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„Zwei Menschen sind in mir“ – die Bachmann-Biografie zum 100. Geburtstag | Buchkritik

4 min · 24 jun 2026
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Die Annäherungen an Ingeborg Bachmann zum 100. Geburtstag [https://www.swr.de/kultur/literatur/bachmann-100-erzaehlungen-einer-ikone-100.html] sind vielfältig und kreativ – allzu oft wird ihr Leben aber vom Ende, also von ihrem tragischen Tod 1973 her erzählt. Damit ergibt sich eine Zwangsläufigkeit ihres Lebens auf eine Katastrophe hin – Andrea Stoll [https://www.swr.de/kultur/literatur/andrea-stoll-ingeborg-bachmann-biografin-gespraech-2026-05-02-100.html] ist so klug, ihre Biografie chronologisch zu schreiben. Und mit einem Blick in eine Vergangenheit, die für Bachmann von essenzieller Bedeutung war: „Als Ingeborg Bachmann am 25. Juni 1926 im Klagenfurter Landeskrankenhaus zur Welt kam, war der Habsburger Vielvölkerstaat unter Kaiser Franz Joseph II. erst wenige Jahre zuvor untergegangen, das Denken und Fühlen seiner Bewohner aber noch immer von dem Sonnensystem der österreichischen Hauptstadt bestimmt.“ Diese historisch und gesellschaftlich verortende Erzählweise ist ein großes Geschenk für alle Bachmann-Interessierten. In einem sicheren Stil, der zuweilen selbst literarische Qualitäten hat, schildert Stoll Bachmanns Leben und ihr beeindruckendes Netzwerk. Geschickt weist sie an den richtigen Stellen ihrer Lebenserzählung auf die wichtigen Motive im Werk der Autorin hin – etwa die Schuld, die sie als Tochter eines schon 1932 in die NSDAP eingetretenen Täters schuldlos mit auferlegt bekommt. Zwischen Überinterpretation und scharfer Analyse Die Bachmann-Forschung ist voll von biografischen Überinterpretationen, die auch Stoll befeuert, wenn sie die von Bachmann selbst erklärte Trennung von Leben und Werk leugnet. Nichtsdestotrotz bietet die Literaturwissenschaftlerin, die über „Erinnerung als ästhetische Kategorie des Widerstands im Werk Ingeborg Bachmanns“ promoviert hat, viele bemerkenswerte Interpretationen: „Es ging ihr nicht nur um ein Abbilden der österreichischen Nachkriegsgesellschaft, nicht nur um das Abbilden eines kommunikativen Miteinanders“, heißt es in dem Buch. „Es ging ihr auch um eine psychologische Tiefenbohrung in die Unterströmungen dessen, was die Menschen antrieb, um das, was sie hofften und träumten, um ihre notdürftig verdrängten Traumata, aber auch um das, was sich an ideologischem Unrat und Müll in den Jahren des Faschismus und Naziterrors in ihnen angesammelt hatte.“ Viele überzeugende Analysen hat Stoll schon in ihrer ersten Bachmann-Biografie im Jahr 2013 vorgebracht. Die neue Biografie ist nicht nur knapp 100 Seiten länger – Stoll hat auch einen anderen Ansatz gewählt und bietet nicht mehr nur das Bild des tüchtigen „Working Girl“ und der perfektionistischen Autorin. Bachmann erscheint in der neuen Biografie als Einzelkämpferin, die für ihre Kunst das glückliche Leben opfern muss. Darin besteht laut Stoll ihr radikaler persönlicher Freiheitsentwurf. Beim Lesen dieser Deutung vermisst man manchmal die zentrale Kategorie, mit der man nicht nur an Bachmanns Werk, sondern auch Leben herantreten muss: Ambivalenz. Tausende neue Bachmann-Seiten In den letzten Jahren wuchs das Material der Bachmannforschung um tausende Seiten an. Das liegt an der großartigen Salzburger Edition, in der alle Texte und Briefwechsel Bachmanns nach und nach neu herausgegeben werden. Der Briefwechsel mit Max Frisch gehört da dazu, er bietet nicht nur privateste Einblicke in eine Beziehungstragödie, sondern hat auch zu einer Neubewertung von Bachmanns Opferrolle in dieser Beziehung geführt. Auch Bachmanns Tagebucheintragungen, die im Band „Senza Casa“ abgedruckt sind, und die Stoll wie viele andere Zitate geschmeidig in ihre biografische Erzählung einbettet, lassen neue Rückschlüsse auf Bachmanns Leben und Schreiben zu: Aus dem Tagebuch deutet Stoll etwa das „Psychogramm eines hypersensiblen Menschen“. So lohnend also eine erneute Auseinandersetzung aufgrund der neuen Quellenlage auch ist – leider geht die „germanistische Privatdetektei“, wie die Bachmann-Interpretin Sigrid Weigel schon 1999 formulierte, manchmal zu weit. Eine äußerst fragwürdige Aussage eines irrelevanten Bekannten Bachmanns, Martin Mumme, übernimmt Stoll begeistert: > Mumme attestierte Bachmann eine Vorliebe für „muskulöse Männer, Typ Matrose. Sie war es, die die Männer aussuchte. Um sie zu kriegen, zog sie sich an wie eine Prostituierte. > > > Quelle: Andrea Stoll - „Zwei Menschen sind in mir“ Diese Erinnerung bietet keinen Erkenntniswert, sondern reproduziert nur Bachmann-Klischees, die Stoll an anderer Stelle problematisiert. So ein Patzer trübt leider den Eindruck einer ansonsten hervorragend recherchierten und klug komponierten Biografie.

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Sommerlektüre: Ist das wirklich ein Beach Read?

Tage voller Leichtigkeit, das Glitzern des Wassers, das Zirpen der Zikaden. Endlich Urlaub. Endlich Zeit zum Lesen. In den Buchhandlungen stapeln sich jetzt Romane mit türkisblauen Covern, Frauen im Pool oder Blicken aufs Meer. Sie versprechen eine kleine Flucht aus dem Alltag. Aber lesen wir im Sommer tatsächlich anders – oder sehen die Bücher nur anders aus? Auch Anna Rahm hat das Schaufenster ihrer Buchhandlung „Mit Büchern unterwegs“ in Ravensburg mit Sommertiteln dekoriert – lauter blaue Cover, auf denen jemand am oder im Wasser zu sehen ist. Über den Büchern baumelt ein blauer Badeanzug. „Die Cover sind wunderschön, es macht einfach Spaß zu denken, oh, Wasser, jetzt zum Baden gehen, ein gutes Buch mitnehmen. Da geht es nicht darum, das sind die Sommerbücher, die gelesen sein sollen, sondern das Gefühl zu vermitteln.“ Viele Verlage setzen jetzt gezielt auf atmosphärische Romane, die Urlaubsstimmung versprechen. Das gefühlvolle Debüt „Weißer Sommer“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/eva-pramschuefer-weisser-sommer-102.html] von Eva Pramschüfer ist so ein Buch oder das witzig-böse „Supertoskana“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/buchtipp-supertoskana-von-max-kueng-100.html] von Max Küng. Auch hanserblau hat sich für den Titel „Dem Meer entgegen“ bewusst für einen Auslieferungstermin im Juli entschieden – in der Hoffnung, auf den Sommertischen zu landen, erzählt Verlagsleiterin Emily Modick: „Das ist natürlich ein Buch, das wir wegen seines Textes gekauft haben. Aber es spielt im Sommer an der kroatischen Küste – es ist einfach zu perfekt, um ihm nicht auch ein tolles Sommercover zu geben.“ Nun ziert das Buch eine mit breiten Pinselstrichen gemalte Frau am Strand, die melancholisch zu Boden schaut. Die kroatische Autorin Lidija Hilje erzählt in ihrem Debütroman eine Liebesgeschichte vor der Kulisse des Kroatienkrieges. SOMMERBUCH: ERFINDUNG AUS DEM 19. JAHRHUNDERT Der Sommerroman ist kein eigenes Literaturgenre, sondern vor allem ein Verlags- und Lesekonzept. Seine Ursprünge liegen im 19. Jahrhundert, als wohlhabende Städter in die Sommerfrische aufs Land oder ans Meer entflohen – mit Büchern im Reisegepäck. Als Urlaub für immer mehr Menschen selbstverständlich wurde, entdeckten Verlage die Ferienlektüre als eigenen Markt. Seitdem gehören Sommertische, Buchempfehlungslisten und Cover mit Sehnsuchtsfaktor fest zum Buchsommer. Aber landet deshalb tatsächlich ein anderes Buch im Koffer? „Auf Englisch gibt es ja den Begriff ‚beach read‘“, sagt Verlagsleiterin Modick – ein Buch, das man am Strand liest, das sandig werden darf und sich vom Wasser wellt. „Die Sonne knallt einem auf den Kopf, man kann sich gar nicht auf ein kompliziertes Buch konzentrieren, es muss leichtgängig sein.“ Anna Rahm, Buchhändlerin in Ravensburg, sieht eigentlich keinen großen Unterschied. Nur: Wer sonst ein einziges Buch kauft, nimmt jetzt gleich drei mit. Allerdings kommt in der Urlaubszeit auch ganz andere Kundschaft in ihren Laden. „Wir haben in Ravensburg sehr viele Touristen, die die Buchhandlung entdecken.“ Seit etwa zwei Monaten verändere das ihre Arbeit, sagt Rahm. Meist kommen Kundinnen und Kunden, die ein Buch für sich oder als Geschenk suchen. Die Sommerkundschaft stelle andere Wünsche. „Das fordert mich durchaus heraus, aber es hält einen frisch.“ WAS MACHT EIN GUTES SOMMERBUCH AUS? Was ein gutes Sommerbuch ausmacht? Eines, das fesselt, bei dem man alles stehen und liegen lässt – denn das kann man im Urlaub. Und was wird gerade tatsächlich gelesen? Passanten am Rheinufer in Mainz antworten: Ein trauriges Buch, das zur Zeit der Belagerung von Leningrad spielt, sagt eine Person. „Iron Widow“, sehr zu empfehlen für Science-Fiction-Fans, antwortet eine andere. „Der Kartause von Parma“ von Stendahl, ein Buch, in dem man abtauchen könne, antwortet eine weitere. Krieg, Science-Fiction und Klassiker – klingt irgendwie so gar nicht sommerlich. Vielleicht verändert der Sommer also gar nicht so sehr unseren Geschmack, sondern vor allem die Art, wie wir lesen. Endlich ist Zeit für Bücher, die im Alltag liegen geblieben wären. AUCH SCHWERE THEMEN FÜR DEN URLAUB Oft steckt das Sommergefühl weniger zwischen den Buchdeckeln als auf dem Umschlag. Denn auch im Urlaub greifen viele zu schweren Themen – nur die Verpackung suggeriert Leichtigkeit. Emily Modick erinnert an den Bestseller „22 Bahnen“ von Caroline Wahl [https://www.swr.de/kultur/literatur/schreiben-als-schutzraum-die-bestseller-autorin-caroline-wahl-100.html]: Auf dem Cover springt eine Frau ins Wasser. „Das sieht nach leichter Sommerlektüre aus, und es spielt auch viel im Schwimmbad. Aber es werden sehr schwere Themen wie Alkoholismus und Vernachlässigung von Kindern verhandelt.“ Eine Geschichte über toxische Familienverhältnisse, sommerlich verpackt und so einem Millionenpublikum zugänglich gemacht. Im Verlagswesen heißt das „Positionierung“: Schon bei der Vorbereitung der Veröffentlichung wird entschieden, wie das Buch im ersten Moment nach außen wirken soll. BESTSELLER UND BOOKTOK-HITS ZIEHEN – DAS GANZE JAHR ÜBER Wenn die Verlagsleiterin am eigenen Urlaubsstrand schaut, was gelesen wird, sieht sie vor allem eines: Bestseller – und zwar jene, die schon Monate zuvor Erfolg hatten. In diesem Jahr dürften das etwa der auf Social Media gehypte Tradwife-Roman „Yesteryear“, die Psychothriller von Liz Nugent oder die Logik-Krimireihe „Murdle“ sein: Bücher, zu denen „gerade alle greifen, die in den Urlaub fahren“. Die perfekte „Sommerlektüre“ ist aber eher Marketing als Realität. Es gibt ihn nicht, den einen Sommerroman. Gelesen wird alles: Bestseller, Klassiker, Krimis, Fantasy. Was im Frühjahr läuft, verkauft sich im Sommer einfach noch besser. Sommerlich gestaltete Titel locken zwar in den Buchladen, doch viele Kundinnen und Kunden gehen mit ganz anderer Lektüre wieder hinaus. In ihrer Buchhandlung in Ravensburg erlebt Rahm Urlauber als besonders offen und neugierig – bereit, im Urlaub auch mit Büchern Abenteuer zu wagen. Entscheidend ist wie immer das Gespräch und die individuelle Empfehlung. Am Ende verändert der Sommer weniger das, was wir lesen, als wie wir lesen: Er schafft endlich Zeit und Muße, sich auf Literatur einzulassen.

17 jul 20266 min
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Das Ende einer Freundschaft: „Kaskaden” – Romandebüt von Louise K. Böhm

Am Anfang ist eine DVD. Sie steckt in einer Papierhülle mit durchsichtigem Plastikfenster. Die Ich-Erzählerin Jojo hält sie in der Hand wie einen Fremdkörper oder einen Beweis für etwas, das sie noch nicht benennen kann. Die Beerdigung von Thorsten, dem Vater ihrer Jugendfreundin Yara, hat sie gerade hinter sich. Das traurige Lächeln von Emine, Yaras Mutter, beim Überreichen der DVD lässt sie nicht los. „Mit dem Daumennagel schiebe ich die Lasche der Papierhülle nach oben und verfolge die kleinen Regenbögen, die die DVD auf das Zugfenster wirft. Dahinter Feld, Wald, Feld, Reh, Reh, Reh, Dorf, AfD-Plakat, Bahnhof mit geschlossener Touristeninfo, Feld, Kuh, Kuh, Kuh. So klischeehaft, fast ein bisschen peinlich.“   Mit Kaskaden, ihrem Debütroman, legt die 26-jährige Louise K. Böhm ein Buch vor, das von der ersten Seite an unter die Haut kriecht und dort bleibt. Sie erzählt mit einer Stimme, die so direkt, so ungeschönt und so präzise rhythmisiert ist, dass man sich fragt, warum nicht mehr Gegenwartsliteratur so klingt. EINE FREUNDSCHAFT, DIE ZERBRACH Es ist die Geschichte einer Studentin der Molekularbiologie, irgendwo in einer norddeutschen Kleinstadt und gleichzeitig das Porträt einer Freundschaft. Der zwischen Jojo und Yara, die zerbrochen ist. Jojo, bürgerlich Joy Schulte, ist eine Meisterin der Distanzierung. Sie wäscht die Kittel im Labor öfter, als es nötig wäre. Sie zählt Deckenlichter und klopft sie gegen den Oberschenkel ab. Und sie hat Angst vor Schmutz: „Das Protokoll: Ich ziehe den Kittel an, binde die Haare zusammen, schiebe die Schutzbrille über die Augen, desinfiziere die Hände, erst die Handflächen, dann die Fingerzwischenräume, dann die Daumen, am Ende die Handrücken, streife die Handschuhe über, achte darauf, dass sie keine Luftblasen werfen, wische die Arbeitsfläche mit Ethanol ab, zweimal, dreimal, der Geruch brennt mir in der Nase, im ersten Moment erinnert er mich jedes Mal an Yaras Cola-Korn-Mische.“ ZWANGSMUSTER ALS INNERE ARCHITEKTUR Diese Zwangsmuster trägt Jojo nicht zur Schau, es ist eine Art innere Architektur. Die Routine ist Kontrolle, und Kontrolle ist Überleben. Dass der Ethanolgeruch sie unweigerlich zu Yara zurückführt, sagt alles über den Zustand ihrer Seele: Das Vergessen funktioniert nicht. Der Roman ist in drei Teile gegliedert, deren biochemische Betitelungen nicht bloß als intellektuelles Ornament dienen, sondern den Puls des Textes angeben. Teil eins trägt den Titel “Apoptose”, das ist das geordnete Sterben von Zellen: notwendig, unvermeidlich, ein Prozess, der dem Organismus nutzt. Louise K. Böhm wählt diesen Begriff für den ersten Teil, in dem Jojo langsam realisiert, was auf der DVD sein könnte und was sie verdrängt hat. Was sich im Verlauf des Buches entfaltet, ist kein simples Coming-of-Age. Kaskaden ist ein Buch über Schuld und Vergessen. Und weil Böhm Jojo weder entschuldigt noch verurteilt, sondern sie im Schwebezustand zwischen Schuld und Selbstschutz belässt, gewinnt der Roman seine größte literarische Spannung. Das ist literarisch das Mutigste an diesem Debüt. HERKUNFT, DIE MAN NICHT ABWASCHEN KANN Böhm zeigt sehr genau, wie Klasse sich einschreibt, ins Schweigen im Seminar, ins Nicht-leisten-Können des Fachbuchs, in den Blick auf die Kommilitoninnen mit den Northface-Jacken. Dabei wird der Roman nie Gesellschaftsessay, sondern Körpererinnerung: „In der Vorstadt, wo sich die Augusttage lang und zäh anfühlen wie die Kaugummifetzen, die Yara sich manchmal hinters Ohr geklebt hat, um sie später weiterzukauen, in der Vorstadt, wo es in manchen Sommern so heiß wurde, dass der Asphalt auf dem Hof schmolz und die Unterführung so nach Pisse stank, dass wir nur mit angehaltenem Atem wieder raus auf die Straße kamen.“ > Links vom Fluss Beton in mehreren Formen, als Hochhäuser, Skateanlage und als Brücke, die sich wie ein verwachsener Fußnagel in den meist tristen, manchmal aber knallblauen Himmel wand, und rechts vom Fluss: na ja, wir eben. > > > Quelle: Louise K. Böhm – Kaskaden Drei Sätze genügen Böhm, um ein ganzes Milieu aufzurufen – nicht als soziologische Beobachtung, sondern als Erinnerung aus dem Inneren heraus. EIN ROMAN MIT SCHÖNEN NEBENFIGUREN Die Gegenwartsebene bietet zudem eine der eine der schönsten Nebenfiguren dieses Romans: Melle, die Mitbewohnerin mit Heißklebepistole und dem Song „Barbie Girl“ von Aqua auf den Ohren, die Hausarbeiten über „inszenierte Weiblichkeit mit postfeministischen Diskursen in der Mode“ schreibt und Jojo mit einer hartnäckigen Zuneigung durch den Roman begleitet, die nie sentimental wird. Ähnliches gilt für Jakob, den Tutor mit der Fliedermütze und dem Augenbrauenpiercing, der, wie Jojo es beschreibt „einen Raum voller Pflanzen“ ausstrahlt und trotzdem keine erlösende Liebesgeschichte erzählt.  KURATIERTE PERSÖNLICHKEITEN Er ist Kontrastfläche, Möglichkeitsraum, aber kein Retter. Jojo beobachtet genau, wie ihre Kommiliton: innen ihre Persönlichkeiten „kuratieren“. „Ich bin froh, dass ich den Ranzkiosk direkt am ersten Tag nach meinem Umzug entdeckt habe. Meistens habe ich hier meine Ruhe, weil sich die unsicheren Mittzwanziger erst nach einer angemessenen Menge Cappucino mit Hafermilch sicherer fühlen, und ein einfacher Filterkaffee bietet nicht genug Deckung.“ Und weiter: „So viel habe ich in den drei Jahren Kleinstadt schon herausgefunden. Ich beobachte: Nike, Dr. Martens, New Balance, Dr. Martens, Nike, Dr. Martens, Dr. Martens, Dr. Martens. Lehramt, Kulturwissenschaften, uneindeutig, könnte alles sein, Kulturwissenschaften, Lehramt, Kulturwissenschaften …“ DIE SPRACHE SCHNEIDET, STATT ZU TASTEN Louse K. Böhms Sprache ist das Stärkste an diesem Buch. Sie bricht grammatikalische Konventionen: Kurze Sätze, die schneiden statt zu tasten, Reihungen, die Gedankenstrom und Wahrnehmungslisten ineinanderblenden. Das ist kein Stilexperiment, das ist Jojos Gehirn in Echtzeit. Kaskaden ist zugleich ein Liebeslied an eine Freundschaft, die zerbrochen ist. > „Die Erinnerungen kommen ungeordnet, sie sind löchrig, wie dieses Fishnet-Strumpfhosen, die wir mit sechzehn andauernd getragen haben. Wenn die Erinnerungen da sind, muss ich sie festhalten.“ > > > Quelle: Louise K. Böhm – Kaskaden Das Finale ist keine Auflösung im konventionellen Sinne. Kaskaden erzählt davon, wie Erinnerungen sich gegen das Vergessen wehren. Dass Louise K. Böhm dafür eine Sprache gefunden hat, die zugleich präzise, verletzlich und unerbittlich ist, macht dieses Debüt bemerkenswert.

17 jul 20266 min
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Unwegsamkeiten in Stadt und Land: Xaver Bayers neuer Roman „Hauch“

Bayers Roman setzt im Hoch- oder Spätsommer ein und endet im Frühjahr. Die Trennung der beiden Protagonisten – Veit und Dora – ist eine Abmachung. In dieser Zeit dürfen sie einander nicht persönlich treffen. Sie schreiben aber einander handgeschriebene Briefe, verschickt mit der Post. Dora arbeitet als Übersetzerin, Veit als Schriftsteller. Dora leidet an Albträumen und Schlaflosigkeit. Das hat auch mit der urbanen Umgebung zu tun. Doch auch auf dem Land ist nicht alles Idylle: Vögel fliegen erschrocken auf, weil eine Drohne vorbeisaust. Veit kommentiert das Geschehen: EIN SCHWANENGESANG AUF DIE NATUR  „Es kommt mir vor, alles in der Welt ist zu einem Kippbild zwischen friedlich und bedrohlich geworden. Man muss Mal für Mal selbst entscheiden, wie man die Dinge sehen möchte. Wenn man denn entscheiden kann.“ Und Dora ergänzt mit apokalyptischen Worten: „Lieber Veit, wenn ich Deinem letzten Brief noch etwas hinzufügen darf, ist die gesamte Menschheit eine Kriegserklärung an die Natur.“   Veit wiederum stellt eine existentielle Frage: „Warum konnte innerhalb so weniger Jahrzehnte eine derart eklatante Entfremdung des Menschen von der Natur stattfinden? Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Natur von immer mehr Menschen als veraltet, als nicht zeitgemäß angesehen wird.“ GRILLENZIRPEN IN DER U-BAHN Dora wiederum drückt dies in philosophischen Worten aus: „Das Sein hat sich hinter einer Kopie seiner Außenansicht zurückgezogen.“  Im urbanen Terrain beherrscht beständiger Lärm den Alltag. Der Smog greift die Lunge an. Und die Menschen? Dora nimmt sie zusehends als wandelnde Zombies wahr. Zwischen Baustellengetöse erlauscht Dora das Tschilpen der Spatzen.   > Gestern habe ich sogar ein Grillenzirpen vernommen, in der U-Bahn, aber es kam aus einem Mobiltelefon.  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch VERLUST LÄNDLICHER GEBORGENHEIT  Auf dem Land nimmt Veit naturgemäß etwas andere Veränderungen wahr: Auch dort gibt es Baulärm, rasende Rolande auf ihren Motorrädern und Flugzeuge ziehen ihre Bahn. Doch was auffällt, ist die Verödung der Dörfer: Gasthäuser und örtliche Einkaufsläden schließen, wer Besorgungen hat, muss zu den Shoppingmalls nächstgrößerer Städte. Und der Postkasten für die Briefe an Dora? Ist auch verschwunden – zahlt sich nicht mehr aus, sagt die Postverwaltung. Veit nennt diese Orte am Land das „Herz der Verlassenheit“.  Wenn man nun im Weiterlesen meinen würde, irgendwann und irgendwo müsste bald die Bombe einschlagen, irrt man. Zeitweise hat man das Gefühl, die Briefe würden allein den tristen Ist-Zustand der Welt abbilden. Aber auch das ist ein Fehlschluss. EIN HAUCH DES LEBENS Veit beobachtet die Vögel im Flug, das Fallen des Schnees, die Spuren der Hauskatze und das heftige Rauschen der Gräser und Bäume im Sturm. Die Bewegungen des Windes – sind sie nicht naturhafte Gleichung für den Atem, für den „Hauch“ im Dasein der Menschen?  Selbst Dora, geplagt von ihren Albträumen, hat Träume, die aus Hoffnung gestickt sind. Auch das – ein Hauch des Lebens.  > „Lieber Veit, heute, im Traum, habe ich auf der Straße einen Ring gefunden, den offenbar jemand verloren hat. Aber wo gibt man Traumfundstücke ab? Deine Dora.“  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch DIE GELASSENHEIT IM LEBEN Xaver Bayer ist mit seinem Roman Hauch etwas Besonderes gelungen: Apokalyptische Gedanken holen einen heutzutage öfters ein. Indem aber der Autor im Laufe des Geschehens durch Naturbeobachtung und durch die Dialoge der beiden Briefschreibenden ein Gefühl der „Gelassenheit“ erzeugt, nimmt er seine Leserschaft im Lesen der Briefe mit. „Hauch“ ist sprachlich gesehen, völlig unspektakulär, man könnte sagen, der Roman steht diametral zur Aufregungs- oder Betroffenheitsliteratur. Doch genau das macht die Seriosität des Textes aus. In einem Brief fasst Veit es in kurzer, unmissverständlicher Weise zusammen – eine Art Aphorismus, den man sich durchaus einprägen sollte.  > „Die Welt will wahrgenommen werden, und sie will beschrieben werden, das ist alles.“  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch

15 jul 20264 min
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Für die Demokratie in die Schlacht ziehen: Paul Ingendaays „Entscheidung in Spanien“ | Buchkritik

Im Sommer 1936 erheben sich in Spanien konservative Generäle gegen die demokratisch gewählte Volksfrontregierung. Auf Bitten von General Francisco Franco schickt Hitler deutsche Flugzeuge. Das faschistische Italien unterstützt den Putsch ebenfalls.   Die drückende militärische Überlegenheit der „Nationalisten“ wird abgemildert durch die bald anrollende sowjetische Militärhilfe für die Republik, aber nicht ausgeglichen. Denn die liberalen Demokratien Frankreich und Großbritannien versagen der Republik die Unterstützung. Vor diesem Hintergrund strömen zigtausende Freiwillige aus über 60 Ländern auf die iberische Halbinsel, um die Republik gegen die Aufständischen zu verteidigen.  Darunter befinden sich zahlreiche Künstler und Schriftsteller. Ihnen widmet sich der Literaturwissenschafter und Schriftsteller Paul Ingendaay in seinem Buch „Entscheidung in Spanien“.  DIESE GESCHICHTE WIRD VON DEN BESIEGTEN GESCHRIEBEN „Die Schwarz-Weiß-Bilder, die [vom spanischen Bürgerkrieg] erzählen, gehören zu den fotografischen Ikonen des 20.Jahrhunderts. Wie kein anderer Konflikt hat [er] unsere Vorstellung von der heroischen Niederlage geprägt“, schreibt Ingendaay. „Und er gehört zu den wenigen Kriegen, deren Geschichte die Verlierer geschrieben haben: als Gegengeschichte zu einem Aufstand rechter Generäle, die das Leid eines ganzen Landes in Kauf nahmen.“  Ausgehend von den Erlebnissen prominenter Freiwilliger entwirft Ingendaay eine Chronik des beinahe drei Jahre andauernden Bürgerkriegs. Von der ersten Welle der Solidarität, über die Schrecken von Guernica bis hin zum erlahmenden internationalen Interesse im Vorfeld des näher rückenden Weltkriegs.  DIE IDEALE TRETEN IN DEN HINTERGRUND  Die Fotografen Gerda Taro und Robert Capa, das Kriegsreporterpaar Ernest Hemingway und Martha Gellhorn, Erika und Klaus Mann, Willy Brandt: Sie alle sind Protagonisten in dieser dichten und überaus lebendigen Darstellung, die sich weniger mit Frontlinien beschäftigt als mit Stimmungen, inneren Widersprüche, zwischenmenschlichen Verwerfungen und unterschiedlichen Graden von Heldenmut und Redlichkeit. Besonders nahe stehen Ingendaay jene Persönlichkeiten, die der Krieg desillusioniert zurücklässt. George Orwell etwa, der in Barcelona einen Bürgerkrieg im Bürgerkrieg miterlebt und Ziel von kommunistischen Angriffen wird. Eine Erfahrung, die maßgeblichen Einfluss auf sein späteres Werk nehmen wird. Oder die Philosophin Simone Weil, die über die Verbrechen auf republikanischer Seite klarsichtig schrieb:   > Die Notwendigkeiten und das Klima des Bürgerkriegs setzen sich über die Ideale hinweg, die man durch das Mittel des Bürgerkriegs verteidigen will. > > > Quelle: Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien BLICK AUF DEN ALLTAG EINES ZERMÜRBENDEN KRIEGS  Ingendaay reproduziert nicht die eingangs erwähnten Schwarz-Weiß-Bilder des Spanischen Bürgerkriegs, sondern erzeugt mit seinem genauen Blick für das Alltägliche neue Bilder, die sich einprägen. Die Szenen aus Gefängnissen, belagerten Städten und verlassenen Landstrichen erzählen eindrücklich davon, was einen langen, unübersichtlichen und zermürbenden Krieg ausmacht.  Ingendaay wirft auch einen frischen und offenen Blick auf die Texte, die seiner Beschreibung zugrunde liegen. Zum Beispiel auf Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“, dem er in Handlung und Figurenzeichnung zwar „lächerliche Züge“ attestiert, dem er aber auch vieles zugutehält. EIN PROLOG FÜR DEN ZWEITEN WELTKRIEG Darunter fällt die Betonung gewisser Details, die auch Ingendaay ein Anliegen sind: „Doch auf andere Weise ist Wem die Stunde schlägt eine Liebeserklärung an das Spanien armer, stoischer und hochherziger Menschen, indem es immer wieder die hanfbesohlten Schuhe erwähnt, die billigste und natürlichste Fußbekleidung, die sich denken lässt.“  „Ihr werdet siegen, aber ihr werdet nicht überzeugen“, lautete ein berühmter Ausspruch des Philosophen Miguel de Unamuno, der sich nach anfänglicher Sympathie von den Putschisten abwendete. In einer Zeit, in der sich die Versuche mehren, die Franco-Diktatur zu rehabilitieren, ist Ingendaays Buch eine wichtige Erinnerung an diesen Prolog zum Zweiten Weltkrieg, eine packend geschriebene Mahnung an die Adresse aller demokratisch Gesinnten.

14 jul 20264 min
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Affen als Herausforderung für die Literatur: Lara Rüters Essay „Affenliebe”

Leipzig, ein Primatenforschungszentrum. Aus dem Gewimmel des Zoos klingen Tierstimmen. Eine Forscherin steht vor einem der Gehege, beobachtet die Affen, macht Notizen. Eine Biologin? Nein, eine Dichterin. Ihr Name: Lara Rüter [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-05-09-102.html].  Die Aufzeichnungen in ihrem Notizbuch wirken zunächst wie ein Durcheinander aus Beobachtungen, Tagebucheinträgen und Gedichtfragmenten: Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als Versuche, das Verhalten der Affen möglichst genau zu erfassen.   MENSCHLICHES VERHALTEN Im Leipziger Zoo sind die Affen Individuen: Sie haben Namen, Vorlieben, vielleicht sogar Gefühle. Rüter gelangt schnell zu der Einsicht, dass sie sich von den menschlichen Verhaltensweisen der Tiere nicht distanzieren kann. Sie ertappt sich dabei, einzelne Lieblingsaffen zu haben. Besonders nähert sie sich dem Bonobo Tayo an – entgegen aller wissenschaftlichen Distanz:  „Tayo schlägt seine Zähne wie immer an die Scheibe, als er mich sieht, schließlich presst er seine Lippen kussmündig auf das Glas. Und ich zögere nicht, lege meine sofort darauf, bevor er verschwindet, lege sie auf die verstaubte, dreckige Scheibe, irgendwie direkt auf seine Lippen und auch nicht.”    FORSCHUNG ZWISCHEN NÄHE UND DISTANZ  Spätestens hier verlässt die Autorin die Rolle einer nüchternen Beobachterin. Der Institutsalltag wird zu einem Alltag der Gefühle. Die Affen setzen bei Rüter Erinnerungen und Reflexionen über ihre Vergangenheit in Gang. Dann entwickelt sich der Essay zunehmend zu einer biographischen Selbstbefragung.  > Meine Affen stellen keine Fragen an die Welt, scheinen Bruchstücke als das Ganze anzunehmen. Lieblingsfarbe. Lieblingstier. Als Kind wollte ich vom Kuckucksvater immer nur das wissen. […] Ich glaube, dass ich Halt suchte in diesem Ritual. > > > Quelle: Lara Rüter – Affenliebe Dokumentieren und Dichten: So könnte also das Motto von Rüters Buch lauten. Die Autorin ist eben beides: Forscherin und Dichterin; in „Affenliebe“ erprobt sie die Möglichkeit einer Symbiose dieser beiden Rollen.  Entstanden ist ein Text, der das Verhältnis von Menschen und Affen zum Ausgangspunkt einer Reflexion über die existenziellen Fragen des Menschseins nimmt. Im Hintergrund schwebt dabei immer die Frage: Kann eine Dichterin die Sprache der Tiere sprechen?  INTELLEKTUELLES BERÜHREN Schnell wird deutlich: Da, wo das literarische Verdichten beginnt, werden die Affen als Schreibanlässe instrumentalisiert. Ist das nicht jene Projektion, die Rüter eigentlich vermeiden wollte? Die Autorin reflektiert diesen Widerspruch kaum und macht stattdessen das sogenannte „intellektuelle Berühren“ zum Programm ihres Schreibens:  > Vertraue nie einem Affen. Berühre ihn nie, auch nicht, wenn er dein Freund ist, berühre ihn nur auf der intellektuellen Ebene. > > > Quelle: Lara Rüter – Affenliebe EIN INTERTEXTUELLES SCHREIBPROJEKT  Gelungen ist das Buch vor allem dort, wo es in den Dialog mit anderen Texten tritt. Zahlreiche philosophische Zitate begleiten die freien Assoziationen, eine Liste mit Literaturhinweisen am Ende des Buches dient hier als Einladung zum Weiterlesen.  Ein wichtiger literarischer Bezugspunkt des Essays ist Franz Kafka [https://www.swr.de/kultur/literatur/aexavarticle-swr-39000.html]. In dessen Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ spricht der menschgewordene Protagonist Rotpeter von seiner Vergangenheit als Affe: „Ich kann das damals affenmäßig Gefühlte nur mit Menschenworten nachzeichnen“.  Das Zitat steht dem Buch als Epitaph voran. Was bei Kafka pointiert klingt, mündet bei Rüter in langatmige Suchbewegungen.  Am Ende bleibt „Affenliebe“ ein Experiment: ein Schreibprojekt, das seinem fragmentarischen Charakter aufs höchste verbunden ist. Es folgt konsequent dem Grundsatz: Genaues Beobachten hat keine Stringenz. Stattdessen ist es Aufgabe einer Dichterin, das Gesehene zu verdichten.  Damit zeugt der Essay davon, was Lara Rüter – vor allem als Lyrikerin – gut kann: In aufmerksamer Versenkung ihre Umwelt beobachten.

13 jul 20264 min