Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (26)
„Ein schickes Mercedes-Cabrio nahm mich mit, und am Steuer saß der UFA-Star Josef Sieber (Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!). Er war in Luftwaffenuniform. Aber ich glaube, dass es sich bei der Uniform um ein Kostüm handelte, denn er war, wie er mir sagte, auf dem Weg zu den Studios in Babelsberg. Mit seiner berühmten sonoren Stimme brüllte er mir im offenen Cabriolet zu: ‚Na mein Junge, du glaubst doch sicher auch noch an den Endsieg!‘ Diesem Satz folgte eine apokalyptische Lachsalve.“
Gerade wollten wir unsere Reihe mit Folge 24 abschließen – doch dann erreichten uns noch zwei eindrucksvolle Texte mit den Erinnerungen des Vaters eines Lesers an die letzten Kriegsmonate, die er als 15-Jähriger erlebte. Gerne veröffentlichen wir diese, wieder sehr interessanten und bewegenden, Zeitzeugenberichte als Folgen 25 und 26. Hier der zweite Teil.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403], den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464], den dritten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150486], den vierten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150605], den fünften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150632], den sechsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150671], den siebenten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150740], den achten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150816], den neunten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150812], den zehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150802], den elften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151038], den zwölften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151098], den dreizehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151156], den vierzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151209], den fünfzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151229], den sechzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151393], den siebzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151418], den achtzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151461], den neunzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151530], den zwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151546], den einundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151551], den zweiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151731], den dreiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151881], den vierundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152445] sowie den fünfundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152535] der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
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Flucht
Der Heldentod in Schneidemühl war mir erspart geblieben (Anm. d. Red.: Siehe hierzu Teil 25 [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152535]). Aber in dieser Zeit musste man nicht lange auf die nächste Chance warten. Ich wurde in Stettin zum HJ Volkssturm eingezogen. Das hieß, dass wir in einer ehemaligen Schule kaserniert wurden. Es war eine merkwürdige Situation in der eigenen Heimatstadt, nur Minuten von zuhause entfernt, eingesperrt zu werden. Kameraden standen Tag und Nacht vor dem Schultor mit dem Befehl, jeden der versuchen sollte sich aus der Schule zu entfernen, zu erschießen. Die Kurzausbildung für die Front erhielten wir von verwundeten Soldaten. Sie unterrichteten uns vor allem im Schießen und an der Panzerfaust. Zu diesem Zweck hatte man alte PKWs an den Seiten mit den Silhouetten von russischen T34 Panzern dekoriert. An die durften wir uns dann Tag und Nacht heranrobben, und unsere Panzerfäuste bedienen. Wer besonders gut im Schießen war, erhielt „Heimaturlaub”. Da wir zuhause viel mit dem Luftgewehr geschossen hatten, war ich der Dauerurlauber.
Und dann passierte etwas Groteskes. Als ich von einem dieser Urlaube morgens in die Schul-Kaserne zurückkehrte, wurden wir alle in die Aula der Schule gerufen. Und dort verkündete man uns einen „Tagesbefehl des Führers”. Der Wortlaut ist mir bis heute unauslöschlich in Erinnerung.
> „Der Jahrgang 1929 ist auf Führer-Befehl für den letzten kriegsentscheidenden Schlag zurückgestellt!”
Mehr hirnverbrannten Zynismus kann man sich kaum vorstellen. Deutschland wurde im Westen und Osten von übermächtigen Armeen überrollt, die Wehrmacht hatte keine koordinierte Führung mehr, die Luftwaffe existierte nicht mehr, Panzer und Infanterie hatten zu wenig Munition, das unmittelbare Ende stand bevor. Aber mein Jahrgang würde den kriegsentscheidenden Schlag ausführen! Wieder hielt mein Schutzengel die Hand über mich. Obwohl ich eher dachte: Meine zweite Chance ist vertan.
Nun war ich also wieder zu Haus. Das Bethesda Krankenhaus, in dem mein Vater Chefarzt war, hatte man inzwischen umfunktioniert zu einem Hauptverbandsplatz. Da alle Schwestern bereits evakuiert waren, wurde dort jede Hand gebraucht. Dieses Krankenhaus lag in Stettin-Zülchow direkt an der Oder. Auf der gegenüberliegenden Oderseite lag Altdamm. Und von den Fenstern aus dem Operationssaal der Klinik konnten wir, wie von einem Feldherrnhügel, die Schlacht um Altdamm beobachten. Und wir sahen auch, wie Boote die Verwundeten im Geschosshagel über die Oder zu uns brachten.
Mein Vater rüstete mich mit einer Bleischürze und einem so genannten Kryptoskop aus. Ein Kryptoskop ist ein tragbares Röntgengerät. Es gab natürlich reguläre Röntgengeräte. Aber es gab keine Röntgenfilme mehr. Und so war das Kryptoskop die einzige Möglichkeit die Splitter in den verwundeten Körpern zu orten. Ich saß also den ganzen Tag wie an einem Fließband. Von links wurden die Verwundeten herangeschoben. Ich ortete und sondierte die Splitter, die mein Vater rechts neben mir dann herausoperierte. Eine merkwürdige Tätigkeit für einen Fünfzehnjährigen. Bevor die Verwundeten in den OP kamen, wurden die frisch Eingelieferten nach Verwundungen sortiert. Dabei musste ich die im Feldlazarett angelegten Notverbände entfernen. Am ersten Tag wusste ich noch nicht, dass die Einschüsse relativ klein sind im Vergleich zu den zerfetzten Ausschüssen. Und als ich bei einem Oberschenkeldurchschuss zaghaft den Verband abwickelte, und die zerfetzte Innenseite erreichte, fiel ich in Ohnmacht.
Aber erstaunlich! Das geschah nur einmal. Es ist unglaublich, wie schnell man sich an eine solche Tätigkeit gewöhnt. Wie man nur noch funktioniert.
Die Verwundeten nannten mich „Herr Doktor”, obwohl ich meistens kurze Hosen unter dem weißen Kittel trug. Noch schlimmer war für mich, wenn sie von mir menschliche Ratschläge erbaten. Ein verwundeter Fallschirmjäger, für den eine Oberschenkelamputation die letzte Rettung war, da sich in der Wunde Gasbrand entwickelt hatte, fragte mich, ob seine Frau ihn wohl zurücknehmen würde mit nur einem Bein.
Amputationen mitzuerleben war für mich ohnehin das Schlimmste. Der Anblick der amputierten Gliedmaßen, und wenn diese dann in einen Container entsorgt wurden, das war einfach unerträglich.
Wir operierten manchmal Tag und Nacht. Je nachdem, wie viele Verwundete von der Front zu uns gebracht wurden. Zwischen den Operationen schlief ich einfach ein. Im Sitzen oder im Stehen. Und ich war immer froh, wenn in diesem gnadenlosen Rhythmus eine Pause eintrat, und wir nachhause konnten.
Um Benzin zu sparen, und auch weil die Straßen ständig unter Beschuss lagen, fuhren wir öfter auf Schleichwegen mit dem Fahrrad nach Hause. Aber dieses „nach Hause kommen” war auch eher unheimlich. Stettin war zu einer Geisterstadt geworden. Deserteure oder entflohene Häftlinge irrten durch die Stadt, und man ging jeder Begegnung aus dem Weg, weil man immer damit rechnen musste, erschossen zu werden. Zuhause war meistens eingebrochen worden. Die Einbrecher hatten es allerdings weniger auf Wertsachen abgesehen, als auf Essbares. Wir waren selbst zum Essen zu müde. Wir schliefen im Eltern-Schlafzimmer. Ich in dem Bett meiner Mutter. Mein Vater gab mir eine Pistole, die ich entsichert auf den Nachttisch legte. Allerdings war ich so übermüdet, hatte einen so totenähnlichen Schlaf, dass ein Einbrecher mich nebst Waffe hätte wegtragen können. Mein Vater musste mich morgens wachrütteln, und dann ging es wieder in den Operationssaal.
Ich weiß nicht mehr, wie lange dieser Albtraum dauerte. Ich weiß nur, dass mein Vater eines Morgens sagte: „Komm, ich muss dir Fahren beibringen.” Die Verwundeten, die wir behandelten, waren Mitglieder der SS Division „Frundsberg”. Und mein Vater hatte erfahren, dass diese Division im Eiltempo nach Berlin sollte, um dort in die Schlacht um Berlin einzugreifen. Ein Kommandeur hatte meinem Vater zugesagt, dass sie bereit wären, einen Wagen „ins Schlepp“ zu nehmen. Mein Vater besaß zwei größere Autos, hatte sich aber im Krieg wegen der Benzinrationierung einen kleinen Fiat Topolino gekauft. Und auf diesem Topolino lernte ich dann in einer Stunde Kuppeln und Gas geben. Am Nachmittag verstauten wir in dem winzigen Auto einige Habseligkeiten, Kleidung und vor allem meinen Tesching (Anm. d. Red.: Ein Kleinkalibergewehr). Und dann hatte mein Vater wieder eine seiner fabelhaften Ideen, die meinen Schutzengel Überstunden kostete. Er gab mir nämlich zur Begleitung einen netten Holländer namens Wilhelmus Philippus van der List mit, der insofern eine gefährliche Begleitung für mich darstellte, weil er ein entlassener KZ-Häftling war. Wilhelmus Philippus, oder Flip wie ich ihn nannte, hatte im Krankenhaus meines Vaters als Pfleger gearbeitet, obwohl er Medizinstudent im letzten Semester war, als er im holländischen Widerstand verhaftet wurde. Es ehrt meinen Vater sehr, dass er Flip als Kollegen behandelte und ihm die Flucht aus Stettin ermöglichen wollte. Aber wenn man sich vorstellt, dass im Frühjahr 1945 grundsätzlich jedes männliche Wesen in Zivil für einen Deserteur gehalten wurde, dann waren Flip und ich ein potentiell gefundenes Fressen für jede Militärpolizei Streife. Und die gab es an jeder Ecke.
In einem bewaldeten Vorortbezirk von Stettin wurde der SS Convoy von 30-40 großen Lkws zusammengestellt. Die meisten hatten Geschütz- Lafetten als Anhänger, aber der letzte Lkw in der Kolonne hatte unseren Topolino als Anhänger. Am späten Nachmittag ging es endlich los. Autobahnen und Straßen konnten solche Kolonnen nicht mehr benutzen. Aus der Luft wurden sämtliche Militärbewegungen geortet und angegriffen. Deshalb bewegte sich unsere Kolonne auf Waldwegen. Für mich war das ein immenses Abenteuer: am Steuer eines Autos als Teil einer Militärkarawane. Aber dieses Hochgefühl sollte sich sehr bald ins Gegenteil verwandeln.
Der Lkw, der unser Auto schleppte, war überfüllt mit Flüchtlingen. Da gab es keine Sitzgelegenheiten, die Menschen standen zusammengepfercht. Und plötzlich entdeckte ich unter ihnen eine mir wohl bekannte Dame. Eine gewisse Frau Rieschel. Sie hatte im Krankenhaus meines Vaters als Krankengymnastin gearbeitet, nachdem ihr Mann als Offizier im Osten gefallen war. Meine Geschwister und ich waren im Elternhaus zu unbedingter Höflichkeit gegenüber jedermann erzogen worden. Es kam mir deshalb unmöglich vor, Frau Rieschel in dieser schrecklichen Lage zu sehen, während ich gemütlich in meinem Auto saß. Als der Konvoi eine Pause einlegte, bot ich deshalb Frau Rieschel und ihrem siebenjährigen Sohn den Beifahrersitz in unserem kleinen Auto an. Flip übernahm das Steuer. Aber ich wollte auf keinen Fall in diesem Lkw fahren. Stattdessen setzte ich mich auf ein Fahrrad, das der Frau Rieschel gehörte, und dass man außen am Lkw angebunden hatte. Da die Kolonne ohnehin nur sehr langsam fuhr, hielt ich es für eine leichte Übung, mich am geöffneten rechten Fenster des Autos mit der linken Hand festzuhalten und mich so mitziehen zu lassen. Jeder Mensch, der einmal Waldwege mit einem Fahrrad befahren hat, weiß dass das nicht gut gehen kann. Auch hatte ich das Gefühl, dass Flip immer mehr nach rechts steuerte. Ständig schrie ich: „Flip! Mehr nach links!” Es kam wie es kommen musste: ich wurde zwischen Auto und Wegbegrenzung eingeklemmt und stürzte.
Verzweiflung pur! Ich mit einem kaputten Knie, einem verbeulten Fahrrad mitten im Wald, nicht wissend wo, und an der nächsten Biegung verschwand unser Topolino mit unseren letzten Habseligkeiten. — Mir blieb nur eines: der Weg zurück. Ich fragte mich durch, ich fand den Weg, und erreichte bei Dunkelheit mein Elternhaus.
Es war eine andere Zeit. Da gab es nicht: „Mein armer Schatz!” Oder: „Ruh dich erstmal aus!” Nein, mein Vater stauchte mich zusammen, machte mir nochmal klar, dass dieses Auto nebst Inhalt der Rest unserer Habe sei. Er telefonierte fieberhaft, und fand tatsächlich heraus, wo dieser Konvoi sein nächtliches Biwak aufschlagen würde. Dann beschrieb er mir den Weg anhand von Karten, hämmerte mir ein, nie mehr meinen Platz im Auto aufzugeben und schickte mich in die Nacht.
Ich weiß nicht, wie viele Kilometer ich in dieser Nacht ohne Licht gestrampelt bin. Ich weiß nur, dass ich das Biwak im Morgengrauen erreichte. Gerade rechtzeitig, als der Konvoi sich fertig machte zum Abmarsch. Unvergesslich ist mir allerdings auch, wie Frau Rieschel und Flip mich anschauten, als ich mit dem verbeulten Fahrrad auf der Waldlichtung auftauchte. Es hatte tatsächlich etwas von Macbeths Reaktion beim Erscheinen von Banquos Geist. War mir das Abdrängen nach rechts, als ich mit dem Fahrrad am Auto hing, schon merkwürdig erschienen, hatte ich nun das absolute Gefühl: Flip wollte mich abhängen. Eigentlich unfassbar, wenn man sich vorstellt, was mein Vater für ihn und seine Sicherheit getan hatte. Aber es waren eben Zeiten, wo es für jeden ums Überleben ging. Und die Situation kann man vielleicht vergleichen mit dem Kampf um einen Platz im Rettungsboot der Titanic. — Wir haben natürlich nie über diese Vermutung gesprochen. Und das Gute ist, dass man mit 15 nicht nachtragend ist und schnell vergisst. Von da an waren wir jedenfalls wieder eine verschworene Gemeinschaft.
Aber auch dieser Tag brachte wieder ein dramatisches Ereignis. Es war ein warmer trockener Vorfrühlingstag. Die Kolonne vor uns wirbelte unendlich viel Staub auf, so dass wir in dem kleinen Auto fast erstickten. Auch bei geschlossenen Fenstern drangen der Staub durch alle Ritzen und nahm uns die Sicht. Die Hitze wurde fast unerträglich. Und dann passierte es. Bei einbrechender Dunkelheit näherte sich die Kolonne der Autobahn, dem so genannten Berliner Ring. Im Schlepp fahren erfordert eine ständige Konzentration. Da dieses kleine Auto praktisch kaum Gewicht hatte, geriet es leicht ins Rollen. Dann musste man bremsen um nicht aufzufahren. Aber dann musste man natürlich schnell wieder von der Bremse gehen, wenn der Lkw anzog. Und einmal ging Flip eben nicht schnell genug von der Bremse. Der Lkw zog an, und das Seil riss. — Tatsächlich war es gar nicht gerissen. Wir hatten das Seil sträflicher Weise um die Traverse gewickelt, die die beiden Kotflügel miteinander verband. Diese Traverse war aus Blech, und es ist ein Wunder, dass sie den Strapazen des Schleppens solange standgehalten hatte. Nun war sie an einem Kotflügel abgerissen, und das Seil schleifte hinter dem weiterfahrenden Lkw. Wir stürzten aus dem Auto und schoben es mit Aufbietung aller Kräfte hinter dem Lkw her. Gott sei Dank stoppte die Kolonne, und wir wurschtelten das Seil irgendwie fest. Kurz danach bogen wir bei Dunkelheit in die Autobahn. Nun konnten wir die Fenster aufreißen, hingen die Beine raus und schrieen und sangen vor Freude es nochmal geschafft zu haben. Bei der Ausfahrt nach Potsdam stoppte der Lkw und hing uns ab. Der Fahrer sagte nur, dass wir jetzt alleine weiter müssten.
Potsdam
Potsdam ist meine Geburtsstadt. Und in Potsdam hatten meine Eltern viele Freunde. Also fand ich das ganze gar nicht so schlecht. Das Ausfahrtsschild zeigte die Entfernung bis Potsdam mit 9 km an.
Es war kurz vor Mitternacht, als wir feststellten, dass die Batterie völlig leer war. Auch mit anschieben, und Gang rein, es ging nichts. Also schoben wir das Auto, Flip links, ich rechts auf der Landstraße nach Potsdam. Das klingt schwerer als es war. Es gab keine Steigungen,
und das Auto war sehr leicht zu schieben. Aber nach drei Stunden waren wir erschöpft und müde, setzten uns ins Auto und schliefen.
Im Morgengrauen schoben wir weiter. Und irgendwo in der Nähe von Potsdam kamen wir an einer Reparaturwerkstatt vorbei. Über uns flog eine riesige Flotte von B 52 – Bombern Richtung Berlin. Und über der Werkstatt öffnete sich ein Fenster. Ein Mann im Pyjama sah die Flugzeuge und schrie: „Das haben wir alles nur diesem Verbrecher zu verdanken!” Wen er meinte war klar. Und was mit ihm geschehen würde, wenn das ein linientreuer Volksgenosse gehört hätte, war auch klar. Und das war vor allem seiner Frau klar, die ihn vom Fenster zurückriss: „Bist du wahnsinnig? Willst du uns unglücklich machen?” Und dann sahen die beiden uns, wie wir unser kleines Auto auf den Hof schoben. Flips KZ-Vergangenheit und die politische Einstellung des Mannes am Fenster waren die idealen Voraussetzungen für eine rasche Reparatur.
In Potsdam hatte ich meine frühen Kinderjahre bis zur zweiten Volksschulklasse erlebt. Um ein paar Ecken wohnte die Familie Defoy. Mein Vater hatte eine der drei Töchter Defoy operiert, und daraus war eine enge familiäre Freundschaft entstanden, die nicht nur die Eltern betraf, sondern auch uns Kinder. Mir hatte es besonders die zweite Tochter Erika, genannt Eka, angetan. Während ich es hasste, und nur mit Brachialgewalt meines Vaters dazu gezwungen wurde, an den grässlichen Weihnachtsspielen teilzunehmen, die meine älteste Schwester Barbara konzipierte, war ich begeistert, im Hause Defoy als Knecht Ruprecht zu agieren, weil Eka der Weihnachtsengel war. Und so war die Vorfreude groß, als ich Tante Annemarie, Ekas Mutter von der Reparaturwerkstatt aus anrief, und sie mich und Flip herzlich einlud. Flip blieb allerdings erstmal bei dem Wagen, um die Batterie laden, und die Frontpartie reparieren zu lassen.
Ich fuhr per Anhalter nach Potsdam und hatte dabei eine wunderbare Begegnung. Ein schickes Mercedes-Cabrio nahm mich mit, und am Steuer saß der UFA-Star Josef Sieber (Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!). Er war in Luftwaffenuniform. Aber ich glaube, dass es sich bei der Uniform um ein Kostüm handelte, denn er war, wie er mir sagte, auf dem Weg zu den Studios in Babelsberg. Mit seiner berühmten sonoren Stimme brüllte er mir im offenen Cabriolet zu: „Na mein Junge, du glaubst doch sicher auch noch an den Endsieg!” Diesem Satz folgte eine apokalyptische Lachsalve. Ich blieb die Antwort schuldig, aber war sehr aufgeregt ob dieser Begegnung.
Und dann: Potsdam, Eisenhartstraße (…), Familie Defoy. Was für ein herzliches Wiedersehen. Als Flip dann auch noch auftauchte, und wir es uns im Gästezimmer bequem gemacht hatten, erlebten wir ein paar Tage wie im tiefsten Frieden. Stettin, Blut und Tod, alles existierte plötzlich nicht mehr.
Es war absolut unwirklich: Flip und ich, flankiert von Bärbel, der ältesten Tochter und Eka, so spazierten wir bei traumhaften Frühlingswetter durch das unversehrte Potsdam. Es hieß immer, Potsdam würde von den Luftangriffen verschont bleiben wegen der unersetzlichen historischen Gebäude. Auch sei Potsdam von den Alliierten als Sitz einer Militärregierung nach dem Kriege vorgesehen. Ach, so ein Blödsinn! Am 19. April 1945 wurde die historische Altstadt von Potsdam durch einen der sinnlosesten Angriffe in Schutt und Asche gelegt.
Aber noch war es heil. Die Sonne schien und ich war verknallt. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes „aus der Zeit gefallen”. Ich hatte verdrängt oder vergessen, warum ich eigentlich hier war. Die Flucht — das war alles plötzlich ganz weit weg. Ich nahm mir einfach das Recht, so zu leben, wie man in diesem Alter eigentlich leben sollte. Aber die Erwachsenen behielten den Überblick. Und nach einigen Tagen sagte Tante Annemarie mit ernstem Unterton: „Wir würden dich ja so gerne hierbehalten. Aber glaubst du nicht, dass du weiterfahren müsstest?” Sie hatte recht. Natürlich musste ich das. Am nächsten Tag gab es den Abschied von Eka, von der wunderbaren Familie Defoy, und vom heilen Potsdam.
Wir hatten in der Familie als Fluchtpunkt den kleinen Ort Mariensee bei Neustadt am Rübenberge ausgemacht. Dorthin waren vor Wochen und Monaten meine Mutter und meine beiden Schwestern geflohen. Wenn man an die unzähligen Suchdienste der Nachkriegszeit denkt, dann begreift man, wie hilfreich ein solcher gemeinsamer Fluchtpunkt ist. Jeder der durchkommen sollte, wusste, wo er die Familie, bzw. das was davon übrig geblieben war, finden konnte. In Mariensee gab es ein stattliches Klostergebäude. Im 12. Jahrhundert als Zisterzienser Kloster gegründet, wurde es nach völliger Zerstörung im dreißigjährigen Krieg, als evangelisches Konventsgebäude wieder aufgebaut. Die Bewohner waren nun keine Nonnen mehr, sondern so genannte Konventualinnen. Das waren meistens unverheiratete Frauen aus begüterten Familien. Es gab keine klösterlichen Gebetsvorschriften, nur die regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst wurde erwartet. Jede dieser wohlhabenden Konventualinnen hatte eine zweistöckige geräumige Wohnung und natürlich Personal. Meistens eine Bedienstete, die gleichzeitig die Köchin war. Zu diesen Wohnungen gelangte man über den wunderschönen Kreuzgang. Mehr als problematisch waren die sanitären Verhältnisse im Kloster. Die Wohnungen hatten keine Toiletten und kein Fließwasser. Im Kreuzgang gab es eine große Pumpe, die wunderbares Wasser lieferte, das aber auf sehr beschwerliche Weise in Eimern in die Küchen und Bäder geschleppt werden musste. Die Toiletten waren noch abenteuerlicher. Am Ende des Kreuzgangs gab es eine Art Geruchsschleuse. Eine Tür, ein ca. 6 m langer Gang und wieder eine Tür. Und dann kam man in ein kleines Gebäude, das für jede der Wohnungen ein Plumpsklo enthielt. Plumpsklos waren in meiner Jugendzeit noch vieler Orts zu finden. Klosett mit Wasserspülung war schon was Besonderes. Vor allem auf dem Lande. Als ich Jahrzehnte später in den kanadischen Provincial Parks die Plumpsklos wieder fand, war das für mich eine Kindheitserinnerung, aber für unsere Kinder und Neffen ein absoluter Horror.
Dieses Kloster hatte auch eine Oberin, und die war eine entfernte Verwandte meiner Mutter. Und diese verwandtschaftliche Beziehung war letztendlich der Grund für diesen Flucht- und Treffpunkt.
Aber noch war Mariensee weit weit entfernt. Flip und ich versuchten uns von Potsdam dahin durchzuschlagen. Heutzutage eine lächerliche Entfernung, war das im Frühjahr 1945 ein Abenteuertrip. Wir versuchten es zunächst auf dem kartographisch kürzesten Weg über die Autobahn. Das war keine so tolle Idee. In kurzen Abständen war die Autobahn mit Panzersperren blockiert. Aber schlimmer: diese Panzersperren wurden kontrolliert von den „Kettenhunden”. So nannte man die Militärpolizisten wegen des Metallschildes, das sie an einer Halskette vor der Brust trugen. Aufschrift: Militärpolizei. Denen müssen wir wie Traumtänzer vorgekommen sein. Zwei Sunnyboys auf Urlaubstrip durch das zusammenbrechende Deutschland.
Ich erinnere mich nicht, was für Legitimationen und Papiere ich vorzuweisen hatte. Ich glaube irgendeinen „Überstellungsbescheid”. Und Flip zeigte immer seinen Entlassungsschein aus dem KZ vor. Und natürlich hatten wir beide Personalausweise. Dreimal ist das gut gegangen. Und wir beschlossen, es kein viertes Mal zu versuchen. Mit anderen Worten: Wir verließen die Autobahn und benutzten nur noch kleine und kleinste Straßen. Da wir keine adäquaten Karten hatten, fragten wir uns durch und fuhren sicher ziemlich idiotische Routen. Aber wir fühlten uns sicher.
Schwierig war es satt zu werden. Ohne Lebensmittelmarken konnte man nicht einkaufen. Aber da erwies sich die ländliche Route als Vorteil. Denn es gab immer wieder freundliche Menschen, die uns was zu essen gaben. Und dann hatte ich ja schließlich auch noch meinen Tesching. Wir kampierten für die Nacht in einem verlassenen Hof, und auf dem Dach saßen Tauben. Und dann spielten wir ein bisschen „Wilder Westen”. Ich schoss uns zwei Tauben. Das war die leichtere Übung. Das Rupfen erwies sich als wesentlich schwieriger. Aber Hunger weckt viele Talente. Und tatsächlich brieten oder besser “kokelten” die armen Täubchen am Stecken über einem lausigen Feuer. Eigentlich ungenießbar, aber Romantik pur.
In meiner Erinnerung waren es drei oder vier Tage, die wir für diese lächerliche Strecke brauchten. Natürlich blieben wir auch einmal ohne Benzin hängen. Nein es war kein „easy trip”, aber als solcher war er ja auch nicht geplant. Es blieb die Tatsache, dass ich ein Auto nach dem Westen gerettet hatte. Ein Auto, das für meinen Vater, als er nach abenteuerlicher Flucht in Mariensee aufkreuzte, ein wichtiger Grundstein zum Aufbau seiner Nachkriegsexistenz wurde.
Die Ankunft im Kloster war ein Triumph. Das Wiedersehen mit Mutter und Schwestern ein Fest. Im Waschhaus wurde der Waschkessel angefeuert, und Flip und ich hatten nach Tagen auf der Straße die erste Generalsreinigung im Waschzuber.
Titelbild: Cassowary Colorizations [https://www.flickr.com/people/150300783@N07] / Creative Commons [https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons] Attribution 2.0 Generic [https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en] license
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