SWR Kultur lesenswert - Literatur

Kinderbücher im Wandel

8 min · 4 jun 2026
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„Wer möchte eine Geschichte hören?“ In der Kita wird jeden Tag vorgelesen. Die Kinder sammeln sich um ein Buch oder wie hier vor dem Kamishibai, japanisch für „Papiertheater“, ein bühnenähnlicher Holzrahmen mit Flügeltüren, in dem großformatige Bildkarten stecken. Kinderbücher erzählen seit jeher, wie Erwachsene auf Kinder blicken – und was sie ihnen fürs Leben mitgeben wollen. Viele Kinderbuchhelden sind bis heute unsterblich: „Max und Moritz“, der Räuber Hotzenplotz, Pippi Langstrumpf, die Tigerente, das Sams. Mia kennt sie alle. Sie ist 8 Jahre alt und liest so viel, dass sie sogar ihren eigenen Podcast hat: „Mias Leseecke". Dafür ist sie gerade mit dem Deutschen Lesepreis ausgezeichnet worden. „Also im Moment taucht sehr oft Mut, Freundschaft und Umzug auch sehr oft auf, aber auch Magie“, erzählt Mia. VOM STRUWWELPETER ZUR MORALGESCHICHTE Das war nicht immer so. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sollen Kinderbücher vor allem eins: belehren. Bis 1845 – da erfindet der Arzt Heinrich Hoffmann den „Struwwelpeter“: grotesk-grausame Geschichten in Reimform, die drastische Konsequenzen für unartige Kinder zeigen. > »Konrad,« sprach die Frau Mama, »ich geh aus und du bleibst da. Und vor allem, Konrad, hör! lutsche nicht am Daumen mehr; Fort geht nun die Mutter und wupp! den Daumen in den Mund. > > > Quelle: Heinrich Hoffmann - Struwwelpeter „Bauz! da geht die Türe auf, und herein in schnellem Lauf springt der Schneider in die Stub zu dem Daumen-Lutscher-Bub. Weh! jetzt geht es klipp und klapp mit der Scher die Daumen ab, mit der großen, scharfen Scher! Hei! da schreit der Konrad sehr.“ „Der Struwwelpeter“ – ein Horror-Kinderbuch? Seit über 180 Jahren ist er nicht totzukriegen. Fortan dürfen Kinderbücher auch unterhalten. Sie vermitteln dabei aber bürgerliche Werte und starre Rollenbilder. „DER GEHEIME GARTEN“ NOCH AKTUELL Sabine Bohlmann ist eine der bekanntesten deutschen Kinderbuchautorinnen. Ihr Lieblingsbuch ist aus dieser Zeit: „Der geheime Garten“. „Es ist ja wirklich alt. 1911 ist ja schon eine Weile her“, erzählt sie. Die Geschichte, in der ein Garten einem Waisenmädchen und ihren Freunden neue Hoffnung und Heilung schenkt, ist immer noch aktuell. Denn wie damals sorgen sich heute wieder Autor:innen über den Verlust der Einheit von Mensch und Natur. „So eine Geschichte, die mich so berührt und ich habe dann schon gemerkt, dass ich ähnlich schreibe. Nur weniger düster“, sagt Bohlmann. Seit über 20 Jahren erfindet sie für den Stuttgarter Thienemann Verlag Geschichten wie „Frau Honig“, „Der kleine Siebenschläfer“ oder „Ein Mädchen namens Willow“. WIE POLITISCH DÜRFEN KINDERBÜCHER SEIN? Nach dem Zweiten Weltkrieg verändert sich das Bild vom Kind radikal. Fantasie, Freiheit und kindliche Eigenständigkeit rücken in den Mittelpunkt. Rote Zöpfe, unbändige Kräfte, keine Eltern weit und breit – so ein freches Mädchen wie Pippi hatte die Welt noch nicht gesehen. Doch viele Klassiker stehen heute in der Kritik. Begriffe und Darstellungen gelten inzwischen als diskriminierend. Verlage reagieren: Pippis Vater ist heute ein Südseekönig, Winnetou-Kinderbücher wurden aus dem Programm genommen, Illustrationen von Jim Knopf verändert. Mit dieser Debatte beschäftigt sich auch Moritz Klein vom Peter-Hammer-Verlag. „Noch bis vor einem Jahr oder zwei Jahren hätte ich sofort gesagt, ja, auf jeden Fall alles umschreiben. Man muss das einfach wahnsinnig genau von Fall zu Fall prüfen. Bei Pippi Langstrumpf würde ich sagen, auf jeden Fall umschreiben.“ Mia und ihr Papa Marc sehen das ganz anders: „Also nein, weil das ist ja dann nicht mehr das Original. Und das fänd ich schon sehr schade, weil dann lernen Kinder halt auch nicht so das Originale kennen und wie der Autor es richtig geschrieben hat.“ Und: „Ich finde es wichtig, dass Sprache angepasst wird. Sprache ist ein ständiger Wandel. Ich glaube aber, es sollte einfach Hinweise in diesen Büchern geben, wenn die neu aufgelegt werden.“ Dass Verlage und Autoren heute viel vorsichtiger geworden sind, merkt auch Sabine Bohlmann. „Jetzt ist es mittlerweile schon so, wenn ich dann meine Geschichten meiner Lektorin gebe, dass der Verlag auch schon so ganz so in einer Hab-Acht-Stellung ist und sagt im Vorfeld schon, vielleicht sollten wir das schon rauslassen und das, weil vielleicht kriegen wir dann wieder einen Brief“, berichtet die Autorin. Davon will sie sich aber nicht beirren lassen. Sie schreibt weiterhin das, was ihr gerade zufliegt. Gelesen von Heidi, 4: „Wo ist Hasenkind? Da. Hasenkind. Hasenkind, flieg. – Und jetzt? – Bähh.“ ZWISCHEN TROTZ UND HALTUNG Kinderbücher sollen heute vor allem unterhalten, Empathie fördern und kindgerecht über Gefühle und Lebensthemen sprechen. Dabei bilden sie immer öfter das ab, was die Erwachsenen beschäftigt: Rassismus, mentale Gesundheit und auch die Vorliebe für Spannung. Eines der erfolgreichsten Kinderbücher der vergangenen Jahre ist „Das kleine böse Buch“ – ein interaktives Gruselbuch. > Hallo, schnell, ich brauche deine Hilfe. Kannst du mir helfen, böse zu werden? Ich meine, so richtig? Um genau zu sein, ähm … müsstest du jetzt nämlich für mich lügen. Blättere auf Seite 12. > > > Quelle: Magnus Myst - Das kleine böse Buch „Die Erwachsenen sind das Hindernis, was ausgeräumt oder geschickt mit List umgangen werden muss“, erläutert Moritz Klein. „Um jetzt ein bekanntes Beispiel zu nehmen aus unserer Verlagsgeschichte, unser bekanntestes Buch, „Das Buch vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“, das war ein Buch, was auf große Vorbehalte seitens der Elternschaft gestoßen ist und auch immer noch stößt, aber schlussendlich hat sich das Interesse der Kinder durchgesetzt.“ Und da liegen im Moment eindeutig im Trend: Schule und Magie, Dinos und Drachen. Als moderner Kinderbuchklassiker gilt mittlerweile Marc-Uwe Klings „Das NEINhorn“. Es behandelt humorvoll kindliche Trotzphasen. > „Seine Mähne war bauschig, sein Fell superflauschig. Sein Kopf, sein Schwanz, sein Horn, seine Füß … Alles an ihm war schnickeldischnuckelig süß! Trotzdem hatte es oft das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Drum sagte es meist nichts, und wenn doch sagte es: Nein.“ > > > Quelle: Marc-Uwe Kling - Das NEINhorn Eine Moral sollen sich die kleinen Leser:innen selbst ausdenken. Doch egal ob mit oder ohne Botschaft – Hauptsache es gibt ein Happy End, findet Sabine Bohlmann. „Damit sie einfach Hoffnung schöpfen. Und es muss für mich humorvoll sein. Im Moment ist es mir wichtiger, dass Kinder lustige Sachen lesen, weil sie, glaube ich, schon mitkriegen, dass gerade die Welt ziemlich schräg und auch ein bisschen schlimm ist.“ KEINE TABUTHEMEN MEHR > „Furzipups der Knatterdrachen, hatte selten was zu lachen, nein, im Gegenteil, er hatte es meist ziemlich schwer. Jeder in der Drachenherde, alle Drachen dieser Erde, spucken Feuer bei Gefahr, nur Furzipups nicht, leider wahr. Er drückt, er prustet, läuft rot an, damit er Feuer spucken kann, dann qualmt’s ein bisschen, doch nur kurz und plötzlich kommt ein dicker …“ > > > Quelle: Kai Lüftner - Furzipups, der Knatterdrache Pupsen, Pipi, Popeln – heute gibt es so gut wie keine Tabuthemen mehr. Kinderbücher sind aber auch die erste Begegnung mit Kunst. Spielerisch erweitern sie den Wortschatz. Deswegen verlegt Moritz Klein im Peter-Hammer-Verlag besonders gern Kinderlyrik: „Wenn man aber das mal ausprobiert und mit dem Kind Lyrik liest, dann zeigt das ganz ungeheure und wunderbare und tolle Effekte.“ gelesen von Emmi, 9: „Dies ist Theodor Tatze, er backt Pizza für die Katze. hehe Ob ich ritze oder ratze, kritzel, schwitze oder schwatze, immer denk ich: Pizzakatze.“ KINDERLITERATUR WIRD ZUNEHMEND POLITISCHER Doch die aktuelle Entwicklung zeigt: Kinderbücher werden zunehmend politischer. Verlage setzen verstärkt auf Vielfalt, Toleranz und Umweltschutz. „Also dieser ganze Diversitätsdiskurs, der kommt jetzt stark ins Kinderbuch und das ist eine positive Entwicklung. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass Bilderbücher, Kinderbücher wieder didaktischer werden und eben dann vielleicht auch dieses Uneindeutige, das Zwiespältige ins Hintertreffen gerät wieder.“ Mia weiß, wie die Botschaften heute lauten: „Sei du selbst, sei mutig und verbieg dich nicht.“ Kinderbücher verraten heute also weniger, wie Erwachsene Kinder sehen, sondern eher, wie sie selbst gerne wären.

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„Das Erschreckendste ist, dass es gar keine Monster gibt“

KEINE MONSTER, SONDERN GEGENWART Der Titel ihres Debütromans führt zunächst in die Irre. „Zeit der Monster“ sei keine Horrorgeschichte, sagt Şeyda Kurt. Die Monster stünden vielmehr für die Krisen unserer Gegenwart: Klimawandel, Vergessen und das Gefühl, dass der Untergang oft realistischer erscheint als eine bessere Zukunft. GESCHICHTE UNTER DER OBERFLÄCHE Der Roman spielt in einem Viertel, das an Köln-Kalk erinnert. Doch Şeyda Kurt verbindet dessen Gegenwart mit weit zurückreichenden historischen und geografischen Bezügen – bis nach Mesopotamien und Kurdistan. Vergangenheit wirke immer in die Gegenwart hinein, sagt sie. Deshalb lasse sich kein Ort erzählen, ohne seine Geschichte mitzudenken. EINE SPRACHE GEGEN DIE SPARSAMKEIT Nach zwei Sachbüchern wollte Şeyda Kurt die Möglichkeiten des Romans ausloten. Sie setzt auf eine sinnliche, üppige Sprache – bewusst gegen das Ideal, Literatur müsse möglichst knapp sein. Die Forderung, „kein Wort zu viel“ zu schreiben, hält sie für Ausdruck einer bürgerlichen Ästhetik, der sie etwas Eigenes entgegensetzen möchte. LITERATUR ALS HEIMAT Am Ende beschreibt Şeyda Kurt Literatur mit einem Gedanken von Novalis [https://www.swr.de/kultur/literatur/novalis-hymnen-an-die-nacht-100.html]: Schreiben bedeute für sie, überall zu Hause sein zu wollen. Deshalb versteht sie „Zeit der Monster“ nicht nur als Roman über Köln-Kalk, sondern als Geschichte über Verlust, Suche und Widerstand, die auch an vielen anderen Orten der Welt spielen könnte.

19 jul 20269 min
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Die Geschichte eines sehr speziellen Metzgers

Mit diesem jungen Mann ist nicht zu spaßen. Rensing meint es ernst mit allem, was er anfasst. Und was er am liebsten anfasst, das ist: Fleisch. Totes und lebendiges. Mit Rindern wie mit Schweinen und ihren besten Stücken kennt er sich aus, und das von früher Jugend an. Mit Menschen nicht so. Rensings Vater ist Schlachter mit eigener Metzgerei – ein nicht sonderlich ambitionierter, aber man kommt über die Runden, und irgendwann soll der Sohn den Betrieb übernehmen. In den Siebzigerjahren, in denen Manik Sarkar seinen Debütroman „Ochsenkopf“ beginnen lässt, gibt es im Dorf irgendwo im Norden der Niederlande noch genug Kundschaft. DER GROSSE TRAUM VOM PERFEKTEN BLUTIGEN HANDWERK So kann sich Rensing junior, kaum hat er die Fleischerfachschule abgeschlossen, der Verwirklichung seines großen Traums widmen: die Metzgerei Rensing & Sohn zur besten weit und breit zu machen, mit perfektem Handwerk, von der Auswahl der besten Tiere über fachkundiges Schlachten und Zerlegen bis zur appetitlichen Präsentation in der Verkaufsvitrine. > Dieser Ort, dieser Laden, dieses Dorf waren seine Bestimmung. Er war genau da, wo er hingehörte, hier würde er, so oft es ging, seinen langsamen, blutigen Tanz vollführen mit den schönsten Rindern, die es gab. > > > Quelle: Manik Sarkar – Ochsenkopf „Er würde der Welt das Tasten, Schmecken, Riechen beibringen; und in Gedanken sah er Spitzen-Gastronomen aus aller Herren Länder in seinen Laden strömen, die es leid waren, sich mit weniger als dem Besten zufriedenzugeben“, beschreibt Sarkar Rensing junior. FLEISCHEREI ALS KUNST Rensing ist durchdrungen von einem Ethos der Ehrfurcht vielleicht nicht vor dem Leben, aber vor dem Lebensmittel. Wenn es um Fleisch geht, ist er ein Künstler. Und wie es im Künstlerroman meist geschieht, geht auch in „Ochsenkopf“ der Künstler an seiner Mitwelt, seiner Zeit und seiner eigenen Kompromisslosigkeit zugrunde. Dabei hatte doch alles vielversprechend angefangen. Noch Rensing senior hat kurz vor seinem plötzlichen Herztod dafür gesorgt, dass die ebenso ansprechende wie anstellige junge Metzgerstochter Jacomine ins Geschäft und in die Familie einsteigt. Den ersten Sex mit ihr hat Rensings Sohn bezeichnenderweise, nachdem er heimlich ein Schaf auf einer Weide getötet und zerlegt hat, aus reiner handwerklicher Neugier. WENN DIE FRAU TAXIERT WIRD WIE DIE KÜHE AUF DEM VIEHMARKT Wie die beiden diese erotische Erfahrung erleben, schildert Manik Sarkar mit Worten, die an anderer Stelle ganz ähnlich im Zusammenhang mit der Begutachtung vielversprechender Rassekühe zu lesen sind: > Sie spürte, wie seine Hände ihre Brüste kneteten, auf Festigkeit prüften, Alter und Gesundheitszustand einschätzten, und hörte, wie er ein billigendes Brummen von sich gab. > > > Quelle: Manik Sarkar – Ochsenkopf „Von Verliebtheit war weder da noch später die Rede. Was hingegen wuchs, war ein Gefühl der Verbundenheit, eine Zugehörigkeit, die zwar auf einer Reihe von Missverständnissen fußte, sich aber doch über lange Zeit als beständig erweisen sollte.“ Bis es irgendwann vorbei ist mit der Verbundenheit. Dass aus Rensings hochfliegenden Plänen nichts wird und schließlich auch seine Ehe zerbricht, liegt unter anderem daran, dass er nicht auf seine geschäftstüchtigere Frau hört, immer wieder viel zu hohe Summen für tolle Rinder hinblättert und seine Kundschaft verachtet, weil sie seine Meisterschaft nicht würdigt. Es liegt auch daran, dass er sich in seiner Sturheit mit einem Kredit übernimmt. Den braucht er für ein ebenso ausgeklügeltes wie durchgeknalltes Bestellzettel- und Drive-Thru-Konzept – wo doch für seine Kundinnen zum Einkaufserlebnis im örtlichen Einzelhandel auch das Schwätzchen an der Verkaufstheke zählt. FATALE SONDERANGEBOTE IM NEUEN SUPERMARKT Rensings Untergang ist besiegelt, als im Dorf der erste Supermarkt eröffnet, Devise: Es geht immer noch billiger. Und die handwerkliche Metzgerei wird zum Opfer auf dem Schlachtfeld der Sonderangebote. Hier führt Manik Sarkar ein Lehrstück über den Kapitalismus in der Nussschale einer Kleinstadt vor: Die Preisgestaltung des Supermarkts auf Kosten jeglicher Qualität zerstört die Konkurrenz, die für ihre eigene hochwertige Ware keine Käufer mehr findet. Den Preis zahlen Mensch und Tier, das macht der Roman mit einer Körperlichkeit deutlich, die stellenweise schwer auszuhalten ist. Das Tierleid in der industriellen Fleischproduktion benennt er ebenso drastisch wie all die schwärenden Wunden, Organschäden und eiternden Geschwüre, die einfach mit durch den Wolf gedreht und verwurstet werden. Irgendwann ist Rensing auch moralisch bankrott, verkauft minderwertiges Fleisch in großem Stil an Altersheimküchen und dreht besonders hochmütigen Kundinnen buchstäblich den letzten Abfall an. DIE SELEKTIVE TIERLIEBE SCHON DER JÜNGSTEN Eine Pointe von grotesker Komik. Sie entspricht Rensings Kindheitserfahrungen, die der Roman in Rückblenden aufgreift. Schon als Grundschüler machte er sich keine Illusionen über das paradoxe Verhältnis seiner Klassenkameraden zum Tier – eine Gelegenheit für den Autor, zugleich eine Grundkonstante des Heranwachsens in der dörflichen „Manosphere“ zu benennen: „Tierfreunde waren sie. Liebten alles, was lebte, außer den Hühnern, deren Knochen sie abknabberten, den Ferkeln, die ihre Mütter ihnen brieten, den Kellerasseln, die sie zertrampelten, den Fliegen, denen sie die Flügel ausrissen und sie dann ihrem Schicksal überließen, den Nacktschnecken, die sie mit Salz bestreuten, den Fröschen, die sie mit einem Strohhalm aufpusteten...“ > ... denn sowas machen Dorfkinder nun mal, das gehört zum Aufwachsen dazu, das markiert den Übergang vom Jungen zum Mann. > > > Quelle: Manik Sarkar – Ochsenkopf DIE GESCHICHTE EINES GESCHEITERTEN MANNES Manik Sarkar pariert die wichtigsten Stücke von Rensings Geschichte mit gut geschärfter Klinge und präpariert die sinnlichsten Details seines Erzählmaterials heraus. So gelingt es ihm, erstaunlich viel Welt, viel Gesellschaft in dieser nicht einmal 180 Seiten umfassenden Geschichte eines einzelnen scheiternden Mannes unterzubringen. Eines Einzelnen, der an seinem Dickkopf scheitert – der scheitern muss, weil seine Gabe und seine Werte beim besten Willen nicht in Übereinstimmung zu bringen wären mit einer Umgebung, in der Ignoranz als Stärke gilt und das Geld immer das letzte Wort hat. Ein lesenswertes und lehrreiches Debüt, nicht nur für Fleischesser.

19 jul 20266 min
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Von Linien, die uns zeichnen: Geertjan de Vugt über Fingerabdrücke

„Sie ist einfach anders als die anderen!“ – Diese ziemlich unkreative Aussage muss häufig als Erklärung dafür herhalten, warum die weibliche Hauptfigur „die eine“ für den romantischen Helden irgendeiner Liebesgeschichte ist.  Über die tatsächliche Einzigartigkeit ihrer rehbraunen Augen lässt sich dabei streiten, aber eines würde sie tatsächlich von allen anderen unterscheiden: ihr Fingerabdruck.  Was der Fingerabdruck für das Selbstverständnis des Menschen als Individuum getan hat, ist ein noch recht unbearbeitetes Gebiet. Das möchte der niederländische Autor Geertjan de Vugt mit seinem neuen Buch „Der Wunsch zu verschwinden. Über Fingerabdrücke“ ändern. IN PERSÖNLICHEN ESSAYS DURCH DIE GESCHICHTE  In Form von literarischen Essays rekonstruiert der Autor die Geschichte des Fingerabdrucks. So erzählt er die Geschichten von Künstlern, Medizinern und Autorinnen, die alle auf ihre Weise von den geheimnisvollen Linien fasziniert waren, die uns zeichnen.  Dabei wählt er stets eine historische Persönlichkeit als Hauptfigur eines Kapitels aus und bewegt sich zwischen Fakten und Fiktion.  So zum Beispiel, wenn er mutmaßt, wie ein englischer Holzgrafiker aus dem 18. Jahrhundert darauf kam, seinen Fingerabdruck als Signatur zu benutzen:  „Doch es sind weitere Szenarien denkbar, wie Bewick auf die Idee gekommen sein könnte, sein eigenes Werk mit einer Schicht von Papillarleisten zu versehen. Es ist gut möglich, dass der Grafiker, während er an dem x-ten kleinen Bild arbeitete, einen Blick auf den Turm der Kathedrale warf.“ > Da bemerkte er auf der Fettschicht ein paar Abdrücke auf dem Fenster und hatte eine Idee: So, wie ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen kann, so kann man eine Kathedrale hinter einer einzigen Fingerspitze verschwinden lassen.  > > > Quelle: Geertjan de Vugt - Der Wunsch zu verschwinden EINZIGARTIGKEIT IN ZEITEN DES KOLONIALISMUS Die Geschichte des Fingerabdrucks im 19. Jahrhundert ist vor allem eine des Kolonialismus. Die Daktyloskopie, also die Wissenschaft rund um Fingerabdrücke, findet ihren Anfang in der britischen Besatzung Indiens:  > Die Briten verfolgten vor allem ein Ziel: Sie wollten die Kontrolle über die Bevölkerung erlangen, von der sie glaubten, sie neige zum Lügen, Täuschen und Betrügen. > > > Quelle: Geertjan de Vugt - Der Wunsch zu verschwinden „Um eine Bevölkerung unter Kontrolle zu bekommen, erkannten die Briten in den Deltas von Indien, war es wichtig, ihre Individuen zu kennen, damit Unregelmäßigkeiten auf Fälle reduziert werden könnten.“  Doch nicht nur pragmatisch wurde der Fingerabdruck zur Entwicklung von Identifikationssystemen genutzt. Auch ideologisch befeuerte der neue handfeste Beweis, dass jeder Mensch einzigartig sei, das eugenische Denken zu Zeiten der Rassentheorie.  Was folgte, waren zahlreiche Versuche anhand von Fingerabdrücken nachzuweisen, dass bestimmte Menschengruppen „anders als die anderen“ seien.  INTERESSANTE FRAGEN BLEIBEN UNBEANTWORTET Die Fragen, die die Erzählungen begleiten, sind zahlreich: Welche Rolle spielt der Fingerabdruck in der Entwicklung unserer Vorstellung als Individuen? Oder für das Selbstverständnis des Menschen als vermeintliche „Krone der Schöpfung“ zu Zeiten der neuen Evolutionstheorien?  An der Beantwortung dieser Fragen ist das Buch aber leider wenig interessiert. Es bietet vielmehr eine Aneinanderreihung von Personen, die sich mit dem Fingerabdruck beschäftigt haben, als eine Abhandlung darüber, was ihn denn eigentlich so faszinierend macht.  ANEKDOTEN STATT HINTERGRUNDWISSEN  „Die Verkrampfung und Steifheit ihrer Finger, unter der sie ständig leide, seien für die Schriftstellerin [Virginia Woolf] die Hölle. Hierauf gab die Psychochirologin einen praktischen Tipp, so geerdet, wie nur Therapeuten das können, und machte Woolf auf die Wichtigkeit manueller Übungen aufmerksam: »Haben Sie schon einmal daran gedacht, etwas mit Ihren Händen zu arbeiten, etwa Häkeln oder Stricken? «“  Wen grundlegende Fakten und solche historischen Anekdoten interessieren, der kommt bei diesem Buch auf seine und ihre Kosten. Alle anderen müssen wohl warten, bis sich die nächste Person diesem sehr persönlichen Abdruck annimmt.

19 jul 20264 min
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Sommerlektüre: Ist das wirklich ein Beach Read?

Tage voller Leichtigkeit, das Glitzern des Wassers, das Zirpen der Zikaden. Endlich Urlaub. Endlich Zeit zum Lesen. In den Buchhandlungen stapeln sich jetzt Romane mit türkisblauen Covern, Frauen im Pool oder Blicken aufs Meer. Sie versprechen eine kleine Flucht aus dem Alltag. Aber lesen wir im Sommer tatsächlich anders – oder sehen die Bücher nur anders aus? Auch Anna Rahm hat das Schaufenster ihrer Buchhandlung „Mit Büchern unterwegs“ in Ravensburg mit Sommertiteln dekoriert – lauter blaue Cover, auf denen jemand am oder im Wasser zu sehen ist. Über den Büchern baumelt ein blauer Badeanzug. „Die Cover sind wunderschön, es macht einfach Spaß zu denken, oh, Wasser, jetzt zum Baden gehen, ein gutes Buch mitnehmen. Da geht es nicht darum, das sind die Sommerbücher, die gelesen sein sollen, sondern das Gefühl zu vermitteln.“ Viele Verlage setzen jetzt gezielt auf atmosphärische Romane, die Urlaubsstimmung versprechen. Das gefühlvolle Debüt „Weißer Sommer“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/eva-pramschuefer-weisser-sommer-102.html] von Eva Pramschüfer ist so ein Buch oder das witzig-böse „Supertoskana“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/buchtipp-supertoskana-von-max-kueng-100.html] von Max Küng. Auch hanserblau hat sich für den Titel „Dem Meer entgegen“ bewusst für einen Auslieferungstermin im Juli entschieden – in der Hoffnung, auf den Sommertischen zu landen, erzählt Verlagsleiterin Emily Modick: „Das ist natürlich ein Buch, das wir wegen seines Textes gekauft haben. Aber es spielt im Sommer an der kroatischen Küste – es ist einfach zu perfekt, um ihm nicht auch ein tolles Sommercover zu geben.“ Nun ziert das Buch eine mit breiten Pinselstrichen gemalte Frau am Strand, die melancholisch zu Boden schaut. Die kroatische Autorin Lidija Hilje erzählt in ihrem Debütroman eine Liebesgeschichte vor der Kulisse des Kroatienkrieges. SOMMERBUCH: ERFINDUNG AUS DEM 19. JAHRHUNDERT Der Sommerroman ist kein eigenes Literaturgenre, sondern vor allem ein Verlags- und Lesekonzept. Seine Ursprünge liegen im 19. Jahrhundert, als wohlhabende Städter in die Sommerfrische aufs Land oder ans Meer entflohen – mit Büchern im Reisegepäck. Als Urlaub für immer mehr Menschen selbstverständlich wurde, entdeckten Verlage die Ferienlektüre als eigenen Markt. Seitdem gehören Sommertische, Buchempfehlungslisten und Cover mit Sehnsuchtsfaktor fest zum Buchsommer. Aber landet deshalb tatsächlich ein anderes Buch im Koffer? „Auf Englisch gibt es ja den Begriff ‚beach read‘“, sagt Verlagsleiterin Modick – ein Buch, das man am Strand liest, das sandig werden darf und sich vom Wasser wellt. „Die Sonne knallt einem auf den Kopf, man kann sich gar nicht auf ein kompliziertes Buch konzentrieren, es muss leichtgängig sein.“ Anna Rahm, Buchhändlerin in Ravensburg, sieht eigentlich keinen großen Unterschied. Nur: Wer sonst ein einziges Buch kauft, nimmt jetzt gleich drei mit. Allerdings kommt in der Urlaubszeit auch ganz andere Kundschaft in ihren Laden. „Wir haben in Ravensburg sehr viele Touristen, die die Buchhandlung entdecken.“ Seit etwa zwei Monaten verändere das ihre Arbeit, sagt Rahm. Meist kommen Kundinnen und Kunden, die ein Buch für sich oder als Geschenk suchen. Die Sommerkundschaft stelle andere Wünsche. „Das fordert mich durchaus heraus, aber es hält einen frisch.“ WAS MACHT EIN GUTES SOMMERBUCH AUS? Was ein gutes Sommerbuch ausmacht? Eines, das fesselt, bei dem man alles stehen und liegen lässt – denn das kann man im Urlaub. Und was wird gerade tatsächlich gelesen? Passanten am Rheinufer in Mainz antworten: Ein trauriges Buch, das zur Zeit der Belagerung von Leningrad spielt, sagt eine Person. „Iron Widow“, sehr zu empfehlen für Science-Fiction-Fans, antwortet eine andere. „Der Kartause von Parma“ von Stendahl, ein Buch, in dem man abtauchen könne, antwortet eine weitere. Krieg, Science-Fiction und Klassiker – klingt irgendwie so gar nicht sommerlich. Vielleicht verändert der Sommer also gar nicht so sehr unseren Geschmack, sondern vor allem die Art, wie wir lesen. Endlich ist Zeit für Bücher, die im Alltag liegen geblieben wären. AUCH SCHWERE THEMEN FÜR DEN URLAUB Oft steckt das Sommergefühl weniger zwischen den Buchdeckeln als auf dem Umschlag. Denn auch im Urlaub greifen viele zu schweren Themen – nur die Verpackung suggeriert Leichtigkeit. Emily Modick erinnert an den Bestseller „22 Bahnen“ von Caroline Wahl [https://www.swr.de/kultur/literatur/schreiben-als-schutzraum-die-bestseller-autorin-caroline-wahl-100.html]: Auf dem Cover springt eine Frau ins Wasser. „Das sieht nach leichter Sommerlektüre aus, und es spielt auch viel im Schwimmbad. Aber es werden sehr schwere Themen wie Alkoholismus und Vernachlässigung von Kindern verhandelt.“ Eine Geschichte über toxische Familienverhältnisse, sommerlich verpackt und so einem Millionenpublikum zugänglich gemacht. Im Verlagswesen heißt das „Positionierung“: Schon bei der Vorbereitung der Veröffentlichung wird entschieden, wie das Buch im ersten Moment nach außen wirken soll. BESTSELLER UND BOOKTOK-HITS ZIEHEN – DAS GANZE JAHR ÜBER Wenn die Verlagsleiterin am eigenen Urlaubsstrand schaut, was gelesen wird, sieht sie vor allem eines: Bestseller – und zwar jene, die schon Monate zuvor Erfolg hatten. In diesem Jahr dürften das etwa der auf Social Media gehypte Tradwife-Roman „Yesteryear“, die Psychothriller von Liz Nugent oder die Logik-Krimireihe „Murdle“ sein: Bücher, zu denen „gerade alle greifen, die in den Urlaub fahren“. Die perfekte „Sommerlektüre“ ist aber eher Marketing als Realität. Es gibt ihn nicht, den einen Sommerroman. Gelesen wird alles: Bestseller, Klassiker, Krimis, Fantasy. Was im Frühjahr läuft, verkauft sich im Sommer einfach noch besser. Sommerlich gestaltete Titel locken zwar in den Buchladen, doch viele Kundinnen und Kunden gehen mit ganz anderer Lektüre wieder hinaus. In ihrer Buchhandlung in Ravensburg erlebt Rahm Urlauber als besonders offen und neugierig – bereit, im Urlaub auch mit Büchern Abenteuer zu wagen. Entscheidend ist wie immer das Gespräch und die individuelle Empfehlung. Am Ende verändert der Sommer weniger das, was wir lesen, als wie wir lesen: Er schafft endlich Zeit und Muße, sich auf Literatur einzulassen.

17 jul 20266 min