SWR Kultur lesenswert - Literatur
Etwa 80 Millionen Bücher wurden vernichtet. In stillgelegte Tagebaue gekippt, auf Feldern verstreut oder untergepflügt. Abgewickelte Verlage, Bibliotheken, Betriebsbüchereien, Kulturhäuser oder Geschäfte warfen 1990 tonnenweise Werke aus DDR-Produktion weg. Doch nicht nur den Büchern, auch ihren Produktionsstätten wurde der Garaus gemacht. Die 78 Verlage, zu 90% staatliches Eigentum, wurden binnen kürzester Zeit von der Treuhandanstalt entsorgt. > Die meisten Verkäufe wurden in der Folgezeit innerhalb eines Jahres abgewickelt, es gab keine Zeit, um die oftmals verwickelte Rechtslage zu prüfen und nach seriösen Käufern zu suchen. > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? BÜCHERN UND VERLAGEN WIRD DER GARAUS GEMACHT Mit ebenso nüchternen wie beklemmenden Fakten wie diesen beantwortet Carsten Gansel gleich im ersten Kapitel die titelgebende Frage seines Buches „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“. Aber es gab in den folgenden Jahren, und gibt sie noch immer, viele weitere Versuche, Werke und Autoren jener Zeit zu diskreditieren, mit wenig Interesse an Differenzierung zu stigmatisieren oder ausschließlich zu ideologisieren. Davon – und mit nicht geringer Empörung – berichtet der Germanist aus Güstrow, der viele Jahre lang der einzige ostdeutsche Germanistikprofessor an einer westdeutschen Universität war. So erinnert er an den Literaturstreit um Christa Wolf des Jahres 1990, der erbittert und scharf geführt worden und einzig und allein als grundsätzliche Abrechnung mit Autorinnen und Autoren ihrer Generation angelegt gewesen sei, so Gansel. Sein Fazit: > Es ist angeraten, die DDR Literatur an ihrem eigenen Selbstverständnis zu messen und nicht an von außen herangetragenen Maßstäben, die einer westlichen Gesellschaft abgezogen sind. > > > Quelle: Carsten Cansel - Ausradiert? BLICK IN DIE LITERATURGESCHICHTE DER DDR Und so widmet sich der Autor in einem weiteren – dem größten Teil – seines Buches der Geschichte der DDR-Literatur. „Volker Braun hatte das Glück, im Kombinat „Schwarze Pumpe“ vom Schriftsteller Ehepaar Brigitte Reimann und Siegfried Pietschmann betreut zu werden. Das junge Ehepaar war noch Hoyerswerda gekommen, um neue literarische Wege zu finden und endlich eine eigene Wohnung zu erhalten.“ Der junge Volker Braun ging in die Plattenbaustadt und ihr Kombinat, weil er keinen Studienplatz erhalten hatte und nun hoffte, über die Arbeit in der Produktion an die Universität delegiert zu werden. Nach drei Jahren klappte es. Er wurde zu einem der wichtigsten Autoren der DDR, anfangs überzeugt, dann immer kritischer. Wie seine Mentorin Brigitte Reimann, deren Roman über ihre Zeit in Hoyerswerda „Franziska Linkerhand“ sie 1974 berühmt machte. Bereits in den 50er Jahren gehörte sie dem „Donnerstagskreis“ junger Autoren an. Dort debattierten Walter Janka, Erich Ahrendt oder Fritz J. Raddatz offen, lebhaft – und mutig. In ihr Tagebuch notierte die engagierte Schriftstellerin: > Die Gruppe ist illegal. Der Geist bei uns lebt illegal – Herrgott, ist das eine Welt! > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? KULTURELLE LEISTUNG VERSUS IDEOLOGISCHE ABWERTUNG Brigitte Reimann wird sich an dieser widersprüchlichen DDR-Welt ihr Leben lang ebenso abarbeiten wie wie viele weitere ihrer Schriftstellerkollegen. Von ihnen und ihrem Schaffen berichtet das Buch. Von den mündigen Lesern ihrer Werke. Damals wie heute. Grundiert wird das sorgsam recherchierte, von vielen persönlichen Begegnungen mit den Autorinnenen und Autoren profitierende Kompendium von Wut. Carsten Gansels Wut über den weiter unausgewogenen Umgang mit DDR Literatur. Und er ist damit nicht allein, wie aus einem Gespräch mit Volker Braun im August letzten Jahres hervorgeht: > Wunschdenken unserer beamteten Wissenschaft sei ein Narrativ der Sieger durchzusetzen. Das ist ihr Problem, nicht das der Literatur. Der Autor ist ja der Zweifelnde, Suchende, der sich Fragen stellt. > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? Dem in den Werken von Volker Braun, Christa Wolf, Brigitte Reimann und vieler anderer nachzuspüren, dazu stiftet das engagierte Buch von Carsten Gansel an – und liefert ein faktenreiches Fundament für die Auseinandersetzung.
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