Eine aberwitzige Identitätssuche: Der neue Roman „Popóm“ von Johanna Sebauer
EINE LITERARISCHE VERSUCHSANORDNUNG
Ein junger Mann namens Hendrik Popom ist unzufrieden. Die Arbeit in einer „Kreativagentur“ macht dem Endzwanziger keine Freude mehr, und mit Freundin Anja läuft es auch nicht rund. Dann geschieht das Unfassbare: Der Ich-Erzähler meint einen Menschen zu treffen, der er selbst sei, nur ein paar Jahre älter.
> Vor mir saß, ja es konnte anders nicht sein, ein auf gewisse Weise fortgeschrittenes, an den Lebensjahren gereiftes Ich.
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> Quelle: Johanna Sebauer – Popóm
Der literarischen Versuchsanordnung, die Johanna Sebauer [https://www.swr.de/kultur/literatur/johanna-sebauer-das-gurkerl-102.html] in einer gelungenen Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit entwirft, liegt eine offensichtlich unrealistische Prämisse zugrunde.
Was den Erzähler, der im Abstand von ein paar Jahren auf das Geschehen zurückblickt, erstaunlicherweise nicht unglaubwürdig erscheinen lässt. Sein Selbstbewusstsein zieht er offenbar aus seinem Vermögen, mögliche Kritik an sich und seiner Geschichte vornewegzunehmen.
EIN ÜBERFORDERTER HELD
> Es ist so: Man muss mir glauben. Das ist die Voraussetzung für alles, was jetzt kommt, denn Erklärungen werde ich keine bringen können, auch keine Theorien und Beweise schon gar nicht.
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> Quelle: Johanna Sebauer – Popóm
„Man muss mir glauben, und das, obwohl ich zur damaligen Zeit – aus ein paar Jahren Entfernung, mit denen ich diese Geschichte nun erzähle, kann ich das sagen – ein unerträglich patscherter, grünschnäbliger Kerl war, der insgesamt wohl einen eher wenig glaubhaften Eindruck machte“, sagt der Ich-Erzähler.
Hendrik entwickelt eine äußerst merkwürdige Beziehung zu dem zwar nicht optischen, aber eben wesensmäßigen Doppelgänger, der ständig Dosenpfirsiche kauft und in einem Pfeifenladen arbeitet.
„Can I exist in another person?“ befragt der überforderte Held das Internet, aber die Antworten der Künstlichen Intelligenz machen ihn auch nicht schlauer.
Das hält Hendrik aber nicht davon ab, ein romantisches Abendessen mit der Freundin kurzerhand zu beenden, um sich mit dem geheimnisvollen Fremden bzw. dem angejahrten Ich zu unterhalten.
UNTERHALTSAME ESKALATION MIT PHILOSOPHISCHEM TIEFGANG
> Wer diese Geschichte hört, wird sich fragen, wie es so etwas überhaupt geben kann. Wie ich ihn, wie ich mich überhaupt hatte erkennen können, wie ich denn so sicher hatte sein können, wo er doch, äußerlich zumindest, ein anderer war.
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> Quelle: Johanna Sebauer – Popóm
Man könnte meinen, der Roman erschöpfe sich auf der langen Strecke. Aber Johanna Sebauer ist eine Erzählerin, die im entscheidenden Moment nicht nur Nebenstränge zu entwickeln weiß, sie versteht ohnehin sehr viel von einer unterhaltsamen Eskalationsdramaturgie, die an die Theaterstücke von Yasmina Reza [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-05-07-102.html] erinnert.
Die Autorin schreibt aberwitzige Dialoge und hat ein gutes Gespür für kuriose Details: So trägt der Doppelgänger zwar den gleichen Nachnamen wie der Erzähler, nur mit einem klitzekleinen Unterschied.
„Ich: Du hast mir nie erzählt, warum du einen Akzent im Namen hast.
Er: Popom kam mir irgendwann zu nackt vor. Also habe ich ihm etwas angezogen.
Ich: Aber warum nicht Pópom? Popóm klingt wie ein Paukenschlag. Da spielst du den Leuten in die Hände, die sich immer schon über den Klang lustig gemacht haben.
Er: Manchmal muss man vielleicht einfach der Paukenschlag sein, der man ist.“
GROTESKE SINNSUCHE EINES JUNGEN MANNES IN DER QUARTERLIFE-CRISIS
Natürlich fragt man sich während der Lektüre, ob Popóm und Popom ein und dieselbe Person sind, doch es bleibt vieles in der Schwebe. Die Beziehung der beiden verändert sich auch ständig. Mal wirken sie wie beste Freunde, dann wie Konkurrenten.
Die Ähnlichkeit führt jedenfalls nicht zum großen Glück. Dass der Ältere einiges über die Zukunft des Jüngeren zu wissen scheint, macht die Lage nicht einfacher.
Die Unklarheiten und Ungewissheiten führen in die hermeneutischen Tiefen dieser Prosa: Auf dem Cover des Romans ist eine geschwungen Pfeife zu sehen, die dem legendären Rauchwerkzeug auf dem Gemälde von Surrealist René Magritte ähnelt, auf dem der berühmte Satz zu lesen: „Ceci n´est pas une pipe.”
HUMORISTISCHES MEISTERSTÜCK
Der literarische Witz des Romans besteht nun darin, dass Johanna Sebauer dieses vielfach analysierte Paradox literarisch nachformt. Popom ist also nicht Popóm – oder vielleicht doch? Ist alles nur ein Fiebertraum?
So lässt sich das Buch auch als Parodie jener beliebten Texte lesen, die in der Rubrik „Autofiktion“ firmieren.
Identität, mag sie noch so „authentisch“ daherkommen, erscheint bei Sebauer als literarische Konstruktion und eben nicht als Angebot für biographische oder gar politische Sinnstiftung. Die wahre Superkraft der Literatur, das zeigt Sebauer in Popóm, liegt in der Erfindung.
Wobei das Unwahrscheinliche in diesem Fall auf realistische Weise erzählt wird. Das Schöne an diesem Roman ist: Man muss sich mit solchen metatheoretischen Gedanken nicht herumplagen, der Text überzeugt auch als leicht groteske Sinnsuche eines Mannes in der Quarterlife-Crisis.
Sebauer bestätigt mit diesem Buch ihre literarische Spezialbegabung: Sie hat mit dem zweiten Roman abermals ein humoristisches Meisterstück mit literaturphilosophischem Tiefgang geschrieben.
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