SWR Kultur lesenswert - Literatur
EINE AUF MÄNNER ZUGESCHNITTENE GESELLSCHAFT Die Frauen haben meist nicht viel zu lachen in den Geschichten von Banu Mushtaq. So divers sie auch sind, jung, alt, verwitwet, reich, bettelarm, gebildet oder schon mit elf Jahren verheiratet worden: Sie eint, dass sie allein als Frau nichts oder nicht viel wert sind in der von Männern beherrschten und auf Männer zugeschnittenen Gesellschaft, in der sie leben: „Ich hatte mich in eine beflissene Dienerin verwandelt. Es war der einzige Weg zu überleben. Ich hatte der Welt nichts zu geben, die Welt schenkte mir auch nichts. Ich wusste nichts von sozialen Beziehungen, ich hatte keinen Namen, keine Persönlichkeit. Ich war nur seine Frau (...)." „GOTT, SEI EIN EINZIGES MAL EINE FRAU!" Und doch: Banu Mushtaqs Frauenfiguren eint eben auch, dass sie nie nur Opfer bleiben. Sie alle finden eine Art des Widerstands - und sei er noch so klein und unsichtbar für andere. „Gott, sei ein einziges Mal eine Frau!", ruft die Ich-Erzählerin am Ende der gleichnamigen Story innerlich aus, nachdem sie von ihrem Ehemann wie ein zerschlissenes Kleidungsstück aussortiert und durch eine neue, jüngere und unbeschädigte Version ersetzt wurde, mittellos landet sie mit zwei kleinen Kindern auf der Straße. Rückblickend reflektiert sie ihr Leben und geht mit Gott - und der Gesellschaft - schwer ins Gericht: „Die Gesellschaft hatte abgesegnet, was er tat. Und bei all dem haben sie deine Unterstützung! Er tut das alles in deinem Namen!" Immer wieder kippt diese Anklage in bitter-bösen Sarkasmus, um am Ende resigniert und fast nachsichtig zu fordern: „Wenn du die Welt noch einmal erschaffst, Gott, und dabei auch die Männer und Frauen neu zusammenbaust, dann sei bitte nicht noch einmal ein unerfahrener Töpfer. Komm ... komm ein einziges Mal als Frau auf die Erde, Herr". WICHTIGE STIMME EINER PROTESTLITERATUR Witz und Widerstand, Tragik und Trauer liegen in den zwölf in diesem Band versammelten Kurzgeschichten immer nah beieinander. Entstanden sind sie in den letzten knapp 30 Jahren. Es sind Geschichten, die sich im Spannungsfeld zwischen Religion und Moral, Patriarchat und Frauenrechten, Familie und Gesellschaft bewegen, angesiedelt im südwestindischen Bundesstaat Karnataka, aus dem Banu Mushtaq kommt. Die Rechtsanwältin und Journalistin schreibt auf Kannada, einer der ältesten klassischen Sprachen Indiens. Sie gehört laut ihrer Übersetzerin Katrin Binder zu den wichtigsten Autorinnen einer Protestliteratur auf Kannada, die seit den 70er Jahren Menschen am Rand der Gesellschaft eine Stimme gibt im Kampf um mehr soziale Gerechtigkeit. Dieses Anliegen scheint in jeder der hier versammelten Stories auf, ohne agitatorisch zu sein und so etwa ihre literarische Kraft zu drosseln. ZWISCHEN ERSCHÜTTERUNG UND SATIRE „Wenn Sommerferien sind, hört man von allen Müttern endlose Beschwerden - schließlich sind die Kinder immer zu Hause." Meist unvermittelt wird man in die Leben verschiedenster Frauen und Männer in muslimischen Gemeinden geworfen. Wie in einem Wimmelbild springt man von einer Szenerie zur nächsten, hin und her zwischen den Familien und ihren Fehden, den Festen, den Ritualen, dem Tratsch unter Nachbarn, korrupten Machenschaften, Erbschaftsstreitereien, Klassenunterschieden und Ehealltag. Manche Geschichten sind erschütternd und machen wütend, so wie die von Mehrun, die sich lieber selbst verbrennen will als noch länger bei ihrem Mann zu bleiben. Andere nehmen fast satirische oder fantastische Züge an. So etwa in der Geschichte „High Heels", in der ein Paar Stöckelschuhe zur Obsession eines Mannes und zum Sinnbild für die Sprengung patriarchaler Ketten wird. Von ihrem Mann in absurd hohe, schmale Stöckelschuhe gezwängt, die in Saudi-Arabien gerade der letzte Schrei sind, findet die schwangere Arifa, mit ihren breiten, von der Hausarbeit aufgesprungenen Füßen, doch noch einen festen Stand: „Sie drückte auf die Schuhe, bis sie schweißgebadet war. Gerade, als sie glaubte, dass ihr Baby dem Gewicht zum Opfer fallen würde, explodierten die hochhackigen Schuhe wie durch eine göttliche Kraft in abertausend Stücke. Sie leuchteten auf wie ein Meteor, ihre Asche fiel irgendwohin, und dann waren sie vollkommen ausgelöscht. Und Arifa stand stabil und auf festem Boden - wie die Erde selbst!" GEWÖHNUNGSBEDÜRFTIG, ABER KRAFTVOLL Ton und Perspektiven wechseln in den Erzählungen oft plötzlich und unvermittelt, so wie auch der Schwerpunkt einer Geschichte sich öfter mal neu verschiebt. Das ist gewöhnungsbedürftig, genauso wie die vielen Titel und Bezeichnungen, etwa für religiöse oder familiäre Stellungen oder traditionelle Kleidungsstücke, die in der Originalsprache im Text stehen gelassen wurden. Je mehr man liest, desto mehr werden sie einem aber geläufig, und wer es genau wissen will, kann die Bedeutung im Nachwort der Übersetzerin nachlesen. Banu Mushtaq entfaltet in ihren Erzählungen ein vielfältiges Panorama des Patriarchats in ihrer Heimat Südindien. Sie weist aber deutlich darüber hinaus. Denn Frauenrechte stehen bekanntlich nicht nur dort auf dem Spiel. Darauf dürfte auch der für die deutsche Übersetzung gewählte Titel anspielen, der ein Zitat aus einer Geschichte ist: „Meistens bleibt ja die Frau zu Hause". Ein Satz, der in streng islamischen Kreisen bitterste Realität ist und ein reales Gefängnis für Frauen bedeuten kann, und ein Satz, der in westlichen Gesellschaften wie der unseren als Witz daher gesagt wird, und doch in Zeiten des allgemeinen Backlashs auch hier wieder eine bittere Note bekommt.
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