SWR Kultur lesenswert - Literatur
> „Ich nehme Wolle, die sich an den Fingern gut anfühlt, und fühle und experimentiere und scheitere mich voran, gehe voll in den Quatsch, korrigiere den Kurs. Die Knubbel und ich erzählen einander gemeinsam eine Geschichte.“ > > > Quelle: Benjamin Maack - Bewerbungen um einen Job als Mensch Maack häkelt sich in seinem Depressionstagebuch schreibend durch sein psychisches Labyrinth – und feiert jeden noch so kleinen Alltagsmoment als Lichtblick. Entstanden ist das Buch aus einzelnen Instagram-Posts, die der Autor während einer depressiven Episode im Sommer 2025 veröffentlicht hat. Der Text verweigert sich jeder Art von Systematisierung und beginnt – mit einem Augenzwinkern – am ‚Nullten Januar‘ und endet am ‚87. Januar‘. Und er ist Zeugnis jener heilsamen Kraft, die dem Schreiben als Selbstgespräch innewohnt. BRUCHSTÜCKHAFTE BIOGRAFIE STATT GLATT GESCHLIFFENER PSYCHE Autobiographische Bücher über psychische Erkrankungen gibt es zuhauf. Die beiden Gefahren, die sich bei solchen Büchern auftun, umschifft Maack geschickt: Kein pures Selbstmitleid oder die Erfolgsgeschichte seiner Heilung, wie sie die sogenannte ‚positiven Psychologie‘ erzählt. Im Gegenteil: Der Autor zeigt die fatalen Folgen jener Denkbewegung, die die Soziologin Eva Illouz [https://www.swr.de/kultur/literatur/schillerrede-von-eva-illouz-ueber-trump-und-koenig-lear-100.html] 2004 in ihrem Buch „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ als „therapeutisches Narrativ“ bezeichnet hat: Nur, wer neben physischer Selbstfürsorge auch ‚Psychohygiene‘ betreibe, habe Chancen im ‚Bewerbungsportal Mensch‘. Dem hält Maack eine Biografie entgegen, die von Brüchen gezeichnet ist. Dabei werden anstrengende Alltagsmomente mit unverhofften Ahnungen von Leichtigkeit verwoben: „Und als mich heut Morgen das irre sommerstadtparkserienmördereiswagenklingeln von Janas Telefonwecker aus dem Schlaf holt wie der Eisportionierer eine Kugel Vanille und mich mit einem lustigen Geräusch in die Waffel meines Alltags fallen lässt, bin ich froh.“ Diese Haltung verwehrt sich auch jeder Didaktik. Maack will seine Leser nicht unterrichten, sondern ihren Blick schulen: Immer wieder setzt er ihnen seine Brille auf und sensibilisiert sie damit für sein Welterleben; jenes gezielte An- und Abziehen ist ihm nämlich häufig nicht möglich. GEDANKENLOOPINGS Die Dialektik von hilflosem Ausgeliefertsein und gleichzeitiger Hoffnung zieht sich als roter Faden durch den Text: Immer wieder stagniert das Schreiben in den Hochphasen der Depression. Es sind Wutausbrüche, intime, teils unvorteilhafte Details, die daran erinnern: Der Bewerbung um einen ‚Job als Mensch‘ hat Maack nie zugestimmt. Zuweilen scheint es, als nähme der Autor seine Leser mit auf die Gedankenloopings. Motivisch zieht sich dabei das ‚intuitive Häkeln‘ durch den Text: Einfach drauf losschreiben, aber ohne konkretes Ziel. > Häkeln war auch meine Eintrittskarte in die Welt, die außerhalb von meinem Kopf war. > > > Quelle: Benjamin Maack - Bewerbungen um einen Job als Mensch „Wenn ich nichts zu sagen hatte oder nichts sagen wollte oder nichts von dem, was in meinem Kopf tobte, sagbar war, konnte ich mich trotzdem in Runden setzen und einfach dabei sein.“ Ob man sich nun mit der etwas esoterisch klingenden Bezeichnung des ‚intuitiven Häkelns‘ anfreundet oder nicht: Fakt ist, dass diese Praxis jenseits von gesellschaftlichen Leistungsimperativen liegt und damit Räume eröffnet, in denen Gemeinsamsein nicht gleich Funktionieren-Müssen bedeutet. Und es sind diese kleinen Alltagsmomente, die sich bei aller Schwere als Ermutigung lesen, im Labyrinth der Krankheit solche Lichtblicke zu schätzen. EIN KOLLEKTIVER IMPERATIV GEGEN KAPITALISTISCHE LEISTUNGSIMPERATIVE In diesem Sinne bleibt das Tagebuch ein unvollendetes Häkelprojekt: Jedes Gefühl und jeder Gedanke sind wertvolle Puzzlestücke der „Bewerbung um einen Job als Mensch“. Und am Ende des ‚Bewerbungsprozesses‘ steht kein glatt gekämmter Kandidat, sondern ein unfertiges Ich: Eine Einladung, die Bewerbungsunterlagen ad acta zu legen und Mensch sein zu dürfen; wissentlich, dass die biographischen Unebenheiten und Lücken eines jeden einzelnen vor keinem Auswahlkomitee der Welt standhalten könnten.
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