SWR2 Kultur Aktuell
AUF DEM TISCH DER RESTAURATORINNEN Zuletzt putzte sie die Böden bei den alten italienischen Meistern. Dort hockte sie in ihrem geblümten, ausgebleichten Kittel auf dem Boden, abgestützt mit der einen Hand, die andere am Rand des gelben Putzeimers, und blickte erschöpft von der schweren Arbeit ins Leere. Davon erholt sie sich gerade im Schauatelier der Wüstenrot Stiftung: Seitlich liegt sie auf dem Tisch und wird umsorgt von den beiden Restauratorinnen Lena Bühl und Lydia Schmidt: „Der Kittel hatte einen großen Riss, den wir jetzt mittels eines Spannstichs schließen. Außerdem ist er aber auch sehr ausgeblichen und die Unterwäsche hat auch Löcher, die wir schließen werden.“ DUANE HENSON MACHTE GIPS-ABGÜSSE VOM LEBENDEN MODELL Im Vorfeld haben sich die beiden Museums-Restauratorinnen intensiv mit dem US-amerikanischen Künstler Duane Hanson, seiner Technik und dem benutzten Material auseinandergesetzt, damit nichts zerstört wird oder abbricht – etwa beim Anheben der Figur. Denn die Plastik ist hohl. Und dort, wo man nicht hinsieht, wenn sie in der Ausstellung auf dem Boden sitzt, hat sie viele offene Stellen. Sie ist also filigraner, als es auf den ersten Blick scheint. Außerdem hat Duane Henson viele einzelne Abgüsse aus Gips vom lebenden Modell gemacht und sie dann aneinander gefügt. Die Abgüsse hat er anschließend mit Polyesterharz und Glasfaser bearbeitet, ohne sich der gesundheitlichen Folgen bewusst zu sein. „Das ist halt relativ toxisch“, erklärt Restauratorin Lena Bühl. „Deshalb unter anderem ist er damals erkrankt und hat dann das Material gewechselt. Aber das ist ja alles ausgehärtet. Die Dämpfe und die Glasfasern, die bei der Herstellung entstehen, sind natürlich lungengängig, und Hanson hat sich halt gerade zu Beginn nicht geschützt. Das kennt man auch von anderen Künstlern jener Zeit. Niki de Saint Phalle ist ja auch sehr stark erkrankt daran.“ KÜNSTLERATELIER, ZAHNARZTPRAXIS, SCHNEIDEREI UND OP-SAAL Im Schauatelier, wo die Besucher den Restauratorinnen durch eine große Glasscheibe bei der Arbeit zuschauen können, sieht es aus wie in einem Künstleratelier, einer Zahnarztpraxis, einer Schneiderei und einem Operationssaal in einem. Überall liegen Feinwerkzeuge, Pinsel, Farbtöpfchen, Sonden und Messgeräte herum. An der Wand hängen sogar Röntgenaufnahmen. „Das Tolle ist halt, dass wir hier im Haus auch eine Röntgenanlage haben, mit der wir die Kunstwerke durchleuchten können, um eben in tiefere Schichten zu schauen“, so Lena Bühl. Aus welchem Kunststoff die gräulich-beigefarbene Perücke genau ist, konnten die beiden Restauratorinnen nicht herausfinden. Bekannt ist aber, dass Duane Hanson im Frühwerk mit Kunsthaarperücken arbeitete, später mit Echthaarperücken. AUCH FEINE HAUTFALTEN REALISTISCH DARGESTELLT Ein weiteres Merkmal für das Frühwerk: Die Augen waren gemalt, später setzte er Glasaugen ein. Um den Unterschied zu erkennen, muss man allerdings schon genau hinschauen. So sehr perfektionierte Hanson seine Technik, auch was die Haut seiner Figuren anging. Man erkenne etwa am Ellenbogen, wie Henson es schaffte, mittels einer Silikon-Abformungstechnik die genaue Oberfläche der Haut abzubilden, erklärt Restauratorin Bühl, „sodass wir jetzt wirklich diese feinen Runzeln und die Beweglichkeit der Haut nachempfinden können. Und das hat er dann gleichzeitig auch mit der Ölfarbe, die er auf den Untergrund aufgebracht hat, extrem realistisch festhalten können.“ Übrigens: Das Model, das Duane Hanson für seine Plastik Patin stand, war eine echte Putzfrau aus Düsseldorf. Ihr kaufte der Künstler auch die Kleidung ab – Hyperrealismus in Perfektion eben. Im September wird die Figur, die von vielen Besucherinnen und Besuchern schon vermisst wird, ihre Arbeit nach einem halben Jahr Pause wieder in der Dauerausstellung aufnehmen. Wo? Das wird nicht verraten. Die Suche nach ihr gehört für Viele zum Besuch der Stuttgarter Staatsgalerie mit dazu.
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