SWR Kultur lesenswert - Literatur

Tradwives und Frauenhass: Wie gut ist „Yesteryear“?

5 min · 29. maj 2026
episode Tradwives und Frauenhass: Wie gut ist „Yesteryear“? cover

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DAS PERFEKTE LEBEN AUF SOCIAL MEDIA Natalie Heller Mills führt auf ihrer Ranch „Yesteryear“ das perfekte Leben – zumindest nach außen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Caleb und ihren fünf Kindern verkauft sie auf Social Media das Bild der idealen Tradwife [https://www.swr.de/kultur/gesellschaft/tradwives-haushalt-klischee-soziale-medien-100.html]. Niemand soll wissen, dass hinter der perfekten Fassade eine Produzentin, sowie Nannys und Farmarbeiter stehen. Doch eines Tages wacht Natalie plötzlich in einer Vergangenheit auf, in der all das nicht existiert. Statt eines inszenierten Familienlebens erwartet sie nun harte Farmarbeit im Jahr 1855 - gemeinsam mit Kindern, die angeblich ihre eigenen sind, und einem Mann, den sie geheiratet haben soll. Wie Natalie dort gelandet ist, bleibt zunächst unklar. > Das ist mein Zuhause. Das ist nicht mein Zuhause. Ich sehe meine Küche, die gleichzeitig nicht meine Küche ist. > > > Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear DIE VERGANGENHEIT ERZÄHLT DIE BESSERE GESCHICHTE Der eigentliche Reiz von „Yesteryear“ liegt jedoch nicht im Zeitsprung selbst, sondern in Natalies Innenleben. Kapitelweise springt der Roman zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her und zeigt, wie Natalie seit ihrer Collegezeit immer tiefer in ein konservatives Rollenbild hineinrutscht. Dabei wird schnell klar: Hinter der perfekten Fassade steckt weniger das Ideal der gehorsamen Hausfrau als der Wunsch nach Kontrolle. Natalie möchte nicht nur das Bild der idealen Christin und Mutter aufrechterhalten, sondern vor allem die Kontrolle über ihr eigenes Leben behalten. Besonders ihre eigene Mutter prägt dieses Denken früh. Natalie soll sich vorstellen, ständig beobachtet zu werden. Diese Haltung erklärt ihre paranoide Art und ihre Angst davor, als Frau zu versagen. EIN TROTTEL ALS EHEMANN Auch ihre Ehe mit Caleb hat wenig mit dem traditionellen Ideal zu tun, das Natalie ihren Fans im Netz verkauft. Obwohl sie sich als gehorsame Hausfrau inszeniert, gibt sie in der Ehe den Ton an. Sie redet Caleb seinen Wunsch aus, Kindergärtner zu werden, weil der Beruf nicht „männlich“ genug sei, und begegnet ihm immer wieder mit offener Verachtung. > In diesem Moment verstand ich, dass mein Ehemann wirklich und wahrhaftig ein Trottel war. > > > Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear Und: > In jeder Ehe kommt irgendwann der Tag, an dem man als Frau feststellt, dass man einen Freak geheiratet hat. > > > Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear KEINE BILDERBUCHCHRISTIN Natalie wirkt oft wie eine Frau, die sich in ein Leben hineingezwungen hat, das sie eigentlich gar nicht führen möchte. Genau darin liegt die größte Stärke des Romans: „Yesteryear“ entlarvt das perfekt inszenierte Tradwife-Leben als fragile Selbsttäuschung. Caro Claire Burke zeichnet dabei bewusst eine ambivalente Hauptfigur. Natalie ist keine perfekte Christin und blüht nicht in ihrer Mutterrolle auf. Sie ist zynisch, passiv-aggressiv und urteilt ständig über andere Frauen. Schon während ihrer Collegezeit fragt sie sich: > Warum hassen moderne Frauen Männer so sehr? Warum hassen moderne Frauen Kinder so sehr? Warum hassen moderne Frauen sich selbst so sehr? > > > Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear Besonders die sogenannten „wütenden Weiber“, Frauen, die ihren Content kritisieren, nimmt Natalie immer wieder ins Visier. FRAUEN KÖNNEN NICHT GEWINNEN Trotzdem bleibt der Roman nicht bei einer simplen Kritik konservativer Rollenbilder stehen. Denn auch die Gegenseite wirkt nicht glücklicher. Frauen wie Natalies frühere Kommilitonin Reena kämpfen mit Überarbeitung, emotionaler Erschöpfung und fehlender Anerkennung. Egal ob „Karrierefrau“ oder „Tradwife“: Keine der Frauen scheint wirklich zufrieden zu sein. Natalie bringt diese Erkenntnis selbst auf den Punkt: > Amerika hasst Frauen. Wie tröstlich, sich diese Tatsache ins Gedächtnis zu rufen. > > > Quelle: Caro Claire Burke - Yesteryear Mit diesem Satz offenbart sich der eigentliche Kern des Romans. „Yesteryear“ erzählt weniger von Nostalgie als von gesellschaftlichem Druck und unerfüllbaren Erwartungen an Frauen und Mütter. GESELLSCHAFTSKRITIK HINTER DER SATIRE Nebenbei streift das Buch weitere aktuelle Themen wie Missbrauch, konservative Politik und die sogenannte „Manosphere“. Diese Aspekte bleiben eher im Hintergrund, verleihen dem Roman aber zusätzliche gesellschaftliche Schärfe. Caro Claire Burke schreibt bildhaft und nah an Natalies Gedankenwelt. Die zynische, oft ironische Erzählstimme macht den Roman zudem unterhaltsam. Trotz der überspitzten Protagonistin bleibt der Roman sprachlich glaubwürdig und lässt zwischen den Zeilen viel Raum für eigene Interpretationen und Widersprüche. STARKES DEBÜT UND KOMMENDE VERFILMUNG „Yesteryear“ ist kein angenehmes Buch. Viele Passagen provozieren bewusst, manche Aussagen der Protagonistin sind schwer erträglich. Trotzdem entwickelt der Roman eine unangenehme Sogwirkung. Mit Natalie Heller Mills hat Caro Claire Burke eine Hauptfigur geschaffen, die gleichzeitig bemitleidenswert und abstoßend ist. Dass sich die Schauspielerin Anne Hathaway bereits vor Veröffentlichung des Buches die Filmrechte gesichert hat, überrascht deshalb kaum. Die Mischung aus Satire, psychologischem Drama und Gesellschaftskritik bietet genügend Stoff für eine ebenso verstörende wie faszinierende Verfilmung.

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Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer hat Intellektuelle, Aktivistinnen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist. Manches hat die Realität bereits überholt: Der Krieg gegen den Iran taucht nicht auf. Die Morde durch ICE-Beamte in Minneapolis [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-texte-ueber-minneapolis-100.html] konnte er noch gerade im Vorwort unterbringen. Aber Brinkbäumer liefert kenntnisreiche Analysen, die zum Verständnis der aktuellen Situation beitragen.   „Dieser neue Faschismus ist nicht nur politisch. Er ist technologisch. Trump ist ein Kind des Internets, ein Meister der Algorithmik. Die Sozialen Medien sind sein Medium, nicht trotz, sondern wegen ihrer Verflachung“, beobachtet Brinkbäumer. > In der Welt der Sozialen Medien zählt nicht die Argumentation, sondern der Affekt; und auch nicht Tiefe, sondern Geschwindigkeit. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum FÜHRERKULT 2.0 MIT DER LÜGE ALS WAFFE. Das Neue an diesem Faschismus, so Brinkbäumer, liege in den sozialen Medien, in der digitalen Infrastruktur der Propaganda. Doch diese Einschätzung lädt zum Widerspruch ein: Die Nazis nutzten seinerzeit das Radio, das für damalige Verhältnisse – gedrucktes Papier und Kundgebungen – ebenfalls eine neue Qualität darstellte. Die Technologie wechselt, aber die Mechanismen der Massensuggestion, die Lüge als Waffe, der Führerkult bleiben erschreckend konstant.  > MAGA: ‚Make America Great Again‘ ist eine Bewegung, die eher wenig denkt, sondern vor allem fühlt. Es gibt eine neue Sprache, die kaum mehr beschreibt, sondern befiehlt und gehorcht, attackiert und lügt, triumphiert und leidet.” > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum NOSTALGISCHES ERINNERN Brinkbäumer begreift den Liberalismus per se als Gegenspieler des Faschismus. Viele seiner Gesprächspartner, die fast alle der arrivierten Mittelschicht angehören, sehnen sich nach den alten USA der Vor-Trump-Ära zurück. Das ist verständlich, aber wenig zielführend: Denn Jahrzehnte einer neoliberalen Politik haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert und so die Grundlage für Trumps Aufstieg geschaffen.  > In der MAGA -Welt jedenfalls geht es nicht um tatsächliche Arbeit und Leistung, sondern um das nostalgische Erinnern an weiße Dominanz. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum HERRSCHAFT UND PALANTIR-ÜBERWACHUNG  Kulturkampf eben. Brinkbäumer lässt sich, wie viele andere Trump-Gegner, auf dieses Terrain drängen. Er trägt außerdem Detailwissen zusammen, das nicht landläufig bekannt ist, etwa im Kapitel über Trumps Entourage: Elon Musk mit seiner Promiskuität, seinem Drogenkonsum, seinem rücksichtslosen Umgang mit Menschen, seinem Hang zur Selbstinszenierung, den er mit Trump teilt. Und im Hintergrund: Peter Thiel, Erfinder von Palantir, Mentor des Vizepräsidenten JD Vance und des Multimilliardärs Elon Musk. Thiel mag ein lausiger Redner sein, aber er ist ein effektiver Strippenzieher. Sein Motto: Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar. Stark sind auch die Kapitel zu den Methoden der Demontage demokratischer Institutionen. Hier warnt Brinkbäumer ausdrücklich vor der Überwachungstechnologie des Palantir-Konzerns, die in den USA großflächig zum Einsatz kommt. GROSSE RATLOSIGKEIT  „Das Zusammenspiel der Demokratien ist zwingend notwendig und alternativlos. Die EU und die NATO, all die genannten internationalen Organisationen sollten, nein: Müssen in neuer Entschlossenheit sagen: So, wie wir bisher agiert haben, ist es nicht gut genug, so verlieren wir. Wir brauchen eine neue, radikale Konstruktivität.“ Brinkbäumers Vision einer Alternative bleibt dünn. Auch viele US-Intellektuelle, die er getroffen hat, wirken ziemlich ratlos, wenn es um den Weg aus der Misere geht – und hoffen auf Europa. Sich dem Faschismus zu ergeben, ist für Brinkbäumer jedenfalls keine Option. Sein Buch ist ein diskussionswürdiger Aufruf gegen die Gleichgültigkeit, die er zu Recht als größte Gefahr für die Demokratie betrachtet.

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Entdeckung im Exilarchiv: Iwan Heilbuts „Zugvögel“

Der Schriftsteller Iwan Heilbut wurde 1898 in Hamburg geboren und entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie. Er arbeitete als Journalist, schrieb aber auch Romane, bevor er 1933, unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, nach Paris emigrierte. FLUCHT ÜBER DIE PYRENÄEN Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heilbut auch im französischen Exil als feindlicher Ausländer interniert. 1941 gelang ihm und seiner Frau über Spanien und Portugal die Flucht in die USA. Heilbuts Roman „Zugvögel“ erschien 1943 in englischer Übersetzung unter dem Titel „Birds of Passage“ und erhielt durchaus gute Kritiken. ENTDECKUNG IM DEUTSCHEN EXILARCHIV Heilbut, der 1950 nach Deutschland zurückkehrte und 1972 in Bonn starb, ist heute mittlerweile kaum noch bekannt. Nun hat Peter Graf, der mit seinem eigenen Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ immer wieder Entdeckungen ans Tageslicht bringt, Iwan Heilbuts knapp 700 Seiten starken „Zugvögel“-Roman im Claassen Verlag erstmals im deutschsprachigen Original herausgegeben. Das Skript befand sich im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main. FLUCHT UND HOFFNUNG Die stark autobiografisch grundierte Geschichte erzählt von Heimatlosigkeit und Exil, von Flucht, Angst und Hoffnung. Ein Buch, das sich auch wegen seiner großen literarischen und erzählerischen Kraft zu lesen lohnt, wie Herausgeber Peter Graf im Gespräch betont.

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Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet"

ZWISCHEN CORONA UND KRIEG Spätestens seit ihrer Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ gehört Angelika Klüssendorf zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Ihr neuer Roman „Trost“ spielt zwischen Dezember 2021 und Dezember 2022 – die Zeit der Corona-Pandemie also, aber auch jene Zeit, in der der Überfall Russlands auf die Ukraine stattfand. DEUTSCHLAND IN DER PANDEMIE Angelika Klüssendorf entwirft ein Wimmelbild von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung: Eine ostdeutsch sozialisierte Schriftstellerin und ihr Lebensgefährte, ein westdeutscher Rentner. Dessen siebzehnjährige Tochter, die kurz vor dem Abitur steht und mit den neuen Herausforderungen umzugehen hat, unter anderem mit der Entfremdung von ihrer besten Freundin. Und deren Mutter, die mittlerweile ein Leben ausschließlich in Netflix-Serien führt. SEHNSUCHT NACH NÄHE „Besonders mühsam und bitter war diese Zeit für junge Menschen“, sagt Angelika Klüssendorf. Eine Sehnsucht nach Nähe prägt jedoch alle Figuren in „Trost“; eine Sehnsucht, die auch mit familiären Erfahrungen in früheren Zeiten zu tun hat.

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Spielarten der Liebe: Lily Kings „Herz König“

Mit dem Roman „Euphoria“ landete Lily King im Jahr 2014 einen internationalen Bestseller. Das war ein Buch über die berühmte Ethnologin und Sozialforscherin Margret Mead. Gefeiert wurde Lily King auch für „Writers and Lovers“, einen autobiografischen Roman, in dem sie die Geschichte ihrer Schriftstellerwerdung erzählt. Campus-Dreiecksgeschichte Lily Kings neuer Roman „Herz König“ eröffnet wie eine konventionelle „Campus Novel“ und weitet sich dann zu einer Dreiecksgeschichte. Die Ich-Erzählerin studiert Literatur an einem College in Neu-England und lernt dort die beiden hochbegabten Kommilitonen Sam und Jash kennen. Man liest, man schreibt, man redet über Literatur. Ein berührendes Ende Im Kern jedoch, so SWR Kultur-Literaturredakteurin Anja Brockert im Gespräch, ist „Herz König“ eine Liebesgeschichte und ein Nachdenken über verschiedene Spielarten der Liebe. Und trotz aller Einwände, die man gegen die zum Teil klischeehaft gezeichneten Figuren formulieren könne, so Brockert, sei „Herz König“ letztendlich in seinen überraschenden Wendungen am Ende doch ein berührendes Buch.

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