SWR Kultur lesenswert - Literatur
EIN KAUFHAUS ALS ROMAN-SCHAUPLATZ „Dass ich über ein Kaufhaus schreiben wollte, das wusste ich schon sehr lange. Für mich steckt da wahnsinnig viel Verheißung drin, ein unfassbarer Aufwand für diese Verheißung und auch die ganze Leere des Konsums. Das ist etwas, das ich immer spannend fand und wo ich dachte, da möchte ich Figuren haben, da möchte ich was erzählen," verrät Yael Inokai. In ihrem neuen Buch „Die Auster“ führt sie ihre Leser nun an einen mondänen Ort par excellence: das Nobelkaufhaus. Darin ist die Schweizerin geübt: Sie gehört zu den ortskundigsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ihre Romane leben von Schauplätzen, die weit mehr sind als bloße Kulisse: Sie erzeugen eigene soziale Regeln, Wahrnehmungen und Zeitlichkeiten und werden so zu literarischen Mikrokosmen. In „Ein simpler Eingriff“ von 2022 sorgten eine Klinik und das zugehörige Schwesternwohnheim für die sanft-beklemmende Grundstimmung des Romans. Das Kaufhaus in „Die Auster“ – das unverkennbar an das Berliner KaDeWe erinnert, hat seine besten Tage hinter sich: Auch wenn man in der Feinkostabteilung unterm Dach noch Austern schlürfen kann, ist der Glanz des Exquisiten längst dem schnöden Konsum gewichen. IM HERZ DES WOHLSTANDS Doch damit nicht genug: eines Morgens im Winter wird der Leiter des Kaufhauses, Dr. Joachim Bronstedt, ermordet in seiner Villa in Berlin-Grunewald aufgefunden. Die erste am Tatort: seine 73-Jährige Putzfrau Leonora Bloch. „Er lag am wärmsten Ort des Hauses. Leonora hatte sich selbst einmal auf diesen Boden gelegt, in einem selbstvergessenen Moment vor vielen Jahren. Seither war das für sie untrennbar mit Reichtum verknüpft: nach einem Arbeitstag an der Tür die Schuhe ausziehen und barfuß durch das Haus spazieren.“ > Verlustängste haben, einen Mantel aus Kaschmir besitzen, von einer Fußbodenheizung getröstet werden. > > > Quelle: Yael Inokai - Die Auster Leonora kennt den Westberliner Wohlstand aus jahrzehntelanger Anschauung. Nicht nur reinigte sie rund 40 Jahre lang Bronstedts Villa, sie kann auch auf eine lange „Karriere“ als Aushilfe im Kaufhaus zurückblicken. Obwohl Leonora ihr Leben lang gearbeitet hat, hat sie nie viel besessen – und bereits vor Jahrzehnten das Wichtigste verloren: ihren Sohn Sebastian. Seither macht sie um Gespräche einen Bogen und führt ein Leben am Rand der Gesellschaft: nicht glücklich, aber immerhin selbstbestimmt. SEHEN, OHNE GESEHEN ZU WERDEN > Im Großen und Ganzen war sie unsichtbar, konnte durch die Welt gehen, als gäbe es sie nicht. > > > Quelle: Yael Inokai - Die Auster „Nur manchmal hob sich das auf. Dann war es wie ein Scheinwerfer, der auf sie fiel. Die Leute kamen drauf, dass sie als Putzfrau arbeitete, sie dachten an ihre Omas und Mütter, an ihre eigene Rente, an das Elend des Älterwerdens, und die Augen füllten sich mit Mitleid.“ Wer so unsichtbar ist wie Leonora Bloch, bekommt viel mit. Klar, dass sie, die den Toten fand, in Verdacht gerät. Zumal sie vor dem Eintreffen der Polizei noch pflichtbewusst alle Blutspuren bereinigt hat. Mit großem Vergnügen verfolgt man, wie Inokai aus der Gemengelage von Polizei, Presse und neugierigem Großstadtpublikum eine kollektive Erregung entstehen lässt. Und wie diese Aufregung in Leonora Bloch einen unerbittlichen Wellenbrecher findet, an dem alle aufdringlichen Fragen abprallen. In Begleitung dieser renitenten Antiheldin kommen weder die Leser noch die Polizei der Lösung des Falles näher. Doch genau diese Langsamkeit wird zum eigentlichen Kunstgriff des Romans. Denn so souverän Inokai diese Klaviatur auch bespielt, ihr Text ist weit mehr als nur ein Krimi. POETIK DES ALTERS „Die Auster“ ist ein beeindruckender Roman über Müdigkeit und über das Altern in einer rastlosen Gegenwart. Am beeindruckendsten aber ist, wie Inokai die Mühsal des Alters in eine literarische Qualität verwandelt. Denn unter der Langsamkeit der Leonora Bloch dehnt sich der Raum um sie und tritt wie in Zeitlupe geschärft hervor: Das Kaufhaus, das mit seinen tausend Gerüchen, den Menschenmassen und dem Lärm im Grunde genommen eine einzige große Zumutung ist. Und Berlin, diese große Stadt, deren Hektik sich in Leonoras Müdigkeit bricht und für deren winterliche Trostlosigkeit der Roman die richtigen Worte findet. „Ein einsamer Fahrradfahrer trat gegen den Wind an. Nicht einmal die Stadt selbst sah an dieser Ecke aus, als wäre sie gern hier. Viel lieber hätte sie Gehsteige, Gebäude, ihre Straßenlampen und Bushaltestellen eingepackt, um über die Bahngleise an einen netteren Ort abzuhauen.“ > ‚Bringt nichts‘, brummte Leonora. Sie hatte immer geglaubt, anderswo könne ein Winter unmöglich so traurig sein wie hier. Aber er reiste allen hinterher, die schon zu lange in dieser Stadt lebten. > > > Quelle: Yael Inokai - Die Auster Yael Inokai ist ein Roman gelungen, der vieles zugleich ist: spannend, komisch, traurig und klug – und bei alledem zutiefst berlinerisch. Vor allem aber ist er, wie schon ihre früheren Bücher, eine gute Schule für unsere Aufmerksamkeit.
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