Das Chaos der Ordnung: „Spiel auf vielen Trommeln“ von Olga Tokarczuk
Kriminalromane zu lesen, glaubt die Heldin in einer der Geschichten von Olga Tokarczuk, hat etwas Beruhigendes. Ein bisschen sei es wie aufräumen.
> Schritt für Schritt verwandelt Chaos sich in Ordnung. Manchmal aber hat man auch genug von der Ordnung.
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> Quelle: Olga Tokarczuk - Spiel auf vielen Trommeln
Tatsächlich hat sie diesmal genug vom schleppenden Gang der Erzählung. Eine Gruppe von Krimi-Autoren trifft sich auf einem flämischen Landsitz, aber es geschieht eigentlich nichts. Die leidenschaftliche Leserin erträgt das nicht.
Anders als in Woody Allens Film „Purple Rose of Cairo“, wo sich Filmstars von der Leinwand ins wirkliche Leben verirren, geht Tokarczuks Protagonistin den umgekehrten Weg: Sie mischt sich unter die fiktiven Krimi-Autoren, schubst die Handlung an und wird schließlich zu einer heillos Umherwandelnden zwischen den Welten.
„Als sie am Morgen die Katze auf den Balkon ließ, sah sie, wie vor ihrem Hochhaus ein Streifenwagen vorfuhr. Drei Männer stiegen aus und strebten dem Eingang zu ihrem Treppenhaus entgegen. Einer von ihnen trug einen Trenchcoat und einen seltsam altmodischen Hut. Es war ihr, als müsste sie ihn von irgendwoher kennen.“
IM WARTESAAL DER WIRKLICHKEIT
Diese erste von neunzehn Geschichten im Band „Spiel mit vielen Trommeln“ trägt den schön doppelbödigen Titel „Mach die Augen auf, du lebst nicht mehr“. Sie mag als Parabel auf die Macht der Illusion, den Schein des Realen und das unbewusste Weiterwirken der Kunst gelesen werden.
Als literarisches Spiel mit kleinen Verschiebungen in der Wahrnehmung und der unberechenbaren Verrückung des Alltäglichen, das die Literaturnobelpreisträgerin wunderbar beherrscht.
So wird eine polnische Schriftstellerin in einem anderen Text von einer Schottin für einen Monat beherbergt – sie möchte Gesellschaft, im Gegenzug soll der Autorin ein kreatives Ambiente geschaffen werden. Zeit zum Schreiben, Zeit, um über das Schreiben nachzudenken.
„Die Literatur ist letztlich eine sanktionierte, von ethischen Beschränkungen befreite, gesellschaftlich anerkannte und bewunderte Lüge. Ebendarum, so denke ich, hat mich das Schreiben schon immer angezogen.“
VON ALLEM WAS DABEI
Auf einen Nenner sind diese neunzehn Erzählungen dennoch nicht zu bringen: Sie greifen aus ins Fantastische, beherbergen Spurenelemente des Lebens Tokarczuks, handeln von Gestrandeten und Verstörten, von Wandernden und sich fortwährend Verwandelnden, zuweilen eben auch von jenen professionellen „Anarchisten des Universellen“, wie Schriftsteller einmal bezeichnet werden.
Die Geschichten sind mal kürzer und manchmal dutzende Seiten lang, kreisen um oder bewegen sich zu auf eine Kuriosität. Es schwingt in ihnen eine sentimentale Note mit, oder es herrscht ein ironischer Grundton.
In der Titelgeschichte „Spiel auf vielen Trommeln“, entstanden während Tokarczuks Zeit als DAAD-Stipendiatin in Berlin, ist es eine Erzählerin, die von ihrem Küchenfenster aus in den Hof auf eine Wagenburg blickt.
Immer mehr taucht sie in diese ihr fremde Welt ein, und sie ist fasziniert vom Trommelspiel, das abends anhebt und einen Rhythmus für dieses andere Leben vorgibt, einen Puls.
Gleichzeitig fehlt ihr selbst dieser Takt, die Stadt erscheint ihr konturlos, es ist, als würde sie die Kontrolle verlieren, wenn sie sie mit der Bahn durchquert.
HALTLOSER BLICK
„Mein ganzes offenes, aufnahmebereites, von Eindrücken schwellendes Ich löste sich auf, da mein Blick nichts einfangen konnte.“
Im Original ist dieser Erzählungsband bereits 2001 erschienen, 2006 dann erstmals in Auszügen auf Deutsch in der Übersetzung von Esther Kinsky. Nun liegen alle Texte in der auch die verschiedenen Stimmungen und Töne treffenden Übertragung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein vor.
Wie bei vielen großen Autorinnen und Autoren ist auch die Sprache Tokarczuks nicht komplex, nicht experimentell, nicht darauf aus, Kunstfertigkeit auszustellen. Das Geheimnis liegt vielmehr zwischen den oft klar formulierten, eine poetische Aura in sich tragenden Sätzen.
Die im vermeintlich Einfachen verborgene Poesie aber in eine andere Sprache hinüberzuretten, ist gar nicht so einfach. Palmes und Quinkenstein gelingt das vortrefflich.
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