SWR Kultur lesenswert - Literatur

Sprich, Apfelbaum, sprich: „Nelka“ von Svenja Leiber

4 min · 21. juni 2026
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Description

Nelka ist wieder da – dort wo sie schon einmal unfreiwillig vier Jahre verbracht hat, auf dem Hof des Gutsbesitzers Marten in Schleswig-Holstein. 1941 wurde die sechzehnjährige Ukrainerin in ihrer Heimatstadt Lemberg aufgegriffen und mit vielen anderen verängstigten jungen Frauen in einem Güterzug zur Fron in Hitlers Sklavenstaat verfrachtet:  „Es scheint möglich, auf einer einzigen Reise um Jahre zu altern. Diejenigen, die als junge Mädchen in Królewska in den Waggon gestiegen waren, sehen beim Aussteigen und Hinübergehen zum Desinfektionslager in der Nähe der Reichshauptstadt wie sehr blasse Frauen aus.“ Bis zum Kriegsende muss Nelka dann auf dem Gutshof schuften, allerdings bald in einer leicht privilegierten Stellung. Marten, damals noch der Verwalter des Guts, ist der jungen Ukrainerin verfallen, obwohl der persönliche, gar erotische Kontakt mit Zwangsarbeiterinnen strengstens verboten ist und er gerade standesgemäß seine arische Gattin Inge geehelicht hat, die sich ihrer ersten sinnstiftenden Schwangerschaft entgegensehnt.  DAS WISSEN DES VATERS  Marten legitimiert Nelkas Bevorzugung mit ihrem erstaunlichem, dem „Reichsnährstand“ nützlichen Wissen über Apfelanbau. Ihr geliebter Vater Wendelin Lechner war ein renommierter Experte für Obstanbau und hat sein pomologisches Wissen früh mit seiner aufgeweckten Tochter geteilt – in der Sprache seiner österreichischen Herkunft.     „Wenn es um Äpfel ging, sprach Wendelin Deutsch, und so lernte Nelka die Beschreibungen der Systeme und die Beschreibungen der Früchte, aber selbst sprach sie kaum. Grüßte nur flüsternd die Komische Grethe, die Renetten, Lord Grosvenor, Madame Favre oder Ingrid Marie in den Kronen, während sie durch den Garten streifte.“ Marten merkt bald, dass die Ukrainerin mehr über Apfelanbau weiß als sich deutsche Bauernweisheit träumen lässt – ein guter Vorwand, sie in seiner Nähe zu halten, auch wenn Inge mit den Augen rollt.  WÜTENDE HILFLOSIGKEIT  Dass eine Zwangsarbeiterin Anfang der neunziger Jahre zum Ort ihrer Versklavung zurückkehrt, um den Mann, der sie – ihren Körper und ihr Wissen – ausgenutzt hat, womöglich zur Rede zu stellen, erscheint anfangs als eine etwas forcierte Erzählkonstruktion. Je mehr man aber über das heikle Verhältnis zwischen Nelka und Marten erfährt, desto plausibler wird die Geschichte. Svenja Leiber verschafft dem Plot durch vielen realistische, gut recherchierte Details soliden Untergrund. Ihrem nuancierten psychologischen Erzählen gelingt es, die Geschichte aus einer bloßen Täter-Opfer-Konstellation herauszuschreiben, ohne das tatsächliche Machtgefälle einzuebnen.   Die „wütende Hilflosigkeit“, die den siebenundsiebzigjährigen Marten beim Anblick der wiedergekehrten Nelka überkommt, bestimmt sein Verhalten gegenüber der Ukrainerin von Anfang an.  PRÄZISE UND POETISCH  Leibers Sprache vermeidet zwar nicht einige raunende, allzu bedeutungsschwangere Formulierungen; zumeist aber ist sie präzise, bisweilen sogar poetisch.   Aber was will Nelka, warum kommt sie zurück? Geht es um Entschädigung, um Geld? Es entspricht Marten, so zu denken, aber auch hier liegen die Dinge nicht so einfach.  „Sie macht ihn ganz irre. Sie soll verdammt nochmal reden. Er hätte sie doch nicht ins Haus lassen dürfen. Aber er war zu neugierig. Und es schien ihm auch klüger, sie nicht zu verärgern. Ganz vorsichtig und freundlich wollte er sein, versucht jetzt sogar zu lächeln.“  Es kommt zu keiner wirklichen Aussprache, keiner Anklage und Versöhnung; das hat Leiber dem Roman zum Glück erspart. Stattdessen lesen wir über Nelkas Rückgewinnung des zivilen Lebens nach den Jahren der Versklavung – und so rundet sich das Bild einer literarischen Figur ab, die man so bald nicht vergisst.

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Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer hat Intellektuelle, Aktivistinnen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist. Manches hat die Realität bereits überholt: Der Krieg gegen den Iran taucht nicht auf. Die Morde durch ICE-Beamte in Minneapolis [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-texte-ueber-minneapolis-100.html] konnte er noch gerade im Vorwort unterbringen. Aber Brinkbäumer liefert kenntnisreiche Analysen, die zum Verständnis der aktuellen Situation beitragen.   „Dieser neue Faschismus ist nicht nur politisch. Er ist technologisch. Trump ist ein Kind des Internets, ein Meister der Algorithmik. Die Sozialen Medien sind sein Medium, nicht trotz, sondern wegen ihrer Verflachung“, beobachtet Brinkbäumer. > In der Welt der Sozialen Medien zählt nicht die Argumentation, sondern der Affekt; und auch nicht Tiefe, sondern Geschwindigkeit. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum FÜHRERKULT 2.0 MIT DER LÜGE ALS WAFFE. Das Neue an diesem Faschismus, so Brinkbäumer, liege in den sozialen Medien, in der digitalen Infrastruktur der Propaganda. Doch diese Einschätzung lädt zum Widerspruch ein: Die Nazis nutzten seinerzeit das Radio, das für damalige Verhältnisse – gedrucktes Papier und Kundgebungen – ebenfalls eine neue Qualität darstellte. Die Technologie wechselt, aber die Mechanismen der Massensuggestion, die Lüge als Waffe, der Führerkult bleiben erschreckend konstant.  > MAGA: ‚Make America Great Again‘ ist eine Bewegung, die eher wenig denkt, sondern vor allem fühlt. Es gibt eine neue Sprache, die kaum mehr beschreibt, sondern befiehlt und gehorcht, attackiert und lügt, triumphiert und leidet.” > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum NOSTALGISCHES ERINNERN Brinkbäumer begreift den Liberalismus per se als Gegenspieler des Faschismus. Viele seiner Gesprächspartner, die fast alle der arrivierten Mittelschicht angehören, sehnen sich nach den alten USA der Vor-Trump-Ära zurück. Das ist verständlich, aber wenig zielführend: Denn Jahrzehnte einer neoliberalen Politik haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert und so die Grundlage für Trumps Aufstieg geschaffen.  > In der MAGA -Welt jedenfalls geht es nicht um tatsächliche Arbeit und Leistung, sondern um das nostalgische Erinnern an weiße Dominanz. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum HERRSCHAFT UND PALANTIR-ÜBERWACHUNG  Kulturkampf eben. Brinkbäumer lässt sich, wie viele andere Trump-Gegner, auf dieses Terrain drängen. Er trägt außerdem Detailwissen zusammen, das nicht landläufig bekannt ist, etwa im Kapitel über Trumps Entourage: Elon Musk mit seiner Promiskuität, seinem Drogenkonsum, seinem rücksichtslosen Umgang mit Menschen, seinem Hang zur Selbstinszenierung, den er mit Trump teilt. Und im Hintergrund: Peter Thiel, Erfinder von Palantir, Mentor des Vizepräsidenten JD Vance und des Multimilliardärs Elon Musk. Thiel mag ein lausiger Redner sein, aber er ist ein effektiver Strippenzieher. Sein Motto: Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar. Stark sind auch die Kapitel zu den Methoden der Demontage demokratischer Institutionen. Hier warnt Brinkbäumer ausdrücklich vor der Überwachungstechnologie des Palantir-Konzerns, die in den USA großflächig zum Einsatz kommt. GROSSE RATLOSIGKEIT  „Das Zusammenspiel der Demokratien ist zwingend notwendig und alternativlos. Die EU und die NATO, all die genannten internationalen Organisationen sollten, nein: Müssen in neuer Entschlossenheit sagen: So, wie wir bisher agiert haben, ist es nicht gut genug, so verlieren wir. Wir brauchen eine neue, radikale Konstruktivität.“ Brinkbäumers Vision einer Alternative bleibt dünn. Auch viele US-Intellektuelle, die er getroffen hat, wirken ziemlich ratlos, wenn es um den Weg aus der Misere geht – und hoffen auf Europa. Sich dem Faschismus zu ergeben, ist für Brinkbäumer jedenfalls keine Option. Sein Buch ist ein diskussionswürdiger Aufruf gegen die Gleichgültigkeit, die er zu Recht als größte Gefahr für die Demokratie betrachtet.

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Entdeckung im Exilarchiv: Iwan Heilbuts „Zugvögel“

Der Schriftsteller Iwan Heilbut wurde 1898 in Hamburg geboren und entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie. Er arbeitete als Journalist, schrieb aber auch Romane, bevor er 1933, unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, nach Paris emigrierte. FLUCHT ÜBER DIE PYRENÄEN Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heilbut auch im französischen Exil als feindlicher Ausländer interniert. 1941 gelang ihm und seiner Frau über Spanien und Portugal die Flucht in die USA. Heilbuts Roman „Zugvögel“ erschien 1943 in englischer Übersetzung unter dem Titel „Birds of Passage“ und erhielt durchaus gute Kritiken. ENTDECKUNG IM DEUTSCHEN EXILARCHIV Heilbut, der 1950 nach Deutschland zurückkehrte und 1972 in Bonn starb, ist heute mittlerweile kaum noch bekannt. Nun hat Peter Graf, der mit seinem eigenen Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ immer wieder Entdeckungen ans Tageslicht bringt, Iwan Heilbuts knapp 700 Seiten starken „Zugvögel“-Roman im Claassen Verlag erstmals im deutschsprachigen Original herausgegeben. Das Skript befand sich im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main. FLUCHT UND HOFFNUNG Die stark autobiografisch grundierte Geschichte erzählt von Heimatlosigkeit und Exil, von Flucht, Angst und Hoffnung. Ein Buch, das sich auch wegen seiner großen literarischen und erzählerischen Kraft zu lesen lohnt, wie Herausgeber Peter Graf im Gespräch betont.

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Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet"

ZWISCHEN CORONA UND KRIEG Spätestens seit ihrer Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ gehört Angelika Klüssendorf zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Ihr neuer Roman „Trost“ spielt zwischen Dezember 2021 und Dezember 2022 – die Zeit der Corona-Pandemie also, aber auch jene Zeit, in der der Überfall Russlands auf die Ukraine stattfand. DEUTSCHLAND IN DER PANDEMIE Angelika Klüssendorf entwirft ein Wimmelbild von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung: Eine ostdeutsch sozialisierte Schriftstellerin und ihr Lebensgefährte, ein westdeutscher Rentner. Dessen siebzehnjährige Tochter, die kurz vor dem Abitur steht und mit den neuen Herausforderungen umzugehen hat, unter anderem mit der Entfremdung von ihrer besten Freundin. Und deren Mutter, die mittlerweile ein Leben ausschließlich in Netflix-Serien führt. SEHNSUCHT NACH NÄHE „Besonders mühsam und bitter war diese Zeit für junge Menschen“, sagt Angelika Klüssendorf. Eine Sehnsucht nach Nähe prägt jedoch alle Figuren in „Trost“; eine Sehnsucht, die auch mit familiären Erfahrungen in früheren Zeiten zu tun hat.

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Spielarten der Liebe: Lily Kings „Herz König“

Mit dem Roman „Euphoria“ landete Lily King im Jahr 2014 einen internationalen Bestseller. Das war ein Buch über die berühmte Ethnologin und Sozialforscherin Margret Mead. Gefeiert wurde Lily King auch für „Writers and Lovers“, einen autobiografischen Roman, in dem sie die Geschichte ihrer Schriftstellerwerdung erzählt. Campus-Dreiecksgeschichte Lily Kings neuer Roman „Herz König“ eröffnet wie eine konventionelle „Campus Novel“ und weitet sich dann zu einer Dreiecksgeschichte. Die Ich-Erzählerin studiert Literatur an einem College in Neu-England und lernt dort die beiden hochbegabten Kommilitonen Sam und Jash kennen. Man liest, man schreibt, man redet über Literatur. Ein berührendes Ende Im Kern jedoch, so SWR Kultur-Literaturredakteurin Anja Brockert im Gespräch, ist „Herz König“ eine Liebesgeschichte und ein Nachdenken über verschiedene Spielarten der Liebe. Und trotz aller Einwände, die man gegen die zum Teil klischeehaft gezeichneten Figuren formulieren könne, so Brockert, sei „Herz König“ letztendlich in seinen überraschenden Wendungen am Ende doch ein berührendes Buch.

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