SWR Kultur lesenswert - Literatur
Vor über fünfzig Jahren während der Studentenbewegung, als der deutsche Faschismus erstmals umfassend aufgearbeitet wurde, ging damit zugleich eine fundamentale Wandlung seines Begriffs einher. Faschismus galt nicht länger nur als eine politische Ideologie, sondern von nun an wurde der Faschismus-Stempel verschiedensten Erscheinungen aufgedrückt. Nicht nur die Polizei, die Schulen und die Behörden konnten als faschistisch gelten, sondern ebenso die gesamte Bundesrepublik und der Kapitalismus sowieso. Linksradikale Terroristen rechtfertigten ihre Taten mit einem vermeintlichen Kampf gegen den Faschismus. Aber auch im alltäglichen Verhalten konnten überall faschistische Tendenzen lauern. DIE INFLATION DES FASCHISMUS-VORWURFS Diese historische Beobachtung steht am Anfang des Essays „Gewalt am Denken“ von Mark Terkessidis. Denn in seiner Analyse der Gegenwart geht es nicht nur um die Frage, ob die aktuellen Entwicklungen in einen neuen Faschismus münden könnten, sondern ob die Inflation des Vorwurfs, etwas sei faschistisch, nicht bereits Teil des Problems ist: „Der Vorwurf des Faschismus ist wieder allgegenwärtig, aber im Unterschied zu den 1970er-Jahren gibt es deutlich weniger Personen, die mit dem historischen Faschismus in Verbindung stehen.“ > Faschismus ist mittlerweile fast immer etwas, das die anderen tun und wogegen man sich verteidigen muss. > > > Quelle: Mark Terkessidis - Gewalt am Denken DAS GEFÜHL DER BEDROHUNG Ausgangspunkt seiner Analyse ist ein Gefühl der Bedrohung, das sich gegenwärtig in vielen unterschiedlichen Milieus finden lasse. Dabei können die Gefahren, die jede Gruppe in Bezug auf sich wahrnimmt, völlig andere sein. Aber allen Gruppen gemeinsamen sei der verunsichernde Eindruck, in einer zunehmend „gefährdeten Gemeinschaft“ zu leben. Zu den Folgen dieser Gefühlslage gehöre daher nicht nur, dass die Polarisierung bei gesellschaftlichen Konflikten zunimmt. Die Ansicht, das Überleben der eigenen Gruppe müsse unbedingt gesichert werden, führe ebenso zu einer aggressiven Mobilisierung der vorhandenen Mitglieder wie zu einer geradezu erzwungenen Parteinahme: „Wenn ich mich nicht komplett vor der Öffentlichkeit und privaten Gesprächen über Politik in Sicherheit bringe, dann werde ich quasi unentwegt zu irgendetwas aufgefordert: mich zu empören oder gerade nicht zu empören, eine Debatte zu führen oder sie zu ignorieren, ein Thema auf die Tagesordnung zu setzen oder eben nicht, bestimmte Wörter zu benutzen oder nicht zu benutzen.“ DIE POLITIK DER IDENTITÄT Die historischen Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und reichen weit zurück, wie Terkessidis aufzeigt. Aber sie hängen vor allem mit der Krise des Universalismus zusammen, der von gleichen Prinzipien und Werten für alle Menschen ausgeht. Heute ist die Gesellschaft dagegen längst in zahlreiche Gruppen zerfallen, die alle ihre eigene Identitätspolitik betreiben. Erstmalig ausformuliert wurde eine solche Identitätspolitik in den sozialen Bewegungen der 1960er Jahre. Während sich die klassischen Bürgerrechtler noch um gleiche Rechte für alle bemühten, beanspruchten immer mehr Gruppen als Opfer der Gesellschaft ihr Recht auf eine besondere Identität, zunächst im linken Lager, später aber auch im rechten Lager: > Dabei – und das ist für die Frage nach der Möglichkeit des Faschismus relevant – werden zumal die progressiven Positionen immer partikularistischer und setzen die eigene, wie auch immer verstandene Gruppe absolut. > > > Quelle: Mark Terkessidis - Gewalt am Denken Indem Terkessidis den allgegenwärtigen Faschismusvorwurf kritisch hinterfragt, legt er einen tiefgreifenden Wandel im Selbstverständnis der politischen Lager als Voraussetzung eines neuen Faschismus frei. Damit unterscheidet sich seine Analyse von gängigen Parallelen zu historischen Ereignissen und gibt der Debatte einen beeindruckenden neuen Impuls.
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