gelingt es ihm, erstaunlich viel Welt, viel Gesellschaft in dieser nicht einmal 180 Seiten umfassenden Geschichte eines einzelnen scheiternden Mannes unterzubringen. Eines Einzelnen, der an seinem Dickkopf scheitert – der scheitern muss, weil seine Gabe und seine Werte beim besten Willen nicht in Übereinstimmung zu bringen wären mit einer Umgebung, in der Ignoranz als Stärke gilt und das Geld immer das letzte Wort hat. Ein lesenswertes und lehrreiches Debüt, nicht nur für Fleischesser.

19 jul 20266 min