SWR Kultur lesenswert - Literatur

Blick in menschliche Abgründe: „Prager Verbrechen“ von Egon Erwin Kisch | Buchkritik

4 min · I går
episode Blick in menschliche Abgründe: „Prager Verbrechen“ von Egon Erwin Kisch | Buchkritik cover

Description

Die Reportagen von Egon Erwin Kisch als Vorbild für heutige True-Crime-Podcasts zu lesen, ist aus mehreren Gründen ein gewagtes Unterfangen: Erstens hat es Kisch in seinen Texten mit der Wahrheit nicht allzu genau genommen – darauf weist auch Sabine Rückert im Vorwort ihres Bands hin. Für den „rasenden Reporter“ zählte die literarische Wahrheit: eine packende Geschichte, meist mit einer gut sitzenden Pointe. Und zweitens machen Kischs Kriminalreportagen nur einen Teil seiner Arbeit aus. PACKENDE REPORTAGEN ÜBER DAS JUSTIZSYSTEM DER DONAUMONACHIE Herausgeberin Sabine Rückert muss im Band „Prager Verbrechen“ die Kategorie Verbrechen also großzügig auslegen. Genau dadurch entfaltet der aber einen besonderen Reiz. Denn Kisch interessiert sich nicht nur für das Verbrechen an sich, er setzt sich auch mit dem Strafsystem der k.u.k.-Monarchie auseinander.  Und so befasst er sich mit den Haftbedingungen, der Biografie eines Henkers – und er besucht, ohne offizielle Erlaubnis, einen Friedhof für Sträflinge:  > Keine Inschrift ist auf den Gräbern, nicht einmal der Name des Beerdigten. Warum? Ist es Zartgefühl, dass man dem Namen des im Kerker Verstorbenen keine Schande mehr bereiten will? > > > Quelle: Egon Erwin Kisch – Prager Verbrechen „Ist es die Befürchtung, dass sich die Neugierde, Hass oder Blutrache noch gegen das Grab des Verbrechers kehren könnte? Oder aber soll jener, der als Nummer lebte und als Nummer starb, auch als Nummer beerdigt sein? Denn nur Ziffern, mit einer Schablone aufgezeichnet, sind auf den Kreuzen.“ Die menschlichen Abgründe, die Kisch beschreibt, sind zeitlos. Auch deshalb reichen die Kriminalfälle, von denen der Reporter berichtet, bis ins 17. Jahrhundert zurück. Und zu Höchstform läuft er dann auf, wenn Gewalt oder Machtmissbrauch nicht nur von einer Person begangen werden, sondern System haben.   DIE AFFÄRE REDL: EGON ERWIN KISCHS GROSSER COUP  Das zeigt sich im wohl bekanntesten Fall, mit dem sich der Kriminalreporter Egon Erwin Kisch befasst hat: die Affäre um den Offizier Alfred Redl, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs Geheimnisse an andere Staaten weitergegeben hat.  Kisch macht in seinem Porträt des Offiziers auch deutlich, wie der damalige Geheimdienstapparat von Intrigen durchsetzt war. Darüber hinaus beweist er sich als akribischer Rechercheur: „Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen für Geldsendungen aus Russland, Quittungen über gewechselte Rubel und vor allem fotografische Platten.“ > Er hatte in seiner Wohnung bei geschlossenen Fensterläden Dienstbücher reservanten Charakters, Mobilisierungsinstruktionen und ähnliche Elaborate abfotografiert […]. > > > Quelle: Egon Erwin Kisch – Prager Verbrechen GEKONNTER PERSPEKTIVWECHSEL – UND EIN VORLÄUFER VON TRUE-CRIME PODCASTS Auch wenn sich die journalistischen Standards inzwischen geändert haben, bleiben Egon Erwin Kischs Reportagen beeindruckende Zeitzeugnisse. Das gilt besonders für einen späten Text, in dem Kisch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Museum besucht.  Das haben die Nationalsozialisten in Prag errichtet, um Juden – nachdem sie sie ermordet und ihren Besitz gestohlen haben – weiter zu diffamieren. Kisch, selbst jüdischer Herkunft, beschäftigen bei seinem Besuch Erinnerungen an die eigene Kindheit und an Freunde. Er ist aber auch sichtlich um Distanz bemüht: „Den kriminellen Ursprung des Museums verrät vor allem die Tatsache, dass die Objekte in vielen, voneinander wenig unterschiedenen Exemplaren vorhanden sind. Eine solche Pluralität käme nicht vor, wäre die Sammlung nach und nach angelegt und nach Bedarf durch Kauf oder Tausch ergänzt worden und nicht durch Massenraub.“ Gerade dieser gekonnte Wechsel zwischen persönlicher Erzählung und dem Verweis auf Fakten lässt Kisch dann doch als Vorgänger heutiger Podcaster erscheinen, die ebenfalls dem Verbrechen auf der Spur sind.  Sabine Rückert gelingt es so, den Reporter Egon Erwin Kisch in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Ihr gewagtes Unterfangen ist für uns Leser ein Gewinn.

Comments

0

Be the first to comment

Sign up now and become a member of the SWR Kultur lesenswert - Literatur community!

Get Started

1 month for 9 kr.

Then 99 kr. / month · Cancel anytime.

  • Podcasts kun på Podimo
  • 20 lydbogstimer pr. måned
  • Gratis podcasts

All episodes

5655 episodes

episode Der Faschismus der anderen: Mark Terkessidis' „Gewalt am Denken“ artwork

Der Faschismus der anderen: Mark Terkessidis' „Gewalt am Denken“

Vor über fünfzig Jahren während der Studentenbewegung, als der deutsche Faschismus erstmals umfassend aufgearbeitet wurde, ging damit zugleich eine fundamentale Wandlung seines Begriffs einher.  Faschismus galt nicht länger nur als eine politische Ideologie, sondern von nun an wurde der Faschismus-Stempel verschiedensten Erscheinungen aufgedrückt.  Nicht nur die Polizei, die Schulen und die Behörden konnten als faschistisch gelten, sondern ebenso die gesamte Bundesrepublik und der Kapitalismus sowieso. Linksradikale Terroristen rechtfertigten ihre Taten mit einem vermeintlichen Kampf gegen den Faschismus. Aber auch im alltäglichen Verhalten konnten überall faschistische Tendenzen lauern.  DIE INFLATION DES FASCHISMUS-VORWURFS  Diese historische Beobachtung steht am Anfang des Essays „Gewalt am Denken“ von Mark Terkessidis.  Denn in seiner Analyse der Gegenwart geht es nicht nur um die Frage, ob die aktuellen Entwicklungen in einen neuen Faschismus münden könnten, sondern ob die Inflation des Vorwurfs, etwas sei faschistisch, nicht bereits Teil des Problems ist:  „Der Vorwurf des Faschismus ist wieder allgegenwärtig, aber im Unterschied zu den 1970er-Jahren gibt es deutlich weniger Personen, die mit dem historischen Faschismus in Verbindung stehen.“  > Faschismus ist mittlerweile fast immer etwas, das die anderen tun und wogegen man sich verteidigen muss. > > > Quelle: Mark Terkessidis - Gewalt am Denken DAS GEFÜHL DER BEDROHUNG Ausgangspunkt seiner Analyse ist ein Gefühl der Bedrohung, das sich gegenwärtig in vielen unterschiedlichen Milieus finden lasse.  Dabei können die Gefahren, die jede Gruppe in Bezug auf sich wahrnimmt, völlig andere sein. Aber allen Gruppen gemeinsamen sei der verunsichernde Eindruck, in einer zunehmend „gefährdeten Gemeinschaft“ zu leben.    Zu den Folgen dieser Gefühlslage gehöre daher nicht nur, dass die Polarisierung bei gesellschaftlichen Konflikten zunimmt.  Die Ansicht, das Überleben der eigenen Gruppe müsse unbedingt gesichert werden, führe ebenso zu einer aggressiven Mobilisierung der vorhandenen Mitglieder wie zu einer geradezu erzwungenen Parteinahme: „Wenn ich mich nicht komplett vor der Öffentlichkeit und privaten Gesprächen über Politik in Sicherheit bringe, dann werde ich quasi unentwegt zu irgendetwas aufgefordert: mich zu empören oder gerade nicht zu empören, eine Debatte zu führen oder sie zu ignorieren, ein Thema auf die Tagesordnung zu setzen oder eben nicht, bestimmte Wörter zu benutzen oder nicht zu benutzen.“  DIE POLITIK DER IDENTITÄT  Die historischen Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und reichen weit zurück, wie Terkessidis aufzeigt. Aber sie hängen vor allem mit der Krise des Universalismus zusammen, der von gleichen Prinzipien und Werten für alle Menschen ausgeht. Heute ist die Gesellschaft dagegen längst in zahlreiche Gruppen zerfallen, die alle ihre eigene Identitätspolitik betreiben.  Erstmalig ausformuliert wurde eine solche Identitätspolitik in den sozialen Bewegungen der 1960er Jahre. Während sich die klassischen Bürgerrechtler noch um gleiche Rechte für alle bemühten, beanspruchten immer mehr Gruppen als Opfer der Gesellschaft ihr Recht auf eine besondere Identität, zunächst im linken Lager, später aber auch im rechten Lager:  > Dabei – und das ist für die Frage nach der Möglichkeit des Faschismus relevant – werden zumal die progressiven Positionen immer partikularistischer und setzen die eigene, wie auch immer verstandene Gruppe absolut. > > > Quelle: Mark Terkessidis - Gewalt am Denken Indem Terkessidis den allgegenwärtigen Faschismusvorwurf kritisch hinterfragt, legt er einen tiefgreifenden Wandel im Selbstverständnis der politischen Lager als Voraussetzung eines neuen Faschismus frei.  Damit unterscheidet sich seine Analyse von gängigen Parallelen zu historischen Ereignissen und gibt der Debatte einen beeindruckenden neuen Impuls.

1. juli 20264 min
episode Blick in menschliche Abgründe: „Prager Verbrechen“ von Egon Erwin Kisch | Buchkritik artwork

Blick in menschliche Abgründe: „Prager Verbrechen“ von Egon Erwin Kisch | Buchkritik

Die Reportagen von Egon Erwin Kisch als Vorbild für heutige True-Crime-Podcasts zu lesen, ist aus mehreren Gründen ein gewagtes Unterfangen: Erstens hat es Kisch in seinen Texten mit der Wahrheit nicht allzu genau genommen – darauf weist auch Sabine Rückert im Vorwort ihres Bands hin. Für den „rasenden Reporter“ zählte die literarische Wahrheit: eine packende Geschichte, meist mit einer gut sitzenden Pointe. Und zweitens machen Kischs Kriminalreportagen nur einen Teil seiner Arbeit aus. PACKENDE REPORTAGEN ÜBER DAS JUSTIZSYSTEM DER DONAUMONACHIE Herausgeberin Sabine Rückert muss im Band „Prager Verbrechen“ die Kategorie Verbrechen also großzügig auslegen. Genau dadurch entfaltet der aber einen besonderen Reiz. Denn Kisch interessiert sich nicht nur für das Verbrechen an sich, er setzt sich auch mit dem Strafsystem der k.u.k.-Monarchie auseinander.  Und so befasst er sich mit den Haftbedingungen, der Biografie eines Henkers – und er besucht, ohne offizielle Erlaubnis, einen Friedhof für Sträflinge:  > Keine Inschrift ist auf den Gräbern, nicht einmal der Name des Beerdigten. Warum? Ist es Zartgefühl, dass man dem Namen des im Kerker Verstorbenen keine Schande mehr bereiten will? > > > Quelle: Egon Erwin Kisch – Prager Verbrechen „Ist es die Befürchtung, dass sich die Neugierde, Hass oder Blutrache noch gegen das Grab des Verbrechers kehren könnte? Oder aber soll jener, der als Nummer lebte und als Nummer starb, auch als Nummer beerdigt sein? Denn nur Ziffern, mit einer Schablone aufgezeichnet, sind auf den Kreuzen.“ Die menschlichen Abgründe, die Kisch beschreibt, sind zeitlos. Auch deshalb reichen die Kriminalfälle, von denen der Reporter berichtet, bis ins 17. Jahrhundert zurück. Und zu Höchstform läuft er dann auf, wenn Gewalt oder Machtmissbrauch nicht nur von einer Person begangen werden, sondern System haben.   DIE AFFÄRE REDL: EGON ERWIN KISCHS GROSSER COUP  Das zeigt sich im wohl bekanntesten Fall, mit dem sich der Kriminalreporter Egon Erwin Kisch befasst hat: die Affäre um den Offizier Alfred Redl, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs Geheimnisse an andere Staaten weitergegeben hat.  Kisch macht in seinem Porträt des Offiziers auch deutlich, wie der damalige Geheimdienstapparat von Intrigen durchsetzt war. Darüber hinaus beweist er sich als akribischer Rechercheur: „Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen für Geldsendungen aus Russland, Quittungen über gewechselte Rubel und vor allem fotografische Platten.“ > Er hatte in seiner Wohnung bei geschlossenen Fensterläden Dienstbücher reservanten Charakters, Mobilisierungsinstruktionen und ähnliche Elaborate abfotografiert […]. > > > Quelle: Egon Erwin Kisch – Prager Verbrechen GEKONNTER PERSPEKTIVWECHSEL – UND EIN VORLÄUFER VON TRUE-CRIME PODCASTS Auch wenn sich die journalistischen Standards inzwischen geändert haben, bleiben Egon Erwin Kischs Reportagen beeindruckende Zeitzeugnisse. Das gilt besonders für einen späten Text, in dem Kisch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Museum besucht.  Das haben die Nationalsozialisten in Prag errichtet, um Juden – nachdem sie sie ermordet und ihren Besitz gestohlen haben – weiter zu diffamieren. Kisch, selbst jüdischer Herkunft, beschäftigen bei seinem Besuch Erinnerungen an die eigene Kindheit und an Freunde. Er ist aber auch sichtlich um Distanz bemüht: „Den kriminellen Ursprung des Museums verrät vor allem die Tatsache, dass die Objekte in vielen, voneinander wenig unterschiedenen Exemplaren vorhanden sind. Eine solche Pluralität käme nicht vor, wäre die Sammlung nach und nach angelegt und nach Bedarf durch Kauf oder Tausch ergänzt worden und nicht durch Massenraub.“ Gerade dieser gekonnte Wechsel zwischen persönlicher Erzählung und dem Verweis auf Fakten lässt Kisch dann doch als Vorgänger heutiger Podcaster erscheinen, die ebenfalls dem Verbrechen auf der Spur sind.  Sabine Rückert gelingt es so, den Reporter Egon Erwin Kisch in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Ihr gewagtes Unterfangen ist für uns Leser ein Gewinn.

Yesterday4 min
episode Lesen als Existenzform: „Eine Seite noch“ von Meike Winnemuth artwork

Lesen als Existenzform: „Eine Seite noch“ von Meike Winnemuth

SÜCHTIG NACH LITERATUR Jeder sechste Mensch in Deutschland liest einer aktuellen Studie zufolge überhaupt keine Bücher. Jeder fünfte hat eine so schlechte Lesekompetenz, dass nur einfachste Sätze verstanden werden können. Und jene, die noch regelmäßig lesen, verwenden immer weniger Zeit darauf.   Auch Meike Winnemuth hatte eine Phase, in der Bücher ungelesen im Regal verstaubten. So geht es vielen: Als Kind versinkt man in fremden, fiktiven Abenteuerwelten; als junger Erwachsener, in der „Rushhour des Lebens“, hält der Alltag ziemlich viele reale Ablenkungen bereit. Seit 20 Jahren aber ist die Journalistin und Autorin wieder regelrecht süchtig nach Literatur. Und über diese Sucht hat sie nun – was sonst? – ein Buch geschrieben. ANSTECKENDE LEIDENSCHAFT Sie schaut sich dabei auf so unterhaltsame Weise selbst beim Lesen über die Schulter, denkt so charmant übers Lesen, Leben und die Beziehung von Fiktion und Realität nach, dass ihre Leidenschaft sehr ansteckend wirkt. Vertieft man sich in ihr Lesetagebuch „Eine Seite noch“, fragt man sich jedenfalls, wie man bloß auf die Idee kommen kann, seine Zeit mit mittelmäßigen Fernsehserien oder unbefriedigenden Social-Media-Exzessen zu verschwenden.  > Es soll eine Liebeserklärung werden. Ich möchte mir einen Sommer lang beim Lesen auf die Finger gucken, bei den kleinen Ausflügen und großen Expeditionen, auf die mich die Bücher mitnehmen. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch  AUF ACHTTAUSENDER UND IN DIE EBENEN  Die Ausflüge und Expeditionen führen lesend auf unterschiedliche Kontinente und in vergangene Zeiten, auf die „Achttausender“ zu Thomas Manns [https://www.swr.de/kultur/literatur/100-jahre-zauberberg-die-ganze-geschichte-thomas-mann-norman-ohler-rezension-100.html] „Zauberberg“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/thomas-mann-der-zauberberg-als-hoerbuchfassung-100.html] und Leo Tolstois „Krieg und Frieden“, in die Ebenen der deutschen Gegenwartsliteratur, aber auch in bislang unbetretene Gefilde des Spionageromans oder der Romantasy [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-new-adult-halle-auf-der-frankfurter-buchmesse-100.html].  Winnemuth streift Dichterinnen und Denker, die übers Lesen nachgedacht haben, meidet alles, was nach Kanon und Bevormundung aussieht, folgt dem Lust- und Zufallsprinzip. > Lesen ist die egoistischste, luxuriöseste, trotzigste, lohnendste Existenzform, die ich kenne. Und doch ist man nach dem Lesen umso mehr in der Welt. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch Buchstäblich in die Welt führen die Lektüren zuweilen auch: So unterhält sich Winnemuth mit Strandkorbwärter Roger über dessen Lebensbuch „Krieg und Frieden“, mit ihrem Studienfreund und dem heutigen Germanistik-Professor Heinrich Detering übers professionelle Lesen. Sie besucht Silent-Reading-Gruppen. Wird Probandin bei einer psychologischen Studie, die herausfinden will, wie Sprachverarbeitung im Gehirn funktioniert. Einmal trifft sie sich mit dem Literaturkritiker Denis Scheck, der davon erzählt, wie er als Kind durchs Lesen der Einsamkeit entkommen ist und wenig später mit 13 seine erste Literaturagentur gegründet hat. EIN BISSCHEN WAHNSINN ZUM GEBURTSTAG  Und sie schenkt sich zum 65. Geburtstag ein sündhaft teures Ticket für ein Virginia-Woolf-Event samt Champagner und Exklusivführung durch Monk’s House in East Sussex, wo Woolf und ihr Mann lebten – die günstigere Variante bietet lediglich eine Lesung auf dem Rasen vor Virginias Schreibhütte.  > 50 Pfund oder 1250 Pfund? Schließlich murmelte ich ‚Ach, was soll’s‘ und klickte auf 1250. Mal zwei. Manchmal muss man so was einfach machen. Und überhaupt, das Leben ist kurz. Ich schenke mir ein bisschen Wahnsinn zum Geburtstag. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch Sage da noch wer, Leserinnen seien nicht abenteuerlustig. Eine Freundin erklärt ihr einmal, was passiere, wenn man sich auf Bücher einlasse:  > Es poetisiert das Leben. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch ALLE GEFÜHLE AUF EINMAL Auf jeden Fall macht es reicher. Nach sechs Monaten blickt Winnemuth auf den nicht gerade niedrigen Stapel gelesener und als Hörbuch gehörter Bücher und stellt fest:  „Ich bin in andere Leben verreist, ohne auch nur vom Sofa aufstehen zu müssen. Ich bin aus mir selbst herausgekommen. Ich würde behaupten, nahezu alle Gefühle gehabt zu haben, die man so haben kann, die ganz großen herzerweiternden und die heimlichen, kleinlichen, peinlichen.“  Das Wunderbare: Das Medium für diese Reisen im Kopf ist nicht nur vielfältig und erschwinglich; seine Inhalte sind zudem schier unerschöpflich. Also: Auf ins Vergnügen!

29. juni 20264 min
episode SWR Bestenliste Juli/August artwork

SWR Bestenliste Juli/August

EINE VIELFALT DER LITERATURGENRES Beate Tröger, Gregor Dotzauer und Christoph Schröder aus der Jury der SWR Bestenliste sprachen in Mainz: Über Petr Hruškas Gedichtband „Und ich sah mein Gesicht“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-0708-06-102.html], den Martina Lisa für die Edition Azur (Voland & Quist) aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen hat. Über „Aufzeichnungen aus der Wiesenau“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-0708-05-102.html] von Marie Luise Kaschnitz [https://www.swr.de/kultur/literatur/die-lyrikerin-marie-luise-kaschnitz-wurde-vor-125-jahren-geboren-100.html], die Rainer Weiss unter dem Titel „Gott und die Welt“ in der Edition W herausgegeben hat. Über Elfriede Jelineks neues Werk „Unter Tieren“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-0708-04-102.html], das im Rowohlt Verlag erscheint und bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne zu erleben ist. Sowie über den Sommerroman „Tanzende Frau, blauer Hahn“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-05-07-102.html] von Dana Grigorcea [https://www.swr.de/kultur/literatur/dana-grigorcea-tanzende-frau-blauer-hahn-102.html] aus dem Penguin Verlag. Damit zeigt die Diskussion in Mainz unter anderem auch, wie vielfältig die literarischen Positionen auf der SWR Bestenliste im Juli und August sind. DIE WUNDERSAME EINIGKEIT EINER JURY Dieses Literaturgespräch ging in wundersamer Einigkeit über die Bühne. Beate Tröger nannte Hruškas auf Platz 6 der SWR Bestenliste im Juli und August geführten Gedichtband „Und ich sah mein Gesicht“ eine „Dialektik der Aufklärung in Versen“. Die anschauliche Lyrik, die sich mit der ersten Weltumsegelung befasst, lädt ein, über das Fremde nachzudenken – und die Grenzen der eigenen Weltwahrnehmung. Die Prosa-Miniaturen von Kaschnitz (Platz 5), die von der Inneren Emigration, der Zeit nach dem Nationalsozialismus und den nicht zuletzt auch baulichen Veränderungen in der Nachkriegszeit erzählen, werden als zeitlos elegante Prosa einer großen Stilistin gelobt. Das Jury-Mitglied Gregor Dotzauer hat einen sehr persönlichen Zugang zu der Schriftstellerin, hat er doch Jahre später in ihrer Frankfurter Wohnung in der Wiesenau gelebt.      NICHT JEDER KALAUER EINER NOBELPREISTRÄGERIN IST WELTLITERATUR Jelineks auf Platz 4 gelistete Suada „Unter Tieren“ konnte die drei Jury-Mitglieder der SWR Bestenliste nicht überzeugen. Zwar wurde dem Werk der Nobelpreisträgerin eine sprachliche Kunstfertigkeit bescheinigt, doch der antikapitalistische Furor würde sich in Kalauern erschöpfen, kritisierte beispielsweise Christoph Schröder. Grigorceas Sommerbuch „Tanzende Frau, blauer Hahn“ wird wegen der erzählerischen Doppelbödigkeit gelobt. Die unterhaltsamen und zum Teil surrealen Geschichten aus den Karpaten haben aber auch eine politische und manchmal sogar mythologische Dimension, wie die Jury begeistert erklärt.  Aus den vier Büchern lasen Kruna Savić und Henner Momann vom Mainzer Staatstheater. Durch den Abend führte Carsten Otte.

29. juni 20261 h 1 min
episode An Kipp-Punkten des Lebens: Julia Wolfs Erzählband „Du, hier“ artwork

An Kipp-Punkten des Lebens: Julia Wolfs Erzählband „Du, hier“

„Du, hier“ heißt der Erzählband von Julia Wolf. Man könnte dahinter ein Fragezeichen setzen. Denn in allen Erzählungen sind die Frauen um die Vierzig, die stets im Mittelpunkt stehen – Männer bleiben nur Randfiguren –, erstaunt darüber, wohin ihr Leben sie geführt hat.  Das vorläufige Resümee fällt selten positiv aus. Es überwiegt ein Unbehagen. Darüber, sich verheddert zu haben in den Fallstricken des Lebens. Gestrandet zu sein. Zum Beispiel in einem Einfamilienhaus in der Provinz, wie in der titelgebenden Geschichte. BRANDENBURGER TRISTESSE  In dieser begegnen sich zwei Freundinnen aus Schulzeiten unverhofft vor einem Baumarkt auf dem Land wieder. Toni, eine Tennisspielerin, ist auf der Durchreise, Stella lebt in der Gegend ­– inmitten der „Brandenburger Monokultur“. „Stella, bist du das?“, fragt die Freundin – es ist die abgewandelte Form von „Du, hier?“.  Beide hatten einmal gedacht, dass aus Stella etwas Besonderes werden würde. Aber jetzt? Sie trinkt zu viel, ist arbeitslos, kann sich nicht konzentrieren, macht eine Therapie. In ihre Ehe hat sich ein herablassender Ton eingeschlichen. „Als sie sich kennengelernt haben, gab es so etwas nicht, damals herrschte eine Stimmung zärtlicher Verwunderung zwischen ihnen. Dass sie einander gefunden hatten.“ > Philip war zu diesem Zeitpunkt genauso verloren wie Stella, nur auf andere Art. Von der Behutsamkeit ist nicht viel übriggeblieben, ihr Umgang ist rauer geworden, neulich hat Philip sie sogar nachgeäfft. > > > Quelle: Julia Wolf - Du, hier HALTLOSER GEDANKENSTROM In einigen der Erzählungen wirkt die Corona-Pandemie als Katalysator des Missbehagens. Ein andermal ist der unerfüllte Kinderwunsch ein Krisenverstärker oder aber umgekehrt die krasse Überforderung mit einem Kind, wie in „Kopfbewohner“. In dieser Geschichte kriecht Julia Wolf förmlich in den Kopf ihrer Protagonistin, deren Gedankenstrom immer verworrener und haltloser wird, während sie – passend dazu – mit der Berliner U-Bahn in endlosen Schleifen unterwegs ist.  In einer Prosa, die immer kurzatmiger wird und am Ende in ein Stakkato übergeht, führt Julia Wolf diese Frau im Ausnahmezustand bis nah an den Kollaps. > Atmen. Atmen.  > Schlesisches Tor.  > Ich werde das überleben. Natürlich. Das fühlt sich jetzt schlimmer an, als es ist.  > Mich juckt’s halt auf einmal am ganzen Körper.  > Augen auf.  > Hallo, kleine Stadt.  > Ja, ich bin’s nochmal. Sitze immer noch an derselben Stelle. Ich mit meinen. Kopfbewohnern. > > > Quelle: Julia Wolf - Du, hier Das Buch bietet eine große Bandbreite unterschiedlicher Erzählweisen. Sie probiere immer wieder aus, was am besten zu einer Geschichte passe, sagt Julia Wolf. Die Erzählung „DELETE“, die sich um Missbrauch dreht, besteht etwa aus nichts anderem als einer Reihe immer neuer, nicht abgeschickter E-Mails.  In keiner der Stories verlässt Julia Wolf die Perspektive der Figuren, nie mischt sich eine auktoriale Instanz kommentierend ein. Die „vermeintlich neutrale Draufsicht“ interessiere sie nicht, sagt sie.  AKTE DER SELBSTERMÄCHTIGUNG  „Für mich gewinnt das Erzählen eine gewisse Dynamik, wenn ich in einer Figur drinbleibe oder an einer Figur dranbleibe, die ich brauche, um einen Text schreiben zu können“, so Julia Wolf. „Ich habe immer das Gefühl, wenn ich den Ton und die Perspektive gefunden habe, ergibt sich alles andere, Fragen des Plots und so weiter lassen sich lösen. Ich muss diese Haltung finden im Text, und dann kann ich auch einen Text schreiben. Ich bin immer auf der Suche, wie die Form den Inhalt noch besser hervorheben kann.“  Julia Wolfs Erzählungen sind im Alltag verankert. Doch in überraschenden Momenten großer Intensität verlassen die Protagonistinnen die einmal eingeschlagenen Pfade. Die Autorin spricht von „Akten der Selbstermächtigung“. Es sind Kipppunkte, die Möglichkeitsräume öffnen. Ob die Frauen dieser Erzählungen tatsächlich immer zu etwas Neuem aufbrechen, bleibt offen. Diese Rätselhaftigkeit spricht indes keineswegs gegen diese ausgereiften Stories, sie macht vielmehr zum nicht geringen Teil deren Reiz aus.

28. juni 20263 min