NachDenkSeiten – Die kritische Website

Sobald die Armutszahlen in Deutschland auf den Tisch kommen, sind die Relativierer zur Stelle

5 min · 8 de jun de 2026
Portada del episodio Sobald die Armutszahlen in Deutschland auf den Tisch kommen, sind die Relativierer zur Stelle

Descripción

„Wachsende Armut, schrumpfende Sicherheit“ [https://www.der-paritaetische.de/alle-meldungen/paritaetischer-armutsbericht-2026-soziale-spaltung-verschaerft-sich-133-millionen-menschen-leben-in-armut/] – so lautet der Titel des neuen Armutsbericht, veröffentlicht vom Paritätischen Gesamtverband. „Die soziale Spaltung in Deutschland verschärft sich. 13,3 Millionen Menschen leben in Armut [https://www.nachdenkseiten.de/?tag=armut], die Armutsquote steigt auf 16,1 Prozent, lautet der Befund. Der Verband warnt vor einer Gesellschaft, „die sozial weiter auseinanderdriftet“. Der Befund ist so alarmierend Weiterlesen [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151878]

Comentarios

0

Sé la primera persona en comentar

¡Regístrate ahora y únete a la comunidad de NachDenkSeiten – Die kritische Website!

Empezar

2 meses por 1 €

Después 4,99 € / mes · Cancela cuando quieras.

  • Podcasts exclusivos
  • 20 horas de audiolibros / mes
  • Podcast gratuitos

Todos los episodios

5076 episodios

Portada del episodio Die Revanche

Die Revanche

Zum 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion: Während deutsche Generäle mit Angriffen auf Russland drohen und die Bundeswehr zur größten Armee Europas aufgerüstet wird, gemahnt der 85. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion an die gefährlichen historischen Kontinuitäten. Von Sevim Dagdelen. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Vor wenigen Tagen drohte der deutsche Luftwaffenchef Holger Neumann mit Angriffen der Bundeswehr auf Russland, sollte Moskau NATO-Territorium angreifen. Neumann sagte, Deutschland sei bereit, „heute Nacht zu kämpfen“, und stellte verheerende deutsche Luftschläge gegen die Atommacht Russland in Aussicht, die insbesondere die Kola-Halbinsel, Kaliningrad und die Region des Schwarzen Meeres treffen sollten. Damit reiht sich der 57-jährige deutsche Luftwaffengeneral Neumann in eine ganze Kette deutscher Verantwortungsträger aus Politik und Armee ein, die einen neuen aggressiven Ton gegenüber Russland anschlagen. Deutschland wird, während es seine Armee zur größten Europas aufrüstet, als antirussische Schutzmacht begriffen. Revanche-Stimmung in Berlin und Brüssel Diese Herausforderung Russlands durch deutsche Politiker und Militärs stellt sich – sicherlich unfreiwillig – in den historischen Kontext des 85. Jahrestags des Überfalls des Dritten Reiches auf die Sowjetunion. Erinnern wir uns: Am 22. Juni 1941 fiel die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion ein. Ideologisch sah man sich als Speerspitze Europas zur Befreiung der Völker im Osten. In der NS-Legitimationsausstellung zur deutschen Invasion „Das Sowjetparadies“, die den Feldzug propagandistisch begleiten sollte, heißt es, dass sich zur Beseitigung der Sowjetunion „unter deutscher Führung an der Seite unserer Soldaten die besten Kräfte der Nationen Europas verbunden“ haben. Es sei auch daran erinnert, dass die mutigen Kämpfer der jüdisch-kommunistischen Herbert-Baum-Gruppe versuchten, das antisemitisch-antislawische Machwerk mit Molotowcocktails zu zerstören. Die Zerschlagung der Sowjetunion jedenfalls war von Anfang an Programm des deutschen Angriffs. Mit zwei Völkermordprogrammen sollte Lebensraum für deutsche Siedler geschaffen werden, um den Raub als dauerhaftes koloniales Unternehmen absichern zu können. Das Zitat Adolf Hitlers, „Was für England Indien ist, wird für uns der Ostraum sein“, war Programm. Allerdings mit dem Unterschied, dass von Anfang an ein gezieltes Mordprogramm die dauerhafte Beherrschung des eroberten Gebiets sichern sollte. Völkermord und Ausplünderung als Programm Neben der systematischen Ermordung der europäischen Juden trat der Völkermord an den Völkern der Sowjetunion hinzu, der bis zum heutigen Tage von der Bundesregierung nicht anerkannt wurde. Dabei sind die Belege unstrittig. Der deutschen Invasion fielen 27 Millionen Sowjetbürger zum Opfer, der überwiegende Teil davon Zivilisten. Mit der Aushungerung von Leningrad mit über einer Million Opfern und dem NS-Hungerplan sollten dreißig Millionen Angehörige slawischer Völker in der Sowjetunion ausgelöscht werden, den Rest plante man nach Sibirien zu deportieren oder als Sklavenarbeiter zu nutzen. Die deutschen Kolonialpläne waren von einer beispiellosen Ausplünderungskampagne begleitet, die Boden, Menschen und Rohstoffe für die deutsche Wirtschaft vernutzen sollte. Geopolitisch ging es darum, Russland als Gegenpol eines imperialistischen Deutschlands mit dem Griff zur Weltmacht und zur Führung Europas ein für alle Mal zu beseitigen. Wenn wir heute der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas („Zerschlagung Russlands – Ich denke, wenn es mehr kleine Nationen gäbe … ist es keine schlechte Sache, wenn die große Macht tatsächlich viel kleiner wird“) oder dem CDU-Politiker Roderich Kiesewetter („Europa muss auf die Kapitulation Russlands hinarbeiten“) lauschen, ist unschwer das Echo der Vergangenheit zu hören. Es ist nichts anderes als der Traum von der Revanche für die deutsche Kapitulation 1945. Es ist der Ton für einen weiteren Griff nach der Weltmacht. Nur dass sich die Bedingungen fundamental geändert haben und selbst der einfältigste Mensch doch erkennen müsste, dass der Angriff auf eine Atommacht ein hohes Risiko in sich trägt und dass auch dieses Unternehmen mit einer noch gründlicheren Selbstzerstörung enden wird. Der Sound der Revanche wird begleitet von der Bereitschaft zur Apokalypse, auch hier eine beunruhigende Parallele zum NS-Überfall und der Heraufbeschwörung eines biblisch verbrämten Entscheidungskampfes, wie sie sich auch in der Ausstellung „Das Sowjet-Paradies“ findet. Ohne die Anerkennung der Vergangenheit und des Völkermords an den Völkern der Sowjetunion wird es keine Aussöhnung mit Russland geben, sondern nur das immer stärkere Bellen der Revanchisten und verträumten Kolonisatoren, die den NATO-Stellvertreterkrieg in der Ukraine zum deutschen Feldzug gegen Russland umwandeln möchten. Titelbild: danielo / Shutterstock

17 de jun de 20266 min
Portada del episodio „Deutschland erlebt eine Faschisierung“ – Ein Vortrag von Hüseyin Doğrus Anwalt

„Deutschland erlebt eine Faschisierung“ – Ein Vortrag von Hüseyin Doğrus Anwalt

Am 10. Juni 2026 sprach der Rechtsanwalt Alexander Gorski im Berliner GEW-Haus (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) auf Einladung der AG Frieden in der GEW Berlin und der Jungen GEW Berlin zum Thema: „Staatsräson vs. Rechtsstaat – Erleben wir eine autoritäre Wende in Deutschland?“. Gorski gibt in seinem Vortrag Einblicke in den Fall Doğru aus anwaltlicher Sicht und thematisiert die autoritären Entwicklungen in Deutschland und das Migrationsrecht als Repressionsinstrument. Hierzu berichtet er auch vom Fall des Deutsch-Palästinensers Abdallah A., der aufgrund von Social-Media-Posts ausgebürgert wurde und stellt dies in einen historischen Kontext in Deutschland. Die Frage im Titel nach einer autoritären Wende in Deutschland beantwortet er dabei deutlich mit „Ja“. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Wir dokumentieren die Veranstaltung in voller Länge auf unserem YouTube-Kanal: Externer Inhalt Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube übertragen. Inhalt von Youtube zulassen Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen Gorski ist im Straf- und Migrationsrecht tätig, Partnerjurist des European Legal Support Center (ELSC) und vertritt zahlreiche Mandanten aus dem Umfeld der Palästina-Solidaritätsbewegung. Derzeit vertritt er unter anderem den Journalisten Hüseyin Doğru, gegen den im Rahmen der EU-Sanktionen extrem einschränkende Maßnahmen verhängt wurden. Im Mittelpunkt des Vortrags steht der Fall Doğru. Anschaulich und auch für juristische Laien gut verständlich gibt Gorski spannende Einblicke in das Verfahren. So kommentiert er zum Beispiel: > „Die Akte zu Dogru, die wir vor dem EuGH erstritten haben, ist ein Witz, wenn man milde gestimmt ist. Eigentlich ist es eine Frechheit.“ Er macht deutlich, dass es aus seiner Sicht nicht nur um einen Einzelfall geht, sondern um grundsätzliche Fragen der Pressefreiheit und des Rechtsstaats. Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags ist der zunehmende Missbrauch des Migrations- und Staatsangehörigkeitsrechts als Repressionsinstrument. Anhand weiterer konkreter Fälle schildert Gorski, wie gesetzliche Regelungen und behördliche Entscheidungen eingesetzt werden, um massiv gegen palästinasolidarische Aktivisten vorzugehen. Dabei geht er besonders auf den Fall Abdallah A. ein – ein staatenloser Palästinenser, der, seitdem er zwei Monate alt ist, in Berlin wohnt. Im Alter von 30 Jahren wurde er dann eingebürgert und erhielt die deutsche Staatsbürgerschaft. Doch kurze Zeit später wurde ihm die Staatsbürgerschaft bereits wegen zwei Palästina-Posts auf Social Media wieder aberkannt. Er wurde also wegen einer Meinungsäußerung ausgebürgert. Gorski macht transparent, dass diese neuen Möglichkeiten der Sanktionierung von Meinungsäußerungen auf die Änderung des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahre 2024 durch die Ampelregierung zurückgehen. Gorski verweist auch auf die historischen Vorgänger dieses Missbrauchs, nicht nur in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, sondern auch in den 70er-Jahren. In seinem Vortrag beschränkt sich Gorski aber nicht auf juristische Details. Er formuliert auch vier Thesen zur gegenwärtigen politischen Lage in Deutschland. Nach seiner Einschätzung erlebt die BRD aktuell eine rechte Konjunktur, die in Teilen als Faschisierung zu bezeichnen ist und in der der Staat zunehmend auf autoritäre Maßnahmen setzt. Er sagt: „Die AfD muss nicht an der Macht sein, um das durchzusetzen. Die bürgerlichen Parteien machen das von ganz alleine.“ Außerdem ist er der Ansicht, dass die pro-palästinensische Bewegung derzeit als eine Art „Testfeld für Repressionen nach innen“ diene und autoritäre Tendenzen sichtbar mache, die künftig auch andere gesellschaftliche Bereiche betreffen könnten. In seinen eigenen Worten: > „Jetzt gerade trifft es einen staatenlosen Palästinenser, für den sich der deutsche Mainstream nicht interessiert, und einen deutschen Journalisten, der aber einen türkischen Namen hat. (…) Ich muss immer wieder irgendwelchen Journalisten erklären: „Ja, aber der ist Deutscher.“ Dann sagen sie: „Aber können Sie das beweisen?“ Und dann sag ich: „Muss ich? Muss ich?“ Trotz des juristischen Themas ist der Vortrag alles andere als trocken. Gorski gelingt es, komplexe juristische Sachverhalte verständlich, anschaulich und immer wieder auch mit feinem Humor zu vermitteln. Zum Ende seines Vortrags verweist Gorski auf ein bekanntes Zitat Walter Benjamins aus dem Jahr 1940: > „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, dass der Ausnahmezustand, in dem wir leben, die Regel ist.“ Und konstatiert, dass die von ihm geschilderten Fälle zeigen würden: > „Ja, das stimmt immer noch, was Benjamin damals geschrieben hat.“ Zum Abschluss richtet Gorski einen Appell an seine Zuhörer: > „Angesichts dieser Tatsachen (ist) es wirklich Zeit für deutsche Gewerkschaften […], viel politischer zu werden.“ Titelbild: Screenshot NachDenkSeiten

17 de jun de 202646 min
Portada del episodio Niederlande baut Kriegsgefangenenlager für russische Soldaten – Drehen sie jetzt völlig durch?

Niederlande baut Kriegsgefangenenlager für russische Soldaten – Drehen sie jetzt völlig durch?

Kriegsvorbereitungen – überall in Europa laufen sie. Während in Deutschland die politische Losung „Kriegstüchtigkeit“ lautet, bauen die Niederlande zur Vorbereitung auf einen angeblich möglichen Krieg mit Russland ein Kriegsgefangenenlager für russische Soldaten – „auf Probe“, wie die Bild-Zeitung berichtet [https://www.bild.de/politik/ausland-und-internationales/niederlande-hier-entstehen-gefangenenlager-fuer-bis-zu-2000-von-putins-soldaten-6a2fdd241a21c266c42b6c35#fromWall]. Kriegsgefangenenlager? Für russische Soldaten? Drehen sie jetzt völlig durch? Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Warum soll man ein Feuer löschen, wenn man es noch mehr zum Brennen bringen kann? Das scheint sich die Politik Europas auf die Fahnen geschrieben zu haben. Warum sollten Politiker auf Diplomatie mit Russland setzen, wenn sie die Möglichkeit haben, für „schöne“ Kriegsvorbereitungen grünes Licht geben zu können? Man hat das Gefühl, die Politik ist völlig durchgedreht – und der Wahnsinn wird von Tag zu Tag schlimmer. Da vermeldet die Bild-Zeitung, die Niederlande bauen gerade ein Kriegsgefangenenlager für – wie das Springer-Blatt es propagandistisch und journalistisch untragbar formuliert – „2000 Putin-Soldaten“. Kriegsgefangenenlager für russische Soldaten mitten in Europa? Die Friedenspolitik des Kontinents ist nicht mehr vorhanden. Reichlich vorhanden hingegen ist der politische Wille, immer weiter, immer härter, immer irrer auf einen Konfrontationskurs mit Russland zu gehen – zum schweren Nachteil der Bevölkerungen. Unsummen an Kosten sind das eine. Das andere ist, dass die Konfrontationspolitik die Saat eines realen Krieges immer mehr wässert. Jedem verantwortlichen Militär sollte es davor grauen, überhaupt einen realen Krieg mit Russland in Betracht zu ziehen. Jeder verantwortliche Offizier sollte bei jeder Gelegenheit die Politik zur Vernunft ermahnen. Stattdessen sind bei den „klugen Köpfen“ des Militärs längst die Gedanken vom Krieg in voller Blüte. In Deutschland redet der eine davon, dass wir „mit allem reingehen (werden), was wir in Deutschland haben, die Luftwaffe, aber auch in der Nato, um unser Land, unsere Werte, unsere Bevölkerung und unser Bündnis zu verteidigen“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152295], während die niederländische Generälin Nicole de Wolf erklärt, für das Kriegsgefangenenlager brauche es keine Wachtürme und Suchscheinwerfer, es stünde ja moderne Überwachungstechnik zur Verfügung. „Warum sollte ich Soldaten physisch einen Zaun bewachen lassen, wenn ein Kamerasystem das gesamte Gelände abdeckt?“ Warum sollte die Generälin nicht über die Ausgestaltung von Kriegsgefangenenlagern sprechen, sondern einer kriegslüsternen Politik entgegentreten?, wäre die angebrachtere Frage. Doch dergleichen trauen sich die „mutigen“, „klugen“ hochrangigen Militärvertreter offenbar nicht. Krieg gibt es dann, wenn die Politik sagt, jetzt ist Krieg. Und die Militärs folgen brav. Nichts gelernt. Gar nichts. Titelbild: Screenshot Bild-Zeitung[http://vg09.met.vgwort.de/na/8dfb09a23d814caf910ae617b9915b6f]

17 de jun de 20261 h 0 min
Portada del episodio Gibt es eine jüdische Identität jenseits von Israel und Staatsräson? – Ein Interview mit Wieland Hoban (Teil 2)

Gibt es eine jüdische Identität jenseits von Israel und Staatsräson? – Ein Interview mit Wieland Hoban (Teil 2)

„Wir stellen uns gegen diese gesamte Politik (Israels). Und zwar aus einer dezidiert jüdischen Position heraus, indem wir sagen, dass die jüdische Geschichte und auch die Leidenserfahrungen der letzten Jahrhunderte – vor allem des letzten Jahrhunderts, aber auch der Jahrhunderte davor, nicht dazu benutzt werden dürfen, Unrecht in Palästina zu rechtfertigen. Ebenso wenig dürfen sie dazu benutzt werden, die Verfolgung von Migranten in Deutschland zu rechtfertigen.“ Der Vorsitzende der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“, Wieland Hoban, widerspricht einer in Deutschland weit verbreiteten Gleichsetzung von jüdischer Identität mit Zionismus und israelischer Staatspolitik. Im Interview spricht er über jüdische Geschichte, die deutsche Staatsräson, den Umgang mit Israelkritik und die Rolle der Antisemitismusbeauftragten sowie die politischen Folgen des Krieges in Gaza. Das Gespräch führte Maike Gosch. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Teil 1 finden sie hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152298]. Maike Gosch: Noch einmal zu den Antisemitismusbeauftragten. Sie haben über deren Funktion als Durchsetzer von Staatsinteressen oder auch imperialen Interessen gesprochen. Ich habe dazu etwas recherchiert, und mir schien es – ob das stimmt, weiß ich natürlich nicht –, dass einige von ihnen ihre Rolle sehr ernst nehmen. Also, dass sie wirklich an das glauben, was sie tun, wenn sie auch ihre Rolle starr und autoritär interpretieren und ausüben. Warum, glauben Sie, halten sie so stark an dieser engen Definition jüdischer Identität beziehungsweise dieser Auslegung von Antisemitismus fest, die dann so repressiv gegenüber Israelkritik wirkt? Und: Gibt es von Ihrer Seite oder der Seite des Vereins Gespräche mit ihnen? Kann man mit ihnen reden? Man kann sich kaum vorstellen, dass ihr Selbstverständnis im Austausch mit israelkritischen jüdischen Menschen nicht irgendwann ins Wanken gerät. Das ist natürlich spekulativ, aber mich würde interessieren, was Ihr Eindruck von den Menschen ist, die das so vertreten und umsetzen. Wieland Hoban: Also, es ist wie bei Politikern allgemein. Manche haben vielleicht aufrichtige Überzeugungen, andere sind eher zynische Karrieristen. Und diese ganze Antisemitismusindustrie, wie ich sie bezeichne – also nicht nur die Stellen der Antisemitismusbeauftragten, sondern auch sogenannte Monitoring-Organisationen wie RIAS oder die ganzen vermeintlichen Bildungsprogramme an Universitäten, Seminare zu Antisemitismus oder Aktionstage gegen Antisemitismus –, das ist ein Betrieb. Es ist ein staatlich geförderter Betrieb. Und darin kann man durchaus Karriere machen. Man sieht das auch bei Journalisten wie Nicholas Potter. Das kann einfach ein Karrierezweig unter vielen sein. Natürlich gibt es auch Menschen, die fest daran glauben, weil es mit ihrem moralischen Selbstwert als Deutsche zu tun hat. Es wertet sie selbst auf, wenn sie glauben, Teil einer moralisch richtigen Sache zu sein. > „Die einzige Vorstellung von Antisemitismus, die für die deutsche Staatspolitik wirklich relevant erscheint, ist die Gegnerschaft zu Israel.“ Und wie überall in der Politik gibt es ein Spektrum, auf dem sich ehrliche Überzeugung und Karrierismus in unterschiedlichen Mischungen verbinden. Manche legen sich vielleicht auch Überzeugungen auf Grundlage von Karriereinteressen zurecht. All das ist möglich. Deshalb halte ich mich mit Spekulationen über einzelne Akteure eher zurück. Manche sind vielleicht argumentativ zugänglicher als andere. Einige kommen direkt aus offiziellen Israellobby-Kreisen wie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Andere haben eher einen akademischen Hintergrund, wie beispielsweise Prof. Uffa Jensen an der TU Berlin. Er ist einer der wenigen einigermaßen vernünftigen Antisemitismusbeauftragten, der auch die „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ unterzeichnet hat – gemeinsam mit vielen anderen Wissenschaftlern. Dementsprechend war seine Berufung umstritten, weil er diese Funktion nicht im Sinne der Staatsräson ausübt. Es gab sofort Einspruch von Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden. Für ihn war jemand wie Jensen natürlich viel zu kritisch gegenüber Israel. Das zeigt, dass die Frage, ob jemand tatsächlich etwas über Antisemitismus weiß, oft zweitrangig ist. Die einzige Vorstellung von Antisemitismus, die für die deutsche Staatspolitik wirklich relevant erscheint, ist die Gegnerschaft zu Israel – was natürlich nicht antisemitisch ist. Aber in fast jedem öffentlich diskutierten Fall von angeblichem Antisemitismus geht es letztlich um Israel. Und diese Vorfälle werden gezählt – etwa von Organisationen wie RIAS. Dann erscheint ein Bericht, und anschließend heißt es, der Antisemitismus sei massiv angestiegen und er komme vor allem von muslimischen Migranten. Daraus wird dann abgeleitet, dass man mehr abschieben müsse, mehr Antisemitismusbeauftragte brauche, mehr Seminare zum Thema Antisemitismus und mehr Richtlinien an Schulen und Hochschulen darüber, was gesagt werden darf. Es handelt sich also um ein System, das sich selbst verstärkt. Und wenn man innerhalb dieses Systems einmal eine Karriere begonnen hat, kann man darin durchaus erfolgreich werden. Dann kommen wir doch zu Ihrem Verein, der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“. Was können sie zu dessen Anliegen oder Zielen sagen? Also: Auf was für eine Welt oder auf welche Situation arbeitet der Verein hin? Wir stellen uns gegen die Verbrechen des Zionismus, gegen die Nakba, gegen die Besatzung seit 1967 sowie natürlich gegen den Genozid seit 2023. Wir verstehen das als ein zusammenhängendes Projekt und nicht als einzelne historische Ereignisse, die nichts miteinander zu tun hätten oder nur darauf beruhen würden, dass die arabischen Länder von Anfang an gegen Israel gewesen seien. Aus unserer Sicht war das Ziel des zionistischen Projekts von Anfang an, die Palästinenser aus Palästina zu entfernen. Ob dies durch Vertreibung oder Ermordung geschieht, war dabei zweitrangig. Bei der Nakba stand die Vertreibung stärker im Vordergrund (mit ca. 750.000 Vertriebenen), wobei auch damals über 10.000 Menschen getötet wurden. Im aktuellen Genozid sehen wir das Töten besonders in Gaza im Vordergrund. Gleichzeitig läuft die ethnische Säuberung im Westjordanland auf Hochtouren, und auch innerhalb der Grünen Linie wird die Situation für die palästinensische Bevölkerung immer gefährlicher. Das heißt: Wir stellen uns gegen diese gesamte Politik. Und zwar aus einer dezidiert jüdischen Position heraus, indem wir sagen, dass die jüdische Geschichte und auch die Leidenserfahrungen der letzten Jahrhunderte – vor allem des letzten Jahrhunderts, aber auch der Jahrhunderte davor, nicht dazu benutzt werden dürfen, Unrecht in Palästina zu rechtfertigen. Ebenso wenig dürfen sie dazu benutzt werden, die Verfolgung von Migranten in Deutschland zu rechtfertigen. Wir sagen, dass das nicht unserer jüdischen Tradition entspricht. Wir fühlen uns vielmehr einer Tradition der Gerechtigkeit und Solidarität verpflichtet und kämpfen dafür, dass diese sich durchsetzt. Ich habe vor Kurzem ein Gespräch mit dem Philosophen Elad Lapidot in der US-amerikanischen Zeitschrift Jewish Currents gelesen. Es hat den Titel „When Jewishness Means Genocide“ [https://jewishcurrents.org/when-jewishness-means-genocide] („Wenn Jüdischsein Völkermord bedeutet“). Dort schlug Lapidot vor beziehungsweise sagte, dass vor dem Hintergrund der Taten Israels aus seiner Sicht eine „radical reinvention“, also eine radikale Neuerfindung oder Transformation des Jüdischseins notwendig sei. Wörtlich sagt er, es brauche „eine neue Form des Judentums, die sich solidarisch mit den Schwachen, Unterdrückten und Opfern von Völkermord zeigt. Eine Form, die nicht mit Mächten konform geht, die den Kampf gegen Antisemitismus zynisch dazu nutzen, völkermörderische Politik zu rechtfertigen.“ Das klingt sehr ähnlich zu dem, was Sie vertreten. Ja, auf jeden Fall. Ich glaube auch, er meint das ähnlich wie Sie – im Grunde gar nicht unbedingt als etwas Neues, sondern eher als eine Rückbesinnung. Ja. Er zitiert in dem Interview auch aus dem Talmud. Es gibt sowohl in der jüngeren als auch der früheren jüdischen Geschichte Stränge, die sich aufgreifen und weiterführen lassen, um eine andere Art von Judentum und jüdischer Identität frei vom Zionismus aufzubauen. Damit befasse ich mich in meinem aktuellen Buchprojekt „After Zionism: Towards a New Jewish Left“ (Anm. d. Red.: Noch nicht veröffentlicht). Dann kommen wir noch zu der Situation, dass es nicht nur Verbotsforderungen gegen ihren Verein von Seiten der Antisemitismusbeauftragten gibt, sondern auch eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz und die Bezeichnung im Verfassungsschutzbericht als „gesichert extremistisch“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=134433]. Soweit ich weiß, gab es eine Entscheidung in Berlin, die besagte, dass der Verfassungsschutz den Verein in seinem Bericht nicht als „gesichert extremistisch“ aufführen dürfe. Später gab es dann eine Entscheidung aus Köln, allerdings, soweit ich weiß, nur im Eilverfahren, die gegen den Verein ausgefallen ist. Können Sie vielleicht kurz erklären, was Ihnen überhaupt vorgeworfen wird? Also: Warum gelten Sie als extremistisch? Zum einen rufen wir zum Boykott Israels auf. Das heißt, wir unterstützen die BDS-Bewegung. Das wird gewissermaßen auch als eine Art Boykott gegen Deutschland verstanden, weil israelische Politik sehr eng mit deutscher Politik zusammenhängt. Deswegen ist das für den deutschen Staat so anstößig. Zum anderen wird uns vorgeworfen, Gewalt in Palästina zu befürworten und uns mit anderen extremistischen Akteuren zu verbünden. Beide Entscheidungen ergingen im Eilverfahren. Wir haben zwei unterschiedliche Verfahren geführt. Zum einen in Berlin gegen das Innenministerium, weil das Innenministerium den jährlichen Verfassungsschutzbericht veröffentlicht. Dort ging es darum, die entsprechenden Passagen über uns als „gesichert extremistische Organisation“ streichen zu lassen. Nachdem wir gewonnen hatten, wurden dann im Bericht für 2024, in dem wir ursprünglich aufgeführt waren, die entsprechenden Stellen entfernt. Die Gegenseite hat inzwischen Beschwerde eingelegt. Das Verfahren liegt nun beim Oberverwaltungsgericht Berlin. Zuvor war das Berliner Verwaltungsgericht zuständig. Wir werden sehen, wie es ausgeht. In Köln läuft das Verfahren gegen den Verfassungsschutz selbst, der ja in Köln sitzt. Obwohl das Bundesamt für Verfassungsschutz dem Bundesinnenministerium untersteht, entscheidet die Behörde selbst, ob sie uns für extremistisch hält oder nicht und ob sie uns entsprechend beobachtet. Nachdem wir gegen diese Einstufung geklagt hatten, entschied das Verwaltungsgericht Köln, dass die Einstufung rechtmäßig sei. > „Wir werden laufend ausgeladen oder ‚gecancelt‘.“ Der Grund für die beiden Klagen ist, dass uns nicht nur die Verbreitung dieser Informationen schadet, weil sie uns stigmatisiert. Wir werden laufend ausgeladen oder „gecancelt“, weil etwa eine Universität keinen Gastredner einladen möchte, der einer extremistischen Organisation angehört. Und selbst wenn sie es möchte, gibt es oft Menschen aus verschiedenen Lobbygruppen, die empörte Briefe dagegen schreiben. Vor allem aber ist die Einstufung selbst schädlich – unabhängig davon, ob sie öffentlich gemacht wird. Denn genau diese Einstufung gibt dem Inlandsgeheimdienst die Befugnis, uns zu überwachen. Und das wollen wir verhindern. Schon die bloße Einstufung stellt eine Gefährdung besonders für Mitglieder dar, die sich in Einbürgerungsverfahren befinden oder im öffentlichen Dienst arbeiten. Der Sinn dieser Einstufung besteht natürlich darin, uns sowohl einzuschüchtern als auch unsere Handlungsmöglichkeiten einzuschränken. Sie soll beispielsweise bewirken, dass Mitglieder austreten, weil sie Angst haben, keine deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, weil sie im öffentlichen Dienst arbeiten oder einfach weil sie Angst davor haben, vom Staat beobachtet zu werden. Man weiß ja nicht, in welchem Umfang das tatsächlich geschieht. Diese Informationen bekommt man nicht. Ich weiß nicht, wie wichtig es dem Staat ist, mein Telefon abzuhören. Vielleicht ist es ihm überhaupt nicht wichtig. Aber indem er sich die Befugnisse dazu gibt, sendet er die Botschaft: Wir haben euch im Auge. Aber das ist gleichzeitig auch eine Bestätigung unserer Arbeit, denn es bedeutet, dass unsere Arbeit Wirkung hat und vom Staat als störend empfunden wird. Es bedroht auf jeden Fall die bestehende Erzählung – gerade Ihre Organisation. Zum Abschluss noch ein kleiner Ausblick in die Zukunft: Sehen Sie Bewegung in dieser Erzählkonstruktion, in der wir uns in Deutschland bewegen, was Israel, Staatsräson, jüdische Identität, Moral und deutsche Pflicht angeht? Öffnet oder verändert sich der deutsche Diskurs? Und wie ließe sich dieser Knoten lösen? Man könnte zwischen zwei Ebenen oder zwei Bereichen des Diskurses unterscheiden: Zum einen gibt es den freien Diskurs, der sich in unabhängigen Medien, anderen Online-Plattformen, Diskussionsforen oder persönlichen Kontakten entfalten kann. Und zum anderen gibt es den staatlichen Diskurs. Interessanterweise kann man beobachten, dass in manchen Zeitungen beide Diskurse gleichzeitig vorkommen. Es gibt in der gleichen Zeitung vielleicht den einen Meinungsartikel, der darauf hinweist, dass es nicht stimmt, dass alle Juden Israel unterstützen, und dass Deutschland den Genozid in Gaza nicht mit dem Holocaust rechtfertigen kann. Und vielleicht erscheint am nächsten Tag ein anderer Artikel, in dem gesagt wird, Deutschland habe die Verantwortung, uneingeschränkt zu Israel zu stehen, und der Islamismus sei eine viel größere Gefahr für die Gesellschaft als etwa der Rechtsextremismus. Das heißt: Wir leben nicht in einem Land, in dem die Medien vollkommen durch den Staat kontrolliert werden. > „Wir leben nicht unter einem totalitären Regime. Aber wir leben in einem Staat, der autoritäre Tendenzen aufweist. Und diese Tendenzen nehmen zu.“ Es gibt einen starken staatlichen Einfluss bei manchen Medien – bei einigen stärker als bei anderen. Aber es gibt auch die Möglichkeit, unabhängig zu schreiben und zu veröffentlichen, solange man nicht auf staatliche Strukturen angewiesen ist. Gleichzeitig sieht man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, etwa in Standardsendungen wie der „Tagesschau“, wie Behauptungen der israelischen Armee, die vollkommen unbelegt sind, einfach als Tatsachen wiedergegeben werden. Dort wird eine vermeintliche Nachrichtensendung zu einer Propagandaveranstaltung. Es gibt also widersprüchliche Tendenzen. Wir leben nicht unter einem totalitären Regime. Aber wir leben in einem Staat, der autoritäre Tendenzen aufweist. Und diese Tendenzen nehmen zu. > „Immer mehr Menschen begreifen, was passiert.“ Gleichzeitig wächst auch das Maß an Erkenntnis außerhalb des staatlichen Diskurses. Immer mehr Menschen begreifen, was passiert. Und nach und nach äußern sich auch Journalisten kritisch zu Gaza, die vielleicht vor zwei Jahren noch anders geschrieben haben. Das heißt: Die veröffentlichte Meinung entspricht nicht unbedingt der öffentlichen Meinung. Umfragen haben gezeigt, dass eine deutliche Mehrheit der deutschen Bevölkerung Israels Handlungen nicht unterstützt, deutsche Waffenlieferungen an Israel nicht unterstützt und zunehmend sogar der Ansicht ist, dass Israel einen Genozid begeht. Natürlich ist es etwas anderes, diese Meinung zu haben, als auf die Straße zu gehen oder in einer Gewerkschaft zu agitieren. Das ist noch einmal eine andere Ebene. Und tatsächlich ist es auch sehr ernüchternd und traurig, dass es trotz dieser Umfragewerte so wenig öffentlichen Widerstand gegen die deutsche Israelpolitik gibt. Aber zumindest denke ich, dass man mit diesen Meinungsverhältnissen arbeiten kann; und dass sich immer mehr Menschen trauen, Meinungen öffentlich zu äußern, die noch vor wenigen Jahren anders ausgefallen wären. Insofern gibt es für mich keinen Grund, nicht weiterhin entschlossen zu kämpfen. Vielen Dank für das Gespräch. Titelbild: Porträtfoto – © Wieland Hoban / Demo – © Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.

17 de jun de 202616 min
Portada del episodio Verantwortlich für die niedrigen Renten in Deutschland ist die Politik und nicht die Demographie – Teil 1

Verantwortlich für die niedrigen Renten in Deutschland ist die Politik und nicht die Demographie – Teil 1

Die Menschen in Deutschland werden immer älter und die Zahl der Rentner nimmt zu. Gleichzeitig gehen die Geburtenraten zurück und steigt die Zahl der Menschen, denen die Work-Life-Balance wichtiger ist als die berufliche Kariere. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsleben wird die Wirtschaft in den kommenden Jahren zudem viele Arbeitskräfte verlieren, die schwer zu ersetzen sein werden. So in etwa sieht das Bild aus, das Politiker, Rentenexperten und Medien von der Rentensituation zeichnen. Es ist das Bild einer überforderten Gesellschaft. Und steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein. Von Günter Eder. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Demoskopische Umfragen belegen, dass immer mehr Menschen an der Zukunftsfähigkeit der Gesetzlichen Rente zweifeln. Besonders gering ist das Vertrauen bei jungen Leuten. Sie setzen vermehrt auf private Vorsorge und sehen in der Kapitaldeckung die sicherere und renditestärkere Möglichkeit, den Lebensabend finanziell abzusichern. Doch wie steht es tatsächlich um die Gesetzliche Rente? Ist sie, wie viele Kritiker glauben, ein Auslaufmodell, das den Herausforderungen der modernen Zeit nicht mehr gewachsen ist? Für mehr Klarheit soll die Alterssicherungskommission sorgen, die von der Bundesregierung im letzten Jahr eingesetzt worden ist. Ihre Aufgabe ist es, Vorschläge für eine Rentenreform zu erarbeiten und diese bis Mitte 2026 vorzulegen. Würde die Kommission wissenschaftlich an die Problemstellung herangehen, könnte man gespannt sein, zu welchen Ergebnissen sie wohl kommen wird. Da das jedoch nicht zu erwarten ist, ist es nicht allzu schwer vorauszusagen, wie die Vorschläge aussehen werden. Denn nur wenige der neun berufenen Experten sind überzeugte und engagierte Verteidiger der umlagefinanzierten Rente. Für die Mehrheit der Mitglieder dürfte hingegen die Ausweitung der privaten Vorsorge im Vordergrund stehen. Im Abschlussbericht wird man folglich einige freundliche Worte zum gesetzlichen Rentensystem finden, gepaart mit Forderungen nach Einsparungen und einer Anhebung des Rentenalters. Darüber hinaus wird man sich vor allem und ausführlich mit den vielfältigen Möglichkeiten der privaten Altersvorsorge befassen und Vorschläge für deren Umsetzung erarbeiten. Anhand offizieller statistischer Daten soll im Weiteren untersucht werden, wie es tatsächlich um die Gesetzliche Rente steht und welche Maßnahmen geeignet wären, das Rentensystem nachhaltig zu stabilisieren. Die Auswertung beruht im Wesentlichen auf Daten der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) und des Statistischen Bundesamtes (StBA). Wenn im Rahmen der vorliegenden Studie Einnahmen oder Ausgaben im Zeitverlauf betrachtet werden, so geschieht dies stets anhand preisbereinigter Werte. Die Bereinigung ist wichtig, da nur so viele Effekte, die für das Verständnis von Zusammenhängen wichtig sind, sichtbar werden. Als Bezugsjahr dient das Jahr 2024. Die Auswertung beginnt mit einer Analyse der Finanzmittel, die die Gesetzliche Rentenversicherung vom Bund erhält. Die Geldflüsse werden sowohl unter Einnahme- als auch unter Ausgabegesichtspunkten beleuchtet. Daran schließt sich eine entsprechende Analyse der regulären Beitragseinnahmen an. Die Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, fließen in ein Prognosemodell ein, mit dessen Hilfe abschließend abgeschätzt wird, wie sich die Gesetzliche Rente unter gegebenen demographischen, wirtschaftlichen und rentenspezifischen Annahmen weiterentwickeln könnte bzw. weiterentwickeln würde. Bundesmittel und versicherungsfremde Leistungen Der Abbildung 1 kann entnommen werden, wie sich die Steuermittel, die die GRV vom Bund in den zurückliegenden 35 Jahren erhalten hat, entwickelt haben. Der Verlauf ist sowohl in Preisen des jeweiligen Jahres als auch preisbereinigt dargestellt. (Hier ausnahmsweise nicht bezogen auf das Basisjahr 2024, sondern bezogen auf 1991.) [https://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/260617-eder-renten-01.jpg]https://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/260617-eder-renten-01.jpg Abbildung 1 Man sieht, dass die an die GRV überwiesenen Bundesmittel in dem betrachteten Zeitraum, wenn man sie in Preisen des jeweiligen Jahres betrachtet, stark zugenommen haben. Zwischen 1991 und 2024 stieg der Zahlbetrag von 25,8 Milliarden Euro auf 116,9 Milliarden Euro. Der starke Zuwachs wird vielfach als Beleg dafür genommen, dass das gesetzliche Rentensystem ein Fass ohne Boden ist und in der bestehenden Form auf Dauer nicht finanzierbar sein wird. Das bestätigt sich nicht, wenn man die Entwicklung preisbereinigt betrachtet. Zwar steigen die Zuwendungen des Bundes an die GRV auch in diesem Fall zunächst stark an, doch ist nach 2003 kein weiterer systematischer Anstieg mehr zu verzeichnen. Die Kurve weist in dieser Zeit einen leicht wellenförmigen Verlauf auf, und im Jahr 2024 sind die Zuwendungen weder höher noch niedriger als im Jahr 2003. Preisbereinigt hat es in den letzten 20 Jahren folglich keine echte Zunahme der überwiesenen Bundesmittel gegeben. Und betrachtet man die Bundesmittel in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, so ist der Anteil seit 2003 sogar zurückgegangen, und das recht deutlich: von 3,5 Prozent (2003) auf 2,7 Prozent (2024). Die Entwicklung des Umfangs steuerlicher Zuwendungen ist folglich alles andere als dramatisch. Aber warum benötigt die GRV überhaupt Steuermittel in so unerheblichem Umfang? Ist sie nicht in der Lage, aus eigener Kraft angemessene Altersrenten zu finanzieren? Die Vermutung liegt nahe, ist jedoch falsch. Der Grund ist vielmehr, dass der Leistungskatalog der GRV, aus gesamtgesellschaftlichen Erwägungen heraus, immer stärker ausgeweitet wird. Und um die damit verbundenen höheren Kosten schultern zu können, ist die GRV auf steigende steuerliche Zuwendungen angewiesen. Ein Charakteristikum der zusätzlichen Ausgaben ist, dass sie nicht dem Äquivalenzprinzip unterliegen, an das die GRV grundsätzlich gebunden ist, und das besagt, dass zwischen der Höhe des Rentenanspruchs und der Höhe der eingezahlten Beiträge ein nachvollziehbarer Zusammenhang bestehen muss. Da dies bei den zusätzlich zu erbringenden Leistungen nicht der Fall ist, werden diese auch als „versicherungsfremde Leistungen“ bezeichnet. Beispiele hierfür sind die West-Ost-Transferleistungen, die abschlagsfreien Frühverrentungen oder auch die Rentenansprüche aufgrund geleisteter Kindererziehungsarbeit (Mütterrente). Den Begriff der versicherungsfremden Leistung darf man nicht missverstehen. Er besagt nicht, dass eine Rentenzahlung als solche falsch oder ungerecht ist, sondern verweist lediglich darauf, dass die Kosten von der Allgemeinheit zu tragen sind (über Steuermittel) und nicht den Rentenversicherten aufgebürdet werden dürfen. Eine Sonderrolle haben hier die Hinterbliebenenrente und die Erwerbsminderungsrente. Diese werden traditionell dem Kernaufgabenbereich der GRV zugerechnet, obwohl auch sie nicht dem Äquivalenzprinzip unterliegen. Daran wird auch im Rahmen der vorliegenden Studie festgehalten, obwohl es gute Gründe gäbe, auch diese Leistungen als versicherungsfremd einzustufen. Von den regulären Beitragseinnahmen flossen im Jahr 2024 etwa 49 Milliarden Euro in die Finanzierung dieser Renten: 22 Milliarden Euro in die Erwerbsminderungsrente und 27 Milliarden Euro in die Hinterbliebenenrente. Zur Kompensierung negativer finanzieller Effekte, die beim Rentensplitting auftreten, werden Hinterbliebenenrenten zusätzlich noch in erheblichem Umfang durch Bundesmittel aufgestockt (vgl. Tab. 1). Von den insgesamt 116 Milliarden Euro, die die GRV 2024 an Bundesmitteln erhalten hat, dienten allein 90 Milliarden Euro der Finanzierung versicherungsfremder Leistungen. Lediglich der „Erhöhungsbetrag zum zusätzlichen Bundeszuschuss“, der sich auf 15 Milliarden Euro beläuft, stellt einen „echten“ Bundeszuschuss dar. Dieser ist im Jahr 2000 mit dem Ziel eingeführt worden, die allgemeine Einnahmesituation der GRV zu verbessern und so einen (aus politischer Sicht) zu starken Anstieg des Rentenbeitragssatzes zu verhindern. Der Beitragssatz hätte ansonsten um etwa einen Prozentpunkt angehoben werden müssen. Die Entscheidung, einen Großteil der Einnahmen aus der Ökosteuer hierfür zu verwenden, ist auf Bundeskanzler Schröder zurückzuführen, der auf diese Weise Energie teurer und Arbeit billiger machen wollte. Bei den verbleibenden elf Milliarden Euro handelt es sich um zweckgebundene Gelder, die für die vorliegende Studie nicht weiter von Interesse sind. Es sind durchlaufende Posten, bei denen die GRV nur als Verteiler fungiert. Wichtigste Empfänger sind die Knappschaftsversicherung und Personen, die Anspruch auf Rentenzuschläge gemäß dem Anwartschaftsüberführungsgesetz haben. Abbildung 2 vermittelt einen Eindruck von der Entwicklung der Bundesmittel, die für versicherungsfremde Leistungen zur Verfügung gestellt worden sind. Der in den 1990er-Jahren zu beobachtende starke Anstieg der Gelder ist zum einen auf die steigenden West-Ost-Transferzahlungen zurückzuführen (Höherwertung der Ost-Entgelte) und zum anderen auf die abschlagsfreie bzw. abschlagsreduzierte Frühverrentung älterer Arbeitnehmer, die von der Bundesregierung damals gefördert wurde, um die Arbeitslosenzahlen zu senken. [https://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/260617-eder-renten-02.jpg]https://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/260617-eder-renten-02.jpg Abbildung 2 Ab 1998 übt dann eine Änderung im Sozialgesetzbuch starken Einfluss auf den Zahlbetrag aus. Dieser steigt deutlich an, da Rentenansprüche, die aus geleisteter Kindererziehungsarbeit resultieren (Mütterrente), ab jetzt vollständig über Steuermittel finanziert werden müssen. Im Jahr 1999 steigen die überwiesenen Bundesmittel dadurch um elf Milliarden Euro und im Folgejahr um weitere sieben Milliarden Euro an. Danach nehmen die für die Mütterrente überwiesenen Bundesmittel nicht weiter zu, sondern gehen über einen Zeitraum von 13 Jahren sogar um drei Milliarden Euro zurück. Erst mit der Verabschiedung der Mütterrente I (2014) und der Mütterrente II (2018) steigen die überwiesenen Beträge wieder an. Trotzdem stehen der GRV im Jahr 2024 nicht mehr Steuermittel für die Mütterrente zur Verfügung als im Jahr 2000, nämlich 18 Milliarden Euro – und das, obwohl die Zahl der Anspruchsberechtigten stark zugenommen hat und die Renten angestiegen sind. An der tendenziellen Unterfinanzierung, die sich hier zeigt, wird sich aber wohl auch in Zukunft wenig ändern. Vielmehr ist zu befürchten, dass auch die Kosten für die 2025 beschlossene Mütterrente III (auch Söder-Rente genannt), die sich auf etwa zwei Milliarden Euro jährlich belaufen wird, zum Großteil auf die GRV abgewälzt wird. Welche als versicherungsfremd einzustufenden Leistungen müssen darüber hinaus noch von der GRV finanziert werden? Hierüber informiert die GRV in unregelmäßigen Zeitabständen. Die Zusammenstellung in Tabelle 1 ist der Veröffentlichung „Nicht beitragsgedeckte Leistungen und Bundeszuschüsse“ des Jahres 2023 entnommen. Die Tabelle gibt für die wichtigsten Posten Auskunft über die Höhe der Ausgaben. Tabelle 1 Ausgaben für versicherungsfremde Leistungen 2023in Mrd. Euro*West-Ost-Transfer (Höherwertung der Ostentgelte)36,4Kindererziehungszeiten (Mütterrente)21,1Splitting übersteigender Anteil der Hinterbliebenenrenten18,7Altersrenten vor der Regelaltersgrenze (ohne vollen Abschlag)13,3Anrechnungszeiten (wg. Arbeitslosigkeit, Schulausbildung …)8,9Zeiten nach dem Fremdrentengesetz (Spätaussiedler)5,6sonstige Ausgaben20,1Gesamtausgaben124,1* in Preisen des Jahres 2023 Insgesamt gab die Gesetzliche Rentenversicherung im Jahr 2023 124 Milliarden Euro für versicherungsfremde Leistungen aus. Davon entfielen allein 36 Milliarden Euro auf West-Ost-Transferleistungen und 21 Milliarden Euro auf die Mütterrente. Den Ausgaben stehen auf der Einnahmeseite lediglich Steuermittel in Höhe von 86 Milliarden Euro gegenüber. Es besteht im Jahr 2023 folglich ein Einnahmedefizit von 38 Milliarden Euro, das über die regulären Beitragseinnahmen der GRV ausgeglichen werden muss. Aus Abbildung 3 ist zu ersehen, dass die Ausgaben für versicherungsfremde Leistungen nicht nur im Jahr 2023, sondern durchweg höher liegen als die zur Verfügung gestellten Bundesmittel. Woher rührt die Diskrepanz, und warum ist sie so hoch? Um das beurteilen zu können, müsste man wissen, welche Beträge die Regierung für die einzelnen Ausgabeposten veranschlagt hat. Doch hierzu verweigert das Bundesministerium für Arbeit und Soziales jede detaillierte Auskunft. Vom Bundesrechnungshof ist dieser Sachverhalt im Jahr 2023 deutlich kritisiert worden. Der Aufforderung, hier für mehr Transparenz zu sorgen, ist die Bundesregierung bisher nicht nachgekommen. [https://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/260617-eder-renten-03.jpg]https://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/260617-eder-renten-03.jpg Abbildung 3 Eine Ausnahme, was die fehlende Transparenz betrifft, macht die Mütterrente. Vermutlich aufgrund der expliziten Erwähnung im Sozialgesetzbuch werden die Zahlungen für die Mütterrente offiziell ausgewiesen. Sie beliefen sich 2023 auf 17,3 Milliarden Euro. Diesen Einnahmen stehen Ausgaben in Höhe von 21,1 Milliarden Euro gegenüber. Es besteht also auch hier, trotz eindeutiger und anderslautender Rechtslage, ein Defizit von 3,9 Milliarden Euro. In Abbildung 4 sind die nicht durch Bundesmittel gedeckten Ausgaben für versicherungsfremde Leistungen im zeitlichen Verlauf aufgetragen. Danach ist im Jahr 1996 die größte Differenz zu verzeichnen, da knapp 52 Milliarden Euro an ungedeckten versicherungsfremden Leistungen aus den Beitragseinnahmen der GRV finanziert werden müssen. Das enorme Defizit stellte damals eine ernste Gefahr für die Stabilität des gesamten Alterssicherungssystems dar. Auslöser für diese fatale Entwicklung war das Konzept der Bundesregierung, die hohen Arbeitslosenzahlen dadurch zu senken, dass möglichst viele arbeitslos gemeldete ältere Arbeitnehmer freiwillig aus dem Arbeitsleben ausscheiden und vorzeitig in Rente gehen. Um möglichst viele Betroffene zu diesem Schritt zu bewegen, bot man ihnen an, die Altersrente nicht um die sonst üblichen Abschläge zu reduzieren. Dieser lukrative Weg in die Rente ist dann von wesentlich mehr Menschen genutzt worden, als erwartet worden war, mit der Folge, dass die Rentenausgaben massiv und unkontrolliert in die Höhe schossen. Um die desolate Finanzlage in den Griff zu bekommen, veranlasste die Bundesregierung, dass der GRV zusätzliche Geldmittel in beträchtlicher Höhe zuflossen. Zu diesem Zweck hob sie den äußerst niedrigen Rentenbeitragssatz, der bis dahin für Empfänger von Arbeitslosenhilfe galt, massiv an und sorgte so dafür, dass von 1995 bis 1999 jährlich etwa zehn Milliarden Euro zusätzlich in die Rentenkasse flossen (vgl. hierzu die Abb. 7). Im Jahr 2000, als das Schlimmste überstanden war, ist der Beitragssatz wieder auf das niedrige vorherige Niveau abgesenkt worden. [https://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/260617-eder-renten-04.jpg]https://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/260617-eder-renten-04.jpg Abbildung 4 Ergänzend dazu wurde die Zahl der Frühverrentungen zurückgefahren und wurden erhebliche Bundesmittel für die Mütterrente bereitgestellt. Insgesamt erstreckte sich der Prozess der Konsolidierung über einen Zeitraum von elf Jahren und führte dazu, dass der Umfang ungedeckter versicherungsfremder Leistungen von 52 Milliarden Euro im Jahr 1996 auf nur mehr 15 Milliarden Euro im Jahr 2007 zurückging. Ab 2010 kehrte sich die Entwicklung dann wieder um – zunächst nur langsam, doch dann immer deutlicher und stärker. Treiber hierfür sind vor allem die steigenden West-Ost-Transferleistungen und die hohen Ausgaben für die Mütterrente. Mittlerweile haben die ungedeckten versicherungsfremden Leistungen wieder ein bedenkliches Niveau erreicht. Mit einem Volumen von 43 Milliarden Euro (2024) sind sie nicht mehr allzu weit von dem Allzeithoch des Jahres 1996 entfernt. Summiert man die jährlichen Defizitbeträge auf, so hat die Gesetzliche Rentenversicherung seit 1991 insgesamt 1,1 Billionen Euro für ungedeckte versicherungsfremde Leistungen aufbringen müssen. Das Geld stammt aus den Pflichtbeiträgen der Versicherten, steht also für die Finanzierung regulärer Altersrenten nicht zur Verfügung. Wären die versicherungsfremden Leistungen vollständig über Steuern finanziert worden, hätten sämtliche für den Bundeshaushalt relevanten Steuern um durchschnittlich 8,5 Prozent angehoben werden müssen, die Mehrwertsteuer also beispielsweise von 19,0 Prozent auf 20,6 Prozent. Titelbild: DesignRage/shutterstock.com[http://vg05.met.vgwort.de/na/0bd632b2cdc94652be9c65debee886f9]

17 de jun de 202617 min