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Blick in menschliche Abgründe: „Prager Verbrechen“ von Egon Erwin Kisch | Buchkritik

4 min · 30. juni 2026
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Description

Die Reportagen von Egon Erwin Kisch als Vorbild für heutige True-Crime-Podcasts zu lesen, ist aus mehreren Gründen ein gewagtes Unterfangen: Erstens hat es Kisch in seinen Texten mit der Wahrheit nicht allzu genau genommen – darauf weist auch Sabine Rückert im Vorwort ihres Bands hin. Für den „rasenden Reporter“ zählte die literarische Wahrheit: eine packende Geschichte, meist mit einer gut sitzenden Pointe. Und zweitens machen Kischs Kriminalreportagen nur einen Teil seiner Arbeit aus. PACKENDE REPORTAGEN ÜBER DAS JUSTIZSYSTEM DER DONAUMONACHIE Herausgeberin Sabine Rückert muss im Band „Prager Verbrechen“ die Kategorie Verbrechen also großzügig auslegen. Genau dadurch entfaltet der aber einen besonderen Reiz. Denn Kisch interessiert sich nicht nur für das Verbrechen an sich, er setzt sich auch mit dem Strafsystem der k.u.k.-Monarchie auseinander.  Und so befasst er sich mit den Haftbedingungen, der Biografie eines Henkers – und er besucht, ohne offizielle Erlaubnis, einen Friedhof für Sträflinge:  > Keine Inschrift ist auf den Gräbern, nicht einmal der Name des Beerdigten. Warum? Ist es Zartgefühl, dass man dem Namen des im Kerker Verstorbenen keine Schande mehr bereiten will? > > > Quelle: Egon Erwin Kisch – Prager Verbrechen „Ist es die Befürchtung, dass sich die Neugierde, Hass oder Blutrache noch gegen das Grab des Verbrechers kehren könnte? Oder aber soll jener, der als Nummer lebte und als Nummer starb, auch als Nummer beerdigt sein? Denn nur Ziffern, mit einer Schablone aufgezeichnet, sind auf den Kreuzen.“ Die menschlichen Abgründe, die Kisch beschreibt, sind zeitlos. Auch deshalb reichen die Kriminalfälle, von denen der Reporter berichtet, bis ins 17. Jahrhundert zurück. Und zu Höchstform läuft er dann auf, wenn Gewalt oder Machtmissbrauch nicht nur von einer Person begangen werden, sondern System haben.   DIE AFFÄRE REDL: EGON ERWIN KISCHS GROSSER COUP  Das zeigt sich im wohl bekanntesten Fall, mit dem sich der Kriminalreporter Egon Erwin Kisch befasst hat: die Affäre um den Offizier Alfred Redl, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs Geheimnisse an andere Staaten weitergegeben hat.  Kisch macht in seinem Porträt des Offiziers auch deutlich, wie der damalige Geheimdienstapparat von Intrigen durchsetzt war. Darüber hinaus beweist er sich als akribischer Rechercheur: „Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen für Geldsendungen aus Russland, Quittungen über gewechselte Rubel und vor allem fotografische Platten.“ > Er hatte in seiner Wohnung bei geschlossenen Fensterläden Dienstbücher reservanten Charakters, Mobilisierungsinstruktionen und ähnliche Elaborate abfotografiert […]. > > > Quelle: Egon Erwin Kisch – Prager Verbrechen GEKONNTER PERSPEKTIVWECHSEL – UND EIN VORLÄUFER VON TRUE-CRIME PODCASTS Auch wenn sich die journalistischen Standards inzwischen geändert haben, bleiben Egon Erwin Kischs Reportagen beeindruckende Zeitzeugnisse. Das gilt besonders für einen späten Text, in dem Kisch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Museum besucht.  Das haben die Nationalsozialisten in Prag errichtet, um Juden – nachdem sie sie ermordet und ihren Besitz gestohlen haben – weiter zu diffamieren. Kisch, selbst jüdischer Herkunft, beschäftigen bei seinem Besuch Erinnerungen an die eigene Kindheit und an Freunde. Er ist aber auch sichtlich um Distanz bemüht: „Den kriminellen Ursprung des Museums verrät vor allem die Tatsache, dass die Objekte in vielen, voneinander wenig unterschiedenen Exemplaren vorhanden sind. Eine solche Pluralität käme nicht vor, wäre die Sammlung nach und nach angelegt und nach Bedarf durch Kauf oder Tausch ergänzt worden und nicht durch Massenraub.“ Gerade dieser gekonnte Wechsel zwischen persönlicher Erzählung und dem Verweis auf Fakten lässt Kisch dann doch als Vorgänger heutiger Podcaster erscheinen, die ebenfalls dem Verbrechen auf der Spur sind.  Sabine Rückert gelingt es so, den Reporter Egon Erwin Kisch in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Ihr gewagtes Unterfangen ist für uns Leser ein Gewinn.

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„Radikal. Real.“ – Kunsthalle Mannheim zeigt Werke des Nouveau Réalisme

„Wie hältst du’s mit der Realität?“ – diese Frage haben sich Künstlerinnen und Künstler immer wieder gestellt und stets neu beantwortet. Um 1960 beschäftigten sich Kunstschaffende verschiedener Länder intensiv mit der Wirklichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg: mit dem Wiederaufschwung, dem Konsumwahn, den Großstädten und auch mit den Emanzipationsbestrebungen der Frauen. In Paris kam eine Künstlergruppe zusammen, die sich „Nouveaux Réalistes“, also „neue Realisten“ nannte – darunter berühmte Namen wie Christo, Yves Klein [https://www.swr.de/kultur/kunst/die-leere-in-der-kunst-matinee-swr-kultur-20260412-100.html], Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely [https://www.swr.de/kultur/kunst/jean-tinguely-wird-100-pionier-der-kinetischen-kunst-100.html]. Die Kunsthalle Mannheim widmet dieser Kunstströmung mit „Radikal. Real. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre“ nun eine große Ausstellung mit rund 150 Werken, darunter einige aus der hauseigenen Sammlung. KÜNSTLER*INNEN DES „NOUVEAU RÉALISME“ Von der Nachkriegszeit bis in die frühen 1970er-Jahren beschäftigten sich viele Künstler*innen in Europa, Lateinamerika und den USA mit dem Potenzial des gefundenen Objekts als künstlerischem Material. Durch die direkte Auseinandersetzung mit der Realität entwickelten sie neue, oft radikale Ausdrucksformen. Ihre Themen reichten von Fragen nach Körper und Identität bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit Industriegesellschaft und Umweltzerstörung. Sie holten die Realität ins Museum, indem sie Plakatwände von der Straße ins Museum schleppten, ganze Autowracks wie Tafelbilder an die Wand hängten und die Inhalte von Mülleimern in Plexiglas-Behältern ausstellten. WAS GILT ALS KUNSTWERK? Die Künstlerinnen und Künstler des „Nouveau Réalisme“ loteten damit neu aus, was als Kunstwerk gilt. „Wir sehen hier eine radikale Erweiterung des Kunstbegriffs“, erklärt die Kuratorin Luisa Heese. Es ginge dabei vor allem um die Entscheidung, etwas als Kunst zu bezeichnen, wie Marcel Duchamp es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts vormachte. „Die Frage der Autorschaft des Künstlers und der Künstlerin wurde neu befragt.“ Die neuen Realisten brachten die Kunst so in den öffentlichen Raum – wie der berühmte Verpackungskünstler Christo, der 1961 in Paris eine Straßenbarrikade aus Hunderten von Ölfässern stapelte. So entstand eine neue Form von Skulptur und Aktionskunst, sagt der Kunsthistoriker Stefano Agresti, auf politische Realitäten anspiele. In diesem Fall: „auf den Eisernen Vorhang oder die Berliner Mauer“. Ausgehend von herausragenden Werken aus der Sammlung der Kunsthalle Mannheim – mit Hauptwerken von Arman, César, Yves Klein, Mimmo Rotella, Daniel Spoerri, Niki de Saint Phalle und Jacques de la Villeglé – verfolgt die Ausstellung die künstlerischen Entwicklungen des Nouveau Réalisme. Daneben zeigt die Ausstellung auch Arbeiten von Künstler*innen wie Alina Szapocznikow [https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/friedrichshafen/ausstellung-alina-szapocznikow-im-kunstmuseum-ravensburg-102.html] und anderen, die zeitgleich an ähnlichen Fragestellungen gearbeitet und wesentlich zur Definition der neuen Sprachen beigetragen haben. Zur Ausstellung ist ein ausführlicher Katalog im Wienand Verlag erschienen.

2. juli 20263 min
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„Kennst du BTS? Eine Band aus Korea verändert die Welt“ – Neuer Podcast von ARD Kultur

Pünktlich zu den beiden Deutschlandkonzerten der K-Pop Band BTS tauchen Journalistin und Podcasterin Lisa-Sophie Scheurell und Content Creator Dongin Kim ein in das Universum eines der größten Pop-Phänomene unserer Zeit: Im neuen Podcast „Kennst du BTS? Eine Band aus Korea verändert die Welt“ erklären sie, was es mit den sieben jungen Männern auf sich hat. BTS ist eine südkoreanische Boygroup, die weltweit zu einem der einflussreichsten K-Pop-Acts wurde [https://www.tagesschau.de/kultur/bts-boyband-korea-k-pop-100.html]. Sie kombinieren Pop, Hip-Hop und R&B mit aufwendigen Choreografien und starken visuellen Konzepten und haben damit eine internationale Fanbasis („ARMY“) aufgebaut. NEUER PODCAST IN ARD SOUNDS In insgesamt sechs Podcast-Folgen zeichnen die beiden Hosts den Weg der Band nach: von ihren Anfängen im koreanischen Idol-System über ihre größten Erfolge bis hin zu ihrem Comeback nach dem Militärdienst, das mit einer Welttournee eingeläutet wird. Scheurell erklärt im Gespräch mit SWR Kultur, wie sie Fan der K-Pop-Band wurde, was die Boygroup anders macht und warum es in den Songs nicht nur um Unterhaltung geht, sondern auch um Gesellschaftskritik.

2. juli 20266 min
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Alles außer Krimis – „Neues deutsches Fernsehen“ beim Filmfest München

In der neue Near-Future-Miniserie „Wake Up“ des ZDF geht es um Bewusstseinsübertragung und die Hoffnung einer jungen Frau, ihre Schwester aus dem Koma zurückzuholen. Die Serie wurde in München mit dem Bernd Burgemeister Fernsehpreis ausgezeichnet [https://presseportal.zdf.de/pressemitteilung/zdf-serie-wake-up-gewinnt-bernd-burgemeister-fernsehpreis]. Die Geschichte ist zugleich ein berührendes Vermächtnis: Die Schauspielerin Luna Jordan ist dieses Jahr im Alter von nur 25 Jahren gestorben. Einen Sendetermin für „Wake Up“ gibt es noch nicht. Ende August wird „Selling Sex“ in der ARD [https://www.filmfest-muenchen.de/de/programm/filme/film/?id=8520&f=122] gezeigt. Hier geht es um eine Escortdame, die nach Spaß, Geld und vor allem nach Unabhängigkeit strebt. Die Serie versucht, Sexarbeit jenseits von Opfernarrativen zu erzählen. Im ZDF-Spielfilm Film „Neues Land“ [https://www.youtube.com/watch?v=m3vD5BGlNl8] wird wiederum eine starke, ostdeutsche Story erzählt: über Zukunftsängste und notwendige Veränderungen – und zwar ohne vordergründige politische Botschaft.

2. juli 20263 min
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Gewalttat von Stade: Kein Femizid – aber patriarchale Gewalt

Nicht erst seit Stade wissen wir: Frauen sind nirgendwo sicher. Es gibt für uns keinen „safe space“. Aber Stade hat noch einmal deutlich gemacht: Nicht einmal eine Mutter-Kind-Einrichtung, die sich explizit als Schutzraum versteht, kann vollkommene Sicherheit bieten. Sogar ihr Umfeld, das die Frauen und ihre Kinder im staatlichen Auftrag beschützen soll, ist vor männlicher Gewalt nicht gefeit.  Bei dieser trostlosen Diagnose sollte man aber nicht stehenbleiben und kapitulieren. Der alternative Begriff „safer space“ sagt es schon: Frauen und ihr direktes Umfeld haben einen „sichereren Ort“ verdient. Sie haben es verdient, dass sie möglichst gut beschützt werden. Dazu gehört, dass die Behörden Warnungen ernst nehmen. Der Täter von Stade war schon mit Bedrohungen aufgefallen. Als gewalttätig eingestuft hatte ihn die Polizei trotzdem nicht. Sonst hätten auch Polizeibeamte beim Treffen anwesend sein können. PATRIARCHALE GEWALT BENENNEN Dazu gehört auch, dass die Politik die patriarchale Gewalt, die mehrheitlich von Männern gegen Frauen angewendet wird, benennt. Nicht als „singulären“ Fall, wie es Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens von der SPD gerade getan hat. Der Bundeskanzler wiederum könnte seine vorgebrachte „schwere Erschütterung“ auch bei den Hunderten von Femiziden im Jahr empfinden, und dann ins Handeln kommen. Die soziale Arbeit ist überall chronisch unterfinanziert. Frauenhäuser müssen Schutzsuchende aus Platzmangel abweisen. Aber lässt sich die Gewalttat von Stade als „Femizid“ oder „Erweiterten Femizid“ einordnen, wie es gerade auf Social Media passiert? Schließlich hat der Täter nicht seine Partnerin getötet, sondern die Mitarbeitenden des Jugendamtes, vier Frauen und zwei Männer. Streng genommen geht der Begriff also vorbei. Von Femiziden sollten wir trennscharf sprechen, um die Bedeutung nicht aufzuweichen.  Außerdem gibt es ja schon ein Wort: den englischen Fachbegriff „Coercive Control“. Der beschreibt eine bestimmte Partnergewalt. Täter tun in ihrem Besitzdenken und Kontrollwahn alles, um über das Leben „ihrer“ Frauen zu bestimmen. Auch vor dem Umfeld, das ihnen vermeintlich im Weg steht, machen sie nicht Halt. Leider gibt es in den Jugendämtern und Familiengerichten noch wenige Menschen, die sich mit dieser Form der Gewalt auskennen. Wir brauchen einen Systemwandel, und der fängt im Kopf an.

2. juli 20262 min