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Verfall der amerikanischen Kleinstadtfamilie: Madeline Cash und ihr satirisches Romandebüt „Verlorene Schäfchen“

5 min · 19 jun 2026
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Bei der Familie Flynn ist alles aus dem Gleis geraten: nach 25 Ehejahren und drei eigenwilligen Töchtern im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren, möchte Mutter Catherine – frustriert von Buds sexueller und emotionaler Apathie – die Ehe öffnen und eine Affäre mit dem Nachbarn beginnen. Vater Bud, früher ein Musiker und nun Buchhalter in einem dubiosen Schiffscargounternehmen, zieht daraufhin vors Haus in den Minivan und überlegt, sich das Leben zu nehmen. > Bud Flynn schluckte vier Trizoletin, die er im Zimmer seiner Tochter gefunden hatte, masturbierte in ein Geschirrtuch und bereitete sich darauf vor, den Minivan ins Meer zu steuern. > > > Quelle: Madeline Cash – Verlorene Schäfchen „Auf dem Beifahrersitz türmte sich ein Schrein aus internationalen Take-Away-Packungen. Buds Blick fiel in den Rückspiegel und auf den Heiligenschein seines Haarausfalls; er hatte das Gesicht eines Mannes, der seit mehreren Legislaturperioden nicht mehr cool war. Im Gegensatz zu seinem maroden Äußeren lief das Innere seines Körpers noch so rund wie der Motor eines deutschen Autos.“ Krise der US-amerikanischen Gesellschaft Der Verfall der familiären Beziehungen spiegelt sich auch in dem Zustand des Hauses, in dessen Badezimmern der Schimmel wuchert und in dem sich Berge von Wäsche, Müll und anderen Gerätschaften türmen. Mit seinem verwahrlosten Chaos wirkt das Haus fast wie eine Metapher für die gegenwärtige US-amerikanische Gesellschaft. Die Töchter reagieren auf die Krise der Erwachsenen auf ihre jeweils eigene Art. Die Jüngste Harper, ist hochbegabt und spürt in den Arbeitsakten ihres Vaters kriminelle Ungereimtheiten des Konzerns auf. Die Mittlere, Louise, lässt sich in einem Internetforum von einem fundamentalistischen Terroristen zum Bau von Bomben anleiten und die schöne Abigail, die Älteste, datet einen schweigsamen jungen Mann, der unter dem Namen „Kriegsverbrecher-Wes“ bekannt ist. AFFÄRE UND SPURENSUCHE Schließlich fängt Bud eine Affäre mit der unscheinbaren und deutlich älteren Miss Winkle aus der Kirchengruppe „Verlorene Schäfchen“ an und begibt sich auf die Spur von Paul Alabaster. Der ist nicht nur sein Arbeitgeber, sondern auch ortsansässiger Tech-Milliardär mit einem dunklen Geheimnis: „Mr. Alabaster tätschelte seinen Computer. ‚Ich habe mir meinen eigenen Namen gemacht und meine eigene Dynastie aufgebaut. Kontrolliere das Handeln der Menschen, und du bist ein König. Kontrolliere ihr Denken und du bist Gott.‘ Bud sah sich seinen Gastgeber an, einen sehr mächtigen Mann mit sehr tief sitzenden Daddy-Issues.“  „Als Kind hatte Bud sich häufig vorgestellt, wie Gott in seiner menschlichen Inkarnation aussehen würde. Auf jeden Fall nicht wie Paul Alabaster. ‚Was schmuggeln Sie?‘ flüsterte Bud“, endet die Passage.  Im Laufe des Romans verdichtet sich die Erzählung immer mehr zu einer grotesken Detektivgeschichte. Alabaster pflegt nämlich eine Unsterblichkeitstheorie, nach der das Trinken von Kinderblut zu ewiger Jugend führen soll – Bud ist einem Menschenhandel auf die Spur gekommen. Schließlich kommt es nach einer Zeremonie in Alabasters Villa zum Showdown – mit deutlichen Anleihen aus Stanley Kubricks Film Eyes Wide Shut. Abigail muss gerettet werden, denn auch sie ist Opfer von Alabaster geworden. GEHEIMNISSE DER TECH-ELITE „Der Schlauch färbte sich rot. Abigail wimmerte erschöpft. Paul Alabaster nahm  zwei Kristallkelche aus dem unteren Fach des Barwagens. Als der Beutel voll war, zog Dolt den Schlauch ab und füllte den Inhalt in die Kelche, bis sie randvoll waren.“ > Paul Alabaster murmelte weiter unverständliches Zeug, und dann hoben die Männer die Kelche. Sie kippten das Blut wie Schnaps hinunter, ein roter Ring um ihre Lippen. > > > Quelle: Madeline Cash – Verlorene Schäfchen Die abgedrehte Handlung, die Madeline Cash zeichnet, hat die postmodernen Romane von Thomas Pynchon [https://www.swr.de/kultur/literatur/who-the-fuck-is-thomas-pynchon-der-bekannte-unbekannte-schriftsteller-und-autor-100.html] oder David Forster Wallace zum Vorbild, das liest sich deutlich heraus. In ihnen kamen die bitteren Absurditäten der ausgehöhlten Konsum- und Entertainment-Gesellschaft zum Vorschein. Doch die vielen Popkultur-Zitate in „Verlorene Schäfchen“, die metafiktionalen Konstruktionen zu Glauben und Kapitalismus sowie die übertriebenen und gleichzeitig stereotypen Charaktere, geraten hier in einen zunehmenden Strudel aus Banalitäten, Verschwörungsnarrativen und Vorhersagbarkeit. Fehlende Originalität trotz literarischem Spieltrieb Das Buch liest sich durch die komischen Dialoge zwar süffig als Unterhaltungsliteratur, doch die Frage bleibt, warum Madeline Cash sich in ihrer literarischen Kritik von Superreichen ausgerechnet auf jahrhundertealte Legenden von angeblichen Blutritualen beziehen muss. Denn zunehmend findet man sich im Roman in einem Weltbild wie dem von Xavier Naidoo wieder. Diese Realitätsferne wird dem Anspruch eines gegenwärtigen Gesellschaftsporträts wohl kaum gerecht. So ist dem exzessiven Spieltrieb der „Verlorenen Schäfchen“ ausgerechnet die Originalität abhandengekommen.

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Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer hat Intellektuelle, Aktivistinnen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist. Manches hat die Realität bereits überholt: Der Krieg gegen den Iran taucht nicht auf. Die Morde durch ICE-Beamte in Minneapolis [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-texte-ueber-minneapolis-100.html] konnte er noch gerade im Vorwort unterbringen. Aber Brinkbäumer liefert kenntnisreiche Analysen, die zum Verständnis der aktuellen Situation beitragen.   „Dieser neue Faschismus ist nicht nur politisch. Er ist technologisch. Trump ist ein Kind des Internets, ein Meister der Algorithmik. Die Sozialen Medien sind sein Medium, nicht trotz, sondern wegen ihrer Verflachung“, beobachtet Brinkbäumer. > In der Welt der Sozialen Medien zählt nicht die Argumentation, sondern der Affekt; und auch nicht Tiefe, sondern Geschwindigkeit. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum FÜHRERKULT 2.0 MIT DER LÜGE ALS WAFFE. Das Neue an diesem Faschismus, so Brinkbäumer, liege in den sozialen Medien, in der digitalen Infrastruktur der Propaganda. Doch diese Einschätzung lädt zum Widerspruch ein: Die Nazis nutzten seinerzeit das Radio, das für damalige Verhältnisse – gedrucktes Papier und Kundgebungen – ebenfalls eine neue Qualität darstellte. Die Technologie wechselt, aber die Mechanismen der Massensuggestion, die Lüge als Waffe, der Führerkult bleiben erschreckend konstant.  > MAGA: ‚Make America Great Again‘ ist eine Bewegung, die eher wenig denkt, sondern vor allem fühlt. Es gibt eine neue Sprache, die kaum mehr beschreibt, sondern befiehlt und gehorcht, attackiert und lügt, triumphiert und leidet.” > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum NOSTALGISCHES ERINNERN Brinkbäumer begreift den Liberalismus per se als Gegenspieler des Faschismus. Viele seiner Gesprächspartner, die fast alle der arrivierten Mittelschicht angehören, sehnen sich nach den alten USA der Vor-Trump-Ära zurück. Das ist verständlich, aber wenig zielführend: Denn Jahrzehnte einer neoliberalen Politik haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert und so die Grundlage für Trumps Aufstieg geschaffen.  > In der MAGA -Welt jedenfalls geht es nicht um tatsächliche Arbeit und Leistung, sondern um das nostalgische Erinnern an weiße Dominanz. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum HERRSCHAFT UND PALANTIR-ÜBERWACHUNG  Kulturkampf eben. Brinkbäumer lässt sich, wie viele andere Trump-Gegner, auf dieses Terrain drängen. Er trägt außerdem Detailwissen zusammen, das nicht landläufig bekannt ist, etwa im Kapitel über Trumps Entourage: Elon Musk mit seiner Promiskuität, seinem Drogenkonsum, seinem rücksichtslosen Umgang mit Menschen, seinem Hang zur Selbstinszenierung, den er mit Trump teilt. Und im Hintergrund: Peter Thiel, Erfinder von Palantir, Mentor des Vizepräsidenten JD Vance und des Multimilliardärs Elon Musk. Thiel mag ein lausiger Redner sein, aber er ist ein effektiver Strippenzieher. Sein Motto: Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar. Stark sind auch die Kapitel zu den Methoden der Demontage demokratischer Institutionen. Hier warnt Brinkbäumer ausdrücklich vor der Überwachungstechnologie des Palantir-Konzerns, die in den USA großflächig zum Einsatz kommt. GROSSE RATLOSIGKEIT  „Das Zusammenspiel der Demokratien ist zwingend notwendig und alternativlos. Die EU und die NATO, all die genannten internationalen Organisationen sollten, nein: Müssen in neuer Entschlossenheit sagen: So, wie wir bisher agiert haben, ist es nicht gut genug, so verlieren wir. Wir brauchen eine neue, radikale Konstruktivität.“ Brinkbäumers Vision einer Alternative bleibt dünn. Auch viele US-Intellektuelle, die er getroffen hat, wirken ziemlich ratlos, wenn es um den Weg aus der Misere geht – und hoffen auf Europa. Sich dem Faschismus zu ergeben, ist für Brinkbäumer jedenfalls keine Option. Sein Buch ist ein diskussionswürdiger Aufruf gegen die Gleichgültigkeit, die er zu Recht als größte Gefahr für die Demokratie betrachtet.

Gisteren4 min
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Entdeckung im Exilarchiv: Iwan Heilbuts „Zugvögel“

Der Schriftsteller Iwan Heilbut wurde 1898 in Hamburg geboren und entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie. Er arbeitete als Journalist, schrieb aber auch Romane, bevor er 1933, unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, nach Paris emigrierte. FLUCHT ÜBER DIE PYRENÄEN Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heilbut auch im französischen Exil als feindlicher Ausländer interniert. 1941 gelang ihm und seiner Frau über Spanien und Portugal die Flucht in die USA. Heilbuts Roman „Zugvögel“ erschien 1943 in englischer Übersetzung unter dem Titel „Birds of Passage“ und erhielt durchaus gute Kritiken. ENTDECKUNG IM DEUTSCHEN EXILARCHIV Heilbut, der 1950 nach Deutschland zurückkehrte und 1972 in Bonn starb, ist heute mittlerweile kaum noch bekannt. Nun hat Peter Graf, der mit seinem eigenen Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ immer wieder Entdeckungen ans Tageslicht bringt, Iwan Heilbuts knapp 700 Seiten starken „Zugvögel“-Roman im Claassen Verlag erstmals im deutschsprachigen Original herausgegeben. Das Skript befand sich im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main. FLUCHT UND HOFFNUNG Die stark autobiografisch grundierte Geschichte erzählt von Heimatlosigkeit und Exil, von Flucht, Angst und Hoffnung. Ein Buch, das sich auch wegen seiner großen literarischen und erzählerischen Kraft zu lesen lohnt, wie Herausgeber Peter Graf im Gespräch betont.

10 jul 20269 min
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Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet"

ZWISCHEN CORONA UND KRIEG Spätestens seit ihrer Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ gehört Angelika Klüssendorf zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Ihr neuer Roman „Trost“ spielt zwischen Dezember 2021 und Dezember 2022 – die Zeit der Corona-Pandemie also, aber auch jene Zeit, in der der Überfall Russlands auf die Ukraine stattfand. DEUTSCHLAND IN DER PANDEMIE Angelika Klüssendorf entwirft ein Wimmelbild von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung: Eine ostdeutsch sozialisierte Schriftstellerin und ihr Lebensgefährte, ein westdeutscher Rentner. Dessen siebzehnjährige Tochter, die kurz vor dem Abitur steht und mit den neuen Herausforderungen umzugehen hat, unter anderem mit der Entfremdung von ihrer besten Freundin. Und deren Mutter, die mittlerweile ein Leben ausschließlich in Netflix-Serien führt. SEHNSUCHT NACH NÄHE „Besonders mühsam und bitter war diese Zeit für junge Menschen“, sagt Angelika Klüssendorf. Eine Sehnsucht nach Nähe prägt jedoch alle Figuren in „Trost“; eine Sehnsucht, die auch mit familiären Erfahrungen in früheren Zeiten zu tun hat.

10 jul 20269 min
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Spielarten der Liebe: Lily Kings „Herz König“

Mit dem Roman „Euphoria“ landete Lily King im Jahr 2014 einen internationalen Bestseller. Das war ein Buch über die berühmte Ethnologin und Sozialforscherin Margret Mead. Gefeiert wurde Lily King auch für „Writers and Lovers“, einen autobiografischen Roman, in dem sie die Geschichte ihrer Schriftstellerwerdung erzählt. Campus-Dreiecksgeschichte Lily Kings neuer Roman „Herz König“ eröffnet wie eine konventionelle „Campus Novel“ und weitet sich dann zu einer Dreiecksgeschichte. Die Ich-Erzählerin studiert Literatur an einem College in Neu-England und lernt dort die beiden hochbegabten Kommilitonen Sam und Jash kennen. Man liest, man schreibt, man redet über Literatur. Ein berührendes Ende Im Kern jedoch, so SWR Kultur-Literaturredakteurin Anja Brockert im Gespräch, ist „Herz König“ eine Liebesgeschichte und ein Nachdenken über verschiedene Spielarten der Liebe. Und trotz aller Einwände, die man gegen die zum Teil klischeehaft gezeichneten Figuren formulieren könne, so Brockert, sei „Herz König“ letztendlich in seinen überraschenden Wendungen am Ende doch ein berührendes Buch.

10 jul 20266 min